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Schwerdtner und Pantisano zu neuen Linken-Vorsitzenden gewählt

Die Linke hat ihren dreitägigen Bundesparteitag in Potsdam am Samstagmorgen fortgesetzt.
Im Fokus des zweiten Tages des Parteitreffens steht die Wahl des Parteivorstands, die am Nachmittag stattfindet. Linken-Chefin Ines Schwerdtner stellt sich dabei zur Wiederwahl. Ihr bisheriger Co-Vorsitzender Jan van Aken tritt aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder an. Stattdessen kandidiert der Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano für die Doppelspitze.
Jan van Aken hat seinen Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt. (Archivbild)

Jan van Aken hat seinen Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt. (Archivbild)

Foto: Katharina Kausche/dpa

Schwerdtner war zum ersten Mal im Oktober 2024 zur Parteichefin gewählt worden. Sie und van Aken hätten von den Delegierten damals einen Vertrauensvorschuss bekommen, sagte Schwerdtner am Samstag. „Und ich kann für mich sagen, dass ich in diesen letzten zwei Jahren unglaublich viel von euch gelernt habe.“
Sie wolle mit der Partei weiter gegen die von der schwarz-roten Bundesregierung geplanten Kürzungen kämpfen. „Wir kämpfen für jede Sozialarbeiterin in der Kommune, für jeden Sportplatz und für jedes Kind“, rief Schwerdtner den Delegierten zu.
Pantisano machte in seiner Bewerbungsrede deutlich, dass er verstärkt Arbeiterinnen und Arbeiter erreichen wolle. „Ich will mit euch gemeinsam die arbeitende Klasse für die Linke zurückgewinnen“, betonte er. Pantisano sprach von den „echten LeistungsträgerInnen im Gegensatz zu den Konzernbossen“. Der 46-jährige Pantisano ist aktuell Vizechef der Linken-Bundestagsfraktion. (afp/dts)
 
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gesellschaft

Geheimes Netzwerk „Dialog“: Datenleck enthüllt Teilnehmerliste


In Kürze:

  • Datenleck veröffentlicht 222 Teilnehmer eines geheimen Netzwerks
  • Unter den Gästen: Militärs, US-Politiker und Tech-Investoren
  • Diskussionen drehen sich um KI, Zukunftstechnologien und Gesellschaft

 

Ein geheimes Treffen einflussreicher Persönlichkeiten aus Politik, Militär und Tech-Branche ist durch ein Datenleck öffentlich geworden. Dabei wurden erstmals umfangreiche Teilnehmerlisten des Netzwerks „Dialog“ bekannt.

2006 gehörte der Tech-Milliardär und Investor Peter Thiel zu den Mitbegründern des Netzwerks. Wer an den alljährlichen Treffen teilnahm, blieb stets geheim. Nun ist dank eines Datenlecks die Teilnehmerliste öffentlich geworden, wie zuerst das amerikanische Magazin WIRED berichtete.

Insgesamt sind 222 Namen aufgetaucht, die an den Treffen beteiligt waren, was laut Bericht auf eine außergewöhnliche Konzentration von Macht hinweist.

Jens Spahn war bisher fünfmal dabei

So ist General Alexus Grynkewich, seit Juli 2025 Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte in Europa und Chef des US-Europakommandos, seit 2021 regelmäßig bei den Treffen dabei. Neben zwei US-Senatoren und einem ehemaligen Geheimdienstchef für den Nahen Osten stehen auch sechs Mitglieder der sogenannten „PayPal-Mafia“ auf der Liste. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk aus ehemaligen Gründern und Mitarbeitern des Zahlungsdienstleisters PayPal, die später einflussreiche Investoren wurden. Thiel gehört dazu, ebenso Elon Musk.
Mit dem Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn taucht auch ein deutscher Politiker immer wieder auf den Gästelisten auf. Sein Büro bestätigte die Teilnahme und erklärte, Spahn nehme regelmäßig „an unterschiedlichen nationalen und internationalen Konferenzen und Veranstaltungen teil“. Ihm sei der Austausch „unterschiedlicher Perspektiven“ stets wichtig. Zudem trete er auf Einladung als Redner oder „Panel-Diskutant“ auf.
Der CDU-Politiker war während seiner Amtszeit als Bundesgesundheitsminister 2018 in Irland sowie 2019 in Italien bei den Treffen dabei. Auch in den Jahren 2022 bis 2024, als die Treffen in Irland, Portugal und Deutschland stattfanden, stand Spahn auf der Gästeliste. Für das Treffen im August in Irland habe er ebenfalls eine Einladung erhalten, werde jedoch nicht teilnehmen.
Was die Teilnehmer verbindet, ist laut WIRED die Beschäftigung mit Themen wie Künstlicher Intelligenz, Langlebigkeit und der nahen Zukunft. In Anmeldeformularen tauchte dabei immer wieder die Erwartung auf, dass KI Arbeit, Kriege, Bildung und Glauben innerhalb weniger Jahre grundlegend verändern werde.

Zwischen KI-Zukunft und Partnervermittlung: Visionen und Funktionen des Netzwerks

Einige prophezeien Massenentlassungen und eine Rückkehr zu Gewerkschaften und staatlichen Programmen. Andere erwarten einen starken Einbruch bei der Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz („KI-Winter“), Terroranschläge auf Rechenzentren, Angeklagte, die sich künftig für KI-Anwälte statt für Pflichtverteidiger entscheiden oder eine durch die Umwälzungen ausgelöste religiöse Erneuerung.
Das Netzwerk „Dialog“ fungiert auch als Partnervermittler. In der Teilnahmefunktion werden registrierte Nutzer gefragt, ob sie „auf der Suche nach Liebe“ sind, und können als „Single Mann“, „Single Frau“ oder „Andere“ für eine künftige Partnervermittlung registriert werden. Auf einer separaten Internetseite – dating.dialog.org – wird zudem eine App angeboten, die „bedeutungsvolle Verbindungen für außergewöhnliche Menschen“ verspricht.
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wirtschaft

2000 Arbeitsplätze gefährdet: Keine Einigung auf Sozialplan bei Zalando in Erfurt

Die Verhandlungen über einen Sozialplan bei dem vor der Schließung stehenden Zalando-Logistikzentrum in Erfurt sind dem Management zufolge gescheitert. Der Betriebsrat habe die Gespräche am Samstag abgebrochen, da er keine weitere Verhandlungsgrundlage sehe, teilte das Unternehmen mit. Damit gehe das Verfahren nun – wie vorab vereinbart – in die Einigungsstelle unter einem neutralen Vorsitz. Von der Arbeitnehmervertretung war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.
Der Sozialplan regelt den finanziellen Ausgleich für die Beschäftigten wie Abfindungen oder Prämien. Beim Interessenausgleich, der die organisatorischen Aspekte der geplanten Schließung wie Schichtplanungen regelt, wurden laut einem Unternehmenssprecher bereits gute Ergebnisse erzielt. Bei Zalando in Erfurt geht es aktuell um rund 2.000 Arbeitsplätze.

Zalando hält an Schließungsdatum fest

Nach wochenlanger Funstille hatten Management und Betriebsrat Ende Mai die Gespräche über Interessenausgleich und Sozialplan aufgenommen. Dem war ein Vergleich vorausgegangen, der vorsah, dass zunächst außerhalb einer Einigungsstelle verhandelt wird. Da bis zum 20. Juni keine Einigung erzielt wurde, wird nun am kommenden Dienstag die Einigungsstelle unter Vorsitz eines ehemaligen Arbeitsrichters eingesetzt. Als Termin für die vorerst letzte Sitzung ist den Angaben nach der 9. Juli geplant.
Der Dax-Konzern will das Logistikzentrum, mit dem er als Online-Modehändler groß geworden ist, im Herbst schließen. „Unser Ziel bleibt es, das Verfahren zeitnah abzuschließen und das geplante Schließungsdatum zum 30.09.2026 umzusetzen“, bekräftigte der Unternehmenssprecher. (dpa/red)
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gesellschaft

München: Zwei Güterwaggons fallen von Brücke auf Straße – ein Mensch getötet

Das Unglück ereignete sich demnach in der Nacht gegen 01.40 Uhr im Stadtteil Milbertshofen. Zwei Güterwaggons entgleisten nach dem Zusammenstoß und rutschten zum Teil über den Rand der Brücke nach unten, wo sie auf die Schleißheimer Straße prallten.
Menschen kamen auf der Straße nicht zu Schaden: Nach Polizeiangaben fuhr zum Zeitpunkt des Unglücks ein Linienbus auf der Straße, der durch einen herabfallenden Gegenstand beschädigt wurde. An Bord war nur der Fahrer, der unverletzt blieb.
Ein Großaufgebot der Feuerwehr und des Rettungsdienstes war am Unglücksort im Einsatz. Die Straße war mehrere Stunden in beide Richtungen gesperrt, was laut Polizei zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führte.

Keine Einschränkungen im Regional- und Fernverkehr

Wann die Waggons geborgen werden, war zunächst unklar. „Von einer Bergung sind wir noch weit entfernt“, sagte der Polizeisprecher. Möglicherweise bleibe die Unglücksstelle im Stadtteil Milbertshofen noch bis Sonntag gesperrt.
Laut einer Sprecherin der Deutschen Bahn passierte das Unglück auf einer Strecke, die ausschließlich von Güterzügen genutzt werde. Einschränkungen im Regional- oder Fernverkehr gebe es nicht. (dpa/afp)
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Spanien: Ehefrau von Regierungschef muss in Korruptionsprozess Pass abgeben

Wie aus einem am Samstag veröffentlichten Beschluss von Richter Juan Carlos Peinado hervorgeht, muss die Ehefrau des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, Begoña Gómez, ihren Reisepass abgeben und sich zweimal monatlich bei den Behörden melden.
Das Gericht erklärte weiter, es würden „Anweisungen an alle Grenzübergänge sowie zivilen und militärischen Flughäfen erteilt“, um sicherzustellen, dass Gómez das Ausreiseverbot einhalte. Außerdem wurde bekannt, dass sie sich vor einem Geschworenengericht verantworten muss.
Nach zweijährigen Korruptionsermittlungen war im April Anklage gegen die 55-Jährige erhoben worden. Ihr werden Unterschlagung, Einflussnahme, Korruption und Veruntreuung zur Last gelegt. Konkret soll eigens für sie ein Lehrstuhl an der Universität Complutense in Madrid eingerichtet worden sein, der ihr zur „privaten beruflichen Weiterentwicklung“ gedient habe. Gómez und Sánchez weisen die Vorwürfe zurück.
Der Ministerpräsident hat seit längerem mit mehreren Korruptionsaffären in seinem Umfeld und in seiner sozialistischen Partei PSOE zu kämpfen. So begann Ende Mai ein Prozess gegen Sánchez‘ Bruder David, der ebenfalls von einer für ihn maßgeschneiderten Stelle profitiert haben soll.
Im Prozess gegen Ex-Verkehrsminister José Luis Ábalos – lange Zeit die rechte Hand von Sánchez – wird bald das Urteil erwartet. Er soll während der Corona-Pandemie Schmiergeld für die Vergabe millionenschwerer öffentlicher Aufträge bei der Beschaffung von Atemschutzmasken kassiert haben.
Hinzu kommt eine Affäre um die frühere sozialistische Parteiaktivistin Leire Díez. Ihr wird vorgeworfen, Teil eines Netzwerks gewesen zu sein, das Ermittlungen der Justiz gegen die PSOE und die sozialistische Regierung torpedieren sollte.
Auch gegen den früheren Regierungs- und Parteichef José Luis Rodríguez Zapatero, der von 2004 bis 2011 Ministerpräsident war und der eine Galionsfigur der Linken in Spanien ist, wird unter anderem wegen illegaler Einflussnahme und Vorteilsnahme ermittelt. Er soll sich während der Corona-Pandemie für staatliche Hilfen an eine Fluglinie eingesetzt und im Gegenzug Bestechungsgelder angenommen haben. (afp/red)
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EU plant Bargeldpflicht – Ausnahme für Automaten sorgt für Kritik


In Kürze:

  • Die EU will Bargeld als Zahlungsmittel schützen und seine Akzeptanz in den Mitgliedstaaten sichern.
  • Ein neuer Verordnungsentwurf sieht Ausnahmen von der Bargeldannahmepflicht für unbemannte Verkaufsstellen vor.
  • Verbände und Sozialorganisationen warnen vor Nachteilen für ältere Menschen und andere vulnerable Gruppen.
  • Parallel plant die Bundesregierung, Händler und Gastronomen zur Annahme digitaler Zahlungsarten zu verpflichten.

 
Die EU und das Kabinett in Berlin sind sich grundsätzlich einig: Verbraucher sollen in der Regel die freie Wahl haben, ob sie eine Ware oder Dienstleistung bar oder digital bezahlen möchten. Im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien heißt es, man setze sich „für echte Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr ein“ und wolle erreichen, dass „grundsätzlich Bargeld und mindestens eine digitale Zahlungsoption schrittweise angeboten werden sollen“.
Ähnlich sieht es die EU. Auf EU-Ebene will der Währungsausschuss am Dienstag, 23. Juni, die finale Fassung der Bargeldverordnung absegnen, über die seit 2023 diskutiert wird. Der Urtext zur Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über Eurobanknoten und Euromünzen als gesetzliches Zahlungsmittel (2023/0208 (COD)) stammt vom 28. Juni 2023. Seither hat er mehrere Diskussions- und Berichtsphasen durchlaufen. Die „Berliner Zeitung“ konnte Einsicht in den Entwurf einer Endfassung nehmen, über die am Dienstag abgestimmt werden soll.

Alle „unbemannten Verkaufsstellen“ sollen von Bargeldpflicht ausgenommen sein

Demnach soll die Verordnung eine weitreichende Ausnahme enthalten, die im Alltag weitreichende Folgen entfalten könnte. So soll die geplante Annahmepflicht für Bargeld dem Ausschussbericht des Parlaments zufolge für sogenannte unbemannte Verkaufsstellen nicht gelten.
Darunter fallen nicht nur die bekannten Snackautomaten oder immer beliebter werdenden Automatenshops in deutschen Städten. Auch der ÖPNV und der Fernverkehr im Bereich des Personentransports könnten betroffen sein. Schon jetzt gibt es im Bereich der Deutschen Bahn und regionaler Verkehrsbetriebe Pilotprojekte mit Fahrkartenautomaten, die ausschließlich bargeldlose Zahlungen akzeptieren.
Die Verkehrsbetriebe halten diesen Schritt für geboten, aufgrund veränderter Zahlungspräferenzen der Kunden. Häufig ist dies auch dadurch bedingt, dass der Zugang zu Bargeld gerade in kleinstädtischen und ländlichen Regionen schwieriger wird. Für eine geplante flächendeckende Einführung eines verpflichtend bargeldlosen Zahlungsverkehrs an Ticketautomaten der Bahn gibt es derzeit keine Anhaltspunkte. Sie wäre, bliebe es bei der von der „Berliner Zeitung“ zitierten Entwurfsregelung, aber grundsätzlich denkbar.

Ursprünglich sollte nur der Fern- und Onlineabsatz ausgenommen sein

Die geplante Verordnung der EU-Kommission soll sicherstellen, dass Bargeld „als Zahlungsmittel weithin akzeptiert“ wird und für Bürger und Unternehmen „leicht zugänglich“ bleibt. So sind Restriktionen für einen Ex-ante-Ausschluss von Bargeldzahlungen, etwa durch „Cash only“-Schilder, vorgesehen.
Die Mitgliedstaaten würden verpflichtet, den Umfang solcher Ausschlüsse zu überwachen und Maßnahmen zu treffen, um die Annahme von Bargeld sicherzustellen. Ex-ante-Ausschlüsse gelten als unerwünschte Konstruktion, um die Bargeldannahmepflicht zu umgehen. Zudem sollen die Mitgliedstaaten verpflichtet werden, flächendeckend für einen hinreichenden Zugang zu Bargeld zu sorgen. Darüber soll der Europäischen Zentralbank (EZB) regelmäßig Bericht erstattet werden. Notfalls sollen Abhilfemaßnahmen geschaffen werden.
In Artikel 2 der Urfassung war festgelegt, dass die Verordnung lediglich für Zahlungen „im Fernabsatz, einschließlich Online-Käufen“, nicht gelte. Die nun in Rede stehende Erweiterung auf „unbemannte Verkaufsstellen“ würde eine nicht unerhebliche Erweiterung dieses Ausnahmetatbestands darstellen.

Verbände weisen auf soziale Inklusionsfunktion von Bargeld hin

In einer gemeinsamen Stellungnahme haben mehrere Verbände dieses Vorhaben kritisiert und eine Ablehnung dieser Erweiterung gefordert.
Unter diesen befinden sich unter anderem die Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste e. V. (BDGW), die Vereinigung „Bargeld zählt!“ und der Verband der Deutschen Automatenindustrie. Diese Erweiterung sei zu weitgehend und der sozialen Inklusion abträglich: „Auch Verkaufsautomaten müssen unter dem Gesichtspunkt der sozialen Inklusion grundsätzlich der Bargeldannahmepflicht unterliegen – insbesondere Automaten in öffentlichen Stellen, im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge sowie Fahrkartenautomaten im Bereich des öffentlichen Personenverkehrs.“
Gegen zu weitreichende Ausnahmen von der Annahmepflicht für Bargeld wenden sich auch Sozialverbände wie der VdK. Sie verweisen darauf, dass etwa ältere Menschen an die vorrangige Verwendung von Bargeld gewöhnt sind. Dazu kommen vulnerable Gruppen von Geflüchteten, Menschen mit kognitiven Einschränkungen sowie Obdachlose oder Jugendliche ohne Bankkarte.

In einigen Branchen ist digitale Zahlung weiterhin schwierig

Parallel zu Bestrebungen, die Nutzung von Bargeld im Zahlungsverkehr sicherzustellen, gibt es auch politische Bestrebungen zur Sicherstellung digitaler Zahlungsoptionen. Berlin hat diesbezüglich im April eine Bundesratsinitiative angekündigt. Diese soll vor allem Händler und Gastronomiebetriebe dazu verpflichten, mindestens eine digitale Zahlungsmöglichkeit anzubieten.
Dem IT-Branchenverband Bitkom zufolge akzeptieren 24 Prozent der Gastronomiebetriebe in Deutschland ausschließlich Bargeldzahlungen. Bei Außer-Haus-Dienstleistungen wie Handwerkern sind es sogar 27 Prozent. Aber auch 7 Prozent der Einzelhändler für den täglichen Bedarf verfügen über keine digitale Zahlungsoption. Dies kann vor allem in Regionen zum Problem werden, in denen große Banken ihre Filialen schließen oder Geldautomaten abbauen.
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gesellschaft

Hitzewelle bringt Unwetter, Verletzte und Straßenschäden

Erst brütend heiß, dann ein kräftiges Donnerwetter: Vor allem im Osten und Westen Deutschlands drohen neue Schauer und Unwetter. Lokal können sie laut Deutschem Wetterdienst (DWD) auch heftiger ausfallen. Bei einem Blitzeinschlag während eines Sportfestes in Baden-Württemberg gab es bereits mehrere Verletzte. Der Hitze geht die Puste derweil vorerst noch nicht aus. Und das sorgt für Probleme.

Wie es mit dem Wetter weitergeht

Die Hitze setzt sich vor allem in der Mitte und im Süden des Landes bis Mittwoch fort mit Temperaturen zwischen 32 und 39 Grad. Der DWD warnt vor starker bis teils extremer Wärmebelastung. Im Norden und Nordosten kann es kühler werden. „Ob im Südwesten Deutschlands während der aktuellen Hitzewelle Rekordtemperaturen von mehr als 40 Grad erreicht werden, ist derzeit noch unsicher“, sagte Meteorologe Christian Herold.
Doch nicht nur Hitze macht den Menschen zu schaffen, auch Gewitter. Am Sonntagvormittag – dem Tag des kalendarischen Sommerbeginns – ist vor allem Nordrhein-Westfalen von schweren Gewittern betroffen, dabei insbesondere auch das Ruhrgebiet. Im Laufe des Sonntags werden die heftigsten Gewitter dann in der Mitte und später im Südosten der Republik erwartet.

Bei Gewittern kann es gefährlich werden

Bei Gewittern und Unwettern ist generell Vorsicht angesagt – besonders aber, wenn sie über Großveranstaltungen unter freiem Himmel hinwegziehen. Am Freitagabend wurde das Southside-Festival im baden-württembergischen Neuhausen ob Eck wegen eines Unwetters unterbrochen. Später durften die 59.000 Besucher und Besucherinnen wieder tanzen und feiern.
Ein anderes Festival südlich von Flensburg mit rund 5.000 Besuchern wurde in der Nacht zu Samstag wegen eines Sturms geräumt. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, wurden 13 Menschen bei dem Sturm leicht verletzt. Mittlerweile duften die Menschen zurück auf das Gelände. Gleich mehrere Großveranstaltungen laufen an diesem Wochenende.

Was noch vorgefallen ist

Bei einem Blitzeinschlag während eines Sportfests im baden-württembergischen Rastatt wurden neun Menschen verletzt. Sechs von ihnen kamen in ein Krankenhaus, wie ein Sprecher der Polizei mitteilte. Im Zuge des Handballfests zelteten in der Nacht zum Samstag mehrere Menschen auf einem Sportplatz im Stadtteil Niederbühl, als ein starkes Unwetter über die Region zog. Über die Schwere der Verletzungen lagen zunächst keine Details vor. In Lebensgefahr schwebt jedoch niemand.
Im ostfriesischen Moormerland bei Leer musste nach Angaben der Polizei ein Zeltlager mit etwa 300 Kindern geräumt werden. Zusammen mit der Feuerwehr wurden die Kinder nach Hause gebracht oder von ihren Erziehungsberechtigten abgeholt. Alle blieben unverletzt. In mehreren Bundesländern mussten Feuerwehren ausrücken.

Licht und Schatten der Hitze

Profiteure der hohen Temperaturen dürften zum Beispiel Freibäder und Eisverkäufer sein. Gut auch, wer klimatisiert im Auto, Bus oder mit der Bahn reisen kann. Die Deutsche Bahn meldete bis Samstagmittag kaum Störungen.
Hitze kann sich aber auch auf die Fahrbahnen auswirken und Fahrzeuge ausbremsen. In Brandenburg hat sie beispielsweise zu Straßenschäden geführt. Auf der Autobahn 13 von Dresden Richtung Schönefelder Kreuz kommt es zwischen der Anschlussstelle Duben am Rande des Spreewalds und Freiwalde zu Behinderungen wegen Fahrbahnschäden, wie eine Sprecherin der Polizei sagte. Der Verkehrsclub ADAC meldete, der Asphalt blähe sich auf.
Schäden gab es auch auf der Fahrbahn der A1 in Richtung Lübeck zwischen Bargteheide und Bad Oldesloe. Als Notfallmaßnahme sei der beschädigte Fahrstreifen gesperrt worden, teilte die Autobahn GmbH mit.

Hitzewellen mit der Klimakrise häufiger geworden

Obwohl die Temperaturen außergewöhnlich hoch sind, wurden in den vergangenen Tagen noch keine Rekordwerte geknackt. Die insgesamt höchste Temperatur in Deutschland wurde am 25. Juli 2019 in Tönisvorst und Duisburg-Baerl gemessen: 41,2 Grad zeigte das Thermometer damals an. Der höchste jemals im Monat Juni gemessene Wert wurde ebenfalls 2019 gemessen: 39,6 Grad registrierten die Wetterexperten am 30. Juni in Bernburg in Sachsen-Anhalt.
Hitzewellen sind im Zuge des Klimawandels häufiger und intensiver geworden. Besonders Ältere, Kinder, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen sind dadurch gefährdet. (dpa/red)
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Fund einer Babyleiche: Was die Ermittler jetzt klären müssen

Nach dem Fund einer Babyleiche in Renningen bei Stuttgart müssen die Ermittler viele offene Fragen klären. Allen voran geht es darum, ob es sich dabei wirklich um den vermissten Säugling handelt, nach dem seit dem späten Donnerstagabend stundenlang gesucht worden war.
Die Polizei hatte die Suchaktion nach dem Leichenfund beendet. Sie erklärte aber, es liefen noch Maßnahmen, um das tote Kind zu identifizieren. Am Samstagmittag gab es dazu auf Nachfrage bei der Polizei keine neuen Informationen.
Unklar war zunächst auch, wo und unter welchen Umständen der Leichnam gefunden worden war. Ferner machten Polizei und Staatsanwaltschaft keine Angaben zu einer mutmaßlichen Todesursache und dazu, ob das tote Kind obduziert wird.

Leichenspürhunde bei Suche

Seit dem späten Donnerstagabend galt ein drei Monate alter Junge als verschollen. Die Eltern hätten die Vermisstenanzeige gestellt, hieß es. Der Säugling war nach Angaben der Polizei kurz vor Mitternacht aus seinem Kinderwagen verschwunden. Unklar war, wo das Kind sein könnte. Konkrete Hinweise zum Verbleib gab es zunächst nicht.
Es folgte eine Suchaktion, an der sich Dutzende Kräfte der Polizei beteiligten. Suchhunde des Deutschen Roten Kreuzes, Hubschrauber, Drohnen mit Wärmebildkameras und Leichenspürhunde waren im Einsatz.
Gegen 13.45 Uhr fand die Polizei am Freitag dann die Babyleiche. Den Umständen nach dürfte es sich um das vermisste Kind handeln, hieß es zunächst. Die Identität müsse aber noch überprüft werden.

Fragen rund um das Verschwinden

Auch rund um das Verschwinden stellen sich noch viele Fragen – zum Beispiel wo genau und in welchem Zeitraum das Baby aus dem Kinderwagen verschwand. Die Behörden haben sich auch noch nicht öffentlich dazu geäußert, unter welchen Umständen das Baby unbeaufsichtigt war, wo die Eltern waren und ob es Zeugen, Videoaufnahmen oder andere Spuren gibt. Unklar ist außerdem, ob die Polizei gegen jemanden ermittelt. (dpa/red)
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Großbritannien: Ein Toter und mehr als 80 Verletzte bei Kollision zweier Züge

Nach Angaben des Bahnunternehmens East Midlands Railway kollidierten am späten Freitagnachmittag zwei Personenzüge, die auf dem selben Gleis in Richtung London unterwegs waren. Einer der beiden Lokführer kam dabei ums Leben.
Die genaue Unfallursache war zunächst unklar. 33 Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht, elf von ihnen mit schweren Verletzungen, wie die Polizei am Samstag mitteilte. Weitere 56 Menschen wurden leicht verletzt und vor Ort behandelt.
Bilder in Onlinediensten zeigten zwei ineinander verkeilte Züge und auf den Gleisen stehende Fahrgäste. Verkehrsministerin Heidi Alexander erklärte, es sei noch zu früh für Aussagen über die Unfallursache. „Wir werden sicherstellen, dass es eine gründliche Untersuchung gibt, um zu klären, wie es zu diesem Zusammenstoß kam, und um sicherzustellen, dass die richtigen Lehren daraus gezogen werden, damit sich ein solcher Vorfall nie wieder ereignet“, sagte die Ministerin.
Der Fahrgast Pete Knapp berichtete der Nachrichtenagentur Press Association, wie er den Unfall erlebte. „Wir wurden plötzlich auf den gegenüberliegenden Sitz geschleudert, und dann sah ich Rauch“, sagte Knapp. „Menschen stöhnten und schrien – sie standen unter Schock und wirkten benommen.“
Der Fahrgast Paul Cavin sagte dem Sender BBC: „Unser Zug hielt, und plötzlich wurden wir von hinten heftig gerammt.“ Auch in seinem Wagen seien Passagiere zu Schaden gekommen. Er habe viele Verletzte gesehen, einige hätten nach dem Zusammenstoß „zertrümmerte Nasen“ gehabt. Eine weitere Insassin berichtete der BBC von einem „großen Knall“. „Ich öffnete die Augen, und da sah ich Menschen auf dem Boden liegen – überall war Blut.“
Premierminister Keir Starmer erklärte, seine Gedanken seien bei den betroffenen Menschen und deren Familien. „Ich bin den Rettungskräften für ihre schnelle Reaktion auf diesen tragischen Vorfall dankbar“, betonte Starmer.
Zugunglücke passieren in Großbritannien relativ selten. Im September 2023 waren mehrere Menschen verletzt worden, als in Aviemore in Schottland zwei Züge kollidierten. Im August 2020 entgleiste ein Zug auf der Strecke von Aberdeen nach Glasgow, wobei drei Menschen ums Leben kamen. (afp/red)
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Studie: Fairer Yuan-Kurs könnte Deutschland Milliarden bringen

Wie eine vom Auswärtigen Amt geförderte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in drei Jahren um mehr als 40 Milliarden Euro höher ausfallen, wenn der Yuan fair bewertet wäre.
Vor allem seit den massiven Preissteigerungen ab 2021 infolge von Lieferkettenengpässen und der Energiekrise hierzulande verhindert China eine Aufwertung des Yuan gegenüber dem Euro. Die gezielte Unterbewertung verbilligt chinesische Exporte und macht Importe teurer. Auch deshalb sind die deutschen Ausfuhren nach China deutlich gesunken und die Einfuhren chinesischer Güter massiv gestiegen.
Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China ist auf rund 90 Milliarden Euro gestiegen. Trotz der gestiegenen Nachfrage nach Yuan zur Bezahlung chinesischer Waren hat sich die Währung nicht entsprechend verteuert, da China keinen freien Wechselkurs zulässt, sondern ein staatlich gesteuertes Währungsmanagement betreibt.
Laut IW würde eine faire Bewertung des Yuan auch China helfen, die exportlastige und konsumschwache Wirtschaft des Landes besser auszubalancieren. Zwar würde das chinesische BIP durch den Rückgang der Exporte zunächst kurzfristig einbrechen, doch in der Simulation kam es schnell zu einer Gegenbewegung durch einen Anstieg der inländischen Nachfrage.
„Für den freien Handel ist Chinas Währungsmanagement Gift“, sagte IW-Experte Jürgen Matthes. Durch die Unterbewertung des Yuan verkaufe China seine Waren deutlich günstiger als sie eigentlich sein dürften – und gewinne Marktanteile, die es im fairen Wettbewerb nie erhalten würde. „China spielt mit gezinkten Karten. Europa sollte mit Ausgleichszöllen für gleiche Bedingungen sorgen“, so der Außenhandelsexperte. (dts/red)
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Blitzschlag trifft Sportfest: Ein Mensch schwer verletzt

Bei einem Blitzeinschlag während eines Sportfests in Rastatt sind neun Menschen verletzt worden, einer von ihnen schwer. Unter den Verletzten befindet sich ein 13-jähriger Jugendlicher, wie ein Sprecher der Polizei mitteilte.
Im Zuge eines Handballfests zelteten in der Nacht mehrere Kinder und Erwachsene auf einem Sportplatz im Stadtteil Niederbühl, als ein starkes Unwetter über die Region zog. Sechs der Verletzten kamen zur Behandlung in ein Krankenhaus. In Lebensgefahr schwebt laut Polizei niemand.

Auch Blitzeinschlag bei Reutlingen

Während des Unwetters schlug ein weiterer Blitz auf einem Fest in Münsingen im Landkreis Reutlingen ein und verletzte eine Frau leicht. Sie bereitete laut Polizei auf einem Sportgelände in einem Festzelt Speisen zu. Als der Blitz unmittelbar neben dem Zelt einschlug, erlitt die 71-Jährige einen Stromschlag. Der Rettungsdienst brachte sie in ein Krankenhaus.
Auch unweit des Bodensees zog eine Unwetterfront auf. Das Southside-Festival mit Zehntausenden Besuchern in Neuhausen ob Eck musste am Freitagabend wetterbedingt unterbrochen werden. Die Besucher wurden aufgefordert, Schutz in ihren Fahrzeugen zu suchen und dabei auch anderen Menschen Platz anzubieten. Nach rund zwei Stunden setzten die Veranstalter das Programm wieder fort.

Wo es am Samstag noch gewittern könnte

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnete für Samstag mit weiteren Gewittern. Vor allem über dem Schwarzwald und der Alb können sich demnach einzelne Gewitter entwickeln. Dazu kündigte der DWD Starkregen mit bis zu 25 Litern pro Quadratmeter und Stunde und Hagel mit Korngrößen von einem bis zwei Zentimetern an.
Auch am Sonntag ziehen laut den Wetterexperten nach viel Sonne Schauer und „örtlich kräftige Gewitter“ auf. (dpa/red)
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Grüne kritisieren „Trump-ähnliches Abschiebesystem“

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, Filiz Polat, hat die geplante Einrichtung sogenannter „Return Hubs“ der Europäischen Union für Flüchtlinge scharf kritisiert. Innenminister Dobrindt sei die treibende Kraft dieser neuen Regelung und helfe dabei, die EU in Richtung eines Trump-ähnlichen Abschiebesystems zu führen, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstagausgabe).

Forderung nach Integrationspolitik

Der Weltflüchtlingstag 2026 stehe im Schatten der Asylrechtsverschärfungen im Rahmen der GEAS-Reform. Diese Woche habe das Europäische Parlament mit den Stimmen von Christdemokraten, Rechten und Rechtsextremen die Inhaftierung von Familien mit Kindern in Lagern außerhalb europäischer Gerichtsbarkeit beschlossen, kritisierte die Migrationspolitikerin. Die Menschen würden auch in solche Staaten gebracht werden, zu denen sie keinerlei Verbindung haben.
Dieser harte Abschiebekurs spiele rechtsextremen Parteien in die Hände, sagte Polat. Statt die Grundrechte von Schutzbedürftigen weiter auszuhöhlen, brauche man verstärkte Integrationsmaßnahmen und echte Perspektiven für Menschen, die längst Teil der deutschen und europäischen Gesellschaft geworden seien, forderte die Migrationspolitikerin. (dts/red)
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Mücken fliegen auf Bier und Gesellschaft: Darum stechen sie manche Menschen besonders gern


In Kürze:

  • Mücken orientieren sich bei der Suche nach Menschen an mehreren Signalen gleichzeitig:
  • Kohlendioxid dient als wichtigster Fernhinweis.
  • Körpergeruch und Hautchemie spielen in der Nähe eine zentrale Rolle.
  • Auch Wärme, körperliche Aktivität und Kleidung beeinflussen die Wahrscheinlichkeit von Stichen.
  • Effektive nicht chemische Hilfe gegen Mücken beginnt bei der Wahl von Kleidung und Deo, physikalische Mittel beim Ventilator.

 
Die einen sind mit Mückenstichen übersät, die anderen bleiben verschont. Manche, die sich mit einem Antimückenspray einsprühen, werden verschont, andere scheinen erst dadurch regelrecht zum Mückenmagneten zu werden. Ein System scheinen die Mücken dabei nicht zu haben, oder etwa doch?
Männliche und weibliche Mücken ernähren sich unterschiedlich. Männchen reicht pflanzliche Nahrung. Sie nutzen den zuckerreichen Saft aus Blättern und Blüten. Die Weibchen hingegen benötigen Proteine, damit ihre Eier reifen können. Sie stechen Menschen oder auch andere Lebewesen wie Vögel, um an eiweißreiches Blut zu gelangen.
Doch wonach entscheidet sich, wen sie stechen? Die Forschung zeigt: Mückenstiche sind kein Zufall, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Signale. Nach dem aktuellen Stand sind mindestens vier Dinge entscheidend: Kohlendioxid, Körpergeruch, Körperwärme und die Art der Kleidung.

Die Atmung lockt sie zuerst an

Seit Jahren forschen Wissenschaftler an den speziellen Faktoren, die manche Menschen anfälliger als andere machen. Manches kann beeinflusst werden, manches nicht. Eine aktuelle Studie zeigt, dass insbesondere das Kohlendioxid der menschlichen Ausatmung eine Rolle spielt. Die Atmung wirkt wie ein Fernsignal, das Mücken bereits aus großer Entfernung wahrnehmen können.
Kohlendioxid, das Menschen durch die Atmung ausatmen, wirkt auf Mückenweibchen anziehend. Das sei „das erste Signal, das ihr Verhalten auslöst“, wenn sie noch Dutzende Meter entfernt sind, sagte der schwedische Wissenschaftler Rickard Ignell der AFP. Sein Forscherteam beschäftigte sich mit Aedes-aegypti-Mücken.
Die Ägyptische Tigermücke oder Gelbfiebermücke ist hauptsächlich tagaktiv und sticht auch in Innenräumen. Doch auch nachts sticht sie in gut beleuchteten Bereichen zu. Sie folgt eng dem Menschen und fliegt in die Häuser hinein.

Geruch: Antimückenseife hilft manchmal nur den Mücken

Im Umkreis von 10 Metern beginnen Mücken laut einer anderen Studie zudem, menschlichen Geruch wahrzunehmen – ein Faktor, der uns Menschen noch viel attraktiver macht. Sie fliegen auf bestimmte chemische Verbindungen wie Carbonsäuren, Milchsäure, Harnsäure oder Ammoniak, die im Schweiß der Menschen vorkommen.
Trifft es also vermehrt diejenigen, die leicht schwitzen? Nicht unbedingt, fanden Forscher der Virginia Tech University im Jahr 2023 heraus. Sie untersuchten die Reaktion von Mücken auf den Körpergeruch von Menschen vor und nach dem Waschen mit verschiedenen Seifen.
Ihr Ergebnis: Manche Seifen mit floralen und fruchtigen Duftstoffen machten Menschen sogar attraktiver für die Plagegeister, obwohl sie Limonen, ein bekanntes Mückenschutzmittel, enthielten.
Die Untersuchungen waren für die Forscher zudem kein Beweis dafür, dass eine bestimmte Seife jeden Menschen automatisch zum „Mückenmagneten“ macht. Der leitende Autor und Neuroethologe Clément Vinauger sagte:
„Was für die Mücke wirklich zählt, ist nicht die am häufigsten vorkommende Chemikalie, sondern vielmehr die spezifischen Assoziationen und Kombinationen von Chemikalien, nicht nur aus der Seife, sondern auch aus unseren persönlichen Körpergerüchen.“
Er empfiehlt: „Ich würde eine Seife mit Kokosduft wählen, wenn ich die Anziehungskraft auf Mücken verringern wollte.“ Dieser Duft wirke eher abschreckend.

Mücken in Holland fliegen auf Bier und Gesellschaft

2025 veröffentlichten Forscher aus den Niederlanden die Ergebnisse der „Mosquito Magnet Trial“-Studie. Dafür bauten Forscher des Radboud University Medical Center auf dem niederländischen Musikfestival Lowlands vom 18. bis 20. August ein Containerlabor auf. Auch sie wollten wissen, warum manche Menschen für Mücken besonders attraktiv sind.
Über 500 Festivalbesucher nahmen teil – und reichlich weibliche Stechmücken der Gattung Anopheles, die Malaria übertragen können. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Mücken häufiger auf diejenigen flogen, die
  • Bier tranken
  • seltener duschten
  • weniger Sonnenschutz verwendeten
  • ihr Bett mit jemand anderem teilten
Anders gesagt: Wer auf dem Festival nüchtern blieb, die Nacht allein in seinem Zelt verbrachte und regelmäßig duschte, wurde weniger gestochen. Wer morgens auf das Duschen verzichtete, dafür aber Sonnencreme verwendete, wurde ebenfalls seltener gestochen.
Die Vorliebe für Bier indes überraschte. Doch das Fazit der Forscher besagt, dass die Mücken vermutlich nicht auf das Bier selbst reagierten. Sie sehen die Veränderungen im Körpergeruch als Grund. Bei den bei Mücken besonders beliebten Probanden fanden sie zudem viele Streptokokken auf der Haut. Auch diese Bakterien können Gerüche produzieren und den Körpergeruch beeinflussen.

Helle oder dunkle Kleidung? Hauptsache Kontrast

Haben die Mücken Kohlendioxid oder Körpergeruch wahrgenommen, beginnen sie, gezielt nach visuellen Signalen zu suchen. Das besagt unter anderem eine Studie von Wissenschaftlern der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, veröffentlicht 2022 in „Nature Communications“.
Die Forscher widmeten sich wiederum Aedes-aegypti-Mücken und untersuchten über 1 Million Flugbahnen der Stechmücken. Ihnen fiel auf: Erst nachdem die Mücken Kohlendioxid wahrgenommen hatten, reagierten sie deutlich stärker auf bestimmte Farben.
Besonders interessant fanden Mücken dann Schwarz, Rot, Orange und Cyan. Auch die menschliche Haut reflektiert vor allem langwellige und damit rot-orange Anteile des Lichts. Deutlich weniger attraktiv waren die Farben Weiß, Grün, Blau und Violett. Bei älteren Feldstudien aus den 1950er-Jahren landeten Mücken ebenfalls bevorzugt auf schwarzen und roten Stoffen statt auf hellen, wie die Wissenschaftler zitierten.
Zu beachten ist laut den Forschern jedoch, dass dunkle Kleidung Mücken nicht unbedingt deshalb anziehe, weil sie dunkel sei, sondern weil sie einen stärkeren visuellen Kontrast zur Umgebung bilde. Für eine Mücke sei ein schwarzes T-Shirt vor einem hellen Himmel leichter zu erkennen als ein weißes.

Wärme dient nur im Nahbereich zur Orientierung

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Körperwärme, wie Forscher der Universität von Kalifornien in Santa Barbara nachgewiesen haben. Sie dient Mücken jedoch nur als Nahsignal ab etwa 1 Meter Entfernung.
Hilfreich sind den Mücken dabei temperaturaktive Proteine an ihren Antennen. „Infrarot verdoppelte das Suchverhalten der Mücken“, sagte Nicolas DeBeaubien. Diese Strahlung hilft ihnen besonders in der Dämmerung, wenn unser Körper wärmer als die Umgebung ist.
Menschen mit etwas höherer Körpertemperatur werden öfter gestochen, sofern sie „gut“ riechen, denn reine „Heizkörper“ sind uninteressant. Weibliche Stechmücken fliegen demnach genau auf die Temperaturen, die der menschlichen Haut- und Körpertemperatur entsprechen. Sie können zudem zwischen unterschiedlich warmen Objekten unterscheiden.
Wer Fieber hat, gerade Sport getrieben hat oder aus anderen Gründen eine höhere Hauttemperatur aufweist, kann demnach für Mücken attraktiver sein als andere Menschen. Schwangere wurden laut mehreren Studien häufiger gestochen, was ebenfalls mit einer höheren Körpertemperatur zusammenhängen könnte.

Was tun, um Mückenstiche zu vermeiden?

Die wichtigsten chemischen Stoffe, die Mücken fernhalten, sind seit den 1950er-Jahren Mittel, die DEET, Icaridin, IR3535 und PMD enthalten. Diese sogenannten Repellents verändern den menschlichen Körpergeruch und verhindern damit, dass Mücken Menschen als Ziele erkennen und anfliegen. Citronella, Lavendel und Nelkenöl wirken schwächer und halten weniger lange an.
Die Virginia-Tech-Studie legt nahe, dass manche Seifen und Körperpflegeprodukte Menschen attraktiver für Mücken machen. Vorsicht ist angeraten bei stark blumigen Düften und stark parfümierten Lotionen.
Die wirksamsten nicht chemischen Maßnahmen sind lange, helle Kleidung, dicht gewebte Stoffe und Wind. Mehrere Studien zeigen, dass auch Ventilatoren die Zahl der Mückenkontakte deutlich reduzieren können. Mückennetze an Fenstern und über dem Bett helfen ebenso. Diese physikalischen Maßnahmen sind oft wirksamer als Sprays oder pflanzliche Duftstoffe.
Stehende Gewässer sind hingegen Mückenbrutstätten. Wer sie umgeht und noch dazu seinen Aufenthalt in der Dämmerung reduziert, kann einige Stiche vermeiden. Für Knoblauch, Ultraschallgeräte oder Armbänder ohne Repellents gibt es derzeit keine belastbaren Studien zum zuverlässigen Schutz.

Stechmücken sind wählerisch

Fasst man die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, zeigt sich, dass Mückenstiche kein Zufall sind, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener Signale entstehen.
„Es ist kein Missverständnis – Mücken fühlen sich mehr zu manchen Menschen hingezogen als zu anderen“, fasste Frederic Simard vom französischen Institut für Entwicklungsforschung gegenüber AFP im Mai 2026 zusammen. Der medizinische Entomologe fügte hinzu: „Aber wir sind nicht alle die ganze Zeit Magnete.“
Mücken finden Menschen also hauptsächlich über Kohlendioxid, Körpergeruch und -wärme sowie über visuelle Signale. An diesen Stellen können Schutzmaßnahmen ansetzen. Welche dieser Faktoren im Einzelfall jedoch überwiegen, ist individuell unterschiedlich und noch nicht vollständig verstanden.
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gesellschaft

Drogenbeauftragter will höhere Steuern auf Tabak und Alkohol

Der Drogen- und Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), dringt auf höhere Steuern für Alkohol und Tabak. Gemessen an den Schäden, die sie verursachten, seien Tabak und Alkohol in Deutschland zu billig, sagte Streeck der „Rheinischen Post“ (Samstagausgabe).
Die Gewinne entstünden beim Verkauf. Die Folgekosten landeten später bei allen, den Versicherten, Arbeitgebern, Familien, in den Kliniken und im Gesundheitssystem, so Streeck. Deshalb brauche es höhere Steuern auf Tabak und Alkohol nach dem Verursacherprinzip. Das sei keine Symbolpolitik, sondern faire Prävention.

Gesundheitliche und finanzielle Folgen

Höhere Preise schützten besonders junge Menschen vor dem Einstieg und helfen, langfristig Krankheitskosten zu senken, sagte Streeck. Ein Verlust von möglichen Steuereinnahmen dürfe kein Gegenargument sein, da ein Staat nicht darauf bauen dürfe, dass Menschen rauchen, trinken, krank werden und früher sterben.
Auch eine mögliche Verschiebung hin zu einem größeren Schwarzmarkt sei kein Gegenargument. „Natürlich müssen wir den Schwarzmarkt ernst nehmen, aber wir dürfen nicht hinnehmen, dass ein Regelbruch zu einem Vetorecht wird. Gesundheit muss sich stärker lohnen als Krankheit. Das muss der politische Auftrag sein“, so Streeck.
Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck hält die Verbotspläne für überfällig. (Archivbild)

Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck hält die Verbotspläne für überfällig. (Archivbild)

Foto: Michael Kappeler/dpa

Unterstützung aus der Ärzteschaft

Auch Ärzte mahnen eine höhere Tabak- und Alkoholsteuer an. „Aus gesundheitspolitischer Sicht ist eine höhere Besteuerung von Tabak- und Nikotinprodukten richtig und notwendig“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, der Zeitung. „Rauchen bleibt eine der größten vermeidbaren Gesundheitsgefahren.“
Allein die Behandlung tabakbedingter Erkrankungen koste das Gesundheitswesen rund 30 Milliarden Euro im Jahr, sagte Reinhardt. Jeder Mensch, der nicht zu rauchen beginne oder rechtzeitig aufhöre, entlaste das Gesundheitssystem. (dts/red)
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ausland meinung

Trump und MMA: Wie politische Anführer Kämpfe nutzen


In Kürze:

  • US-Präsident Donald Trump veranstaltete im Rahmen der Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der USA Kämpfe auf dem Gelände des Weißen Hauses.
  • Beobachter und Kritiker sahen darin ein weiteres Beispiel für seine Vorliebe für Spektakel.
  • Historisch gesehen reicht die Symbolik tiefer als die Vorliebe eines Präsidenten für Theatralik und Kampfsport.
  • Die Anziehungskraft von Kampfszenen liegt nicht in Gewalt oder Unterhaltung, sondern in Zugehörigkeit.

 
Von den Gladiatorenkämpfen im alten Rom bis hin zu den modernen Mixed Martial Arts, kurz MMA, dienten Kampfsportveranstaltungen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch als öffentliche Rituale. Durch sie sollten Menschen das Gefühl erlangen, Teil von etwas zu sein, das größer ist als sie selbst.
Als Präsident Donald Trump vorschlug, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der USA Kämpfe auf dem Gelände des Weißen Hauses auszurichten, sahen viele Beobachter darin ein weiteres Beispiel für seine Vorliebe für Spektakel und MMA.
Mixed Martial Arts ist eine Kampfsportart, die Schlag- und Ringkampftechniken aus verschiedenen Kampfkunstdisziplinen kombiniert. Doch die Symbolik reicht tiefer als die Vorliebe eines Präsidenten für Theatralik und Kampfsport.

Mixed Martial Arts ist eine Sportart, die Techniken aus verschiedenen Kampfkunstdisziplinen kombiniert – so auch Ringen.

Ich habe Jahrzehnte erforscht, warum Menschen bereit sind, für bestimmte Anliegen zu kämpfen, Opfer zu bringen und sogar zu sterben. In diesen Spektakeln sehe ich einen wichtigen psychologischen Prozess, der als Identitätsverschmelzung bekannt ist.

Emotionale Bindungen

Menschen gehören Gruppen an: Familien, Nationen, Religionen, Berufsgruppen, politischen Bewegungen, Sportmannschaften. Normalerweise bleiben diese Identitäten vom persönlichen Selbst getrennt.
Identitätsverschmelzung tritt ein, wenn diese Grenze verschwindet. Menschen unterstützen eine Gruppe nicht nur – sie erleben sie als untrennbaren Teil ihrer eigenen Identität. Die Erfolge und Misserfolge der Gruppe werden persönlich. Bedrohungen für die Gruppe werden als Bedrohungen für das eigene Selbst empfunden.
Die wichtige Frage ist nicht nur, was im Käfig geschieht, sondern was solche Spektakel für das Publikum bewirken können. Öffentliche Darbietungen von Mut, Ausdauer und Opferbereitschaft können emotionale Bindungen unter den Zuschauern stärken und die Identifikation mit den Gruppen, Anliegen oder politischen Entscheidungsträgern vertiefen, die sie mit den Kämpfen in Verbindung bringen.
MMA-Kämpfe finden traditionell in einem Ring oder in einem Käfig statt

Mixed-Martial-Arts-Wettkämpfe finden traditionell in einem Ring oder Käfig statt.

Untersuchungen mit Soldaten und Frontkämpfern im Irak und in Afghanistan, mit Unterstützern der Ukraine, mit Palästinensern im Gazastreifen, mit Taiwanern, die eine chinesische Invasion fürchten, sowie mit Teilnehmern extremistischer Bewegungen zeigen, dass Identitätsverschmelzung die Bereitschaft vorhersagt, Entbehrungen zu ertragen, Risiken einzugehen und Opfer für ein gemeinsames Anliegen zu bringen.¹
Dieser Prozess führt nicht zwangsläufig zu Gewalt. Er kann zu ehrenamtlichem Engagement, gegenseitiger Hilfe, Militärdienst und Widerstand gegen Unterdrückung motivieren. Er hilft, zu erklären, wie öffentliche Rituale, die Mut, Opferbereitschaft und kollektive Stärke feiern, das Engagement für Gruppen, Anliegen und Persönlichkeiten unter Bedingungen vertiefen können, die aus rein materieller Sicht irrational erscheinen.

Warum gemeinsame Kämpfe wichtig sind

Einer der stärksten Wege zur Identitätsverschmelzung sind gemeinsame Entbehrungen. Menschen, die gemeinsam Gefahren, Leiden oder intensive Herausforderungen durchstehen, entwickeln oft ungewöhnlich starke Bindungen.
Kampfsportarten spielen in dieser Dynamik eine Rolle. Kämpfer stellen sich öffentlich der Herausforderung von Schmerz, Erschöpfung, Angst und möglicher Niederlage. Zuschauer erleben nicht nur einen sportlichen Wettkampf, sondern symbolische Demonstrationen von Mut und Ausdauer. Der Reiz liegt zum Teil darin, wie sich der Charakter unter Druck offenbart.
Für die alten Römer verkörperten Gladiatoren nachweislich „virtus“, also Mut, Disziplin, Ausdauer und die Bereitschaft, dem Tod ins Auge zu sehen.² Ihre Anziehungskraft beruhte nicht nur auf Gewalt, sondern auf den Werten, für die sie standen.
Moderne MMA-Kämpfer werden oft in ähnlicher Weise gefeiert: als Prüfstein für Härte, Widerstandsfähigkeit und Selbstbeherrschung. In beiden Fällen werden körperliche Wettkämpfe zu moralischen Dramen über Opferbereitschaft und menschliche Grenzen.
Die Wahrheit hinter den römischen Gladiatoren

Das Historiengemälde „Pollice Verso“ (1872) von Jean-Léon Gérôme (1824–1904) hat das heutige Bild von Gladiatoren maßgeblich geprägt.

MMA hat politische Bedeutung erlangt

Die Bedeutung des Kampfsports geht somit über den professionellen Wettkampf hinaus. In ganz Europa und Nordamerika ist MMA zu einem Brennpunkt für Teile der heutigen extremen Rechten geworden.
Organisationen, die als „Active Clubs“ bekannt sind und mittlerweile in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Deutschland, Schweden, Frankreich und Großbritannien vertreten sind, verbinden körperliches Training mit ethnonationalistischem Aktivismus, darunter Rekrutierung, ideologische Indoktrination, öffentliche Demonstrationen und transnationale Vernetzung zwischen ethnischen – insbesondere weißen – nationalistischen Gruppen.
Fitnessstudios bieten zwar Orte für Rekrutierung und Vernetzung, doch ihre tiefere Bedeutung ist psychologischer Natur. Das gemeinsame Training, das gemeinsame Durchstehen von Strapazen und das „Sich-selbst-auf-die-Probe-Stellen“ vor Gleichgesinnten schaffen Formen von Vertrauen und Solidarität, die online nur schwer nachzubilden sind. Politisches Engagement wird buchstäblich und verkörpert.
Dies hilft, zu erklären, warum MMA innerhalb transnationaler, ethnonationalistischer Netzwerke eine ungewöhnliche Bedeutung erlangt hat. Aktivisten aus verschiedenen Ländern mögen zwar unterschiedliche nationale Identitäten besitzen, doch sie erkennen sich gegenseitig durch eine gemeinsame Kultur der körperlichen Disziplin, männlicher Kameradschaft und Kampfbereitschaft. Kampfsportarten bieten eine symbolische Sprache, die Grenzen überschreitet und eine umfassendere zivilisatorische Identität stärkt.
In dieser Hinsicht spielt MMA eine ähnliche Rolle wie militärische Ausbildungslager, revolutionäre Jugendbewegungen und Bruderschaften in früheren Epochen. Sie schaffen Bindungen, die zugleich lokal und international sind.

Von Nero bis ins Weiße Haus

Der römische Kaiser Nero war nicht deshalb ungewöhnlich, weil er Gladiatorenspiele förderte – das taten viele Kaiser –, sondern weil er sich, wie der Historiker Thomas Wiedemann feststellte, offen mit der Kultur der Arena identifizierte. Anstatt aristokratische Distanz zu wahren, verband Nero sein öffentliches Ansehen mit den Tugenden und der Popularität des Spektakels.
Der römische Kaiser Nero (37–68 n. Chr.) veranstaltete oft Kämpfe zwischen Gladiatoren

Der römische Kaiser Nero (37–68 n. Chr.) war ein bekennender Fan von Gladiatorenkämpfen.

Etwas Ähnliches geschieht immer dann, wenn sich politische Führungspersonen mit Kampfsportarten identifizieren. Die Bedeutung liegt weniger im Sport selbst als darin, was das Spektakel symbolisiert. Eine Kampfsportveranstaltung, die im Rahmen einer nationalen Feier inszeniert wird, verwandelt den sportlichen Wettkampf in ein Ritual kollektiver Identität und öffentlicher Werte.
Die UFC-Veranstaltung im Weißen Haus war besonders aufschlussreich, da sie ein Kampfsportspektakel mit den Feierlichkeiten zum 250-jährigen Jubiläum der USA und mit Trumps eigenem 80. Geburtstag verband. Symbolisch vereinte sie Nationalbewusstsein, Führungsstärke und kriegerische Tugend in einer einzigen öffentlichen Darbietung.
Diese Symbolik steht auch im Zusammenhang mit den jüngsten Forderungen von Regierungsvertretern, dem US-Militär und dem zivilen Leben wieder ein „Kriegerethos“ zu verleihen. Der Krieger wird nicht bloß zum Soldaten, sondern zum idealen Bürger: diszipliniert, mutig, körperlich beeindruckend und bereit, Opfer zu bringen.

Warum Zuschauer Ehrfurcht empfinden

Massenkundgebungen, Militärparaden, religiöse Pilgerfahrten, revolutionäre Feste und Kampfspektakel können Momente hervorbringen, in denen sich der Einzelne in etwas Größeres als er selbst aufgenommen fühlt.
Solche Erfahrungen führen nicht automatisch zu politischem Extremismus. Bei den meisten ist das nicht der Fall. Aber sie helfen, zu erklären, warum sich Menschen mit Gruppen und Anliegen, die ihnen Sinn, Zugehörigkeit und ein Gefühl des gemeinsamen Schicksals vermitteln, tief verbunden fühlen.
Spektakuläre öffentliche Rituale, insbesondere solche, die mit Gewalt und Schmerz verbunden sind, rufen oft das hervor, was der britische politische Philosoph und Politiker Edmund Burke als „das Erhabene“ bezeichnete: intensive Erfahrungen von Gefahr, Schrecken und Erhabenheit, die Angst angesichts überwältigender Macht in Begeisterung verwandeln.
MMA-Kämpfe im Weißen Haus

FBI-Direktor Kash Patel, Robert F. Kennedy Jr. und Elon Musk verfolgen gemeinsam mit Donald Trump einen MMA-Kampf.

Foto: Joe Raedle/Getty Images

Die Anziehungskraft von Kampfszenen liegt nicht nur in Gewalt oder Unterhaltung. Sie rührt daher, dass sie individuelle Kämpfe in kollektive Geschichten von Mut, Opferbereitschaft, Identität und Sinnhaftigkeit verwandelt. Letztlich offenbaren sie ein grundlegendes menschliches Verlangen nicht nur nach Sicherheit und Geborgenheit, sondern auch nach Kampf, Bedeutung und Zugehörigkeit. Dies stellte auch George Orwell 1940 fest, als er die Faszination von Hitlers Autobiografie „Mein Kampf“ analysierte.
In einer Zeit, in der etablierte politische Institutionen und Bewegungen immer weniger Loyalität genießen, bieten Kampfsportspektakel mehr als nur Spannung. Sie schaffen Gemeinschaften, die durch gemeinsame Gefühle verbunden sind. Und unter den richtigen Bedingungen werden sie zu mächtigen Triebkräften politischen Engagements.
Quellen und Literatur:
[1] Scott Atran (2025); doi.org/10.1111/nyas.70113
[2] Jason Gehrke (2025); doi.org/10.1093/9780197667781.003.0002
Dieser Artikel erschien im Original auf fordschool.umich.edu sowie auf theconversation.com unter dem Titel „How political leaders use combat spectacles to symbolize national power and purpose“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)The Conversation
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deutschland

Wadephul: Außenpolitik neben Völkerrecht auch an Wirtschaftsinteressen ausrichten

Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) nimmt Abstand von einer rein völkerrechtlichen Ausrichtung der deutschen Außenpolitik. „Wenngleich das Völkerrecht immer den Rahmen bildet, ist es nicht der einzige Maßstab, an dem wir unsere Außenpolitik ausrichten dürfen“, sagte Wadephul der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstagausgabe).

Interessen von Wirtschaft und Bündnissen

Es gebe auch andere Aspekte wie Wirtschaftsinteressen oder Bündnissysteme, die berücksichtigt werden müssten. Außenpolitik sei bisweilen der nüchterne Blick auf das, was Deutschland und Europa nütze, erklärte der Minister.
Immer wieder wird der Bundesregierung unter anderem im Hinblick auf das Vorgehen Israels in Gaza und im Libanon vorgeworfen, bei der Anwendung völkerrechtlicher Maßstäbe im Vergleich zum Ukraine-Krieg mit zweierlei Maß zu messen. (dts/red)
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ausland

„Es ist vorbei, Keir“: Premierminister Starmer unter Druck

Der britische Premierminister Keir Starmer steht nach dem Einzug seines parteiinternen Rivalen Andy Burnham ins Parlament massiv unter Rücktrittsdruck. „Ich würde sagen, es ist vorbei, Keir“, antwortete der frühere Innenminister Alan Johnson beim Sender LBC auf die Frage, was er dem Premierminister raten würde, riefe dieser ihn an.
Beobachter erwarten jetzt weitere Entscheidungen in der britischen Regierungskrise. Sollte Starmer bei seiner Haltung bleiben, trotz allem einen Rücktritt auszuschließen, dürfte Burnham sehr bald den Prozess für eine Führungswahl bei der Regierungspartei Labour auslösen. Die Nachrichtenagentur PA schrieb, in Westminster werde spekuliert, dass es schon nächste Woche so weit sein könnte.
Britische Medien berichteten sowohl davon, dass Starmer am Freitag von Parteifreunden dazu aufgefordert worden sei, geordnet den Weg freizumachen, als auch davon, dass der Premier weiterhin Rückhalt bekomme. Starmer selbst hatte am Freitag gesagt, er habe im Sommer 2024 ein Mandat erhalten, „um Veränderungen herbeizuführen“. Die Zeitung „The Times“ berichtete unter Berufung auf eine nicht näher genannte Quelle, intern sei Starmers öffentlich klare Haltung „nuancierter“.
Die Labour-Partei steuert auf eine historische Mehrheit im Parlament zu. (Archivbild)

Palace of Westminster – britisches Parlament. (Archivbild)

Foto: Sina Schuldt/dpa

Die „harte Realität“ in der Krise

Johnson, der als Labour-Schwergewicht während seiner politischen Karriere weitere Ministerposten ausgefüllt hatte, sagte: „Er ist ein kluger Mann, er weiß, dass er für immer als der Mann in die Geschichtsbücher eingehen wird, der die Labour-Partei innerhalb von nur fünf Jahren vom zweitschlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte zum zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte geführt hat.“ Starmer sei „ein Kämpfer“. Jetzt gelte jedoch die „harte Realität“, sagte Johnson.
Burnham hatte am Donnerstag die Nachwahl im Bezirk Makerfield gewonnen. Erst jetzt, durch den gewonnenen Parlamentssitz kann er Starmer in die Wahl um den Vorsitz der Regierungspartei Labour zwingen und bei einem Erfolg als Premierminister ablösen. Als weiterer möglicher Kandidat für eine Führungswahl gilt der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting.
Die frühere Verkehrsministerin Louise Haigh, eine Unterstützerin Burnhams, sagte der Nachrichtenagentur PA zufolge: „Wir hoffen sehr, dass dies ein geordneter und kontrollierter Übergang wird, dass Keir Starmer die Ergebnisse reflektiert, und dass Andy und Keir sich in den kommenden Tagen treffen und innerhalb der nächsten Woche auf einen gemeinsamen Weg nach vorn verständigen.“
Ein Nebenschauplatz in der Krise dürfte die Wahl von Burnhams Nachfolger als Bürgermeister von Greater Manchester werden. Diese soll am 30. Juli stattfinden. Labour will das Amt insbesondere gegen die Partei Reform UK verteidigen, die in Umfragen in Großbritannien teils deutlich führt. (dpa/red)
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gesellschaft

Digitaler Euro kommt näher: So soll das neue digitale Bargeld funktionieren

Wie Bargeld, aber nicht zum Anfassen: Die Europäische Zentralbank (EZB) will digitale Euros einführen, die Verbraucher zum Bezahlen auf ihrem Handy speichern können. Dafür braucht es zuerst einen EU-weiten Rechtsrahmen, über den am Dienstag erstmals der zuständige Ausschuss im Europaparlament abstimmen soll. So soll das digitale Bargeld funktionieren:
Was ist der digitale Euro?
Ein digitales Bargeld. Das Geld liegt also nicht auf einem Bankkonto oder in einem Aktiendepot, sondern im sogenannten digitalen Geldbeutel. Dieser Geldbeutel ist in der Praxis eine App auf dem Smartphone, in der die digitalen Euros gespeichert sind. Sie sind wie Scheine und Münzen sofort verfügbar, sogar ohne Internetverbindung.
Sollen Scheine und Münzen abgeschafft werden?
Nein. Die EZB will weiter Bargeld und digitale Euros ausgeben. Verbraucher können beides parallel nutzen.
Wie bekomme ich digitale Euros?
Wer eine Banking-App nutzt, kann das Geld dort vom Konto in den digitalen Geldbeutel verschieben. Für die Bank funktioniert das genauso, als hätte der Kontoinhaber das Geld an einem Automaten abgehoben. Verbraucher können sich außerdem digitale Euros hin- und herschicken, ganz ohne Bankkonto.
Die EZB will eine Obergrenze für den digitalen Geldbeutel einführen. Sie will damit vermeiden, dass Kunden digitale Euros horten und den Banken das Geld ausgeht.
Wo kann ich damit bezahlen?
In fast allen Geschäften und im Internet. Alle Händler, die Kartenzahlungen akzeptieren, sollen auch digitale Euros annehmen. Auch bei Online-Bestellungen sollen sie standardmäßig als Zahlungsmittel möglich sein.
Bezahlen wir nicht schon häufig digital?
Ja, aber normalerweise ist ein Drittanbieter im Spiel. Bei Kredit- und Debitkarten sind das häufig die US-Anbieter Visa und Mastercard, bei Online-Zahlungen Dienstleister wie Paypal oder Klarna, die Daten der Nutzer sammeln.
Digitale Euros würden – wie Bargeld – direkt von der EZB ausgegeben. Die EU will damit unabhängiger von US-Dienstleistern werden.
Was passiert beim digitalen Euro mit meinen Daten?
Die EZB verspricht, dass beim Offline-Bezahlen keine Daten gespeichert werden. Beim Online-Bezahlen hätte die Zentralbank nach eigenen Angaben nur Zugriff auf anonymisierte Daten. Anders als private Finanzdienstleister darf die EZB keine Daten für geschäftliche Zwecke nutzen.
Banken und Ermittlungsbehörden dürften – wie heute schon – eingreifen, wenn ein Verdacht der Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung besteht. Das Europaparlament und der Rat der 27 EU-Staaten müssen die Datenschutzregeln aber noch im Detail aushandeln.
Ist der digitale Euro eine Kryptowährung?
Nein. Ein digitaler Euro wäre von der EZB abgesichert und damit immer genau einen Euro wert – anders als Kryptowährungen, die nicht zentral verwaltet werden und deren Kurs oft schwankt. Digitale Euros sind außerdem ohne Internetverbindung verfügbar.
Wann will die EZB den digitalen Euro einführen?
Das kommt darauf an, wie schnell die Verhandlungen vorankommen. Die EZB bereitet sich nach eigenen Angaben darauf vor, ab 2029 die ersten digitalen Euros ausgeben zu können. (afp/red)
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gesellschaft

Extremhochwasser droht: Warnstufe „Gefahr“ am Dörsbach ausgerufen

Warnung vor Extremhochwasser: Am Dörsbach bei Katzenelnbogen in Rheinland-Pfalz ist ein schnell und stark steigender Flusspegel gemeldet worden. Für Anliegergemeinden gilt Warnstufe „Gefahr“, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe am Abend auf seiner Internetseite mitteilte.
Die Behörde warnte davor, überflutete Räume oder Flächen zu betreten, und riet, tiefer gelegene Bereiche in Häusern zu meiden, falls bereits Wasser eingedrungen sei. In besonders exponierten Lagen sei eine Evakuierung nicht ausgeschlossen. „Durch das Hochwasser können Sie ggfs. Ihr Haus nicht mehr verlassen“, heißt es auf der Behördenseite.
„Es wird gerade intensiv geguckt, wie sich die Pegel entwickeln und welche Maßnahmen notwendig sind“, sagte ein Sprecher des Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz Rheinland-Pfalz am späten Abend. Es sei eine Koordinierungsstelle eingerichtet worden und Kräfte stünden bereit. Das Land stehe in engem Austausch mit dem betroffenen Rhein-Lahn-Kreis.

Ritterspiele abgesagt

In Katzenelnbogen wurden die Ritterspiele für den Tag abgesagt, ein Zeltlager wird nach Behördenangaben geräumt. Bewohnerinnen und Bewohner wurden zudem aufgerufen, Nachbarn und pflegebedürftige Menschen zu unterstützen und Autofahrten im betroffenen Gebiet möglichst zu vermeiden. Aktuelle Wasserstände sind unter www.hochwasser.rlp.de abrufbar. (dpa/red)
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Trotz Waffenruhe: Libanesische Medien melden fünf Tote bei neuen israelischen Angriffen

Trotz der Einigung auf eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz hat die israelische Armee nach Angaben aus Beirut neue Luftangriffe auf Ziele im Süden des Libanon geflogen. Fünf Menschen seien dabei getötet worden, meldete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA. Israel griff demnach am frühen Samstagmorgen mehr als ein Dutzend Orte im Süden des Libanon an.
In der Stadt Arab Salim seien drei Menschen getötet worden. Ein weiteres Todesopfer gab des demnach in Deir Sahrani. In der Stadt Dweir sei zudem ein Mensch bei einem Drohnenangriff auf ein Motorrad getötet worden, meldete die NNA.
Die israelische Armee und die Schiitenmiliz Hisbollah lieferten sich zuletzt wieder schwere Gefechte im Südlibanon.

Die israelische Armee und die Schiitenmiliz Hisbollah lieferten sich zuletzt wieder schwere Gefechte im Südlibanon.

Foto: Leo Correa/AP/dpa

Hisbollah erkennt Abkommen nicht an

Israel und die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz hatten sich am Vortag nach US-Angaben auf eine Waffenruhe verständigt. Die Feuerpause trat demnach am Freitagnachmittag in Kraft. Die heftigen gegenseitigen Angriffe zwischen Israel und der Hisbollah hatten das am Mittwoch unterzeichnete Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran gefährdet, das eine Waffenruhe in der gesamten Region einschließlich des Libanon vorsieht.
Der Libanon hatte am Freitag mindestens 47 Tote bei den jüngsten israelischen Angriffen gemeldet. Die israelische Armee erklärte, vier ihrer Soldaten seien bei Angriffen der Hisbollah getötet worden.
Die Hisbollah hatte den Libanon Anfang März mit Angriffen auf Israel in den Iran-Krieg hineingezogen. Israel reagierte mit Luftangriffen auf Ziele im Libanon und rückte zudem mit Bodentruppen im Süden des Landes vor. Eine zwischen beiden Ländern vereinbarte Waffenruhe erkannte die Miliz nie an. Auch die direkten Gespräche über eine langfristige Friedenslösung zwischen den beiden Nachbarländern, die sich offiziell im Kriegszustand befinden, lehnt die Hisbollah ab. (afp/red)