Categories
etplus gesellschaft ticker wissen

KI-Inhalte überschwemmen das Internet: So verändern sie schon heute unser Denken


In Kürze:

  • Soziale Medien, Fachtexte und Nachrichten haben sich durch KI-generierte Inhalte in jüngster Zeit massiv und rasant verändert.
  • Da generierte Texte auf Wahrscheinlichkeiten statt auf Verständnis beruhen, wiederholen viele Beiträge ähnliche Strukturen, ähnliche Ratschläge und ähnliche Formulierungen.
  • Die Fülle an KI-Inhalten bewirkt zweierlei: Die Ergebnisse sind schön, aber unvollständig und die Trainingsdaten werden immer schlechter.
  • In der Folge verlieren Menschen und Maschine gleichermaßen den Bezug zur Realität.
  • Können Sie unterscheiden, was echt oder generiert ist? Probieren Sie es aus, in unserem kleinen Quiz am Ende des Artikels.

 
Eine nie endende Flut von mit Künstlicher Intelligenz generierten Inhalten verändert derzeit das Internet. Nicht nur beeinflusst dies auch die Art und Weise, wie Menschen mit Informationen interagieren, sondern es passiert schneller als jemals zuvor.
Egal, ob Zusammenfassungen, Nachrichten, Beiträge in sozialen Netzwerken oder wissenschaftliche Arbeiten: Wissenschaftler bringen die schiere Menge an maschinell erstellten Materialien mit einem Anstieg der „kognitiven Auslagerung“ in Verbindung. Bei diesem Phänomen überlassen Menschen kritisches Denken und Überprüfungen automatisierten Systemen.
Eine Analyse aus dem Jahr 2024 beschäftigte sich mit dem Einfluss von KI-Tools auf genau diese geistige Auslagerung. Sie ergab eine „signifikant negative Korrelation“ zwischen der häufigen Nutzung von KI-Tools und der Fähigkeit zu kritischem Denken bei Menschen aller Altersgruppen und Bildungshintergründen. Michael Gerlich von der Swiss Business School (SBS) in London kommt darin zu dem Schluss, dass gerade jüngere Altersgruppen eine höhere Abhängigkeit von KI-Modellen aufwiesen – und zugleich niedrigere Werte beim kritischen Denken erzielten.

Menge mit Glaubwürdigkeit verwechselt

Möglicherweise noch beunruhigender ist eine neue Studie vom Mai 2026 im Auftrag der internationalen PR- und Kommunikationsagentur Pangram. Die vom Marktforschungsinstitut YouGov durchgeführte Studie zeigte, dass lediglich 55 Prozent der Generation Z (18 bis 28 Jahre) irreführendes KI-Material identifizieren konnten. In den älteren Altersgruppen war diese Zahl noch niedriger.
Das Problem liegt indes nicht im Erkennen einzelner falscher Inhalte, sondern in deren Fülle. Javi Pérez, Herausgeber von KI-gestützten Websites zur Verbraucheraufklärung,  sagte dazu gegenüber Epoch Times:
„KI-generierte Beiträge und Kommentare können die öffentliche Wahrnehmung verzerrt darstellen, insbesondere wenn Volumen mit Glaubwürdigkeit verwechselt wird.“
„Wenn ein Nutzer Dutzende ähnlicher Beiträge über ein Produkt, einen Trend, eine politische Behauptung, ein Gesundheitsthema oder ein Finanzthema sieht, geht er möglicherweise davon aus, dass breite Übereinstimmung herrscht“, so Pérez weiter.

„Selbstbewusste Gleichförmigkeit“

Pérez warnt insbesondere davor, dass KI-Inhalte das Volumen dessen erhöhen würden, was er als „selbstbewusste Gleichförmigkeit“ im Internet bezeichnet.
„Viele Artikel und Beiträge wiederholen mittlerweile ähnliche Strukturen, ähnliche Ratschläge und ähnliche Formulierungen. Bei Lesern kann dies den Eindruck erwecken, dass bei einem Thema mehr Konsens oder Gewissheit besteht, als es tatsächlich der Fall ist, denn sie sehen dieselben Ideen immer wieder wiederholt in vielen Quellen“, sagte Pérez.
„Das Risiko besteht darin, dass die Menschen nicht mehr wissen, welche Inhalte überprüft wurden.“
„In Bereichen wie Finanzen, Gesundheit, Recht, Bildung oder Nachrichten müssen Leser wissen, ob Behauptungen anhand von Primärquellen überprüft, kürzlich aktualisiert und von jemandem bearbeitet wurden, der rechenschaftspflichtig ist“, so Pérez weiter.
Die Epoch Times sprach auch mit KI-Strategieberater Armand Cucciniello III. Dieser erklärte, dass KI-generierte Inhalte nicht nur verändern, wie wir Informationen konsumieren. Er sagte auch, dass diese ändern, wie schnell wir sie verarbeiten und ihnen vertrauen.
„Wir bewegen uns weg vom bewussten Lesen hin zu einem schnellen Überfliegen von geschliffenen Zusammenfassungen, Kommentaren, Kurzvideos und KI-gestützten Inhalten, die auf Geschwindigkeit und Interaktion ausgelegt sind“, sagte er.
Als jemand, der im „U.S.-amerikanischen nationalen Sicherheitsumfeld“ gearbeitet habe, sagte Cucciniello, sei eine seiner größten Sorgen, dass KI-Systeme „unbeabsichtigt große Mengen ungenauer oder bewusst manipulierter Inhalte einfach durch Wiederholung und Skalierung verstärken können“.
Er sagte auch, er glaube, dass das große Volumen an KI-generierten Inhalten einen realen Druck auf das öffentliche Vertrauen ausübe.
„Wenn Leser in mehreren Quellen auf fast identische Formulierungen oder Interpretationen stoßen, ist es nur natürlich zu hinterfragen, ob die Informationen unabhängig berichtet oder einfach neu verpackt wurden“, sagte er.

Zwischen Herausforderung und Ermüdung

Carl Stroud, ein PR-Experte bei der Agentur Smoking Gun, sagte, er habe ebenfalls miterlebt, wie KI-Inhalte einen Tribut von der Öffentlichkeit fordern.
„Das grundlegende Bedürfnis des Publikums hat sich nicht verändert: Die Menschen wollen dem vertrauen, was sie lesen“, sagte Stroud der Epoch Times. Und weiter:
„Was sich geändert hat, ist, wie viel schwieriger dieses Urteil geworden ist.
„KI-generierte Inhalte, Zusammenfassungen und minderwertiger ‚Slop‘ (Inhaltsmüll) haben das Informationsumfeld lauter, flacher und verwirrender gemacht, sodass das Publikum jetzt versucht herauszufinden, ob es eine Originalberichterstattung liest, aufgewärmte Inhalte oder etwas, das niemals hätte veröffentlicht werden dürfen.“
Abgesehen von sozialen Medien und der akademischen Welt wurden nur wenige Branchen so hart von KI-generierter Fehlinformation getroffen wie die Nachrichten. Stroud, der zwei Jahrzehnte in britischen Medienkreisen, in Redaktionen und im Journalismus verbracht hat, sagte, er sehe, dass KI-Inhalte zu einer Ermüdung bei Lesern führen, die nach präzisen Informationen suchen.
„Ermüdung ist gefährlich, denn wenn Menschen sich überfordert fühlen, klinken sie sich entweder aus oder lassen sich leichter in die Irre führen“, sagte er.

Bezug zur Realität verloren

Ashutosh Khulbe, Gründer von RawPickAI, testet KI-Werkzeuge beruflich – etwa drei bis vier neue pro Woche.
„Was mir in meiner Ecke des Internets am meisten auffällt, ist, dass sich mittlerweile alles gleich anhört. Wirklich unheimlich gleich“, sagte er der Epoch Times. „Ich würde schätzen, dass zu diesem Zeitpunkt 70 bis 80 [Prozent] der Artikel über die ‚besten KI-Werkzeuge‘ KI-generiert sind.“
„Es entsteht diese seltsame Rückkopplungsschleife, in der KI Rezensionen auf der Grundlage dessen schreibt, was andere KIs bereits geschrieben haben, Leser davon ausgehen, dass ein Konsens besteht, und die tatsächliche Erfahrung bei der Nutzung dieser Werkzeuge begraben wird.“
Als Beispiel führt er seinen Test eines Schreibprogramms an, das Hunderte von positiven Bewertungen im Internet hatte, in der kostenlosen Version jedoch unbrauchbar war.
„Man konnte nicht einmal einen Absatz beenden, bevor man ans Limit stieß“, sagte er. „Aber viel Glück dabei, diese Information in einer Google-Suche zu finden.“
Besonders besorgt sei er jedoch darüber, wie sich die Informationsverzerrung auf die Öffentlichkeit auswirke:
„KI-Inhalte sind durchweg positiv gefärbt, weil sie mit Marketingseiten und Affiliate-Bewertungen trainiert wurden. Niemand trainiert Modelle mit ‚Ich habe das zwei Wochen lang ausprobiert, und es war beschissen‘. Das negative Signal verschwindet also einfach aus dem Internet.“
Die Auswirkungen des Booms von KI-Inhalten lassen sich mittlerweile in dem beobachten, was manche als „KI-Psychose“ oder eine Trennung von der Realität bezeichnen.
Obwohl es sich nicht um eine klinische Diagnose handelt, ist der Begriff zu einer populären Sammelbezeichnung geworden, um zu beschreiben, wenn KI eine ungewöhnliche, fixe oder sogar wahnhafte Wahrnehmung von etwas in der realen Welt verstärkt.
 

„KI-Psychose“ und unrealistische Erwartungen

Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten anfällig dafür sein, eine „KI-Psychose“ zu entwickeln, aber es ist nicht auf diese Bevölkerungsgruppe beschränkt, so Dr. Ragy Girgis, Professor für Klinische Psychiatrie an der Columbia University und dem New York State Psychiatric Institute.
„Das Phänomen der KI-Psychose ist quantitativ neu und könnte sehr gefährlich sein, aber qualitativ ist es dem sehr ähnlich, was seit Jahrzehnten, seit dem Aufkommen des Internets, passiert“, sagte Prof. Girgis im März während eines Interviews mit der National Academy of Medicine.
Während das Versinken in Online-Themen durch Link-Hopping kein neues Phänomen sei, würden KI und große Sprachmodelle dieses Problem extrem verstärken, warnt Prof. Girgis. Das enge Nachahmen menschlicher Intelligenz durch moderne KI-Modelle mache es für Menschen leichter, deren Inhalte zu verinnerlichen.
Und die Beweise zeigen sich in fast jeder Ecke des täglichen Lebens, manchmal in Form von unrealistischen Erwartungen.
„Eine der größten Veränderungen, die ich durch die Sättigung mit KI-Inhalten gesehen habe, ist das Aufkommen von ‚synthetischen Erwartungen‘, insbesondere in der Schönheitsbranche“, sagte Justin Killingsworth, Gründer von The Color Bar, gegenüber Epoch Times.
„Als jemand, der mit Salons und kundenorientierten Beautymarken arbeitet, sehe ich immer mehr Kunden, die KI-generierte Inspirationsfotos mitbringen, die nicht widerspiegeln, was bei einem echten Menschen realistisch machbar ist.“
„Stylisten müssen zunehmend nicht nur als Künstler, sondern auch als Aufklärer und emotionale Übersetzer agieren, indem sie ihren Kunden helfen, zu verstehen, was realistisch machbar ist, während sie gleichzeitig deren Selbstvertrauen und Vertrauen wahren.“

KI oder nicht KI – das ist (k)eine Frage

Letztes Jahr zeigte eine Analyse des Microsoft AI for Good Lab, dass Menschen ein KI-generiertes Bild in 62 Prozent der Fälle korrekt identifizieren konnten. Das liegt in etwa in der Größenordnung vergleichbarer Umfragen und zeigt, wie leicht wir uns überlisten lassen.
Für Cucciniello liegt die Gefahr vor allem darin, „hochgradig effizient zu werden, Informationen schnell zu konsumieren, während man weniger Zeit damit verbringt, sich mit Mehrdeutigkeiten, Nuancen oder konkurrierenden Standpunkten auseinanderzusetzen.“
Pérez stimmte dem zu.
„Langfristig besteht die Gefahr, dass die Menschen entweder zu vertrauensselig oder zu zynisch werden“, sagte er.
Er erklärte: „Einige werden alles glauben, was wie geleckt aussieht. Andere werden davon ausgehen, dass alles im Internet künstlich ist – und aufhören, auch legitimen Informationen zu vertrauen. Beide Ergebnisse schwächen das kritische Denken.“
Und wie sieht es mit Ihnen aus? Können Sie erkennen, welche Fotos echt sind und welche von KI erstellt wurden? Testen Sie Ihr Gespür. Die Auflösung nach jedem Bild gibt Gewissheit.
 
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „AI Content Is Swamping the Internet. Here’s How It’s Changing the Way We Think“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm, ts)
Categories
gesellschaft kultur ticker

Vom Jungen zum Mann: Inspiration aus Kiplings legendärem Gedicht „If“

Jungen zu Männern zu erziehen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit sind in den vergangenen Jahrzehnten stark in den Hintergrund getreten, was zu einem scheinbaren Dilemma geführt hat: entweder toxische Männlichkeit oder bloße Verweichlichung.
Natürlich entspricht keines von beiden wahrer Männlichkeit. Und Jungen in diese falschen Lösungen zu drängen, schadet sowohl ihnen selbst als auch der Gesellschaft.
Wie können wir wieder ein angemessenes Verständnis von Männlichkeit und Mannsein erlangen, das die beiden genannten Extreme vermeidet? Ein Ansatzpunkt ist die klassische Literatur.
Der britische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling lebte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hierzulande wurde er unter anderem durch sein Werk „Das Dschungelbuch“ und den Roman „Kim“ bekannt. Sein gefeiertes Gedicht „If“ („Wenn“) gibt uns eine Momentaufnahme der traditionellen Ideale des Mannseins. Es wurde teilweise durch einen Freund Kiplings, Leander Starr Jameson, und dessen erfolglosem Militäreinsatz in Südafrika inspiriert.
In seinen Memoiren schrieb Kipling: „Unter den Versen in ,Rewards‘ war eine Reihe namens ‚If‘. … Sie waren durch Jamesons Charakter inspiriert und enthielten hohe moralische Maßstäbe, die sich leichter aussprechen als verwirklichen lassen.“ (“Among the verses in Rewards was one set called ‘If.’ […] They were drawn from Jameson’s character, and contained counsels of perfection most easy to give.”)
Das Gedicht ist an einen ungenannten Jungen oder Sohn gerichtet. Es listet eine Reihe von Bedingungen auf, um ein Mann zu werden. Die grundlegende Struktur lautet: „Wenn du all diese Dinge tun kannst, wirst du ein Mann sein.“ Hier sind einige der im Gedicht enthaltenen Lektionen, die uns helfen können, authentische Männlichkeit wiederzuerlangen.

Selbstvertrauen

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
Längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
Dir treu sein kannst, wenn alle Dich verlassen,
Und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;

Hier erinnert Kipling junge Männer an die Notwendigkeit, ein stilles Vertrauen in ihre eigenen Werte, Fähigkeiten und Ideen zu bewahren. Und das selbst dann, wenn andere sie infrage stellen.
Mannsein erfordert ein Gefühl der Identität, das darin wurzelt, wofür man steht und wovon man weiß, dass man es zu leisten imstande ist. Ein maskuliner Mann hat Prinzipien und weiß, dass er in der Lage ist, ihnen gerecht zu werden. Das verleiht ihm Charakterstärke, selbst in den chaotischsten Situationen.
Selbstvertrauen ist keine Arroganz. Letztere ist oft genug nur eine Maske, die verwendet wird, um innere Unsicherheit zu verbergen. Ein Mann, der aufrichtig auf sich selbst vertraut, muss es anderen nicht ständig beweisen. Gleichzeitig weiß selbst der selbstbewusste Mann, dass er nicht alles weiß. Er besitzt die Demut, den Perspektiven anderer zuzuhören und diese zu berücksichtigen.
Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun. Foto: demaerre/iStock

Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun.

Foto: demaerre/iStock

Das Überwinden der Gefallsucht

Kannst warten du und langes Warten tragen,
Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
Kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein –

If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

Durch sein ruhiges Selbstvertrauen und seine Überzeugungen kann ein Mensch falschen Anschuldigungen oder Verdrehungen anderer standhalten. Er ist kein Sklave der Gefallsucht. Selbst wenn andere schlecht über ihn denken oder Unwahrheiten über ihn verbreiten, verliert er nicht seine Ruhe. Er weiß, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängt, was andere von ihm halten.
Deshalb kann er ungerechtfertigter Kritik oder sogar offenen Lügen mit Gelassenheit begegnen. Wie ein Mann, der durch trockene Blätter schreitet, lässt er sich von belanglosen Dingen nicht von seinem Weg abbringen.
Kipling deutet zudem an, dass der wahre Mann sich nicht zu rachsüchtigen Taktiken herablässt. Er wird beispielsweise Lüge nicht mit Lüge und Hass nicht mit Hass vergelten. Frei von der Tyrannei der Gefallsucht zu bleiben, hilft einem Mann, ihm angetanes Unrecht zu akzeptieren, ohne dem Drang nachzugeben, andere im Gegenzug ungerecht zu behandeln.

Ziele setzen und Rückschlägen ins Auge sehen

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
Nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
Weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;

If you can dream — and not make dreams your master,
If you can think — and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;

Die ersten beiden Zeilen dieser Strophe enthalten je zwei ausgewogene Hälften. Hier weist Kipling auf die Notwendigkeit des Gleichgewichts bei einem Mann von wahrem Charakter hin. Beispielsweise sollte er ehrgeizig sein und in der Lage sein, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.
Dies sollte jedoch nicht bis zu dem Punkt gehen, an dem er zulässt, dass seine Ambitionen ihn dominieren oder seine Prinzipien außer Kraft setzen. Ebenso ist ein Mann von Charakter ein Mann des Denkens, aber nicht nur des Denkens. Er muss auch ein Mann der Tat sein, dessen Gedanken und Ideale in der greifbaren Welt Früchte tragen.
Diese Strophe führt auch eine Idee ein, die sich durch den Rest des Gedichts ziehen wird. Es geht um Beharrlichkeit angesichts von Rückschlägen und Enttäuschungen. Ob er nun Erfolg oder Scheitern, Triumph oder Katastrophe gegenübersteht: Ein wahrer Mann erfüllt seine Pflicht unbeirrt.
Kipling verwendet den seltsamen Begriff „impostors“ – zu Deutsch „Schwindler“ –, um sowohl „Triumph“ als auch „Disaster“ zu beschreiben. Dies deutet darauf hin, dass ein Mann von Charakter weder durch Erfolg noch durch Scheitern definiert wird. Sie sollten nicht zu seiner gesamten Identität werden oder das ersetzen, was er im Grunde seines Wesens ist.
Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute. Foto: Miljan Živković/iStock

Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute.

Foto: Miljan Živković/iStock

Beharrlichkeit und Mut

Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
Verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
Siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
Und baust mit letzter Kraft es wieder auf –

If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;

In diesen Strophen führt Kipling den Gedanken von Erfolg, Scheitern und einer männlichen Reaktion darauf weiter. Die Haupttugend, die er hier preist, ist Beharrlichkeit. Man bleibt dabei, selbst wenn all deine Arbeit ungeschehen gemacht wird und deine größten Errungenschaften zerfallen.
Der wahre Mann macht sich erneut an die Arbeit. Und wieder. So oft er muss, mit derselben ungebrochenen Entschlossenheit. Selbst die katastrophalsten Rückschläge treiben einen Mann nicht dazu, das aufzugeben, woran er glaubt. Sie bringen ihn auch nicht dazu, seine Hand vom Pflug zu nehmen, wenn er begonnen hat, die Furche zu ziehen.

Wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
Sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
Und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
Als nur dein Wille, der „Durchhalten!“ heißt –

If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: „Hold on!“

Als eine der inspirierendsten Strophen des Gedichts konzentriert sich diese ganz auf die Notwendigkeit der Entschlossenheit. Ein wahrer Mann ist fähig, Verpflichtungen einzugehen und an ihnen festzuhalten. Denn er besitzt die Willensstärke, „durchzuhalten“, selbst wenn „Herz und Sehne“ nachgegeben haben – selbst wenn sein eigener Gefühlszustand und sein Körper gegen ihn rebellieren.
Er bleibt durch die Kraft seines Willens Herr seiner selbst. Wenn er erst einmal einem edlen Zweck verschrieben ist, gibt er unter keinem Ausmaß an Druck nach.
Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln. Foto: klingsup/iStock

Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln.

Foto: klingsup/iStock

Ein wahrer Mann besitzt einen inneren Zufluchtsort. Eine Kraftquelle, auf die er zurückgreifen kann. Er hat die Fähigkeit, sich zusammenzureißen, den Schmerz zu überwinden und die letzte Hürde zu meistern, wenn alle anderen aufgegeben haben.

Tugend und Identität

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
Und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
Läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
Schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with Kings—nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;

In dieser letzten Strophe greift Kipling einen Gedanken auf, den er bereits zu Beginn formulierte: die Treue zu sich selbst und seinen Werten. Ein wahrer Mann lässt sich nicht durch sein Umfeld von seinem Weg der Tugend abbringen. Er lässt sich weder von der Masse erniedrigen noch von selbsternannten „Königen“ zu Arroganz aufblähen. Er verachtet andere nicht, lässt sich aber auch nicht vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat.
Dies schenkt ihm wiederum eine gewisse Freiheit, sodass er seine Identität nicht daran bindet, Freunden zu gefallen oder Feinde zu bekämpfen.
Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen. Foto: PeopleImages/iStock

Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen.

Foto: PeopleImages/iStock

Kipling schließt das Gedicht mit den Worten:

Füllst jede unerbittliche Minute
Mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
Und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And—which is more—you’ll be a Man, my son! 

Ein paar abschließende Anmerkungen sind angebracht. Kipling schließt mit einem indirekten Hinweis auf die Wichtigkeit der Zeit. Der weise Mann weiß, wie man selbst in einer einzigen Minute Fortschritte in Richtung seiner Ziele erzielt. Dies ist das letzte „Wenn“ vor dem Schluss: „Dein ist die Erde dann mit allem Gute“.
Der Punkt hierbei ist, dass ein Mann von Tugend und Charakter eine Art Meisterschaft über die Welt erlangt, nicht im Sinne einer buchstäblichen Beherrschung von allem, sondern in dem Sinne, dass er in der Lage ist, Ziele zu erreichen, unabhängig von der Wankelmütigkeit der menschlichen Meinung zu bleiben und jede Herausforderung zu meistern.
Doch von noch größerem Wert als diese Meisterschaft über die Welt ist das, was der Junge werden wird, der diesen Rat befolgt: ein „Mann“. Wichtiger als all die weltlichen Errungenschaften, die aus wahrer Männlichkeit folgen, ist der Wert, der darin liegt, ein Leben in Tugend zu führen und ein Mann von Charakter zu werden.
Natürlich drückt die Bedingtheit dieses durchdringenden „Wenn“, das sich durch das ganze Gedicht zieht, die Schwierigkeit aus, das hier dargelegte Ideal zu erreichen. Doch es deutet auch darauf hin, dass dieses Ideal für diejenigen, die bereit sind, mit Integrität zu leben, nicht außer Reichweite ist.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Kipling’s Poem ‘If’ Can Teach Boys About Manhood“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)