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Das PISA-Debakel: Spurensuche nach den Gründen für das schlechte Abschneiden


In Kürze:

  • Bei Deutschlands Schülern gibt es Mängel in allen Bereichen des Lernens.
  • Lehrer schildern die Gründe für das schlechte PISA-Abschneiden aus ihrem Arbeitsalltag.
  • Viele Kinder sind nicht mehr in der Lage, einfachste Aufgaben zu lösen.
  • Forscherin fordert bei Problemen ein frühzeitiges Gegensteuern.

 
Die aktuelle PISA-Studie zeigt bei Schülern in Deutschland historisch schlechte Ergebnisse. Noch nie haben sie seit der ersten Erhebung im Jahr 2000 (Veröffentlichung 2001) so schlecht abgeschnitten.

Nur maximal neun Prozent gehören zur Leistungsspitze

So haben sich die Leistungen der 15-Jährigen gegenüber PISA 2022 sowohl in Mathematik als auch im Lesen verschlechtert. Etwa ein Drittel der Jugendlichen erreicht in Lesen und Mathematik die Kompetenzstufe 2 nicht und verfehlt damit das Mindestniveau. Hingegen schaffen lediglich sieben bis neun Prozent die beiden höchsten Stufen 5 oder 6 und gehören zur Leistungsspitze.
Entscheidend ist laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der Sprung über Kompetenzstufe 2. Er entscheidet darüber, ob junge Menschen in Bildung und Beruf Fuß fassen können.
Auch in den Naturwissenschaften sind die Leistungen rückläufig. Allerdings ist der Rückgang laut OECD gering und daher statistisch nicht von Bedeutung.
Doch woran liegt der rapide Leistungsabfall? Welche Fähigkeiten fehlen den Kindern, sodass sie oft nicht mehr in der Lage sind, einfachste Aufgaben zu lösen? Epoch Times sprach mit Lehrern einer Grund- sowie einer weiterführenden Schule und mit einer Nachhilfelehrerin. Die Namen sind der Redaktion bekannt und werden hier anonymisiert.
Hermine ist seit vielen Jahren Grundschullehrerin. Sie nimmt seit ungefähr zehn Jahren einen starken Leistungsabfall bei den Kindern wahr. „Das flüssige, laute Vorlesen bereitet vielen Schülern erhebliche Schwierigkeiten“, sagt sie. Auch verstünden sie oft die Inhalte der Texte nicht, daher bleibe eine entsprechende Betonung meist gänzlich aus.

Die Lust am Lesen fehlt bei fast allen Kindern

Schwierigkeiten haben die Kinder auch, wenn es um das Verstehen von Fragen geht. Das gilt hauptsächlich dann, wenn sie länger sind, also mehr als zwei oder drei Zeilen umfassen. Schon dabei mangele es an der nötigen Konzentration. Auch Arbeitsblätter, egal in welchem Fach, können sie kaum bearbeiten. Den meisten fehlt zudem die Lust am Lesen: „Da gibt es kaum eine Motivation. Daran ändern auch Schulbibliotheken nichts“, hat die Pädagogin beobachtet.
„Katastrophal“ nennt sie die Kenntnisse bei der Rechtschreibung. So schreiben selbst Schüler der vierten Klassen Substantive und Wörter am Beginn eines Satzes stets klein. Daran ändert auch vermehrtes Üben nichts. Bei der Grammatik dasselbe Bild: Zeiten und Fälle stimmen oft nicht. Auf die schriftliche Beantwortung von Fragen antworten sie meist nur mit einem Wort oder einem einzigen Satz.
Längere Texte, wie eine Geschichte, schreiben sie nur ungern, berichtet Hermine weiter: „Die sind auch in der vierten Klasse noch zu kurz, wenig fantasievoll und ohne roten Faden“. Hinzu kommen viele grammatikalische Fehler und eine unleserliche Handschrift. „Viele Kinder kippen in der Zeile beim Schreiben ab“, hat sie beobachtet.
Auch mit der Feinmotorik haben vor allem Erstklässler Schwierigkeiten. So können viele Stifte nicht richtig halten, sind unsicher im Umgang mit Scheren und Bastelmaterial. Probleme mit der korrekten Satzbildung ziehen sich durch alle Jahrgänge. So formulieren Jungen und Mädchen Sätze unvollständig („Kann ich Schlüssel“). Kinder mit Migrationshintergrund füllen Sätze mit arabischen oder türkischen Floskeln – je nach Herkunft.

Kritik an schneller Digitalisierung

Justus unterrichtet an einer Grund- und Hauptschule in Bayern in den Klassen 1 bis 10. Mit Blick auf seine jahrzehntelange Berufserfahrung „ist aus meiner Sicht spätestens seit 2015 ein deutlicher Rückgang der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen spürbar“, sagt er. Dieser gehe einher mit immer größer werdenden Defiziten im Lern- und Arbeitsverhalten. Er sieht drei wesentliche Ursachen für diese Entwicklung.
Zum einen nennt er die rasant fortgeschrittene Digitalisierung, die bereits im Kleinkindalter einsetzt. „Das führt zu großen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefiziten sowie einer geringeren Leselust und -fähigkeit“, erläutert der Pädagoge. Er berichtet, dass er 2015 mit Achtklässlern noch regelmäßig die Schulbücherei besucht hat, um Lesestoff auszuleihen. Doch seit einigen Jahren haben bereits Grundschulkinder keine Lust mehr auf das gedruckte Wort.
Die eingangs von ihm erwähnten Defizite hat aber auch eine Bildungspolitik begünstigt, „die den Leistungsbegriff praktisch komplett außer Kraft gesetzt hat“. Justus zählt verschlankte Lehrpläne, zusammengelegte Fächer, gestrichene Unterrichtsstunden wegen Lehrermangels auf. Auch sind Formate und Anforderungen für Prüfungen massiv abgesenkt worden, unter anderem auch durch „sehr schülerfreundliche Notenschlüssel“.
Das „krasseste Beispiel“ ist seiner Ansicht nach jedoch die Abschaffung des Diktats in der Abschlussprüfung im Fach Deutsch. Dies geschah bereits 2016 und wurde damals unter anderem damit begründet, „dass bei diesem Format keine Differenzierung hinsichtlich des Arbeitstempos möglich wäre, das Diktate für Schüler mit Migrationshintergrund insbesondere wegen des Zeitdrucks eine große Hürde darstellen und deshalb gleich zu Beginn der Prüfung zu einem Misserfolgserlebnis führen würden“.

Pandemie-Maßnahmen steuerten ebenfalls ihren Teil bei

Zudem könnten mangelndes Hörverstehen, Konzentrationsprobleme oder motorische Ausfälle erheblichen Einfluss ausüben, wohingegen Fehler in Diktaten nur bedingt etwas über die tatsächliche Rechtschreibung aussagen würden, zitiert er aus einem damals erschienenen Schreiben des Kultusministeriums.
„Die dritte Ursache ist meines Erachtens die immer heterogener werdende Schülerstruktur durch Migration, aber auch durch die Inklusion“, fährt er fort. Dafür fehlen zum einen Sachmittel, „aber in allererster Linie auch qualifiziertes Personal“. Schulen behelfen sich häufig mit Quereinsteigern oder Lehramtsstudenten, die befristete Teilzeitverträge erhalten, und denen „aber durchgehend die nötige Qualifikation fehlt“.
Zudem geben Nicht-Muttersprachler oft Unterricht in Deutsch als Zweitsprache, oder Lehramtsstudenten übernehmen auch für längere Zeiträume Klassenführungen als Vertretung. „Insgesamt also eine unselige Mischung aus Entwicklungen, die ein derartig katastrophales Abschneiden bei der aktuellen PISA-Studie geradezu heraufbeschworen haben“, sagt Justus.
Er wie auch seine Grundschulkollegin sehen zudem die Corona-Maßnahmen mit monatelangem Distanzunterricht und beschleunigter Digitalisierung als Grund für den Niedergang des Bildungsniveaus an deutschen Schulen.

Große Lücken bei der Allgemeinbildung

Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet Helena seit vielen Jahren als Nachhilfelehrerin. Das Altersspektrum ihrer Schüler ist breit, es reicht von der Grundschulklasse bis zum Abitur. Mit Blick auf ihre eigene Schulzeit und die ihrer erwachsenen Kinder sieht sie im Vergleich zur Entwicklung der vergangenen Jahre eine „sehr negative Entwicklung“.
So hat sie große Lücken bei der Allgemeinbildung festgestellt, „und das unabhängig von der Schulform“. Egal, ob Gymnasium, Real- oder Hauptschule – es mangelt in allen Bereichen. Berühmte Schriftsteller oder wichtige literarische Werke kennt kaum noch jemand. Auch eine Frage nach dem Namen des aktuellen Bundeskanzlers können viele nicht beantworten. Auch berichtet sie von einem Diktat in einer sechsten Klasse, in der das Wort „Allee“ vorkam. „Die meisten Kinder kannten das Wort nicht und wussten auch nicht, wie man es schreibt.“
Auch mit Ordnung, Gestaltung und Schriftbild haben viele ihrer Nachhilfeschüler nicht mehr viel am Hut. Schlampig geführte Hefte ziehen fast alle Kinder aus ihren Schulranzen. „Solche Hefte hätten wir uns früher nicht getraut, in die Schule zu bringen“, sagt sie.
„Die aktuellen Resultate zeigen, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Studien nicht um einen kurzfristigen Effekt gehandelt hat, sondern dass wir einen eindeutigen Abwärtstrend sehen“, zitiert das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) Prof. Samuel Greiff. Er ist Bildungsforscher an der Technischen Universität München (TUM). Der Wissenschaftler und Psychologe leitete den deutschen Teil der PISA-Studie. Kompetenzverluste beschränkten sich nicht auf „bestimmte Leistungsbereiche“ einzelner Schülergruppen. Sie seien „über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten“.

Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Herkunft ab

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hänge der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft ab. Dieser Zusammenhang sei bei den Naturwissenschaften so stark wie nie zuvor. Nur etwa zwei Prozent der benachteiligten Schüler erreichen hohe Kompetenz, gegenüber rund 25 Prozent der privilegierten Schüler. Im internationalen Vergleich ist dieser soziale Einfluss in Deutschland außergewöhnlich groß. Greiff warnt deshalb davor, dass dadurch viele Talente ungenutzt bleiben.
Zudem hingen die Leistungen der Jugendlichen besonders stark von den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihrer Familien ab. Im Vergleich zu Geschlecht und Zuwanderungshintergrund habe die soziale Herkunft dabei den größten Einfluss.
Greiff spricht von einer „Ungleichverteilung“ bei den „Chancen auf Bildungserfolg“. Deutschland könne es sich als „Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.“
Aus Sicht von Prof. Nele McElvany zeigten die PISA-Ergebnisse, „wie wichtig es ist, Basiskompetenzen wie das Lesen früh und systematisch zu fördern“. Die Leiterin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund weiter: „Wenn sich Schwierigkeiten bereits im Grundschulalter zeigen, können sie sich über die weitere Schullaufbahn fortsetzen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern und insbesondere Kinder mit ungünstigen Lernvoraussetzungen wirksam zu unterstützen.“
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„Kann ich Schlüssel?“ – welche Fähigkeiten Kinder heute nicht mehr besitzen


In Kürze:

  • Bei Deutschlands Schülern gibt es Mängel in allen Bereichen des Lernens.
  • Lehrer schildern die Gründe für das schlechte PISA-Abschneiden aus ihrem Arbeitsalltag.
  • Viele Kinder sind nicht mehr in der Lage, einfachste Aufgaben zu lösen.
  • Forscherin fordert bei Problemen ein frühzeitiges Gegensteuern.

 
Die aktuelle PISA-Studie zeigt bei Schülern in Deutschland historisch schlechte Ergebnisse. Noch nie haben sie seit der ersten Erhebung im Jahr 2000 (Veröffentlichung 2001) so schlecht abgeschnitten.

Nur maximal neun Prozent gehören zur Leistungsspitze

So haben sich die Leistungen der 15-Jährigen gegenüber PISA 2022 sowohl in Mathematik als auch im Lesen verschlechtert. Etwa ein Drittel der Jugendlichen erreicht in Lesen und Mathematik die Kompetenzstufe 2 nicht und verfehlt damit das Mindestniveau. Hingegen schaffen lediglich sieben bis neun Prozent die beiden höchsten Stufen 5 oder 6 und gehören zur Leistungsspitze.
Entscheidend ist laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der Sprung über Kompetenzstufe 2. Er entscheidet darüber, ob junge Menschen in Bildung und Beruf Fuß fassen können.
Auch in den Naturwissenschaften sind die Leistungen rückläufig. Allerdings ist der Rückgang laut OECD gering und daher statistisch nicht von Bedeutung.
Doch woran liegt der rapide Leistungsabfall? Welche Fähigkeiten fehlen den Kindern, sodass sie oft nicht mehr in der Lage sind, einfachste Aufgaben zu lösen? Epoch Times sprach mit Lehrern einer Grund- sowie einer weiterführenden Schule und mit einer Nachhilfelehrerin. Die Namen sind der Redaktion bekannt und werden hier anonymisiert.
Hermine ist seit vielen Jahren Grundschullehrerin. Sie nimmt seit ungefähr zehn Jahren einen starken Leistungsabfall bei den Kindern wahr. „Das flüssige, laute Vorlesen bereitet vielen Schülern erhebliche Schwierigkeiten“, sagt sie. Auch verstünden sie oft die Inhalte der Texte nicht, daher bleibe eine entsprechende Betonung meist gänzlich aus.

Die Lust am Lesen fehlt bei fast allen Kindern

Schwierigkeiten haben die Kinder auch, wenn es um das Verstehen von Fragen geht. Das gilt hauptsächlich dann, wenn sie länger sind, also mehr als zwei oder drei Zeilen umfassen. Schon dabei mangele es an der nötigen Konzentration. Auch Arbeitsblätter, egal in welchem Fach, können sie kaum bearbeiten. Den meisten fehlt zudem die Lust am Lesen: „Da gibt es kaum eine Motivation. Daran ändern auch Schulbibliotheken nichts“, hat die Pädagogin beobachtet.
„Katastrophal“ nennt sie die Kenntnisse bei der Rechtschreibung. So schreiben selbst Schüler der vierten Klassen Substantive und Wörter am Beginn eines Satzes stets klein. Daran ändert auch vermehrtes Üben nichts. Bei der Grammatik dasselbe Bild: Zeiten und Fälle stimmen oft nicht. Auf die schriftliche Beantwortung von Fragen antworten sie meist nur mit einem Wort oder einem einzigen Satz.
Längere Texte, wie eine Geschichte, schreiben sie nur ungern, berichtet Hermine weiter: „Die sind auch in der vierten Klasse noch zu kurz, wenig fantasievoll und ohne roten Faden“. Hinzu kommen viele grammatikalische Fehler und eine unleserliche Handschrift. „Viele Kinder kippen in der Zeile beim Schreiben ab“, hat sie beobachtet.
Auch mit der Feinmotorik haben vor allem Erstklässler Schwierigkeiten. So können viele Stifte nicht richtig halten, sind unsicher im Umgang mit Scheren und Bastelmaterial. Probleme mit der korrekten Satzbildung ziehen sich durch alle Jahrgänge. So formulieren Jungen und Mädchen Sätze unvollständig („Kann ich Schlüssel“). Kinder mit Migrationshintergrund füllen Sätze mit arabischen oder türkischen Floskeln – je nach Herkunft.

Kritik an schneller Digitalisierung

Justus unterrichtet an einer Grund- und Hauptschule in Bayern in den Klassen 1 bis 10. Mit Blick auf seine jahrzehntelange Berufserfahrung „ist aus meiner Sicht spätestens seit 2015 ein deutlicher Rückgang der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen spürbar“, sagt er. Dieser gehe einher mit immer größer werdenden Defiziten im Lern- und Arbeitsverhalten. Er sieht drei wesentliche Ursachen für diese Entwicklung.
Zum einen nennt er die rasant fortgeschrittene Digitalisierung, die bereits im Kleinkindalter einsetzt. „Das führt zu großen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefiziten sowie einer geringeren Leselust und -fähigkeit“, erläutert der Pädagoge. Er berichtet, dass er 2015 mit Achtklässlern noch regelmäßig die Schulbücherei besucht hat, um Lesestoff auszuleihen. Doch seit einigen Jahren haben bereits Grundschulkinder keine Lust mehr auf das gedruckte Wort.
Die eingangs von ihm erwähnten Defizite hat aber auch eine Bildungspolitik begünstigt, „die den Leistungsbegriff praktisch komplett außer Kraft gesetzt hat“. Justus zählt verschlankte Lehrpläne, zusammengelegte Fächer, gestrichene Unterrichtsstunden wegen Lehrermangels auf. Auch sind Formate und Anforderungen für Prüfungen massiv abgesenkt worden, unter anderem auch durch „sehr schülerfreundliche Notenschlüssel“.
Das „krasseste Beispiel“ ist seiner Ansicht nach jedoch die Abschaffung des Diktats in der Abschlussprüfung im Fach Deutsch. Dies geschah bereits 2016 und wurde damals unter anderem damit begründet, „dass bei diesem Format keine Differenzierung hinsichtlich des Arbeitstempos möglich wäre, das Diktate für Schüler mit Migrationshintergrund insbesondere wegen des Zeitdrucks eine große Hürde darstellen und deshalb gleich zu Beginn der Prüfung zu einem Misserfolgserlebnis führen würden“.

Pandemie-Maßnahmen steuerten ebenfalls ihren Teil bei

Zudem könnten mangelndes Hörverstehen, Konzentrationsprobleme oder motorische Ausfälle erheblichen Einfluss ausüben, wohingegen Fehler in Diktaten nur bedingt etwas über die tatsächliche Rechtschreibung aussagen würden, zitiert er aus einem damals erschienenen Schreiben des Kultusministeriums.
„Die dritte Ursache ist meines Erachtens die immer heterogener werdende Schülerstruktur durch Migration, aber auch durch die Inklusion“, fährt er fort. Dafür fehlen zum einen Sachmittel, „aber in allererster Linie auch qualifiziertes Personal“. Schulen behelfen sich häufig mit Quereinsteigern oder Lehramtsstudenten, die befristete Teilzeitverträge erhalten, und denen „aber durchgehend die nötige Qualifikation fehlt“.
Zudem geben Nicht-Muttersprachler oft Unterricht in Deutsch als Zweitsprache, oder Lehramtsstudenten übernehmen auch für längere Zeiträume Klassenführungen als Vertretung. „Insgesamt also eine unselige Mischung aus Entwicklungen, die ein derartig katastrophales Abschneiden bei der aktuellen PISA-Studie geradezu heraufbeschworen haben“, sagt Justus.
Er wie auch seine Grundschulkollegin sehen zudem die Corona-Maßnahmen mit monatelangem Distanzunterricht und beschleunigter Digitalisierung als Grund für den Niedergang des Bildungsniveaus an deutschen Schulen.

Große Lücken bei der Allgemeinbildung

Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet Helena seit vielen Jahren als Nachhilfelehrerin. Das Altersspektrum ihrer Schüler ist breit, es reicht von der Grundschulklasse bis zum Abitur. Mit Blick auf ihre eigene Schulzeit und die ihrer erwachsenen Kinder sieht sie im Vergleich zur Entwicklung der vergangenen Jahre eine „sehr negative Entwicklung“.
So hat sie große Lücken bei der Allgemeinbildung festgestellt, „und das unabhängig von der Schulform“. Egal, ob Gymnasium, Real- oder Hauptschule – es mangelt in allen Bereichen. Berühmte Schriftsteller oder wichtige literarische Werke kennt kaum noch jemand. Auch eine Frage nach dem Namen des aktuellen Bundeskanzlers können viele nicht beantworten. Auch berichtet sie von einem Diktat in einer sechsten Klasse, in der das Wort „Allee“ vorkam. „Die meisten Kinder kannten das Wort nicht und wussten auch nicht, wie man es schreibt.“
Auch mit Ordnung, Gestaltung und Schriftbild haben viele ihrer Nachhilfeschüler nicht mehr viel am Hut. Schlampig geführte Hefte ziehen fast alle Kinder aus ihren Schulranzen. „Solche Hefte hätten wir uns früher nicht getraut, in die Schule zu bringen“, sagt sie.
„Die aktuellen Resultate zeigen, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Studien nicht um einen kurzfristigen Effekt gehandelt hat, sondern dass wir einen eindeutigen Abwärtstrend sehen“, zitiert das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) Prof. Samuel Greiff. Er ist Bildungsforscher an der Technischen Universität München (TUM). Der Wissenschaftler und Psychologe leitete den deutschen Teil der PISA-Studie. Kompetenzverluste beschränkten sich nicht auf „bestimmte Leistungsbereiche“ einzelner Schülergruppen. Sie seien „über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten“.

Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Herkunft ab

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hänge der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft ab. Dieser Zusammenhang sei bei den Naturwissenschaften so stark wie nie zuvor. Nur etwa zwei Prozent der benachteiligten Schüler erreichen hohe Kompetenz, gegenüber rund 25 Prozent der privilegierten Schüler. Im internationalen Vergleich ist dieser soziale Einfluss in Deutschland außergewöhnlich groß. Greiff warnt deshalb davor, dass dadurch viele Talente ungenutzt bleiben.
Zudem hingen die Leistungen der Jugendlichen besonders stark von den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihrer Familien ab. Im Vergleich zu Geschlecht und Zuwanderungshintergrund habe die soziale Herkunft dabei den größten Einfluss.
Greiff spricht von einer „Ungleichverteilung“ bei den „Chancen auf Bildungserfolg“. Deutschland könne es sich als „Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.“
Aus Sicht von Prof. Nele McElvany zeigten die PISA-Ergebnisse, „wie wichtig es ist, Basiskompetenzen wie das Lesen früh und systematisch zu fördern“. Die Leiterin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund weiter: „Wenn sich Schwierigkeiten bereits im Grundschulalter zeigen, können sie sich über die weitere Schullaufbahn fortsetzen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern und insbesondere Kinder mit ungünstigen Lernvoraussetzungen wirksam zu unterstützen.“
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Mehr als eine Zahl – die Zehn als Spiegel menschlicher Sehnsucht

Manche Zahlen wirken zufällig und fast schon beliebig, andere hingegen wirken unausweichlich. Doch nur wenige von Letzteren verfügen über eine stille Autorität wie die Zehn. Sie begegnet uns im menschlichen Leben so selbstverständlich, dass wir kaum bemerken, wie tiefgreifend sie unser Denken prägt. Wir zählen in Zehnern, strukturieren in Zehnern und erstellen Top-10-Listen. Eine „glatte Zehn“ bedarf keiner Erklärung.

Ein universelles Muster

Hinter dieser Vertrautheit verbirgt sich möglicherweise etwas Tiefgründigeres, denn jenseits ihres praktischen Nutzens steht die Zehn für eine reichhaltige symbolische Geschichte. In Mathematik, Religion, Philosophie und Kultur präsentiert sie Ordnung in vollendeter Form – sie ist nicht nur das Ende einer Abfolge, sondern die Erschaffung eines stabilen und begreifbaren Ganzen.
Während die Neun an der Schwelle zur Transformation steht, fühlt sich die Zehn wie ein Ankommen an – der Moment, in dem sich die Teile schließlich zu einer erkennbaren Struktur zusammenfügen. Betrachten wir beispielsweise den menschlichen Körper: Wir besitzen zehn Finger, und es lässt sich kaum in Worte fassen, wie sehr diese einfache Tatsache unsere Zivilisation geprägt hat. Unser Dezimalsystem ist höchstwahrscheinlich aus dem Zählen an den Händen entstanden. Die Zehner wurden zu natürlichen Maßeinheiten, da der Körper selbst als Vorbild diente.

Ein Symbol der Harmonie: die 10-Punkte-Tetraktys, die auf Pythagoras zurückgehen soll.

In diesem Sinne ist die Zehn zutiefst menschlich. Sie schlägt eine Brücke zwischen der abstrakten Welt der Mathematik und der physischen Realität des Lebens. Wir tragen diese Zahl buchstäblich mit uns. Vielleicht symbolisiert sie deshalb häufig nicht nur eine Menge, sondern steht auch für Meisterschaft. „Bis zehn zählen“ bedeutet, die Fassung wiederzugewinnen.
Eine Top-10-Liste impliziert Wertigkeit und ein Popsong gilt erst dann wirklich als Hit, wenn er es in die Top 10 geschafft hat. In Umfragen werden wir regelmäßig dazu aufgefordert, Leistung, Zufriedenheit oder Wahrscheinlichkeit auf einer 10-Punkte-Skala zu bewerten. Auch bei der berühmten Frage zur Kundenzufriedenheit – „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie … weiterempfehlen?“ – liegt die Skala von null bis zehn. Eine perfekte Punktezahl wird üblicherweise mit 10 angegeben. Die Zahl steht dabei nicht für Übermaß, sondern für Ausgewogenheit, einen Zustand, in dem die Dinge ihre angemessene Form erreicht haben.
Dieser Ansatz findet sich auch in der antiken Philosophie wieder. Die Pythagoreer betrachteten die Zehn als die vollkommenste aller Zahlen, dargestellt durch die Tetraktys (griechisch für „Vierheit“): ein Dreieck aus zehn Punkten, die in vier Reihen angeordnet sind. Für die Pythagoreer spiegelte die Tetraktys die Harmonie selbst wider, also die verborgene numerische Struktur hinter Musik, Geometrie und dem Kosmos. Darauf schworen sie ihre Eide.
Dabei handelte es sich nicht um Aberglauben. Auch die Griechen ahnten, dass Ordnung nicht willkürlich ist. Die Realität war von Mustern, Symmetrie und Begreifbarkeit geprägt. Die Zahl zehn stand für die Vollendung dieses Musters: Die Einheit entfaltete sich zur Fülle.

Die Zehn in der Religion

Derselbe Gedanke erscheint auch in religiösen Traditionen. In den hebräischen Schriften findet man die Zehn Gebote – keine Empfehlungen, sondern grundlegende Prinzipien, die sowohl das individuelle Verhalten als auch das Gemeinschaftsleben ordnen sollen. Bezeichnenderweise sind es genau zehn und nicht sieben oder zwölf. Diese Zahl vermittelt Vollständigkeit. In ihrer Gesamtheit bilden die Zehn Gebote ein lückenloses moralisches Regelwerk.
In der biblischen Geschichte über Ägypten wirden zehn Plagen beschrieben, die der Erlösung vorausgehen. Diese Abfolge ist nicht zufällig. Sie ist vielmehr Ausdruck eines umfassenden Urteils über ein korruptes System. Erst nach der zehnten Plage bricht ein neues Kapitel an. Auch in der biblischen Genealogie zeigt sich dieses Muster: Die Genesis beschreibt zehn Generationen von Adam bis Noah und weitere zehn bis Abraham, was darauf hindeutet, dass sich die Geschichte in geordneten Etappen und nicht in zufälliger Abfolge entfaltet.
In der hinduistischen Tradition wird Vishnu traditionell mit zehn Avataren, das heißt Erscheinungsformen, die im Laufe der Zeitalter auftauchen, um das kosmische Gleichgewicht von Gut und Böse wiederherzustellen, in Verbindung gebracht. Auch hier steht die Zehn für Vollkommenheit – jedoch nicht im Sinne von Starre, sondern als vollständige Entfaltung der Ordnung im Laufe der Geschichte.
Im Christentum gibt es das Gleichnis der zehn Jungfrauen, in dem es um Wachsamkeit und Vorsorge angesichts eines nahenden Tages der Abrechnung geht. Die Zehn steht hier für die Gesamtheit der Menschen, die auf ein Urteil warten – einige klug und vorbereitet, die anderen töricht.

Vollendung ohne Beständigkeit

Die symbolische Kraft der Zehn besteht zudem außerhalb eindeutig religiöser Zusammenhänge ungebrochen. Im Sport wird sie oft mit Führungsstärke und Kreativität in Verbindung gebracht. Im Fußball gehört das Trikot mit der „10“ traditionell dem Spielmacher, also jener Person, durch die das Spiel gestaltet und geordnet wird – wie Pelé, Maradona, Messi und Platini.
Im Turnen und Wasserspringen steht eine Zehn für eine fehlerfreie Ausführung, für die perfekte Leistung ohne sichtbaren Fehler, wie bei Nadia Comăneci. Die 14-jährige Rumänin erntete für ihre Darbietung am Stufenbarren als erste Turnerin überhaupt bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 eine glatte Zehn.

Nadia Comăneci schrieb 1976 Olympiageschichte.

Und doch birgt die Zehn einen subtilen Warnhinweis. Denn sobald Perfektion erreicht ist, kann sie zur Starre verleiten. Systeme, die umfassend ausgereift sind, stehen Veränderungen oft im Weg. Strukturen, die Ordnung schaffen sollen, können zu Formen der Kontrolle verhärten. Der Wunsch nach einer perfekten Bewertung, einer perfekten Gesellschaft oder einem perfekt geordneten Leben kann die Unfähigkeit verschleiern, mit Unsicherheit oder Veränderungen zurechtzukommen. Tatsächlich wurden die Zehn Gebote, so wunderbar sie auch sind, in den Händen der jüdischen Sadduzäer, Gelehrten und Pharisäer zu genau jenen Hindernissen im Leben, denen sich Christus entgegenstellte.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Zehn von der Neun. Die Neun bleibt dynamisch und steht am Rande des Wandels. Die Zehn hingegen strebt nach Beständigkeit. Sie möchte, dass die Dinge geordnet, geklärt und gesichert sind. Genau darin liegen sowohl ihre Stärke als auch ihre Gefahr.
Wir Menschen brauchen Ordnung. Ohne sie versinkt das Leben im Chaos. Sprache, Recht, Architektur, Musik und Wissenschaft hängen alle von stabilen Strukturen ab. Die Zivilisation selbst benötigt einen Rahmen, der die Zeit überdauert. Doch das Leben geht über alle von uns geschaffenen Rahmenbedingungen hinaus. Im Glauben endgültige Vollkommenheit erreicht zu haben, werden wir von der Realität eines Besseren belehrt. Neue Probleme tauchen auf und plötzlich stehen Fragen im Raum. Die Menschen verändern sich. Die Geschichte schreitet voran.
Vielleicht ist dies der Grund, warum die Zehn oft nicht nur für ein Ende, sondern zugleich auch für den Beginn eines neuen Zyklus steht. In der Arithmetik kehren wir, sobald wir die Zehn erreichen, zur Eins zurück – jedoch auf einer höheren Ebene. Die Abfolge beginnt von Neuem, wiederholt sich jedoch nicht einfach. Vielmehr wurde etwas weitergetragen.
Mit anderen Worten: Die Zehn verkörpert ein Paradoxon – sie steht für Vollendung, aber nicht für Beständigkeit; für Errungenschaft, aber nicht für ein endgültiges Ziel. Genau wie das Leben selbst, zumindest hier auf der Erde.
Die alten Griechen haben das besser verstanden, als wir es manchmal tun. Ihr Wort „Kosmos“ bezeichnete nicht nur „das Universum“, sondern eine geordnete und schöne Anordnung – daher auch der Begriff „Kosmetik“ in unserer Sprache. Ordnung war wichtig, da das Chaos stets zurückzukehren drohte. Harmonie musste gepflegt werden und galt nicht als selbstverständlich, ebenso wie in unserem Alltag, in dem das Schminken Ordnung symbolisiert: Schönheit muss gepflegt werden.
Unsere heutige Zeit schwankt oft unruhig zwischen diesen beiden Polen hin und her. Einerseits sehnen wir uns nach Ordnung, nach klaren Systemen, messbaren Ergebnissen und stabilen Identitäten. Andererseits fürchten wir, in zu starren Systemen gefangen zu sein, in denen es keinen Raum für unerwartete Ereignisse gibt. Die Zehn erinnert uns leise daran, dass wahre Ordnung nicht mechanisch ist. Sie ist lebendig. Eine gute Struktur sperrt Energie nicht ein, sondern lenkt sie. Eine gute Gesellschaft schränkt die Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht Entfaltung. Ein gutes Leben ist kein Leben, in dem es keine Unsicherheit gibt, sondern ein Leben, in dem Sinnhaftigkeit und Offenheit nebeneinander bestehen.
All dies könnte erklären, warum die Zehn nach wie vor so viel Beachtung findet. Sie spricht eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen an: die Hoffnung, dass das Leben einen sinnvollen Verlauf nehmen kann. Nicht perfekt im Sinne von unveränderlich oder fehlerfrei, sondern vollkommen genug, um Bestand zu haben und als Fundament für die Zukunft zu dienen.
Denn letzten Endes liegt die Bedeutung der Zehn nicht in der Zahl selbst, sondern in der Erkenntnis, was sie über uns offenbart – dass wir Menschen Wesen sind, die sich nach Ordnung inmitten des Ungewissen sehnen. Wir zählen, klassifizieren, ordnen, messen und bauen, weil wir danach streben, Muster zu entdecken, die das Dasein begreifbar machen. Die Zehn ist eines der großen Symbole dieser Sehnsucht. Sie ist die Zahl, die uns sagt, dass die Teile zusammenpassen können, auch wenn die Geschichte selbst noch nicht abgeschlossen ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why the Number 10 Represents Order, Completion, and Human Aspiration“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)