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Fremdbetreut – ein Auszug aus dem Buch „Die Wochenkinder“

Ein Auszug aus dem Buch „Die Wochenkinder: Frühe Trennung, späte Folgen“ von Alexander Teske:

Kuscheln verboten

Noch heute, nach 55 Jahren, kennt Ruth die Namen vieler Kinder, die sie damals betreut hat. Auch die Gesichter stehen ihr noch immer vor Augen.
Zum Beispiel das von Heiko. Er hat eine dunkle Hautfarbe. Ruth vermutet, dass er einen ausländischen Vater hat. Heiko hat viele dunkle Haare, bewegt sich ungern, ist sehr kräftig und schwer. Seine Mutter kommt fast jeden Tag vorbei. Sie ist alleinerziehend, hat zwei weitere Kinder. Ruth glaubt, dass sie Heiko nicht freiwillig in die Wochenkrippe gibt.
Die Mutter schaut oft durch die Fenster im Garten in die Krippe, um ihren Sohn kurz sehen zu können. Wenn Heiko sie sieht, beginnt er vor Sehnsucht zu weinen. Daraufhin wird der Mutter verboten, zwischendurch zur Krippe zu kommen. Ihr wird gesagt: „Wir können uns besser um dein Kind kümmern.“ In Wahrheit erhält Heiko wenig Aufmerksamkeit, hinkt in seiner Entwicklung deutlich hinterher. Die Erzieherinnen haben Lieblingskinder, um die sie sich gern und oft kümmern. Heiko gehört nicht dazu. Er ist eines der stillen Kinder, die wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dabei ist Heiko ein fröhliches Kind. Ruth fragt sich, was aus Heiko und den anderen Kindern geworden ist. Manchmal träumt sie von damals.
Ruth wollte nach der zehnten Klasse etwas mit kleinen Kindern machen. Sie hat rosarote Vorstellungen, stellt sich die Arbeit schön vor. Nun ist sie unverhofft in der Wochenkrippe gelandet. Bei der dreijährigen Ausbildung an der Medizinischen Fachschule wird den Lehrlingen die Betriebsstätte zugeteilt. Ruth findet die Atmosphäre bedrückend. Die Säuglinge liegen vor allem in ihren Betten. Viele Kinder in einem Raum. Das jüngste ist 20 Wochen alt. Es war für sie vorher unvorstellbar, dass ein Kind in diesem Alter so lange in der Krippe bleibt. Die Kinder tun ihr leid.
Wenn sie sich heute das Foto eines Schlafsaals ansieht, denkt Ruth: „Wie furchtbar!“ Wie früher auf der Isolierstation im Krankenhaus. Auch hier dürfen die Eltern nicht hinein. Im Vergleich zu heute fällt Ruth die kalte Nüchternheit der Räume auf, das Sterile. „Da war nichts Buntes, wie es heute in Kindergärten üblich ist. Selbst in den Tageskrippen gab es mehr Spielzeug“, sagt sie. Ruth ist damals 16 Jahre alt. 1970 beginnt sie im Leipziger Stadtteil Stötteritz ihre praktische Ausbildung als Krippenerzieherin. Die Krippe ist der Karl-Marx-Universität angeschlossen, hier geben Studenten und Dozenten, aber auch Journalisten ihre Kinder ab. Sie müssen am Eingang klingeln und warten. Dann kommt eine Erzieherin, nimmt ihnen das Kind an der Eingangstür ab und schließt die große Glastür wieder. Manche Kinder klammern sich vor der Tür an ihre Eltern, müssen gewaltsam getrennt werden.
Die Erzieherin entkleidet das Kind, verstaut die privaten Sachen in einer Kiste und zieht ihm die Einheitssachen der Krippe an. Persönliche Gegenstände wie einen Teddy, eine Puppe, eine Rassel oder einen Beißring haben die Kinder nicht. Am Freitag wiederholt sich das Ritual – in umgekehrter Reihenfolge. Das Kind erhält seine privaten Sachen zurück und wird an der Tür den Eltern oder Großeltern übergeben. Manchmal werden Kinder auch nicht abgeholt. Dann nimmt eine Erzieherin sie mit nach Hause. Sind es mehrere Kinder, wird ein Notdienst in der Krippe eingerichtet.
In der Fachschule stehen für Ruth Fächer wie Deutsch, Staatsbürgerkunde, Russisch, Psychologie, Gesundheitslehre, Hygiene und Pädagogik auf dem Lehrplan. Nach zehn Tagen Theorie arbeitet sie als Lehrling vier Tage in der Wochenkrippe. In den Ferien jeden Tag. Jedes Mal tauscht sie ihre zivile Kleidung gegen einen weißen Kittel. Sie wird für das Erdgeschoss eingeteilt, wo die Säuglinge und die Krabbler betreut werden. Als Krabbler werden Babys bezeichnet, die bereits krabbeln können und mindestens neun Monate alt sind.
Sie erinnert sich, dass sich die älteren Erzieherinnen oft untereinander unterhalten. Was sie abends gemacht haben oder was es gerade wieder nicht in den Geschäften zu kaufen gibt. Aber keine Pflegerin spricht ein Baby direkt an oder beschäftigt sich intensiv mit ihm. Auch erhalten sie keine persönliche Zuneigung. Die Babys scheinen daran gewöhnt, nur selten weint eines. Meist liegen sie stumm in ihren Betten und starren vor sich hin.
Wenn Ruth ein Baby aus Mitleid hochnimmt und umarmt, sagen die Ausbilderinnen, sie solle das bleiben lassen. Sonst würden sich die Babys noch daran gewöhnen. Sie nehmen ihr den Säugling aus den Armen und legen ihn zurück ins Gitterbett oder in die Spielebox. Auch beim Spielen soll sie sich nicht zu lange oder zu aufmerksam mit einem Kind beschäftigen. Ruth gehorcht.
Ruth erzählt das heute alles in einem schnellen Gedankenfluss. Das Erlebte möchte endlich ins Freie. Ihre Hand unterstützt sie dabei. Ohne Pause wirbelt sie durch die Luft, während die ehemalige Erzieherin ruhig im Sessel sitzt. Sie hat kurze braune Haare und eine dicke, große Brille mit Ecken. Ihre Augen schauen mich immer direkt an. Auf ihrem beigen Oberteil sind weiße und schwarze Blumen gedruckt. Ruth redet im sächsischen Dialekt, diesem weichen, melodischen Singsang. Nur manchmal macht sie eine kurze Pause, weil sie schlucken muss.
Die Kinder, mit denen sie es damals mehrfach zu tun hat, bauen im Laufe der Zeit eine persönliche Bindung zu ihr auf. Bereits wenn sie Ruth sehen, strahlen und zappeln sie. Aber sobald das den anderen älteren Erzieherinnen auffällt, wird es unterbunden. Es werden ihr andere Kinder zur Beschäftigung, zur Hilfe beim Essen und zum Windelwechseln zugewiesen.
Die Auszubildende beobachtet, wie ein Kind immer wieder versucht, aufzustehen und zu laufen. Wiederholt fällt Annette hin. Schließlich hilft Ruth ihr und übt mit dem Kind das Laufen. Bis sie wieder ermahnt wird, dies zu unterlassen. Am Freitag wird Annette schließlich von ihrer Mutter abgeholt und läuft ihr entgegen. Erst heute realisiert Ruth, wie merkwürdig es ist, die ersten Schritte des Kindes nicht mitzuerleben, wie es sich für eine Mutter anfühlt, wenn eine Erzieherin sagt: „In dieser Woche hat Annette Laufen gelernt.“
In ihrer Erinnerung liegen die Säuglinge fast den ganzen Tag in ihren Gitterbetten. Nur ab und zu werden sie gewindelt, gewaschen, gefüttert oder kommen kurz in die Spielebox. Wenn sie nicht schlafen, dösen sie vor sich hin. Die älteren Kinder erhalten mehr Anregung, werden aber zu einem langen Mittagsschlaf hingelegt. Zum Einschlafen wird weder ein Lied vorgesungen noch ein Bilderbuch angesehen. Nur selten protestieren die Kinder oder weinen.
Weil sie zu oft querschießt, wird Ruth bald gemaßregelt. Zur Strafe muss sie im kalten Keller Stoffwindeln ausbürsten. Diese werden damals noch per Hand vorgereinigt, ehe sie eingeweicht und gekocht werden.
Der Grund für die Bestrafung: Ruth hat kritisiert, dass einige Erzieherinnen sich das pürierte Obst aus der Küche in mitgebrachte Gläser abfüllen und mit nach Hause nehmen. Dabei ist das Obst für die Kinder gedacht. Es soll ihrem Brei beigemischt werden, damit sie Vitamine bekommen. Doch manche Obstsorten sind vor allem in den Städten der DDR Mangelware und dementsprechend begehrt.
In der Waschküche tauscht sie sich mit einem älteren Lehrling aus. Auch diese berichtet, mit einem Kind das Malen geübt zu haben. Auch sie wird deutlich ermahnt, dies nicht zu tun. „Die hatten vermutlich Angst, dass man zu viel Nähe aufbaut. Die Devise war: satt, trocken und sauber“, sagt Ruth.
Alexander Teske
Langen Müller Verlag
21. September 2026
Taschenbuch
272 Seiten

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DDR-Wochenkrippen: „Das Kollektiv stand über dem Individuum“

In der DDR wurden Millionen Kinder kurz nach der Geburt in Krippen zur Tagesbetreuung gegeben. In sogenannten Wochenkrippen und -heimen waren Kleinkinder von Montag bis Freitag untergebracht, um den Müttern eine Berufstätigkeit im sozialistischen Staat zu ermöglichen. Epoch Times sprach mit dem Bestsellerautor und Journalisten Alexander Teske, der selbst in einer solchen Einrichtung untergebracht war, über sein neues Buch „Die Wochenkinder: Frühe Trennung, späte Folgen”.

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Manche Stimmen, so schreiben Sie selbst in Ihrem Buch, wollten Sie davon abhalten. Warum haben Sie es trotzdem geschrieben?
Dieses Thema ist mir ein absolutes Herzensanliegen. Natürlich glaube ich nicht, dass alles Unglück in meinem Leben auf die DDR-Wochenkrippe zurückzuführen ist. Aber natürlich hat sie uns geprägt. Im Laufe der Zeit habe ich sehr viele andere Wochenkinder kennengelernt und gemerkt, wie schwer traumatisiert sie teilweise sind und dass sie nicht gehört werden. Mit dem Buch wollte ich ihnen eine Stimme geben.
Ich möchte, dass sich die Menschen mit den Lebensgeschichten auseinandersetzen. Therapeuten sollen davon erfahren, denn viele Betroffene waren zum Beispiel 20 Jahre in Therapie, ohne dass das Thema je angesprochen wurde, weil der Therapeut es nicht kannte. Ich möchte auch erreichen, dass Gelder für die Forschung in diesem Bereich bereitgestellt werden. Das gibt es eben auch nur, wenn ein Thema gesellschaftlich relevant ist. Außerdem wollte ich, dass das Thema in den Medien breit diskutiert wird, damit das Verständnis füreinander wächst – auch zwischen Ost und West. Denn es gibt noch sehr viel Unverständnis füreinander.
Studien zeigten früh die Nachteile. Warum hielten die Entscheidungsträger trotzdem am System fest?
Es gab damals recht schnell Studien zum Zustand der Kinder in Wochenkrippen. Sie zeigten, dass Kinder dort nicht gut aufgehoben waren. Im Vergleich zu Tageskrippen und noch mehr im Vergleich zu Kindern, die zu Hause aufwuchsen, entwickelten sie sich motorisch und verbal schlechter. Zudem waren die Kinder viel häufiger krank.
Ich erkläre mir das zum einen mit einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die sowjetisch besetzte Zone, später DDR, war viel stärker von Reparationen betroffen als die Westzonen. Millionen gut ausgebildeter Menschen wanderten daraufhin nach Westdeutschland aus – bis zum Mauerbau. Die DDR wollte das ökonomisch auffangen, indem sie die Arbeitskraft der Frauen nutzte. Dies wurde als Gleichberechtigung dargestellt. In Wirklichkeit mussten sich die Frauen zusätzlich um die Hausarbeit und die Kindererziehung kümmern und besetzten trotzdem keine Entscheiderpositionen. Schließlich arbeiteten 90 Prozent der Frauen in der DDR.
Daher mussten Betreuungsplätze geschaffen werden. Anfangs schaffte es die DDR jedoch nicht, allen einen Tageskrippenplatz anzubieten. Wochenkrippen sollten dies ausgleichen und dienten der Kinderbetreuung für Schichtarbeiterinnen, aber auch für die privilegierte Führungsschicht aus Partei- und Staatsfunktionären sowie für Kulturschaffende. Sie sollten sich auf den Aufbau des Sozialismus konzentrieren können, ohne sich um die Kindererziehung kümmern zu müssen.
Es gab auch sehr kritische Stimmen innerhalb der DDR. So schlugen DDR-Forscherinnen Alarm. Sie wurden jedoch mundtot gemacht. Ihre Studien verschwanden in der Schublade und ihnen wurde mit einem Karriereende gedroht. Dann fügten sie sich.
Zum anderen gab es natürlich auch ideologische Gründe. Das kann man bei Karl Marx und den Vordenkern des Sozialismus nachlesen. Die Familie galt als bürgerliche Keimzelle, die es zu überwinden und zu zerschlagen galt. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, war, die Kinder in Institutionen zu geben, sie dort fremdbetreuen zu lassen und auch ideologisch zu beeinflussen. Das begann in der Wochenkrippe und setzte sich in Sportinternaten bis hin zu perfiden Einrichtungen wie dem Jugendwerkhof fort.
Wie muss man sich einen typischen Tagesablauf in einer Wochenkrippe vorstellen?
Es gab strenge Pläne des Gesundheitsministeriums, später dann des Bildungsministeriums. Die Pläne wurden sklavisch eingehalten. Um 6 Uhr wurden die Kinder geweckt, um 06:20 Uhr gefüttert und um 06:40 Uhr gewickelt. Danach ging es in das Laufgitter. Den Erzieherinnen blieb nur wenig Zeit, um sich um die Kinder zu kümmern, eine individuelle Betreuung war nicht möglich. Zunächst kümmerte man sich um die Kinder, die am lautesten waren.
Es war praktisch Akkordarbeit. Wenn ein Kind in die Hose machte, musste es warten, bis wieder Wickelzeit war. Wenn es Hunger hatte, musste es warten, bis es etwas zu essen gab. Und umgekehrt: Wenn ein Kind noch keinen Hunger hatte, musste es trotzdem essen.
Offiziell war der Betreuungsschlüssel eins zu vier, also vier Säuglinge auf eine Betreuerin. Aus den Akten wissen wir jedoch, dass dieser Betreuungsschlüssel häufig nicht eingehalten werden konnte. Die Einrichtungen waren überbelegt, da es zu wenige Plätze und zu viele Kinder gab. Auf dem Papier sollte jedes Kind nur eine Bezugsperson haben, doch 90 Prozent der Kinder hatten ständig wechselnde Bezugspersonen.

In den DDR-Wochenkrippen herrschte ein strenger Ablauf. Eine individuelle Betreuung gab es nicht.

Foto: BVG Archiv

Welche konkreten Nachwirkungen zeigen sich bei den Betroffenen aufgrund der Zeit in der Wochenkrippe?
Dazu gibt es nur eine einzige Studie der Universität Rostock. Diese hat ergeben, dass 92 Prozent der Betroffenen mindestens eine psychische Diagnose im Laufe ihres Lebens hatten – also etwa doppelt so viele wie in der Normalbevölkerung.
Ehemalige Wochenkinder gehören überproportional oft zu den Menschen mit unsicherer Bindung. Sie haben doppelt so häufig Probleme, langfristige, gesunde Beziehungen zu führen. Einige von ihnen haben vier oder mehr psychische Diagnosen im Laufe ihres Lebens, darunter schwere Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Angststörungen. Vieles blieb jedoch im Dunkeln. Denn an dieser Studie haben nur Betroffene teilgenommen, die sich freiwillig gemeldet haben.
Viele Betroffene haben ein sehr normales Leben geführt und waren durchaus leistungsbereit. Deshalb hört man oft den Spruch: „Aus euch ist ja was geworden, es hat euch nicht geschadet.“ Doch nach 50 oder 60 Lebensjahren holt die eigene Biografie diese Menschen dann ein und die damaligen Erlebnisse beschäftigen sie stark. Dann versuchen sie, mit ihren Eltern, soweit das noch möglich ist, darüber ins Gespräch zu kommen, und sie fragen sich auch: Was habe ich möglicherweise an meine eigenen Kinder weitergegeben?
Sowohl im Nationalsozialismus als auch im Sozialismus wurde das Kind primär als künftiges Werkzeug des Staates und nicht als eigenständiges Subjekt betrachtet. Sehen Sie dadurch Nachwirkungen in unserer Gesellschaft?
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Töpfchendebatte von Herrn Pfeiffer. Der Kriminologe Christian Pfeiffer hatte in den 1990er-Jahren behauptet, im Osten seien viele rechtsradikal, weil sie alle zur gleichen Zeit kollektiv aufs Töpfchen hätten gehen müssen. Das war natürlich stark verkürzt und hat viel kaputtgemacht, weil es in dieser Einfachheit schlichtweg falsch ist. Aber ein Körnchen Wahrheit ist natürlich dran, denn das Aufwachsen in einer Diktatur hat uns geprägt und ist nicht spurlos an uns vorübergegangen.
Darum gibt es im Osten starke Abwehrreflexe gegen Kritik und Aufarbeitung. Dann heißt es schnell: „Jetzt willst du die DDR wieder schlechtmachen.“ Das ist überhaupt nicht mein Anliegen. Wir sollten einfach darüber sprechen und das Verständnis füreinander erhöhen.
Im Westen gibt es ein großes Unverständnis, wenn man in den Osten schaut, beispielsweise über die aktuellen Wahlergebnisse. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir nicht in einer Demokratie aufgewachsen sind. Das Familienbild war ein anderes, die Kirchen hatten weniger Einfluss und vieles mehr. Ein Mosaiksteinchen ist dabei auch die Kinderbetreuung und das dabei vermittelte Bild. Die DDR wollte Menschen, die funktionieren. Das Kollektiv stand über dem Individuum. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen.
Wie erklären Sie sich den unterschiedlichen Blick auf die Wochenkrippen bei Menschen mit Ostbiografie? 
Das hängt natürlich immer damit zusammen, wie sehr man sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Habe ich Therapieerfahrung? Wie sehr bin ich bereit, mein Leben aufzuarbeiten? Ich war ja auch bei prominenten Wochenkindern, zum Beispiel bei dem Schauspieler Jan Josef Liefers. Er nennt es, in die „Dreckecken seiner Seele“ zu schauen.
Oder bin ich eher der Typ „Verdrängung“? Ich möchte auch niemandem ein Trauma einreden. Das gleiche Erlebnis prägt Kinder unterschiedlich. Manche hatten wenigstens am Wochenende ein liebevolles Umfeld zu Hause, andere nicht. Letztere waren in der Krippe vielleicht sogar besser aufgehoben. Für die meisten Kinder wäre es aber natürlich besser gewesen, wenn sie zu Hause aufgewachsen wären.
Die Abwehrreflexe hängen vermutlich damit zusammen, wie nah ich dem SED-System gestanden habe, ob ich beispielsweise selbst Erzieherin war und jetzt meine Lebensleistung angegriffen sehe. Auch Mütter von damals fühlen sich natürlich angegriffen. Wenn ich mein Kind früh in die Krippe gegeben habe, neige ich natürlich dazu, zu sagen: „Es ging nicht anders, das war normal, das haben alle gemacht.“
Denn es ist sehr schmerzhaft, sich Fehler einzugestehen. Ich wünsche allen, dass sie darüber ins Gespräch kommen können, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Leider ist es so, dass man bestimmte Dinge nicht wiedergutmachen kann. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist häufig zerbrochen. Es fehlt das liebevolle, herzliche Verhältnis.
Gibt es nach dem Prozess der Aufarbeitung und Auseinandersetzung etwas Wertvolles, für das Sie dankbar sind?
Es gibt den bekannten Spruch: „Was dich nicht umbringt, macht dich stark.“ Tatsächlich kann das Aufwachsen in einer Diktatur einen natürlich auch sehr stark und sehr resilient machen. Es hat mich dazu angeregt, über verschiedene Dinge intensiv nachzudenken und natürlich dankbar zu sein für das, was funktioniert. Ich bin sehr dankbar, dass es mir trotz allem gelungen ist, ein relativ glückliches Leben zu führen. Und ich wünsche allen Betroffenen, dass ihnen das auch gelingt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Erik Rusch.

Foto: Langen Müller Verlag, Canva; Montage: Epoch Times

Alexander Teske
Langen Müller Verlag
21. September 2026
Paperback
272 Seiten
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Muttersein bei früheren Generationen – ein Mittel gegen Einsamkeit und Zweifel

Nachdem sie Mutter geworden war, weinte Maggie Gordon-Walker jeden Tag, hielt es aber verborgen. Sie fühlte sich nicht unwohl, aber sie fühlte sich auch nicht wie sie selbst. 
Ein anspruchsvolles Baby, schlaflose Nächte, Momente des Zweifels – all das lässt sich leichter bewältigen, wenn man es mit anderen teilen kann. Doch Gordon-Walker hatte niemanden, der ihr half, den lebensverändernden Übergang zum Muttersein zu verstehen.

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“

Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war das Muttersein nichts, was Frauen auf eigene Faust lernten. Die Kinderbetreuung wurde innerhalb von Familien und Gemeinschaften aufgeteilt. Großmütter, Tanten, Geschwister und Nachbarn spielten eine aktive Rolle und schufen ein System, in dem Wissen im Alltag weitergegeben wurde. Mütter lernten, indem sie Teil der Gemeinschaft waren.

Eine Großmutter schaut sich in den 1940er-Jahren mit ihrer kleinen Enkelin ein Bilderbuch an.

Foto: Frederic Hamilton/Hulton Archive/Getty Images

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, heißt es dazu im Volksmund. Frauen lernten die Grundlagen des Mutterseins, indem sie sich in diesem Umfeld bewegten. 
Gebären, Stillen, das Beruhigen eines weinenden Babys oder die Führung eines Haushalts mit mehreren Kindern – all das waren keine separaten Lektionen, sondern Teil des täglichen Lebens. In größeren Familien, die die Norm waren, gab es immer viele helfende Hände. 
Ältere Schwestern lernten, Babys auf der Hüfte zu tragen, während sie sich um die Kleinkinder kümmerten. Jüngere Kinder erhielten kleine, altersgerechte Aufgaben. Kochen, Putzen und die Organisation des Haushalts wurden nach Alter, Geschlecht und Fähigkeiten aufgeteilt. Alle halfen mit.

Depression und Einsamkeit

Heutzutage ist im Westen ein dörfliches Umfeld selten. Familien leben heute über Städte, Bundesländer und Länder verstreut. Viele Frauen müssen ihre Kinder weit entfernt von dem Ort großziehen, an dem sie selbst aufgewachsen sind. Wissen über Kindererziehung wird heute eher durch Artikel, Bücher, Experten und Online-Ratschläge vermittelt als durch den jahrelangen engen Kontakt zu älteren Generationen.
Da die Unterstützung durch mehrere Generationen nicht mehr in der Familienstruktur verankert ist, lastet ein Großteil der Mühen des Mutterseins auf einer einzigen Person.
Das hat seine Folgen: Die Rate der Wochenbettdepressionen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Das erste Jahr aus nächster Nähe

„Das Leben als junge Mutter wird in unserer Gesellschaft oft romantisiert“, sagte Dr. Susan Hatters-Friedman, eine Psychiaterin für perinatale psychische Erkrankungen (PPE), gegenüber Epoch Times. „Von Müttern wird erwartet, dass sie glücklich sind.“
Die Realität sieht jedoch so aus, dass ein Neugeborenes meist alle paar Stunden oder öfters etwas braucht. Der Schlaf ist unterbrochen und der Körper der Frau erholt sich noch. Die Gefühle können von einem Moment zum nächsten schnell umschlagen. Das erste Jahr ist ein Kreislauf aus Füttern, Beruhigen und dem Herausfinden, wie es weitergeht – oft ohne viel Zeit, um das alles zu verarbeiten.
Muttersein

Getty Images/Jelena Stanojkovic
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„Es finden gleichzeitig biologische, psychologische und soziale Veränderungen statt“, meinte Anne Welsh, eine auf die psychische Gesundheit von Müttern spezialisierte klinische Psychologin, zu Epoch Times. Eine Frau erlerne die Babypflege und gewöhne sich parallel dazu an eine neue Version ihrer selbst.
Sei eine Frau mit anderen Müttern in Kontakt, würde sich diese Erfahrung in Gesprächen und einem gemeinsamen Verständnis widerspiegeln.
„Wenn niemand da ist, der diese Erfahrung widerspiegelt, kann man sich unglaublich einsam fühlen“, sagte Welsh. „Nach außen hin kann alles sehr kompetent und gefasst wirken. Im Inneren herrscht oft Erschöpfung und das Gefühl, damit ganz allein zu sein.“
Einsamkeit hat eine klinische Bedeutung. So steigt das Risiko für postpartale Depressionen und Angstzustände, wenn beständige Unterstützung fehlt. Das Fehlen zwingt viele Frauen dazu, über ihre Gefühle zu schweigen.
So ging es auch Gordon-Walker. Nach außen hin gab sie vor, dass alles in Ordnung sei, doch innerlich brach sie zusammen.

Das wiederfinden, was verloren gegangen ist

Gordon-Walker gründete schließlich „Mothers Uncovered“, eine von Gleichgesinnten geleitete Müttergruppe.
Was Müttergruppen bieten, ähnelt der ursprünglichen Form des Dorfes. Es finden Gespräche in Echtzeit zwischen Frauen statt, die sich in derselben Situation befinden. Sie besprechen, was funktioniert und was nicht, sowie die Fragen, die neue Eltern nachts wachhalten.
Gordon-Walker ist nicht die Einzige mit einem Bedarf an Gemeinschaft. „Mütter kommen immer wieder, weil sie sich gesehen, unterstützt, gefeiert und wirklich geschätzt fühlen“, sagte Cindy Utterback der Epoch Times. Sie ist Vorsitzende der Muttergruppe „Posh Mama Club“ in Kalifornien.
Vertrautheit schaffe Struktur. Die Frauen würden sich austauschen, in Kontakt bleiben und sich daran erinnern, was in der Woche zuvor besprochen wurde. Obwohl die Gespräche kurz seien, könnten die Frauen eine Verbindung zu anderen Müttern aufbauen, die sich verlässlich anfühlt.
„Diese Geborgenheit hilft ihnen, aus sich herauszukommen, stärker und selbstbewusster zu werden. Einige von ihnen übernahmen sogar Führungsrollen in unserer Gemeinschaft“, sagte sie.

Warum gegenseitige Unterstützung funktioniert – und wo ihre Grenzen liegen

Studien zufolge verringert beständige gegenseitige Unterstützung das Risiko psychischer Probleme und stärkt das Selbstvertrauen einer Mutter in den ersten Monaten nach der Geburt. 
Insbesondere wenn Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel und in den ersten sechs Monaten nach der Geburt über ein starkes Unterstützungsnetzwerk verfügen, bringt es viele Vorteile. Sie
  • erleben weniger Stress und Ängste, 
  • bewältigen die alltäglichen Anforderungen des Mutterseins konsequenter 
  • und fühlen sich in ihrer neuen Rolle stabiler. 
Es ändert nichts daran, wie sie ihr Baby pflegen. Wenn sich eine Mutter allerdings auf eine größere Gemeinschaft verlassen kann, beeinflusst es ihr Selbstbild und die Wahrnehmung ihrer Situation positiv.
Psychologin Welsh beschreibt die Unterstützung durch Gleichgesinnte als eine Form der Spiegelung: Die eigenen Erfahrungen in anderen Menschen widergespiegelt zu sehen, helfe dabei, das zu normalisieren, was sich sonst wie ein persönliches Versagen anfühlen könnte. In schwierigen Momenten frage eine Mutter nicht mehr: „Was mache ich falsch?“, sondern beginne zu erkennen, dass vieles, was sie erlebe, Teil des Prozesses sei.
Moderne Müttergruppen haben jedoch ihre Grenzen. Sie erfordern insbesondere Aufwand. Unterstützung muss gesucht, geplant und aufrechterhalten werden – und das in einer Phase, in der Zeit und Energie ohnehin schon knapp sind. Diese zusätzlichen Schritte könnten es erschweren, Kontinuität aufrechtzuerhalten.
Kontinuität sei aber genau das, was Unterstützung sinnvoll mache, meinte die PPE-Psychiaterin Hatters-Friedman dazu. Eine sporadische Beziehung habe nicht denselben schützenden Effekt wie die beständige, allgegenwärtige Präsenz, die früher entstand, als man nahe der Familie lebte.
Es gibt auch eine Generationskluft, die Gruppen nicht ohne Weiteres überbrücken könnten. Als Familien noch größer und stärker in Gemeinschaften eingebettet waren, nahmen Kinder Wissen über Jahre hinweg langsam auf, indem sie den Älteren zuschauten – eine informelle Lehre, die heute nicht mehr stattfindet.

„Dörfer“ wieder aufbauen

Neben Müttergruppen denken Mütter über verschiedene Wege nach, ihre eigenen „Dörfer“ wieder aufzubauen.
Für manche Frauen beginnt das mit formellen Gruppen wie kirchlichen Treffen, Spielgruppen in der Nachbarschaft und strukturierten Organisationen. 
Für andere ist es weniger formell: eine kleine Gruppe von Frauen, die sich regelmäßig trifft, oder ein paar Freundinnen, die sich verpflichten, sich gegenseitig nach dem Befinden zu erkundigen. 
Ein wöchentlicher Spaziergang oder sogar ein kurzer Anruf können dazu beitragen, die nötige Beständigkeit aufzubauen, damit Mütter Wege finden, mit ihrer neuen Lebenssituation besser zurechtzukommen.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Modern Motherhood Lost Generational Wisdom—and Mothers Want It Back“. (redaktionelle Bearbeitung: as)