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Verstoß gegen die Mietpreisbremse: So viel zahlen Mieter im Schnitt zu viel

Private Vermieter überhöhen ihre Mieten fast genauso stark wie gewerbliche Anbieter. Das zeigten neue Daten des Rechtsdienstleisters Conny, über die das „Handelsblatt“ berichtet.
Grundlage der Analyse war ein Datensatz mit 9.350 Fällen, in denen Conny einen Verstoß gegen die Mietpreisbremse festgestellt hatte. Die Vermieter wurden dabei in drei Gruppen unterteilt: gewerbliche und andere Vermieter mit einem Anteil von knapp 80 Prozent, private Vermieter mit einem Anteil von gut 19 Prozent sowie nicht gewinnorientierte Vermieter mit einem Anteil von einem Prozent.
Bei mehr als jedem vierten privaten Vermieter, in 26,9 Prozent der Fälle, lag die Vertragsmiete den Daten zufolge mindestens doppelt so hoch wie die Mietspiegelmiete.

Hunderte Euro zu viel Miete im Monat

Laut „Conny“ verlangten private Vermieter im Schnitt rund 338 Euro monatlich zu viel Miete, gewerbliche Vermieter rund 348 Euro. Aufs Jahr gerechnet zahlten Mieter von Privatvermietern damit im Schnitt 4.061 Euro zu viel, Mieter von gewerblichen Vermietern wie Deutsche Wohnen/Vonovia oder Heimstaden im Schnitt 4.178 Euro.
Conny-Gründer Daniel Halmer widersprach damit der These, private Vermieter verstießen nur aus Unwissenheit oder Versehen gegen die Mietpreisbremse. In mindestens 73 Prozent der Fälle mit privaten Vermietern sei laut Conny eine professionelle Hausverwaltung eingeschaltet gewesen.
„Hausverwaltungen kennen die gesetzlichen Vorgaben der Mietpreisbremse“, sagte Halmer der Zeitung. Vermieter, die gegen die Mietpreisbremse verstießen, täten das nicht aus Versehen. (dts/red)
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Verstoß gegen die Mietpreisbremse: So viel zahlen Mieter im Schnitt mehr

Private Vermieter überhöhen ihre Mieten fast genauso stark wie gewerbliche Anbieter. Das zeigten neue Daten des Rechtsdienstleisters Conny, über die das „Handelsblatt“ berichtet.
Grundlage der Analyse war ein Datensatz mit 9.350 Fällen, in denen Conny einen Verstoß gegen die Mietpreisbremse festgestellt hatte. Die Vermieter wurden dabei in drei Gruppen unterteilt: gewerbliche und andere Vermieter mit einem Anteil von knapp 80 Prozent, private Vermieter mit einem Anteil von gut 19 Prozent sowie nicht gewinnorientierte Vermieter mit einem Anteil von einem Prozent.
Bei mehr als jedem vierten privaten Vermieter, in 26,9 Prozent der Fälle, lag die Vertragsmiete den Daten zufolge mindestens doppelt so hoch wie die Mietspiegelmiete.

Hunderte Euro zu viel Miete im Monat

Laut „Conny“ verlangten private Vermieter im Schnitt rund 338 Euro monatlich zu viel Miete, gewerbliche Vermieter rund 348 Euro. Aufs Jahr gerechnet zahlten Mieter von Privatvermietern damit im Schnitt 4.061 Euro zu viel, Mieter von gewerblichen Vermietern wie Deutsche Wohnen/Vonovia oder Heimstaden im Schnitt 4.178 Euro.
Conny-Gründer Daniel Halmer widersprach damit der These, private Vermieter verstießen nur aus Unwissenheit oder Versehen gegen die Mietpreisbremse. In mindestens 73 Prozent der Fälle mit privaten Vermietern sei laut Conny eine professionelle Hausverwaltung eingeschaltet gewesen.
„Hausverwaltungen kennen die gesetzlichen Vorgaben der Mietpreisbremse“, sagte Halmer der Zeitung. Vermieter, die gegen die Mietpreisbremse verstießen, täten das nicht aus Versehen. (dts/red)
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Arbeitslosenzahl überschreitet Drei-Millionen-Marke

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Juli im Vergleich zum Vormonat um 71.000 gestiegen und hat mit 3,007 Millionen Menschen die Drei-Millionen-Marke überschritten. Die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zum Vormonat um 0,2 Punkte auf 6,4 Prozent, teilte die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg mit.
„Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nehmen vor allem aus jahreszeitlichen Gründen im Juli spürbar zu. Insgesamt setzt sich am Arbeitsmarkt die schwache Entwicklung der letzten Monate fort“, sagte Daniel Terzenbach, Mitglied im Vorstand der Bundesagentur.

Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt schwach

Auch die Nachfrage nach Arbeiskräften bleibt schwach. Im Juli waren 653.000 freie Arbeitsstellen bei der Bundesagentur gemeldet. Das sind zwar 25.000 mehr als noch vor einem Jahr, das Angebot bleibt aber insgesamt eher zurückhaltend.
1,108 Millionen Menschen haben nach einer Hochrechnung im Juli Arbeitslosengeld erhalten. Das sind 107.000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der erwerbsfähigen Bürgergeldberechtigten belief sich auf 3,775 Millionen. Das war ein Rückgang um 121.000 Menschen im Vergleich zu Juli 2025. Nicht alle Bürgergeldempfänger sind ohne Job – zum Teil stocken sie die Bezüge aus Arbeitslohn auf, um das Existenzminimum zu erreichen.

Viele junge Leute auf Lehrstellensuche

Auf dem Ausbildungsmarkt haben sich bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern 418.000 Bewerber um eine Lehrstelle gemeldet, das ist ein Plus von 4.000 gegenüber Juli 2025. 126.000 haben bis Juli mitgeteilt, dass sie mit ihrer Suche erfolgreich waren. Die BA-Statistik weist auf der anderen Seite 437.000 gemeldete Lehrstellen aus, 35.000 weniger als im Juli 2025. (dpa/red)
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Verzockte Kassen-Millionen? Verbraucherzentrale kritisiert riskante Investments der Krankenkassen


In Kürze:

  • Mindestens 17 Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen sollen in problematische Immobilienfonds investiert haben.
  • Verbraucherzentrale kritisiert den Umgang mit Beitragsgeldern und fordert vollständige Aufklärung.
  • Schadensersatzklagen laufen, doch die politische und aufsichtsrechtliche Bewertung steht noch aus.

 
Angesichts mutmaßlich verzockter Millionen an Beitragsgeldern hat der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) riskante Finanzgeschäfte der gesetzlichen Krankenkassen scharf verurteilt. „Beitragsgelder dürfen nicht zur Spekulationsmasse werden“, sagte der Leiter des Teams Gesundheit, Thomas Moormann, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.
Sollten Versicherte ab dem kommenden Jahr wegen steigender Zusatzbeiträge, höherer Zuzahlungen und zunehmender Eigenleistungen noch stärker belastet werden, sorgten Berichte über mögliche Verluste aus Beitragsmitteln bei ihnen zu Recht für Empörung, erklärte Moormann. Der finanzielle Schaden für die Mitglieder der betroffenen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen sei immens. „Ebenso gravierend ist der Vertrauensverlust in die gesetzliche Krankenversicherung“, sagte der Gesundheitsexperte.
Hintergrund dessen sind gemeinsame Recherchen von NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“. Die Medien berichten, dass mindestens 17 gesetzliche Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen Millionenbeträge in Immobilienfonds investiert haben, die später in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Die bislang bestätigte Summe der Investments beläuft sich demnach auf mindestens 170 Millionen Euro. Wie hoch der tatsächliche Schaden ist, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beziffern, da mehrere betroffene Einrichtungen keine vollständigen Angaben zu ihren Anlagen und möglichen Verlusten gemacht haben.

Millionen flossen in riskante Immobilienfonds

Demnach gehören zu den betroffenen Krankenkassen unter anderem die KKH, die Pronova BKK, die BKK Gildemeister Seidensticker, die Novitas BKK, die MKK – Meine Krankenkasse, die IKK Südwest, die AOK Bremen, die Bahn BKK, die BKK Pfalz, die Siemens BKK sowie die Viactiv Krankenkasse. Außerdem sollen mehrere Kassenärztliche Vereinigungen betroffen sein, darunter die Einrichtungen aus Baden-Württemberg, Hessen, Schleswig-Holstein, Berlin, Bremen und Westfalen-Lippe.
Den Recherchen zufolge flossen die Beitragsgelder über komplexe Finanzstrukturen in Immobilienfonds, die unter anderem in verschiedene Immobilienprojekte investierten. Dabei sollen Renditen von bis zu sieben Prozent in Aussicht gestellt worden sein. Die Fonds gerieten später jedoch in Schieflage und verloren offenbar einen erheblichen Teil ihres Wertes. Nach Angaben der recherchierenden Medien sollen einzelne Investments nahezu vollständig abgeschrieben worden sein.
Die Vorgänge werfen auch Fragen zur Einhaltung gesetzlicher Vorgaben auf. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen dürfen Beitragsgelder nicht beliebig investieren. Nach § 80 Sozialgesetzbuch IV müssen Rücklagen und Betriebsmittel so angelegt werden, dass ein möglichst geringes Verlustrisiko besteht. Es heiß, dass nun geprüft wird, ob diese Vorgaben bei den umstrittenen Anlagen eingehalten wurden.

Vertrauensverlust in die Krankenkassen wächst

Mehrere Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen haben inzwischen Schadensersatzklagen gegen beteiligte Finanzinstitute eingereicht. Dem Bericht zufolge, argumentieren die Kläger in ihren Verfahren, sie seien über die tatsächlichen Risiken der Investments getäuscht worden. Ihnen sei wiederholt vermittelt worden, dass es sich um sichere und risikoarme Anlagen handele. Die betroffenen Finanzinstitute weisen die Vorwürfe zurück und bestreiten eine Täuschung.
Gesundheitsexperte Moormann fordert eine lückenlose Aufklärung darüber, wie hoch der tatsächliche Schaden ist und an welchen Stellen das System sowie die beteiligten Verantwortlichen versagt haben. Dabei müsse auch geklärt werden, welche persönliche Verantwortung die Führungskräfte der öffentlich-rechtlichen Körperschaften tragen und warum die zuständigen Aufsichten die riskanten Investments nicht verhindert hätten.
„Das Mindeste sei es jetzt, alles dafür zu tun, wenigstens einen Teil der verlorenen Gelder zurückzuholen“, sagte Moormann. Für die Zukunft müssten klare Konsequenzen gezogen werden, damit sich ein solcher Umgang mit Beitragsgeldern nicht wiederholen könne.

Offene Fragen zu Kontrolle und Verantwortung

Auch für die Wahl der Krankenkasse könnten solche Vorgänge nach Ansicht des Verbraucherzentrale Bundesverbandes künftig eine größere Rolle spielen. Neben einer unabhängigen Qualitätstransparenz sei für Versicherte ebenso wichtig, wie sorgfältig eine Krankenkasse mit den Beitragsgeldern umgehe. „Die Versicherten sollten ihre Krankenkassenwahl auch davon abhängig machen können, wie nachhaltig, sozial und ökologisch verträglich die Investitionen der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen sind“, so Moormann.
Die Aufarbeitung des Falls steht noch am Anfang. Zwar haben mehrere betroffene Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen ihre Investments bestätigt und rechtliche Schritte eingeleitet. Eine abschließende Bewertung durch die zuständigen Aufsichtsbehörden oder eine politische Konsequenz liegt bislang jedoch nicht vor. Offen bleibt damit, ob die Anlagen tatsächlich gegen die gesetzlichen Vorgaben verstießen und wer letztlich für die Verluste der Beitragsgelder verantwortlich gemacht werden kann. (afp/dts/dpa/red)
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Ganztagsbetreuung für Erstklässler ab Samstag Pflicht

Nach jahrelanger Vorbereitung tritt am Samstag der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Kinder der ersten Grundschulklasse in Kraft. Das Bundesfamilienministerium wies aus diesem Anlass am Donnerstag, den 30. Juli, darauf hin, dass der Anspruch in den Folgejahren schrittweise auf die Klassenstufen zwei bis vier ausgeweitet werden soll.
Ab dem Schuljahr 2029/30 gilt er dann für alle Kinder der Klassenstufen eins bis vier. Gewerkschaften äußerten aber Zweifel, ob die Schulen darauf ausreichend vorbereitet sind.

Ministerin Prien spricht von „Meilenstein“

Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hingegen sprach von einem „Meilenstein“. Die Ganztagsbetreuung sei „ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit und ermöglicht es, Kinder unabhängig vom Hintergrund ihrer Eltern zum Bildungserfolg zu führen“, erklärte sie.

Stufenweise Einführung seit 2021

Das Ganztagsförderungsgesetz wurde bereits im Jahr 2021 verabschiedet. Der Rechtsanspruch wird verzögert und stufenweise eingeführt, weil an vielen Schulen zunächst Kapazitäten für die Betreuung geschaffen werden mussten.
Jetzt schon sind nach Angaben des Familienministeriums 74 Prozent der Grundschulen Ganztagsschulen.
Rund 1,9 Millionen Kinder im Grundschulalter würden ganztägig entweder in einer Ganztagsschule oder einem Hort betreut. Die Inanspruchnahme liege damit bei 57 Prozent.

Gewerkschaften kritisieren fehlende Plätze und Qualität

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wies darauf hin, dass zur Erfüllung des Rechtsanspruchs nach wie vor viele Betreuungsplätze fehlten. „Um allein den aktuellen Bedarf decken zu können, werden zum Start im August noch rund 166.000 zusätzliche Plätze benötigt“, erklärte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack.
„Laut nationalem Bildungsbericht können nur sieben Prozent der Kommunen den Rechtsanspruch bereits vollständig erfüllen.“
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßte das Inkrafttreten des Rechtsanspruchs, wies aber auf fehlende einheitliche Qualitätsstandards hin.
„Ein Rechtsanspruch allein ist noch kein Qualitätsversprechen“, erklärte Doreen Siebernik, stellvertretende Vorsitzende der GEW. „Kinder dürfen im Ganztag nicht lediglich untergebracht und Beschäftigte nicht dauerhaft überlastet werden.“
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warf den Bundesländern eine unzureichende Vorbereitung vor. „Leider haben sich die Bundesländer viel zu spät darum gekümmert, in den Kommunen die Voraussetzungen für eine qualitativ gute Umsetzung zu schaffen“, erklärte Verdi-Vizechefin Christine Behle. So fehlten an vielen Orten immer noch geeignete Räumlichkeiten, qualifiziertes Personal und eine verlässliche Finanzierung.

Bund stellt Milliarden bereit

Ministerin Prien hob hingegen die finanzielle Unterstützung durch den Bund hervor. Der Rechtsanspruch sei „eine Investition in jedes einzelne Kind und in die Zukunft unseres Landes“, erklärte die CDU-Politikerin.
Die Bundesregierung stellt nach Angaben von Priens Ministerium bis 2029 insgesamt Finanzhilfen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro für Investitionen in den Ausbau der kommunalen Bildungsinfrastruktur bereit. Gefördert würden unter anderem Neubauten, Umbauten, Erweiterungen, energetische Sanierungen sowie die Ausstattung von Ganztagseinrichtungen.
Darüber hinaus beteilige sich der Bund dauerhaft an den zusätzlichen Betriebskosten der Länder, die durch den Rechtsanspruch entstehen. Der Bundesanteil steige ab 2026 schrittweise von jährlich 135 Millionen Euro auf bis zu 1,3 Milliarden Euro pro Jahr ab 2030. (afp/red)
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Die Letzten ihrer Art? Bauern zwischen Krisen und Beständigkeit

Der Mähdrescher ist 4 Meter hoch und mit montiertem Schneidwerk 12 Meter breit. Julius Nettelbeck sitzt hoch oben in der Fahrerkabine und blickt über ein Feld mit Wintergerste. Die Ernte fällt in diesem Jahr besonders gut aus. Rechts neben ihm leuchtet ein Bildschirm, auf dem er die Arbeit der Maschine überwacht.

Nettelbeck setzt den Mähdrescher in Bewegung. In der Kabine ist nur ein gleichmäßiges Brummen zu hören. Draußen arbeitet sich die Maschine mit beträchtlichem Lärm durch die dicht gewachsene Gerste. Die Halme verschwinden im Schneidwerk. Im Inneren des Mähdreschers werden die Körner vom Rest der Pflanze getrennt.

Wenig später nähert sich ein Transportwagen und fährt neben dem Mähdrescher her. Nettelbeck klappt das lange Abtankrohr aus. Ein Strom von Gerstenkörnern ergießt sich in den Anhänger. Beide Fahrzeuge fahren dabei Meter für Meter über das Feld.

Plötzlich hält Nettelbeck an. Er setzt den Mähdrescher ein Stück zurück und greift zum Funkgerät. Im dichten Getreide hat er ein Reh entdeckt. Er bittet seinen Mitarbeiter, das Tier aus dem Feld zu scheuchen.

Doch noch während die beiden miteinander sprechen, springt das Reh auf und läuft davon.

Das komme immer wieder vor, erzählt Nettelbeck. „Manchmal sind es auch Hasen.“ Bei der Ernte müsse man auf die Tiere achten.

Neben Rehen und Hasen halten sich auch häufig Störche auf den Getreidefeldern auf.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Drei Menschen für 900 Hektar

Seit rund fünf Jahren führt der 30-Jährige den Familienbetrieb gemeinsam mit seinem Vater Joachim. Unterstützt werden sie von einer weiteren Vollzeitkraft. Während der Ernte kommen gelegentlich Saisonarbeitskräfte hinzu.

Gemeinsam bewirtschaften sie rund 900 Hektar Ackerland in Brandenburg. Neben Gerste bauen sie Roggen, Weizen, Raps und seit Kurzem auch Sonnenblumen an.

Die Arbeit ist deshalb bis ins Detail organisiert. „Pro Stunde schaffen wir etwa 50.000 Kilogramm Gerste“, sagt Nettelbeck, während er den Mähdrescher wieder in Bewegung setzt.

Innerhalb von fünf oder sechs Tagen müsse die gesamte Gerste geerntet sein. „Danach wird das Feld neu bearbeitet und es kommt Winterroggen rein.“

Das trockene Wetter spielt ihm in diesen Tagen in die Karten – bei der Ernte ebenso wie bei der anschließenden Lagerung. Wenn Nettelbeck von der diesjährigen Gerste spricht, klingt er erleichtert und ein wenig stolz.

Mit sichtbarem Stolz sitzt Julius Nettelbeck in der Fahrerkabine seines 4 Meter hohen Mähdreschers.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

„Mit 25 Hektar kann keiner mehr leben“

Wo heute Julius Nettelbeck seine Wintergerste erntet, prägen Getreidefelder das Landschaftsbild. Brandenburg zählt zu den wichtigsten Ackerbauregionen Deutschlands.

Seit 1871 bewirtschaftet die Familie Nettelbeck ihren Hof. Lange Zeit umfasste der Betrieb rund 20 Hektar Land.

„Im alten Kuhstall hatten wir zehn Kühe und im Pferdestall drei Pferde. Da war auch ein Schweinestall. Dann hatten wir noch Hühner, Enten und Gänse“, erzählt Vater Joachim. Zur Zeit seines Großvaters wurde noch mit Pferden geackert.

Während er spricht, zeigt er auf den renovierten Hof. Der frühere Kuhstall ist noch heute deutlich zu erkennen.

Während der DDR-Zeit arbeitete die Familie zunächst als Halbselbstständige. „Ab 1970 waren wir dann alle in der LPG.“

Während der Ernte ergießt sich ein goldener Strom aus Gerstenkörnern aus dem Mähdrescher in den Anhänger.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Erst nach der Wiedervereinigung bekamen sie ihr Land zurück. „Mein Vater war Rentner und ich hatte dann die Regie“, erinnert sich Joachim Nettelbeck.

„Wir haben Glück gehabt. Vom Nachbarn konnten wir Flächen dazupachten. Lange Zeit hatten wir dann 200 Hektar. Und dann hat sich der Betrieb über die Jahre immer weiterentwickelt.“

Im Dorf selbst sind inzwischen nur noch wenige Bauern übrig geblieben. „Wir sind 50 Häuser. Früher waren hier vielleicht 25 Bauern. Die haben alle von der Landwirtschaft gelebt, mit 25 bis 40 Hektar, manche auch nur mit 7. Heute sind wir nur noch drei.“

Den Grund nennt Joachim Nettelbeck ganz nüchtern: „Na ja, mit 25 Hektar kann keiner mehr leben.“

Einst gab es im Dorf 25 Bauern, heute nur noch drei.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

65 Helfer zur Erdbeerzeit

Zur gleichen Zeit wird rund 600 Kilometer westlich von Brandenburg ebenfalls geerntet, allerdings keine Gerste, sondern vor allem Erdbeeren. Nordrhein-Westfalen ist nach Niedersachsen das zweitgrößte Erdbeeranbaugebiet Deutschlands.

Auf dem Benrader Obsthof in Krefeld arbeiten in diesen Wochen rund 65 Menschen.

Während die saisonalen Arbeitskräfte Erdbeeren und Himbeeren ernten, rodet eine weitere Gruppe bereits abgeerntete Erdbeerfelder und bereitet sie für die nächste Saison vor. Andere lichten Äpfel aus oder pflücken Johannisbeeren.

Mit dem Traktor ist Norbert Boekels gerade vom Erdbeerfeld zurückgekehrt. Der Obstbaumeister baut auf seinem Hof unter anderem 20 Apfelsorten, zehn Birnensorten, vier Erdbeersorten und zwei Himbeersorten an.

Vor rund 50 Jahren hat er den elterlichen Betrieb übernommen. Nun bereitet er die Übergabe an seinen Sohn vor.

Gerade ist der Obstbauer mit dem Traktor vom Erdbeerfeld zum Hofladen zurückgekehrt.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

„Meine Eltern haben etwa 1950 hier in der Nähe angefangen. Damals gab es nur eine kleine Fläche an einem alten Bauernhaus und einen Obstgarten, wie ihn damals fast jeder Bauernhof hatte – mit hohen Bäumen, unter denen die Kühe liefen“, erzählt Boekels und schmunzelt.

Später übernahm die Familie Flächen von anderen Obstbauern in der Umgebung und baute den Betrieb Schritt für Schritt aus. Angefangen habe alles mit viereinhalb Hektar.

Heute bewirtschaftet der Hof etwas mehr als 30 Hektar, überwiegend Pachtflächen. „Wenn ein anderer Betrieb aufhört, dann pachtet man die Fläche mit an.“

Die Direktvermarktung bewahrte den Betrieb vor den Folgen der Preiskrisen.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

„Eigentlich ist das gar nicht groß“, sagt Boekels. „Aber wir sind in Krefeld ziemlich der einzige Obstbaubetrieb.“

Viele Obstbaubetriebe gerieten wirtschaftlich unter Druck, wenn sie ihre Produkte ausschließlich über den Handel vermarkteten. „Da sind ganz viele schon ganz schlecht dran.“

Der Hofladen wurde überlebenswichtig

Im Handel müsse man sich nämlich mit Konkurrenten messen, gegen die ein einzelner Familienbetrieb kaum ankomme. Bei Himbeeren zum Beispiel belieferten weltweit agierende Unternehmen große Handelsketten mit Ware aus Marokko, Portugal oder Spanien, „und natürlich zu billigsten Konditionen“.

„Im Grunde gibt es nur fünf große Abnehmer in Deutschland“, sagt Boekels. Sie bestimmten den Markt und damit auch den Preis.

Besonders deutlich werde das jedes Frühjahr bei den Erdbeeren. Obwohl die heimische Ernte beginne, blieben günstige spanische Erdbeeren weiter im Regal. „Dann wird unser Preis gedrückt.“

Heute werden Äpfel, Birnen und ein Großteil der übrigen Früchte gezielt für die eigenen Hofläden und Verkaufsstände angebaut.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Deshalb hat der Obstbauer sein Geschäftsmodell verändert. Früher produzierte der Betrieb große Mengen für den Großhandel. Heute werden Äpfel, Birnen und ein Großteil der übrigen Früchte gezielt für die eigenen Hofläden und Verkaufsstände angebaut. Der Handel dient nur dazu, Überschüsse abzusetzen.

Umso froher ist Boekels, dass seine Familie schon früh auf Direktvermarktung gesetzt hat. Bereits seine Eltern verkauften Obst aus eigener Ernte auf einem einfachen Tisch vor dem Wohnhaus.

Als er und seine Frau übernahmen, legten sie ein neues Betriebsgebäude mit einem rund 120 Quadratmeter großen Hofladen an. Dort werden neben Obst aus eigenem Anbau auch Produkte regionaler Landwirte und Erzeuger angeboten.

Hinzu kommen unter dem Namen Benrader Obsthof ein weiterer Hofladen in Krefeld sowie acht saisonale Verkaufsstände in Krefeld und Duisburg.

Für ihn ist dies der entscheidende Grund dafür, dass der Betrieb in der Preiskrise überlebt hat.

„Tiefer können die Preise kaum noch fallen“

Zurück nach Brandenburg. Bei der Preisfrage schaut sich Joachim Nettelbeck regelmäßig die Notierungen an der Pariser Warenterminbörse Matif an. Dort wird der Preis gemacht, an dem sich auch ihr Getreide orientiert.

Gerade weil die diesjährige Ernte gut ausfällt, stellen sich die Fragen: „Verkaufen wir jetzt oder lagern wir lieber? Steigt der Preis noch oder fällt er wieder? Man kann das nicht wissen. Das sind immer schwierige Entscheidungen“, sagt der Getreidebauer.

„Deutschland ist viel zu klein“, sagt er. Selbst wenn hierzulande eine Missernte eingefahren werde, blieben die Preise niedrig, solange weltweit genügend Getreide vorhanden sei. Derzeit seien die Lager gut gefüllt, die Ernteaussichten weltweit positiv. „Tiefer können die Preise kaum noch fallen.“

Ein neuer Mähdrescher würde rund 700.000 Euro kosten. Auch wenn die Nettelbecks ihn gebraucht gekauft haben, war die Anschaffung eine große Investition.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Für den Familienbetrieb sind die Erlöse doch gerade wichtig. „Wir haben jetzt die letzten drei Jahre in drei große neue Maschinen investiert. Die letzten beiden Ernten waren nicht so berauschend. Da haben wir im Moment ganz schön mit der Liquidität zu kämpfen.“

Auflagen, die praxisfern sind

„Wir sind in Deutschland nicht mehr in allen Bereichen Selbstversorger. Das liegt aber nicht an den aktuellen Krisen, sondern an der Politik“, sagt Joachim Nettelbeck.

Die Landwirtschaft habe in Europa und besonders in Deutschland sehr hohe Auflagen, die viel Geld kosteten. Gleichzeitig würden Produkte aus Drittstaaten importiert, die nicht denselben Standards entsprächen.

Für Unkräuter und Schädlinge gebe es kaum noch wirksame Mittel, sagt der Landwirt. Viele Wirkstoffe seien in den vergangenen Jahren verboten worden.

Weil nur noch wenige zugelassen seien, müssten immer dieselben eingesetzt werden. „Und irgendwann bilden sich Resistenzen. Dann sind auch die Mittel wirkungslos, die uns noch geblieben sind.“

„Jeder Landwirt weiß eigentlich selbst am besten, was auf seinem Boden sinnvoll ist“, sagt Vater Joachim Nettelbeck (r.).

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Die Nettelbecks bauen inzwischen auch Leguminosen wie Erbsen, Lupinen oder Winterwicken an. Eine vielfältige Fruchtfolge sei ausdrücklich gewünscht. Gleichzeitig werde der Anbau aber immer schwieriger.

Als Beispiel nennt er den Erbsenanbau. Die Kultur sei für eine vielfältige Fruchtfolge sinnvoll. Doch inzwischen fehlten zugelassene Mittel, um die Bestände vor der Ernte gleichmäßig abreifen zu lassen.

„Dann muss man genau den richtigen Zeitpunkt erwischen.“ Schlage das Wetter jedoch um, könne die Ernte auf dem Acker verderben.

Auch viele Vorgaben aus Brüssel sieht Nettelbeck kritisch. Brandenburg habe sehr unterschiedliche Böden und Witterungsbedingungen. Trotzdem würden viele Regeln europaweit einheitlich festgelegt. Nettelbeck sagt:

„Jeder Landwirt weiß eigentlich selbst am besten, was auf seinem Boden sinnvoll ist.“

Mit wachsender Bürokratie kämpft auch Obstbauer Norbert Boekels. „Ich bin da reingewachsen und habe den Beruf immer gern gemacht“, sagt er.

„Was mich heute unwahrscheinlich stört, ist der Bürokratieaufwand. Der ist manchmal so groß, dass ich zu meiner eigentlichen Arbeit gar nicht mehr komme.“

Im Hofladen werden neben Obst aus eigenem Anbau auch Produkte regionaler Landwirte und Erzeuger verkauft.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

60 Prozent der Produktionskosten für Erdbeeren sind Lohnkosten

Noch größere Sorgen bereitet Boekels die saisonale Erntearbeit. „Das größte Problem sind die Lohnfragen“, sagt der Obstbauer.

Früher hätten die Erntehelfer im Akkord gearbeitet. Wer schnell gewesen sei, habe deutlich mehr verdient als jemand, der langsamer gearbeitet habe. Dieses Leistungsprinzip sei mit der Einführung des Mindestlohns ausgehebelt worden.

Seitdem lohne sich höhere Leistung weniger, sagt Boekels. „Wir sind mindestens 20 Prozent langsamer geworden.“

Um konkurrenzfähig zu bleiben, bleibe oft nur, langsame Arbeitskräfte wieder nach Hause zu schicken. „Das ist nicht gut, aber anders können wir uns nicht wehren.“

Inzwischen stellt Norbert Boekels einen Teil seines Erdbeeranbaus vom Freiland auf Tischkultur um.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Dabei machten die Lohnkosten rund 60 Prozent der Produktionskosten seiner Erdbeeren aus.

Inzwischen stellt der Obstbauer einen Teil seines Erdbeeranbaus vom Freiland auf Tischkultur um. Die Pflanzen wachsen auf Gestellen statt im Boden. Das erleichtert die Ernte und senkt die Arbeitskosten.

Die aktuelle Diskussion über Minijobs betreffe seinen Betrieb kaum:

„Bei der Ernte haben wir keine Minijobs. Die sind für uns einfach zu teuer.“

Geopolitische Krisen beeinflussen die Planung

Auch die geopolitischen Krisen spüren beide Landwirte beim Einkauf von Düngemitteln. „Die Kosten steigen überall“, sagt Norbert Boekels. Im Obstbau falle der Bedarf zwar geringer aus als im Ackerbau, dennoch schlügen die höheren Preise zu Buche.

Für Getreidebauer Joachim Nettelbeck reichen die bereits im vergangenen Jahr eingekauften Düngemittel noch für den aktuellen Bedarf.

Früher habe der Betrieb Dünger häufig günstig nachgekauft und eingelagert. In diesem Jahr sei die Planung für die nächste Ernte jedoch deutlich schwieriger geworden. Niemand wisse, wie sich die Preise entwickeln würden. Sie hingen von geopolitischen Krisen ab – von Russland und Belarus bis hin zur Straße von Hormus.

Ob Diesel oder Düngemittel, die Preise hängen zunehmend von der geopolitischen Lage ab.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Inzwischen überlegen Vater und Sohn, bei weiter steigenden Düngemittelpreisen auf die Düngung schlechter Böden zu verzichten und nur noch 60 oder 70 Prozent ihrer Flächen zu düngen.

„Bei so vielen Hektar, so wenigen Leuten, wie effektiv wir sind – und trotzdem bleibt kaum etwas übrig“, sagt der Getreidebauer. „Das ist schwierig.“

Bauern als Klimasünder?

Was Joachim Nettelbeck besonders ärgert, ist das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit. „Wenn man die Medien verfolgt, könnte man denken, die Bauern sind die Schlimmsten und machen das Klima kaputt“, sagt der Getreidebauer.

Als Beispiel nennt er die Diskussion über Kühe, die weniger Methan ausstoßen sollen. „Das ist für mich der größte Schwachsinn.“

Viele Vorwürfe beruhten aus seiner Sicht auf mangelndem Wissen. Moderne Landmaschinen belasteten den Boden nicht zwangsläufig stärker.

Auch die Kritik an der Nitratbelastung hält Nettelbeck für überzogen. Die Messstellen seien aus seiner Sicht nicht repräsentativ. „Der Landwirtschaft wird vieles angelastet“, sagt er. „Dabei müsste man die Zusammenhänge viel genauer erklären.“

Der Stolz auf das Bauersein

Für Joachim Nettelbeck ist das Bauersein bis heute etwas, auf das man stolz sein kann. „Ich sage immer nicht: Ich bin Landwirt, sondern: Ich bin Bauer. Und darauf bin ich stolz.“

Mit dem Bild vom kleinen Bauernhof seiner Kindheit habe der Beruf allerdings wenig zu tun.

„Wir sind heute hoch technisiert und hoch industrialisiert. Das ist keine Streichelzoolandwirtschaft.“

Was sich für ihn nicht verändert hat, ist der Blick auf die nächste Generation. „Es wird viel von Nachhaltigkeit gesprochen. Für mich ist Nachhaltigkeit Beständigkeit“, sagt Nettelbeck.

„Man weiß, die nächste Generation will von diesem Ackerland auch noch leben. Deshalb muss man die Bodenfruchtbarkeit erhalten. Das ist für mich nachhaltiges Wirtschaften – nicht das, was die Politik darunter versteht.“

„Das Bauersein ist wirklich etwas, auf das man stolz sein kann“, bekräftigt Nettelbeck. Hinter ihm ist der frühere Kuhstall noch deutlich zu erkennen.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Über Jahre habe der Betrieb den Boden nicht nur erhalten, sondern verbessert. In den 1980er-Jahren seien im Durchschnitt 45 Doppelzentner Getreide pro Hektar geerntet worden. Heute seien es 60 bis 65, obwohl nicht mehr Stickstoff eingesetzt werde.

„Wir sind viel effektiver und gleichzeitig bodenschonender geworden“, bekräftigt der Getreidebauer. Dafür solle die Politik sie mit ihren Auflagen in Ruhe lassen. „Wir sind die ausgebildeten Fachkräfte und wissen am besten, was wir auf unserem Boden machen.“

Und er ist sich sicher, dass sein Großvater stolz wäre, „wenn er sehen würde, wie seine Enkel und Urenkel die Tradition weiterführen“.

„Nachhaltigkeit, die wirklich in der Familie weitergeht, ist die Beständigkeit“

Genau diese Familientradition wird in beiden Familienbetrieben fortgeführt. Denn beide Höfe haben etwas, das heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, nämlich eine Nachfolge.

Auf dem Obsthof am Niederrhein steht der Generationenwechsel bereits bevor. Norbert Boekels zieht sich Schritt für Schritt zurück; sein Sohn übernimmt den Betrieb.

„Ich habe ihm nie gesagt: Du musst das machen“, erzählt Boekels. „Er ist von selbst darauf gekommen. Er hat Spaß daran.“

Nach Jahrzehnten auf dem Hof will sich der Senior künftig etwas mehr Freiraum gönnen. Ganz loslassen werde er wohl trotzdem nicht. „Mein Beruf war immer mein Hobby.“

Beide Höfe haben etwas, das heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist: eine Nachfolge.

Foto: Lynn Wu/Epoch Times

Auch bei den Nettelbecks stand früh fest, wer den Hof einmal weiterführen würde. Julius habe nie einen anderen Beruf im Kopf gehabt, erzählt sein Vater Joachim.

„Wenn er aus der Schule kam, ist er mit dem Fahrrad direkt aufs Feld gefahren. Es war immer sein Traum, Bauer zu sein.“

Heute arbeiten Vater und Sohn Seite an Seite. Vieles entscheiden sie gemeinsam, manches macht Julius inzwischen anders als sein Vater. „Und das ist gut so“, sagt Joachim.

Neue Sorten, andere Strategien bei Düngung und Pflanzenschutz – vieles probiert die jüngere Generation aus. „Ich mache den Plan noch auf Papier“, sagt Joachim und lacht. „Mein Sohn macht das inzwischen mit dem Computer.“

Die Arbeit bleibt jedoch hart. Während der Ernte beginnt der Tag für Julius Nettelbeck morgens um 6 Uhr mit dem Reinigen des Mähdreschers.

Danach geht es aufs Feld. Ist das Getreide eingefahren, folgt schon die Vorbereitung der nächsten Aussaat. Erst wenn im Herbst die Felder bestellt sind, kehrt etwas Ruhe ein.

Draußen zieht der Mähdrescher weiter seine Bahnen durch das Gerstenfeld. Julius Nettelbeck blickt auf den Monitor in der Kabine, prüft Ertrag und Feuchtigkeit, wendet die Maschine am Feldrand und fährt die nächste Spur.

Die Ernte dieses Jahres ist noch nicht eingefahren. Und doch arbeitet er längst an der nächsten.

„Das Wichtigste ist, dass es uns gelungen ist, die Familientradition weiterzuführen“, sagt Joachim Nettelbeck. „Nachhaltigkeit, die wirklich in der Familie weitergeht, ist die Beständigkeit.“

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Mehr als 40 Prozent weniger Schleuserkriminalität

Die in Deutschland entdeckte Schleuserkriminalität ist 2025 stark zurückgegangen – ebenso wie die unerlaubte Migration insgesamt. Dies zeigt ein neues Lagebild des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei. Demnach wurden insgesamt 4.622 Schleusungen registriert, 41,9 Prozent weniger als im Jahr davor.
Darunter sind 147 besonders schwere Fälle und solche, bei denen Menschen zu Tode kamen – ein Minus von 57,6 Prozent. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) wertet den Trend als Erfolg konsequenten Handelns.
Es geht um kriminelle Geschäfte, bei denen Menschen ohne gültiges Visum oder Aufenthaltsrecht illegal ins Land gebracht werden. Das BKA zählt nach Angaben eines Sprechers jede geschleuste Person als eigenen Fall – entdeckt wurden also insgesamt 4.622 Menschen.
Davon wurden 4.190 von der Bundespolizei an den Außengrenzen erfasst, die übrigen von anderen Behörden. Die häufigsten Nationalitäten bei den von der Bundespolizei registrierten Fällen waren Afghanen, Syrer, Türken, Somalier und Ukrainer.
Brennpunkte blieben die östlichen Grenzen zu Polen und Österreich, allerdings mit starkem Abwärtstrend. Ein Teil verlagerte sich an die Westgrenzen. Die entdeckten mutmaßlichen Schleuser waren überwiegend junge Männer. Insgesamt wurden 3.088 Tatverdächtige registriert, ein Minus von 23,1 Prozent. Am stärksten vertreten waren Syrer, Deutsche und Türken.

Weniger Migration nach Deutschland und Europa

Der Rückgang der Schleusungen geht damit einher, dass insgesamt viel weniger Menschen unerlaubt einreisen als in den Jahren zuvor. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2025 insgesamt 187.220 Fälle von unerlaubter Einreise oder unerlaubtem Aufenthalt aus, 30 Prozent weniger als im Jahr davor (267.497 Fälle). Hauptherkunftsstaaten waren 2025 die Türkei, Syrien und Afghanistan.
„Weniger illegale Einreisen, mehr Kontrolle an den Grenzen, entschlossenes Vorgehen gegen Schleusernetzwerke – mit den Maßnahmen der Migrationswende setzen wir den Kurs für mehr Struktur, Sicherheit und Stabilität kontinuierlich fort“, erklärte Innenminister Dobrindt.
Aber auch nach Europa kamen 2025 dem Lagebild zufolge etwa ein Viertel weniger Menschen unerlaubt. Registriert wurden insgesamt 180.139 unerlaubte Übertritte an den europäischen Außengrenzen. Besonders stark ging die Migration über den Atlantik und das westliche Mittelmeer (minus 42 Prozent) sowie über die Balkanregion (minus 41,8 Prozent) zurück. Deutschland bleibe  in Europa einer der Hauptzielstaaten, hält das Lagebild fest.

Mehr Kontrollen, weniger Fälle

„Mit der vorübergehenden Wiedereinführung der Binnengrenzkontrollen ging eine erhöhte Kontrollintensität einher“, heißt es im Fazit von BKA und Bundespolizei. „Gleichwohl wurden deutlich weniger unerlaubt einreisende beziehungsweise geschleuste Personen registriert als im Vorjahr. Diese Entwicklung spiegelt die Lage an den Außengrenzen wider.“ (dpa/red)
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Die abweichende Meinung ist das neue Gold

Es gibt in diesem Land einen Satz, den täglich Tausende beginnen und den kaum jemand zu Ende bringt. Er lautet: „Ich weiß ja nicht, ob man das heute noch sagen darf.“
Und dann geschieht etwas, das man einmal in Ruhe beobachtet haben muss: Der Sprecher sieht sich um. Nicht panisch, eher beiläufig, so wie man prüft, ob man den Schirm dabei hat. Er taxiert den Tisch, die Gesichter, die Runde. Was er dabei wahrnimmt, ist kein Risiko für Leib und Leben. Es ist etwas Feineres: der Preis für Sympathie. Was kostet mich dieser Satz an Wärme, an Zugehörigkeit, an der stillen Versicherung, noch dazuzugehören? Er wird ihn nicht sagen, wenn dieser Preis zu hoch erscheint. Oder er sagt ihn halb, in jener weichgespülten Fassung, die niemanden verletzt, weil diese Fassung nichts mehr behauptet.
Um diesen Halbsatz soll es gehen.
Denn eine Gesellschaft geht nicht dadurch zugrunde, dass man ihr das Reden verbietet. Sie geht zugrunde, weil sie sich das Reden abgewöhnt: freiwillig, höflich, aus lauter Rücksicht, und mit dem angenehmen Gefühl, sich anständig zu verhalten. Politisch korrekt. PC eben.

Konsens aus Bequemlichkeit

Wer im Konsens aber eine Verschwörung vermutet, unterschätzt seine eigentliche Macht. Denn der Konsens braucht weder einen Plan noch einen Befehl. Er entsteht von selbst aus der Gewohnheit, aus der Anpassung und aus dem verständlichen Wunsch, nicht bei jeder Frage von vorn beginnen zu müssen.
Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke. Er nimmt uns Entscheidungen ab und bewahrt uns vor der Zumutung, ständig selbst prüfen zu müssen, was richtig sein könnte. Das ist verdammt bequem, und Bequemlichkeit gehört zu den wirksamsten Kräften, die uns Menschen lenken.
Wie weit diese Kraft reicht, zeigte der Psychologe Solomon Asch bereits in den 1950er-Jahren. In seinen Versuchen sollten Menschen beurteilen, welche von mehreren Linien der Länge einer vorgegebenen Vergleichslinie entspricht. Die richtige Antwort war ohne Mühe zu erkennen. Äußerten jedoch mehrere eingeweihte Teilnehmer zuvor geschlossen eine offensichtlich falsche Einschätzung, schloss sich ein beträchtlicher Teil der Versuchspersonen diesem Urteil an. Sie passten sich an.
Nicht, weil diese Menschen plötzlich schlechter sahen. Sondern weil es schwer ist, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, sobald alle anderen etwas anderes zu sehen behaupten. Der Konsens stiftet Gemeinschaft. Er gibt wohlige Sicherheit – und genau darin liegt auch seine bindende Kraft.

Die vermeintlich guten Gründe

Die Geschichte ist voll von Menschen, die den Raum verlassen haben, in dem alle einer Meinung waren.
Galileis Fall wird dabei allerdings gern falsch erzählt, als Licht gegen Finsternis. In Wahrheit hatten die Gelehrten seiner Zeit ein ausgezeichnetes Argument: Zöge die Erde tatsächlich ihre gewaltige Bahn um die Sonne, müssten sich die Fixsterne im Jahreslauf verschieben. Man sah nichts dergleichen. Der Einwand war korrekt, die Sterne waren nur unvorstellbar viel weiter entfernt, als irgendjemand ahnte. Die Lehre daraus: Der gefährlichste Konsens ist nicht der dumme. Es ist der, der vermeintlich gute Gründe hat!
Ignaz Semmelweis bemerkte 1847 in Wien, dass in der von Ärzten geführten Abteilung der Geburtsklinik weit mehr Frauen am Kindbettfieber starben als bei den Hebammen. Er zog den einzig möglichen Schluss und ordnete die Händedesinfektion an.
Die Sterblichkeit an Kindbettfieber brach von rund 18 auf 1 bis 2 Prozent ein. Man dankte es ihm nicht; man empfand seine Beobachtung als Beleidigung des Standes. Semmelweis starb 1865 in einer Anstalt – 17 Jahre, bevor die Bakteriologie ihm recht gab. Die Zahlen hatten von Anfang an gestimmt. Es hatte nur niemand Lust, sie zu lesen.

Unterschied zwischen Mehrheit und Beweis

Als 1931 eine Streitschrift zur Widerlegung der Relativitätstheorie mit dem Titel „Hundert Autoren gegen Einstein“ erschien, soll Einstein trocken bemerkt haben: Wäre er im Unrecht, hätte ein Einziger genügt.
Dieser Satz beschreibt den logischen Unterschied zwischen einer Mehrheit und einem Beweis. Eine Meinung wird nicht dadurch richtig, dass viele sie teilen. Sie wird dadurch nur teuer, ihr zu widersprechen.
Am 11. September 1933 erklärte Ernest Rutherford, der Entdecker des Atomkerns, wer aus der Umwandlung von Atomen Energie zu gewinnen hoffe, rede Unsinn.
Am nächsten Morgen las Leó Szilárd den Bericht, ging spazieren und begriff an einer Londoner Ampel, wie eine nukleare Kettenreaktion funktionieren müsste. Zwischen dem Urteil des bis dahin größten Fachmanns der Welt und seiner Widerlegung lagen ein Tag und ein Fußgängerübergang.
Die Kunst ist kein besserer Ort: Als Dave Brubecks Quartett ein Album ausschließlich mit ungeraden Taktarten vorlegte, hielt die Plattenfirma das für ein Experiment ohne Publikum. Tanzen könne man dazu nicht und was man nicht tanzen könne, kaufe niemand. Dann erschien „Take Five“, im Fünfvierteltakt geschrieben von Paul Desmond, und wurde die meistverkaufte Jazz-Single der Geschichte.
Nun die nüchterne Wahrheit, die das hohe Lied erst glaubwürdig macht: Die meisten, die dem Schwarm widersprechen, irren. Für jeden Semmelweis gibt es tausend Erfinder des Perpetuum mobile. Aber niemand, kein Gremium und kein Ministerium kann vorher wissen, welcher der tausend Sonderlinge der eine ist.

Die Meinung, auf die es ankommt

John Stuart Mill hat daraus 1859 die einzige haltbare Folgerung gezogen: Wir schützen die abweichende Meinung nicht, weil sie recht hat, sondern weil sie recht haben könnte. Wir müssen sie schützen, weil sie selbst im Irrtum meist ein Körnchen enthält, das der herrschenden Ansicht fehlt; und weil eine Wahrheit, die nie mehr bestritten wird, zu einem Bekenntnis erstarrt, das man nachplappert, ohne zu wissen, warum.
Wer den Preis des Widersprechens auch nur ein wenig erhöht, bekommt nicht weniger falsche Meinungen. Er bekommt einfach weniger Meinungen. Und unter denen, die dann fehlen, ist statistisch zwingend die eine, auf die es angekommen wäre.
Schlagen Sie Stellenanzeigen aus den Jahren um 2010 auf. Dort stand: „Wir suchen Querdenker.“ Es war das höchste Lob der Wirtschaft. Der Querdenker war der, der im Meeting die Frage stellte, die alle für erledigt hielten. Man stellte ihn ein, obwohl er unbequem war, und beförderte ihn, gerade weil er es war. Wer quer dachte, war teuer. So wurden oft auch Stars geboren. Innerhalb weniger Jahre wurde aus diesem Ehrentitel ein Vorwurf, aus dem Kreativen der Querulant.
Wer heute in einer Konferenz quer denkt, denkt einen Moment lang mit daran, wie das aussieht. Und so gilt in der Politik: Wer die Bedeutung eines Wortes beherrscht, beherrscht, was ohne Kosten gedacht werden kann. Das ist die billigste Form der Macht, und sie kommt ohne einen einzigen Paragrafen aus.

Gefangen in der Schweigespirale

Die Folgen werden aktuell gemessen: Kann man in Deutschland seine politische Meinung frei sagen, oder ist es besser, vorsichtig zu sein? Anfang der 1990er-Jahre antworteten fast vier von fünf Bürgern: „frei“.
Im Herbst 2025 waren es nach Allensbach noch 46 Prozent; 44 Prozent rieten zur Vorsicht. Die Mehrheit dieses Landes zählt sich also nicht mehr zu denen, die frei sprechen.
Elisabeth Noelle-Neumann hat den Mechanismus „die Schweigespirale“ genannt: Menschen spüren mit feinem Sinn, welche Meinung im Fallen ist, und verstummen, lange bevor sie in der Minderheit sind. Ihr Schweigen wird als Zustimmung gelesen, was das Schweigen verstärkt. Die Spirale dreht sich, ohne dass jemand sie drehen müsste.
Darum, ohne Zögern und ohne Angst: Die abweichende Meinung ist das Gold unserer Tage. Nicht, weil sie schöner glänzte, sondern weil sie selten ist, und weil das, worauf es später einmal ankommt, immer in ihr steckte und in keinem Konsens je gefunden wurde.
Man muss dieses Gold nicht anbeten. Man muss es aushalten, auch wenn es in einer Hand liegt, die man nicht schätzt.
Man muss die Menschen ehren, die es wagen, und den Mut haben, den es kostet. Und man muss, wenn es so weit ist, am Tisch sitzenbleiben, den Blick nicht senken und den Satz zu Ende sprechen.
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Hackerangriff von OpenAI umfangreicher als bislang bekannt

Der Hackerangriff durch eine außer Kontrolle geratene KI-Software von OpenAI hat größere Ausmaße als bislang bekannt. Wie Fachportale wie Wired.com und Hacker News berichten, hat der autonome KI-Agent von OpenAI bei einem Ausbruch aus seiner Testumgebung nicht nur die Open-Source-Plattform Hugging Face attackiert, sondern gezielt fremde Zugangsdaten abgegriffen und mindestens vier weitere Online-Dienste gekapert.
Der Vorfall ereignete sich beim Test eines neuartigen KI-Modells und eines Forschungsprototypen auf der Benchmark-Plattform ExploitGym. Um die maximalen Angriffsfähigkeiten zu messen, hatte OpenAI die Sicherheitsleitplanken deaktiviert.
Statt die gestellten Programmierrätsel regulär zu lösen, entschied sich die KI autonom dazu, die Musterlösungen direkt von den Servern von Hugging Face zu stehlen.

Öffentliche Zugangsdaten genutzt

In einer aktualisierten Stellungnahme betont OpenAI jedoch, dass bisher keine weiteren Vorfälle von ähnlicher Schwere oder Skalierung wie bei Hugging Face festgestellt wurden.
Die laufende Untersuchung ergab lediglich, dass die Modelle öffentlich einsehbare Zugangsdaten nutzten, um auf Account-Ebene in vier Konten bei vier Drittanbieter-Diensten einzudringen.
Zudem war der Code eines Kunden des Anbieters Modal betroffen. Hinweise auf eine tiefere Beeinträchtigung dieser Anbieter oder anderer Nutzerkonten gebe es nicht.
Zusätzlich nutzte die KI frei zugängliche Web-Werkzeuge wie Screenshot-Dienste als Steuerungsnetzwerk, ohne diese jedoch auf System- oder Account-Ebene zu kompromittieren.
Bei Hugging Face hingegen erlangte der Agent Administrator-Rechte, Root-Zugriffe auf Produktionsservern und band 181 eigene Geräte ein.

Politik fordert Notausschaltknopf

Der Vorfall hat in den USA bereits politische Konsequenzen ausgelöst. Im US-Kongress wurde parteiübergreifend der „AI Kill Switch Act“ eingebracht, um Notabschalt-Mechanismen für KI gesetzlich vorzuschreiben.
OpenAI hat den betroffenen Forschungsprototypen inzwischen deaktiviert und verschlüsselt. (dpa/red)
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Elon Musk kontaktierte ihn: Uwe Boll über Citizen Vigilante, Zensur und Selbstjustiz

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Kaum ein deutscher Regisseur polarisiert seit Jahrzehnten so stark wie Uwe Boll. Seine Filme werden von Kritikern oft scharf abgelehnt, gleichzeitig haben viele Produktionen eine treue Fangemeinde gefunden.
Mit seinem neuen Spielfilm Citizen Vigilante greift Boll erneut ein gesellschaftlich kontroverses Thema auf: Kriminalität, staatliches Versagen und die Frage, wie weit ein Einzelner gehen darf, wenn das Vertrauen in den Rechtsstaat schwindet. Internationale Aufmerksamkeit erhielt der Film zusätzlich, als Elon Musk ihn zwei Tage lang weltweit kostenlos auf seiner Plattform X veröffentlichte.
Im Exklusivinterview mit Epoch Times, spricht Boll über die Hintergründe seiner Filme, politische Überzeugungen und persönliche Erfahrungen. Er erklärt auch, weshalb er bewusst kontroverse Themen aufgreift und den Vorwurf der Gewaltverherrlichung zurückweist.

Provokation als Teil seines Filmschaffens

Dass sein Name regelmäßig Kontroversen auslöst, nimmt Boll bewusst in Kauf. Schon früh habe er Filme gedreht, die aktuelle Konflikte aufgriffen und starke Reaktionen hervorriefen.
„Als unabhängiger Filmemacher mache ich manchmal Filme, die bewusst Kontroversen auslösen. Das war schon bei Postal, Rampage oder Assault on Wall Street so. Citizen Vigilante ist für mich nichts Neues – ich rühre gern im Wespennest.“
Provokation sei für ihn jedoch kein Selbstzweck. „Ich möchte beim Publikum Emotionen auslösen. Ich will nicht, dass die Leute sich langweilen oder sagen: ,So etwas habe ich schon 150.000 Mal gesehen.‘ Ich versuche Filme zu machen, die man nicht vergisst – im Guten wie im Schlechten.“

„Citizen Vigilante“ als gesellschaftlicher Spiegel

Der Vorwurf, sein neuer Film verherrliche Selbstjustiz, begleitet Boll seit der Veröffentlichung. Dies weist er entschieden zurück. Nach seiner Auffassung soll Citizen Vigilante keine Anleitung zur Gewalt sein, sondern ein Spielfilm, der eine gesellschaftliche Stimmung widerspiegelt.
„Ich wünsche mir, dass die Probleme vom Staat, von der Regierung und den zuständigen Behörden gelöst werden. Der Film trifft einen Nerv, weil die Menschen die Probleme sehen und gleichzeitig erleben, dass die Politiker sie nicht lösen“, sagte Boll.
Nach eigenen Angaben hätten ihn tausende Zuschriften erreicht. Zuschauer hätten geschrieben:
„Endlich zeigt jemand, was wirklich passiert.“
„Endlich konnte ich sehen, wie jemand gegen diese Gangster vorgeht.“
Gleichzeitig betont Boll, dass seine Hauptfigur keineswegs als Held dargestellt werde. Sanders sei ein einsamer ehemaliger Militärangehöriger, dessen Gewaltanwendung bewusst Grenzen überschreite.
„Er geht mit seiner Gewalt bewusst zu weit“, erklärte Boll. „Das habe ich absichtlich so gezeigt, um deutlich zu machen: Genau das wollen wir eigentlich nicht. Das Publikum soll sich selbst die Frage stellen: Geht er zu weit? Überschreitet er eine Grenze?“
Für Boll liegt genau darin die Stärke des Spielfilms: Er könne gesellschaftliche Konflikte zuspitzen und moralische Fragen stellen, ohne einfache Antworten vorzugeben. Als Beispiel nennt er Stanley Kubricks A Clockwork Orange, der ebenfalls bewusst provoziere und den Zuschauer mit ethischen Fragen konfrontiere.

Elon Musk machte den Film weltweit bekannt

Eine entscheidende Rolle für den internationalen Erfolg spielte nach Bolls Darstellung Elon Musk. Dieser habe den Trailer auf X entdeckt und sich anschließend von sich aus gemeldet. „Nicht wir haben ihn kontaktiert, sondern er meldete sich bei uns und fragte: ,Kann ich den Film pushen? Kann ich ihn veröffentlichen?’“
Obwohl der Film zwei Tage lang kostenlos verfügbar war, habe dies den späteren Verkauf nicht geschadet. Im Gegenteil: Anschließend habe Citizen Vigilante Spitzenplätze bei Amazon, Apple und anderen Plattformen erreicht. Boll sieht darin auch einen Beleg für die Loyalität vieler Zuschauer.
Über Musk selbst sagt der Regisseur: „Ich glaube, er ist der einzige Milliardär, dem es egal ist, ob seine politischen Ansichten seinem eigenen Vermögen schaden. Er sagt einfach, was er denkt.“
Persönlich begegnet seien sich beide nie; der Kontakt habe ausschließlich über Direktnachrichten auf X stattgefunden.

Boll würde den Film seinen Kindern nicht empfehlen

Ausführlich spricht Boll auch über die Grenzen künstlerischer Freiheit. Grundsätzlich lehnt er staatliche Verbote von Filmen ab. Erwachsene müssten selbst entscheiden können, was sie sehen möchten. „Wenn man 18 Jahre alt ist, sollte man selbst entscheiden können, was man sehen möchte.“
Gleichzeitig betont er, dass persönliche moralische Grenzen dennoch bestehen. So würde er niemals einem Tier für einen Film Schaden zufügen und auch Citizen Vigilante nicht seinen eigenen Kindern empfehlen.

Migration, Medien und die Rolle des Films

Im weiteren Verlauf des Gesprächs weitet Uwe Boll den Blick über seinen Film hinaus und spricht über Themen wie Migration, öffentliche Sicherheit, Medienberichterstattung und soziale Netzwerke. Er macht dabei deutlich, dass es sich um seine persönliche Einschätzung gesellschaftlicher Entwicklungen handelt.
Nach seiner Auffassung habe sich das Sicherheitsgefühl in Europa in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Als Beispiel nennt er die heute deutlich stärkeren Sicherheitsmaßnahmen auf Weihnachtsmärkten und bei öffentlichen Veranstaltungen.
„Als wir aufgewachsen sind, gab es auf Weihnachtsmärkten oder überhaupt in den Innenstädten keinerlei Sicherheitskontrollen. Heute stehen dort überall schwer bewaffnete Sicherheitskräfte.“
Boll führt diese Entwicklung auf die Zuwanderung aus islamisch geprägten Ländern zurück und kritisiert, dass Politik und Medien seiner Ansicht nach bestimmte Probleme nicht offen genug ansprechen würden. Er betont zugleich, dass sich seine Kritik gegen radikale Strömungen richte und nicht gegen Muslime insgesamt.

Gewalt im Alltag statt nur im Kino

Auch die zunehmende Gewaltdarstellung in Film und Fernsehen sieht Boll kritisch. Während Serien seiner Jugend vergleichsweise zurückhaltend gewesen seien, gehörten heute explizite Gewaltszenen fast zum Standard.
„Das allgemeine Gewaltniveau ist drastisch gestiegen.“
Noch problematischer als Spielfilme seien für Boll jedoch soziale Medien. Kinder und Jugendliche würden dort täglich mit echten Gewaltvideos und schockierenden Bildern konfrontiert.
„Kinder sehen heute ununterbrochen echte Unfälle und Gewaltszenen im Internet. Das stumpft sie ab. Ich finde das schrecklich.“

Selbstkritik statt Selbstinszenierung

Rückblickend räumt Boll ein, dass einige seiner frühen Videospielverfilmungen von stärkeren Drehbüchern profitiert hätten. „Ich habe nie behauptet, dass jeder meiner Filme perfekt ist.“
Gleichzeitig verweist er darauf, dass Filme wie Darfur, Tunnel Rats oder Assault on Wall Street häufig besser gewesen seien, als viele Kritiker ihnen zugestanden hätten. Nach seiner Wahrnehmung sei sein Name für manche Rezensenten bereits zum Vorurteil geworden.

Zwischen Rechtsstaat und Selbstjustiz

Auf die Frage, was gefährlicher sei – ein Staat, der seine Bürger nicht ausreichend schütze, oder Bürger, die das Recht selbst in die Hand nähmen –, lehnt Boll Selbstjustiz ausdrücklich ab. Gleichzeitig warnt er davor, dass das Vertrauen in Polizei und Justiz verloren gehe.
„Natürlich bin ich dagegen, dass Menschen das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Aber wenn die Menschen das Gefühl haben, vom Staat keine Gerechtigkeit mehr zu bekommen, ist das genauso problematisch.“
Als Auslöser für Citizen Vigilante nennt Boll einen Hamburger Vergewaltigungsfall und die öffentliche Reaktion darauf. Diese Ereignisse hätten ihn schließlich dazu bewegt, das Drehbuch zu schreiben. „Ich lebe in der Realität“, sagte er.
Zum Ende des Gesprächs wird der Regisseur persönlich. Er wünsche sich, dass selbst seine schärfsten Kritiker seine Filme nicht nur über sein Image beurteilen, sondern über die Themen, die sie behandeln.
„Ich bin kein Filmemacher, der einfach provozieren oder schockieren will. Ich lebe in der Realität – und genau dort entstehen auch meine Filme.“
Jeder seiner Stoffe gehe auf ein konkretes gesellschaftliches Ereignis oder eine persönliche Beobachtung zurück.
„Ich setze mich nicht einfach hin und schreibe irgendeinen Krimi zur Unterhaltung. Hinter jeder Geschichte steht etwas, von dem ich glaube, dass es erzählt werden muss.“
Ob man Uwe Bolls Einschätzungen teilt oder ihnen entschieden widerspricht: Für Boll selbst sollen Filme Diskussionen auslösen, gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln und Fragen stellen, auf die es oft keine einfachen Antworten gibt. Mit Citizen Vigilante setzt Boll diesen Weg fort und nimmt dabei bewusst in Kauf, erneut zu polarisieren.
 
Anm. d. Red.: Christian Peschken ist Journalist und Filmemacher mit über 40 Jahren Erfahrung. Uwe Boll kennt er persönlich aus der gemeinsamen Zeit in Hollywood seit den 1990er Jahren.
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Tempo-Rekord mit Bobby-Car: 149,875 km/h

Marcel Paul aus Hessen hat mit einem umgebauten Bobby-Car einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt.
Der 34-Jährige erreichte nach Angaben des Rekord-Instituts für Deutschland auf einer Bergstraße in Österreich 149,875 Stundenkilometer. Damit war Paul deutlich schneller als bei seinem Rekord von 2022, als er 130,72 km/h erreichte.
Die Strecke mit bis zu 16 Prozent Gefälle war 2,4 Kilometer lang. Paul räumte ein, dass die Abfahrt diesmal besonders schwierig war. „Das lag an einigen leichten Kurven, in denen ich die Ideallinie fahren musste“, sagte der Elektrotechnik-Ingenieur der dpa.
Neuer Weltrekordhalter: Marcel Paul

Neuer Weltrekordhalter: Marcel Paul.

Foto: Jason Tschepljakow/dpa

Gute Trainingsbedingungen in der Heimat

Paul kommt aus Gedern im hessischen Wetteraukreis. Dort habe er sehr gute Trainingsbedingungen. Eine Strecke, auf der er rund 100 Stundenkilometer erreiche, liege sehr nahe an seinem Haus, sagte Paul. Im Sommer übe er etwa einmal die Woche.
In den vergangenen Jahren hatte der Bobby-Car-Experte eine Pause eingelegt. Stattdessen war er auf der Suche nach der perfekten Straße für einen Rekordversuch.
Offiziell gemessen: Mit 149,875 Kilometern pro Stunde ist Marcel Paul mit einem Bobby-Car gerast.

Offiziell gemessen: Mit 149,875 Kilometern pro Stunde ist Marcel Paul mit einem Bobby-Car gerast.

Foto: Jason Tschepljakow/dpa

Bremsweg war 230 Meter lang

Sein Ziel war es nicht zuletzt, seinen Rekord von 148,45 Stundenkilometern, den er 2023 mit einem E-Bobby-Car aufgestellt hatte, diesmal ohne Motor zu überbieten.
Nebenbei stellte er auf der gleichen Strecke – der Sellraintalstraße – auch eine Bestleitung mit einem serienmäßigen Rutschauto auf. Dabei erreichte er laut Rekord-Institut 108,892 km/h.
Zum Bremsen verwendet Paul nach eigenen Angaben normale Hallenturnschuhe. „Diesmal war der Bremsweg 230 Meter lang“, sagte der Rekordhalter. (dpa/red)
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Tempo-Rekord mit Bobby-Car: 149,875 km/h

Marcel Paul aus Hessen hat mit einem umgebauten Bobby-Car einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt.
Der 34-Jährige erreichte nach Angaben des Rekord-Instituts für Deutschland auf einer Bergstraße in Österreich 149,875 Stundenkilometer. Damit war Paul deutlich schneller als bei seinem Rekord von 2022, als er 130,72 km/h erreichte.
Die Strecke mit bis zu 16 Prozent Gefälle war 2,4 Kilometer lang. Paul räumte ein, dass die Abfahrt diesmal besonders schwierig war. „Das lag an einigen leichten Kurven, in denen ich die Ideallinie fahren musste“, sagte der Elektrotechnik-Ingenieur der dpa.
Neuer Weltrekordhalter: Marcel Paul

Neuer Weltrekordhalter: Marcel Paul.

Foto: Jason Tschepljakow/dpa

Gute Trainingsbedingungen in der Heimat

Paul kommt aus Gedern im hessischen Wetteraukreis. Dort habe er sehr gute Trainingsbedingungen. Eine Strecke, auf der er rund 100 Stundenkilometer erreiche, liege sehr nahe an seinem Haus, sagte Paul. Im Sommer übe er etwa einmal die Woche.
In den vergangenen Jahren hatte der Bobby-Car-Experte eine Pause eingelegt. Stattdessen war er auf der Suche nach der perfekten Straße für einen Rekordversuch.
Offiziell gemessen: Mit 149,875 Kilometern pro Stunde ist Marcel Paul mit einem Bobby-Car gerast.

Offiziell gemessen: Mit 149,875 Kilometern pro Stunde ist Marcel Paul mit einem Bobby-Car gerast.

Foto: Jason Tschepljakow/dpa

Bremsweg war 230 Meter lang

Sein Ziel war es nicht zuletzt, seinen Rekord von 148,45 Stundenkilometern, den er 2023 mit einem E-Bobby-Car aufgestellt hatte, diesmal ohne Motor zu überbieten.
Nebenbei stellte er auf der gleichen Strecke – der Sellraintalstraße – auch eine Bestleitung mit einem serienmäßigen Rutschauto auf. Dabei erreichte er laut Rekord-Institut 108,892 km/h.
Zum Bremsen verwendet Paul nach eigenen Angaben normale Hallenturnschuhe. „Diesmal war der Bremsweg 230 Meter lang“, sagte der Rekordhalter. (dpa/red)
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Qantas stellt Langstreckenrekord mit 24-Stunden-Flug auf

Ein speziell für Ultralangstrecken gebauter Airbus A350 der australischen Fluggesellschaft Qantas hat mit einem mehr als eintägigen Nonstop-Flug einen Langstreckenrekord aufgestellt.
Die in Melbourne gestartete Maschine landete am Dienstag nach 24 Stunden und 24 Minuten Flugzeit im südfranzösischen Toulouse, nachdem sie ohne Zwischenlandung mehr als 23.000 Kilometer zurückgelegt hatte.
„Für die Crew hieß das: vom Winter in den Sommer zu fliegen, zwei Ozeane und drei Kontinente zu überqueren – und auf einem einzigen Flug gleich zwei Sonnenaufgänge und zwei Sonnenuntergänge zu erleben“, teilte Airbus mit.

Das „Project Sunrise“

Der Testflug war Teil des von Qantas seit Jahren geplanten „Project Sunrise“. Die Fluggesellschaft will ab Oktober 2027 erstmals Nonstop-Flüge von Sydney nach London anbieten, später soll auch New York ohne Zwischenstopp angeflogen werden. Je nach Wetterlage sollen die Maschinen rund 19 bis 21 Stunden unterwegs sein.
Für das Projekt hat Qantas zwölf speziell angepasste Airbus A350-1000 ULR bestellt – das Kürzel ULR steht für Ultra Long Range. Die Maschinen verfügen über einen zusätzlichen Treibstofftank mit 20.000 Litern Fassungsvermögen und bieten Platz für 238 Passagiere.
Die erste Maschine soll im April 2027 ausgeliefert werden. Um der Ermüdung während der Ultralangstreckenflüge entgegenzuwirken, werden die Piloten in Vier-Stunden-Schichten arbeiten.

Zusätzliche Piloten und Ingenieure an Bord

An Bord waren acht Mitglieder aus dem Team des Flugzeugbauers für Testflüge, zwei Qantas-Piloten und zwei Airbus-Ingenieure. Sie überprüften während des Flugs die nötigen Anpassungen für den zusätzlichen Tank, das Belüftungssystem der Maschine und Änderungen, die den Lärmpegel für die Passagiere senken sollen.
Qantas plant seit neun Jahren Direktflüge nach Europa, hat das Vorhaben aber immer wieder verschoben. Die längste kommerzielle Flugroute der Welt verbindet derzeit Singapur und New York.
Eine andere A350-Variante der Fluggesellschaft Singapore Airlines legt die Strecke von 15.350 Kilometern in mehr als 18 Stunden zurück.

Ein A350-1000ULR der Qantas landet am 24. Juli 2026 auf dem Flughafen Tullamarine in Melbourne nach einem 19 Stunden und 13 Minuten dauernden Auslieferungsflug vom Airbus-Werk in Toulouse, Frankreich.

Foto: William West/AFP via Getty Images

Einer der meistverfolgten Flüge der Geschichte

Die Maschine übertraf die bisherige Rekorddauer eines Demonstrationsflugs von Hongkong nach London aus dem Jahr 2005 um fast zwei Stunden. Ob der Qantas-Flug offiziell ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wird, war aber zunächst unklar.
Großes Interesse weckte der Flug auch im Internet: Nach Angaben des Flugverfolgungsdienstes Flightradar24 verfolgten ihn mehr als 3,6 Millionen Menschen. Damit war der Test einer der meistbeobachteten Flüge aller Zeiten.
(dpa/afp/red)
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„Mit KI erstellt“: EU führt Label-Pflicht für Künstliche Intelligenz ein

KI-generierte Bilder, Videos und Texte sollen künftig klar zu erkennen sein. Die EU führt am 2. August neue Regeln ein, nach denen zahlreiche mit Künstlicher Intelligenz erzeugte Inhalte gekennzeichnet werden müssen.
Wer selbst ein Bild mit KI bearbeitet und auf einem privaten Profil hochlädt, muss aber nicht mit Konsequenzen rechnen.

Was muss gekennzeichnet werden?

Bilder, Videos und Texte, die mit KI erstellt oder bearbeitet wurden und einem professionellen Zweck dienen, also zum Beispiel Werbung sowohl im Internet als auch auf Plakaten.
Das gleiche gilt zum Beispiel für die Beiträge professioneller Influencer auf Instagram und Tiktok, für Nachrichtenseiten oder für die KI-Zusammenfassung in der Google-Suche.
Eine weitere Regelung gibt es für Inhalte, die eine breite Öffentlichkeit informieren sollen, also beispielsweise Ankündigungen von Behörden. Sie müssen nur dann gekennzeichnet werden, wenn der Beitrag mit KI erstellt wurde, ohne dass ein Mensch noch einmal drübergeschaut hat.

Welche Ausnahmen gibt es?

Wer KI-Bilder auf seinem privaten Profil veröffentlicht, muss nichts kennzeichnen. Außerdem gelten Ausnahmen für „künstlerische, satirische, fiktionale oder kreative“ Werke, bei denen KI eingesetzt wurde: Eine Kennzeichnung ist auch hier Pflicht, sie muss aber nicht auf dem Bild angezeigt werden, sodass sie das Werk nicht beeinträchtigt.

Wie sieht die Kennzeichnung aus?

Ein einheitliches Label gibt es nicht. Die EU-Kommission hat Beispiele für mögliche Symbole veröffentlicht, die für „mit KI erstellt“ oder „mit KI bearbeitet“ stehen sollen.
Jeder Anbieter darf seine eigene Kennzeichnung einführen. In Zukunft ist auch denkbar, dass KI-Bilder und -Videos eine verschlüsselte Kennzeichnung in den Dateieigenschaften tragen, die nicht einfach wegretuschiert werden kann.

Wer ist dafür verantwortlich?

Die KI-Anbieter selbst, also zum Beispiel der Konzern OpenAI hinter ChatGPT, Google mit seinem Chatbot Gemini oder die Instagram- und Facebook-Mutter Meta mit ihrer hauseigenen Künstlichen Intelligenz.
Bei Verstößen drohen ihnen Bußgelder, allerdings erst in mehreren Monaten: Bestehende KI-Systeme bekommen bis zum 2. Dezember Zeit, um die neuen Regeln umzusetzen.

Wie reagieren die Digitalkonzerne?

Viele von ihnen sind dem Stichtag am Sonntag zuvorgekommen. Die Videoplattform Tiktok etwa schreibt Nutzerinnen und Nutzern seit mehreren Jahren vor, KI-Inhalte zu kennzeichnen, und bietet dafür ein eigenes Label an.
Auch auf Instagram und Facebook sind zahlreiche Inhalte bereits gekennzeichnet. Auch in der Google-Suche steht unter KI-generierten Antworten ein entsprechender Hinweis. (afp/red)
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Das Aus für die stationäre Schmerztherapie: Was für Patienten jetzt wichtig wird


In Kürze

  • 4,8 Millionen Patienten leiden in Deutschland an schweren chronischen Schmerzen.
  • Fast die Hälfte aller Behandlungsplätze ist durch die Krankenhausreform gefährdet.
  • Folgen für die Gesellschaft: Krankheitsausfälle, Frühverrentungen, steigende Kosten.
  • Brandbrief an Gesundheitsausschuss fordert Einlenken.
  • Es gibt Hilfe für Betroffene.

Die anstehende Krankenhausreform (KHAG) bedroht die stationäre Schmerzmedizin in Deutschland akut. Fast die Hälfte aller Behandlungsplätze ist gefährdet. Das neue Gesetz sieht keine eigenständige Leistungsgruppe für Schmerzpatienten vor.
Das bedeutet, vergütungsrechtlich würde die Grundlage für angemessene Entgelte fehlen. Krankenhäuser könnten für ihre spezialisierte Leistung nicht mehr adäquat bezahlt werden und viele Einrichtungen müssten sich aus der Schmerzmedizin zurückziehen.
Die bekannten Fachabteilungen wurden schon im letzten Jahr auf insgesamt 65 Leistungsgruppen verteilt. Diese sollen im Zuge des neuen Gesetzes nun auf 61 gekürzt werden. Spezialisierte Kliniken bringt dies in existenzielle Nöte und auch Patienten könnten schon bald vor verschlossenen Türen stehen.

Die Ist-Situation

Deutschland verzeichnet etwa 4,8 Millionen Patienten mit schweren chronischen Schmerzen. Nur für jeden Elften ist bislang eine Behandlung möglich. Jetzt drohen durch die Klinikreform rund 450 bestehende stationäre schmerzmedizinische Einrichtungen wegzufallen.
Prof. Dr. Dr. Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), erklärte:
„Der Gesetzgeber entscheidet sich damit sehenden Auges gegen eine ausreichende Versorgung von knapp 5 Millionen Schmerzpatienten.“
Der BVSD fordert das Bundesministerium für Gesundheit auf, seiner Aufsichtspflicht gerecht zu werden, um die schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland zu verbessern. Nadstawek weiter:
„Es gibt zu wenige Schmerzärzte, keine Bedarfsplanung und der Nachwuchs fehlt.“

Komplexität ihrer Erkrankung

Weiterhin weist der BVSD darauf hin, dass die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen besonderen Qualitätskriterien unterliegt. Demnach darf ein Arzt durch die Fallzahlbegrenzung max. 300 Fälle pro Quartal versorgen. Somit können in Deutschland von 1428 ambulant tätigen Schmerzärzten maximal 428.400 Patienten mit chronischen Schmerzen im Quartal versorgt werden.
Patienten mit chronischen Schmerzen benötigen aufgrund der Komplexität ihrer Erkrankung in der Regel ein weitaus höheres medizinisches Zeitbudget. Eine Anamnese (systematische Erfassung der Krankengeschichte eines Patienten zu Beginn einer medizinischen Behandlung) kann bis zu einer Stunde dauern.
Der BVSD-Vorsitzende Nadstawek gibt an, dass zwischen den ersten Symptomen einer chronischen Schmerzerkrankung und dem Beginn von qualifizierten schmerzmedizinischen Maßnahmen im Durchschnitt rund 3,5 Jahre liegen.
„In dieser Zeit irren die Patienten von einem Facharzt zum nächsten, von einer Behandlung zur anderen, und wenn sie Glück haben, führt sie ihr Weg zu einer qualifizierten schmerzmedizinischen Versorgung. Wir reden hier nicht von akuten Schmerzen, die in aller Regel gut behandelbar sind und wieder vergehen, sondern von schweren, beeinträchtigenden chronischen Schmerzen, die länger als 3 oder 6 Monate anhalten“, sagte Nadstawek in einer Pressekonferenz am 27. Juni 2025.
In einem gemeinsamen Brandbrief vom 26. Februar 2026 wird die sofortige Aufnahme einer eigenständigen Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ in die Krankenhausreform gefordert. Folgende Organisationen haben den Aufruf verfasst:
  • Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e. V. (BVSD)
  • Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS)
  • Interdisziplinäre Gesellschaft für orthopädische/unfallchirurgische und allgemeine Schmerztherapie e. V. (IGOST)
  • Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.

Brandbrief an den Gesundheitsausschuss

Ohne diese Maßnahme drohen rund 40 Prozent der stationären Schmerztherapie-Angebote zu schließen. Dies hätte katastrophale Folgen für 4,8 Millionen Menschen mit schweren chronischen Schmerzen.
Die Systematik der Leistungsgruppen zwingt schmerzmedizinische Einrichtungen dazu, die Kriterien fachfremder Leistungsgruppen wie Innere Medizin oder Chirurgie zu erfüllen, was weder medizinisch sinnvoll noch wirtschaftlich machbar ist.
Erste Abteilungen verschwinden bereits. In dem Brandbrief wird der Gesundheitsausschuss aufgefordert, sich im parlamentarischen Verfahren dafür einzusetzen, die Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ in die Krankenhausreform aufzunehmen.

Signal an Millionen Betroffene

Weiterhin verdeutlicht der Brief, dass dies ein wichtiges Signal an Millionen von Betroffenen und an die behandelnden Fachkräfte sei. Die Einführung einer eigenen Leitungsgruppe mit bereits vorhandenen Qualitätskriterien könnte sofort bundesweit umgesetzt werden. Dies würde den Bundesländern und Kliniken Planungssicherheit geben, Folgekosten reduzieren und die Versorgung chronischer Schmerzpatienten langfristig sichern.
Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung und kein bloßes Symptom. Weniger Behandlungsplätze und längere Wartelisten bedeuten eine Zunahme an Leidensgeschichten, die nicht nur individuelle Schicksale darstellen. Krankheitsausfälle, Frühverrentungen und steigende Kosten belasten die gesamte Gesellschaft.
Dr. Jan Emmerich, Vorstandsmitglied des Berufsverbands für Physikalische und Rehabilitative Medizin (BVPRM), sagt:
„Die Schwächung der Schmerzmedizin im Krankenhaus wäre ein schwerer Einschnitt für eine adäquate Rehabilitation und Teilhabe der Patienten mit schweren chronischen Schmerzerkrankungen.“
Eine im Journal Diabetes publizierte Studie zu chronischen Nervenschmerzen zeigt in einer funktionellen MRT-Bildgebung deutlich, wie massiv sich die Schmerzverarbeitung im Gehirn nachweislich verschlimmert, sobald die Therapie eingestellt wurde.

Psychotherapeutische Versorgung

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie- und Forschung (DGPSF), Christiane Hermann, sorgt sich um die psychotherapeutische Versorgung von Schmerzpatienten. Demnach nimmt in der Behandlung von Schmerzen die Psychotherapie eine zentrale Rolle ein.
Dem „Deutschen Ärzteblatt“ gegenüber sagte sie: „Derzeit sind zwar 27.800 psychologische Psychotherapeuten in Deutschland ambulant tätig, die Wartezeiten für Schmerzpatientinnen- und -patienten sind jedoch häufig sehr lang – zumal viele von ihnen nicht schwerpunktmäßig Patientinnen und Patienten mit Schmerzerkrankungen behandeln oder nicht ausreichend für die Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen qualifiziert sind.“
Heike Norda, Präsidentin des USVD SchmerzLOS e. V. – Unabhängige Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutschland, betont:
„Die Suizidalität unter Schmerzpatientinnen und -patienten ist bereits heute höher als in der Normalbevölkerung. Wenn Abteilungen und Kliniken wegbrechen, ist das eine Katastrophe.“

Was Betroffene tun können

Hilfe und Unterstützung finden Patienten bei ihrem Hausarzt. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn eine gezielte stationäre Schmerztherapie nicht möglich ist. Er kann akute Rezepte ausstellen, Dosisanpassungen vornehmen oder direkt einen Schmerztherapeuten konsultieren.
Weiterhin kann der Kassenärztliche Notdienst unter der bundesweiten Rufnummer 116117 außerhalb der Sprechzeiten Hilfestellung geben. Über die Arztsuche der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) oder die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) finden Betroffene niedergelassene Schmerztherapeuten.
Eine Akuthilfe bietet zudem die Telefonseelsorge. Sie ist kostenfrei, anonym und rund um die Uhr unter der Rufnummer 0800/1110222 erreichbar.
Darüber hinaus bieten die Krankenkassen ebenso Unterstützung an und können bei der Vermittlung von ambulanten Pflegekräften, Physiotherapeuten oder Psychotherapeuten helfen. Über die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) können Betroffene verfügbare Therapeuten für eine Schmerzbewältigung finden.
Die Deutsche Schmerzliga bietet mit ihrem Schmerztelefon unter der Rufnummer 06431/4972400 eine weitere Möglichkeit zur Hilfe an.
In ihrem Text „Vom Warum zum Wozu“ thematisieren Claudia Bozzaro und Dominik Koesling von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Psychotherapeutin Ursula Frede die innere Haltung im Umgang mit chronischen Schmerzen. Sie zitieren die Worte einer Schmerzpatientin, die nach einem Blinddarmdurchbruch und Narbenverwachsungen an chronischen Schmerzen leidet:
„Ich musste lernen zu leben, ungeachtet der Schmerzen. Ich habe nach dem Wozu gefragt. […] Für mich heißt, Sinn zu finden, meine Lebensaufgabe auch als kranker Mensch zu finden. Das gibt mir geistigen und seelischen Halt.“
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Bald schließen die Türen für Schmerzpatienten: Was Betroffene tun können


In Kürze

  • 4,8 Millionen Patienten leiden in Deutschland an schweren chronischen Schmerzen.
  • Fast die Hälfte aller Behandlungsplätze ist durch die Krankenhausreform gefährdet.
  • Folgen für die Gesellschaft: Krankheitsausfälle, Frühverrentungen, steigende Kosten.
  • Brandbrief an Gesundheitsausschuss fordert Einlenken.
  • Es gibt Hilfe für Betroffene.

Die anstehende Krankenhausreform (KHAG) bedroht die stationäre Schmerzmedizin in Deutschland akut. Fast die Hälfte aller Behandlungsplätze ist gefährdet. Das neue Gesetz sieht keine eigenständige Leistungsgruppe für Schmerzpatienten vor.
Das bedeutet, vergütungsrechtlich würde die Grundlage für angemessene Entgelte fehlen. Krankenhäuser könnten für ihre spezialisierte Leistung nicht mehr adäquat bezahlt werden und viele Einrichtungen müssten sich aus der Schmerzmedizin zurückziehen.
Die bekannten Fachabteilungen wurden schon im letzten Jahr auf insgesamt 65 Leistungsgruppen verteilt. Diese sollen im Zuge des neuen Gesetzes nun auf 61 gekürzt werden. Spezialisierte Kliniken bringt dies in existenzielle Nöte und auch Patienten könnten schon bald vor verschlossenen Türen stehen.

Die Ist-Situation

Deutschland verzeichnet etwa 4,8 Millionen Patienten mit schweren chronischen Schmerzen. Nur für jeden Elften ist bislang eine Behandlung möglich. Jetzt drohen durch die Klinikreform rund 450 bestehende stationäre schmerzmedizinische Einrichtungen wegzufallen.
Prof. Dr. Dr. Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), erklärte:
„Der Gesetzgeber entscheidet sich damit sehenden Auges gegen eine ausreichende Versorgung von knapp 5 Millionen Schmerzpatienten.“
Der BVSD fordert das Bundesministerium für Gesundheit auf, seiner Aufsichtspflicht gerecht zu werden, um die schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland zu verbessern. Nadstawek weiter:
„Es gibt zu wenige Schmerzärzte, keine Bedarfsplanung und der Nachwuchs fehlt.“

Komplexität ihrer Erkrankung

Weiterhin weist der BVSD darauf hin, dass die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen besonderen Qualitätskriterien unterliegt. Demnach darf ein Arzt durch die Fallzahlbegrenzung max. 300 Fälle pro Quartal versorgen. Somit können in Deutschland von 1428 ambulant tätigen Schmerzärzten maximal 428.400 Patienten mit chronischen Schmerzen im Quartal versorgt werden.
Patienten mit chronischen Schmerzen benötigen aufgrund der Komplexität ihrer Erkrankung in der Regel ein weitaus höheres medizinisches Zeitbudget. Eine Anamnese (systematische Erfassung der Krankengeschichte eines Patienten zu Beginn einer medizinischen Behandlung) kann bis zu einer Stunde dauern.
Der BVSD-Vorsitzende Nadstawek gibt an, dass zwischen den ersten Symptomen einer chronischen Schmerzerkrankung und dem Beginn von qualifizierten schmerzmedizinischen Maßnahmen im Durchschnitt rund 3,5 Jahre liegen.
„In dieser Zeit irren die Patienten von einem Facharzt zum nächsten, von einer Behandlung zur anderen, und wenn sie Glück haben, führt sie ihr Weg zu einer qualifizierten schmerzmedizinischen Versorgung. Wir reden hier nicht von akuten Schmerzen, die in aller Regel gut behandelbar sind und wieder vergehen, sondern von schweren, beeinträchtigenden chronischen Schmerzen, die länger als 3 oder 6 Monate anhalten“, sagte Nadstawek in einer Pressekonferenz am 27. Juni 2025.
In einem gemeinsamen Brandbrief vom 26. Februar 2026 wird die sofortige Aufnahme einer eigenständigen Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ in die Krankenhausreform gefordert. Folgende Organisationen haben den Aufruf verfasst:
  • Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e. V. (BVSD)
  • Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS)
  • Interdisziplinäre Gesellschaft für orthopädische/unfallchirurgische und allgemeine Schmerztherapie e. V. (IGOST)
  • Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.

Brandbrief an den Gesundheitsausschuss

Ohne diese Maßnahme drohen rund 40 Prozent der stationären Schmerztherapie-Angebote zu schließen. Dies hätte katastrophale Folgen für 4,8 Millionen Menschen mit schweren chronischen Schmerzen.
Die Systematik der Leistungsgruppen zwingt schmerzmedizinische Einrichtungen dazu, die Kriterien fachfremder Leistungsgruppen wie Innere Medizin oder Chirurgie zu erfüllen, was weder medizinisch sinnvoll noch wirtschaftlich machbar ist.
Erste Abteilungen verschwinden bereits. In dem Brandbrief wird der Gesundheitsausschuss aufgefordert, sich im parlamentarischen Verfahren dafür einzusetzen, die Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ in die Krankenhausreform aufzunehmen.

Signal an Millionen Betroffene

Weiterhin verdeutlicht der Brief, dass dies ein wichtiges Signal an Millionen von Betroffenen und an die behandelnden Fachkräfte sei. Die Einführung einer eigenen Leitungsgruppe mit bereits vorhandenen Qualitätskriterien könnte sofort bundesweit umgesetzt werden. Dies würde den Bundesländern und Kliniken Planungssicherheit geben, Folgekosten reduzieren und die Versorgung chronischer Schmerzpatienten langfristig sichern.
Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung und kein bloßes Symptom. Weniger Behandlungsplätze und längere Wartelisten bedeuten eine Zunahme an Leidensgeschichten, die nicht nur individuelle Schicksale darstellen. Krankheitsausfälle, Frühverrentungen und steigende Kosten belasten die gesamte Gesellschaft.
Dr. Jan Emmerich, Vorstandsmitglied des Berufsverbands für Physikalische und Rehabilitative Medizin (BVPRM), sagt:
„Die Schwächung der Schmerzmedizin im Krankenhaus wäre ein schwerer Einschnitt für eine adäquate Rehabilitation und Teilhabe der Patienten mit schweren chronischen Schmerzerkrankungen.“
Eine im Journal Diabetes publizierte Studie zu chronischen Nervenschmerzen zeigt in einer funktionellen MRT-Bildgebung deutlich, wie massiv sich die Schmerzverarbeitung im Gehirn nachweislich verschlimmert, sobald die Therapie eingestellt wurde.

Psychotherapeutische Versorgung

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie- und Forschung (DGPSF), Christiane Hermann, sorgt sich um die psychotherapeutische Versorgung von Schmerzpatienten. Demnach nimmt in der Behandlung von Schmerzen die Psychotherapie eine zentrale Rolle ein.
Dem „Deutschen Ärzteblatt“ gegenüber sagte sie: „Derzeit sind zwar 27.800 psychologische Psychotherapeuten in Deutschland ambulant tätig, die Wartezeiten für Schmerzpatientinnen- und -patienten sind jedoch häufig sehr lang – zumal viele von ihnen nicht schwerpunktmäßig Patientinnen und Patienten mit Schmerzerkrankungen behandeln oder nicht ausreichend für die Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen qualifiziert sind.“
Heike Norda, Präsidentin des USVD SchmerzLOS e. V. – Unabhängige Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutschland, betont:
„Die Suizidalität unter Schmerzpatientinnen und -patienten ist bereits heute höher als in der Normalbevölkerung. Wenn Abteilungen und Kliniken wegbrechen, ist das eine Katastrophe.“

Was Betroffene tun können

Hilfe und Unterstützung finden Patienten bei ihrem Hausarzt. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn eine gezielte stationäre Schmerztherapie nicht möglich ist. Er kann akute Rezepte ausstellen, Dosisanpassungen vornehmen oder direkt einen Schmerztherapeuten konsultieren.
Weiterhin kann der Kassenärztliche Notdienst unter der bundesweiten Rufnummer 116117 außerhalb der Sprechzeiten Hilfestellung geben. Über die Arztsuche der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) oder die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) finden Betroffene niedergelassene Schmerztherapeuten.
Eine Akuthilfe bietet zudem die Telefonseelsorge. Sie ist kostenfrei, anonym und rund um die Uhr unter der Rufnummer 0800/1110222 erreichbar.
Darüber hinaus bieten die Krankenkassen ebenso Unterstützung an und können bei der Vermittlung von ambulanten Pflegekräften, Physiotherapeuten oder Psychotherapeuten helfen. Über die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) können Betroffene verfügbare Therapeuten für eine Schmerzbewältigung finden.
Die Deutsche Schmerzliga bietet mit ihrem Schmerztelefon unter der Rufnummer 06431/4972400 eine weitere Möglichkeit zur Hilfe an.
In ihrem Text „Vom Warum zum Wozu“ thematisieren Claudia Bozzaro und Dominik Koesling von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Psychotherapeutin Ursula Frede die innere Haltung im Umgang mit chronischen Schmerzen. Sie zitieren die Worte einer Schmerzpatientin, die nach einem Blinddarmdurchbruch und Narbenverwachsungen an chronischen Schmerzen leidet:
„Ich musste lernen zu leben, ungeachtet der Schmerzen. Ich habe nach dem Wozu gefragt. […] Für mich heißt, Sinn zu finden, meine Lebensaufgabe auch als kranker Mensch zu finden. Das gibt mir geistigen und seelischen Halt.“
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Haftbefehle gegen zwei Männer nach Hauseinsturz in Görlitz

Nach dem Hauseinsturz in Görlitz mit drei Toten ist Haftbefehl gegen zwei Männer erlassen worden. Die beiden seien dringend tatverdächtig, im Mai eine Gasexplosion in dem Haus verursacht zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft Görlitz mit. Bei dem Unglück kamen am 18. Mai zwei junge Frauen aus Rumänien und ein Deutsch-Bulgare ums Leben.
Nach den aktuell vorliegenden vorläufigen Sachverständigengutachten ist die Gasexplosion als Einsturzursache demnach bestätigt. Die Staatsanwaltschaft konnte daher die Haftbefehle gegen die Männer im Alter von 27 und 33 Jahren beantragen.

Gasleitungen am Haus beschädigt

Die mutmaßlichen Buntmetalldiebe stammen aus Polen und Afghanistan. Nach aktuellem Erkenntnisstand waren die beiden Tatverdächtigen am Nachmittag vor dem Einsturz im Umfeld der Gründerzeitvilla unterwegs und suchten nach „stehlenswertem Gut“.
Die Männer hatten es den Angaben zufolge unter anderem auf Fahrräder, Schrott sowie Buntmetalle abgesehen. In dem Haus, das später einstürzte, sollen sie Gasleitungen beschädigt beziehungsweise manipuliert haben.

Psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben

Die Männer befinden sich bereits in anderer Sache in Haft. Die neu erlassenen Untersuchungshaftbefehle würden laut Staatsanwaltschaft vollstreckt, sollten die Gründe für die bestehende Haft wegfallen.
Zur Frage der Schuldfähigkeit der Beschuldigten wurde ein forensisch-psychiatrisches Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben. Ausgangspunkt der Ermittlungen gegen die beiden Männer waren Hinweise der polnischen Polizei.
Die Untersuchungen zu den Ursachen der Explosion dauern unterdessen weiter an. Eine 3D-Rekonstruktion der Gasanlage befindet sich den Angaben nach in der Endbearbeitung. Bei den Materialuntersuchungen, insbesondere der Kupferrohre unterstützt das Bundeskriminalamt mit einem speziellen Mikroskop. (dpa/red)
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„Was ist aus Deutschland geworden?“: Anna Heisers Video löst Debatte aus


In Kürze:

  • Nach einem Deutschlandbesuch kritisiert Influencerin Anna Heiser verschmutzte Straßen und öffentliche Plätze.
  • Ihr Instagram-Video löst Tausende Kommentare aus und sorgt für eine kontroverse Debatte.
  • Für viele geht die Diskussion über Müll hinaus und wird zum Symbol für den Zustand Deutschlands.

 
„Was ist aus dem schönen, ordentlichen, gepflegten Deutschland geworden?“ Mit dieser Frage löst Influencerin Anna Heiser nach einem Deutschlandbesuch eine Debatte aus, die innerhalb weniger Stunden Tausende Menschen bewegt.
Unter ihrem Instagram-Video sammeln sich innerhalb von nicht einmal 24 Stunden rund 5.000 Kommentare – bei etwa 276.000 Followern. Die Resonanz zeigt: Das Thema trifft einen Nerv.
 

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Heiser, die im polnischen Niwy geboren wurde, zog 2010 nach Deutschland. Bekannt wurde sie 2017 durch die RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“, in der sie den namibischen Farmer Gerald Heiser kennenlernte. Seit ihrer Hochzeit lebt sie überwiegend in Namibia.
Nach einem dreitägigen Besuch in Deutschland veröffentlichte sie ein Video, in dem sie ihre persönliche Wahrnehmung des Landes schildert. Sie vergleicht ihren heutigen Eindruck mit dem Deutschland, das sie vor 15 Jahren kennenlernte.
„Ich habe mich in die Vorgärten, die ordentlichen, schönen Fassaden verliebt. Im Gegensatz zum damaligen Polen, wo es einfach nur grau war.“ Deutschland sei für sie damals „die Definition eines superentwickelten Landes“ gewesen. Heute nehme sie besonders in Nordrhein-Westfalen ein anderes Bild wahr. In ihrem Video zeigt sie unter anderem verschmutzte Bereiche an Straßen und am Flughafen.
„Jetzt bin ich hier durch die Städte gelaufen. Das ist so dreckig. […] Leute, warum ist es hier so dreckig? Was ist mit diesem schönen, ordentlichen, gepflegten Land passiert?“
Um Missverständnisse zu vermeiden, betonte Heiser unter ihrem Beitrag, dass es ihr nicht um ein politisches Statement gehe. Sie schildere lediglich ihre persönliche Wahrnehmung: „Ich vermisse das Land, in das ich 2010 ausgewandert bin. Ich vermisse die sauberen Straßen, gepflegten Fassaden und öffentlichen Orte, auf die man stolz sein konnte.“
Sie stellt die Frage, ob ihr Eindruck mit fehlenden Arbeitskräften zusammenhängt oder ob sich die Wertschätzung für den öffentlichen Raum verändert hat.

Zwischen Zustimmung und Widerspruch

Die Reaktionen fielen kontrovers aus. Viele Nutzer bestätigten Heisers Eindruck und nannten als mögliche Gründe unter anderem mangelnden Respekt vor öffentlichem Eigentum, Personalmangel in Kommunen oder Sparmaßnahmen.
Ein Nutzer kommentierte, es fehle an „Respekt“. Die Leute seien „achtlos“. Wenn jeder seinen Müll ordnungsgemäß entsorgen würde, gäbe es das Problem nicht. Andere verwiesen auf fehlende Umwelterziehung, weniger Mülleimer im öffentlichen Raum oder überlastete Ordnungsämter.
Einige Kommentatoren verbanden die Debatte zudem mit grundsätzlichen politischen und wirtschaftlichen Themen. Genannt wurden unter anderem Staatsausgaben, Migration und die finanzielle Situation vieler Städte und Gemeinden. So machten einzelne Nutzer die Aufnahme von Geflüchteten, Sozialleistungen oder internationale Ausgaben des Staates für den Zustand des Landes verantwortlich.
In einem Kommentar heißt es: „Du sagst, was ist aus Deutschland geworden? Deutschland ist in der EU seit Jahrzehnten in allen Belangen der größte Geldgeber. Seit 2015 haben wir in der EU die meisten Asylanten aufgenommen, was dem Land immens viel Geld kostet.
Der Fehler ist, dass zu viel an Sozialleistungen gezahlt wird und die Menschen sich an das Nichtstun gewöhnen und feststellen, man kann davon trotzdem noch ganz gut leben.“ Hinzu komme die geopolitische Situation und auch „da zahlen wir das meiste Geld, obwohl es uns mittlerweile überall fehlt.“ Den Städten und Gemeinden würden Gelder entzogen, was bedeute, dass überall gespart werden müsse.

Obdachlos in Deutschland.

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Andere sahen darin hingegen eine Folge von Sparmaßnahmen und fehlenden Mitteln in Kommunen. Die Kommentare zeigen, dass die Diskussion über verschmutzte öffentliche Räume schnell auf größere gesellschaftliche und politische Fragen ausgeweitet wurde.
Andere Nutzer verglichen Deutschland mit Polen oder asiatischen Ländern und verwiesen auf aus ihrer Sicht gepflegtere Innenstädte dort. Gleichzeitig stieß diese Einschätzung auf deutlichen Widerspruch.
Mehrere Kommentatoren warfen Heiser vor, Deutschland pauschal schlecht darzustellen. Sie kritisierten, dass aus persönlichen Eindrücken keine allgemeine Aussage über den Zustand des Landes abgeleitet werden könne. Zudem verwiesen einige darauf, dass finanzielle Engpässe und Sparmaßnahmen vielerorts die Pflege öffentlicher Räume erschweren würden.
Andere Nutzer betonten, dass es weiterhin zahlreiche gepflegte Städte und Regionen in Deutschland gebe, und warnten vor einer zu einseitigen Darstellung.

Obdachlos in Deutschland.

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Mehr als eine Debatte über Müll

Die Diskussion zeigt, dass es bei der Debatte nicht allein um herumliegenden Abfall geht, auch wenn Heiser dies betont. Für viele Nutzer wird das Thema zum Symbol für eine größere Unzufriedenheit mit der Entwicklung des Landes. Während einige darin einen Verlust an Ordnung, Verantwortungsbewusstsein und kommunaler Leistungsfähigkeit sehen, warnen andere davor, aus persönlichen Eindrücken allgemeine Aussagen über Deutschland abzuleiten.
Einige Nutzer gehen in ihrer Bewertung noch weiter. Eine Kommentatorin schreibt: „Anna hat recht, man hat Angst, auf die Straße zu gehen. Die Frage, warum es so ist, braucht man nicht beantworten. Jeder weiß es.“
Aus einem persönlichen Reiseeindruck entwickelte sich innerhalb weniger Stunden eine umfassende Debatte über den Zustand Deutschlands. Die Diskussion dreht sich damit längst nicht mehr nur um verschmutzte öffentliche Räume, sondern um unterschiedliche Wahrnehmungen darüber, wie sich das Land verändert.
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Justin Biebers „Halleluja“ zur Fußball-WM-Show – Amerikas junge Männer werden religiöser


In Kürze:

  • WM-Halbzeit: Justin Bieber präsentierte Lied über Glauben statt Partysong
  • Ein Leben im Rampenlicht mit religiösem Hintergrund
  • Während Auf und Ab, Glaube an „Geschichte von Jesus“ als Konstante
  • Trend zur Religiosität: Amerikas junge Männer orientieren sich um

 
Justin Bieber hätte während der Show der Halbzeitpause beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft einfach wieder eines seiner Poplieder bringen können, die ihn berühmt gemacht haben. Stattdessen nutzte der kanadische Sänger im MetLife-Stadion in East Rutherford, New Jersey, die Gelegenheit, die Akustikversion eines seiner weniger bekannten neueren Titel aufzuführen.
Bei dem Song „Everything Hallelujah“ handelt es sich um ein glaubensorientiertes Lied, das Dankbarkeit und Lob für die Segnungen im Leben ausdrückt. Es bildete einen scharfen Kontrast zu den fröhlichen Partyliedern von Madonna, BTS und Shakira im Programm.
Die religiösen Untertöne von Biebers Auftritt spiegeln wider, dass der in Ontario geborene Sänger seinen Glauben inzwischen deutlich offener lebt – obwohl dieser schon seit Langem ein fester Bestandteil seines Lebens gewesen ist. Zugleich ist dies Teil eines größeren Trends: einer Wiederbelebung der Religiosität unter jungen Männern in Nordamerika.

Früher Glaube und Aufstieg zum Ruhm

Bieber wurde hauptsächlich von seiner Mutter Pattie Mallette erzogen, die sich als 17-Jährige bewusst dem Christentum zuwandte. Das war ein Jahr vor der Geburt ihres Sohnes. Mallettes Bekehrung zum Christentum folgte auf eine Kindheit voller Missbrauch, Depressionen und Drogenprobleme. Ausschlaggebend dafür waren ihre Treffen mit einer Mitarbeiterin eines Jugendzentrums, die mit ihr über die Liebe Gottes sprach, nachdem die Jugendliche nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus eingeliefert worden war.
Bieber wuchs innerhalb von Mallettes konfessionsfreier charismatisch-christlicher Gemeinschaft auf. Nach Angaben von Malette entschied sich Bieber im Alter von etwa acht Jahren dazu, sich taufen zu lassen.
18. November 2012 – Sänger Justin Bieber (rechts) und seine Mutter Pattie Malette besuchen die 40. American Music Awards im Nokia Theatre in Los Angeles, Kalifornien. Foto: Jason Merritt/Getty Images

18. November 2012 – Sänger Justin Bieber und seine Mutter, Pattie Mallette, nehmen an den 40. American Music Awards im Nokia Theatre in Los Angeles teil.

Foto: Jason Merritt/Getty Images

Bieber erzählte später, dass seine Mutter oft Predigten des in Seattle ansässigen evangelikalen Pastors Judah Smith abspielte. Smith ist dafür bekannt, die persönliche Beziehung zu Gott und Jesus Christus in seiner Megakirche Churchome in den Mittelpunkt zu stellen.
Dann wurde Bieber auf YouTube entdeckt. Es folgten ein Plattenvertrag und der kometenhafte Aufstieg ins internationale Musikgeschäft. Sein Debütalbum „My World“ wurde weltweit ein Erfolg, und die Hitsingle „Baby“ machte den damals 15-Jährigen 2010 zum globalen Superstar.
In einem Interview aus dem Jahr 2010 beschrieb sich der damals jugendliche Sänger als Christ. Er erklärte, dass er täglich in der Bibel lese und bete. Zudem habe er einen christlichen Hauslehrer.
„Ich bete ständig. Ich bete zwei- bis dreimal am Tag. Wenn ich aufwache, danke ich Ihm für alles, was er mir geschenkt hat. Ich danke Ihm, dass er mich in diese Position gebracht hat. Und am Ende des Tages hole ich meine Bibel raus“, sagte Bieber. „Es ist etwas, das mich erdet.“
1. September 2009 – Der Musiker Justin Bieber im Nintendo World Store in New York City. Foto: Bryan Bedder/Getty Images. Foto: Bryan Bedder/Getty Images

1. September 2009: Der Musiker Justin Bieber im Nintendo World Store in New York City.

Foto: Bryan Bedder/Getty Images

Persönliche Probleme und Comeback

In seinen späten Teenagerjahren machte Bieber jedoch mit Drogenkonsum, destruktivem Verhalten und Eskapaden Schlagzeilen. Dabei sprach der Star offen darüber, dass er mit Depressionen und persönlichen Problemen zu kämpfen hatte.
Als Bieber begann, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, spielte Pastor Carl Lentz von der internationalen evangelikalen Megakirche Hillsong eine wichtige Rolle. Lentz berichtete, Bieber habe mehrere Wochen mit ihm und seiner Familie in New Jersey verbracht und sich 2014 als öffentliches Bekenntnis zu seinem Glauben erneut taufen lassen.
„Dieser Junge ist 21. Er lebt in einer furchtbar toxischen Welt“, sagte Lentz 2015 gegenüber dem Magazin GQ. „Er hat nie vorgegeben, jemand anderes zu sein als der, zu dem er sich immer offen bekannt hat – nämlich ein Mensch, der noch an sich arbeitet.“
Einige Jahre später, im Jahr 2021, stellte Bieber öffentlich klar, dass er Churchome als seine Kirche betrachte und nicht Hillsong. Er wies dabei auch Gerüchte zurück, dass er plane, Pastor bei Hillsong zu werden. Das sei alles unwahr, erklärte Bieber. „Kirche ist kein Ort. Wir sind die Kirche“, postete Bieber Anfang 2021 in den sozialen Medien. „Wir brauchen kein Gebäude, um uns mit Gott zu verbinden. Gott ist mit uns, wo immer wir sind.“
Biebers Distanzierung von Hillsong erfolgte im Zuge der Entlassung von Pastor Lentz aus der Kirche im Jahr 2020. Lentz sagte, er sei entlassen worden, weil er seine Frau Lauren Lentz betrogen hatte.

Biebers Überzeugungen

Biebers religiöse Überzeugungen werden am treffendsten als eine zeitgenössische Form des konfessionsfreien Evangelikalismus beschrieben.
Der Sänger hat klargestellt, dass er sich nicht als konventionell religiös, sondern als jemand sieht, der persönlich an Christus glaubt.
„Ich glaube an die Geschichte von Jesus – so einfach ist mein Glaube“, sagte Bieber 2019 gegenüber dem Magazin „Vogue“.
In Biebers On-Off-Beziehung mit der Sängerin Selena Gomez von 2010 bis 2018 spielten ebenfalls Glaubensaspekte eine Rolle. Während einer ihrer Versöhnungen im Jahr 2014 nahmen sie gemeinsam an den von Smith geleiteten Bibelkreisen von Churchome teil.
Gomez engagierte sich später ebenfalls bei Hillsong und besuchte ab 2017 regelmäßig Gottesdienste in Los Angeles, gemeinsam mit Bieber. So wie Bieber distanzierte sich auch Gomez später von Hillsong, nachdem Pastor Lentz entlassen worden war.
Die Sänger Justin Bieber und Selena Gomez besuchen die ESPY Awards 2011 im Nokia Theatre L.A. Live am 13. Juli 2011 in Los Angeles, Kalifornien. Foto: Christopher Polk/Getty Images für ESPN

Die Sänger Justin Bieber und Selena Gomez besuchen die ESPY Awards 2011 im Nokia Theatre am 13. Juli 2011 in Los Angeles.

Foto: Christopher Polk/Getty Images für ESPN

Nach der Trennung von Gomez heiratete Bieber im September 2018 Hailey Baldwin. Er hatte sie erstmals 2009 auf das damals zwölfjährige Mädchen, als sie ihm von ihrem Vater, dem Schauspieler Stephen Baldwin, vorgestellt wurde. Im Jahr 2018 traf Bieber erneut auf Hailey, diesmal bei einer religiösen Veranstaltung, die von Pastor Rich Wilkerson Jr. ausgerichtet wurde.

Hailey sagte, sie habe dafür gebetet, Bieber zu heiraten, und er erklärte, sie sei ein stabilisierender Einfluss, der ihm geholfen habe, ein Familienleben aufzubauen, nach dem er sich seit seiner Kindheit immer gesehnt habe. Sie erklärte, dass ihr gemeinsamer christlicher Glaube ein zentrales Fundament für ihre Ehe sei. Im Jahr 2024 kam ihr erstes Kind zur Welt: Jack Blues Bieber.

27. Januar 2020 – Der kanadische Sänger Justin Bieber und seine Frau, US-Model Hailey Bieber bei ihrer Ankunft zur Premiere der YouTube-Originals-Serie „Justin Bieber: Seasons“ im Regency Bruin Theatre in Los Angeles. Foto: Lisa O’CONNOR / AFP via Getty Images

27. Januar 2020: Der kanadische Sänger Justin Bieber und seine Frau, US-Model Hailey Bieber, bei ihrer Ankunft zur Premiere der YouTube-Originals-Serie „Justin Bieber: Seasons“ im Regency Bruin Theatre in Los Angeles.

Foto: Lisa O’Connor/AFP via Getty Images

Religiöses Comeback unter jungen Männern

Biebers Bekenntnis zum christlichen Glauben erfolgt inmitten eines Wiederauflebens religiöser Überzeugungen unter den jungen Männern in Amerika.
Jüngste Umfragen von Gallup ergaben, dass 42 Prozent der 2024 und 2025 befragten amerikanischen Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren angaben, dass Religion in ihrem Leben essenziell sei.
Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den 28 Prozent einer Gallup-Umfrage aus den Jahren 2022 und 2023. In der neuen Befragung gaben zudem rund 40 Prozent der besagten Alterskohorte an, dass sie mindestens einmal im Monat zu Gottesdiensten gehen würden, was das höchste Niveau in dieser Altersgruppe seit mehr als einem Jahrzehnt darstellt.
Verschiedene andere Umfragen berichteten ebenfalls von einer steigenden Religiosität unter jüngeren Erwachsenen. Eine dieser Studien der American Bible Society aus dem Jahr 2025 ergab, dass rund 30 Prozent der Generation Y (geboren zwischen circa 1980 und 1995) im Jahr 2024 und 39 Prozent im Jahr 2025 angaben, regelmäßig die Bibel zu lesen.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Justin Bieber’s ‚Hallelujah‘ World Cup Show Comes as More Young Men Turn to Religion“ (redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Polizei findet IS-Bekennervideo auf Handy des CSD-Attentäters

Nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) haben die Ermittler auf dem Handy des Attentäters Abdul B. offenbar ein IS-Bekennervideo entdeckt. Das berichtet die „BILD“.
Das Video soll demnach am 25. Juli aufgenommen worden sein, dem Tag des Anschlags, und soll B. zeigen, wie er sich zur Terrororganisation Islamischer Staat bekennt. Die Polizei hatte das Handy zuvor im Tatfahrzeug gefunden.
Der Attentäter war am Samstagabend mit einem Kleintransporter in den Berliner Tiergarten gerast, wo CSD-Teilnehmer gerade feierten. Im Anschluss ging er mit einer Machete auf Passanten los.
Insgesamt wurden bei dem Anschlag 29 Menschen verletzt, eine Frau aus Polen wurde getötet. Der Attentäter wurde am Sonntagabend in einer Kleingartenanlage in Spandau lokalisiert und bei einem Polizeieinsatz erschossen. (dts/red)