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Das Geheimnis, wahre Freude zu empfinden

Freude ist für uns so lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen – und genauso schwer festzuhalten.
Jeder sucht Freude und Glück. Es liegt in unserer Natur als menschliche Wesen begründet. Aber wir haben nicht immer ein klares Bild davon, was Freude bedeutet oder was sie hervorruft. Wir erkennen sie, wenn wir ihr begegnen: ein Lebensschub in unserem Inneren, ein Sonnenstrahl, der die Seele erleuchtet. Doch dieser Strahl ist oft hinter Wolken verborgen, und die Dinge, die uns Freude versprechen, lassen uns am Ende oft mit leeren Händen zurück.
Momente der Freude sind vielfältig und unvorhersehbar: eine süße Melodie, die unerwartet ins Ohr dringt, der Anblick eines Hirsches, der in der Dämmerung durch eine Wiese schreitet, der pulsierende Rausch einer rasanten Sportart, ein Freundeskreis, mit dem man Gespräche und Gelächter genießt. Wir jagen solchen Momenten hinterher. Manchmal gewinnen wir den Preis, manchmal gehen wir leer aus. Die Unvorhersehbarkeit kann wütend machen.
Es bräuchte viele Bücher, um die Freude und ihre Auslöser vollständig zu erklären. Es gibt jedoch einige wichtige Fragen über die Freude, die im Rahmen eines kurzen Essays beantwortet werden können.

Die Freude am Guten

Eine Grundüberlegung: Ist Freude etwas, das wir erlangen, oder etwas, das wir empfangen? Die Autorin Sofia Cuddeback stellt diese Frage in ihrem Artikel „Regarding Joy“ (zu Deutsch: Über die Freude), erschienen in Band 3 des philosophisch angehauchten Lifestyle-Magazins „Hearth & Field“ (zu Deutsch: Herd/Heim & Feld/Natur). Cuddeback bietet in dem Essay keine direkte Antwort auf diese Frage an, aber sie webt eine indirekte und nuancierte Antwort zusammen, indem sie die Natur der Freude analysiert.
Verbundenheit und Großzügigkeit können das Glücksgefühl zuverlässiger steigern als individualistische oder egozentrische Aktivitäten. Foto: Halfpoint/iStock

Verbundenheit und Großzügigkeit können das Glücksgefühl zuverlässiger steigern als individualistische oder egozentrische Aktivitäten.

Foto: Halfpoint/iStock

Gestützt auf die Philosophie von Thomas von Aquin argumentiert Cuddeback, dass Freude das Ruhen des Willens in einem gegenwärtigen Gut ist. Mit anderen Worten: Freude entsteht, wenn unser Herz ein gutes Ding besitzt – speziell die Art von Gut, die wir durch unseren Geist erfassen und schätzen können. (Dies unterscheidet sich von Gütern, die lediglich die Sinne ansprechen, wie etwa eine köstliche Speise.)
Cuddeback nennt einige Beispiele für Güter, die wir mit unserem Verstand oder Intellekt erfassen können: „Die Einsicht in die Schönheit der Hingabe und die Bewunderung der Tugenden eines besonderen Freundes.“ Hier sind einige weitere: das Bewusstsein für die Liebe eines anderen Menschen, die Erfahrung von etwas Schönem in der Natur, das Erfassen einer wichtigen Wahrheit, das Vollbringen eines guten Werkes oder der Genuss einer Aktivität, die unsere Vorstellungskraft und Kreativität aktiviert.
Wann immer wir eines dieser Güter erlangen, erfahren wir Freude. „Wenn wir das Objekt unseres intellektuellen Verlangens erwerben und darin ruhen“, schrieb Cuddeback, „wenn wir zulassen, achtsam darauf zu sein und darin zu sitzen – metaphorisch gesprochen – das nennt man Freude. Freude ist das, was wir erleben, wenn wir in etwas ruhen, das gut ist und das wir lieben.“

Mehr Freude durch Aufmerksamkeit

Wie Cuddeback betonte, können wir mehr Freude erfahren, indem wir unsere Aufmerksamkeit für die guten Dinge um uns herum schärfen. Hier kommt ein Geist der Dankbarkeit ins Spiel. Da wir Freude nur über Dinge empfinden, die wir bereits haben, ist es sehr schwierig, Freude zu erleben, wenn wir versäumen, die guten Dinge, die wir haben, wahrzunehmen oder dankbar dafür zu sein, während wir uns damit beschäftigen, was wir nicht haben.
Zu schnelles Übergehen von einem Gut zum nächsten kann die Freude ebenfalls sabotieren. „Wenn wir jedoch von der Sache, die wir lieben, abgelenkt werden und stattdessen zum nächsten Streben übergehen, dann ruhen wir nicht mehr in diesem Gut“, schrieb Cuddeback. Daraus würde folgen, dass ein Leben voller Freude erfordert, zu lernen, langsamer zu werden und achtsam gegenüber den Gütern zu sein, die uns umgeben.
Dankbarkeit und Achtsamkeit erschließen eine tiefere und nachhaltigere Form der Freude. Foto: AaronAmat/iStock

Dankbarkeit und Achtsamkeit erschließen eine tiefere und nachhaltigere Form der Freude.

Foto: AaronAmat/iStock

Aus all diesen Gründen rät Cuddeback dazu, Achtsamkeit und Wertschätzung für das zu üben, was wir besitzen. Sie spricht auch davon, unsere Wünsche so zu formen, dass sie sich um die Arten von Gütern zentrieren, die die höchste und dauerhafteste Freude schenken: Dinge, die wahrhaft edel, lieblich, schön, rein und so weiter sind. Schließlich sagt sie, wir sollten versuchen, uns mit solchen Dingen zu umgeben, damit wir die Freude trinken können, die aus ihnen quillt.

Die Freude an der Selbstlosigkeit

Ein weiterer Bestandteil der Freude scheint Selbstlosigkeit zu sein. Paradoxerweise scheinen Menschen mehr echte Freude und Glück aus dem Dienen als aus dem Bedientwerden zu ziehen – obwohl es ein Leben voller vergeblicher Versuche und enttäuschter Erwartungen brauchen kann, um dies zu lernen.
Joshua Becker, ein Vertreter des modernen Minimalismus, schreibt in „Things That Matter“: „Irgendwo auf dem Weg (oder vielleicht war es schon immer so) scheint es, als hätten wir Menschen das Streben nach Glück mit dem Streben nach dem Selbst verwechselt. Als Ergebnis denken wir, wir wären am glücklichsten, wenn wir uns auf uns selbst konzentrieren, unsere Ressourcen für uns selbst ausgeben und unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen – manchmal sogar auf Kosten anderer.“
Aber das ist laut Becker ein völlig falscher Ansatz. Paradoxerweise scheint die echte Freude proportional zu dem Grad zu steigen, in dem wir uns selbst vergessen und uns auf andere konzentrieren. „Der beste, direkteste Pfad zu dauerhaftem Glück und Erfüllung ist, nicht nur auf die eigenen Interessen zu schauen, sondern auch auf die Interessen anderer“, argumentiert er.

Den Pfeil ins Ziel bringen

Freude und Glück zu erlangen, ist ein bisschen wie das Schießen eines Pfeils. Wenn man direkt auf das Bullseye (Glück) zielt, wird der Pfeil sinken, bis er das Ziel erreicht, und man wird mit nichts enden. Aber wenn man auf etwas oberhalb des Glücks zielt – Sinn, Zweck, Liebe oder Opfer –, wird der Pfeil seinen Weg zur Freude finden. Becker verdeutlicht diesen Punkt, indem er den berühmten österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl zitiert. Frankl überlebte vier NS-Konzentrationslager, darunter Auschwitz. In seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ schrieb Frankl: „Denn Erfolg, wie auch Glück, kann nicht angestrebt werden; er muss sich einstellen – und das tut er nur als unbeabsichtigter Nebeneffekt der persönlichen Hingabe an eine Sache, die größer ist als man selbst, oder als Folge der Hingabe an einen anderen Menschen.“
Musik aktiviert mehrere Hirnregionen, die mit Emotionen, Erinnerungen und Belohnung in Verbindung stehen. Foto: Arianne de San Jose van Hoof/iStock

Musik aktiviert mehrere Hirnregionen, die mit Emotionen, Erinnerungen und Belohnung in Verbindung stehen.

Foto: Arianne de San Jose van Hoof/iStock

Um seinen Punkt zu beweisen, zitiert Becker zwei Studien – eine Studie der University of Pittsburgh aus dem Jahr 2017 und eine Studie der Columbia University aus dem Jahr 2018 –, die beide eine überraschende psychologische Wahrheit aufdeckten: Geben bringt tatsächlich mehr Freude als Nehmen. Teilnehmern in beiden Studien wurden Gelegenheiten geboten, entweder anderen zu helfen oder für sich selbst etwas Gutes zu tun. In beiden Studien waren die Menschen, die sich entschieden, anderen zu helfen, glücklicher und ruhiger als diejenigen, die sich entschieden, sich selbst zu begünstigen.

Woher kommt die Freude?

Also – um zu der Frage zurückzukehren, mit der wir begonnen haben – ist Freude etwas, das wir erlangen, oder etwas, das wir empfangen? Ich denke, die Antwort ist ein bisschen von beidem. Wir können Dispositionen zur Freude fördern und wir können Umstände schaffen, die es der Freude erlauben, hervorzutreten. Aber wir empfangen sie auch immer teilweise als ein geheimnisvolles Geschenk. Es ist nicht so einfach, wie bloß zu „entscheiden“, dass wir Freude haben wollen. Gleichzeitig können wir uns aber dafür entscheiden, Einstellungen zu entwickeln, die Freude erreichbarer machen. Zu diesen Einstellungen scheinen Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit und eine Wertschätzung für alles, was gut, wahr und schön ist, zu gehören.
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „Can We Achieve Joy?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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10 Sekunden, die Ihren Tag verändern können … und Ihr Leben

Im Jahr 1997 erhielt der US-amerikanische TV-Moderator und Pfarrer Fred Rogers, bekannt als Mister Rogers aus der Kindersendung „Mister Rogers’ Neighborhood“, für sein Lebenswerk einen Emmy Award. Seine Dankesrede war 153 Wörter lang. Hier ist die Rede, die Sie auch heute noch auf YouTube ansehen können:
„So viele Menschen haben mir geholfen, diesen Abend zu erleben. Einige von euch sind hier, einige sind weit weg, einige sind sogar im Himmel. Wir alle haben besondere Menschen, die uns mit Liebe ins Leben hineinbegleitet haben. Würden Sie sich einfach zusammen mit mir 10 Sekunden Zeit nehmen, um an die Menschen zu denken, die Ihnen geholfen haben, der zu werden, der Sie sind? An diejenigen, denen Sie am Herzen lagen und die das Beste für Sie im Leben wollten? 10 Sekunden Stille. Ich werde auf die Zeit achten.“
Während der damals 69-Jährige auf seine Uhr schaute, zoomte die Kamera ins Publikum. Mehrere Personen hatten Tränen in den Augen. Und Rogers fuhr fort:
„An wen auch immer Sie gerade gedacht haben – wie glücklich muss diese Person wohl sein, zu wissen, welchen Unterschied sie Ihrer Meinung nach bewirkt hat. Sie wissen, dass genau diese Art Mensch, das Fernsehen unserer Welt bieten kann. Ein besonderer Dank gilt meiner Familie, meinen Freunden und meinen Kollegen bei Public Broadcasting Family Communications sowie dieser Akademie dafür, dass sie mich all die Jahre ermutigt und mir ermöglicht haben, Ihr Nachbar zu sein. Möge Gott mit Ihnen sein. Vielen Dank.“
Obwohl er das Wort nie erwähnte, sprach Rogers natürlich über Dankbarkeit.

Dankbarkeit – eine bescheidene Kardinalstugend

Der römische Philosoph und Staatsmann Cicero sagte einst über Dankbarkeit: „Diese eine Tugend ist nicht nur die größte, sondern auch die Mutter aller anderen Tugenden.“[frei übersetzt]
Mut, Gerechtigkeit und all die anderen Tugenden werden uns als Geschenke anderer zuteil, ebenso wie das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück. Diese drei letzten sind natürliche Grundrechte, aber genau wie die Tugenden haben unsere Vorfahren sie geschützt und bewahrt und an uns weitergegeben. Ihrer Fürsorge gebührt unser Dank.
Dankbarkeit ist das Anerkennen des Guten in unserem Leben, selbst an jenen Tagen, an denen alles durcheinander zu sein scheint. Dankbarkeit ist sozusagen ein Stärkungsmittel für Herz, Seele und Verstand, das uns hilft, diese drei bei guter Gesundheit zu erhalten.
Andererseits wirkt sie auch wie ein kraftvolles Gegenmittel zu Wut oder Frustration, wenn die Dinge schiefgehen. Dankbarkeit kann uns durch einen harten Tag bringen und den nächsten Morgen mit einem Paukenschlag einleiten, wenn wir daran denken, „Danke“ zu sagen.
Wenn Dankbarkeit Mangelware ist, nur sporadisch hervorgerufen wird oder, schlimmer noch, gar nicht vorhanden ist, ist die Welt ein trostloser und viel öderer Ort.

30 Jahre blind gekämpft – und dann …

Das kann ich aus Erfahrung bestätigen. In den ersten 30 Jahren meines Erwachsenenlebens begann ich meine Tage mit einer To-do-Liste und zu schlagenden Schlachten. Sobald ich aus dem Bett war, stürzte ich mich in meine Verpflichtungen und Aufgaben. Ich betrieb zwei Unternehmen, half dabei, vier Kinder aufzuziehen und zu Hause zu unterrichten, und rannte dem Geld hinterher.
Nur selten hielt ich inne, um für meine Frau, meine wunderbaren Kinder, meine Freiheit, mein Leben in Amerika und das Leben selbst dankbar zu sein.
Der bekannte britische Schriftsteller und Journalist G. K. Chesterton hat diese weit verbreitete Einstellung einmal treffend beschrieben: „Wenn es um das Leben geht, ist das Entscheidende, ob man die Dinge als selbstverständlich betrachtet oder sie in Dankbarkeit annimmt.“
Ich betrachtete sie als selbstverständlich.
Das änderte sich schlagartig im Jahr 2004, als meine Frau an einem Gehirn-Aneurysma starb. Ihr Verlust entriss mir meine blinde Selbstgefälligkeit. Es dauerte einige Jahre, doch schließlich wurde die Dankbarkeit für die Menschen und Dinge, die ich liebe, zu einem vertrauten Begleiter.

10 alles verändernde Sekunden

Seit vielen Jahren beginne ich nun jeden Tag mit einem Kaffee und einem gesprochenen Gedanken, der nicht einmal 10 Sekunden dauert: „Danke, Herr, für einen weiteren Tag. Hilf mir, das zu tun, was ich tun soll.“
In letzter Zeit hat dieser Gedanke für mich eine noch tiefere Bedeutung bekommen. Wenn man mein Alter erreicht hat, ist das Wertschätzen eines weiteren Tages kein leeres Gebet mehr.
Diese tägliche Übung hat, glaube ich, mein Leben verändert. Natürlich bin ich manchmal immer noch entmutigt oder niedergeschlagen, aber nicht mehr so wie früher. Einmal verinnerlicht, scheint Dankbarkeit ein fester Bestandteil zu sein, ein Bollwerk gegen die tieferen Verwüstungen vergänglicher Gefühle und Enttäuschungen.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Eine Onlinestudie auf der Harvard-Publikationsplattform „Harvard Health Publishing“ untermauert diesen Einzelfallbericht. Die Forscher haben herausgefunden, dass bewusste Dankbarkeit das emotionale Wohlbefinden steigert, das Risiko für Depressionen senkt und sogar günstige kardiovaskuläre Marker liefert.
Für diejenigen, die nicht daran gewöhnt sind, Dankbarkeit zu praktizieren, und dies ändern möchten, empfiehlt der Artikel mehrere Fragen, die sie sich selbst stellen könnten. Hier sind vier davon:
  • Was ist heute Gutes passiert?
  • Was halte ich für selbstverständlich, wofür ich eigentlich dankbar sein könnte?
  • Für welche Menschen in meinem Leben bin ich dankbar?
  • Was war das Freundlichste, das jemand in letzter Zeit gesagt oder getan hat?
Zu dieser Liste können wir eine beliebige Anzahl von Gründen für Dankbarkeit hinzufügen, vom Dach über dem Kopf bis hin zur Wertschätzung des Landes, in dem wir leben. Was den letztgenannten Grund betrifft, so ist die diesjährige Feier zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der perfekte Anlass, um für die vielen Vorteile und Segnungen zu danken, die uns durch das Opfer und die harte Arbeit vergangener Generationen zuteil wurden. [Respektive auf andere Länder anzuwenden, Anm. d. Red.]

Erinnern Sie sich wieder an den Zauber im Leben

Nun zurück zu Chesterton, dem Meister des Aphorismus: „Ich würde behaupten, dass Dank die höchste Form des Denkens ist; und dass Dankbarkeit Glückseligkeit ist, verdoppelt durch Wunder.“
Probieren Sie die Methode von Mr. Rogers einmal aus. Beginnen Sie mit 10 Sekunden, in denen Sie sich an eine Person erinnern, die Ihnen geholfen hat, das zu werden, was Sie sind.
Versuchen Sie es am nächsten Tag erneut, und gehen Sie dann zu anderen Segnungen in Ihrem Leben über. Geben Sie diesem Experiment etwa einen Monat lang täglich 10 Sekunden. Wenn Sie möchten, können Sie es auch drei- oder viermal pro Tag tun – und die Chancen stehen gut, dass sich Ihre Glückseligkeit bald durch Wunder verdoppeln wird.
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „10 Seconds That May Change Your Day … and Your Life“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)