Categories
etplus gesellschaft meinung ticker

Die abweichende Meinung ist das neue Gold

Es gibt in diesem Land einen Satz, den täglich Tausende beginnen und den kaum jemand zu Ende bringt. Er lautet: „Ich weiß ja nicht, ob man das heute noch sagen darf.“
Und dann geschieht etwas, das man einmal in Ruhe beobachtet haben muss: Der Sprecher sieht sich um. Nicht panisch, eher beiläufig, so wie man prüft, ob man den Schirm dabei hat. Er taxiert den Tisch, die Gesichter, die Runde. Was er dabei wahrnimmt, ist kein Risiko für Leib und Leben. Es ist etwas Feineres: der Preis für Sympathie. Was kostet mich dieser Satz an Wärme, an Zugehörigkeit, an der stillen Versicherung, noch dazuzugehören? Er wird ihn nicht sagen, wenn dieser Preis zu hoch erscheint. Oder er sagt ihn halb, in jener weichgespülten Fassung, die niemanden verletzt, weil diese Fassung nichts mehr behauptet.
Um diesen Halbsatz soll es gehen.
Denn eine Gesellschaft geht nicht dadurch zugrunde, dass man ihr das Reden verbietet. Sie geht zugrunde, weil sie sich das Reden abgewöhnt: freiwillig, höflich, aus lauter Rücksicht, und mit dem angenehmen Gefühl, sich anständig zu verhalten. Politisch korrekt. PC eben.

Konsens aus Bequemlichkeit

Wer im Konsens aber eine Verschwörung vermutet, unterschätzt seine eigentliche Macht. Denn der Konsens braucht weder einen Plan noch einen Befehl. Er entsteht von selbst aus der Gewohnheit, aus der Anpassung und aus dem verständlichen Wunsch, nicht bei jeder Frage von vorn beginnen zu müssen.
Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke. Er nimmt uns Entscheidungen ab und bewahrt uns vor der Zumutung, ständig selbst prüfen zu müssen, was richtig sein könnte. Das ist verdammt bequem, und Bequemlichkeit gehört zu den wirksamsten Kräften, die uns Menschen lenken.
Wie weit diese Kraft reicht, zeigte der Psychologe Solomon Asch bereits in den 1950er-Jahren. In seinen Versuchen sollten Menschen beurteilen, welche von mehreren Linien der Länge einer vorgegebenen Vergleichslinie entspricht. Die richtige Antwort war ohne Mühe zu erkennen. Äußerten jedoch mehrere eingeweihte Teilnehmer zuvor geschlossen eine offensichtlich falsche Einschätzung, schloss sich ein beträchtlicher Teil der Versuchspersonen diesem Urteil an. Sie passten sich an.
Nicht, weil diese Menschen plötzlich schlechter sahen. Sondern weil es schwer ist, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, sobald alle anderen etwas anderes zu sehen behaupten. Der Konsens stiftet Gemeinschaft. Er gibt wohlige Sicherheit – und genau darin liegt auch seine bindende Kraft.

Die vermeintlich guten Gründe

Die Geschichte ist voll von Menschen, die den Raum verlassen haben, in dem alle einer Meinung waren.
Galileis Fall wird dabei allerdings gern falsch erzählt, als Licht gegen Finsternis. In Wahrheit hatten die Gelehrten seiner Zeit ein ausgezeichnetes Argument: Zöge die Erde tatsächlich ihre gewaltige Bahn um die Sonne, müssten sich die Fixsterne im Jahreslauf verschieben. Man sah nichts dergleichen. Der Einwand war korrekt, die Sterne waren nur unvorstellbar viel weiter entfernt, als irgendjemand ahnte. Die Lehre daraus: Der gefährlichste Konsens ist nicht der dumme. Es ist der, der vermeintlich gute Gründe hat!
Ignaz Semmelweis bemerkte 1847 in Wien, dass in der von Ärzten geführten Abteilung der Geburtsklinik weit mehr Frauen am Kindbettfieber starben als bei den Hebammen. Er zog den einzig möglichen Schluss und ordnete die Händedesinfektion an.
Die Sterblichkeit an Kindbettfieber brach von rund 18 auf 1 bis 2 Prozent ein. Man dankte es ihm nicht; man empfand seine Beobachtung als Beleidigung des Standes. Semmelweis starb 1865 in einer Anstalt – 17 Jahre, bevor die Bakteriologie ihm recht gab. Die Zahlen hatten von Anfang an gestimmt. Es hatte nur niemand Lust, sie zu lesen.

Unterschied zwischen Mehrheit und Beweis

Als 1931 eine Streitschrift zur Widerlegung der Relativitätstheorie mit dem Titel „Hundert Autoren gegen Einstein“ erschien, soll Einstein trocken bemerkt haben: Wäre er im Unrecht, hätte ein Einziger genügt.
Dieser Satz beschreibt den logischen Unterschied zwischen einer Mehrheit und einem Beweis. Eine Meinung wird nicht dadurch richtig, dass viele sie teilen. Sie wird dadurch nur teuer, ihr zu widersprechen.
Am 11. September 1933 erklärte Ernest Rutherford, der Entdecker des Atomkerns, wer aus der Umwandlung von Atomen Energie zu gewinnen hoffe, rede Unsinn.
Am nächsten Morgen las Leó Szilárd den Bericht, ging spazieren und begriff an einer Londoner Ampel, wie eine nukleare Kettenreaktion funktionieren müsste. Zwischen dem Urteil des bis dahin größten Fachmanns der Welt und seiner Widerlegung lagen ein Tag und ein Fußgängerübergang.
Die Kunst ist kein besserer Ort: Als Dave Brubecks Quartett ein Album ausschließlich mit ungeraden Taktarten vorlegte, hielt die Plattenfirma das für ein Experiment ohne Publikum. Tanzen könne man dazu nicht und was man nicht tanzen könne, kaufe niemand. Dann erschien „Take Five“, im Fünfvierteltakt geschrieben von Paul Desmond, und wurde die meistverkaufte Jazz-Single der Geschichte.
Nun die nüchterne Wahrheit, die das hohe Lied erst glaubwürdig macht: Die meisten, die dem Schwarm widersprechen, irren. Für jeden Semmelweis gibt es tausend Erfinder des Perpetuum mobile. Aber niemand, kein Gremium und kein Ministerium kann vorher wissen, welcher der tausend Sonderlinge der eine ist.

Die Meinung, auf die es ankommt

John Stuart Mill hat daraus 1859 die einzige haltbare Folgerung gezogen: Wir schützen die abweichende Meinung nicht, weil sie recht hat, sondern weil sie recht haben könnte. Wir müssen sie schützen, weil sie selbst im Irrtum meist ein Körnchen enthält, das der herrschenden Ansicht fehlt; und weil eine Wahrheit, die nie mehr bestritten wird, zu einem Bekenntnis erstarrt, das man nachplappert, ohne zu wissen, warum.
Wer den Preis des Widersprechens auch nur ein wenig erhöht, bekommt nicht weniger falsche Meinungen. Er bekommt einfach weniger Meinungen. Und unter denen, die dann fehlen, ist statistisch zwingend die eine, auf die es angekommen wäre.
Schlagen Sie Stellenanzeigen aus den Jahren um 2010 auf. Dort stand: „Wir suchen Querdenker.“ Es war das höchste Lob der Wirtschaft. Der Querdenker war der, der im Meeting die Frage stellte, die alle für erledigt hielten. Man stellte ihn ein, obwohl er unbequem war, und beförderte ihn, gerade weil er es war. Wer quer dachte, war teuer. So wurden oft auch Stars geboren. Innerhalb weniger Jahre wurde aus diesem Ehrentitel ein Vorwurf, aus dem Kreativen der Querulant.
Wer heute in einer Konferenz quer denkt, denkt einen Moment lang mit daran, wie das aussieht. Und so gilt in der Politik: Wer die Bedeutung eines Wortes beherrscht, beherrscht, was ohne Kosten gedacht werden kann. Das ist die billigste Form der Macht, und sie kommt ohne einen einzigen Paragrafen aus.

Gefangen in der Schweigespirale

Die Folgen werden aktuell gemessen: Kann man in Deutschland seine politische Meinung frei sagen, oder ist es besser, vorsichtig zu sein? Anfang der 1990er-Jahre antworteten fast vier von fünf Bürgern: „frei“.
Im Herbst 2025 waren es nach Allensbach noch 46 Prozent; 44 Prozent rieten zur Vorsicht. Die Mehrheit dieses Landes zählt sich also nicht mehr zu denen, die frei sprechen.
Elisabeth Noelle-Neumann hat den Mechanismus „die Schweigespirale“ genannt: Menschen spüren mit feinem Sinn, welche Meinung im Fallen ist, und verstummen, lange bevor sie in der Minderheit sind. Ihr Schweigen wird als Zustimmung gelesen, was das Schweigen verstärkt. Die Spirale dreht sich, ohne dass jemand sie drehen müsste.
Darum, ohne Zögern und ohne Angst: Die abweichende Meinung ist das Gold unserer Tage. Nicht, weil sie schöner glänzte, sondern weil sie selten ist, und weil das, worauf es später einmal ankommt, immer in ihr steckte und in keinem Konsens je gefunden wurde.
Man muss dieses Gold nicht anbeten. Man muss es aushalten, auch wenn es in einer Hand liegt, die man nicht schätzt.
Man muss die Menschen ehren, die es wagen, und den Mut haben, den es kostet. Und man muss, wenn es so weit ist, am Tisch sitzenbleiben, den Blick nicht senken und den Satz zu Ende sprechen.
Categories
etplus meinung ticker

Der Mut zur Endlichkeit – und zur Fülle des Lebens

Im Jahr 399 v. Chr. trat ein betagter Mann vor die Geschworenen des Heliaia, des obersten Gerichts Athens. Ihm wurden Gottlosigkeit und die Verführung der Jugend vorgeworfen. Der etwa 70-jährige Angeklagte beteuerte seine Unschuld. Sein einziges „Vergehen“, so erklärte er, bestehe darin, dass er aufgezeigt habe, dass die angesehensten Männer Athens in Wahrheit töricht seien, „während manche weniger angesehene Männer tatsächlich weiser und tugendhafter waren“.
Die Anklage sah die Todesstrafe vor. Dennoch machte der Angeklagte unmissverständlich klar, dass er weder den Prozess noch den Tod fürchtete, schließlich hatte er bereits die Schlachten von Potidaia, Delion und Amphipolis überlebt. Ebenso wenig war er bereit, sich selbst oder Athen zu erniedrigen, indem er vor den Geschworenen um Gnade flehte, um seinen Hauptankläger Meletos zu besänftigen. Es widerspräche jeder Vernunft, die Wahrheit zu verleugnen, nur um das eigene Leben zu retten, erklärte er.
„Ich habe Männer von großem Ansehen gesehen, die sich nach ihrer Verurteilung auf die sonderbarste Weise verhielten“, sagte Sokrates zu den Geschworenen. „Sie schienen zu glauben, dass ihnen mit dem Tod etwas Schreckliches widerfahren werde – und als könnten sie unsterblich werden, wenn ihr sie nur am Leben ließt.“
Auch heute noch lesen wir Platons „Apologie“, in der diese Szene festgehalten ist und die in unzähligen Einführungskursen in der westlichen Philosophie behandelt wird. Meine Nichte, die an der University of Wisconsin im US-Bundesstaat Milwaukee studiert, brachte den Text kürzlich in den Osterferien mit nach Hause.
Es gibt zahlreiche Gründe, warum dieses Werk bis heute Bestand hat. Es ist kurz und es ist von großer historischer Bedeutung. Zudem wirft es grundlegende Fragen zur moralischen Integrität im Angesicht von Macht auf. Doch seine anhaltende Faszination beruht auf einer noch viel tiefgehenderen Frage: Wie sollten Menschen dem Tod begegnen?
Der Tod ist gewiss. Wir werden geliebte Menschen verlieren und auch wir selbst werden sterben. Ob mit dem Tod das Bewusstsein endet oder ob er „nichts weiter als ein Wandel des Geistes“ ist, um eine Formulierung von James Madison aufzugreifen, bleibt zumindest den Lebenden unbekannt. Er ist das „unentdeckte Land“, wie William Shakespeare schrieb, „aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“.
Diese Worte stammen aus „Hamlet“, dem wohl größten jemals geschriebenen Theaterstück. Der Tod ist sein zentrales Thema. Das Drama beginnt, als der Prinz von Dänemark vom Geist seines Vaters heimgesucht wird. Dieser offenbart ihm, dass er von seinem Bruder ermordet wurde. Damit setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die schließlich zum Tod aller Hauptfiguren führt.
Shakespeare griff das Thema Tod immer wieder auf, unter anderem in Werken wie „Macbeth“ und „Romeo und Julia“. Mit dieser Thematik stand er keineswegs allein da.
„Menschliche Geschichten“, so stellte J. R. R. Tolkien fest, „drehen sich doch praktisch immer um ein und dasselbe, nicht wahr? Um den Tod.“
Tolkien hatte Recht. Die größten Geschichten aller Zeiten drehen sich um den Tod, darum, wie Menschen ihm begegnen oder mit Verlust umgehen.
In „Braveheart“ greift William Wallace nach der Ermordung seiner Frau durch einen englischen Soldaten zu den Waffen und stellt sich an die Spitze des schottischen Widerstands. In „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ riskiert Éowyn ihr Leben, um den Hexenkönig zu töten, nachdem ihr Onkel Théoden gefallen ist. Und in „Wonder Woman“ opfert Steve Trevor sein Leben, indem er ein mit Giftgas beladenes Flugzeug fortsteuert und zahllose andere rettet.
Die Erkenntnis aus diesen Geschichten ist eindeutig: Wenn Menschen aufhören, den Tod zu fürchten, sind sie zu Außergewöhnlichem fähig. Dennoch ist die Angst vor dem Tod weitverbreitet.
Viele halten diese Furcht für ganz natürlich. Sokrates widersprach jedoch. Er bezeichnete die Todesfurcht als „den Schein der Weisheit“ und merkte an: „Aber die Menschen fürchten den Tod, als wüssten sie gewiss, dass er das größte Übel sei, dabei weiß ja niemand, ob nicht der Tod das größte Gut für den Menschen ist.“
Sokrates hat aus unseren Geschichten dieselbe Lehre gezogen: „Wenn wir keine Angst mehr vor dem Tod haben, können wir unser Leben in vollen Zügen genießen.“ Er war jedoch nicht der einzige Lehrmeister, der diese Wahrheit erkannt hat.
„Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren“, so Jesus von Nazareth im Evangelium nach Matthäus.
Die Auffassung, dass wir erst dann ein erfülltes Leben führen können, wenn wir den Tod akzeptieren, taucht auch in anderen religiösen Texten auf und findet sich zudem in modernen Filmen wieder. So bildet sie die Prämisse von David Finchers Psychothriller „The Game – Das Geschenk seines Lebens“ aus dem Jahr 1997 mit Michael Douglas und Sean Penn in den Hauptrollen. Der Film endet damit, dass der wohlhabende, aber isolierte Investmentbanker Nicholas Van Orton (Douglas) wiedergeboren wird, als er glaubt, sein Leben zu verlieren.
Ward Farnsworth, Dekan der juristischen Fakultät der University of Texas, stellt in seinem Buch „The Practicing Stoic“ fest, dass die Überwindung der Angst vor dem Tod ein zentrales Ziel der stoischen Philosophie war.
„Eher auf den Tod als auf das Leben müssen wir uns vorbereiten“, schrieb auch Seneca in „Briefe an Lucilius“, Brief 61,2.
In der griechischen Tradition war die Art und Weise, wie man dem Tod begegnete, von so großer Bedeutung, dass viele glaubten, das Leben eines Menschen könne erst nach dessen Tod beurteilt werden. Im 16. Jahrhundert berichtete Montaigne von einer Anekdote über den thebanischen Feldherrn Epaminondas (4. Jahrhundert v. Chr.). Dieser wurde gefragt, wen man höher schätzen solle: ihn selbst oder die athenischen Feldherren Chabrias und Iphikrates.
„Ihr müsst uns erst sterben sehen, bevor ihr euch entscheidet“, erwiderte Epaminondas.
Einer modernen Leserschaft erscheint dieser Fokus auf den Tod vielleicht seltsam. Doch die Menschen der Antike wussten, dass die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit unverzichtbar ist, um ein erfülltes Leben zu führen.
Im modernen Leben vergisst man das jedoch leicht. Der durch den Kapitalismus geschaffene Wohlstand – eine höhere Lebenserwartung, fortschrittliche Medizin, Nahrungsmittel im Überfluss und materieller Komfort – hat uns von der Unmittelbarkeit des Todes entfernt. Zweifellos sind das Errungenschaften, die es zu feiern gilt. Doch sie machen es auch leichter, sich vor der Realität des Todes zu verstecken. Dieses Problem wird durch kulturelle Trends, die den Tod eher in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen als in das eigene Zuhause verlagern, noch verschärft.
„Die Sterblichkeit bleibt eine unausweichliche Tatsache“, stellte der Filmemacher Caylan Ford fest, „aber sie wurde gezähmt, entschärft und an den Rand unseres Bewusstseins verbannt.“
Diesem Trend sollte man kritisch begegnen. Die Anerkennung der Sterblichkeit befreit uns und prägt unsere Werte. Wenn wir die Unausweichlichkeit des Todes anerkennen und lernen, ihn nicht zu fürchten, können wir ein erfüllteres Leben führen.
Kaum jemand verdeutlicht dies besser als Sokrates.
Trotz einer überzeugenden Verteidigung, in der dargelegt wurde, dass er weder gotteslästerlich noch ein Verderber der Jugend war, befand ihn das Gericht für schuldig und lehnte sein Angebot, eine Geldstrafe zu zahlen, ab. Da er zu alt war, um ins Exil zu gehen, nahm Sokrates sein Todesurteil unerschrocken hin.
Manch einer würde es als tragisches Ende bezeichnen – und das war es auch. Aber es war zugleich mutig und inspirierend. Deshalb lesen und diskutieren wir es noch heute, fast 2.500 Jahre später.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Courage to Face Death—and Live Fully“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
Categories
gesellschaft meinung ticker

„Genug gearbeitet“ – Vertrauen: Warum KI ohne Kultur Misstrauen verstärkt

Technik verändert nicht nur Arbeit. Sie verändert Vertrauen. Sobald KI im Unternehmen genutzt wird, entstehen neue Fragen: Wer hat was geschrieben? Was wurde geprüft? Welche Daten wurden verwendet? Ist das noch meine Leistung? Kann ich mich auf das Ergebnis verlassen?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, wächst Misstrauen. Nicht unbedingt laut. Eher leise: Menschen nutzen KI heimlich. Andere lehnen sie grundsätzlich ab. Führungskräfte wissen nicht, was passiert. Kunden merken vielleicht, dass Texte glatter, aber unpersönlicher werden. Und plötzlich ist KI nicht Entlastung, sondern ein neues Konfliktfeld.
Die technische Einführung ist oft einfacher als die kulturelle. Ein Zugang ist schnell gekauft. Vertrauen muss erarbeitet werden.
Ein Team berichtete, dass Mitarbeiter KI nutzten, aber niemand darüber sprach. Die einen fühlten sich schlauer, die anderen betrogen. Dann stellte die Führung eine einfache Regel auf: „Wir sprechen offen über KI-Nutzung, wenn sie für Ergebnis, Qualität oder Verantwortung relevant ist.“ Das nahm Druck heraus. Es ging nicht mehr um Erlaubnis oder Verbot, sondern um Professionalität.
Vertrauen braucht drei Klärungen:
  • Transparenz: Wann ist KI beteiligt und wann muss das sichtbar sein?
  • Verantwortung: Wer prüft und entscheidet am Ende?
  • Grenze: Welche Informationen bleiben grundsätzlich draußen?
Genug gearbeitet. Genug so getan, als sei Vertrauen ein weiches Thema, während neue Technik die Zusammenarbeit verändert.
Führungskräfte müssen dabei selbst Vorbild sein. Wer KI nutzt, sollte nicht so tun, als sei alles selbst entstanden. Wer KI ablehnt, sollte nicht aus Angst führen. Beides hilft nicht. Besser ist eine erwachsene Haltung: Wir prüfen Nutzen, Risiken und Wirkung gemeinsam.
Ein guter Teamdialog beginnt mit vier Fragen:
  • Wo hilft uns KI heute schon?
  • Wo macht sie Ergebnisse schlechter oder unzuverlässiger?
  • Was müssen wir prüfen, bevor wir etwas weitergeben?
  • Welche Nutzung fühlt sich für Kunden, Kollegen oder Bewerber nicht mehr stimmig an?
Diese Fragen sind nicht technikfeindlich. Sie sind führungsstark. Denn sie schützen Beziehung, Qualität und Ruf.
In einer Zeit, in der Texte, Bilder, Auswertungen und Vorschläge immer schneller entstehen, wird Vertrauen zur knappen Ressource. Menschen wollen wissen, ob sie sich auf eine Aussage verlassen können. Kunden wollen spüren, dass sie nicht nur durch automatisierte Routinen geschoben werden. Mitarbeiter wollen wissen, ob ihre Erfahrung noch zählt.
KI kann entlasten. Aber ohne Kultur kann sie Misstrauen beschleunigen.
Genug gearbeitet. Welche KI-Regel würde bei Ihnen sofort mehr Vertrauen schaffen?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
Categories
china meinung ticker wirtschaft

Was Chinas Exportoffensive wirklich antreibt


In Kürze:

  • Staatliche Subventionen: China fördert Exporte mit Milliardenbeträgen und stärkt damit seine Industrie weltweit.
  • Strategische Ziele: Arbeitsplätze sichern, Konkurrenten verdrängen und Ressourcen für die eigene Wirtschaft sichern.
  • Globale Folgen: Europas und Amerikas Industrie stehen vor wachsendem Wettbewerbsdruck durch subventionierte chinesische Unternehmen.

 
Chinas Exporte haben ein atemberaubendes Niveau erreicht. Im Jahr 2025 exportierte das Land Waren im Wert von 26,99 Billionen Yuan (etwa 3,49 Billionen Euro) ins Ausland – ein Anstieg von 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 stiegen die Exporte um weitere 11,8 Prozent auf 11,91 Billionen Yuan (1,54 Billionen Euro).
Hinter diesen erstaunlichen Zahlen stehen ebenso bemerkenswerte staatliche Subventionen, die diese Entwicklung erst ermöglichten.
Das chinesische Regime zahlt derzeit pro Jahr Exportsteuer-Rückerstattungen in Höhe von rund 2 Billionen Yuan (etwa 259 Milliarden Euro) aus. Diese staatliche Subvention entspricht mehr als 10 Prozent der gesamten jährlichen Staatseinnahmen Chinas.
Zum Vergleich: Das gesamte Budget des Regimes für soziale Sicherheit und Beschäftigung beläuft sich auf etwa 4,4 Billionen Yuan (569 Milliarden Euro). Exporteure in China geben offen zu, dass nach all der Mühe, Waren ins Ausland zu verkaufen, ein Teil des Gewinns letztlich aus der Steuererstattung stammt.
Keine normale Wirtschaft funktioniert auf diese Weise. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) betreibt auch keine normale Wirtschaft. Ihre Bereitschaft, um jeden Preis zu exportieren, beruht auf mindestens vier strategischen Überlegungen – von denen keine besonders viel mit Geldverdienen zu tun hat.

Beschäftigung ist die Lebensader der KPCh

Nach den eigenen Statistiken des Regimes beschäftigt der Außenhandel direkt mehrere zehn Millionen chinesische Arbeitnehmer und sichert direkt oder indirekt schätzungsweise 150 bis 180 Millionen Arbeitsplätze. Hunderte Millionen Arbeitnehmer sind auf die eine oder andere Weise mit den Export-Lieferketten sowie den vor- und nachgelagerten Branchen verbunden.
Sollten Chinas Exportunternehmen scheitern, wären die Folgen nicht auf Unternehmensinsolvenzen beschränkt. Es käme zu Massenarbeitslosigkeit unter Fabrikarbeitern und ländlichen Wanderarbeitern – genau jener Bevölkerungsgruppe, die die Partei am meisten fürchtet, wenn sie untätig und verärgert ist.
Aus Sicht der KPCh mag die Subventionierung von Exporten ein verlustreiches Geschäft sein, doch sie erkauft der Partei damit etwas, das ihr über alles geht: soziale Stabilität.
Stabilität ist die oberste Priorität des Regimes, und der Preis für Unruhen würde den Preis jeder Subvention bei Weitem übersteigen.

Konkurrenten durch Größenvorteile verdrängen

Die moderne Fertigungsindustrie – etwa Solarmodule, Lithium-Batterien und Elektrofahrzeuge – steht und fällt mit Skaleneffekten. Wenn sich die Produktionsmenge verdoppelt, sinken die Forschungs- und Produktionskosten pro Einheit drastisch.
Indem die chinesische Industrie Waren ohne Rücksicht auf Gewinnspannen auf die Weltmärkte bringt, verteilt sie ihre Forschungs- und Entwicklungskosten auf gewaltige Stückzahlen.
Sobald Chinas Lieferketten die weltweit niedrigsten Kosten und das schnellste Tempo der technologischen Weiterentwicklung erreichen, werden westliche Konkurrenten – eingeschränkt durch kleinere Märkte und höhere Kosten – aus dem Geschäft gedrängt.
Sind die Konkurrenten verschwunden, bleibt der KPCh ein Monopol sowohl auf die Technologie als auch auf die Produktionskapazitäten.
Das ist keine Spekulation. Es ist genau der Prozess, der die Fertigungsindustrie in den Vereinigten Staaten und Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgehöhlt hat.

Billige Waren gegen Dollar und Ressourcen

Der US-Dollar bleibt weltweit der wichtigste Anspruch auf Wohlstand. Obwohl der Anteil des Yuan am internationalen Zahlungsverkehr gestiegen ist, erfordert der Kauf von Rohöl, Eisenerz, Sojabohnen, seltenen Metallen und einem Großteil der weltweit hochwertigen Ausrüstung weiterhin Dollar.
China ist gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ein ressourcenarmes Land. Indem das Regime den Weltmarkt mit billigen Industriegütern versorgt, erwirtschaftet es die harten Devisen, die es benötigt, um strategische Rohstoffe zu kaufen und zu horten – jene Vorleistungen, die die Maschinerie des Parteistaats am Laufen halten.

Sicherheitsventil für Überkapazitäten

Die KPCh hat das weltweit größte und umfassendste Industriesystem aufgebaut – weitaus größer, als der eigene Binnenmarkt aufnehmen kann. Wenn Chinas Produktion nicht ins Ausland verkauft werden kann, staut sie sich im Inland.
Schwere Überkapazitäten würden erbitterte Preiskämpfe unter inländischen Unternehmen auslösen, ganze Branchen in die Verlustzone und schließlich in den Bankrott treiben sowie letztlich das Bankensystem mit faulen Krediten belasten. Das Endergebnis wäre eine systemische Finanzkrise.
Exporte dienen als riesiges Entlastungsventil, das Chinas Überkapazitäten in den Rest der Welt ableitet, bevor sie innerhalb Chinas selbst eskalieren können.

Ein aussichtsloser Wettstreit für private Unternehmen

Westliche Politiker und Ökonomen haben eine klare Bezeichnung für dieses Modell: Dumping ohne Rücksicht auf Kosten.
Wenn ein amerikanisches oder europäisches Unternehmen mit einem chinesischen Unternehmen konkurriert, steht es in Wirklichkeit keinem einzelnen Unternehmen gegenüber.
Es steht einer ganzen Industrie gegenüber, die durch die Ressourcen eines Parteistaats abgesichert wird. Diesen Wettbewerb kann kein privates Unternehmen aus eigener Kraft gewinnen.
Auch angesichts der steigenden Zollschranken in den Vereinigten Staaten und Europa wird diese Strategie nicht aufgegeben. Sie verändert sich vielmehr.
Das Regime verlagert sich von einem durch Subventionen getriebenen „Verkauf von Waren um jeden Preis“ hin zu einem durch Kapital und Technologie getriebenen „Bau von Fabriken im Ausland um jeden Preis“ – wobei Produktionslinien im Rahmen einer neuen, von der KPCh angeführten Globalisierungswelle ins Ausland verlagert werden.
Welche Gegenmaßnahmen die Industrieländer auch immer ergreifen mögen – die von der KPCh unterstützten Unternehmen sind entschlossen, ihre globale Präsenz weiter auszubauen.

Der Westen sucht nach Antworten

Es sei daran erinnert, dass vor dem Jahr 2000, als die internationalen Märkte für das kommunistische China weitgehend verschlossen waren, die Fertigungsindustrie in der freien Welt florierte. Erst nachdem die Wirtschaft der KPCh in das globale Handelssystem integriert worden war, fegte eine Welle von Fabrikschließungen über die USA und Europa hinweg.
Heute sind Exporte zu einer Lebensader geworden, ohne die die chinesische Wirtschaft nicht überleben kann. Die Frage für die freie Welt lautet nicht mehr, ob das Exportmodell der KPCh den globalen Handel verzerrt. Die Frage ist vielmehr, ob der Westen endlich bereit ist zu handeln.
Langfristig liegt die Lösung darin, Lieferketten außerhalb Chinas aufzubauen und sich vollständig aus der Abhängigkeit von Peking zu befreien.
Kurzfristig könnte der Westen China dazu drängen, den Yuan aufwerten zu lassen und damit die Gewinnmargen zu schmälern, die diese Exportflut überhaupt erst ermöglichen.
Das würde Peking vor die Wahl stellen: entweder noch mehr staatliche Subventionen in den Markt zu pumpen, um die Exporte am Laufen zu halten, oder nachzugeben und einen Teil davon aufzugeben. In jedem Fall würde dies amerikanischen und europäischen Herstellern einen Preisvorteil verschaffen, den sie derzeit nicht haben.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Does China Export at All Costs?“. (deutsche Bearbeitung: ks)
Categories
meinung ticker vital

Manipulation im Alltag – Teil 1


In Kürze:

  • Manipulation ist der Versuch, das Denken, Fühlen oder Handeln eines anderen gezielt zu beeinflussen, ohne dass dieser es vollständig erkennt.
  • Dabei ist Manipulation kein ausschließlich negatives Verhalten und keiner bleibt davon verschont.
  • Menschen werden selten Opfer spektakulärer Täuschungsversuche. Viel häufiger entwickeln sich manipulative Beziehungen langsam.
  • Manipulation funktioniert nicht trotz unserer sozialen Fähigkeiten, sondern gerade wegen ihnen.
  • Welche Werkzeuge der Manipulation es gibt und wie wir sie erkennen können, lesen Sie im zweiten Teil.

 
„Ich wollte doch nur helfen.“ – „Das habe ich nur zu deinem Besten gesagt.“ – „Du übertreibst wieder.“ Solche Sätze begegnen uns nahezu täglich. Meist schenken wir ihnen kaum Beachtung. Schließlich erscheinen sie harmlos, manchmal sogar fürsorglich. Doch genau hier beginnt ein Phänomen, das Verhaltensanalytiker seit Jahrzehnten beschäftigt: Manipulation geschieht selten laut oder offensichtlich. Sie beginnt oft mit kleinen Verschiebungen der Realität – mit einer Auslassung, einer geschickten Formulierung oder einer scheinbar belanglosen Lüge.
Dabei ist Manipulation kein ausschließlich negatives Verhalten. Aus psychologischer Sicht beschreibt sie zunächst den Versuch, das Denken, Fühlen oder Handeln eines anderen Menschen gezielt zu beeinflussen, ohne dass dieser den Einfluss vollständig erkennt.
Jeder Mensch manipuliert – bewusst oder unbewusst. Eltern motivieren ihre Kinder, Lehrkräfte versuchen, Lernverhalten zu fördern, Verkäufer möchten Kaufentscheidungen beeinflussen, Führungskräfte ihre Mitarbeiter motivieren und Partner versuchen, Konflikte möglichst günstig für sich zu lösen.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Absicht. Dient die Beeinflussung dem gemeinsamen Wohl und erfolgt sie transparent, sprechen wir eher von Überzeugung oder Motivation. Wird sie jedoch eingesetzt, um eigene Vorteile auf Kosten anderer zu erzielen oder Informationen gezielt zu verschleiern, beginnt der Bereich problematischer Manipulation.
Positive Manipulation ist zum Beispiel, wenn Eltern ihren Kindern beim Lernen gut zu reden

Positive Manipulation ist zum Beispiel, wenn Eltern ihren Kindern beim Lernen gut zureden.

Foto: gpointstudio/iStock

Warum unser Gehirn manipulierbar ist

Viele Menschen glauben, rationale Entscheidungen zu treffen. Tatsächlich zeigt die moderne Psychologie jedoch, dass der überwiegende Teil unserer Entscheidungen unbewusst vorbereitet wird. Unser Gehirn arbeitet mit Abkürzungen, sogenannten Heuristiken. Diese mentalen Faustregeln ermöglichen schnelle Entscheidungen, machen uns aber gleichzeitig anfällig für gezielte Beeinflussung.
Aus biologischer Sicht war dies sinnvoll. Unsere Vorfahren mussten innerhalb weniger Sekunden entscheiden, ob eine Situation gefährlich oder sicher war. Für langes Nachdenken blieb oft keine Zeit. Deshalb bevorzugt unser Gehirn einfache Muster, vertraute Personen und emotionale Signale.
Genau diese Mechanismen nutzen Manipulatoren aus. Sie argumentieren selten ausschließlich mit Fakten. Stattdessen erzeugen sie Gefühle wie Sicherheit, Angst, Schuld, Mitleid oder Hoffnung. Emotionen verändern unsere Wahrnehmung schneller als logische Argumente.
Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Effekt: Menschen möchten innere Widersprüche vermeiden. Die Kognitionspsychologie bezeichnet dies als das Streben nach Konsistenz. Haben wir uns einmal entschieden oder öffentlich positioniert, neigen wir dazu, an dieser Entscheidung festzuhalten – selbst dann, wenn neue Informationen dagegensprechen. Manipulation nutzt dieses Bedürfnis geschickt aus.

Wenn Menschen einmal eine Entscheidung getroffen haben, bleiben sie oft dabei und lehnen andere Vorschläge ab, auch wenn diese besser sind.

Foto: fizkes/iStock

Die kleine Lüge als sozialer Schmierstoff

Nicht jede Lüge ist böswillig. Tatsächlich wären zwischenmenschliche Beziehungen ohne kleine Unwahrheiten oft erheblich konfliktreicher. Wenn jemand fragt: „Wie gefällt dir meine neue Frisur?“, antworten viele Menschen höflicher als ehrlich. Wenn Kollegen sagen: „Kein Problem, ich mache das gern“, obwohl sie innerlich genervt sind, handelt es sich ebenfalls um eine Form sozialer Anpassung.
Psychologen unterscheiden deshalb häufig zwischen prosozialen und eigennützigen Lügen. Prosoziale Lügen sollen Gefühle schützen oder Beziehungen stabilisieren. Eigennützige Lügen verfolgen dagegen persönliche Vorteile.
Die Grenze zwischen beiden Formen ist allerdings fließend. Aus einer kleinen Notlüge kann schleichend ein dauerhaftes Manipulationsmuster entstehen.

Manipulation beginnt selten mit einer großen Täuschung

In der Beratungspraxis fällt immer wieder auf, dass Menschen selten Opfer spektakulärer Täuschungsversuche werden. Viel häufiger entwickeln sich manipulative Beziehungen langsam.
Zu Beginn wirkt alles freundlich: ein kleiner Gefallen, ein kleines Kompliment, ein wenig Verständnis, ein gemeinsames Geheimnis. Nach und nach entstehen Verpflichtungsgefühle. Der Manipulator investiert wenig und erhält später deutlich mehr zurück.

Ein kleines Kompliment kann positiv sein, aber auch der Anfang manipulativer Beziehungen.

Foto: Moon Safari/iStock

Diese Entwicklung geschieht selten bewusst. Viele Menschen manipulieren, weil sie es im Laufe ihres Lebens gelernt haben. Wer beispielsweise erfahren hat, dass direkte Bedürfnisse regelmäßig zurückgewiesen wurden, entwickelt möglicherweise indirekte Strategien, um dennoch Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu erhalten.
Manipulation ist deshalb nicht zwangsläufig Ausdruck eines schlechten Charakters. Häufig handelt es sich um erlernte Verhaltensmuster, die sich über viele Jahre verfestigt haben.

Die Macht der Sprache

Kaum ein Werkzeug beeinflusst unser Denken stärker als Sprache. Bereits einzelne Wörter verändern unsere Wahrnehmung. Vergleichen wir folgende Aussagen: „Sie haben noch die Möglichkeit, sich zu entscheiden“ oder „Sie müssen sich jetzt entscheiden“.
Beide Aussagen beschreiben dieselbe Situation. Dennoch löst die zweite erheblich mehr Druck aus.
Verhaltensanalytiker sprechen hierbei vom sogenannten Framing. Informationen werden in einen bestimmten Bedeutungsrahmen eingebettet. Nicht die Fakten verändern sich, sondern ihre Interpretation.
Ein weiteres Beispiel: „90 Prozent fettfrei“ wirkt deutlich attraktiver als „10 Prozent Fett“, obwohl beide Aussagen mathematisch identisch sind. Unser Gehirn reagiert stärker auf den emotionalen Rahmen als auf objektive Zahlen.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Akzeptanz bedeutete über Jahrtausende das Überleben innerhalb einer Gemeinschaft. Ablehnung hingegen konnte lebensbedrohlich sein. Diese historische Prägung wirkt bis heute nach.
Deshalb orientieren wir uns häufig an der Mehrheit. Wenn viele Menschen ein Produkt kaufen, erscheint es automatisch hochwertiger. Sind viele Kollegen einer Meinung, zweifeln wir eher an unserer eigenen Einschätzung. Wenn in sozialen Netzwerken Tausende Menschen einen Beitrag liken, gewinnt dieser an Glaubwürdigkeit – unabhängig davon, ob die Inhalte tatsächlich korrekt sind.
Dieses Phänomen bezeichnet die Sozialpsychologie als sozialen Beweis. Manipulation nutzt diesen Mechanismus gezielt. Aussagen wie „Alle machen das“, „Jeder vernünftige Mensch sieht das so“ und „Niemand hat sich bisher beschwert“ sollen weniger informieren als vielmehr sozialen Druck erzeugen.

Weil Akzeptanz über Jahrtausende Überleben bedeutete, orientieren wir uns häufig an der Mehrheit, was nicht immer richtig sein muss.

Foto: Teamjackson/iStock

Warum intelligente Menschen ebenfalls manipulierbar sind

Ein weitverbreiteter Irrtum besteht darin, dass Manipulation ausschließlich mit mangelnder Intelligenz in Verbindung stehe. Tatsächlich zeigt die Forschung das Gegenteil. Gerade intelligente Menschen entwickeln häufig besonders raffinierte Begründungen für bereits getroffene Entscheidungen. Sie hinterfragen weniger ihre eigenen Überzeugungen als vielmehr die Argumente anderer.
Hinzu kommt, dass gerade Experten ihrem eigenen Fachgebiet häufig übermäßig vertrauen. Dieser sogenannte Overconfidence-Bias führt dazu, Risiken zu unterschätzen.
Manipulation trifft deshalb nicht die „Dummen“, sondern den Menschen. Sie nutzt universelle Eigenschaften unseres Gehirns, nämlich Vertrauen, Kooperation, Empathie und das Bedürfnis nach Orientierung. Genau darin liegt ihre eigentliche Stärke. Manipulation funktioniert nicht trotz unserer sozialen Fähigkeiten, sondern gerade wegen ihnen.
Welche Werkzeuge der Manipulation es gibt und wie wir sie erkennen können, lesen Sie im zweiten Teil.
Categories
etplus meinung ticker vital

Schwindel stoppen: Warum ein Zusammenspiel von Blutdruck, Nervensystem und Darmflora der Schlüssel sein können

Schwindel ist ein Symptom, das den Menschen aus seiner Mitte reißen kann. Es ist kein Schmerz, kein Fieber, kein klarer Angriffspunkt – sondern ein Verlust von Selbstverständlichkeit. Genau mit diesem Gefühl kam Frau L., 78 Jahre alt, in meine Praxis. Sie bewegte sich vorsichtig, als wolle sie dem Schwindel keine neue Gelegenheit geben.
„Es ist, als würde mein Kopf kurz leer werden“, sagte sie. Kein Drehen, kein Sturz – nur ein leises, aber beharrliches Wegsacken.
Was mich besonders nachdenklich machte: Sie war bereits bei ärztlichen Kollegen gewesen – beim HNO-Arzt, Neurologen, Kardiologen und sogar in der Radiologie. Alles ohne Befund.
„Alle sagen, ich sei gesund“, sagte sie, „aber ich fühle mich nicht so.“ Dieser Satz ist in der Ganzheitsmedizin ein Schlüssel. Denn wenn alle Fachgebiete einzeln nichts finden, liegt die Ursache nach meiner Erfahrung oft an mehreren Faktoren, die sorgfältig zu einem ganzheitlichen Bild zusammengefügt werden müssen.

Das Innenohr: Wichtig, aber selten der alleinige Schlüssel

In der klassischen Medizin beginnt die Suche nach der Ursache für Schwindel oft im Innenohr, wo sich das sogenannte Gleichgewichtsorgan befindet. Doch moderne Forschungen zeigen, dass Gleichgewicht weit mehr ist als ein vestibuläres Signal, wie man den Nervenimpuls des Gleichgewichtssinns in der medizinischen Fachsprache bezeichnet.
Studien belegen, dass emotionale Stresszustände die Verarbeitung vestibulärer Signale im Gehirn verändern können. Das bedeutet: Selbst ein völlig gesundes Innenohr kann Schwindel erzeugen, wenn das limbische System überlastet ist.
Für die Ganzheitsmedizin ist das ein entscheidender Hinweis. Gleichgewicht entsteht nicht nur im Kopf, sondern im Zusammenspiel von Emotionen, vegetativem Nervensystem und körperlicher Stabilität.
Wenn eine Patientin wie Frau L. sagt: „Ich fühle mich kurz weg“, dann kann das oft ein Ausdruck innerer Dysbalance sein – nicht nur ein lokales Problem im Ohr.
Viele Patienten berichten, dass sie nach einer langen diagnostischen Odyssee hören: „Organisch ist alles in Ordnung.“ Doch Schwindel ist oftmals kein rein organisches Symptom. Er ist ein Systemsignal.
Denn Gleichgewicht ist ein System – und Systeme geraten aus dem Lot, lange bevor ein einzelnes Organ versagt.

Der Kreislauf – wenn niedriger Blutdruck und Flüssigkeitsmangel das Gleichgewicht schwächen

Besonders ältere Menschen trinken oft zu wenig. Das klingt banal, ist aber physiologisch hochrelevant. Dehydration senkt das Blutvolumen, der Blutdruck fällt, und der Fluss in den kleinsten Blutgefäßen, der sogenannten Mikrozirkulation, wird schwächer. Das Gehirn erhält in diesen Momenten nicht genug Sauerstoff und reagiert mit Schwindel.
Untersuchungen zeigen, dass selbst leichte Störungen der Mikrozirkulation Schwindel auslösen können, auch wenn Herz und große Gefäße klinisch unauffällig erscheinen.
Bei Frau L. war genau das der Fall. Ihr Blutdruck war niedrig, ihr Körper unterversorgt. Doch weil bei den zuvor durchgeführten Untersuchungen jeder Facharzt nur den Ausschnitt aus seinem eigenen Fachgebiet betrachtete, blieb der Zusammenhang unentdeckt. Beim Kardiologenbesuch selbst war sie aufgeregt, und der dort gemessene Blutdruck galt mit 125/75 mmHg als normal.
Die ganzheitliche Sicht zeigte jedoch: Der Schwindel war kein unerklärbares Rätsel, sondern ein Warnsignal eines Kreislaufs, der nicht mehr stabil genug war. Aber es gab noch weitere Aspekte.

Die unsichtbaren Mitspieler im Nervensystem

Wenn alle Untersuchungen unauffällig sind, wird oft vorschnell gesagt: „Das ist psychisch.“ Doch die Psyche ist kein Ersatzdiagnosefeld, sondern ein realer Einflussfaktor auf das Gleichgewicht.
Studien zeigen, dass chronischer Stress die Tiefensensorik der Muskeln beeinträchtigt. Diese Sensoren liefern dem Gehirn entscheidende Informationen über die Körperposition im Raum. Wenn sie gestört sind, entsteht ein diffuser Schwindel, der nicht drehend sein muss, um den Alltag zu destabilisieren.
Zudem zeigen Untersuchungen, dass selbst leichte entzündliche Prozesse im Gehirn die Verarbeitung von Gleichgewichtssignalen beeinträchtigen können.
Diese Erkenntnisse zeigen: Schwindel ist oft ein Zusammenspiel aus körperlichen und psychischen Faktoren. Das vegetative Nervensystem reagiert empfindlich auf Stress, Schlafmangel, innere Unruhe und erzeugt Symptome, die organisch nicht immer klar messbar sind, aber real erlebt werden.

Die Achse zwischen Darm und Gehirn

Der Darm spielt ebenfalls eine überraschende Rolle für das Gleichgewicht. Aktuelle Forschungen untersuchen, wie entzündliche Prozesse im Darm über die direkte Nerven-Datenautobahn zum Gehirn, den sogenannten Vagusnerv, die Aktivität des Gleichgewichtszentrums beeinflussen können.
In der Ganzheitsmedizin wird der Darm als zentraler Regulator des vegetativen Nervensystems betrachtet. Wenn dort ein Ungleichgewicht herrscht, kann sich das auf den gesamten Körper auswirken. Bei Frau L. zeigte sich in weiteren Untersuchungen eine deutliche Dysbiose, also ein aus der Balance geratenes Darmmikrobiom, die ihren Zustand zusätzlich destabilisiert hatte.
Ein sogenannter „ungeklärter“ Schwindel kann also ein Ausdruck eines Systems sein, das an mehreren Stellen gleichzeitig die Balance verloren hat.

Das System wieder ins Lot bringen

Der Fall von Frau L. zeigt, wie vielschichtig Schwindel sein kann. Es ist selten das Innenohr alleine. Oft ist es ein Zusammenspiel aus Kreislauf, Flüssigkeitsmangel, Stress, Darmgesundheit, Mikrozirkulation und neuroinflammatorischen Prozessen.
Frau L. fand schließlich ihr Gleichgewicht wieder. Nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch ein ganzes Paket an Veränderungen. Sie trank mehr, stabilisierte ihren Kreislauf, brachte ihren Darm wieder ins Lot und half ihrem gestressten Nervensystem, zur Ruhe zu kommen.
In der Ganzheitsmedizin wird Schwindel oft als Hinweis betrachtet, dass der Körper nach Balance sucht. Wer ihn ernst nimmt, findet nicht nur Stabilität, sondern oft auch ein neues Körperbewusstsein.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Categories
etplus kultur meinung ticker

„Toy Story 5“: Das Beste vom Ganzen – und die wichtigste Botschaft

Was die Botschaft angeht, ist „Toy Story 5“ vielleicht der beste Teil der Reihe. Er greift alle in „Toy Story 4“ angesprochenen Themen auf und ist ein bemerkenswert aktuell relevanter Film – ehrlich, nachdenklich und durchaus witzig, der Kinder-Blockbuster des Sommers 2026.
Denn wenn Sie Ihre Kinder nicht gerade auf eine Waldorfschule geschickt haben, werden sie bemerkt haben, dass Spielzeuge immer mehr zu Wegwerfartikeln geworden sind. Das ist auch Aufhänger dieses Films.
Wird der fünfte Teil nun das Ende der Reihe markieren? Da es sich in Hollywood um Angebot und Nachfrage dreht, wird Pixar offensichtlich weiterhin Kapital daraus schlagen, sollten die Leute auch zukünftig etwas von dieser Ansammlung zunehmend nostalgischer Spielzeuge erfahren wollen.

V. l. n. r.: Mrs. Anderson (Originalsprecherin Lori Alan) und Bonnie (Originalsprecherin Scarlett Spears) werden in „Toy Story 5“ von Buzz Lightyear (Originalsprecher Tim Allen) und Woody (Originalsprecher Tom Hanks) ausspioniert.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Die kurze philosophische Zusammenfassung von „Toy Story 4“: Autonomie versus Bestimmung. Die Ethik der Empfindungsfähigkeit! Es wurde die Frage aufgeworfen, ob empfindungsfähige Wesen einen höheren Sinn, wie etwa die Betreuung von Kindern, benötigen, um Erfüllung zu finden. Darüber hinaus wurden existenzielle Fragen zu Schöpfung und Bewusstsein behandelt.
(Von links nach rechts) Bullseye, Jessie (Originalsprecher Joan Cusack), Atlas (Originalsprecher Craig Robertson), Smarty Pants (Originalsprecher Conan O'Brien) und Snappy (Originalsprecherin Shelby Rabara) in „Toy Story 5“. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

V. l. n. r.: Bullseye, Jessie (Originalsprecherin Joan Cusack), Atlas (Originalsprecher Craig Robertson), Smarty Pants (Originalsprecher Conan O’Brien) und Snappy (Originalsprecherin Shelby Rabara) in „Toy Story 5“.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Die Rettung der kindlichen Vorstellungskraft

Mit der wie üblich beeindruckenden Animation von Pixar (für Walt Disney Pictures) liefert „Toy Story 5“ eine Erzählung über die Bedeutung von Freundschaften, was sich bereits durch den gesamten Verlauf der Reihe zog.
Ob Menschen oder Spielzeuge, Kameradschaft ist das, was am meisten zählt. Alle Filme der Serie veranschaulichen die lebensgefährlichen Anstrengungen, die diese Spielzeuge auf sich nehmen, um sich gegenseitig und ihr menschliches Kind zu beschützen. Sie sind in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da.
Jessie (Originalsprecher Joan Cusack) und ihr Spielzeugpferd Bullseye stehen in „Toy Story 5“ auf dem Kopf eines echten Pferdes. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Jessie (Originalsprecherin Joan Cusack) und ihr Spielzeugpferd Bullseye stehen in „Toy Story 5“ auf dem Kopf eines echten Pferdes.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Die neuen Spielzeuge sorgen für neue Lacher, insbesondere Conan O’Brien, der einem Spielzeug zum Töpfchentraining seine Stimme verleiht. In den rein der Fantasie entstammenden Zwischenspielen sieht das Spielzeug genau wie er selbst aus: mit Hasenzähnen, nach unten gezogenen Mundwinkeln und karottenroter Tolle.
Die Hauptfiguren, die wir so lieb gewonnen haben, sind nach wie vor einfach herrlich. Woodys Rückkehr mit Bo Peep ist sehr erfreulich und die letzte Szene bringt endlich auf den Punkt, worum es in seiner Freundschaft mit Buzz schon immer ging.
Meine persönlichen Favoriten – Duke Caboom (Originalsprecher Keanu Reeves) und Forky (Originalsprecher Tony Hale) – hätten mehr zu tun bekommen können. Aber diese Nebenbemerkung gehört eigentlich zu „Toy Story 4“: Ich liebe es, wie Forky – ein zusammengebasteltes Spielzeug aus einem Plastiklöffel kombiniert mit einer Gabel, Pfeifenreinigern und Eisstielen – eine zutiefst naive, von Ängsten geplagte Persönlichkeit mit ewig weit aufgerissenen Augen und verwirrtem Blick verkörpert.
Seine urkomische, andauernde Existenzkrise wird von der festen Überzeugung angetrieben, dass er, da er aus Müll gemacht wurde, dazu bestimmt ist, auch wieder im Müll zu landen. Was für eine geniale Figur!
Das Happy End, bei dem sich das Mädchen Bonnie mit einem anderen kleinen Mädchen anfreundet, dessen Geist genauso kreativ ist wie sein eigener, ist ein wunderbares Beispiel für einen idealen Zustand in der Kindheit.
Bonnie (Originalsprecherin Scarlett Spears) betrachtet ihr neues Tablet namens Lilypad (Originalsprecherin Greta Lee) in „Toy Story 5“. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Bonnie (Originalsprecherin Scarlett Spears) betrachtet ihr neues Tablet namens Lilypad (Originalsprecherin Greta Lee) in „Toy Story 5“.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Dass Disney erwartungsgemäß seine typischen unterschwelligen Indoktrinationstaktiken eingebaut hat, ignoriere ich einfach mal komplett: Bonnie rennt in Regenbogensocken herum, Ernie Hudsons Machocharakter Combat Carl trägt einen Rock und Daffodil, ein lilafarbenes Spielzeugpferd im Pegasus-Stil mit seidiger pinkfarbener Mähne (angeblich gesprochen von Taylor Swift), sieht wie das Spielzeugpferd einer Dragqueen aus. Daffodil zwinkert einem dann auch demonstrativ zur Schau gestellt zu, um klarzustellen, dass „sie“ genau das ist.

Hommage an das Mädchensein

Der Star von „Toy Story 5“ ist Jessie (gesprochen von Joan Cusack), eine Spielzeugfigur, die eine Hommage an Calamity Jane – eine US-amerikanische Wild-West-Heldin (circa 1856–1903) – darstellt, zusammen mit ihrem kleinen Pferd Bullseye. Das und die rein weibliche Besetzung der menschlichen Charaktere machen den gesamten Film zu einer Liebeserklärung an das Mädchensein.
Blaze Manoukian (Originalsprecherin Mykal-Michelle Harris) auf ihrem Tablet in „Toy Story 5“. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Blaze Manoukian (Originalsprecherin Mykal-Michelle Harris) mit ihrem Tablet in „Toy Story 5“.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Die Kernaussage betrifft unser größtes gesellschaftliches und kulturelles Problem: Die Technologie verdrängt die Fantasie der Kinder. Kinder spielen wegen ihrer Smartphones und Tablets nicht mehr mit Spielzeug.
Dennoch unterläuft „Toy Story 5“ auf überzeugende Weise die Erwartungen bezüglich des Konzepts des Bösewichts. Lilypad (gesprochen von Greta Lee), das froschgrüne, tabletartige Gerät, welches das Potenzial hat, zum mächtigsten Bösewicht der gesamten Filmreihe zu werden, sorgt für eine fesselnde Wendung, welche die Handlung des Films nachhaltig prägt.

„Toy Story 5“.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Pixar. © 2026 Disney/Pixar

Warum? Weil Technik nicht von Natur aus schlecht ist. Computer und Telefone sind mächtige Werkzeuge. Sie haben die Welt komplett verändert.
Das Problem sind die von Menschen hinzugefügten süchtig machenden Komponenten. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen, wenn sie nicht an irgendeiner Form von persönlicher Verbesserung arbeiten, stets mit Mäßigung zu kämpfen haben.
Kontrolle und das Setzen von Grenzen sind der Schlüssel. KI in Maßen ist eine Superkraft, aber KI, die mit bösen Absichten einhergeht, verbreitet Internetlügen wie die Beulenpest. Diese Sichtweise wird dadurch vermittelt, dass Lilypad mit guten Absichten und einem Gewissen vermenschlicht wird.
Der bewegendste Moment des Films ist jedoch, als Jessie endlich Gewissheit bekommt. All die Jahre hat sie geglaubt, dass ihr Mensch, Emily, sie einfach vergessen habe. Jessies Hintergrundgeschichte gehört zu den traurigsten der gesamten „Toy Story“-Reihe, und der Abschluss dieses Handlungsbogens schenkt ihr endlich den Frieden und die Anerkennung, die sie verdient.
Allein das ist für Kinobesucher jeden Alters Grund genug, sich „Toy Story 5“ anzusehen.
„Toy Story 5“
Regie: Andrew Stanton
Mit: Joan Cusack, Tom Hanks, Tim Allen, Conan O’Brien
Empfehlenswert ab circa zehn Jahren in elterlicher Begleitung
Laufzeit: 1 Stunde, 42 Minuten
In deutschen Kinos ab 23. Juli 2026
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘Toy Story 5’: Best of the Bunch With the Most Important Message“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
Categories
etplus gesellschaft meinung ticker

Wie innere Sicherheit und soziale Gerechtigkeit sich bedingen

Die Biografie von Nickolas Emrich liest sich aufregend unterschiedlich. Er war Radiomoderator, studierte Jura, führte zwei Unternehmen im gastronomischen Bereich, sattelte um auf Polizist und unterrichtete an der Polizeiakademie. Jetzt ist er Autor seines zehnten Buches. Zuletzt fuhr er für ein knappes Jahr U-Bahn in Berlin.

Genau dort, im Pausenraum der Verkehrsbetriebe, kam ihm die Idee zu seinem neuen Buch mit dem Untertitel „Innere Sicherheit ist die neue soziale Gerechtigkeit“. Die Gesprächsthemen kreisten nämlich nicht um Lohnerhöhungen, sondern um aggressive Fahrgäste, den unsicheren Weg zur Arbeit oder die eigenen Kinder, die auf dem Schulweg verprügelt oder auf dem Schulhof von Kindern der höheren Klassen ausgeraubt werden.

Konkrete Vorschläge, welche Gesetze verändert werden sollten, schöpft Emrich aus seiner davorliegenden Polizeizeit.

Herr Emrich, Sie sprechen davon, dass der Staat die Regeln, die er selbst aufstellt, nicht mehr durchsetzen kann. Wer ist Ihrer Meinung nach konkret aufgerufen, etwas zu ändern? Und wie sollte das aussehen?
Die Bürger sind aufgerufen, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Der Wille zur Veränderung kommt immer von der Basis. Ich glaube, das ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass Politik etwas ändert.
Es wäre langweilig zu sagen: „Wir brauchen mehr Polizei, wir brauchen mehr Justiz.“ Ich schlage deshalb konkrete Änderungen vor, zum Beispiel an Paragraf 112 der Strafprozessordnung. Dieser betrifft die Untersuchungshaft im Fall von Wiederholungstätern. Auch andere Verbesserungen im Gesetz, die struktureller Natur sind, sind möglich. Ein Politiker muss diese aufgreifen und in den Gesetzgebungsprozess einbringen.
Der Ruf nach einem stärkeren Staat wird meist mit mehr Polizei und mehr Überwachung assoziiert. In vielen anderen Staaten zeigt sich, dass mehr Überwachung nicht automatisch mehr Sicherheit oder gar Freiheit bedeutet. Worin sehen Sie den Unterschied zu Ihrer Forderung?
Ich glaube, Sicherheit bringt Wohlstand. Das zeigen auch Länder wie die Schweiz oder Singapur. Mir geht es nicht um Überwachung. Ich will keinen starken Staat per se, ich will einen konsequenten Staat in dem Sinne, dass die Dienstleistung, die der Staat verspricht, die er sich bezahlen lässt und die auch kein anderer erbringen kann – weil es das staatliche Gewaltmonopol gibt –, dass diese Leistung zuverlässig erbracht wird. Denn zum Schluss ist die Freiheit eingeschränkt, wenn man keine Sicherheit hat.
Insofern distanziere ich mich ausdrücklich von anlassloser Massenüberwachung, von Chatkontrolle und Ähnlichem. Es geht nicht darum, dass der Staat mehr Befugnisse bekommt, sondern es geht darum, dass vorhandene Gesetze, die nicht zugeschnitten sind auf Wiederholungstäter, gegen solche Intensivtäter nachgeschärft werden.
Deswegen sage ich: Innere Sicherheit ist die neue soziale Gerechtigkeit, weil es insbesondere die Leute trifft, die aufgrund ihres Viertels oder ihrer Verkehrsmittelwahl mit dieser Kriminalität zu tun haben und dadurch letztlich an ihrem Fortkommen im Leben gehindert werden.
Sie sagen nachschärfen. Heißt das Gesetzesänderung oder dass die Judikative das wirklich umsetzt, was sie schon als Handhabe hat?
Nein, es müssen schon Gesetze geändert werden. Wenn Menschen beharrlich, auch einfachere Delikte, immer wieder begehen, muss es möglich sein, sie bis zum Prozess in Untersuchungshaft zu nehmen.
Wenn ich mehr beschleunigte Verfahren möchte, muss ich natürlich auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen.
Oder wenn ich Einstellungen des Verfahrens ohne Auflagen stark begrenzen möchte. Wohlgemerkt, ich meine nicht die Einstellung des Verfahrens wegen erwiesener Unschuld oder aus Mangel an Beweisen, sondern diese berühmte Einstellung ohne Auflagen wegen Geringfügigkeit aus Gründen der Prozessökonomie.
Das hört sich nach einem langen Weg an, oder?
Eigentlich nicht. Ich bräuchte 5 Minuten.
Ich habe ja Strafprozessrecht an der Polizeiakademie unterrichtet und weiß aus meiner Tätigkeit im Kommissariat als Ermittler, was geändert werden müsste. Denn man führt die Vernehmungen durch und schickt zum Schluss die Akte mit einem Schlussbericht an die Staatsanwaltschaft. Dort sieht man erst, was alles eingestellt wird. Dort sieht man auch, warum Verfahren lange dauern.
Wie lange der gesellschaftliche Prozess dauert, ist eine andere Frage.
Wie kann Ihrer Meinung nach, das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft wieder wachsen?
Es gibt häufig Fälle, bei denen das Urteil der Justiz drastisch von dem Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung abweicht. Das führt jedes Mal zu einer Entfremdung, und das darf nicht sein.
Wenn ich mir zum Beispiel den Fall eines erschossenen Polizisten anschaue – dazu gab es dieses Jahr am 1. April ein Urteil, das leider kein Aprilscherz war. Der Tankstellenräuber wurde vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Richterin war der Meinung, dass er vor dem Hintergrund einer paranoiden Schizophrenie gehandelt habe und deswegen seine Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert gewesen sei.
Das Gesetz ermöglicht solche Entscheidungen. Ich plädiere in meinem Buch für die Nein-Mentalität. Das heißt, dass man sich als Gesellschaft zutraut, auch zu sagen: Täter, Deine Gründe interessieren uns nicht mehr. Es ist uns egal, warum Du das tust. Hör einfach damit auf.
Wer in der Lage ist, eine solche Straftat zu planen, der hat in der Regel schuldfähig zu sein. Es kann nicht sein, dass dann nach einem erfolgten Tankstellenüberfall die Angst des Täters bei der Strafzumessung oder sogar bei der Schuldfähigkeit eine Rolle spielt.
Ich möchte eine Diskussion anstoßen. Wenn diese Diskussion gelingt und daraus eine Gesetzesänderung entsteht, dann ist dieses neue Gesetz genauso legitim wie das alte.
Sie beschreiben viel in Ihrem Buch die Akzeptanz von Tabubrüchen. Sehen Sie andere Hebel, außer Gesetzesverschärfungen, das ethische Grundverständnis wieder mehr zum Tragen zu bringen?
Es ist natürlich auch ein Prozess in der Gesellschaft. Man muss der Resignation entgegenwirken.
Wenn ich jetzt einen Drogenhotspot habe, zum Beispiel das Kottbusser Tor [in Berlin]. Alle sagen: Ja, hier ist alles verwahrlost. Die Leute nehmen das hin.
Nun mache ich ganz frech einen Gegenvorschlag. Der wird nicht allen gefallen. Aber was ist, wenn ich jedes Mal, wenn ich dort sehe, wie gedealt wird, die 110 wähle und sage: Ich befinde mich hier gerade am Bahnhof Kottbusser Tor. Ich habe eine Straftat gesehen, hier wurde gedealt. Bitte schicken Sie einen Funkwagen.
Wahrscheinlich wird der Mensch an der Notrufleitung sich schlapplachen und denken: Wow, da hat jemand am Kottbusser Tor gedealt. Meine Güte, und heute Morgen ist die Sonne aufgegangen. Wahrscheinlich wird man das albern finden, aber dieser Mensch dort am anderen Ende der Leitung hat gar keine andere Chance, als das weiterzugeben.
Es ist sinnvoll, Straftaten vom Dunkelfeld ins Hellfeld zu ziehen. Wenn jeden Tag 50 Anrufe eingehen, die in der Statistik auftauchen – ja, Politik ist langsam, aber lassen wir ein Jahr vergehen –, dann ist der entsprechende Druck da und dann wird politisch gehandelt.
Das ist auch das Ziel, dass ich dieses Buch schreibe und Interviews gebe.
Sehen Sie keine Gefahr, dass dieser Druck, wenn er stärker wird, sich nur in eine andere Richtung verschiebt? Wo ist die Möglichkeit, wirklich ein Problem zu lösen?
Ich glaube, dass auch das Woandershinschieben etwas bringt. Es wird ein harter Kern bleiben, aber es wird auch bei Einzelnen dazu führen, dass es sich möglicherweise nicht mehr rentiert. Dass Dealer merken, dass es sich im Schnitt nicht lohnt für ein bis zwei Deals 4 Stunden auf der Wache zu verbringen.
Es wird immer Kriminelle geben. Es gab schon immer Kriminalität. Es wird wahrscheinlich auch immer Drogenabhängige geben. Aber wenn man frühzeitig Hotspots nicht akzeptiert und mit einem hohen Druck dagegenarbeitet, wird es immer Leute geben, die den leichteren Weg wählen und vielleicht wieder auf den rechten Pfad zurückkehren.
Sie zitieren Thomas von Aquin: Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Doch Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter aller Auflösung. Wo würden Sie sich konkret mehr Barmherzigkeit wünschen? Und wo mehr Gerechtigkeit?
Die Gesellschaft ist aktuell mehr auf der zweiten Seite. Also es ist gerade aus meiner Sicht überwiegend zu viel Barmherzigkeit, gerade was die Verfahrenseinstellung ohne Auflagen angeht und was Bewährungsstrafen angeht, im Bereich der Jugendkriminalität.
Natürlich ist es nicht sinnvoll, jemanden wegen eines kleinen Deliktes ins Gefängnis, sprich die Universität des Verbrechens, zu schicken.
Aber jemanden, der dann doch beim zweiten oder dritten Mal beharrlich zeigt, dass er diesen Weg weitergehen will, nicht rechtzeitig eine klare Ansage zu machen, ist aus meiner Sicht sogar schädlich für den Täter. Ich glaube, vielen Tätern würde man sogar etwas Gutes tun, wenn man sie frühzeitig härter bestrafen würde, zumindest in einer ganzheitlichen Betrachtung.
Und jedes Mal, wenn der Staat eine Person, die gefährlich ist, laufen lässt, spricht er auch damit einer anderen Person zu, Opfer zu werden.
Herzlichen Dank, Herr Emrich, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.

Foto: Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag

 
eventuell für Print interessant:

Buchdetails:

Titel: Der Preis unserer Toleranz. Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist

Autor: Nickolas Emrich

Erscheinungsdatum: 21.07.2026

Verlag: Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag

Seitenzahl der Printausgabe: 176 Seiten

ISBN: 978-3-690-66278-9

Preis: 18,00 €

Categories
etplus gesellschaft meinung ticker

„Genug gearbeitet“ – KI und Mensch: Entlastung beginnt vor dem Tool

„Wir müssen jetzt etwas mit KI machen.“ Dieser Satz ist 2026 in vielen Unternehmen angekommen. Er klingt modern, entschlossen und gefährlich unpräzise. Denn KI löst keine Unklarheit. KI verstärkt sie.
Wenn Prozesse unklar sind, erzeugt KI schneller Unklarheit. Wenn Verantwortung diffus ist, liefert KI schneller Texte, Analysen oder Vorschläge, für die am Ende niemand sauber einsteht. Wenn Führung nur hofft, durch Technik Zeit zu sparen, entsteht oft neue Arbeit: prüfen, korrigieren, erklären und beruhigen.
KI ist kein Ersatz für Führung. Sie ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge sind nur so gut wie der Zweck, für den sie eingesetzt werden.
Ein Unternehmen startete mit einem großen KI-Workshop – viele Ideen, viel Begeisterung, aber wenig Umsetzung. Drei Monate später war kaum etwas geblieben. Danach begannen wir kleiner: Welche drei Routinen kosten viel Zeit, sind wiederkehrend und haben ein überschaubares Risiko? Heraus kamen Protokollentwürfe, Angebotsbausteine und erste Zusammenfassungen von Kundenanfragen.
Plötzlich wurde KI praktisch – nicht als Zukunftsversprechen, sondern als Entlastung im Alltag.
Drei Fragen gehören vor jedes KI-Projekt:
  • Welche konkrete Arbeit soll leichter werden?
  • Wer prüft das Ergebnis und trägt Verantwortung?
  • Was darf aus Datenschutz-, Vertrauens- oder Qualitätsgründen nicht in dieses Werkzeug?
Genug gearbeitet. KI darf nicht noch ein Thema werden, das zusätzlich auf die ohnehin übervollen Kalender fällt. Sie muss Arbeit vereinfachen, sonst ist sie nur digitale Dekoration.
Besonders wichtig ist der menschliche Faktor. Viele Mitarbeiter fragen sich nicht nur, wie KI funktioniert. Sie fragen sich: Wird meine Arbeit dadurch entwertet? Darf ich KI nutzen? Muss ich Angst haben, Fehler zu machen? Werde ich ersetzt oder entlastet?
Führung muss diese Fragen nicht mit Beschwichtigung überdecken. Sie muss sie klären. Ein guter Startsatz lautet: „Wir nutzen KI dort, wo sie Routine entlastet. Entscheidungen, Verantwortung und Beziehung bleiben menschlich.“
Danach sind Leitplanken nötig:
  • Keine vertraulichen Personaldaten in ungeklärte Systeme.
  • Fakten, Zahlen und rechtliche Aussagen werden geprüft.
  • KI-Ergebnisse sind Vorschläge, keine Entscheidungen.
  • Gute Nutzung wird geteilt, nicht versteckt.
So entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen neue Werkzeuge nicht heimlich, ängstlich oder gar nicht nutzen.
Beim b-steps summit 2026 geht es nicht um Tool-Show. Es geht um die Frage, wie KI und Mensch so zusammenspielen, dass Führung klarer, Kommunikation leichter und Umsetzung wirksamer wird.
Genug gearbeitet. Welche Routine könnten Sie mit KI entlasten, ohne Verantwortung aus der Hand zu geben?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
Categories
etplus meinung ticker wissen

Kam das Leben vom Mars zur Erde?


In Kürze:

  • Mars und Erde entstanden vor über 4,5 Milliarden Jahren, wobei der Rote Planet etwas Vorsprung hatte.
  • Heute bietet unser kosmischer Nachbar weder Wasser noch Atmosphäre, doch das war nicht immer so.
  • Während die Erde sich nach einem gigantischen Einschlag wortwörtlich neu formte, bot der frühe Mars über Jahrmillionen bessere Bedingungen für das Leben.
  • Könnte es sein, dass dieses frühe Leben rechtzeitig den Absprung schaffte, bevor der Mars unbewohnbar wurde, und eine neue Heimat auf der Erde fand?

 
Wie entstand das Leben auf der Erde? Zwar haben Wissenschaftler Theorien dazu, doch verstehen sie noch nicht vollständig, welche chemischen Abläufe genau zur Entstehung des Lebens führten und wann die ersten primitiven Lebensformen auftauchten.
Was aber, wenn das Leben auf der Erde nicht hier seinen Ursprung hätte, sondern mit Meteoriten vom Mars hierher gelangte? Es ist zwar nicht die am meisten favorisierte Theorie zum Ursprung des Lebens, bleibt aber dennoch eine faszinierende Hypothese. Hier werden wir die Argumente dafür und dagegen untersuchen.

Gute Ausgangslage auf Mars und Erde?

Der zeitliche Ablauf ist ein entscheidender Faktor. Der Mars entstand vor etwa 4,6 Milliarden Jahren, während die Erde mit 4,54 Milliarden Jahren etwas jünger ist. Die Oberflächen beider Planeten waren anfangs geschmolzen, bevor sie allmählich abkühlten und sich verfestigten.
Theoretisch hätte Leben kurz nach der Entstehung sowohl auf der Erde als auch auf dem Mars unabhängig voneinander entstehen können. Während die marsianische Oberfläche heute für Leben, wie wir es kennen, eher unbewohnbar ist, herrschten auf dem frühen Mars vermutlich ähnliche Bedingungen wie auf der frühen Erde.
Der frühe Mars scheint eine schützende Atmosphäre und flüssiges Wasser in Form von Ozeanen, Flüssen und Seen gehabt zu haben. Möglicherweise war er auch geothermisch aktiv, mit zahlreichen hydrothermalen Schloten und heißen Quellen, die die notwendigen Bedingungen für die Entstehung von Leben boten.
Jezero-Krater auf dem Mars

Diese Abbildung zeigt den Jezero-Krater, wie er vor Milliarden von Jahren auf dem Mars ausgesehen haben könnte, als er noch ein See war.

Foto: NASA/JPL-Caltech

Vor etwa 4,51 Milliarden Jahren prallte jedoch ein marsgroßer, felsiger Planet namens Theia auf die Ur-Erde. Durch diesen Einschlag verschmolzen beide Himmelskörper miteinander und trennten sich anschließend in unsere Erde und ihren Mond. Hätte sich Leben vor diesem Ereignis entwickelt, hätte es dieses sicherlich nicht überlebt.
Der Mars hingegen erlebte wahrscheinlich kein globales Umschmelzereignis. Der rote Planet musste im turbulenten frühen Sonnensystem zwar zahlreiche Einschläge hinnehmen, doch deuten die Beweise darauf hin, dass keiner davon groß genug gewesen wäre, um den Planeten vollständig zu zerstören. Einige Gebiete könnten daher relativ stabil geblieben sein.
Wenn also auf dem Mars kurz nach der Entstehung des Planeten vor 4,6 Milliarden Jahren Leben entstanden wäre, hätte es sich mindestens eine halbe Milliarde Jahre lang ohne größere Unterbrechungen weiterentwickeln können.
Nach dieser Zeit brach das Magnetfeld des Mars zusammen, was den Anfang vom Ende der Bewohnbarkeit des Mars markierte. Die schützende Atmosphäre verschwand, wodurch die Oberfläche des Planeten eisigen Temperaturen und ionisierender Strahlung aus dem Weltraum ausgesetzt war. Doch wie sah es auf der Erde aus? Wie schnell entstand Leben nach dem Einschlag, der den Mond formte?

Eine Frage des Zeitpunkts

Führt man den Stammbaum des Lebens bis zu seinen Wurzeln zurück, gelangt man zu einem Mikroorganismus namens LUCA (Last Universal Cellular Ancestor, zu Deutsch: letzter gemeinsamer Vorfahre aller Lebewesen). Dies ist die Mikrobenart, von der die Forschung alles heutige Leben ableitet.
Eine aktuelle Studie rekonstruierte die Eigenschaften von LUCA mithilfe der Genetik und der Fossilienfunde des frühen Lebens auf der Erde. Daraus wurde geschlossen, dass LUCA vor 4,2 Milliarden Jahren lebte – früher als einige frühere Schätzungen vermuteten.
Doch LUCA war nicht der früheste Organismus auf der Erde, sondern eine von mehreren Mikrobenarten, die zu dieser Zeit gleichzeitig auf unserem Planeten existierten. Sie standen im Wettbewerb miteinander, kooperierten, überlebten die Widrigkeiten der Natur und wehrten Angriffe von Viren ab. Wenn es vor etwa 4,2 Milliarden Jahren auf der Erde kleine, aber recht komplexe Ökosysteme gab, muss das Leben schon früher entstanden sein. Doch wie viel früher?

Vereinfachter Stammbaum des Lebens mit LUCA und LECA, wie ihn sich die Forscher vorstellen.

Die neue Schätzung für das Alter von LUCA liegt bei 360 Millionen Jahren nach der Entstehung der Erde und 290 Millionen Jahren nach dem Mond-bildenden Einschlag. Wir wissen lediglich, dass sich in diesen 290 Millionen Jahren irgendwie Chemie zu Biologie entwickelte. Reichte diese Zeit aus, damit Leben auf der Erde entstehen und sich dann zu den Ökosystemen diversifizieren konnte, die zu Lebzeiten von LUCA existierten?
Ein marsianischer Ursprung des irdischen Lebens umgeht diese Frage. Der Hypothese zufolge könnten Arten marsianischer Mikroorganismen auf Meteoriten zur Erde gelangt sein – gerade rechtzeitig, um von den günstigen Bedingungen nach der Mondentstehung zu profitieren.
Der Zeitpunkt mag für diese Idee günstig sein. Als jemand, der auf diesem Gebiet arbeitet, würde ich jedoch vermuten, dass 290 Millionen Jahre reichlich Zeit sind, damit chemische Reaktionen die ersten Lebewesen auf der Erde hervorbringen und sich die Biologie anschließend diversifizieren und komplexer werden konnte.

Die Reise vom Mars zur Erde überstehen

Das rekonstruierte Genom von LUCA lässt vermuten, dass es sich von molekularem Wasserstoff oder einfachen organischen Molekülen als Nahrungsquellen ernähren konnte. Zusammen mit anderen Hinweisen deutet dies darauf hin, dass LUCAs Lebensraum entweder ein flaches marines Hydrothermalquellen-System oder eine geothermische heiße Quelle war.
Bislang nehmen Forscher an, dass solche Umgebungen auf der frühen Erde die notwendigen Bedingungen boten, damit Leben aus nicht-lebender Chemie entstehen konnte. LUCA verfügte zudem über biochemische Mechanismen, die es vor hohen Temperaturen und UV-Strahlung schützen konnten – echte Gefahren in diesen frühen Umgebungen der Erde.
Es ist jedoch keineswegs sicher, dass frühe Lebensformen die Reise vom Mars zur Erde hätten überleben können. Und nichts im Genom von LUCA deutet darauf hin, dass es besonders gut an den Weltraumflug angepasst war.

Heiße geothermale Quellen, wie sie heute im Yellowstone National Park existieren, könnten der Lebensraum für früheste Mikroorganismen wie LUCA gewesen sein.

Foto: Daphne Zheng/iStock

Um es bis zur Erde zu schaffen, hätten Mikroorganismen zunächst den ersten Aufprall auf der Marsoberfläche und einen Hochgeschwindigkeitsausstoß aus der Marsatmosphäre überstehen müssen. Danach folgte eine fast einjährige Reise durch das Vakuum des Weltraums, bei der sie die Bombardierung mit kosmischer Strahlung überleben mussten.
Anschließend hätten sie den hochtemperaturreichen Eintritt in die Erdatmosphäre und einen weiteren Aufprall auf die Erdoberfläche überstehen müssen. Dieses letzte Ereignis hätte sie möglicherweise in eine Umgebung gebracht, an die sie auch nur ansatzweise angepasst waren – oder auch nicht.

Wahrscheinlichkeit gering, aber nicht null?

Die Wahrscheinlichkeit, dass all dies geschieht, erscheint mir ziemlich gering. So schwierig der Übergang von der Chemie zur Biologie auch erscheinen mag, so erscheint er mir doch weitaus einfacher als die Vorstellung, dass dieser Übergang auf dem Mars stattfinden würde, wobei Lebensformen die Reise zur Erde überleben und sich dann an einen völlig neuen Planeten anpassen würden. Ich könnte mich jedoch irren.
Es ist sinnvoll, sich Studien anzusehen, die untersuchen, ob Mikroorganismen die Reise zwischen Planeten überleben könnten. Bislang sieht es so aus, als könnten das nur die widerstandsfähigsten Mikroorganismen. Dabei handelt es sich um Arten, die sich daran angepasst haben, Schäden durch Strahlung zu vermeiden, und die durch die Bildung von Sporen in der Lage sind, Austrocknung zu überleben.
Meteorit vom Mars mit mikroskopisch kleine Fossilien

In dem Mars-Meteoriten ALH84001 sollen mikroskopisch kleine Fossilien eingeschlossen sein.

Foto: JSC via NASA

Aber vielleicht könnten Mikroorganismen, wenn eine Population von ihnen im Inneren eines ausreichend großen Meteoriten eingeschlossen wäre, vor den meisten der rauen Bedingungen im Weltraum geschützt sein. Einige Computersimulationen stützen diese Idee sogar. Derzeit laufen weitere Simulationen und Laborexperimente, um dies zu überprüfen.
Dies wirft eine weitere Frage auf: Wenn Leben innerhalb der ersten 500 Millionen Jahre nach der Entstehung unseres Sonnensystems vom Mars zur Erde gelangt ist, warum hat es sich dann in den folgenden vier Milliarden Jahren nicht von der Erde auf den Rest des Sonnensystems ausgebreitet? Vielleicht sind wir also doch keine Mars-Menschen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theconversation.com unter dem Titel „Are we the Martians? The intriguing idea that life on Earth began on the red planet“. (redaktionelle Bearbeitung: ts)The Conversation
Categories
meinung ticker wissen

Gedanken zum Widerstandsrecht

„Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!“ […] „Die Stadt vom Tyrannen befreien!“, so ist es im Gedicht „Die Bürgschaft“ (1879) von Friedrich Schiller zu lesen. Er schreibt im Schauspiel „Wilhelm Tell“:
„Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.“
Beide Zitate beleuchten die Problematik des Widerstands: Darf ich den Tyrannen töten?
Ein Blick in die Geschichte des Widerstandsrechts bringt uns bei der Diskussion um das Geschehen am 20. Juli 1944 auch das in Art. 20, Abs. 4 GG gewährte Recht auf Widerstand in Deutschland näher.
Es ist bekannt, dass die Grundlagen unseres heutigen Rechts ihren Ursprung im römischen Staat und Staatsdenken haben. Das römische Verwaltungsdenken ging davon aus: Der Staat schafft das Recht. Deshalb konnte er keinen Widerstand gegen seine eigene Ordnung akzeptieren, ohne damit seine eigene Grundlage infrage zu stellen. Der Glaube aber, oder die Hoffnung wie Wilhelm Tell es ausdrückt, dass außerhalb oder oberhalb des Staates auch ein Recht vorhanden sein könnte, ist germanischen – deutschen – Ursprungs.
In den Rechtssammlungen der Römer sucht man vergeblich, was sich in den Volkssammlungen unserer germanischen Vorfahren findet. So wurden beispielsweise im Zeichen des Widerstandsrechts bei den Westgoten 17 von 35 Königen getötet. In einer Chronik lesen wir: „Als der König gegen den Wunsch seines Volkes keinen Frieden schließen wollte, redete der greise Gesetzessprecher von Tiundaland: ‚Dieser König lässt keinen mit sich sprechen und mag nichts hören. Deshalb wollen wir Bauern, dass Du, König, Frieden schließt. Willst Du aber nicht, so werden wir Dich töten und nicht länger Unfrieden und Ungesetzlichkeit dulden.‘“
In der Geschichte des Mittelalters fand die bedeutendste Formulierung des Widerstandsrechts ihren Niederschlag im „Sachsenspiegel“, in der zu Beginn des 13. Jahrhunderts angefertigten Rechtssammlung des Eike von Repgow. Darin heißt es: ,„Der Mann muss auch seinem König, wenn dieser Unrecht tut, widerstehen und helfen, ihm zu wehren in jeder Weise […] Damit verletzt er seine Treuepflicht nicht.“ Eike von Repgow hat damit dem Selbstbewusstsein und der Selbstverantwortung der Deutschen ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

Seite aus dem Heidelberger Sachsenspiegel, Universitätsbibliothek Heidelberg.

Foto: Aussteiger21 | CC BY-SA 3.0

Das gute „alte“ Recht

Heute würden wir sagen, dass der Staatsauffassung des germanischen Widerstandsrechts die Idee eines Rechtes zugrunde lag, das wir Naturrecht oder Menschenrecht nennen würden. Diesem Recht waren Herrscher und Untertanen gleichermaßen unterworfen. Es gründete auf der Annahme, dass schon vor der Entstehung staatlicher Organisation ein gutes „altes“ Recht vorhanden war, das nicht erst vom Volk geschaffen werden musste. Die rebellischen Bauern erinnerten sich in ihrem Aufstand von 1525/26 sehr wohl an diese von Gott verliehene Erlaubnis.
Die mittelalterliche römisch-christliche Kirche in Mitteleuropa sah sich mit dem germanischen Recht konfrontiert. Damit prallten zwei Welten aufeinander: Die Vorstellung, dass die Staatsgewalt vom Volke ausgehe, lag außerhalb der Fantasie der römischen Christen. Die germanischen Staatsgründungen bauten aber auf dieser vom Volk ausgehenden Gewalt auf; sie verkündeten die Verantwortung der Freien für die Organisation des Staates. Theorie und Praxis der Demokratie, der Volkssouveränität und des Widerstandsrechts standen zunächst in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu der römisch-christlichen Vorstellung eines göttlichen König- und Kaisertums.
Die Bibel lässt die Antwort nach dem Widerstandsrecht offen. Nach einem Paulus-Wort sei jedermann der Obrigkeit untertan, denn „es ist keine Obrigkeit ohne Gott“ (Röm 13,1). Allerdings lesen wir auch: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Während der Katholizismus schließlich Widerstand und Gehorsam durch seine Tyrannenlehre versöhnte, wurde die protestantische Kirche in Deutschland durch die Verbindung von Thron und Altar in den letzten Jahrhunderten in dem Sinne beeinflusst, dass dem Gehorsam gegenüber dem Staat, auch gegen den Sozialismus von 1933 bis 1945, bedingungslos zu folgen sei.

Grenzen staatlicher Macht

Der Philosoph, der neben Friedrich Hegel das Denken der Deutschen am stärksten beeinflusste, war Immanuel Kant. Er bestritt das Recht auf Widerstand ausdrücklich, da es in keiner Verfassung stehe und dort auch keinen Platz habe. Denn durch die Einräumung eines Widerstandsrechts hebe sie sich selbst auf.
Hegel meinte, „Jedes Volk hat deswegen die Verfassung, die ihm angemessen ist und für dasselbe gehört.“ Fassungslos musste Deutschland in den 1960er-Jahren bei der Beobachtung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem feststellen, dass sich der Mitverantwortliche für den Holocaust nicht ohne Grund auf Hegels und Kants Rechtspositivismus bei seinen Entscheidungen in der Zeit des Nationalsozialismus berufen konnte. Wer sich diesen Auffassungen verschrieben hat, kann logischerweise nicht gegen Verletzungen von Naturrechten protestieren.
Die Opposition im sozialistischen Hitlerstaat erinnerte sich nun an ein Recht, das sich nicht auf Kant und Hegel berufen konnte. Professor Kurt Huber wurde im Jahr 1943 zusammen mit den Geschwistern Scholl angeklagt. Er sprach zum Schluss seines Prozesses die Rechte und Pflichten zum Widerstand an und umriss die Grenzen der Staatsgewalt: „Legales Verhalten des Bürgers wird unsittlich, wenn es zum Deckmantel einer Feigheit wird, die sich nicht getraut, gegen offenkundige Rechtsverletzungen aufzutreten.“
Im deutschen Widerstand während der Zeit des nationalen Sozialismus trafen Persönlichkeiten von ungewöhnlichem Format zusammen, die aus den verschiedensten Schichten und Ständen des deutschen Volkes hervorgegangen waren. Wie konnten Konservative, Sozialisten, Gutsbesitzer und Arbeiter, Katholiken und Protestanten nun den Kampf gegen den Tyrannen führen und gewinnen, ohne selbst zur Gewalt zu greifen?
Schwere Gewissenskonflikte wurden offenbar: Kann man, darf man Gewalt einsetzen, wenn man Gewalt beseitigen will? Viele Widerstandskämpfer standen vor dieser Frage hilflos und ohne Entscheidung. Die Aufforderung zum Handeln hätte man beim sozialistischen Tyrannen selbst finden können.
Categories
gesellschaft meinung ticker

Nostalgie entsteht in der Gegenwart – An was sich Ihre Kinder erinnern werden

Das Wort „Nostalgie“ leitet sich von zwei griechischen Wörtern ab: „algos“ (Schmerz oder Kummer) und „nostos“ (Heimkehr). Traditionell bezeichnete der Begriff einen akuten Schmerz, der mit Heimweh einherging. Er wurde sogar in einigen medizinischen Handbüchern geführt und als ein Leiden behandelt, eines, welches diejenigen befiel, die fern der Heimat waren, wie Seeleute oder Soldaten.
Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung allerdings verschoben. Mittlerweile bezieht sie sich vor allem auf eine Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit oder den Wunsch, in die „goldenen Tage“ der Vergangenheit „heimzukehren“.

Nostalgie formt unser Weltbild

Die bittersüße Liebkosung der Nostalgie kann einen Menschen plötzlich überkommen, ausgelöst durch einfachste Dinge: eine halb vergessene Melodie, der Geruch von frisch gemähtem Gras, Sonnenschein und lange Schatten auf einer vertrauten Straße oder ein altes, staubiges Buch.
Diese Auslöser verbinden uns mit prägenden Erinnerungen. Wir wünschten, wir könnten zu ihnen zurückkehren, doch wir erleben diese Erinnerungen nur durch eine undurchdringliche Glaswand.
Für Erwachsene werden manche Kindheitserlebnisse mit der Zeit stark von Nostalgie durchdrungen. Ob es das Jagen mit Papa war, Picknicks im Garten mit Geschwistern, das Ansehen eines Lieblingsfilms mit Cousins oder das Lesen eines Buches mit Mama – im Laufe der Zeit erhalten diese Erlebnisse mehr Bedeutung, als sie in jenem Moment hatten.
Die Gegenstände der Erinnerung – die alte Schrotflinte, der ramponierte Picknickkorb, der verblasste Bucheinband – erinnern uns an die Freuden (und Sorgen), die Aktivitäten, die Gefühle, die Orte und vor allem an die Menschen, die uns in unseren prägendsten Jahren geformt haben, als für uns die Welt noch ganz neu war.
Nostalgie ist mehr als nur eine interessante Eigenart des Erwachsenseins. Nostalgie hat eine formende Wirkung, während wir altern. Die Dinge, für die wir Nostalgie empfinden, formen weiterhin, wer wir sind.
Sie schreiben unsere Geschichte und sind ein Ausdruck dessen, was uns am wertvollsten ist. Auf diese Weise kann Nostalgie unsere Prioritäten und sogar unser Weltbild im Erwachsenenalter immer weiter beeinflussen und festigen. Ihre irrationale, emotionale Qualität veranlasst uns, instinktiv auf bestimmte Auslöser zu reagieren, wobei wir ihnen und dem, was sie bedeuten, ein besonderes Gewicht beimessen – manchmal, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Wie unsere Eltern unsere Nostalgie prägen

Eltern haben die einzigartige Gelegenheit, die zukünftige Nostalgie ihrer Kinder zu „formen“, indem sie ihnen in der Kindheit Erlebnisse, Einflüsse und Gegenstände an die Hand geben, die ihr Erwachsenenleben durch Nostalgie prägen werden. Was wir unseren Kindern heute geben, ist das, wofür sie im mittleren Alter Verbundenheit empfinden werden.
Aus dieser Perspektive betrachtet, prägen die Spiele, Aktivitäten, Traditionen, Bücher und Filme, mit denen wir das Leben unserer Kinder gestalten, sie jetzt und in Zukunft. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Einflüsse bewusst zu wählen.
Anders ausgedrückt: Ich möchte lieber, dass meine erwachsenen Kinder stärkere Nostalgie für „Die Chroniken von Narnia“ empfinden als für „SpongeBob Schwammkopf“. Ich möchte lieber, dass sie mehr Nostalgie bei Spaziergängen durch Wälder erleben, anstatt beim Spielen von Videospielen. Ich hoffe, dass schöne Kindheitserinnerungen eher durch Kerzen und schwedisches Lussekattergebäck zum Luciafest ausgelöst werden als durch Ausflüge in Wasserparks.
Das soll nicht heißen, dass Fernsehsendungen oder Videospiele oder Wasserparks keinen Platz in der Kindheit oder Kindheitsnostalgie haben werden. Sicherlich können sie einen positiven Platz einnehmen. Aber gleichzeitig möchte ich nicht, dass diese Erlebnisse diejenigen sind, die meine erwachsenen Kinder am stärksten mit der Jugend assoziieren, weil diese Erlebnisse – im Allgemeinen – nicht die Art von Werten und Weltbild vermitteln, die ich mir wünsche.
Eine Liebe für das Wunderbare und Edle, die durch die Narnia-Reihe vermittelt wird, ist ein besserer Kompass als der Slapstick-Humor und die banale Moralisierung der meisten Kindersendungen. Erinnerungen an sonnendurchflutete Waldlichtungen werden ihnen auf lange Sicht mehr nützen als das Eintauchen in virtuelle Welten von Videospielen.
Andere Eltern mögen das anders sehen, aber der Punkt ist, dass es sich zumindest lohnt, eine Entscheidung zu treffen. Ist es etwas, an das sich meine Kinder später gerne erinnern sollen, oder nicht?
Lieblingsbücher in der Kindheit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Literatur später für das Kind zu einem nostalgischen Bezugspunkt wird. Foto: stockbusters/iStock

Lieblingsbücher in der Kindheit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Literatur später für das Kind zu einem nostalgischen Bezugspunkt wird.

Foto: stockbusters/iStock

Strahlkraft des Alltäglichen

Diese Perspektive auf die Elternschaft ist sowohl belebend als auch einschüchternd. In einem kürzlich viral gegangenen Video brachte ein Vater namens Ethan Lapierre die ergreifende Realität zum Ausdruck, dass man als Eltern „die Nostalgie seiner Kinder in Echtzeit erschafft.“
„Du lebst nicht mehr nur dein eigenes Leben. Du prägst das Leben eines anderen mit“, sagte er.
„Es ist schon seltsam, jetzt erwachsen und Elternteil zu sein. Aber ich betrachte es einfach als großes Privileg. Denn man ist nicht nur Elternteil – man darf Teil des gesamten ‚Erinnerungsalbums‘ eines anderen Menschen sein.“
Himanshi Bahuguna kommentierte die Popularität des Videos für „Motherly“ und schrieb darüber, warum diese Erkenntnis bei so vielen Menschen Anklang fand.
„Plötzlich fühlt sich gewöhnliche Fürsorge bedeutungsvoll an“, führt sie aus. „Man erkennt, dass sich die Erinnerungen seines Kindes lautlos formen, ohne Ankündigung, während man nur versucht, den Tag zu überstehen. […] Viele Eltern beschreiben diesen Moment [der Erkenntnis] als schön und gleichzeitig furchterregend.“

Alles zählt, auch wenn es unscheinbar wirkt

Die Erkenntnis, wie Nostalgie sich herausbildet, veranlasst Eltern nicht nur zu einer bewussteren Auswahl der Einflüsse, die sie auf ihre Kinder ausüben, sondern verleiht dem Alltag auch einen besonderen Glanz.
„Eines der am schwersten zu glaubenden Dinge für Eltern ist auch eines der beruhigendsten“, schreibt Bahuguna. „Die kleinen Dinge zählen gerade deshalb, weil sie klein sind.“
In dieser Wahrheit zu ruhen – was inmitten des Chaos des Alltags eine Herausforderung sein kann – ist eine der großen Freuden der Elternschaft.
Jedoch erinnert Bahuguna Eltern auch daran, dass „Kindheit keine Aufführung und Fürsorge kein Spektakel ist.“ Eltern sollten ihre Kinder bewusst mit Gutem umgeben – mit wertvollen Traditionen, schöner und inspirierender Literatur sowie gemeinsamen Abenteuern, aus denen kostbare Erinnerungen entstehen.
Doch der eigentliche Kern des Elternseins liegt nicht in all diesen Dingen. Er liegt in der Liebe. Selbst wenn die äußeren Umstände der Kindheit alles andere als vollkommen sind, kann Liebe sie dennoch schön machen.
Das ist es, woran sich Kinder am meisten erinnern werden. Das ist der wahre Kern gesunder Nostalgie.
Kindheitserlebnisse werden typischerweise aufgrund der damit verbundenen Gefühle erinnert, von denen einige jahrzehntelang anhalten können. Foto: kieferpix/iStock

Kindheitserlebnisse werden typischerweise aufgrund der damit verbundenen Gefühle erinnert, von denen einige jahrzehntelang anhalten können.

Foto: kieferpix/iStock

Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Creating Nostalgia Today: What Will Your Children Remember?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
Categories
etplus meinung ticker vital

Vitamin D: Können Kapseln und Sonne im Sommer zu viel des Guten sein?

Letzten Monat saß Frau L., 68 Jahre alt, ruhig und sachlich vor mir in meiner Praxis. Ich kenne sie als eine Patientin, die ihre Gesundheit mit großer Sorgfalt betrachtet.
„Herr Doktor“, sagte sie, „jetzt ist endlich Sommer. Ich nehme seit Monaten Vitamin D wegen meines Mangels. Aber kann ich damit nicht irgendwann zu viel bekommen?“ Ihre Frage war nüchtern, aber mit dem klaren Wunsch nach Orientierung.
Genau diese Art von Unsicherheit begegnet mir immer wieder: Menschen, die zwischen Sonnenlicht, Nahrungsergänzung und widersprüchlichen Empfehlungen nicht mehr wissen, was für ihre Gesundheit richtig ist.

Sommersonne als trügerische Sicherheit

Vitamin D ist essentiell für ein funktionierendes Immunsystem, die Kalziumaufnahme sowie die Knochen- und Zahngesundheit. Damit die körpereigene Bildung des Vitamins in ausreichenden Mengen stattfindet, ist die UV-B-Strahlung im natürlichen Sonnenlicht wesentlich.
Allerdings ist Deutschland kein Land, in dem die Sonne zuverlässig für stabile Vitamin-D-Spiegel sorgt. Tatsächlich erreichen selbst im Hochsommer viele Menschen nicht die notwendige UV-B-Intensität, weil sie im Alltag nicht ausreichend direkte Sonne bekommen.
Studien zeigen, dass selbst in sehr sonnigen Regionen viele Menschen zu wenig Vitamin D haben.
Noch deutlicher wurde dies in der deutschen DEGS1-Analyse aus dem Jahr 2014, die belegte, dass über die Hälfte der Bevölkerung auch im Sommer keine optimalen Vitamin-D-Spiegel hat.
Das bedeutet: Die Sommermonate mit mehr Sonnenstrahlung sind hilfreich, aber sie sind kein verlässlicher Garant. Faktoren wie Alter, Hauttyp, Medikamenteneinnahme und Lebensstil beeinflussen die Produktion massiv – ein Punkt, den viele Patienten nicht kennen oder unterschätzen.

Die Gefahr der Überdosierung

Vitamin D unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von vielen anderen Vitaminen: Der Körper kann es nicht beliebig ausscheiden, wenn zu viel vorhanden ist.
Genau darin liegt der Grund, warum eine Überdosierung möglich ist – auch wenn sie selten vorkommt.
Was der Körper an wasserlöslichen Vitamin C oder B nicht braucht, spült er einfach wieder weg. Vitamin D ist jedoch fettlöslich: Der Körper kann es nicht einfach ausscheiden, sondern speichert es ab.
Diese Speicherfähigkeit ist grundsätzlich ein Vorteil, denn sie ermöglicht eine langfristige stabile Versorgung über Wochen. Doch sie bedeutet auch, dass der Körper Vitamin D im Fettgewebe und in der Leber anreichert.
Wenn über längere Zeit deutlich zu hohe Mengen eingenommen werden, kann der Spiegel so stark steigen, dass der Kalziumhaushalt aus dem Gleichgewicht gerät. Genau dieser Mechanismus – die sogenannte Hyperkalzämie – ist der Grund, warum Vitamin D anders bewertet werden muss als wasserlösliche Vitamine.
Die Frage nach einer möglichen Überdosierung ist also berechtigt. In meiner Praxis sehe ich Überdosierungen allerdings extrem selten. Viel häufiger sehe ich Menschen, die trotz Sommerlicht und Nahrungsergänzung weiterhin im Mangel bleiben.
Die Übersichtsarbeit von Vieth über die Ergänzung von Vitamin D zeigte, dass selbst höhere Dosierungen als empfohlen, über längere Zeiträume keine toxischen Werte erzeugten, solange sie ärztlich begleitet wurden.
Gleichzeitig warnen wissenschaftliche Analysen vor unkontrollierter Selbstmedikation ohne Laborwerte.
Die Gefahr liegt also nicht im Vitamin D selbst, sondern im fehlenden Monitoring. Wer blind supplementiert, kann theoretisch zu hohe Werte erreichen. Wer seinen Spiegel kennt, bewegt sich dagegen in einem sicheren Bereich.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Studien, die zeigten, wie stark die individuelle Reaktion auf Vitamin-D-Gaben variiert. Zwei Menschen mit identischer Dosierung können abhängig von verschiedenen Faktoren, wie Genetik oder Body-Mass-Index, völlig unterschiedliche Vitamin-D-Spiegel entwickeln.
Genau deshalb ist die pauschale Empfehlung „Im Sommer braucht man kein zusätzliches Vitamin D“ wissenschaftlich nicht haltbar.

Warum ich jeden Spiegel messe – und warum das der entscheidende Schritt ist

Als Frau L. vor mir saß, wusste ich aus früheren Messungen, dass ihr Spiegel selbst im Sommer schnell absinkt. Ihr Körper produziert weniger Vitamin D, ein Phänomen, das bei älteren Menschen gut dokumentiert ist. Ich erklärte ihr, dass die Sonne ihr hilft, aber in ihrem Fall nicht ausreichend. Und dass eine tatsächliche Überdosierung nur dann möglich wäre, wenn sie unkontrolliert eine Nahrungsergänzung mit zu hoher Dosis einnehmen würde.
In der ganzheitlichen Medizin ist Vitamin D kein isolierter Stoff, sondern Teil eines komplexen Systems aus Stoffwechsel, Immunfunktion und hormoneller Regulation. Deshalb ist die Laboranalyse für mich der zentrale Schritt. Sie schafft Klarheit, verhindert Fehldosierungen und ermöglicht eine individuelle, sichere Versorgung.
Die wissenschaftliche Literatur unterstützt dieses Vorgehen. Studien zeigen, dass Menschen mit kontrollierter Supplementation stabilere und sicherere Werte erreichen als jene, die ohne Laborwerte dosieren. Das bestätigt, was ich seit Jahren in der Praxis beobachte: Kontrolle schützt – nicht selbstständiger Verzicht an heißen Tagen.

Fazit

Vitamin D ist ein zentraler Gesundheitsfaktor, der weit über die Sommermonate hinaus Bedeutung hat.
Die Sonne hilft bei der Vitamin-D-Versorgung , aber sie ersetzt keine Laboranalyse. Eine Überdosierung ist theoretisch möglich, aber selten – und fast ausschließlich dann, wenn Menschen ohne Kontrolle supplementieren.
Mein Tipp aus der ganzheitlichen Praxis lautet daher: Immer zuerst den Spiegel bestimmen lassen und erst danach angepasst supplementieren. So wird Vitamin D zu einem präzisen Werkzeug, nicht zu einem Risiko. Wer seinen Wert kennt, kann sicher, wirksam und individuell versorgt werden – im Sommer wie im Winter.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Categories
etplus meinung ticker wirtschaft

Krall: Goldpreis teilweise manipuliert – Russland und China im Kaufrausch

Nach dem Rekordhoch Anfang März lässt der Goldpreis nach, wobei es vereinzelt zu rasanten Preisabstürzen kommt. Was sind die Ursachen dafür und was bedeutet dies für Goldbesitzer oder potenzielle Anleger? Ist Gold noch der sichere Hafen, für den es von Experten und Analysten jahrzehntelang gehalten wurde? Darüber haben wir mit dem Unternehmer und Publizisten Dr. Markus Krall gesprochen.
Hat der jüngste Rückgang des Goldpreises Ihre grundlegende Einschätzung zu Gold verändert? Oder sehen Sie darin nur eine normale Korrektur?
Es ist nicht nur eine normale Korrektur, denn am Gold- und noch stärker am Silbermarkt wurde massiv manipuliert, und zwar Anfang des Jahres, als der Goldkurs tatsächlich überhitzt war. Die Korrektur war fällig. Aber das Ausmaß der Korrektur war deshalb so stark, weil die Korrektur und das Eingreifen starker Player, insbesondere aus der Finanzwirtschaft und aus den Zentralbanken, zusammentrafen.
Die Zentralbanken, insbesondere die US-Notenbank (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB), haben kein Interesse an einem zu schnell steigenden Goldpreis, weil ein zu schnell steigender Goldpreis ein Misstrauensvotum gegen die Papierwährungen darstellt. Gleichzeitig sehen wir im Moment ein epochales Ringen um die Frage der Leitwährung.
Die USA möchten den US-Dollar als Leitwährung verteidigen und Gold etwas zurückdrängen. Währenddessen möchten Russland und China den US-Dollar als Leitwährung verdrängen und durch eine goldgedeckte Handelswährung ersetzen. Das ist einer der Gründe, warum die FED so massiv gegen das Gold vorgeht.
Allerdings ist das Drücken des Goldpreises ein Pyrrhussieg, da die Chinesen und die Russen diesen niedrigen Kurs nutzen, um einzukaufen, als gäbe es kein Morgen. Das heißt, man hat durch einen taktischen Sieg dem Gegner einen strategischen Sieg ermöglicht. Denn dadurch können beide Länder ihre Goldvorräte zu wesentlich günstigeren Bedingungen aufstocken. Das wird sich langfristig negativ auf die FED und die EZB auswirken.
Beim Gold sind die fundamentalen Daten für einen starken Markt aber nach wie vor gegeben, da das Vertrauen in den US-Dollar und den Euro immer weiter schwindet. Beim Silber gibt es eine hohe industrielle Nachfrage durch die Solarwirtschaft, die KI und die Digitalisierung. Dadurch kann die Produktion mit dem industriellen Verbrauch nicht mehr Schritt halten.
Daher greift man auf die Silbervorräte zu. Das lässt sich auf Dauer nur durch einen höheren Silberpreis beheben, da nur ein höherer Preis die Produktion erhöhen wird. Insofern wird sich auch hier langfristig das Fundamentale durchsetzen und das Spekulative wird zurückgedrängt.
Was raten Sie durchschnittlichen Anlegern? Wie viel sollten sie in Gold investieren?
Mein Credo ist die Anwendung der babylonisch-talmudischen Drittelregel. Sie hat sich seit 2.500 Jahren bewährt. Damals hieß es jeweils ein Drittel Vieh, Land und Gold. Heute bedeutet das für mich jeweils ein Drittel Aktien, Immobilien und Gold. Gold steht dabei für mich für die Edelmetalle Gold und Silber in einem Mischungsverhältnis von 80 zu 20 oder 70 zu 30. Dabei sollte ein größerer Teil des Goldes im Ausland gelagert werden, um ihn vor dem Zugriff deutscher Behörden zu schützen.
Und warum eine Mischung aus Gold und Silber?
Gold hat in den letzten 55 Jahren seit der Freigabe des Goldpreises durch die Trennung vom US-Dollar insgesamt besser performt als Silber. Über 55 Jahre stieg der Wert von Gold im Durchschnitt jedes Jahr um 9 Prozent. Das ist eine super Rendite. Das kann sonst kein anderer Vermögenswert, keine Aktie und keine Immobilie weltweit vorweisen. Da Silber eine eigene Kursentwicklung unabhängig vom Gold hat, sorgt Silber im Portfolio für eine Risikostreuung. Aber da Gold insgesamt doch die höhere Performance vorzuweisen hat, sollte der Goldanteil im Portfolio höher sein als der Silberanteil.
Haben Sie eine Einschätzung, bis auf welches Niveau der Goldpreis fallen könnte?
Grundsätzlich weigere ich mich, kurzfristige Prognosen abzugeben, da dies einem Ratespiel gleicht. Es gibt so unendlich viele Kräfte, die kurzfristig wirken, in alle Richtungen ziehen, sowie unendlich viele Ereignisse, die man nicht vorhersehen kann. Daher ist es anmaßend, zu sagen, wo der Goldpreis in vier, sechs oder acht Wochen hingeht. Das weiß ich nicht. Auch halte ich diese Frage für nicht sinnvoll. Ich habe Gold nicht in meinem Portfolio, damit ich in den nächsten acht Wochen Geld verdiene oder verliere. Vielmehr ist Gold eine Rückversicherung gegen das Unbekannte, gegen große Katastrophen, die ich nicht voraussehen kann – Krieg, Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen. In dieser Eigenschaft performt Gold seit 5.000 Jahren ganz hervorragend. Wer mit Gold handeln und spekulieren will, müsste auf Papiergold setzen. Aber davon rate ich generell ab. Denn Papiergold ist auch nicht besser als Papierwährung.
China hat den Handel mit Papiergold unterbunden. Manche sehen darin einen Versuch, den echten Wert von Gold zu ermitteln. Was sagen Sie dazu?
China war nicht ganz so strikt, wie Sie es gerade in Ihrer Fragestellung nahegelegt haben. Aber Peking drängt den Papiergoldhandel zurück, da dieser genau das Spekulations- und Manipulationsinstrument der westlichen Zentral- und Geschäftsbanken ist. Der Goldpreis wird in London durch Papiergold ermittelt und ist dementsprechend anfällig. Peking möchte, dass seine sehr erheblichen Goldreserven fair bewertet werden. Die faire Bewertung ist wahrscheinlich höher als der aktuelle Marktpreis. Nach meinen Schätzungen hat China mittlerweile mindestens 20.000 Tonnen Goldreserven aus eigener Produktion und durch Zukauf angelegt und damit eine sehr kluge, vernünftige Politik betrieben. China will, dass die Manipulation aufhört, damit auch die starken Kursschwankungen zurückgehen.
Denn diese beeinträchtigen die Fähigkeit, mit einer goldgedeckten Handelswährung zu handeln. Wir werden sehen, wer da am Ende die stärkeren Bataillone hat. Ich vermute, dass es Russland und China sein werden. Denn mit ihrem Handelsbilanzüberschuss gegenüber dem Westen von 1 Billion US-Dollar pro Jahr haben sie den längeren Hebel, die größere finanzielle Macht und auch mehr Freiheit. Da wird der Westen jetzt leider dazulernen müssen.
Vielen Dank für das Interview!
Categories
etplus meinung ticker vital

Der Cholesterin-Irrtum: Warum das Standardblutbild Ihr wahres Herzrisiko verschweigt

Es ist der klassische Satz beim Hausarzt, der uns erleichtert aufatmen lässt: „Ihre Cholesterinwerte sind im grünen Bereich, alles bestens!“ Wir packen unsere Sachen und gehen beruhigt nach Hause. Doch die moderne Kardiologie gibt zu bedenken, dass diese grundlegende Laboruntersuchung unter Umständen nicht das vollständige Risiko abbildet.
Während die gesetzliche Vorsorge in Deutschland primär und leitliniengerecht auf das klassische LDL-Cholesterin schaut, hat die Wissenschaft längst weitere Facetten der Herz-Kreislauf-Prävention erforscht. Wer sein Herz umfassend schützen will, kann zusätzlich auf Marker aus der präventiven Langlebigkeitsmedizin setzen, die über das LDL-Cholesterin hinausgehen.

Das Problem mit dem Gewicht: Warum LDL nur einen Teil der Wahrheit zeigt

Das Standardblutbild misst beim LDL-Cholesterin das Gesamtgewicht des Fetts in einer bestimmten Menge Blut. Das ist so, als würde man die Staugefahr auf einer Autobahn ermitteln, indem man das Gesamtgewicht aller Fahrzeuge bestimmt. Für die Stauentwicklung macht es jedoch einen Unterschied, ob zehn tonnenschwere Lastwagen oder hunderte kleine Autos unterwegs sind.
Hier kommt ein weiterer Wert ins Spiel: Apolipoprotein B (ApoB). Dieser Wert gibt Aufschluss über die tatsächliche Anzahl der gefäßschädigenden Fetttransportteilchen im Blut. Zwei Menschen können denselben, unauffälligen LDL-Wert haben, und doch trägt einer von ihnen ein statistisch höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, weil sein Blut eine höhere Dichte an kleineren ApoB-Partikeln aufweist.
Der aktuell empfohlene klinische Konsens lautet, dass bei Menschen mit einem geringen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein ApoB-Wert über 90 mg/dL erhöhte medizinische Aufmerksamkeit erhalten sollte. Für Patienten mit einem hohen Risiko, wie beispielsweise Diabetes-Patienten mit Bluthochdruck oder wenn bereits ein Herzinfarkt stattgefunden hat, gelten Schwellenwerte zwischen 60 und 70 mg/dL.

Der unterschätzte genetische Faktor

Noch wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert ist ein weiterer Faktor: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Die Konzentration von Lp(a) im Blut ist laut Forschungen überwiegend genetisch bestimmt und bleibt über das gesamte Leben konstant. Auch ein gesunder Lebensstil mit viel Sport und ausgewogener Ernährung kann den Lp(a)-Wert nicht maßgeblich beeinflussen. Wer mit einem hohen Lp(a)-Wert geboren wird, hat einen genetisch bedingten Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Statistisch gesehen betrifft dies etwa jeden fünften Erwachsenen in Deutschland. Das Problem: Die meisten von ihnen wissen es nicht, da der Wert im regulären Check-up meist nicht standardmäßig bestimmt wird. Die europäische Kardiologie-Leitlinie empfiehlt, den Lp(a)-Wert mindestens einmal im Leben bestimmen zu lassen.
Die Deutsche Herzstiftung definiert Werte unter 30 mg/dl (75 nmol/l) als optimal. Ab 30 mg/dl gilt der Wert als leicht erhöht, und ab einem Wert von über 50 mg/dL (über 125 nmol/L) ist das Risiko deutlich erhöht, was eine präventive Begleitung erfordert.

Die Risikofaktoren in den Adern

Selbst ein guter Cholesterinwert nützt wenig, wenn in den Gefäßen eine unbemerkt fortschreitende Entzündung vorliegt. Entzündliche Prozesse in der Gefäßwand tragen maßgeblich zur Entstehung und zum Fortschreiten gefährlicher Plaques bei.
Ein wichtiger Indikator dafür ist das hochsensitive C-reaktive Protein (hs-CRP). Zeigt dieser Wert mehr als 2,0 mg/L an, signalisiert das eine aktive Entzündung der Gefäßwände. Ein solcher Zustand macht die Adern anfälliger für Verkalkungen – unabhängig davon, wie gut die übrigen Fettwerte aussehen.
Zusätzlich steht ein erhöhter Wert der Aminosäure Homocystein mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten und Schlaganfälle in Zusammenhang.

Der frühzeitige Fehlalarm beim Zucker

Ein erweiterter Blick auf die Blutwerte kann jedoch nicht nur das Fett, sondern auch den Zucker betreffen. Wenn der Hausarzt den Blutzucker misst und dieser normal ist, kann dies jedoch auch ein Trugschluss sein, denn der Körper ist ein Meister der Kompensation.
Droht der Blutzucker durch falsche Ernährung oder Bewegungsmangel zu steigen, schüttet die Bauchspeicheldrüse als Kompensation erhöhte Mengen an Insulin aus, um den Wert unten zu halten.
Diese sogenannte Insulinresistenz lässt sich oft mehrere Jahre vor einem echten Diabetes im Blut nachweisen – allerdings nur, wenn das Nüchterninsulin gemessen wird. Während der normale Blutzuckertest möglicherweise noch Unauffälligkeit signalisiert, kann die beginnende Entgleisung des Stoffwechsels bereits die Arterien schädigen. Steigt der Blutzucker dann schließlich doch, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten.

Werden Sie zum Manager Ihrer eigenen Gesundheit

Das Wissen über diese Marker ist längst kein Geheimnis mehr. Es ist allgemein verfügbar. Warum testet der Hausarzt sie also nicht standardmäßig? Die Antwort ist systembedingt: Unser Gesundheitssystem konzentriert sich im Rahmen der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen primär auf die Akutversorgung und etablierte Basis-Screenings.
Die präventive Feineinstellung der Gesundheit liegt daher aktuell in der Eigenverantwortung.
 
 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Categories
deutschland meinung ticker

Fritz Vahrenholt: Die selbstverschuldete Gasmangellage


In Kürze:

  • Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie selten zu dieser Zeit. Bereits jetzt zeichnet sich eine Gasmangellage im kommenden Winter ab.
  • Weltpolitische Krisen erschweren die Wiederbefüllung und gefährden das Geschäftsmodell der Speicherbetreiber.
  • Deutschland bezieht selbst kein Gas aus Russland, erhält aber dennoch über Umwege russisches Gas. Diese Importe fallen ab Januar 2027 weg.
  • Einheimisches Gas könnte Deutschland für Jahrzehnte versorgen, die Förderung bleibt jedoch verboten.
  • Zugleich setzt die Methanverordnung der EU die Versorgungssicherheit unter Druck.
  • Die USA seien bereit, Europa zu versorgen, aber nicht unter derart „verrückten“ Bedingungen.

 
Die Temperaturen im Juni 2026 überstiegen das langfristige Mittel um +0,46 Grad Celsius. Die Abweichung der globalen Mitteltemperatur vom 30-jährigen Mittel der Satellitenmessungen ist damit im Vergleich zu Mai gesunken (+0,53 Grad Celsius), liegt aber höher als im April (+0,39 Grad Celsius).
Die Temperaturen im Juni 2026 überstiegen das langfristige Mittel um +0,46 Grad Celsius. Der kurzfristige Abkühlungstrend bleibt weiter intakt, der langfristige Trend liegt unverändert bei +0,16 Grad Celsius pro Jahrzehnt, wobei die aktuell Temperaturabweichung leicht über dem Erwartungswert liegt.

Die Temperaturen im Juni 2026 überstiegen das langfristige Mittel um +0,46 Grad Celsius. Der kurzfristige Abkühlungstrend bleibt weiter intakt, der langfristige Trend liegt unverändert bei +0,16 Grad Celsius pro Jahrzehnt, wobei die aktuell Temperaturabweichung leicht über dem Erwartungswert liegt.

Die US-amerikanische Ozeanbehörde NOAA hat die für den Pazifik erwarteten El Niño-Konditionen inzwischen bestätigt und rechnet damit, dass diese bis zum Frühjahr nächsten Jahres andauern. El Niño ist eine natürliche, zyklische Erwärmung des tropischen Pazifiks, die sich alle drei bis fünf Jahre ereignet und in der Regel mit einem globalen Temperaturausschlag von 0,2 Grad Celsius verbunden ist.
Davon scheinbar unberührt, beträgt der durchschnittliche Temperaturanstieg seit 1979 weiterhin 0,16 Grad Celsius pro Jahrzehnt.

Die Befüllung der deutschen Gasspeicher bis zur Heizsaison wird schwierig

Der Füllstand der deutschen Gasspeicher beträgt zurzeit lediglich 44 Prozent. Dies liegt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, denn die Füllstände lagen früher zu diesem Zeitpunkt bei 60 Prozent. Die Befüllung im Jahr 2026 startete zum einen von einem sehr niedrigen Niveau von rund 20 Prozent. Zum anderen zögern die Gasspeicherbetreiber, Gas einzukaufen, da die Gaspreise seit der Hormus-Krise hoch sind.
Das Geschäftsmodell der Betreiber bestand darin, preiswertes Gas im Sommer einzukaufen und zu einem in der Regel höheren Preis im Winter zu verkaufen. Jetzt droht sogar das Gegenteil. Sollte es zu einer Entspannung am Persischen Golf kommen, werden die Gaspreise im Winter niedriger als im Sommer liegen, sodass den Betreibern Verluste drohen.
Der Verband der Speicherbetreiber INES gab daher im Juli bekannt, dass bis zur Heizsaison technisch nur noch ein Niveau von 76 Prozent erreicht werden kann. Die Betreiber stellen fest:
„Die derzeitigen Preisentwicklungen setzen kaum Anreize zur Einspeicherung von Gas und gefährden damit die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter.“

Gasmangellage schon heute absehbar?

Bei einem kalten Winter prognostiziert der Verband schon heute eine Gasmangellage von bis zu 2 Terawattstunden pro Tag im Februar/März 2027. Es fehlten dann bis zu 40 Prozent des in Deutschland täglich benötigten Erdgases. In diesem Fall droht die Abschaltung des Gases für die Industrie, die etwa 2 Terawattstunden Gas pro Tag verbraucht.
Der INES-Geschäftsführer Heinermann sieht bei einem außergewöhnlich kalten Winter die Risiken erheblich steigen: „Deshalb müssen bereits heute die Voraussetzungen geschaffen werden, um die Speicher stärker zu befüllen.“
Die tägliche Einspeisung in die Speicher beläuft sich zurzeit auf 0,2 Prozentpunkte. Bei diesem Tempo würde bis zum 1. November – noch etwas über 100 Tage – noch nicht einmal der gesetzlich vorgeschriebene Füllstand von 70 Prozent erreicht. Die Bundesnetzagentur erklärt dennoch, die Versorgungssicherheit sei gewährleistet.

Deutschland bezieht immer noch relevante Mengen Gas aus Russland

Über die viel gepriesenen deutschen LNG-Terminals bezieht Deutschland etwa 10 bis 13 Prozent seines Erdgases. Etwa 40 Prozent kommen aus Norwegen. Weitere 40 Prozent kommen aus den Niederlanden und Belgien. Dort wird es als LNG angelandet und durch Pipelines nach Deutschland transportiert.

Tägliche Gasimporte Deutschlands nach Ländern. Der Direktimport aus Russland (grau) wurde 2022 eingestellt. Parallel dazu ist die Gesamtimportmenge (orange) erheblich gesunken. LNG (rosa) ist seither die viertwichtigste Bezugsquelle – ein Teil dessen stammt über Umwege dennoch aus Russland.

Foto: Bundesnetzagentur

Es wird jedoch kaum diskutiert, dass Belgien über Zeebrügge vier Zehntel seines LNG-Imports aus Russland bezieht, ebenso die Niederlande mit 13 Prozent seines Imports. Insofern erhalten wir indirekt immer noch erhebliche Mengen – rechnerisch ergeben sich rund 10 Prozent – unseres Gases aus Russland.
Frankreich importiert seinerseits ein Drittel des LNGs aus Russland. Dieser Import soll nach den Plänen der EU ab 1. Januar 2027 beendet werden. Das wird sich dann tendenziell in höheren Preisen niederschlagen.

Monatliche LNG-Importe aus Russland ausgewählter Länder in Milliarden Kubikmetern. Seit Januar 2021 hat sich das Gesamtvolumen erhöht, sowohl in Summe für Belgien, die Niederlande und Frankreich als auch für Europa insgesamt.

Foto: IEEFA

Gas-Notfallreserve ab 1. Januar 2027 geplant …

Das Bundeswirtschaftsministerium plant eine strategische Erdgasreserve, um auf Gasversorgungskrisen besser vorbereitet zu sein. Die Gasreserve soll 24 Terawattstunden umfassen, etwa 10 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazität. Die Kosten für den Gaseinkauf und die Einspeicherung sollen etwa 1,5 Milliarden Euro betragen, die über einen Aufschlag auf die Gaspreise für den Verbraucher finanziert werden sollen. Das entsprechende Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Die Maßnahme ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Energiepolitik der letzten vier Bundesregierungen die Krisenanfälligkeit der Gasversorgung massiv erhöht hat. Denn aufgrund des Ausstiegs aus der Kernenergie und des notwendigen Backups für Wind- und Solarenergie werden in den nächsten Jahren zahlreiche Gaskraftwerke zu bauen sein.
Die Bundesnetzagentur hat erklärt, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland nur gewährleistet werden kann, „wenn bis 2035 zusätzliche steuerbare Kapazitäten von 22.400 MW bis 35.500 MW errichtet werden“. 35.500 Megawatt Gaskraftwerke verbrauchen etwa 15 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Gas. Zum Vergleich: Der Jahresverbrauch Deutschlands lag 2025 bei 85 Milliarden Kubikmetern Gas.

… aber Fracking bleibt verboten

Erschwerend kommt hinzu, dass die früheren Regierungsparteien es für richtig hielten, die Erdgasförderung durch Fracking in Deutschland zu verbieten. Ministerin Reiche kann sich eine Lockerung des Fracking-Verbots vorstellen.
Der Kanzler geht jedoch auf Distanz. Auch sein Finanzminister hat sich – wie die SPD insgesamt – gegen Fracking ausgesprochen. Der Wahlkreis von Lars Klingbeil (Heidekreis) liegt in einem Gebiet vielversprechender Schiefergasvorkommen.
Nun bekommt die Ministerin starke Unterstützung durch ein von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Auftrag gegebenes Gutachten des ehemaligen Präsidenten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Prof. Hans-Joachim Kümpel. Er kommt zu dem Ergebnis, dass
  • die Technik der Förderung des Schiefergases aus mehr als 1.000 Meter Tiefe eine Gefährdung des Grundwassers (bis zu 100 Meter Tiefe) ausschließt,
  • das Erdbebenrisiko beim Fracking um ein Vielfaches niedriger ist als bei der herkömmlichen Erdgasförderung,
  • Deutschland eine förderbare Gesamtmenge von 1.000 Milliarden Kubikmetern aufweist, was einer Förderdauer von 50 Jahren bei einer jährlichen Fördermenge von 20 Milliarden Kubikmetern entspricht,
  • deutlich kostengünstiger wäre als der heutige Weltmarktpreis.
Das Gutachten kann man hier kostenlos herunterladen.

Verschärft ein Erdgaslieferstopp wegen der EU-Methanverordnung die Gasmangellage?

Die EU hat eine Verordnung erlassen, wonach ab 1. Januar 2027 der Methanausstoß bei der Förderung, der Verarbeitung und dem Transport von Rohöl und Erdgas aus Klimaschutzgründen zu reduzieren ist. Und das soll nicht nur in Europa gelten, sondern für Importeure, die nachweisen sollen, dass in den außereuropäischen Förderländern diese neuen, erheblich strengeren EU-Standards erfüllt sind.
Während Importeure wie SEFE, Uniper und Shell davor warnen, dass „ein erheblicher Teil der weltweiten Gasversorgung de facto nicht konform sein wird“ und es zu erheblichen Lieferengpässen kommen könnte, will die EU ihre Verordnung mit horrenden Strafzahlungen von bis zu 20 Prozent des Jahresumsatzes durchsetzen.
Am 24. Juni haben die USA, Katar, Nigeria und Algerien in einem gemeinsamen Brief an die EU-Kommission Änderungen der Importregeln verlangt, andernfalls werde Europa massive Versorgungsrisiken mitten im Januar 2027 eingehen. Immerhin sind 43 Prozent des Erdgasverbrauchs in Europa betroffen. Der US-Energieminister Chris Wright nannte die Regeln „crazy“ – verrückt. Die USA seien bereit, Europa zu versorgen, aber nicht zu diesen Bedingungen.
Ministerin Reiche hat sich richtigerweise bei der EU für ein Aussetzen der Verordnung ausgesprochen. Ihr SPD-Kollege, Umweltminister Schneider, hat sich im Namen der Bundesregierung für die Beibehaltung der EU-Verordnung ausgesprochen und hat seine Ministerkollegin für ihre Initiative öffentlich gerügt.
Wenn wir im Januar 2027 Versorgungsprobleme bekommen werden, wissen wir, bei wem wir uns zu bedanken haben.
Dieser Artikel erschien im Original auf klimanachrichten.de unter dem Titel „Fritz Vahrenholt: Die selbstverschuldete Gasmangellage“. (redaktionelle Bearbeitung: ts/Epoch Times)
Categories
etplus meinung ticker vital

Warum Knochen- und Muskelschwund nicht nur eine Folge des Alterns sind


In Kürze:

  • Osteoporose und Sarkopenie – also Knochen- und Muskelschwund – nehmen bereits in jüngeren Jahren ihren Anfang.
  • Knochen und Muskeln wachsen durch Belastung. Fehlt diese, verkümmern sie.
  • Auch die Biochemie von Knochen und Muskeln bestimmt, ob sie schwinden oder wachsen.
  • Doch gesunde Knochen und Muskeln brauchen nicht nur Sport und eine gute Ernährung, sondern auch Energie in den Zellen.

 
Der Abbau von Knochen, Muskeln und Kraft gehört zu den folgenschwersten Aspekten des Alterns. Denn Gebrechlichkeit ist einer der stärksten Prädiktoren für Pflegebedürftigkeit und Tod nach dem 65. Lebensjahr. 
Doch glücklicherweise kann man diesem Abbau sehr gut entgegenwirken und ihn sogar umkehren. Personen, die ihre muskuloskelettale Kraft erhalten, sind laut Studien weitaus besser in der Lage, auch vieles andere länger zu bewahren: Unabhängigkeit, Gleichgewicht, Stoffwechsel und sogar die kognitive Widerstandsfähigkeit, die sich aus körperlicher Leistungsfähigkeit ergibt.
Um diesen Verfall umzukehren, bedarf es einer umfassenderen Perspektive. In meiner Praxis prüfe ich jeden Patienten anhand des ACES-Modells für Gesundheit und Medizin. Dieses Modell beschreibt vier Dimensionen, die beeinflussen, wie der Körper im Laufe der Zeit seine Struktur bewahrt oder verliert – Anatomie, Chemie, Energie und Seele.
Knochen- und Muskelschwund ist selten auf ein Versagen in nur einer dieser Dimensionen zurückzuführen. Die Behandlung von nur einer oder zwei Dimensionen – hier ein Rezept, dort ein Nahrungsergänzungsmittel – kann oftmals nicht verhindern, dass viele ältere Patienten immer wieder stürzen und Belastungen des Alltags nicht mehr gewachsen sind.

Anatomie: Der Körper wird durch das geformt, was man von ihm verlangt

Knochen und Muskeln sind lebendes Gewebe und reagieren direkt auf Belastung: Widerstand, Stöße und Gewicht, die das Gewebe wirklich herausfordern.
Nimmt man das weg, erhalten die Osteoblasten – die Zellen, die Knochen aufbauen – einfach keinen Befehl mehr, zu arbeiten.
Für die Muskeln gilt dieselbe Regel, mit einer gravierenden Ergänzung: Der Körper baut aktiv Gewebe ab, das er als entbehrlich einstuft. Ab etwa dem 40. Lebensjahr werden die Muskeln zunehmend unempfänglich für die Signale, die sie einst aufgebaut haben, wie etwa Bewegung oder Protein aus der Nahrung. Dieses Phänomen wird in der Fachsprache als anabole Resistenz beschrieben. 
Das bedeutet vereinfacht, dass dasselbe Protein und Training, die mit 30 noch zum Muskelaufbau führten, mit 60 nicht mehr ausreichen. Wer den Reiz nicht verstärkt, verliert jedes Jahr ein wenig mehr an Muskelmasse.
Das moderne Leben beschleunigt all diese physiologischen Veränderungen. Der durchschnittliche Erwachsene sitzt heute ungefähr zehn Stunden pro Tag. Die Hüftbeuger verkürzen sich, die Gesäßmuskeln werden inaktiv, der obere Rücken rundet sich nach vorne und die hintere Muskelkette, also die gesamte Muskulatur der Körperrückseite – das strukturelle Rückgrat der menschlichen Bewegung sozusagen –, verkümmert.

Tipps, was Sie tun können

Geben Sie Ihrem Skelett und Ihren Muskeln einen Anreiz, zu bleiben. Für die meisten Erwachsenen heißt das: Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche. Das bedeutet,  große Muskelgruppen mit einem sinnvollen Gewicht, gepaart mit einer leichten Stoßbelastung, zu trainieren. Selbst etwas so Einfaches wie auf den Zehenspitzen oder Fersen stehen, kann den Knochen dazu anregt, sich zu erneuern. 
Sie müssen die Belastung im Laufe der Zeit steigern, denn Muskeln und Knochen passen sich an den Reiz an, nicht an Wiederholungen. Wenn Sie noch keine Erfahrung mit Krafttraining haben, beginnen Sie unter Anleitung eines Trainers oder Physiotherapeuten, der Ihnen sichere Übungen empfehlen kann.

Chemie: Was Ihr Blut Ihnen verrät

Die Biochemie von Knochen und Muskeln wird selten eingehend untersucht – da sie normalerweise über die Standard-Laboruntersuchungen hinausgeht.

Vitamin D

Der optimale Serumspiegel von Vitamin D liegt zwischen 30 und 50 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Unterhalb dieses Wertes stockt die Kalziumaufnahme. Um die Funktion des Bewegungsapparats aufrechtzuerhalten, empfehle ich allerdings 50 bis 80 ng/ml.
Schnell zuckende Fasern brauchen Vitamin D. Mit ihm sind sie schnell und stark genug, um uns aufzufangen, wenn wir stolpern. Deshalb äußert sich ein Vitamin-D-Mangel nicht nur in Knochenschwund, sondern auch in echter Muskelschwäche und -unsicherheit, was zu einem deutlich höheren Sturzrisiko führt.

Vitamin K2 

Vitamin K2 leitet Kalzium in die Knochen und weg von den Blutgefäßen. Ein Patient, der Kalzium und Vitamin D ohne K2 einnimmt, baut möglicherweise schwache Knochen auf und lässt gleichzeitig seine Arterien verkalken.

Magnesium

Der Körper benötigt Magnesium, um Vitamin D zu aktivieren und Muskeln anzuspannen. Gleichzeitig hilft Magnesium, den Spiegel des Hormons Parathormon zu regulieren, der den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel steuert. 
Ein subtiler Mangel äußert sich in Krämpfen, unruhigem Schlaf und unerklärlicher Müdigkeit.

Protein

Protein brauchen wir, um die Muskelmasse zu erhalten. Erwachsene über 40 benötigen etwa 1,2 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Dabei ist nicht nur die Gesamtzufuhr wichtig, sondern auch, dass wir das Protein über den Tag verteilt und nicht in einer großen Mahlzeit aufnehmen.

Hormone

Hormone sind für den Erhalt von Knochen und Muskeln unerlässlich, nehmen aber im mittleren Alter ab. Dazu gehören unter anderem IGF-1 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1), Wachstumshormon, DHEA (Baustein für die Produktion wichtiger männlicher und weiblicher Sexualhormone, darunter Testosteron und Östrogen) sowie Schilddrüsenhormone.
Den Hormonhaushalt zu bestimmen und – sofern klinisch angebracht – wiederherzustellen, kann zu Ergebnissen führen, die kein Trainingsprogramm allein erreichen kann.

Tipps, was Sie tun können

Bitten Sie Ihren Arzt um eine Untersuchung, die über das Wesentliche hinausgeht: Vitamin D, Magnesium (idealerweise Magnesium in den roten Blutkörperchen) und, je nach Ihrer Krankengeschichte, die relevanten Hormone. 
Beziehen Sie den Großteil Ihres Proteins aus proteinreichen Vollwertnahrungsmitteln. Eine gute Quelle sind unter anderem
  • Eier,
  • Geflügel, 
  • Rinderfleisch, 
  • frischer oder konservierter Thunfisch oder Lachs,
  • griechischer Joghurt. 
Essen Sie bei jeder Mahlzeit proteinreiche Lebensmittel und versuchen Sie nicht, die benötigte tägliche Proteinmenge nur bei einer Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Betrachten Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin D und K2 sowie Magnesium als gezielte Korrektur gemessener Mangelzustände und nicht als wahlloses Einnehmen von Tabletten. Gehen Sie eine Hormontherapie als eine sorgfältige Entscheidung an, die Sie gemeinsam mit einem sachkundigen Arzt treffen.

Energie: Die Kraft zum Wiederaufbau

Selbst ein makelloses Training und eine perfekte Ernährung können scheitern, wenn dem Körper die zelluläre Energie fehlt, um darauf zu reagieren. Der Aufbau von Knochen und Muskeln ist stoffwechseltechnisch aufwendig und hängt von gesunden Mitochondrien ab – den Kraftwerken unserer Zellen.
Personen mit chronischer Müdigkeit, anhaltenden postviralen Syndromen oder erheblicher toxischer Belastung verlieren laut Untersuchungen schneller an Muskel- und Knochenmasse. Das kommt dadurch, dass die zelluläre Energie für deren Wiederaufbau beeinträchtigt ist.
Der Wiederaufbau findet im Schlaf statt, denn der Körper schüttet Wachstumshormone vor allem im Tiefschlaf aus. Genau während dieser Zeit baut der Körper Muskelproteine auf, baut altes Knochengewebe ab und ersetzt es durch neues.
Sechs Stunden Schlaf können nicht das leisten, was acht Stunden ermöglichen, ganz gleich, wie diszipliniert Ihr Training auch sein mag.

Tipps, was Sie tun können

Stellen Sie sicher, dass sie ausreichend schlafen: 
  • Halten Sie regelmäßige Schlafenszeiten ein, 
  • sorgen Sie für ein dunkles und kühles Schlafzimmer,
  • verzichten Sie spätabends auf Bildschirme und auf Alkohol, da beides den Tiefschlaf beeinträchtigt. 
Wenn Ihre Müdigkeit in keinem Verhältnis zu Ihrem Leben zu stehen scheint, nehmen Sie sie ernst, anstatt sie einfach zu ignorieren. Fragen Sie Ihren Arzt zusätzlich nach Schilddrüsen-, Eisen- und B12-Werten sowie – sofern Ihre Vorgeschichte dies nahelegt – nach umweltbedingten und stoffwechselbedingten Faktoren.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Bone and Muscle Loss Is More Than Just Aging“ (redaktionelle Bearbeitung: as)
Categories
kultur meinung ticker

Eindrücke vom 60. Filmfestival in Karlovy Vary

Ein Bus mit einer Schulklasse fährt durch eine kurvenreiche, steinige Berglandschaft auf dem Balkan. Die Lehrerin informiert durch das Mikrofon über die Region, aber niemand hört zu. Die Halbstarken lärmen und besaufen sich, Mädchen tauschen sich über dubiose, blödsinnige Methoden des Abnehmens aus.
Nur Zoza, ein einziger Junge, schaut unglücklich aus dem Fenster. Der Suizid eines Klassenkameraden, von dem er später in einem Krisengespräch zwischen Schülern und Lehrern berichtet, sitzt ihm tief in den Knochen. Am Ende wird er selbst zum Opfer eines schrecklichen Martyriums.

Hilfeschrei aus Serbien

„Three weeks after“, ausgezeichnet mit dem Europa Cinemas Label Award, war einer der düstersten Filme, die in Karlovy Vary um den Kristallglobus für den besten Film konkurrierten, und aus gesellschaftspolitischer Sicht der wichtigste. Ein schriller Hilfeschrei aus einem Land, in dem es mittlerweile alltäglich ist, dass Jugendliche und sogar Grundschüler zu Mördern werden, wie der Regisseur berichtet, schwache, überforderte Lehrer nicht in der Lage sind, sie zu beschützen, und die gesamte Gesellschaft, die vor solchen Problemen bereits kapituliert hat, versagt.
Das Thema ist realer, als man glauben möchte, und Serbien nicht das einzige Land, in dem Jugendliche zu Mördern werden. Schon mehrfach sorgten Amokläufe in den USA für Schlagzeilen. Auch in der Uckermark hat sich 2002 ein ähnlicher Fall zugetragen, den der Filmemacher Andres Veiel 2006 in dem verfilmten Theaterstück „Der Kick“ aufgriff, in dem er das unfassbare Verbrechen protokollarisch nachzeichnete.
Und doch sind die Zustände offenbar nirgendwo derart verheerend wie in Serbien, wo solche Szenarien den Worten des Regisseurs Miroslav Terzič nach schon fast alltäglich geworden sind.
Terzič vermeidet voyeuristische Bilder und erwirkt es gleichwohl über den Ton – Dialoge von erschütternder Gefühllosigkeit –, das Grauen im Kopf entstehen zu lassen. Die Kamera ruht dabei lange auf einer Schülerin, die während der Folter gelangweilt an ihrem Handy herumspielt und schließlich die Quälerei per Video aufzeichnet – Szenen, die fassungslos stimmen.

Internationale Stars zur 60. Jubiläumsausgabe

Generell präsentierte sich das osteuropäische Kino in der 60. Jubiläumsausgabe des kleinsten der sogenannten europäischen A-Festivals grausamer, gnadenloser und schmerzreicher denn je. Das zeigte sich auch daran, dass den Filmemachern zusehends der rabenschwarze Humor abhandengekommen ist, der ihr Kino in früheren Jahren noch auszeichnete.
Eine Tendenz, die ein Festival vor Probleme stellt. Nicht jeder Cineast will schwer verdauliche Filme sehen. Vielfach werde er darauf angesprochen, warum sich denn im Programm keine Komödien fänden, sagt Karel Och, der schon seit 25 Jahren für das Festival arbeitet, seit 15 Jahren als künstlerischer Leiter.
Eigentlich existiert das Festival in Karlovy Vary wie Cannes schon seit 1946, also seit 80 Jahren. Aber da es in den 1950er-Jahren lange Zeit – alternierend mit Moskau – nur alle zwei Jahre stattfinden konnte, kommen „nur“ 60 Jahre zusammen.

Hollywoodstar Dustin Hoffman wurde bereits zu Beginn des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlsbad (Karlovy Vary) mit dem Kristallglobus ausgezeichnet. Hoffman und seine Frau Lisa posieren bei ihrer Ankunft zur Eröffnung des Filmfestivals auf dem roten Teppich.

Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images

Die große Ambitioniertheit der Jubiläumsausgabe drückte sich vor allem in der Präsenz internationaler Stars aus. Dustin Hoffman und Juliette Binoche zeigten sich auf dem roten Teppich, um einen Kristallglobus für ihre außerordentlichen Leistungen für das Weltkino entgegenzunehmen.
Dass das osteuropäische Kino nicht nur quantitativ stark vertreten war, stand dem besonderen Jahrgang freilich ebenso gut an.

Verantwortung für das eigene Handeln und für die Geschichte

Verdient viel Beachtung beim Fachpublikum fand der bulgarische Beitrag „Black Money for White Nights“, der nur leider von der Jury übersehen wurde.
Im Zentrum stehen Marina und Gosha, ein Ehepaar Mitte 60, deren langer Traum einer Reise nach St. Petersburg platzt, als sie am Tag der Abreise bemerken, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind. Die gebuchten Busse und Flüge existieren nicht, die Reiseagentur ist aufgelöst, das Geld futsch. Aber es kommt noch schlimmer, treibt doch den Mann seine Entschlossenheit, die Gauner zu fassen, in die Arme noch schlimmerer Gangster.
Um die Einfalt der alten Leute einordnen zu können, die in ihrer Vertrauensseligkeit gegen Ganoven nicht gefeit sind, bedarf es allerdings einiger Vorkenntnisse bulgarischer Geschichte, die der Film nicht thematisiert: Im Kommunismus wurde diese Generation in permanenter Kontrolle wie Kinder bevormundet, klärt Regisseurin Katarina Grozeva auf, sodass sie keine Eigenständigkeit entwickeln konnte, sich fatalerweise sogar noch behütet fühlte. Und so lernten diese Menschen nicht, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Einem anderen Kapitel geschichtlicher Aufarbeitung widmet sich der tschechische Filmemacher Ivan Ostrochovský. „Only beautiful things to look at“ widmet sich Romafrauen, die in Zeiten des Kommunismus genötigt wurden, sich sterilisieren zu lassen, insbesondere wenn sie eine Abtreibung anstrebten.
Der Tscheche nähert sich dieser harten Thematik von sehr menschlicher Seite und in großer Komplexität an, erhebt keine einseitige Anklage gegen verantwortliche Ärztinnen, sondern sensibilisiert auch dafür, dass ihnen Diskriminierung und Körperverletzung an Romafrauen, die mitunter schon mit den vielen Kindern, die sie bereits hatten, überfordert schienen, nicht bewusst werden konnten.

Krisen, Geld und prekäre Familienverhältnisse

Das Kino aus Westeuropa und Südamerika gab sich in Karlovy Vary allerdings kaum positiver.
Was zahlreiche Mütter in Kolumbien durchmachen, deren Kinder im Zuge bewaffneter Guerillakämpfe verschleppt und ermordet wurden, ließ sich berührend hautnah in der unspektakulären, spirituell reizvoll angehauchten Erzählung „Five years, four months“ erleben.
Sie widmet sich zwei Frauen, die auf ihrer leidvollen Suche nach Gewissheit zwei jungen Männern begegnen, die über ihre vermissten Söhne mehr wissen, als sie zu hoffen wagten.
Vor allem aber wirtschaftliche Krisen, das leidige Geld und prekäre Familienverhältnisse waren überregional ein großes Thema.
In dem Schweizer Beitrag „A Happy Family“ kämpft beispielsweise eine alleinerziehende Mutter (großartig: Anna Schinz, verdient ausgezeichnet als beste Darstellerin) mit der Bewältigung ihres Alltags zwischen mehreren Jobs um ihre Kinder und ihre Würde.

11. Juli 2026: Die Schweizer Schauspielerin und Autorin Anna Schinz posiert bei der Abschlusszeremonie des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlovy Vary in Tschechien mit dem Preis als beste Schauspielerin für ihren Film „A Happy Family“.

Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images

Der dänische Film „The Guest“ von Mads Mengels erinnert mit langen, konfliktreichen Dialogen innerhalb einer Familie an Meisterwerke des skandinavischen Kinos von Ingmar Bergmann, Lars von Trier oder Thomas Vinterberg. Das stark besetzte Kammerspiel, getragen von der grandiosen Trine Dyrholm als einer psychisch angeknacksten Großmutter, gewann verdient den Großen Preis der Jury und den Regiepreis.

Feierstimmung auf die Straße verlagert

Den Kristallglobus für den besten Film vergab die Jury überraschend an „Fruit Gathering“ von Aung Phyoe. Es mag gewiss die erste Produktion aus Myanmar sein, die allemal feinfühlig von der in Asien tabuisierten Liebe zwischen zwei Frauen erzählt.
Und doch kann sich der Regisseur nicht richtig entscheiden, ob er nun eigentlich von prekären Arbeitsverhältnissen in einer Textilfabrik erzählen will oder der Schwerpunkt auf der unerfüllten Liebe einer lesbisch veranlagten jungen Arbeiterin zu ihrer heterosexuellen Kollegin liegen soll.
Beiden Themen geht der Film nur marginal auf den Grund. Und neue Erkenntnisse zu zahlreichen anderen Coming-out-Filmen kommen nicht dazu.
Dagegen wagt Regisseur Nader Saeivar in dem deutschen Beitrag „Hijamat“ immerhin einen mutigen kritischen Blick auf den Islam hinsichtlich ihrer sexuellen Identität. Zumindest begehren die beiden homosexuellen Protagonisten, zwei in Berlin lebende Brüder, gegen die fundamentalistischen Positionen ihres Imams zunehmend auf.
Insgesamt bewegte sich der Wettbewerb auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Das erscheint angesichts der großen Konkurrenz seitens der größeren, renommierteren Festivals in Cannes und Venedig beachtlich.
International höchst attraktiv erscheint das Festival nicht zuletzt deshalb, weil Karlovy Vary zahlreiche Produktionen nachspielt, die erst vor wenigen Monaten in Cannes liefen, bevor sie regulär ins Kino kommen. Und die große Feierstimmung, die im Kino angesichts so vieler trauriger Geschichten ausblieb, verlagerte sich auf die Straßen.
Categories
etplus meinung ticker vital

Beweglich und fit bis ins hohe Alter – Präventionsexperte Dr. Till Sukopp: „Es ist nie zu spät“

Rückenschmerzen, Antriebslosigkeit, ungewollte Gewichtszunahme. Bewegungsmangel ist längst zur Volkskrankheit geworden – dabei sind die Angebote so groß wie nie zuvor, sagt der Präventionsexperte Dr. Till Sukopp. Im Interview mit Epoch Times erklärt der Sportwissenschaftler und Bestsellerautor, warum wir trotzdem scheitern, wie einfach der Einstieg wirklich ist und weshalb Bewegung der Schlüssel zu einem langen, selbstbestimmten Leben bleibt.
Bereits in deiner Doktorarbeit hast du dich dem Thema Prävention gewidmet. Warum ist dieses Thema so wichtig – damals wie heute?
Ich will Menschen Mittel und Werkzeuge in die Hand geben, damit sie eigenverantwortlich möglichst lange gesund und vital bleiben. Ich habe mein ganzes Leben lang Sport gemacht, seit ich zwei war. Als Kind wurde ich gehänselt, weil ich immer der Kleinste war. Durch Sport habe ich mehr Selbstwertgefühl und Anerkennung bekommen. Im Teenageralter hatte ich schon meine erste Trainerausbildung für Selbstverteidigung. Ich brachte den Menschen bei, mehr auf ihre Gesundheit zu achten, fitter zu werden und mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen. Als ich während meines Studiums der Sportwissenschaften Einblicke in Rehakliniken im internistischen/orthopädischen Bereich bekam, erlebte ich, wie schlecht es vielen Leuten ging. Dabei hätte ein Großteil ihrer Leiden durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden können. Dass man durch körperliche Aktivität und Training lange fit und gesund bleiben kann, war ein Teil der Therapie. Es hat mich derart fasziniert, Menschen auf einfachste Art und Weise zu helfen, dass ich mich tiefer in das Thema reingearbeitet habe.
Das ist jetzt 20 Jahre her. Hat sich die Beweglichkeit in der Gesellschaft seither verändert?
Die Menschheit wird immer schlapper, immer übergewichtiger, immer kränker. Die fortschreitende Digitalisierung sorgt dafür, dass wir uns kaum noch bewegen. Wir können vom Sofa aus Essen bestellen und es an die Tür liefern lassen. Vielen fällt gar nicht mehr auf, dass sie sich nicht bewegen. Die meisten Menschen, die ich betreue, sind bei den ersten Übungen entsetzt, wie schlecht ihr körperlicher Zustand ist.
Wann geht man heutzutage mal eine Treppe? Oder wer trägt seinen Koffer, wenn nicht gerade eine Rolle abgebrochen ist? Viele Menschen haben gar kein Bewusstsein mehr dafür, wie sehr uns unser Alltag in den Bewegungsmangel treibt. Aber während es auf der einen Seite immer mehr Bewegungsmangel, immer mehr Beschwerden, immer mehr Erkrankungen gibt, finden wir auf der anderen Seite eine Fülle an Gesundheits- und Sportangeboten, wie es sie noch nie gegeben hat. Dazwischen klafft eine eklatante Lücke. Es liegt nicht am Wissen. Jeder kann sich informieren. Aber die Leute kommen nicht in die Umsetzung oder haben Schwierigkeiten.
Woran liegt das?
Viele nehmen sich zu viel vor, trainieren zu intensiv, bis sie Schmerzen oder gar eine Verletzung haben. Wenn es zu kompliziert ist, zu lange dauert oder die Ergebnisse ausbleiben, steigen die Leute schnell wieder aus. Wer frustriert ist, gibt schnell auf. Andere fangen gar nicht an, weil sie völlig überfordert sind und sich nicht vorstellen können, wie sie Bewegungen in ihren Alltag integrieren können. Es gibt viele Glaubensmuster, die einen daran hindern, in die Umsetzung zu kommen. Die Leute müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen.
Oft war der Ansatz des Trainings schon falsch und der Körper war noch gar nicht bereit für die Bewegung. Wenn ich beweglicher werden möchte und mein Körper unter Stress steht, tut sich nicht viel, weil der Körper erst einmal seine jahrelange Schutzspannung verlieren muss. Doch mit funktionellem Training ist es mit wenig Zeit und Aufwand möglich, fit zu werden. Bewegung ist der Faktor Nr. 1 für ein gesundes, langes Leben.
Was ist der Unterschied zwischen klassischem Krafttraining und funktionellem Training?
Beim Krafttraining trainiere ich den Motor, aber die Software dahinter nicht. Jeder kennt das aus dem Fitnessstudio, wo man an einer Maschine beispielsweise den Bizeps trainiert. Davon kann man zwar dicke Muskeln bekommen, aber für eine komplexe Bewegung im Alltag bringt das nicht viel, beispielsweise wenn man einen Koffer aufs Autodach hebt. Beim funktionellen Training orientiert man sich an natürlichen Bewegungen wie Drücken, Ziehen, Beugen, Rotation, Überkreuzbewegungen und unterschiedlichen Schrittstellungen.
Der Körper ist ein ganzheitliches System mit Faszien, das über das Nervensystem verbunden und gesteuert wird. Die Schultern sind mit den Hüften und Füßen verbunden. Dann sollte man das auch trainieren. Das funktionelle Training sorgt in der Regel dafür, dass wir naturgerechter trainieren und bessere Effekte mit geringerem Zeitaufwand erzielen.
„Das heißt: Wir schlagen viel mehr Fliegen mit einer Klappe.
Ich kann gleichzeitig Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer trainieren. Das ist alles gleichzeitig möglich, wobei man natürlich individuelle Schwerpunkte setzen kann.
Haben die Maschinen beim Krafttraining ausgedient?
Man kann sie schon noch einsetzen, dadurch kann der Körper gekräftigt werden. Das ist besser als gar nichts. Aber man muss aufpassen, da viele Menschen durch das ständige Sitzen das Gefühl für den Körper verloren haben. Bei fehlender Anleitung kann es zu Verletzungen kommen. Ein funktionelles Training ermöglicht häufig bessere Ergebnisse für die Gesamtfitness bei vergleichbarem Zeitaufwand, weil mehrere Komponenten gleichzeitig trainiert werden. Es erfordert aber auch mehr Anleitung.
Wie fängt man am besten mit funktionellem Training an und wie bleibt man dran?
Der erste Schritt, ins Tun zu kommen, ist der wichtigste. Den würde ich so klein wie möglich gestalten, also einfach loslegen. Während eure Leser unser Interview lesen oder hören, können sie zwischendurch schon ein paar Mal aufstehen und sich wieder hinsetzen.  Aufstehen, wieder hinsetzen. Dann ist der Anfang schon gemacht. Das kann man dann langsam steigern. Mit der Zeit werden wir uns besser fühlen, und wenn wir es regelmäßig machen, kommen automatisch die Ergebnisse. Also: Langsam anfangen, sich steigern und daraus neue Gewohnheiten entwickeln. Wir müssen dahin kommen, dass die Bewegungen zum Alltag dazugehören. Wie motiviert man sich zum Zähneputzen? Genau das ist der Schlüssel.
Wenn ich die Ergebnisse im Alltag spüre – ich kann mich besser bewegen, mir fällt vieles leichter, ich fühle mich körperlich besser – dann bleibe ich natürlich dran. Und irgendwann ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, zur neuen Identität.
Das hört sich einfach an. Wie gelingt die Umsetzung am besten?
Indem man möglichst jeden Tag zur selben Zeit in derselben Umgebung, in kleinen Schritten anfängt, sodass sich im Geist erst gar kein Widerstand regt. Wer schon am Morgen zu träge ist, wird womöglich auch nach der Arbeit zu erschöpft sein, um zu trainieren. Dann fallen einem jede Menge Argumente ein, warum man gerade heute eine Trainingspause einlegen sollte. In der Zeit, in der man noch überlegt, ob man trainieren sollte oder nicht, könnte man eigentlich schon loslegen. Ich kann die Wirbelsäule und die Gelenke ein bisschen durchbewegen, dann fühlt man sich schon besser und macht meistens auch mehr. Statt Knabberzeug im Sessel zu essen, kann man fünfmal in die Hocke gehen und wieder aufstehen – oder ich lege mich kurz auf den Bauch, drehe mich auf den Rücken, über die Seite und stehe auf. Dann habe ich mich schon einmal durchbewegt.
Manchmal reicht es auch aus, sich Sportkleidung anzuziehen oder seine Lieblingsmusik abzuspielen, die man als Anker nimmt; wenn man diese Musik hört, bewegt man sich schon. Oder wie wäre es, Eukalyptus-, Zitrus- oder Pfefferminzduft in der Wohnung zu vernebeln? Das macht wach, steigert die Konzentration und verbessert die Atmung. Also, da gibt es verschiedenste Möglichkeiten, wie man anfängt, aber das Wesentlichste und Einfachste ist, ins Tun zu kommen.
Wenn Bewegung zur Gewohnheit geworden ist – oder besser noch früher – kann ich mir Unterstützung von einem Trainer oder Therapeuten holen, der mir das Training besser strukturiert, sodass ich bei gleichem Zeitaufwand noch bessere Ergebnisse erziele und Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Ausdauer kombiniere.
Du hast dich auf die Altersgruppe ab 40 Jahren spezialisiert. Was gilt es da zu beachten?
Gerade ganzheitliches Krafttraining ist in der zweiten Lebenshälfte ab 40 Jahren nicht verhandelbar. Der Verlust an Muskelkraft und Muskelmasse ist einer der Hauptfaktoren für vorzeitiges Altern und eine vorzeitige Einweisung in ein Pflegeheim.  Die Menschen kommen nicht ins Altersheim, weil sie alt sind, sondern vor allem, weil sie sich zu wenig bewegen.
Die Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass selbst Menschen im Alter von 80, 90 oder mehr Jahren noch erstaunlich gut auf Training reagieren. In den berühmten Studien von Maria Fiatarone und Kollegen [1-4] verbesserten hochbetagte Pflegeheimbewohner im Alter von über 90 Jahren durch gezieltes Krafttraining ihre Muskelkraft, Gehgeschwindigkeit und funktionelle Selbstständigkeit deutlich.
Auch zahlreiche spätere Untersuchungen bestätigten, dass regelmäßiges Krafttraining im Alter Mobilität, Lebensqualität und die Fähigkeit verbessert, den Alltag eigenständig zu bewältigen.
Die Botschaft dieser Studien ist bemerkenswert: Es ist fast nie zu spät, mit Bewegung zu beginnen. Wenn selbst 90-Jährige im Pflegeheim durch Krafttraining deutlich kräftiger, mobiler und selbstständiger werden können, dann ist es für die meisten Menschen zwischen 50 und 70 definitiv nicht zu spät, ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Der Fokus sollte also auf dem Krafttraining liegen?
Krafttraining zählt heute zu den wirksamsten Maßnahmen, um körperliche Selbstständigkeit, Autonomie und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Wir können viele Folgen des Alterns deutlich verlangsamen und körperliche Fähigkeiten zurückgewinnen, die wir häufig vorschnell als „altersbedingt“ akzeptieren. Je nach Ausgangsniveau lassen sich innerhalb weniger Monate Verbesserungen erzielen, die in einzelnen körperlichen Leistungsmerkmalen dem Unterschied von 15 bis 20 Lebensjahren entsprechen können.
Der Altersforscher William J. Evans [5] beschreibt in seinem Buch „Biomarkers“, dass insbesondere Muskelmasse, Muskelkraft, Körperzusammensetzung und aerobe Leistungsfähigkeit zu den wichtigsten Merkmalen eines gesunden Alterns gehören. Die gute Nachricht: Alle diese Faktoren lassen sich durch gezieltes Training bis ins hohe Alter positiv beeinflussen.
Es ist nie zu spät, damit anzufangen: Mindestens einmal, besser zweimal wöchentlich sollten wir ein Ganzkörper-Krafttraining von 15 bis 25 Minuten zu Hause machen. Keiner braucht ein Fitnessstudio, keiner braucht Trainingsgeräte, Maschinen oder Hanteln. Für jeden gibt es passende Übungen.
Wenn jemand sagt: „Ich habe überhaupt keine Zeit für Sport.“ Was würdest du darauf antworten?
Grundsätzlich spreche ich nie von Sport, weil das für viele schon negativ behaftet ist. Ich spreche von körperlicher Aktivität oder Training. Keine Zeit gibt es nicht. Wir haben alle 24 Stunden am Tag Zeit, das ist eine Sache von Prioritäten.
Wenn jemand sagt, dass er keine Zeit hat, dann sage ich, derjenige hat es wirklich dringend nötig. Ein altes Zen-Sprichwort besagt: „Wer nicht täglich eine halbe Stunde Zeit zum Meditieren hat, sollte eine Stunde meditieren.“  Körperliche Aktivität ist eines der effektivsten Mittel, um Stress abzubauen und um stressresistenter zu werden. Mit anderen Worten, je stressiger der Alltag ist, desto dringender wird ein Bewegungsausgleich benötigt.
Mein Doktorvater hat immer gesagt: „Die Sportmedizin ist die Speerspitze der Präventivmedizin. Bewegung ist die Nummer eins.“ Natürlich, Ernährung, Entgiftung sowie die Reduktion von Elektrosmog und emotionalem Stress sind auch sehr wichtig. Aber Bewegung ist für viele der einfachste Faktor. Er ist sehr effektiv und hat im Vergleich zu vielen Medikamenten keine unerwünschten, sondern sehr viele positive Nebenwirkungen.
Vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Susanne Ausic.
Über Dr. Till Sukopp
Dr. Till Sukopp ist Präventionsexperte, internationaler Bestsellerautor, Referent, Trainerausbilder, Coach und einer der bekanntesten deutschen Trainer für Functional Training. Nach seinem Studienabschluss zum Diplom-Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln hat er dort auch zum Doktor der Sportwissenschaften im Bereich Sportmedizin promoviert. Seit über 25 Jahren hilft er vor allem Menschen der Altersgruppe Ü40 dabei, ihre Beweglichkeit, Fitness und Figur um mindestens zehn Jahre zu verjüngen – ganz ohne Fitnessstudio, Diät und Verzicht. Neben Auftritten bei Gesundheitskonferenzen und Online-Kursen gibt er regelmäßig in der Dr. Sukopp Live-Show Ratsuchenden kostenlose Tipps rund um das Thema Beweglichkeit und Fitness.
Studienquellen
  1. Fiatarone MA, Marks EC, Ryan ND, Meredith CN, Lipsitz LA, Evans WJ. (1990)
    High-Intensity Strength Training in Nonagenarians
    New England Journal of Medicine, 323(5), 302–309.
    PubMed Originalstudie
  2. Fiatarone MA, O’Neill EF, Ryan ND et al. (1994)
    Exercise Training and Nutritional Supplementation for Physical Frailty in Very Elderly People
    New England Journal of Medicine, 330(25), 1769–1775.
    PubMed Originalstudie
  3. Frontera WR, Meredith CN, O’Reilly KP, Knuttgen HG, Evans WJ. (1988)
    Strength Conditioning in Older Men: Skeletal Muscle Hypertrophy and Improved Function
    Journal of Applied Physiology, 64(3), 1038–1044.
    PubMed Originalstudie
  4. Nelson ME, Fiatarone MA, Morganti CM et al. (1994)
    Effects of High-Intensity Strength Training on Multiple Risk Factors for Osteoporotic Fractures
    JAMA, 272(24), 1909–1914.
    PubMed Originalstudie
  5. Evans WJ, Rosenberg IH. (1991)
    Biomarkers – The 10 Determinants of Aging You Can Control
    Simon & Schuster.
    Hintergrundwerk zur Bedeutung von Muskelmasse, Kraft, Körperfettanteil, Stoffwechsel und Ausdauer für gesundes Altern.
Categories
gesellschaft meinung ticker

KI in der Schule: Das Problem ist nicht Schummeln, sondern die Illusion von Lernen

Die aktuelle Debatte über Kinder und Künstliche Intelligenz (KI) wird allzu oft auf das Thema Schummeln reduziert, insbesondere in der Schule. Diese Sorge ist verständlich. Aber sie ist nicht das eigentliche Problem. Das tiefere Problem ist die menschliche Persönlichkeitsbildung.
Als ich 1984 in der achten Klasse im Englischunterricht saß, hatte ich eine Lehrerin, Mrs. Garman, die sowohl sehr fürsorglich als auch unangenehm anspruchsvoll war. Jeden Freitag erwartete sie von uns, dass wir einen zweiseitigen, handgeschriebenen Aufsatz in Schreibschrift einreichten, der ausschließlich mit blauer Tinte geschrieben sein musste.
Damals graute es mir davor.
Die leeren Seiten verspotteten mich. Meine Hand schmerzte vom Festhalten des BIC-Stifts. Ich hasste es, einen nur halb ausgereiften Gedanken in einen sinnvollen Satz zu verwandeln. Es gab keine Abkürzung, keinen einfacheren Weg, keinen Knopf, den man drücken konnte. Es gab nur den Küchentisch, die blaue Tinte und die Arbeit, einen Satz nach dem anderen auf das Blatt zu bringen.
Damals dachte ich, bei dieser Aufgabe ginge es um Handschrift, Grammatik und Noten. Heute sehe ich das anders, vor allem nach all den Jahren, in denen ich eine Schule geleitet habe.
Dieser wöchentliche Aufsatz brachte mir nicht nur das Schreiben bei. Er brachte mir das Denken bei. Er zwang mich dazu, mich mit meiner Verwirrung auseinanderzusetzen, meine Gedanken zu ordnen, treffende Worte zu wählen und so lange weiterzuarbeiten, bis mir etwas innerlich klarer wurde. Die Arbeit, die ich jeden Freitag abgab, war nicht das Wesentliche. Der eigentliche Zweck war das Denken, das erforderlich war, um das zu schreiben – und Mrs. Garman verlangte genau dieses Denken.
Diese Erinnerung ist mir heute wichtiger denn je.
Wenn ein Kind KI nutzt, um eine Antwort zu generieren, ohne den Denkprozess selbst zu durchlaufen, erleben wir möglicherweise nicht nur die Zukunft des „Augmented Learning“. Wir erleben möglicherweise den Aufstieg der „Fake Intelligence“: den Anschein von Kompetenz ohne die Entwicklung tatsächlicher Fähigkeiten.
Ich sehe diese Spannung bereits im Schulalltag. Ein Schüler, der früher Schwierigkeiten hatte, einen Absatz zu strukturieren, kann nun einen sauberen, gut aufgebauten Text abgeben. Ein Lehrer spürt vielleicht, dass die Arbeit nicht vollständig vom Schüler selbst stammt – kann aber nicht immer nachweisen, in welchem Umfang Hilfe in Anspruch genommen wurde. Eltern sehen die bestandene Note und sind erleichtert. Das Kind sieht das Ergebnis und lernt womöglich eine gefährliche Lektion: Ich kann mir die Anstrengung sparen und trotzdem erfolgreich erscheinen.
Das ist das Problem. Nicht, dass es KI gibt. Nicht, dass Kinder sie nutzen werden. Das werden sie. Die Frage ist, ob sie weiterhin den Denkprozess einüben werden, den Intelligenz erfordert – wenn ein Werkzeug diese Anstrengung in Sekundenschnelle beseitigen kann.
Menschen haben schon immer Werkzeuge genutzt, um ihr Leben sicherer und einfacher zu machen. Das ist Teil der Zivilisation. Wir haben daran gearbeitet, körperliche Gefahren zu verringern, sauberes Wasser bereitzustellen, unsere Häuser zu schützen, die Medizin zu verbessern, den Zugang zu Informationen zu erweitern und Probleme zu lösen, die einst enorme menschliche Energie verschlungen haben. Ein Großteil dieses Fortschritts ist gut.
Doch möglicherweise nähern wir uns nun einem kulturellen Kipppunkt der Bequemlichkeit. Bequemlichkeit beseitigt nicht mehr nur unnötige Härten. Zunehmend besteht die Gefahr, dass sie genau jene Reibung beseitigt, die Kindern bei ihrer Entwicklung hilft.
Wir geben Kindergartenkindern keine Taschenrechner in die Hand, bevor sie verstehen, was Zahlen bedeuten. Wir wollen, dass sie zwei Äpfel mit dem Symbol 2 in Verbindung bringen. Wir wollen, dass sie Mengen sehen, anfassen, zählen und damit hantieren, bevor ein Hilfsmittel die Antwort liefert. Die Antwort ist wichtig, aber in diesem Entwicklungsstadium ist der Prozess dorthin noch wichtiger.
Beim Schreiben ist es nicht anders. Schüler sollten schreiben lernen, bevor sie eine Maschine bitten, ihre Texte zu polieren. Sie sollten sich mit einem Problem auseinandersetzen, bevor die KI sofort eine Lösung anbietet. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen, Geduld, Überarbeitung und Verantwortung müssen geübt werden, bevor Bequemlichkeit zum Normalzustand wird.
Dies ist kein Plädoyer für den Verzicht auf KI. Richtig eingesetzt, kann KI als Nachhilfelehrer, Lektor, Übersetzer und Ideengeber dienen. Sie kann einem Schüler mit Schwierigkeiten helfen, ein Konzept zu verstehen, ein Kind mit Behinderungen unterstützen und einem Lehrer dabei helfen, den Unterricht für ein Kind individuell zuzuschneiden.
Das Werkzeug selbst ist nicht der Feind.
Das Problem entsteht erst, wenn das Ergebnis vorliegt, bevor das Kind die Arbeit geleistet hat, die diesem Ergebnis überhaupt erst Bedeutung verleiht.
Ein Schüler, der KI bittet, einen Aufsatz zu schreiben, erstellt vielleicht etwas, das besser formuliert ist, als er es alleine hätte schaffen können. Wenn dieser Schüler jedoch nie vor einem leeren Blatt gesessen hat, nie darum gerungen hat, eine Argumentation zu entwickeln, nie gelernt hat, wie man einen Absatz aufbaut, nie einen schwachen Satz überarbeitet hat und nie entdeckt hat, dass aus Verwirrung durch Anstrengung Klarheit entstehen kann, dann ist etwas Wichtiges ausgelassen worden.
Die Aufgabe mag erledigt sein. Sie mag sogar eine Eins einbringen. Aber die Entwicklung ist es vielleicht nicht.
Kinder brauchen sowohl Unterstützung als auch Herausforderungen.
Genau das hat uns Frau Garman gegeben. Sie ließ uns bei diesen Freitagsaufsätzen nicht im Stich. Sie ermutigte uns. Sie korrigierte uns. Sie stellte Erwartungen an uns. Sie gab uns genug Unterstützung, um weiterzumachen, und genug Herausforderungen, um daran zu wachsen. Das ist die Art von Zuhause und Klassenzimmer, die Liebe mit Weitblick bietet.
Wenn sie heute unterrichten würde, wäre ihr Rat zum Thema KI wohl ganz einfach: Erst denken. Dann KI nutzen. Danach reflektieren.
Bevor sie KI einsetzen, sollten Schüler gefragt werden: Was weiß ich bereits? Was habe ich schon ausprobiert? Wie sieht mein bester erster Versuch aus?
Der erste Schritt gehört dem Kind. Erst danach kann KI helfen. Sie kann anleiten, verdeutlichen, hinterfragen, strukturieren oder Vorschläge machen. Sie kann dem Lernenden zur Seite stehen. Sie sollte den Lernenden jedoch nicht ersetzen.
Nach dem Einsatz von KI sollte Reflexion unverzichtbar sein: Was habe ich gelernt? Könnte ich das auch ohne das Tool leisten? Hat mich das stärker gemacht oder nur schneller? Die Kinder von heute werden in einer von KI geprägten Welt leben. Sie sollten lernen, wie man sie nutzt. Aber sie sollten den Umgang mit einem leistungsstarken Werkzeug nicht damit verwechseln, ein fähiger Mensch zu werden.
Das Ziel ist es nicht, Kinder von der KI fernzuhalten. Das Ziel ist es, sicherzustellen, dass KI Kindern hilft, sich zu vollwertigen Menschen zu entwickeln – und nicht lediglich fähiger zu erscheinen, als sie sind.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Real Problem With AI in Schools Isn’t Cheating—It’s the Illusion of Learning“. (deutsche Bearbeitung ks)