Strahlendes Herbstwetter bescherte Wirten und Schauststellern regen Zulauf. - Foto: Felix Hörhager/dpa
Die Massen strömen, das Bier auch: Bei perfektem Volksfestwetter hat das Oktoberfest zur Halbzeit noch mehr Menschen angelockt als im Vorjahr. Die Festleitung schätzte die Besucherzahl auf rund 3,8 Millionen – nach 3,5 Millionen im Vorjahr. Dennoch kam es nicht zu gefährlichen Auslastungsspitzen wie 2025.
„Es war von Anfang an eine entspannte Atmosphäre, es war eine friedliche erste Woche“, sagte Wiesnchef Christian Scharpf (SPD). Münchens dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) lobte die „harmonische und gute Atmosphäre“. Die Menschen achteten gut aufeinander.
Analog zu den Besucherzahlen berichten Polizei und Wiesn-Sanitätsstation von gestiegenen Einsatzzahlen, ziehen aber eine positive Bilanz. Überschattet wurde das Fest aber von einem tödlichen Unfall. Ein Sicherheitsmitarbeiter eines Fahrgeschäfts starb, nachdem er von einer Gondel getroffen worden war.
Die Wiesn, die als größtes Volksfest der Welt gilt, dauert bis zum 4. Oktober.
Zu voll? Wie die Festleitung Überfüllung verhindert
Zu der entspannten Atmosphäre trug nach Ansicht von Wiesnchef Scharpf eine Kampagne bei, mit der die Festleitung für Besuche unter der Woche geworben hatte, um die Besucherströme zu entzerren. Unter der Woche seien 18,5 Prozent mehr Gäste gekommen, die Zahlen an den Wochenenden lägen leicht unter Vorjahresniveau.
Bewährt habe sich das optimierte Sicherheitskonzept mit KI-gestützten Videokameras und einem Crowdspotter, der das Geschehen beobachtet und mit Durchsagen lenkend eingreifen kann. „Es ist ein Quantensprung für die Sicherheit auf der Wiesn“, sagte Scharpf.
Am Samstag seien bei starkem Andrang zeitweise Eingänge gesperrt worden. Aber: „Es gab zu keiner Zeit solche Menschentrauben, wie wir sie letztes Jahr hatten.“ Damals entging das Fest womöglich knapp einer Katastrophe, als es für viele Menschen nicht mehr vor- und zurückging.
Saures Radler im Trend
Die Gäste griffen bei den Getränken oft zu saurem Radler. Sogar der Wiesnchef wirkt davon überrascht: Er könne sich das nicht recht vorstellen, werde das In-Getränk nun aber selbst probieren, sagte Scharpf.
Der Konsum von Festbier war leicht rückläufig, dafür war Weißbier beliebter. Ansonsten wurden gerne bestellt und konsumiert: Käsespätzle, Bratwürste, halbe Hendl und Ochsen.
Bei den Souvenirs kommt der Hendlhut etwas aus der Mode – was nicht unbedingt ein Schaden sei, findet zumindest Scharpf. Dafür kaufen auch ausländische Besucher gerne Lebkuchenherzen.
Manchmal müsse die Aufschrift übersetzt werden: „Fescher Bua“ wäre für Italiener, die an diesem sogenannten Italienerwochenende zuhauf das Fest stürmen, ungefähr: „bel ragazzo“. Auch Pins seien gefragt, ein leicht transportables Souvenir. Maßkrüge, noch immer gerne einfach so mitgenommen, sind kein Souvenir, sondern Diebesgut.
Fundsachen und geheime Kräfte der Wiesn
Warum auch immer: Die Fundsachen gingen um 40 Prozent zurück. Zu den zurückgebliebenen Kuriosa zählten ein Bildband über Tibet und ein Rollator. „Möglicherweise hat das Festbier solche Kräfte entfaltet, dass der Rollator nicht mehr nötig war“, sinnierte Scharpf.
Das Wetter
Das Wetter – über das sonst gelegentlich ein Klageleid angestimmt wird – war geradezu perfekt: Temperaturen um die 20 Grad und darüber Sonne sowie meist wolkenloser Himmel.
Die Prominenz
Auch viele Promienten feierten mit. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kam mit seinem italienischen Amtskollegen Matteo Piantedosi. Auch dabei waren unter anderem Arnold Schwarzenegger, Michael Ballack, Oliver Pocher, Andreas Gabalier, Regine Sixt, Florian Silbereisen, Cathy Hummels und die Geissens.
Der Wiesnhit
Bisher Fehlanzeige. Oft gespielt werde „Gute Laune“ von dem Duo GroßstadtEngel. 2025 war der Wiesnhit laut Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) „Brenna Tuats Guat“ von Hubert von Goisern.
Sicherheit auf der Wiesn
Rund 600 Polizisten und eine vierstellige Zahl von Ordnern sind im Einsatz. Das Gelände wird 56 polizeilichen Videokameras ausgeleuchtet – nichts soll verborgen bleiben.
So auch ein ungewöhnlicher Diebstahl, der einen 90-jährigen Wiesngast traf: Ein 52-Jähriger stahl ihm den Rollator. Videobilder lenkten die Polizei zum Dieb, er wurde festgenommen. Wozu der Mann den Rollator haben wollte, blieb unklar.
Insgesamt registrierte die Polizei bislang rund 470 Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, Anzeigen gab es auch wegen Körperverletzung, sexueller Belästigung und Upskirting, also das Filmen unter den Rock. Verzeichnete Drogendelikte stiegen um fast 50 Prozent. Hauptdroge: Kokain.
Dutzende Drohnen wurden gesichtet und teils vom Himmel geholt – während der Wiesn gelten strikte Flugbeschränkungen. Meist wollten Hobbypiloten ein spektakuläres Luftbild schießen. „Lasst Eure Drohne während der Wiesn einfach am Boden“, mahnt Polizeisprecher Christian Drexler.
Nähen, impfen, ausnüchtern: Was die Wiesn-Ärzte beschäftigt
Zu voll war ein Großteil der Gäste in der Wiesn-Sanitätsstation. Die größte Gruppe der 4.242 Patienten, nämlich 35 Prozent, war von „alkoholbedingten Problemen“ betroffen. 66 Opfer des extra-starken Bieres durften im „Hotel Aicher“ übernachten: Die Sanitätsstation betreut Patienten über Nacht und entlastet so die Münchner Kliniken.
Daneben beschäftigten die Helfer Verletzungen, Kreislaufzusammenbrüche und andere internistische Probleme. Sportliches Pech hatte etwa ein Berliner, der sich beim Armdrücken den Arm brach. Erstmals setzen die Ärzte Impfwilligen den Piks gegen Influenza oder Covid-19. Hunderte kamen dazu auf die Wiesn. (dpa/red)
In dem Fahrgeschäft hingen manche Gäste für einige Minuten kopfüber fest.
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Der FC-Bayern feierte auf der Wiesn – mit dabei Expräsident Hoeneß
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Eine Wiesn ohne Promis? Geht nicht. Hier lächeln Florian Silbereisen, Anna Ermakova und DJ Ötzi.
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Die Vorfreude war riesig.
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Fahrgeschäfte und weiß-blauer Himmel sorgten für gute Laune auf der Wiesn.
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ichtes Treiben auf dem Festgelände am ersten Tag.
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9.000 Trachtler ziehen durch die Stadt zum Festgelände.
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Trachten- und Schützenzug zieht durch Münchens Innenstadt
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Das Münchner Oktoberfest hat einen Bilderbuchstart hingelegt: Bei sonnig-mildem Herbstwetter feierten Hunderttausende am ersten Wochenende – friedlich und fröhlich. 450.000 Gäste kamen laut Festleitung allein am ersten Tag. Trotz dichten Gedränges auf dem Festgelände – wie am ersten Wochenende üblich – sprechen Polizei und Rettungskräfte von einem insgesamt ruhigen Verlauf.
Für Aufsehen sorgte am ersten Tag ein Fahrgeschäft, in dem die Gäste für einige Minuten kopfüber festhingen. Der Evakuierungsplan habe fünf Minuten gedauert, berichtete der Betreiber des Fahrgeschäfts „Predator“, Willy Kaiser, dem Bayerischen Rundfunk. „Die Leute standen etwa 120 Sekunden über Kopf“, sagte er dem BR. Die restliche Zeit habe man gebraucht, um alle Personen aus den Sitzen zu holen und sie auf den Boden zu bringen. Ursache war demnach ein Sensor, der das Karussell gestoppt hatte.
Der Sensor sei inzwischen ausgetauscht worden, der TÜV habe das Fahrgeschäft erneut geprüft – ohne Beanstandung, so der Schausteller. Noch am Abend wurde es wieder freigegeben. Vor allem Jugendliche klagten laut der Wiesn-Sanitäter der Aicher Ambulanz nach der Fahrt über leichten Schwindel und Kreislaufprobleme.
Ein sportliches Schicksal ereilte einen Berliner Wiesn-Gast: Der 25-Jährige brach sich beim Armdrücken den Arm. Der Sanitätsdienst musste am ersten Tag rund 600 Patienten behandeln, vor allem wegen Alkoholvergiftungen, chirurgischer Verletzungen und Kreislaufproblemen.
Viele Promis feiern mit
Zahlreiche Prominente feierten in den Zelten mit: Spieler, Trainer und Verantwortliche des FC Bayern stießen im Käferzelt auf die sieben Tore gegen Union Berlin an, mit dabei auch Uli Hoeneß, ehemaliger Präsident von München.
Unter den Gästen im Schottenhamel waren Prominente wie FC-Bayern-Star Joshua Kimmich, der mit seiner Frau Lina, Herzog Franz von Bayern und dem Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Lahav Shani, nach dem Anstrich an Krauses Tisch saß. Moderator Florian Silbereisen, DJ Ötzi und das Schlager-Duo Marianne und Michael mischen sich ebenfalls unter die Feiernden – und ein paar Zelte weiter zapft Schauspieler Ralf Moeller ein erstes Fass an, auch mit zwei Schlägen.
Trachtler und Schützen ziehen zur Wiesn
Der zweite Wiesntag begann sehr traditionsgeprägt: Mehr als 9.000 Trachtler und Schützen zogen quer durch München zum Oktoberfest. Zehntausende säumten die Straßen, um das farbenprächtige Spektakel mit Schützen, Brauereigespannen, Musikkapellen und Spielmannszügen zu sehen.
Mehr Sicherheit nach Überfüllung
Nachdem es im Vorjahr am zweiten Samstag auf der überfüllten Wiesn zu gefährlichen Situationen gekommen war, hat die Stadt als Veranstalterin das Sicherheitskonzept nachgeschärft. Von einer neuen Koordinierungsstelle auf dem Gelände aus sollen die Besucherströme auf dem Festgelände beobachtet, bewertet und bei Bedarf gesteuert werden.
Mehr als 50 KI-gestützte Kameras sollen rechtzeitig gefährliche Menschen-Ansammlungen erkennen lassen. An den besucherstarken Tagen ist ein sogenannter Crowdspotter im Einsatz, der die Besucherströme im Blick behält – und bei Bedarf Durchsagen macht.
Hunderte Polizisten und Ordner
Etwa 600 Polizeibeamte und Hunderte Ordner sind rund um das Fest im Einsatz. Die Polizei sieht sich auch mit Blick auf die jüngsten Drohnen-Vorfälle gut vorbereitet.
Die internationale Unterstützung der Münchner Taschendiebfahnder bewährte sich schon am ersten Wiesnabend: Spezialisierte Fahnder aus Lissabon und Frankfurt am Main griffen bei einem Diebstahl und einer sexuellen Belästigung ein und nahmen Tatverdächtige vorläufig fest. Die Polizei meldete am ersten Tag gut 55 Straftaten – etwas weniger als im Vorjahr, sagte ein Sprecher. (dpa/red)
Der Run aufs Gelände beginnt. - Foto: Sven Hoppe/dpa
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Derweil liefen am Samstagmorgen auf dem Festgelände die abschließenden Vorbereitungen.
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Warten, warten, warten – bis das Festgelände endlich öffnete.
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Rennend ging es zum Festzelt.
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Der Run aufs Gelände beginnt.
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Oktoberfest 2026: Besucher stürmen zum Wiesn-Auftakt die Festwiese
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Oktoberfest 2026: Mann in Tracht vor Lebkuchenherzen auf der Wiesn
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Zahlreiche Einsatzkräfte sind auf dem Oktoberfestgelände unterwegs.
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Nach teils stundenlangem Warten sind die ersten Wiesn-Gäste mit der Öffnung des Festgeländes um kurz nach 09.00 Uhr aufs Oktoberfest-Gelände in München gestürmt. Im Laufschritt eilten sie zu den Zelten, um sich die besten Plätze zu sichern.
Das Festgelände öffnete dieses Jahr mit mehreren Minuten Verzögerung, auch wurde die Menschenmenge am Eingang immer wieder kurz zurückgehalten. Der Ansturm lief dadurch deutlich entzerrter ab, weil nicht alle Wiesn-Fans auf einmal aufs Gelände strömten.
Bier gibt’s allerdings noch nicht. Erst nach dem offiziellen Anstich um 12.00 Uhr dürfen die Maßkrüge mit dem eigens gebrauten Gerstensaft gefüllt werden.
Sektkorken und Applaus
Bereits bevor die Tore aufgingen, hatte sich eine lange Schlange gebildet: Zahlreiche Wiesn-Fans versammelten sich vor dem Haupteingang des größten Volksfests der Welt und warteten ungeduldig auf den Startschuss.
Gegen 7.00 Uhr reichte die Schlange schon Hunderte Meter vom Einlass am Haupteingang bis zur Ecke Alter Messeplatz. Die Wartezeit überbrückte die Wiesn-Enthusiasten auf unterschiedliche Art und Weise. Hier die letzten Handgriffe für die perfekte Wiesn-Frisur, da noch eine Brezn, damit das Bier nicht ganz auf nüchternen Magen getrunken wird.
In der Menge knallten immer wieder die Sektkorken, untermauert von Jubelrufen und Applaus. Die Stimmung war ausgelassen, die Vorfreude kaum zu überhören. Aus der Menge blitzten unter anderem schrille Hüte, Lederhosen aus Plastik und bunte Dirndl hervor.
Campingstühle und Schlafsäcke
Die erste Gruppe in der Schlange hatte sich gestern nach eigenen Angaben um 19 Uhr in Position gebracht, um einen der hart umkämpften Plätze in einem der Zelte zu ergattern. Das Ziel: den Anstich im Schottenhamel mitzuerleben.
Ein paar Meter dahinter wurde die nächtliche Wartezeit bis zum Start mit Rettungsdecken, Campingstühlen und Schlafsäcken überbrückt.
Miguel Nodjoumi aus München wartete seit ungefähr 7.00 Uhr – das reiche komplett. „Die Leute sagen immer, das Warten ist langweilig, aber ich sage, das Warten ist lustig und dann freut man sich auch auf die Maß erst einmal. Das wird super“, erzählt er.
Seine Strategie, wenn die Tore aufgehen: „So schnell rennen, wie es geht“. Für ihn gehe es jedes Jahr ins Hacker-Zelt „zum Himmel der Bayern“, sagt der 19-Jährige.
In der Schlange steht auch Luke Müller. Er freue sich am meisten auf das Bier. „Sobald es eigentlich neun ist, rennen wir vorne an der Schlange vorbei und drängen uns vorne rein“, berichtet er.
Mit dabei ist auch Tim Schneider. „Also die Vorfreude ist natürlich riesig“, erzählt der 19-Jährige. „Wenn man sich halt ein paar Spaßgetränke mitnimmt und dann hier mit seinen Freunden bisschen einfach nur chillt, dann passt das ja eigentlich zum Warten“, erzählt er. Bisher sei die Stimmung echt gut.
16 Tage lang, bis zum 4. Oktober, werden an die sechs Millionen Besucher erwartet. Die Mehrzahl der Besucher kommt aus München und dem Umland. Millionen Gäste reisen aber auch aus anderen Teilen Deutschland und aus der ganzen Welt an. (dpa/red)
Vor allem am Wochenende wird es teilweise gefährlich eng auf dem Festgelände. (Archivbild) - Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Nach Schockmomenten auf der überfüllten Wiesn im vergangenen Jahr wird nun einiges anders auf dem Oktoberfest. Als „Herzstück“ des weiterentwickelten Sicherheitskonzepts nannte Wiesnchef Christian Scharpf eine neue Koordinierungsstelle für Sicherheitskräfte und Stadt auf dem Gelände. Von dort aus sollen die Besucherströme auf dem Festgelände beobachtet und bei Bedarf gesteuert werden.
Mehr als 50 KI-gestützte Kameras an rund 35 Standorten sollen rechtzeitig gefährliche Ansammlungen von Menschen erkennen lassen. Zudem ist an den besucherstarken Tagen ein sogenannter Crowdspotter im Einsatz, der die Besucherströme im Blick behält.
Der ausgebildete Sprecher könne bei Bedarf Durchsagen machen, um die Gäste zu lenken. 2025 war es am zweiten Wiesn-Samstag mit vielen Gästen aus dem Ausland vor den Festzelten so voll, dass es weder vor- noch zurückging – eine gefährliche Situation, die gerade noch glimpflich ausging.
Die Überfüllungssituation sei zu spät erkannt worden, sagte Scharpf. Bei einem Fest dieser Größe müsse man zu jeder Zeit wissen, was auf dem Festgelände los sei. „Wir haben massiv nachgesteuert“, sagte Scharpf. „Sicherheit ist die oberste Priorität.“
Auch Kreisverwaltungsreferentin Hanna Sammüller sagte, das Sicherheitskonzept sei „generalüberholt“. Kaum an einem Ort auf der Welt sei so viel Polizei und Sicherheitspersonal zu finden wie auf der Wiesn. Es gebe ein Eskalationskonzept, das stufenweise gezündet werden könne.
„Jeder Winkel des Festgeländes videoüberwacht“
Etwa 600 Polizeibeamte sind rund um das Fest im Einsatz. Die Wiesnwache wird unterstützt von der Bayerischen Bereitschaftspolizei, spezialisierten Taschendieb-Fahndern und internationalen Einsatzkräften. „Wir bekommen Unterstützung aus acht Ländern“, kündigte der Münchner Polizeivizepräsident Christian Huber an.
Neben den KI-Kameras gibt es 56 polizeiliche Videokameras auf dem Gelände. „Es soll sich jeder bewusst sein, dass jeder Winkel des Festgeländes videoüberwacht ist“, sagte Huber. Beamte tragen zudem Bodycams.
Bis zu 1600 Ordner
Rund 240 Beschäftigte des KVR sind laut Sammüller im Einsatz. Zudem seien 1200 bis 1600 Ordnerinnen und Ordner auf dem Festgelände unterwegs. Sie kontrollieren auch an den Eingängen, unter anderem mit Metalldetektoren. Gefährliche Gegenstände wie Messer, aber auch Schraubenzieher und ähnliches sind seit langem verboten. Messer sind auch in einer Zone rund um das Festgelände untersagt.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann versprach zum Start des Oktoberfests trotz abstrakter Gefahren „bestmögliche Sicherheit“ für Besucher. „Aufgrund der großen Bedeutung und der internationalen Bekanntheit des Oktoberfests gehen wir von einer erhöhten abstrakten Gefährdungslage aus“, sagte der CSU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. „Uns liegen derzeit aber keine konkreten Erkenntnisse über Gefährdungen oder Störungen vor.“
Drohnen im Blick
Drohnenflüge waren alljährlich ein Thema – meist aber von Hobbypiloten, die ein schönes Foto schießen wollten. Seit Jahren herrscht rund um und über dem Festgelände ein absolutes Flugverbot.
Man sei nun aber auch mit Blick auf die jüngsten Drohnen-Vorfälle gut vorbereitet, sagte Huber. Es gebe dabei Unterstützung vom neuen Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum. „Nach meiner Einschätzung sind wir gut aufgestellt.“
Nach islamistischen Terroranschlägen – und drohungen waren über die Jahre die Sicherheitsvorkehrungen ständig verschärft worden. Rund um das Gelände gibt es drei Sperrringe. Betonkübel mit Blumen auf den für Autos gesperrten Zufahrtsstraßen sollen Attacken verhindern. Direkt am Gelände gibt es versenkbare Poller. Es ist zudem seit zehn Jahren komplett umzäunt.
Sicherheit für Frauen und Mädchen
Huber mahnte Mädchen und Frauen, die sich belästigt fühlten, sollten sich an Sicherheitskräfte wenden oder notfalls die Nummer 110 wählen: „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.“ Für Notfälle, Bedrohungen oder sexuelle Übergriffe unterstützen viele Zelte die „SafeNow“-App, mit der per Klick das Sicherheitspersonal gerufen werden kann.
Fraunhofer-Institut und Bundeswehr-Uni begleiten Projekt
In der neuen Koodinierungszentrale kommen unter anderem Sanitätsdienst, Verkehrsbetriebe, Feuerwehr, Polizei und Kreisverwaltungsreferat (KVR) täglich und bei Bedarf zu Lagebesprechungen zusammen.
Die Maßnahmen zur Besucherlenkung werden wissenschaftlich begleitet. Das Fraunhofer-Institut wird mit KI-gestützten Verfahren die Videodaten auswerten. „Wir extrahieren aus den Videoströmen lokale Personendichte und Bewegungsrichtungen“, sagte Jürgen Beyerer vom Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung. Gesichter und Personen würden dabei nicht erkannt, gemessen werde anonym. Es gehe darum, datenschutzkonform Großereignisse sicherer zu machen.
Die Universität der Bundeswehr wird zudem die Dynamik von Besucherströmen erforschen. Die Wissenschaftlerin Silja Hofmann verglich diese mit Verkehrsströmen. Es genüge nicht, den Stau festzustellen.
Vielmehr wolle man wissen, wo sich demnächst ein Stau entwickele – und was geeignete Gegen-Maßnahmen sein könnten. Die Wiesn sei hier ein „Reallabor“, um Simulationsmodelle zu prüfen und zu verbessern.
Mehr Sicherheit durch mehr Blasmusik
Die Stadt will mit einer Kampagne auch internationale Gäste dazu bringen, nicht nur am Wochenende, sondern unter der Woche und zu unterschiedlichen Zeiten auf die Wiesn zu kommen und so den Ansturm entzerren.
„Uns ist noch einmal wichtig zu sagen: Kommt doch, wenn es irgendwie geht, unter der Woche. Kommt zur Mittagswiesn, kommt am Nachmittag“, sagte Scharpf.
Bei dem Ziel, die Wiesn sicherer zu machen, spielt auch die Blasmusik eine Rolle. Um den Besuch der Wiesn auch unter der Woche attraktiver zu machen, soll die Musik in den Zelten eine Stunde früher beginnen dürfen.
„O’zapft is“ mit neuem OB
Das 191. Münchner Oktoberfest, das als größtes Volksfest der Welt gilt, startet am Samstag. Für das berühmte „O’zapft is“ ist dann erstmals der neue Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) zuständig, der den langjährigen Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) an der Stadtspitze abgelöst hat. (dpa/red)
Der Wirt Alexander Egger hat fünf Anwälte und einen Sachverständigen an der Seite. - Foto: Tobias Hase/dpa
Wer darf verdienen am Millionengeschäft mit dem Oktoberfest in München? Eine Woche vor dem Start des riesigen Volksfestes wird vor Gericht gestritten, wer dort in Zukunft womöglich mitkassieren darf: Das Bayerische Oberste Landesgericht hat über einen Antrag des Wirtes Alexander Egger verhandelt.
Er will erreichen, dass die begehrten großen Wiesn-Bierzelte nach europäischem Vergaberecht zugeteilt werden müssen. Egger, der mit fünf Anwälten und einem Rechtsprofessor vor Gericht erschien, hat das für zwei Bierzelte beantragt.
In der Verhandlung wurde schnell klar: Das Gericht sieht nach einer vorläufigen Einschätzung keine Pflicht für eine europaweite Ausschreibung. Eine Entscheidung ist damit aber nicht gefallen.
Der Streit schlägt in München seit Monaten hohe Wellen. Die Wirte – wie auch Vertreter der Münchner Brauereien – hatten stets gewarnt, wenn Egger recht bekäme, verlöre die Wiesn ihr einzigartiges Gesicht.
Allein der vom Vorsitzenden Richter Paul Heinrichsmeier genannte Streitwert von womöglich einer Million Euro – sofern beide Zelte einbezogen werden – zeigt die Dimension: Dem liegt eine Umsatzannahme von zehn Millionen Euro pro Zelt zugrunde.
„Schwierige Fragen“ auf hohem juristischem Niveau
„Der Fall wirft wirklich schwierige Fragen auf“, die von dem Antragsteller berechtigt gestellt worden seien, räumte der Richter Heinrichsmeier in der Verhandlung ein.
Die Fragen bewegten sich auf hohem juristischem Niveau, der Senat habe eine Entscheidung zu treffen, „die wir uns nicht leicht machen“. Dennoch folge das Gericht – eben nach vorläufiger Einschätzung – nicht dem Antrag Eggers.
Im Kern ging es laut Heinrichsmeier darum, ob es sich bei der Zulassung von Wirten für die Plätze der großen Bierzelte um eine Dienstleistungskonzession handelt. Hierfür relevant sei die Frage, ob es für die zugelassenen Wirte eine Betriebspflicht gebe.
Dies gehe jedoch aus den neuen Verträgen für die Wirte nicht hervor, auch wenn es hier einen gewissen Widerspruch zu einem Punkt in den Betriebsvorschriften zur Wiesn sowie einer früheren mündlichen Äußerung des Wiesnchefs gebe. Maßgeblich seien aber die Verträge.
Man sehe zunächst auch keinen Anlass, den Fall dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorzulegen, wolle das aber eingehend prüfen.
Betriebspflicht der Wirte?
Es sei ein „starkes Stück“, den Fall nicht dem EuGH vorzulegen, kritisierten Eggers Anwälte. Außerdem stellten sie infrage, dass es keine Betriebspflicht gebe. „Geht hier wirklich irgendjemand im Saal davon aus, dass es der Stadt egal ist, ob die Festzelte aufgesperrt werden?“, rief einer der Anwälte. Es sei realitätsfern anzunehmen, dass die Wirte machen könnten, was sie wollten. Anwalt Benno Ziegler sagte, die Streichung der Betriebspflicht sei rein ein juristisches Konstrukt, um das Verfahren zu gewinnen.
Egger, der bisher ein kleines Zelt betrieb, hatte sich für ein großes Zelt beworben, war aber leer ausgegangen. Darum geht es aber in diesem Verfahren nicht.
Entscheidung am 16. Oktober
Konkret hat Egger hier eine Prüfung der EU-Ausschreibung für das berühmte Anzapfzelt „Schottenhamel“ und das „Paulaner“-Festzelt beantragt.
Michael Schottenhamel, mit dem Zelt seiner Familie direkt von Eggers Antrag betroffen, sagte nach der Verhandlung, er gehe mit einem guten Gefühl nach Hause. Man werde nun abwarten, wie das Gericht entscheide.
Die Entscheidung soll am 16. Oktober verkündet werden. Sollte der Senat Eggers Antrag ablehnen, gibt es kein Rechtsmittel. Sollte der Senat die Sache dem EuGH zur Klarstellung der juristischen Grundlagen vorlegen, würde das Münchner Verfahren ruhen.
Sollte Eggers Antrag erfolgreich sein, hätten die beiden Plätze EU-weit ausgeschrieben werden müssen – und das hätte voraussichtlich Auswirkungen auf die Zulassungsregeln in Zukunft.
Egger und die anderen Wirte
Auch außerhalb der Justizmauern sorgt das Verfahren für Wirbel. Egger berichtet von heftigen Anfeindungen: „Die Aufregung hat ein Ausmaß angenommen, das ich mir nie hätte ausmalen können und bei dem es auch um die Sicherheit von Menschen geht“, sagte Egger der „Süddeutschen Zeitung“ vor einiger Zeit.
Die Vereinigung der Münchner Wiesnwirte verteidigte das Verfahren der Stadt dagegen entschieden und wies Eggers Kritik an den Vergabekriterien zurück. Die Kriterien für die Zulassung seien entgegen Eggers Kritik klar definiert, öffentlich einsehbar und vom Stadtrat beschlossen, ließen sie wissen.
Wirtesprecher Peter Inselkammer und die anderen Wiesnwirte werden nicht müde, vor einer europaweiten Ausschreibung zu warnen, die das Oktoberfest ins Visier multinationaler Konzerne rücken würde.
Es drohe grenzenlose Kommerzialisierung, die Wiesn würde ihr Gesicht verlieren, argumentieren sie. Ein europäisches Vergabeverfahren könnte nach Ansicht der Wirte zudem Folgen für das Bierangebot haben. (dpa/red)
Die Teilnehmer liefen teils im Gleisbett. - Foto: Uli Deck/dpa
111 Menschen haben gemeinsam eine Diesellok samt zwei Waggons 111 Meter weit an Seilen gezogen. Der kollektive Kraftakt während des Brezelfests in Speyer hat nach Angaben der Organisatoren unfallfrei geklappt.
Auch andernorts in Deutschland gab es kuriose Veranstaltungen: Im hessischen Witzenhausen spuckten Hunderte Teilnehmer Kirschkerne um die Wette und in Plau am See kämpften 22 Teams um den Titel der kreativsten „Badewanne“.
Muskelkraft gegen Lok
„In gut zwei Minuten war die Lok im Ziel. Jeder war überrascht, wie schnell das Ganze funktioniert hat“, berichtete der Vorsitzende des Verkehrsvereins Speyer, Uwe Wöhlert, dpa.
Mit dabei waren 19 Teams aus der Region, von Gewichthebern und Ringern bis zu Stadtwerken und Verwaltung. Die Lok und die Waggons zusammen wogen den Angaben zufolge 111 Tonnen.
Es gab zwei je 50 Meter lange Seile, die über den Schultern der Teilnehmer lagen. Die 111 Menschen liefen teils im Gleisbett. Es sei niemand gestürzt oder gestolpert, sagte Wöhlert.
Die Organisatoren hatten das Muskelkraft-Event als Weltrekordversuch angemeldet. Geplant ist ein Eintrag beim Rekordinstitut für Deutschland (RID). Ein Notar hat das Geschehen verfolgt.
30 Meter lange Spuckebahn in Hessen gebaut
Ähnlich ambitioniert, aber unter ganz anderen Vorzeichen traten im hessischen Witzenhausen Hunderte Kinder, Frauen und Männer im Kirschsteinweitspucken gegeneinander an. Die Sieger dürfen sich Deutsche Meister in der Disziplin nennen.
Das Reglement sieht vor, dass das Spucken „ausschließlich mit dem bloßen Mund“ erfolgt. „Jegliche Hilfsmittel oder Veränderungen am Kirschstein sind nicht gestattet“, heißt es dort.
Der verwendete Kirschstein muss aus den zur Verfügung gestellten Kirschen stammen. Jeder Teilnehmer hat drei Spuckversuche. Es zählt nicht das erste Aufkommen, sondern der Punkt, an dem der Stein liegenbleibt.
Das Reglement sieht vor, dass das Spucken „ausschließlich mit dem bloßen Mund“ erfolgt.
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Seit 1985 finden die Deutschen Meisterschaften im Kirschsteinweitspucken schon in Witzenhausen im Rahmen der jährlichen Kesperkirmes statt. Den Titel als Deutsche Meisterin beim Kirschsteinweitspucken verteidigte Frederike Brübach – mit mehr als zwölf Metern.
Buntes Badewannen-Rennen in Plau am See
Deutlich bunter ging es in Plau am See (Mecklenburg-Vorpommern) zu, wo sich die Elde wieder in eine Rennstrecke für auffällig geschmückte Boote verwandelte.
Bei sommerlichen Temperaturen bis zu 29 Grad traten 22 Teams mit ihren „Badewannen“, meist schwimmfähigen Plattformen, gegeneinander an und kämpften unter anderem um den Titel der kreativsten Kreation.
Die Teilnehmer der traditionellen Badewannenrallye stellten sich sowohl der Wertung der Besucher als auch einer Jury.
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Die Teilnehmer der traditionellen Badewannenrallye stellten sich dabei sowohl der Wertung der Besucher als auch einer Jury. Die Rallye fand in diesem Jahr zum 32. Mal statt.
Gepaddelt wurde auf einer Strecke von etwa 500 Metern zwischen der Plauer Schleuse und der historischen Hubbrücke. Am Abend sollten die Teilnehmer dann noch ausgezeichnet werden. (dpa/red)
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels, 1872. - Foto: gemeinfrei
Ich behaupte – ganz ohne Umschweife –, dass nach der Einheit der Zahl Eins das Konzept der Drei das wichtigste ist. Wie komme ich darauf? Es liegt auf der Hand, dass die Drei in Theologie und Mythologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Die drei größten Götter des griechischen Olymp waren die drei Brüder Zeus, Poseidon und Hades. Und die drei größten Götter des Hinduismus sind Brahma, Vishnu und Shiva. Im Christentum finden wir die Dreieinigkeit, bestehend aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, aber dennoch steht ein einziger Gott im Mittelpunkt.
Gemälde „Dreieinigkeit mit Krone“ von Max Fürst, 1917.
In einem tiefgreifenden Sinn ist dieses Konzept der Dreieinigkeit kein frei erfundener Mythos im abwertenden Sinne des Wortes „Mythos“, sondern tatsächlich Teil der Realität, die wir oft übersehen.
Betrachten wir beispielsweise die Struktur unseres Kosmos, so finden wir überall diese Dreifaltigkeit. Ein Raum besteht aus drei Dimensionen: Länge, Breite und Höhe. Auch die Zeit verfügt über drei Dimensionen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Materie existiert in drei Zuständen: fest, flüssig und gasförmig. Die Philosophie – also das rationale Denken selbst – lässt sich als Zusammenspiel von These, Antithese und Synthese verstehen. Traditionell sagt man, dass der Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Ein Bereich, der dabei oft übersehen wird, ist der Nachweis oder die Überprüfung von Behauptungen und Überzeugungen. Warum glauben wir, was wir glauben? Natürlich denkt nicht jeder darüber nach, aber wer das tut, hat einen oder mehrere Gründe für seine Weltanschauung parat, die er in Diskussionen anbringen wird – sei es in der Politik, in religiösen Fragen, bei gesellschaftlichen Themen oder ästhetischen Überlegungen.
Drei Elemente der Beweisführung
Sehen wir uns drei Arten von Beweisen an. Tradition ist eine Form davon: Was früher gesagt, getan oder praktiziert wurde, hat doch damals funktioniert, oder? Warum also jetzt etwas ändern? Das betrifft übrigens nicht nur religiöse oder gesellschaftliche Gepflogenheiten. Auch die Wissenschaft unterliegt ihren eigenen Traditionen, die sich Veränderungen und Fortschritten oft widersetzen – ganz gleich, wie überzeugend neue Beweise auch sein mögen. Wie Thomas Kuhn in seinem im Jahr 1962 erschienenen Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ feststellte, konzentrieren sich Wissenschaftler eher darauf, etablierte Theorien zu verfeinern und zu erweitern, anstatt die zugrunde liegenden Annahmen zu hinterfragen.
Betrachtet man die Religionen, so hatte die katholische Kirche zweifellos schon immer eine starke traditionelle Komponente. Diese wurde während der protestantischen Reformation zu einem zentralen Streitpunkt. Anstoß hierfür gaben die 95 Thesen von Martin Luther, in denen er die umstrittenen Praktiken der katholischen Kirche kritisierte. Protestanten stützten ihre Ansichten hingegen nicht auf Traditionen, sondern auf einen zweiten Weg.
„Martin Luther nagelt seine 95 Thesen an die Tür“ von Ferdinand Pauwels., 1872.
Der zweite Weg ist jener der Autorität. Heilige Schriften oder allgemein Bücher und überliefertes Wissen, das man überprüfen kann, dienen als Beweisquelle. Wie bereits erwähnt, lehnten die Protestanten bestimmte katholische Traditionen ab. Doch warum war das so? Weil sie ihren Glauben in der Bibel begründet sahen, den sie als Widerspruch zu diesen Traditionen betrachteten.
Paradoxerweise verfügten die Protestanten anfangs zwar über die Bibel, aber über keinerlei Traditionen, da diese Religion gerade erst entstanden war. Etwa 400 Jahre später hatten sie in ihren verschiedenen Konfessionen eine Fülle von Traditionen zusammengetragen. Um in ihrer Lehre konsequent zu sein, müssten die Protestanten diese Traditionen im Lichte biblischer Aussagen prüfen.
Die dritte Beweisquelle ist schließlich unser Gewissen, unser innerer Richter, unsere „leise, sanfte Stimme“, unsere Intuition oder wie man es auch immer nennen mag – etwas, das uns sagt, ob etwas wahr oder unwahr, richtig oder falsch ist.
Blickt man auf die Abspaltung des Protestantismus vom Katholizismus zurück, so lässt sich feststellen, dass sich der Protestantismus selbst aufgespalten hat. Ein Beispiel sind die Quäker, die sowohl christliche Traditionen als auch die alleinige Autorität der Bibel ablehnten und durch den „Inneren Christus“ ersetzten. Sie verstehen darunter die Stimme, die im Inneren zur menschlichen Seele spricht – die direkte Stimme Gottes, die durch das Gewissen zum Ausdruck kommt.
„Meditation“ von John George Brown, um 1900–1910, Öl auf Leinwand. The Metropolitan Museum of Art, New York City.
Das ist alles sehr interessant, aber was hat das mit der Gegenwart zu tun? Das Problem ist, dass wir dazu neigen, einen Hauptweg zu bevorzugen und dabei die anderen beiden auszublenden, oder den zweiten Weg als Notlösung zu betrachten, während die dritte Option ignoriert wird. Das führt zu einer Beschränkung unserer Sichtweise und verursacht große Probleme, wie wir noch sehen werden.
Aus historischer Perspektive betrachtet, stellt man fest, dass diese drei Wege zum Erkennen der Wahrheit ganze Epochen der europäischen Geschichte geprägt haben – eine Art Leitmotiv, das sich durch verschiedene Zeitalter zieht. Lassen Sie mich dies näher erläutern.
Im Mittelalter dominierte der Beweis durch die Tradition. Sie bestimmte das feudale System. Aufgrund der Tatsache, dass die Druckerpresse noch nicht erfunden war, wurde die kirchliche Ordnung verstärkt.
„Eine Sibylle und ein Prophet“ von Andrea Mantegna, um 1495, Pigmente und Gold in Temperafarbe auf Leinwand, Cincinnati Art Museum.
Mit dem Aufkommen der Renaissance, der Reformation und der Erfindung des Buchdrucks trat die Welt in die Phase der Autorität ein. Der Beweis dafür war in der Heiligen Schrift und in maßgeblichen Texten zu finden. Die Menschen stritten darüber, wie das Gelesene zu verstehen sei. Ich denke dabei an Persönlichkeiten wie den epischen Dichter John Milton, der sich in seinen Schriften allen Kontrahenten stellte, um die englische Republik in ihrer damaligen Form zu verteidigen.
Natürlich gab es auch Mischformen, doch die Tendenzen sind erkennbar.
In Europa scheint es, als hätten wir etwa 500 Jahre lang Wertvorstellungen und Überzeugungen gehabt, die auf Traditionen beruhten, gefolgt von 400 Jahren, in denen die Autorität des Buches im Mittelpunkt stand, und nun befinden wir uns in einer weiteren Phase der menschlichen Existenz.
Gefährliche Tendenzen
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Poststrukturalismus und dem Konzept der Post-Wahrheit befinden wir uns inzwischen in einer Ära, in der die innere Stimme dominiert. Allerdings ist damit nicht das Gewissen gemeint und auch nicht die spirituelle Erleuchtung östlicher Religionen oder Mystiker anderer Traditionen.
Nein, unsere Welt hat sich zu einem selbstbezogenen Ort entwickelt, an dem das subjektive Empfinden Vorrang hat vor jeglicher objektiven Realität, allen Fakten und jeder Berücksichtigung widersprüchlicher Daten, Meinungen oder Gegenargumente.
Wir haben eine Welt erschaffen, in der die subjektive Wahrnehmung traditionelle Werte und wissenschaftliche Autorität vollständig verdrängt hat. Für viele ist dies zu einer Art Religion geworden.
Dies ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Männer sind Frauen, Frauen sind Männer; freie Meinungsäußerung und freies Denken werden als schlecht angesehen, weil sie beunruhigend sind und den Menschen Unbehagen bereiten; Völkermord ist „im Kontext“ gut und so weiter. Allerlei absurde und abscheuliche Ansichten, die noch vor 20 Jahren jeder vernünftig gebildete Mensch sofort abgelehnt hätte, sind nun zu Mainstreamüberzeugungen geworden, die als „bewiesen“ gelten. Gemeinsame Traditionen verlieren an Bedeutung, und es gibt auch keinerlei Bücher oder Schriften mehr, die Autorität genießen – zumal insbesondere junge Menschen nicht mehr so viele Bücher lesen wie früher.
„Meditation“ von Jean-Paul Laurens, 1911.
Foto: gemeinfrei
In einem solchen Vakuum traditioneller Werte und lehrreicher Schriften sowie ohne jegliche Unterweisung in den Bereichen Gebet, Meditation, Achtsamkeit und dergleichen hat sich die naive Annahme durchgesetzt, dass das eigene Denken automatisch richtig ist – auch wenn es kaum reflektiert wird. Diese Haltung ist zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Kultur geworden. Sie ist gefährlich, denn so entsteht eine Kultur des Todes.
Ein Ausweg
Der erste Schritt, um dieser Tendenz entgegenzuwirken, besteht darin, dies überhaupt zu erkennen. Im zweiten Schritt müssen wir die drei Wege der Beweisführung akzeptieren – wir brauchen sie alle drei. Der dritte Schritt besteht darin, in die Offensive zu gehen und diese absurde Subjektivität – wo immer sie uns begegnet – infrage zu stellen: indem wir sie mit den großartigen Konzepten unserer eigenen Traditionen hinterfragen und dabei darlegen, warum sie großartig sind, und indem wir das fundierte Wissen aus Büchern nutzen, seien es nun historische, wissenschaftliche oder religiöse Werke.
Letztlich wird kein Militär die westliche Zivilisation retten, falls sie überhaupt zu retten ist, sondern der kollektive Wille, essenzielle Traditionen neu zu beleben und echtes Lernen zu fördern, insbesondere im spirituellen Bereich.
Pfingstrosen in ganzer Pracht. - Foto: IvoraObrazy/iStock
Blumen, Pralinen, ein paar nette Worte – und das war es dann mit dem Muttertag? Noch immer leisten Frauen mit kleinen Kindern mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener berufstätig als Väter in derselben Familiensituation, konstatiert das Statistische Bundesamt Anfang Mai. Doch darüber wird am Muttertag selten gesprochen. Deutschlandweit gibt es rund 30 Millionen Mütter.
Werbung lässt ihn heute eher als ein Fest des Kommerzes erscheinen. Was bedeutet dieser Brauchtumstag noch in einem Land, in dem es deutlich weniger Mütter gibt als früher? Eine kleine Bestandsaufnahme aus der Sicht eines Kulturwissenschaftlers.
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Ein Mädchen am 9. Mai 2026 während der Feierlichkeiten zum Muttertag in der Unterkunft „Comunidad de Luz“ in Tijuana im mexikanischen Bundesstaat Baja California.
Foto: Guillermo Arias/AFP via Getty Images
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Feier am 9. Mai 2026 in Tijuana im mexikanischen Bundesstaat Baja California.
Foto: Guillermo Arias/AFP via Getty Images
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Migranten malen zum Muttertag im Flüchtlingsheim „Comunidad de Luz“ in Tijuana im mexikanischen Bundesstaat Baja California ein Wandbild.
Foto: Guillermo Arias/AFP via Getty Images
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Blumensträuße stehen am Tag vor Muttertag am Straßenrand im mittelfränkischen Dinkelsbühl vor einem gelb blühenden Rapsfeld zum Verkauf.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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US-Präsident Donald Trump hält am 8. Mai 2026 in Washington, DC im Vorfeld des Muttertags am 10. Mai im Weißen Haus.
Foto: Kevin Dietsch/Getty Images
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US-Präsident Donald Trump während eines Mittagessens zum Muttertag im Rosengarten des Weißen Hauses. Trump empfängt am 8. Mai bereits „Angel Moms“ und „Gold Star Mothers“.
Foto: Kevin Dietsch/Getty Images
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Etwa die Hälfte der Erwachsenen wollen zu Muttertag etwas kaufen.
Foto: Patrick Pleul/dpa
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Thailand feiert den Geburtstag der Ex-Königin traditionell als Muttertag.
Foto: Carola Frentzen/dpa
Muttertag: Heute von Kommerz getrieben
„Nicht in dem Sinn, dass durch ihn etwas verändert oder ein anderes Bewusstsein geschaffen werden soll“, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg.
„Der Tag ist heute vom Kommerz getrieben und füllt wie der Valentinstag eine Leerstelle.“ Denn kirchliche Feste verlören im Jahreskalender an Bedeutung.
„Wenn ich es rein kultur- und konsumkritisch sehen würde, dann hat der Muttertag heute sogar etwas von Respektlosigkeit“, ergänzt Hirschfelder. Denn um die Situation von Müttern gehe es in der Öffentlichkeit selten.
Ihnen falle mit dem Geschenke-Annehmen eine rein passive Rolle zu. Der Tag wirke so wie Deko oder Verniedlichung. In weniger akademischen und urbanen Milieus spiele er heute eine größere Rolle als im klassischen Bürgertum.
Mittlerweile sind rund 20 Prozent der Frauen kinderlos
Vor allem offenbare er ein demografisches Dilemma, meint Hirschfelder. „Mutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer soll in der Rentendebatte des Jahres 1957 noch gesagt haben: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Mit einem Blick auf die Statistik hat er sich mit dieser Einschätzung geirrt.
Blieben unter Frauen der Jahrgänge 1938 bis 1940 in Deutschland tatsächlich nur rund elf Prozent kinderlos, sind es heute nach den Daten des Statistischen Bundesamts recht konstant 20 Prozent – ob gewollt oder ungewollt.
Wachsen kann Deutschland ohne Zuwanderung nur, wenn 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder bekämen. Der Schnitt liegt allerdings bundesweit bei 1,35.
Patchwork-Familien und Muttertag
Hirschfelder sieht ihn im zunehmenden Aufweichen der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie: „Bei Patchwork kann es für Kinder schon knifflig werden, wer zum Muttertag ein Geschenk bekommen soll“, sagt der Forscher. „Nur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?“
Nicht zu vernachlässigen sei heute auch das Mutterbild in Migrantenfamilien. „Dort herrschen manchmal sehr konservative Rollenbilder vor, gerade mit Blick auf Frauenrechte kann das problematisch sein. Aber es gibt dort eben auch eine tiefere Form von Wertschätzung einer Mutter gegenüber als wir ihn hier kennen. Eine ähnliche Form von Respekt beobachte ich auch in Teilen der postsowjetischen Welt, die ich kenne, in Moldau und in der Ukraine.“
Unterschiede zwischen Ost- und West
Hirschfelder sieht vor allem andere Traditionen. Im Westdeutschland der frühen 1960er Jahre sei der Muttertag eine kleine Bühne gewesen, auf der Frauen wenigstens einmal im Jahr öffentlich zum Thema wurden.
„Das war eine Zeit, in der die gesellschaftliche Norm von Frauen verlangte, zu Hause zu bleiben und Kinder zu bekommen. Ein Leben in Pflichterfüllung, als Anhängsel des Mannes, quasi unsichtbar.“
Allein deshalb sei dieser Tag damals wichtig gewesen. Erst in den 1970er Jahren kursierte in der westdeutschen Frauenbewegung der Slogan: „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!“
In Ostdeutschland war das anders. Frauen in der DDR waren meist berufstätig. Der gesellschaftliche Fokus mit einem Schwerpunkt auf Gleichberechtigung lag allerdings auf dem Frauentag, der Muttertag war Privatsache.
Wobei Hirschfelder die Situation von Müttern im Osten nicht glorifizieren möchte. „Bei der Traktoristin, der Melkerin oder der Baubrigade-Frau kam die Care-Arbeit für ihre Kinder noch obendrauf.“
Wen interessiert der Muttertag heute?
Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter 2.122 Männern und Frauen über 18 Jahren im April 2024 knüpfen Mütter an „ihren“ Tag höhere Erwartungen als Väter an den Vatertag. 62 Prozent der interviewten Mütter wünschten sich Geschenke von ihren Kindern, sei es gemeinsam verbrachte Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent), Schokolade oder Pralinen (9 Prozent) oder etwas anderes. Bei den Vätern lege nur jeder zweite Wert auf den Vatertag.
Nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland kauft in diesem Jahr rund ein Drittel der Bundesbürger (30 Prozent) Muttertagsgeschenke, im Schnitt für 18,72 Euro pro Person. Der Verband rechnet mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.
Blumen, so weit das Auge reicht: Der Muttertag bedeutet für Gärtner und Floristen jede Menge Arbeit. Schon gewusst? Vor 100 Jahren gab es den besonderen Tag erstmals in Deutschland.
Foto: Patrick Pleul/dpa
Ursprünglich kommt der Tag aus den USA
In den Vereinigten Staaten gründete Ann Maria Reeves 1865 die Bewegung Mothers Friendships Day, die zum Ziel hatte, Mütter zu vernetzen und ihren Austausch zu fördern.
Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach ihrem zweiten Todestag, veranstaltete ihre Tochter Anna Marie Javis eine Gedenkveranstaltung zu Reeves‘ Ehren. Im Jahr darauf wurde daraus eine allen Müttern gewidmete Veranstaltung. Bereits 1909 wurde der Muttertag landesweit gefeiert. Eine Resolution des US-Kongresses machte ihn 1914 zum nationalen Feiertag.
In Deutschland wurde der Tag auf Initiative des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber am 13. Mai 1923 erstmals gefeiert. Die Nationalsozialisten nutzten den Muttertag für ihre Propaganda und machten ihn zum Feiertag, was ihn bis heute teils umstritten macht.
In der DDR wurde der Muttertag nicht offiziell begangen, im Fokus stand der internationale Frauentag am 8. März. Ein gesetzlicher Feiertag ist der Muttertag in der Bundesrepublik nicht. (dpa/afp/red)