Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass künstliche Intelligenz eines Tages menschlich wird. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass der Mensch sich vorher mit ihrer Simulation zufriedengibt. - Foto: Markus Langemann, demaerre/iStock; Montage: Epoch Times
Es beginnt harmlos. Wie die meisten großen Veränderungen beginnt es nicht mit einem Donnerschlag, sondern mit Bequemlichkeit.
Die Künstliche Intelligenz schreibt Rechnungen, sortiert Belege, bereitet die Steuererklärung vor, prüft Verträge und erinnert daran, dass im Kühlschrank zwar drei Sorten Senf, aber keine Butter mehr liegen. Sie programmiert Werkzeuge, beantwortet E-Mails und weiß bald, wie wir Tabellen und Termine organisiert haben möchten. Ein dienstbarer Geist, präzise, geduldig und pausenlos verfügbar. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Wir beginnen, mit diesem Werkzeug zu sprechen, als säße uns jemand gegenüber. Wir schreiben „bitte“, sagen „danke“, loben die Maschine oder schimpfen mit ihr. Und wer lange mit ihr arbeitet, kann sich dabei ertappen, wie aus einer Eingabe ein Gespräch wird und aus einem Gespräch beinahe eine Beziehung.
Der Gegenstand bestätigt die Projektion
Die Maschine hat kein Herz. Aber sie beherrscht die Grammatik des Trostes.
Sie empfindet keine Freude über unser Lob und keine Anteilnahme an unserem Unglück. Doch sie kennt die Wörter der Nähe und den Ton des Verständnisses. Sie leidet nicht mit uns. Sie errechnet eine Antwort, die so klingt. Das ist der Unterschied, auf den es ankommt.
Menschen haben Dinge schon immer beseelt. Das erste Auto bekam einen Namen, das Motorrad galt als launische Dame. Und ja, im Hause Langemann gibt es einen Saugroboter Names Robby. „Robby, jetzt leg mal los.“ Ein Satz, gesprochen mit jener milden Autorität, mit der man früher einen Dackel vom Sofa schickte.
Das ist zunächst weder krank noch gefährlich. Wir stiften Beziehung, wo die Welt stumm bleibt. Kinder sprechen mit Stofftieren, Seefahrer mit ihren Schiffen. Pygmalion verliebte sich in seine Statue. Nicht der Marmor liebte. Der Mensch liebte – und lieh dem Stein eine Seele. Doch der Stein antwortete nicht.
Das Auto sagte nie: „Ich verstehe dich.“ Robby verspricht keine ewige Treue. Die neue Maschine hingegen antwortet, spiegelt unsere Stimmung, nennt uns beim Namen und setzt Gespräche fort. Damit schließt sich eine neue Rückkopplung: Der Mensch projiziert nicht mehr nur Gefühle auf einen Gegenstand. Der Gegenstand bestätigt die Projektion.
Von „The Jetsons“ zur künstlichen Freundin
Bereits 1966 zeigte Joseph Weizenbaums ELIZA am MIT, wie wenig Technik dafür nötig sein kann. Das Programm imitierte einen Psychotherapeuten. Weizenbaum berichtete später, seine Sekretärin habe ihn nach wenigen Wortwechseln gebeten, den Raum zu verlassen – obwohl sie wusste, dass sie mit Software sprach.
Heute heißt diese Bereitschaft, Maschinen Verständnis zuzuschreiben, ELIZA-Effekt. Damals bestand die Illusion aus einfachen Mustern. Heute besitzt sie eine Stimme, ein Gesicht, ein Gedächtnis – und womöglich bald einen Körper.
Als 1962 „The Jetsons“ ausgestrahlt wurde, war Rosie, die Roboter-Haushaltshilfe, komische Zukunftsmusik. Das Gegenstück zu den „Flintstones“ zeigte Videotelefonie, Bildschirmuhren und ein Leben auf Knopfdruck. Sechs Jahrzehnte später tragen wir vieles davon am Handgelenk, stellen Rosie in unsere Wohnungen – und reden mit ihr.
Die Zeichentrickserie nahm die Technik vorweg. Nicht aber ihre ökonomische Tiefenschicht.
Scheinbare Empathie
Denn die künstliche Freundin von heute ist ein Produkt. Ihre Aufmerksamkeit ist skalierbar, ihre Zuwendung automatisierbar und ihre scheinbare Empathie stets verfügbar. Aus Aufmerksamkeitshandel wird Beziehungshandel. Vermarktet wird unser Bedürfnis, gesehen, verstanden und bestätigt zu werden.
Vielleicht ist „Merkantilisierung des Menschlichen“ dafür kein falscher Begriff. Präziser wäre: Industrialisierung der Intimität. Nähe wird als Dienstleistung erzeugt und ausgeliefert. Die Maschine liefert die Simulation; der Mensch bringt das echte Gefühl ein. Das Geschäft besitzt kein Herz. Aber es kennt dessen Marktwert.
Eine repräsentative US-Befragung unter 1.060 Jugendlichen ergab 2025: 72 Prozent hatten bereits KI-Begleiter genutzt; ein Drittel hatte sich bei ernsten Gesprächen schon eher für eine KI als für einen Menschen entschieden. Kein Beweis für eine verlorene Generation. Aber ein Signal.
Besonders ernst ist der Fall des 14-jährigen Sewell Setzer III aus Florida. Er starb im Februar 2024 durch Suizid, nachdem er über Monate eine emotionale Beziehung zu einem Chatbot geführt hatte. Seine Mutter warf dem Betreiber vor, der Bot habe eine Abhängigkeit erzeugt und zum Tod beigetragen. Anfang 2026 kam es zu einem Vergleich; die Bedingungen blieben geheim. Eine gerichtliche Feststellung der Ursache gibt es nicht. Diese Trennlinie muss sauber bleiben. Doch fehlendes Urteil bedeutet nicht fehlende Warnung.
Ein wirklicher Freund widerspricht
Ist es also bereits der Niedergang, wenn wir uns bei einer KI bedanken? Nein. Höflichkeit ist keine Gabe an die Maschine, sondern eine Form, die wir uns selbst geben. Wer auch gegenüber einem leblosen System nicht verroht, schützt seine eigene Sprache. Die rote Linie verläuft dort, wo aus Höflichkeit Vertrauen, aus Vertrauen Bindung und aus Bindung Abhängigkeit wird. Wo wir vergessen, dass hinter „Ich bin für dich da“ niemand da ist. Kein Bewusstsein wacht, kein Freund sorgt sich.
Ein wirklicher Freund widerspricht und missversteht. Er hat Sorgen, Grenzen und manchmal keine Zeit. Gerade diese Zumutungen machen Beziehung wirklich: Im anderen begegnet uns ein eigener Wille. Der künstliche Freund kann zum Spiegelkabinett werden. Er gibt zurück, was zu uns passt, und wir halten die Eleganz des Echos für Zuneigung. Wo nur einer verwundbar ist, gibt es keine Freundschaft, sondern eine Versuchsanordnung.
Goethes Zauberlehrling klagte: „Die ich rief, die Geister, / Werd ich nun nicht los.“ Unser Besen bringt keine Wassereimer, sondern Worte. Die Not beginnt, wenn er uns so vollkommen dient, dass der Mensch daneben als anstrengende Fehlkonstruktion erscheint. Schiller schrieb, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Also sollten wir fragen: Üben wir mit der Maschine Menschlichkeit? Oder gewöhnen wir uns an Nähe, die nichts fordert, riskiert und empfindet?
Eine Kultur der Unterscheidung
Wir brauchen keine Maschinenstürmerei. Künstliche Intelligenz kann Arbeit beschleunigen, Wissen erschließen und von Routine entlasten. Der Hammer ist nicht schuld, wenn jemand ihn für einen Freund hält.
Aber wir brauchen eine Kultur der Unterscheidung. Ein Werkzeug darf sprechen, ohne eine Seele zu besitzen. Es darf helfen, ohne zu lieben. Und wir dürfen höflich sein – solange wir wissen, dass dies etwas über uns, nicht über die Maschine, erzählt.
Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass Künstliche Intelligenz eines Tages menschlich wird. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass der Mensch sich vorher mit ihrer Simulation zufriedengibt.
Manche Menschen fühlen sich im Kommentarbereich wohl. Der eigentliche Artikel darüber interessiert sie dabei weniger. Warum ist das so? - Foto: simonapilolla/iStock
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein relativ neues Genre von Internetinhalten herausgebildet. Man könnte es treffender als „Meta-Inhalte“ bezeichnen – also Inhalte über Inhalte. Ich beziehe mich auf die Kommentarbereiche unter YouTube-Videos, Nachrichtenartikeln und Social-Media-Beiträgen – eine chaotische Umgebung, die abwechselnd humorvoll, herzzerreißend und erschreckend ist.
„Ein Kommentar ist weit mehr als eine stille Erweiterung eines Beitrags – er offenbart das Wesen einer Community und deren Werte“, schrieb Laurent Francois, Kreativstratege und Social-Media-Experte für Luxus- und Lifestyle-Marken. „Er ist zu einem Medium innerhalb des Mediums geworden.“
Kommentarbereiche mit ihren schrägen Witzen, leidenschaftlichen Debatten und überraschenden Perspektiven sind zu einem so lebendigen Bestandteil des Online-Diskurses geworden, dass sie manchmal sogar den Hauptinhalt (den Nachrichtenbeitrag, den Social-Media-Beitrag oder das Video, aus dem sie hervorgegangen sind) in den Schatten stellen.
Eine aktuelle Studie der University of Texas at Austin belegte, was viele bereits vermutet hatten: Eine große Zahl von Internetnutzern interessiert sich mehr für den Kommentarbereich als für den Artikel oder das Video selbst.
Wie Corinne Purtill für das Magazin „Quartz“ berichtete: „Mehr als die Hälfte der Menschen, die Kommentare zu Nachrichtenbeiträgen hinterlassen, verbringen laut der Studie genauso viel oder mehr Zeit mit den Kommentaren als mit dem eigentlichen Beitrag. … Fast 20 Prozent geben zu, mehr Zeit im Kommentarbereich zu verbringen als mit dem Beitrag selbst.“
Zwar meiden die meisten Nutzer die Kommentarbereiche von Nachrichtenseiten (teilweise wegen ihrer potenziellen Boshaftigkeit), doch gibt es immer noch eine beträchtliche Minderheit, die den Artikel kaum liest, bevor sie sich in den Kommentarbereich stürzt, um ihre Meinung zu äußern. Nutzer, die mindestens einmal pro Woche Kommentare hinterlassen, waren der Studie zufolge eher Männer und Personen mit einem High-School-Abschluss.
Der Kommentarbereich kann sogar für diejenigen attraktiv sein, die nicht vorhaben, ihre eigenen Ansichten zu teilen. Jeder dritte Nutzer überfliegt zumindest die Kommentare, auch wenn er nicht vorhat, selbst einen Kommentar zu hinterlassen. Ein Teil der Anziehungskraft hängt mit der Unvorhersehbarkeit dieser Bereiche zusammen. „Im besten Fall sind Kommentarbereiche blühende Beispiele für einen zivilisierten Diskurs“, schrieb Purtill. „Im schlimmsten Fall sind sie von Trollen befallene Gruben der Grausamkeit, Bigotterie und Ignoranz, in denen persönliche Angriffe und Beleidigungen als Dialog gelten.“
Als Autor bin ich sicherlich schon auf Fälle gestoßen, in denen Leser das, was ich geschrieben habe, völlig falsch interpretiert und mir die böswilligsten Absichten unterstellt haben. Gleichzeitig gab es zahlreiche Kommentatoren, die verstanden haben, was ich geschrieben habe, und mir dafür auf die freundlichste Art und Weise ihre Wertschätzung ausgedrückt haben. In Kommentarbereichen findet man beide Extreme.
Die meisten von uns haben wahrscheinlich schon einmal einen Dialog in einem Kommentarbereich mit entsetztem Interesse, mit Gelächter oder vielleicht sogar mit einem echten Gefühl menschlicher Solidarität verfolgt. Manche Menschen zeigen sich in Kommentarbereichen überraschend verletzlich und berichten von tiefen persönlichen Kämpfen oder Verlusten.
Der Kommentarbereich wird teils auch dafür genutzt, ganz persönliche Einblicke zu geben.
Foto: dusanpetkovic/iStock
Wahrscheinlich gibt ihnen die relative Anonymität das Gefühl, sich online auf eine Weise öffnen zu können, wie sie es persönlich niemals könnten. Solche Kommentare sind kurz und gewähren flüchtige Einblicke in die verborgenen Sorgen, die wir mit uns tragen – normalerweise verborgen unter dem Mantel des Alltags und gesellschaftlicher Erwartungen. Online durchbrechen Offenheit und sogar Verletzlichkeit manchmal die Fassade.
Warum sind diese Online-Dialogräume so verlockend? Auf Reddit, dem „Kommentarbereich“ par excellence, schrieb ein Nutzer: „Warum willst du die Kommentare lesen? Wahrscheinlich, um menschliche Verbindung zu suchen, d. h., um die Leere der Einsamkeit zu füllen.“
Ein anderer Reddit-Nutzer meinte, der Grund, warum sich die Leute direkt den Kommentarbereichen zuwenden, sei, dass sie dadurch einen Dopamin-Kick bekommen. „Man wird durch das Neue belohnt (Dopamin-Schub!). Kommentare sind immer neu und anders, und manchmal sind sie sogar richtig, richtig gut (was EXTRA lohnend ist, da probabilistische Belohnungen beim Training noch besser wirken als sichere, kleine Belohnungen). Man wurde also darauf trainiert: ‚Wenn ich zu den Kommentaren nach unten scrolle, bekomme ich einen Dopamin-Schub.‘ Also scrollt man weiter.“
Eine andere weit verbreitete Meinung wird von einem dritten Kommentator in dem Reddit-Thread zum Ausdruck gebracht: „Mir ist klar geworden, dass ich in gewisser Weise sehen will, was andere denken, um meine eigenen Meinungen zu bestätigen, was völlig daneben ist.“
Manchmal sind die Kommentarbereiche einfach unterhaltsamer als der Inhalt selbst. Ein Beispiel dafür ist das Genre der absichtlich witzigen Amazon-Rezensionen. Dabei handelt es sich um offensichtlich übertriebene und absurde Scheinkritiken zu seltsamen Produkten auf Amazon, wie etwa einem UFO-Detektor, einer Pferdemaske und dem Buch „How to Avoid Huge Ships“ (dt. etwa: „Wie man großen Schiffen ausweicht“). Um diese Produkte hat sich eine kleine Kult-Anhängerschaft gebildet – nicht wegen der Produkte selbst, sondern wegen der zum Schreien komischen Kommentare dazu, bei denen jeder Nutzer versucht, die anderen an Kreativität und Humor zu übertreffen.
Für manche ist der Kommentarbereich eine ganz eigene Subkultur, in der sie Spaß mit Gleichgesinnten haben können.
Foto: fizkes/iStock
Humor kann auch mit gesellschaftskritischen Anmerkungen, Satire oder politischem Widerstand verbunden sein. Ich habe einmal beobachtet, wie eine Gruppe von Tolkien-Fans die von Tolkien inspirierte Streaming-Serie von Amazon „The Rings of Power“, regelrecht verriss, indem sie abwegige Kommentare zu einer Reihe von YouTube-Trailern der Serie veröffentlichte.
Die Kommentatoren etablierten eine feste Formel, bei der sie eine absurde Sequenz, die in der eigentlichen Serie gar nicht vorkommt, als ihren „Lieblingsteil“ bezeichneten. Es war eine ausgeklügelte und spielerische Art, das zu verspotten, was Fans in der neuen Adaption als Untreue gegenüber Tolkiens Werk empfanden. Und es wurde unglaublich beliebt, sodass einige Kommentarbereiche unter „Rings of Power“-Videos fast ausschließlich aus diesen urkomischen, spöttischen Kommentaren bestanden.
„Der Rattenfänger von Hameln“ – eine alte deutsche Sage aus dem 13. Jahrhundert, wurde auch von den Gebrüdern Grimm aufgegriffen. Das Verschwinden von 130 Kindern der Stadt hatte in den ältesten Überlieferungen eher mit einem flötespielenden Verführer und später mit dem Teufel als mit einer Rattenplage zu tun. Märchen gehörten in der Vor-Internet-Ära zur Grundausstattung der Kindheit – eine Art Offline-Dopamin-Kick mit Lerneffekt. Heutzutage ist Unterhaltung oft mehr oberflächlicher Natur und schnelllebig.
Foto: NGvozdeva/iStock
Digitale „Brotkrumen“ sammeln
Während ich mich von Video zu Video klickte und die Gegenreaktion der Fans auf die Serie verfolgte, beschäftigte ich mich mit dem, was Laurent Francois als „Kommentar-Surfen“ bezeichnet: „die Praxis, einem Kommentar-Faden von einem Video zum nächsten, von einem Account zum nächsten zu folgen, so als würde man Brotkrumen durch einen digitalen Wald verfolgen.“ Er erklärt: „Es ist nicht der Beitrag, der uns in seinen Bann zieht, sondern der Kommentar, der Neugier weckt und uns dazu anregt, ‚den Kontext‘ zu ergründen.“
Die Meta-Inhalte rund um die „Rings of Power“-Videos boten Tolkien-Fans einen Raum, sich miteinander zu vernetzen, sich gegen die kommerzielle Ausbeutung geliebter Literatur zu wehren und für Lacher zu sorgen. Kommentarbereiche wie jene unter den „Rings of Power“-Videos sind zu Mikrogemeinschaften geworden, mit eigenen Sprachen und Bräuchen. Mit Francois’ Worten: „Ein Kommentar ist ein Medium innerhalb eines Mediums. … Der Kommentar ist nicht mehr nur eine Reaktion – er ist ein Teil der kulturellen Weitergabe.“ Diese Weitergabe umfasst das Reflektieren und sogar das Verändern der Botschaft oder Geschichte, die im Primärinhalt enthalten ist. Kommentare „bereichern den Kontext, verdrehen Bedeutungen und erzählen Geschichten innerhalb der Geschichte.“
Clevere Marken und Influencer haben begonnen, diese neue Form des Diskurses zu ihrem Vorteil zu nutzen und eine für ihre Produkte spezifische „Kommentarkultur“ zu entwickeln. Aus Marketingsicht können Kommentare ein wirkungsvolles Instrument sein, um das Publikum einzubinden, Meinungen zu mobilisieren und Markenimages aufzubauen. (Das sollte sich „Rings of Power“ zu Herzen nehmen.)
Die Höhen und Tiefen der Kommentarbereiche spiegeln eine Form der kulturellen Teilhabe wider, die nur im Internetzeitalter existieren kann. In kurzen, oft grammatikalisch fehlerhaften Einwürfen sehen wir die Menschlichkeit oft lebendiger zum Ausdruck kommen, als wir es im realen Leben tun würden – sowohl das Gute als auch das Schlechte.
Online-Kommentarbereiche haben zweifellos die Qualität des öffentlichen Diskurses verschlechtert und zu voreiligen Urteilen, irrationalen persönlichen Angriffen und alarmistischen Klagen geführt. Aber sie bieten auch Raum für bürgerschaftliches Engagement, gesellschaftliche Kommentare sowie menschliche Solidarität und Mitgefühl in einem schrägen, unvorhersehbaren Format.
Es ist ein wilder Ort – der Dschungel der Internetkommentare. Aber es überrascht wohl kaum, dass manche Menschen sich mehr zu diesem widerspenstigen Gewirr hingezogen fühlen, in dem sowohl die Blumen als auch die Dornen der Menschheit zur Schau gestellt werden, als zu dem Artikel oder Video, um das es sich dabei eigentlich dreht.
Früher lernten Mädchen schon in jungen Jahren, was sie für das Muttersein brauchten – und die Familie unterstützte sie dabei. - Foto: Lumi Liu/The Epoch Times
Nachdem sie Mutter geworden war, weinte Maggie Gordon-Walker jeden Tag, hielt es aber verborgen. Sie fühlte sich nicht unwohl, aber sie fühlte sich auch nicht wie sie selbst.
Ein anspruchsvolles Baby, schlaflose Nächte, Momente des Zweifels – all das lässt sich leichter bewältigen, wenn man es mit anderen teilen kann. Doch Gordon-Walker hatte niemanden, der ihr half, den lebensverändernden Übergang zum Muttersein zu verstehen.
Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war das Muttersein nichts, was Frauen auf eigene Faust lernten. Die Kinderbetreuung wurde innerhalb von Familien und Gemeinschaften aufgeteilt. Großmütter, Tanten, Geschwister und Nachbarn spielten eine aktive Rolle und schufen ein System, in dem Wissen im Alltag weitergegeben wurde. Mütter lernten, indem sie Teil der Gemeinschaft waren.
Eine Großmutter schaut sich in den 1940er-Jahren mit ihrer kleinen Enkelin ein Bilderbuch an.
„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, heißt es dazu im Volksmund. Frauen lernten die Grundlagen des Mutterseins, indem sie sich in diesem Umfeld bewegten.
Gebären, Stillen, das Beruhigen eines weinenden Babys oder die Führung eines Haushalts mit mehreren Kindern – all das waren keine separaten Lektionen, sondern Teil des täglichen Lebens. In größeren Familien, die die Norm waren, gab es immer viele helfende Hände.
Ältere Schwestern lernten, Babys auf der Hüfte zu tragen, während sie sich um die Kleinkinder kümmerten. Jüngere Kinder erhielten kleine, altersgerechte Aufgaben. Kochen, Putzen und die Organisation des Haushalts wurden nach Alter, Geschlecht und Fähigkeiten aufgeteilt. Alle halfen mit.
Depression und Einsamkeit
Heutzutage ist im Westen ein dörfliches Umfeld selten. Familien leben heute über Städte, Bundesländer und Länder verstreut. Viele Frauen müssen ihre Kinder weit entfernt von dem Ort großziehen, an dem sie selbst aufgewachsen sind. Wissen über Kindererziehung wird heute eher durch Artikel, Bücher, Experten und Online-Ratschläge vermittelt als durch den jahrelangen engen Kontakt zu älteren Generationen.
Da die Unterstützung durch mehrere Generationen nicht mehr in der Familienstruktur verankert ist, lastet ein Großteil der Mühen des Mutterseins auf einer einzigen Person.
Das hat seine Folgen: Die Rate der Wochenbettdepressionen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.
Das erste Jahr aus nächster Nähe
„Das Leben als junge Mutter wird in unserer Gesellschaft oft romantisiert“, sagte Dr. Susan Hatters-Friedman, eine Psychiaterin für perinatale psychische Erkrankungen (PPE), gegenüber Epoch Times. „Von Müttern wird erwartet, dass sie glücklich sind.“
Die Realität sieht jedoch so aus, dass ein Neugeborenes meist alle paar Stunden oder öfters etwas braucht. Der Schlaf ist unterbrochen und der Körper der Frau erholt sich noch. Die Gefühle können von einem Moment zum nächsten schnell umschlagen. Das erste Jahr ist ein Kreislauf aus Füttern, Beruhigen und dem Herausfinden, wie es weitergeht – oft ohne viel Zeit, um das alles zu verarbeiten.
„Es finden gleichzeitig biologische, psychologische und soziale Veränderungen statt“, meinte Anne Welsh, eine auf die psychische Gesundheit von Müttern spezialisierte klinische Psychologin, zu Epoch Times. Eine Frau erlerne die Babypflege und gewöhne sich parallel dazu an eine neue Version ihrer selbst.
Sei eine Frau mit anderen Müttern in Kontakt, würde sich diese Erfahrung in Gesprächen und einem gemeinsamen Verständnis widerspiegeln.
„Wenn niemand da ist, der diese Erfahrung widerspiegelt, kann man sich unglaublich einsam fühlen“, sagte Welsh. „Nach außen hin kann alles sehr kompetent und gefasst wirken. Im Inneren herrscht oft Erschöpfung und das Gefühl, damit ganz allein zu sein.“
Einsamkeit hat eine klinische Bedeutung. So steigt das Risiko für postpartale Depressionen und Angstzustände, wenn beständige Unterstützung fehlt. Das Fehlen zwingt viele Frauen dazu, über ihre Gefühle zu schweigen.
So ging es auch Gordon-Walker. Nach außen hin gab sie vor, dass alles in Ordnung sei, doch innerlich brach sie zusammen.
Gordon-Walker gründete schließlich „Mothers Uncovered“, eine von Gleichgesinnten geleitete Müttergruppe.
Was Müttergruppen bieten, ähnelt der ursprünglichen Form des Dorfes. Es finden Gespräche in Echtzeit zwischen Frauen statt, die sich in derselben Situation befinden. Sie besprechen, was funktioniert und was nicht, sowie die Fragen, die neue Eltern nachts wachhalten.
Gordon-Walker ist nicht die Einzige mit einem Bedarf an Gemeinschaft. „Mütter kommen immer wieder, weil sie sich gesehen, unterstützt, gefeiert und wirklich geschätzt fühlen“, sagte Cindy Utterback der Epoch Times. Sie ist Vorsitzende der Muttergruppe „Posh Mama Club“ in Kalifornien.
Vertrautheit schaffe Struktur. Die Frauen würden sich austauschen, in Kontakt bleiben und sich daran erinnern, was in der Woche zuvor besprochen wurde. Obwohl die Gespräche kurz seien, könnten die Frauen eine Verbindung zu anderen Müttern aufbauen, die sich verlässlich anfühlt.
„Diese Geborgenheit hilft ihnen, aus sich herauszukommen, stärker und selbstbewusster zu werden. Einige von ihnen übernahmen sogar Führungsrollen in unserer Gemeinschaft“, sagte sie.
Warum gegenseitige Unterstützung funktioniert – und wo ihre Grenzen liegen
Studien zufolge verringert beständige gegenseitige Unterstützung das Risiko psychischer Probleme und stärkt das Selbstvertrauen einer Mutter in den ersten Monaten nach der Geburt.
Insbesondere wenn Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel und in den ersten sechs Monaten nach der Geburt über ein starkes Unterstützungsnetzwerk verfügen, bringt es viele Vorteile. Sie
erleben weniger Stress und Ängste,
bewältigen die alltäglichen Anforderungen des Mutterseins konsequenter
und fühlen sich in ihrer neuen Rolle stabiler.
Es ändert nichts daran, wie sie ihr Baby pflegen. Wenn sich eine Mutter allerdings auf eine größere Gemeinschaft verlassen kann, beeinflusst es ihr Selbstbild und die Wahrnehmung ihrer Situation positiv.
Psychologin Welsh beschreibt die Unterstützung durch Gleichgesinnte als eine Form der Spiegelung: Die eigenen Erfahrungen in anderen Menschen widergespiegelt zu sehen, helfe dabei, das zu normalisieren, was sich sonst wie ein persönliches Versagen anfühlen könnte. In schwierigen Momenten frage eine Mutter nicht mehr: „Was mache ich falsch?“, sondern beginne zu erkennen, dass vieles, was sie erlebe, Teil des Prozesses sei.
Moderne Müttergruppen haben jedoch ihre Grenzen. Sie erfordern insbesondere Aufwand. Unterstützung muss gesucht, geplant und aufrechterhalten werden – und das in einer Phase, in der Zeit und Energie ohnehin schon knapp sind. Diese zusätzlichen Schritte könnten es erschweren, Kontinuität aufrechtzuerhalten.
Kontinuität sei aber genau das, was Unterstützung sinnvoll mache, meinte die PPE-Psychiaterin Hatters-Friedman dazu. Eine sporadische Beziehung habe nicht denselben schützenden Effekt wie die beständige, allgegenwärtige Präsenz, die früher entstand, als man nahe der Familie lebte.
Es gibt auch eine Generationskluft, die Gruppen nicht ohne Weiteres überbrücken könnten. Als Familien noch größer und stärker in Gemeinschaften eingebettet waren, nahmen Kinder Wissen über Jahre hinweg langsam auf, indem sie den Älteren zuschauten – eine informelle Lehre, die heute nicht mehr stattfindet.
„Dörfer“ wieder aufbauen
Neben Müttergruppen denken Mütter über verschiedene Wege nach, ihre eigenen „Dörfer“ wieder aufzubauen.
Für manche Frauen beginnt das mit formellen Gruppen wie kirchlichen Treffen, Spielgruppen in der Nachbarschaft und strukturierten Organisationen.
Für andere ist es weniger formell: eine kleine Gruppe von Frauen, die sich regelmäßig trifft, oder ein paar Freundinnen, die sich verpflichten, sich gegenseitig nach dem Befinden zu erkundigen.
Ein wöchentlicher Spaziergang oder sogar ein kurzer Anruf können dazu beitragen, die nötige Beständigkeit aufzubauen, damit Mütter Wege finden, mit ihrer neuen Lebenssituation besser zurechtzukommen.
Monatelange Isolation kann Konflikte in Gruppen verstärken, zeigt eine Studie aus der Antarktis. - Foto: Jessica Studer/EurekAlert/dpa
Wenn Menschen monatelang unter Extrembedingungen in einer kleinen Gruppe leben, hat das weitreichende Auswirklungen auf die Psyche. Das zeigt eine Studie an der Besatzung einer entlegenen Antarktis-Forschungsstation.
„Bei längerer Isolation stärkt ständige Nähe Beziehungen nicht unbedingt, sondern kann viel mehr Spannungen, Misstrauen und psychische Belastungen verstärken“, berichten Forschende mehrerer Universitäten, darunter Zürich, Bern und Würzburg, in der Fachzeitschrift „PNAS“ („Proceedings of the National Academy of Sciences“).
Dies sollte man bei künftigen Weltraummissionen berücksichtigen.
Das Autorenteam untersuchte zehn Monate lang die zwölfköpfige Besatzung der französisch-italienischen Antarktisstation Concordia, die an einem der entlegensten Orte der Erde auf etwa 3.200 Metern Höhe liegt. Dabei ging es unter anderem um Teamdynamik, soziales Miteinander, Misstrauen und Einsamkeit.
Fazit: „Unter Extrembedingungen nehmen Einsamkeit, Misstrauen und Konflikte zu, während Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit sinken“, schreibt die maßgeblich beteiligte Universität Bern.
„Wir haben in der Gruppe deutliche Paranoia gemessen“
Weil ein Zugang im antarktischen Winter von Mitte Februar bis Mitte November nicht möglich ist, lebte und arbeitete die Besatzung in völliger Abgeschiedenheit.
Die zwölf Forscher trugen Sensoren, die erfassten, wann sie sich wie lange mit wem trafen, und sie füllten mehrfach Fragebögen aus.
Einige Teammitglieder hätten nach ein paar Monaten geglaubt, dass andere über sie sprechen oder sie beobachten würden, berichtet der Würzburger Psychiater Sebastian Walther. Diese Personen hätten angenommen, dass die anderen ihr Schaden wollten, sagte Walther der dpa.
Er wertet dies nach gängigen Kriterien als Paranoia, die es auch in leichter Ausprägung gebe: „Wir haben in der Gruppe der Expedition deutliche Paranoia gemessen. Aber das ist natürlich weit entfernt von einem paranoiden Verfolgungswahn wie bei schweren psychischen Erkrankungen.“
Wichtige Erkenntnisse für Langzeit-Weltraummissionen
Und auch mehr physische Nähe wirkte sich nicht automatisch positiv auf die Antarktiscrew aus. „Personen mit vielen Kontakten berichteten häufiger von Konflikten, wachsendem Misstrauen und geringerer Leistungsfähigkeit“, fast die federführend beteiligte Universität Zürich (UZH) ein Resultat zusammen.
Denkbar sei, dass einsame Personen zwar vermehrt Kontakt suchen, dieser ihnen jedoch nicht ausreichend Unterstützung geboten habe.
Das Team sieht in den Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für geplante Langzeit-Weltraummissionen, etwas zu Mond und Mars, aber auch für andere extreme Arbeitsumgebungen wie etwa U-Boote und Offshore-Plattformen.
„Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, soziale Dynamiken früh zu erkennen und Teams gezielt zu unterstützen“, kommentierte UZH-Co-Autor Jan Schmutz. (dpa/red)