Sonnenbrand, Hautkrebs, vorzeitige Hautalterung. Um derartige Schäden zu vermeiden, ist das Auftragen von Sonnencreme für viele Frauen längst zur Routine geworden. Angesichts jahrzehntelanger wissenschaftlicher Forschung sind sie sich der Risiken der UV-Strahlung bewusst und können aus Tausenden Produkten wählen.
Früher war das anders. Den viktorianischen Frauen fehlte diese wissenschaftliche Basis. Dennoch mieden auch sie die Sonne bewusst. Das hatte jedoch weniger mit Gesundheit zu tun. Zu jener Zeit galt helle Haut als Statussymbol. Ein blasser Teint, der nicht von der Arbeit im Freien geprägt war, stand für Eleganz und Muße. Auf der Suche nach diesem Schönheitsideal rüsteten sich die Frauen mit einem ganzen Arsenal gegen die Sonneneinstrahlung. Ihre Pflege umfasste altbewährte Hausmittel, moderne Kosmetika und experimentelle Anwendungen, die von harmlos bis giftig alles umfassten.
Der Teint als Zeichen vornehmer Herkunft
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich Schönheit zunehmend zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. In jene Zeit fällt der Beginn des viktorianischen Zeitalters, benannt nach Königin Victoria, die von 1837 bis 1901 regierte.
„Keine Frau war jemals glücklicher als unsere junge Königin, was die Reinheit und zarte Rosigkeit ihres strahlenden Teints angeht“, hieß es damals.
Die Vorliebe für helle Haut spiegelte nicht nur Schönheitsideale wider, sondern stand auch für Klasse, Identität und soziale Hierarchie.
In dem viktorianischen Schönheitsratgeber „Handbook of the Toilette“ von 1841 hieß es: „Ein guter Teint, ganz gleich, ob die Haut hell oder braun ist, lässt sich weder mit körperlicher oder geistiger Arbeit noch mit einem Übermaß an Vergnügungen und Ausschweifungen vereinbaren.“
Zeitungen, Frauenzeitschriften und Werbeanzeigen versprachen seitenweise eine glattere Haut, weniger Sommersprossen und ein gepflegteres Aussehen. Porträtmaler und Modedesigner trugen dazu bei, dieses Idealbild zu festigen: In ihren Bildern und Modeentwürfen erschienen Frauen mit blassen, glatten Gesichtern. Ein krasser Gegensatz zu den Frauen, deren Aussehen durch die Arbeit im Freien deutlich geprägt war.
Die viktorianische Kleidung war in erster Linie von Sittsamkeit und Traditionsbewusstsein geprägt, schränkte aber auch die Sonneneinstrahlung ein. Im Sommer trugen Frauen lange Ärmel, hohe Kragen, bodenlange Röcke, Handschuhe sowie Kopfbedeckungen mit breiter Krempe. Sonnenschirme, oft mit Seide bezogen, schützten vor direkter Sonneneinstrahlung.
Modestich, 1880, veröffentlicht in der Modezeitschrift „La Saison“, Nr. 666.
Über die Kleidung hinaus griffen modebewusste Frauen auf eine Vielzahl von Mitteln zurück, die einen glatten, ebenmäßigen Teint bewahren sollten. Einige Rezepte beruhten auf Wissen, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde, während andere in kommerziellen Schönheitsratgebern erschienen oder als Markenprodukte verkauft wurden.
Verschiedene Schönheitsratgeber widmeten sich ausführlich der Behandlung von Sommersprossen, Rötungen und ungleichmäßiger Pigmentierung. Unter den Rezepten fanden sich Buttermilchkompressen, Gurkenlotionen, Zitronencremes und Blütenwasserextrakte.
Zu den sanftesten Behandlungen gegen Sommersprossen im 19. Jahrhundert gehörte Erdbeerwasser. Es wurde in der Regel bei einem Parfümeur oder Apotheker gekauft, wo es neben Rosenwasser, Orangenblütenwasser und anderen destillierten Kosmetikwässern für den Schminktisch angeboten wurde.
Eine farbige Illustration zu „Glycerin- und Gurkencreme“ aus der Ephemera-Sammlung der 1890er-Jahre. Wellcome Library, London. Foto: Wellcome Images/CC-BY-4.0
Eines der beliebtesten Hautpflegeprodukte jener Zeit war die „Cold Cream“. Hergestellt aus Ölen, Wachsen und Rosenwasser, versorgte sie die Haut mit Feuchtigkeit und bildete gleichzeitig einen Schutz vor Wind und Wetter. Ein typisches Rezept aus dem 19. Jahrhundert kombinierte Wachse, Süßmandelöl und Rosenwasser, die miteinander verschmolzen und zu einer glatten Creme verrührt wurden.
Eine weitere wesentliche Komponente der Schönheitspflege jener Zeit war Gesichtspuder. Ihm wurde nicht nur eine verschönernde Wirkung zugeschrieben. Man ging auch davon aus, dass das Puder nach der Hautreinigung Feuchtigkeit aufnahm und die Haut vor Witterungseinflüssen und den Belastungen des Alltags schützte. Zu den üblichen Rezepturen gehörten Inhaltsstoffe wie Zinkoxid, Talkum, Stärke, Kreide, Iriswurzel und geringe Mengen Parfüm. Einige Rezepturen enthielten zusätzlich antiseptische Substanzen wie Salicylsäure.
Puderdose, 1830–1870, vermutlich hergestellt in Bennington, Vermont. Parian-Porzellan; 10,8 cm × 12,1 cm, Metropolitan Museum of Art, New York City.
In der Literatur wurde davor gewarnt, dass zu viel Puder ein künstliches Aussehen erzeugen könnte. Es wurde Wert darauf gelegt, den sanften, natürlichen „Pfirsichglanz“ zu betonen, der mit gesunder Haut assoziiert wurde. Eine häufige Empfehlung lautete, die Haut vor dem Auftragen von Kosmetika vorzubereiten und diese sodann sparsam und möglichst unauffällig einzusetzen.
Einige beliebte „Pearl“-Puder enthielten Wismutverbindungen, die der Haut ein helleres, strahlendes Aussehen verliehen. Bestimmte Hautcremes, darunter Gourauds „Oriental Cream“ und Hagans „Magnolia Balm“, enthielten zudem Zinkoxid, das in erster Linie zur kosmetischen Aufhellung und Vorbehandlung der Haut und weniger als wissenschaftlich fundierter Sonnenschutz verwendet wurde.
Hagans „Magnolia Balm“ wurde zur Verschönerung des Teints sowie zur Beseitigung von Sommersprossen, Ausschlägen, Sonnenbrand und Bräune verwendet. National Museum of American History, Smithsonian Institution.
Nicht jedes Schönheitsmittel war harmlos. Einige Hautpflegeprodukte enthielten Inhaltsstoffe, die heute als gefährlich eingestuft werden, darunter Blei, Arsen und Quecksilberverbindungen.
Quecksilbersublimat, eine hochgiftige Quecksilberverbindung, tauchte in einigen Schönheitsrezepten als Mittel gegen Sommersprossen und Hautunreinheiten auf. Frauen konnten es in Apotheken und Drogerien erwerben, wo es nicht als Kosmetikprodukt, sondern als Arzneimittel und Haushaltsmittel angeboten wurde.
Ein Rezept für eine Hautlotion aus dem viktorianischen Zeitalter, veröffentlicht in „Beeton’s Dictionary of Practical Recipes and Every-Day Information“ von 1871, empfahl eine Mischung aus 1,5 Gran (knapp 0,1 Gramm) Quecksilberdichlorid und 1 Unze Bittermandelemulsion (28–30 ml). Die Anwendung sollte mit einem weichen Schwamm erfolgen. Zugleich warnte das Rezept ausdrücklich: Quecksilberdichlorid müsse mit Vorsicht verwendet werden, da es sich um ein Gift handle.
Obwohl Rezepte wie diese darauf hinwiesen, dass Quecksilber gefährlich war, erklärten sie nur selten das ganze Ausmaß seiner Gefahren. Eine längere Anwendung konnte zu einer Vielzahl schwerwiegender Gesundheitsprobleme führen, darunter Depressionen, abnormale Schwellungen des Körpergewebes, Nierenschäden und Gedächtnisverlust. Statt vor der Anwendung zu warnen, rieten Schönheitsratgeber den Frauen lediglich, Quecksilberverbindungen vor dem Auftragen mit Rosenwasser, Alkohol oder Mandelemulsionen zu verdünnen.
Trotz bekannter Risiken erfreuten sich diese Rezepte, die einen helleren Teint und eine ebenmäßigere Hautfarbe versprachen, einer großen Beliebtheit.
Dr. Campbells Arsen-Hautpflegeblätter, um 1890. National Museum of American History, Smithsonian Institution.
Der viktorianische Ansatz zur Hautpflege lässt sich weder als grundlegend falsch noch vollkommen ausgereift bezeichnen. Im Fokus der viktorianischen Schönheitskultur stand damals der schlichte Gedanke, das Aussehen zu verbessern. Denn, wie die zeitgenössische Zeitschrift „The Girl’s Own Paper“ schrieb, handelt es sich bei Schönheit niemals um eine „feste Größe“.
Auch heute, mehr als ein Jahrhundert später, entwickeln sich Schönheitsideale immer noch weiter. Trotzdem sind einige viktorianische Schönheitspraktiken bis in die Gegenwart erhalten geblieben. Inhaltsstoffe wie Rosenwasser und Zinkoxid werden nach wie vor in modernen Hautpflege- und Kosmetikprodukten verwendet.
Eine Lehre jedoch, die sich aus diesen historischen Schönheitsrezepten ziehen lässt, liegt auf der Hand: Wenn eine Rezeptur Gift enthält, sollte man sie lieber nicht in seine Hautpflege übernehmen, sondern lediglich als historische Erscheinung betrachten.
Die Sonne ist kein Feind, vor dem man sich von April bis Oktober chemisch versiegeln muss. Vielmehr sollte gezielt genutzt werden. - Foto: Sorapop/iStock
In Kürze:
Zwischen April und September steht die Sonne in unseren Breiten hoch genug, damit der Körper Vitamin D bilden kann.
Ausgiebiges Sonnenbaden und regelmäßiger Sonnenbrand erhöhen das Risiko für Hautalterung und Hautkrebs.
Vor allem Menschen mit sensibler Haut – Kinder und helle Hauttypen – benötigen mehr Sonnenschutz.
Der älteste Sonnenschutz der Welt hat den Vorteil, dass er nicht über die Haut aufgenommen wird.
Wer jedoch in der Sonne schnell errötet, sollte vielleicht nicht nur über Cremes nachdenken.
Die amerikanische Arzneibehörde FDA hat einen neuen Sonnenschutzfilter zugelassen. Bemotrizinol heißt der Stoff. Er schützt gegen UVA und UVB, gilt als fotostabil und wird in Europa und Asien schon länger verwendet. In den USA ist das tatsächlich eine kleine Sensation, weil dort seit vielen Jahren kaum neue UV-Filter für frei verkäufliche Sonnenschutzmittel dazukamen. Man kann das begrüßen. Besser ein guter Filter als ein schlechter.
Nur löst dieser Fortschritt nicht unser eigentliches Problem. Viele Menschen haben nicht zu wenig Sonnencreme, sondern zu wenig „Sonnenverstand“. Manche sagen auch: Die meisten haben in Physik einfach nicht aufgepasst.
Ich beobachte jedenfalls inzwischen Menschen, die sich bereits eincremen, bevor sie überhaupt vor die Tür gehen, gerade so, als sei die Sonne eine meldepflichtige Gefahrstoffwolke. Kinder werden mit Lichtschutzfaktor 50 behandelt, bevor die Haut einen einzigen vernünftigen Lichtreiz bekommen hat.
Viele Menschen cremen sich aus Angst vor Sonnenbrand bereits früh am Morgen ein.
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Erwachsene verbringen elf Monate im Kunstlicht, sitzen vor flimmernden Bildschirmen, schlafen schlecht, haben niedrige Vitamin-D-Werte und bekommen zu alledem im Sommer plötzlich Angst vor der Sonne? Das muss man erst einmal hinbekommen.
Dabei war Sonne früher nicht der Feind. In Sanatorien wurden Patienten bewusst an Luft und Licht gebracht. Krankenhäuser hatten zum Teil Sonnendächer, „Liegehallen“ und Balkone. Man fuhr Kranke nach draußen, weil man beobachtete, dass Licht, Luft, Ruhe und Ernährung den Menschen verändern können. Die Sonne war in erster Linie ein Heilreiz.
Heute hat sich das völlig verkehrt. Heilreiz, Licht, Natur, Dosis, Anpassung – solche Begriffe passen nicht mehr gut in eine Welt, in der „Gesundheit“ über Warnhinweise und Grenzwerte verwaltet wird. Dabei ist die Sache biologisch eigentlich ziemlich einfach – und dennoch anspruchsvoll. Denn die Sonne ist weder harmlos noch böse. Sie ist einfach nur Reiz. Und jeder Reiz benötigt das richtige Maß.
Sonnenbrand ist kein Gesundheitsprogramm
Damit kein Missverständnis entsteht: Sonnenbrand ist kein „Training“ und keine Abhärtung. Wer seine Haut regelmäßig verbrennt, erhöht sein Risiko für Hautalterung und Hautkrebs. Die Haut vergisst nicht.
Besonders Kinderhaut sollte man schützen, denn schwere Sonnenbrände in jungen Jahren zählen quasi doppelt. Diese Tatsachen verkehren zahlreiche Experten derart, sodass wir heute bei vielen Menschen geradezu eine Sonnenpanik haben.
Die Sonne kann auch viel mehr als bräunen oder verbrennen. Über UVB-Strahlung bildet die Haut Vitamin D. Licht beeinflusst den Tag-Nacht-Rhythmus, die Stimmung, die Gefäßregulation und wahrscheinlich noch weitere Vorgänge, die wir längst nicht vollständig verstanden haben. Wir sind auf die Sonne und das Licht angewiesen.
Beim Vitamin D zählt nicht einfach Sonne, sondern die UVB-Strahlung. Und die erreicht die Haut nur dann in ausreichender Menge, wenn die Sonne hoch genug steht. In unseren Breiten ist das grob gesagt zwischen April und September der Fall. Im Winter wird praktisch kein Vitamin D über die Haut gebildet, auch wenn der Spaziergang in der tief stehenden Sonne natürlich trotzdem wertvoll ist, und zwar für den Kopf, den Rhythmus, die Stimmung und das Nervensystem.
Eine einfache Faustregel ist der Schattentest. Ist Ihr Schatten kürzer als Sie selbst, steht die Sonne hoch genug, damit Vitamin-D-Bildung möglich wird. Wer es noch anschaulicher möchte, nimmt einen Bleistift, stellt sich senkrecht hin und sieht den Schatten an. Ist der Schatten kürzer als der Stift, passt der Sonnenstand. Ist er länger, bekommen Sie Licht, aber kaum den UVB-Anteil, den die Haut für Vitamin D benötigt.
Damit ist nicht gemeint, sich mittags braten zu lassen. Für viele hellhäutige Menschen reichen im Sommer wenige Minuten bis vielleicht 15 oder 20 Minuten auf Armen und Beinen. Dunklere Hauttypen benötigen etwas länger. Entscheidend ist, vor der Rötung aus der Sonne zu gehen.
In unseren Breiten können wir nur zwischen April und September Vitamin D über die Haut bilden.
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Kleidung schlägt Creme
Nach der kurzen Aufladung von Vitamin D geht man am besten aus der prallen Sonne. Der älteste Sonnenschutz der Welt hat dabei den kleinen Vorteil, dass er nicht über die Haut aufgenommen wird. Wer das nicht kann, zieht sich etwas an.
Ein Hemd muss nicht fotostabil sein. Ein Hut benötigt keine INCI-Liste. Schatten kommt ohne Konservierungsstoffe aus. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Dinge in der Werbung für Sonnenschutz eher selten die Hauptrolle spielen.
Ich habe nichts gegen Sonnencreme. Bei Kindern, sehr heller Haut, am Meer, in den Bergen oder bei längeren Aufenthalten in der Sonne kann sie sinnvoll sein. Nur sollte sie nicht der erste Reflex sein. Erst kommt die Dosis, dann Kleidung und Schatten. Und wenn das nicht reicht, Creme.
Jetzt stellt sich die Frage: Welche Sonnencreme? Einige chemische UV-Filter stehen seit Jahren in der Kritik, darunter Octocrylen, Homosalat, Benzophenone 3 und Ethylhexyl Methoxycinnamate. Wer solche Stoffe meiden will, liest die INCI-Liste.
Bei ÖKO-TEST schnitten zuletzt zum Beispiel Sun D’Or Sonnenmilch LSF 50 von Edeka und Sundance Sonnenmilch LSF 50 von dm sehr gut ab. Bei Kinderprodukten wurden unter anderem Lacura Sun Kids, Lavozon Kids und Sundance Kids gut bewertet. Das gilt natürlich immer für die getestete Rezeptur. Hersteller ändern Formeln schneller, als manche Menschen ihre Meinung. Deshalb bleibt ein Blick auf den aktuellen Test sinnvoll.
Bei Kindern, sehr heller Haut, am Meer, in den Bergen oder bei längeren Aufenthalten in der Sonne kann Sonnencreme sinnvoll sein. Nur sollte sie nicht der erste Reflex sein.
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Mineralische Filter wie Zinkoxid oder Titandioxid sind für viele eine Alternative. Sprays und Öle sehe ich deutlich kritischer. Feine Partikel (Spray) gehören nicht in die Lunge, auch wenn sie vorher in einer hübschen Verpackung waren.
Und noch etwas: Lichtschutzfaktor 50 ist kein Tagespass für die Sonne. Viele tragen zu wenig auf, cremen zu selten nach und wundern sich später über rote Schultern. Das ist so, als würde man sich den Sicherheitsgurt anlegen und anschließend mit geschlossenen Augen fahren.
Freie Radikale – wie der Bösewicht im Märchen
Der wichtigste Sonnenschutz beginnt jedoch nicht erst auf der Haut, sondern im Stoffwechsel. UV-Licht erzeugt freie Radikale. Und damit sind wir bei einem jener Begriffe, die in Gesundheitsartikeln meist auftreten wie der Bösewicht im Märchen.
Freie Radikale können zwar Schaden anrichten, gewiss, sie sind aber auch Signale, anhand derer der Körper lernt, seine Schutzsysteme hochzufahren. Der Reiz ist also nicht das Problem. Das Problem beginnt, wenn der Reiz größer ist als die Reserve. Dann wird aus einer möglichen Anpassung eine Verletzung, aus einem UV-Reiz wird Zellstress und aus Sonne wird Sonnenbrand.
Genau hier sehe ich in der Praxis viele Menschen, die auffallend schnell verbrennen. Natürlich gibt es verschiedene Hauttypen. Ein hellhäutiger Mensch mit rötlichem Haar wird nie reagieren wie jemand mit dunklerer Haut. Aber wenn jemand nach kürzester Zeit regelrecht „explodiert“, denke ich nicht nur an den Hauttyp. Ich denke vor allem an erschöpfte antioxidative Kapazitäten.
Je nach Hauttyp sind Menschen gegenüber Sonneneinstrahlung mehr oder weniger empfindlich, was natur-geografische Gründe hat.
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Die Sache mit dem „inneren Lichtschutz“
Für diese Kapazitäten benötigt der Körper Eiweiß, gute Fette, Vitamin C, Zink, Selen, sekundäre Pflanzenstoffe, Carotinoide und eine Ernährung, die nicht hauptsächlich aus Weißmehl, Zucker, Sonnenblumenöl und Industrieprodukten besteht. Das ist zwar weniger aufregend als ein neuer UV-Filter, hat aber den Vorteil, dass der Körper damit arbeiten kann.
Astaxanthin ist hier aus meiner Sicht eines der interessantesten Mittel. Dieses Carotinoid stammt aus Algen und wirkt stark antioxidativ. Ich setze es gern einige Wochen vor intensiver Sonnenzeit ein, meist 4 bis 8 Milligramm täglich zu einer fetthaltigen Mahlzeit, bei sehr empfindlicher Haut eher am oberen Ende dieser Spanne. Es ist keine Sonnencreme zum Schlucken. Wer das glaubt, hat wieder nur die Tube gegen die Kapsel ausgetauscht.
Auch Selen spielt eine Rolle, weil selenabhängige Enzyme an der Kontrolle oxidativer Prozesse beteiligt sind. In der Praxis setze ich dazu Selenomethionin ein, kein Natriumselenit. Natriumselenit ist kein Bonbon. Bei falscher Anwendung kann Selen problematisch werden, und pauschale Hochdosen gehören nicht in die Selbstmedikation. Für die allgemeine Anwendung denke ich eher an moderate Dosierungen im Bereich von 50 bis 100 Mikrogramm Selen täglich, je nach Ernährung, Laborwerten und Gesamtsituation.
Die Sache ist eigentlich relativ einfach. Die Sonne ist kein Feind, vor dem man sich von April bis Oktober chemisch versiegeln muss. Sie ist aber auch kein harmloses Spielzeug, bei dem man stundenlang beweisen will, wie naturverbunden man ist. Beides ist Unsinn, nur in unterschiedlicher Verpackung.
Vernünftiger Umgang mit Sonne heißt: kurz genug, um keinen Sonnenbrand zu bekommen, lang genug, um dem Körper einen echten Lichtreiz zu geben. Wenn der Schatten kürzer ist als der Körper, kann Vitamin D gebildet werden. Danach kommen Hemd, Hut und Schatten. Und wenn das nicht reicht, verwendet man eine gute Sonnencreme ohne problematische Filter und Zusätze.
Wer extrem schnell verbrennt, sollte die Sonne nicht herausfordern. Er sollte sich aber auch fragen, warum seine Haut so wenig Reserve hat. Sie ist lebendiges Gewebe, abhängig von Ernährung, Mikronährstoffen, antioxidativer Kapazität und dem Zustand des gesamten Stoffwechsels.
Wer die Sonne gezielt nutzt, kann seiner Gesundheit Gutes tun.
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Vielleicht wäre das die eigentliche kleine Revolution im Sonnenschutz, nämlich weniger Angst vor der Sonne, weniger blindes Vertrauen in die Tube, mehr Verständnis für Dosis, Hauttyp, Jahreszeit und vor allem für den eigenen Stoffwechsel zu haben.
Naturheilkunde kann so betrachtet wieder einmal glänzen: mit einem Blick auf den eigenen Schatten, Respekt vor der Dosis und dem alten Gedanken, dass der Körper nicht nur geschützt, sondern auch befähigt werden sollte. Die Cremehersteller und Apotheken dürfen trotzdem weiter verkaufen. Nur sollten sie in dieser Frage nicht als die alleinigen Hohepriester des Lichts gelten.