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Die wahre Suche nach dem Heiligen Gral


In Kürze:

  • Bis heute gibt es die Debatte, ob es den Heiligen Gral – jenen Kelch, aus dem Jesus während des letzten Abendmahls trank – jemals gab.
  • Zahlreiche Legenden und Geschichten lieferten bislang Einblicke rund um den bedeutungsvollen Gegenstand.
  • Bei einer in der Kathedrale von Valencia ausgestellten Reliquie soll es sich um dieses Gefäß handeln.

 
Der Heilige Gral ist seit jeher Inspiration für Legenden, Mythen und Gedichte. Nur wenige Gegenstände haben das literarische und kulturelle Bewusstsein des Westens so tiefgreifend geprägt wie er.
So ist er der Mittelpunkt von fantasievollen Romanzen wie „Perceval“ des mittelalterlichen Schreibers Chrétien de Troyes oder eines üppigen Gemäldes von Dante Rossetti. Sie alle scheinen die Grenzen zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt zu verwischen.
In unserer kollektiven Vorstellung gilt der Gral als Symbol für moralische Prüfungen und spirituelle Sehnsucht an der Grenze zwischen den Welten. Was jedoch nur wenige wissen, ist, dass die Geschichten über die Suche nach ihm nicht gänzlich fiktiv sind.
„Die Jungfrau vom Heiligen Gral“ (1874) von Dante Gabriel Rossetti (1828–1882)

„Die Jungfrau vom Heiligen Gral“ (1874) von dem britischen Maler und Dichter Dante Gabriel Rossetti (1828–1882).

Ein Ritter als Zeuge

Die ursprüngliche Vorstellung von einer Suche nach dem Heiligen Gral wird oft der blühenden Fantasie eines mittelalterlichen Autors und Sängers zugeschrieben: Chrétien de Troyes (um 1140–1190). Einigen wird er vielleicht durch seine Werke über König Artus und Ritter Lancelot bekannt sein. Doch die letzte Geschichte, die er schrieb, handelte vom Heiligen Gral.
In „Perceval“, auch „Li Contes del Graal“ genannt, geht es um den jungen Ritter Perceval, der auf der Burg des „Fischerkönigs“ verweilt. Dort wird er Zeuge einer seltsamen Prozession prächtiger Gegenstände, darunter ein aufleuchtender goldener Gral oder Kelch.
Perceval versucht, herauszufinden, für wen und wozu der geheimnisvolle Gral bestimmt ist. Eine Antwort erhält der Leser jedoch nicht, denn Troyes starb, bevor er seine Erzählung vollenden konnte.

Fiktion oder Geschichte?

Andere Schreiber versuchten, die Geschichte zu vervollständigen, wodurch die heutige Gral-Literatur entstand. Diese prägte wiederum die uns heute geläufige Artus-Sage. Der spanische Kunsthistoriker Joan Duran-Porta von der Universität Barcelona stellte fest:
„Die Suche nach dem Gral, sei er nun physisch oder symbolisch, spielt seitdem eine große Rolle in diesem lebendigen Literaturkanon über magische Abenteuer.“
Durch die verschiedenen Weiterentwicklungen der Geschichte setzten viele Menschen im Laufe der Zeit diesen geheimnisvollen Kelch mit dem Gefäß gleich, das Jesus Christus beim letzten Abendmahl benutzte.
Aber ist das schon die ganze Geschichte? Ist der Gral, wie Duran-Porta argumentiert, einfach „ein literarisches Objekt“ und damit „das Produkt der Fantasie eines Dichters“?

Der Gral hinter dem Mythos

Zugegebenermaßen sind die Erzählungen von britischen Rittern, die auf der Suche nach dem schwer fassbaren Kelch magische, nebelverhangene Moorlandschaften durchqueren, reine Erfindung.
Andererseits gibt es jedoch stichhaltige historische Belege dafür, dass eine „Suche“ nach dem Gral oder, um einen korrekteren Begriff zu verwenden, nach dem Heiligen Kelch tatsächlich stattgefunden hat. Mehr noch: Sie soll erfolgreich gewesen sein.
Nur ging es hier weniger darum, den Gral zu finden, als vielmehr darum, ihn Jahrhundert für Jahrhundert vor den Gefahren von Krieg, Tyrannen und Katastrophen zu bewahren. Dies ist die Geschichte des Heiligen Kelches von Valencia.
In einem Buntglasfenster ist der Heilige Gral dargestellt

In einem Buntglasfenster in der Kathedrale Saint-Corentin, Frankreich, ist der Heilige Gral dargestellt.

Eine religiöse Grundlage

Die Evangelien berichten davon, wie Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung und seinem Tod mit seinen Jüngern das Passahfest feierte.
„Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26, 26–28)
Der Überlieferung zufolge brachte der heilige Petrus († um 64–67) oder sein Nachfolger, der heilige Markus, den Kelch von Jerusalem nach Rom, wo er Teil der päpstlichen Liturgie wurde. Immer wieder taucht in den Gebeten und Messen dieser Zeit, die sich auf das Abendmahl beziehen, die Zeile „hoc praeclarum calicem“ („Ich nehme diesen herrlichen Kelch“) auf.
Aus anderen Zeiten und Orten ist dieser lobende Ausdruck dagegen nicht bekannt, womit er spezifisch für Rom zu sein scheint. Für viele deutet dies daher darauf hin, dass sich der Kelch Christi in Rom befand.
„Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci

„Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci.

Rettung vor den Römern

Einer Legende zufolge blieb der Heilige Kelch bis zur Zeit von Papst Sixtus II. († 258) im Besitz der frühen Päpste. Sixtus II. soll den Kelch sogar mehr als sein eigenes Leben geschätzt haben. Während der Christenverfolgung durch Kaiser Valerian schmiedete er einen Plan, damit der Kelch nicht in die Hände der Römer fiel. Einen derartigen Rettungsversuch unternahm er für sich selbst nicht und er starb später den Märtyrertod.
Sixtus vertraute die kostbare Reliquie seinem Diakon, dem heiligen Laurentius, an. Sein Auftrag: den Kelch außer Reichweite des römischen Kaisers zu bringen. Der aus Spanien stammende heilige Laurentius folgte der Anweisung und brachte den Kelch nach Huesca im Norden Spaniens.
Doch einige Jahrhunderte später geriet das heilige Relikt erneut in Gefahr. Als die Muslime 713 in Spanien einfielen, wurde der Kelch im Kloster San Juan de la Peña in den spanischen Pyrenäen versteckt. Erst 1399 übergaben die Mönche das Gefäß an König Martin I. von Aragon (1356–1410). Dieser bewahrte ihn zunächst in seinem Palast in Saragossa und später im Palast in Barcelona auf.

Replik des Heiligen Kelches von Valencia im Kloster San Juan de la Peña.

Sein zweiter Nachfolger, König Alfons der Großmütige (1396–1458), brachte den Kelch schließlich nach Valencia. Um seinen Krieg zu finanzieren, lieh sich der König Geld von der Kirche und gab den Kelch 1437 als Teil der Rückzahlung an die Kathedrale von Valencia.
Obwohl seine Reise 1437 endete, war der Kelch noch nicht außer Gefahr. Er überstand einen Sturz am Karfreitag 1744 und die Schändung der Kathedrale während des Spanischen Bürgerkriegs. Heute ruht der Kelch für alle sichtbar in dieser Kathedrale.

Der Heilige Kelch

Dieser Heilige Kelch besteht aus zwei Teilen: einem goldenen Sockel mit Henkeln und einem Becher. Der Becher selbst gilt als die Reliquie, die Jesus verwendet hat. Er besteht aus rotbraunem Achat, dessen natürliches Muster der gebänderten und mit Wirbeln versehenen Oberfläche des Jupiters ähnelt.
Eine archäologische Untersuchung aus den 1960er-Jahren ergab, dass der Kelch aus dem 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. stammt. Zudem sei er in der Nähe von Palästina und Ägypten – der einzigen Region, in der diese Art von Achat vorkommt – von Hand gefertigt worden. Er hat dieselbe Größe wie ein traditioneller jüdischer Kiddusch-Kelch (ein Segenskelch), und genau ein solcher sei beim letzten Abendmahl verwendet worden.
Der goldene Ständer ist dagegen deutlich jünger und stammt aus dem 11. Jahrhundert. Heute gehen Forscher davon aus, dass man im Mittelalter einen angemessenen Rahmen schaffen wollte, um den Kelch, den man als Reliquie betrachtete, zu präsentieren. Heute ruht er still im kühlen, schattigen Inneren einer besonderen Kapelle in der Kathedrale von Valencia und schimmert sanft in einer Kristallvitrine.

Der 17,5 Zentimeter hohe Kelch in seiner Vitrine.

Foto: Catalin Daniel Ciolca/iStock

Jahrhundert für Jahrhundert, von einem Hüter zum nächsten weitergereicht, immer wieder die Gefahren von Verfolgung und Krieg bestehend, ist der Kelch bis in unsere Tage erhalten geblieben. Für viele ist er damit eine greifbare Verbindung zur Zeit Jesu und eines der bestgehüteten Geheimnisse Valencias.
„Wenn es einen Kelch gibt, der der Überlieferung zufolge in den Händen Jesu war, dann ist der Heilige Kelch der Kathedrale von Valencia zweifellos der einzige, der alle Anforderungen erfüllt […]“, so die Kunsthistorikerin Dr. Ana Mafé.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Real Quest for the Holy Grail“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)