Categories
etplus gesellschaft ticker wirtschaft

Atypisch für Deutschland? Wie ein 19-jähriger Unternehmer auf Erfolgskurs geht

„Dann sind natürlich Tränen geflossen, Stühle geflogen“, erzählt Pascal Becker schmunzelnd.
Der 19-Jährige erinnert sich an den Tag, an dem er seiner Mutter sagte, dass er die Schule abbrechen wolle.
Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie, in der ein guter Schulabschluss dennoch wichtig war. Auch Beckers Vater hat als Arzt gearbeitet und vor seiner Selbstständigkeit promoviert.
Becker sah für sich jedoch einen anderen Lebensweg. Bereits mit 16 Jahren hatte er sich neben der Schule selbstständig gemacht. Als er mit seinen IT-Dienstleistungen immer erfolgreicher wurde und die Aufträge ihn zunehmend beanspruchten, entschied er sich, sich ganz auf seine Kunden und das Unternehmertum zu konzentrieren. Und diese Entscheidung bereut er bis heute nicht.
Die Zahlen, die Becker nennt, sind bemerkenswert: Nach seinen Angaben stieg der Jahresumsatz von rund 10.000 Euro im Jahr 2023 auf 100.000 Euro 2024 und 1 Million Euro 2025. Für 2026 rechnet er sogar mit 6 Millionen Euro. „Wir sind sehr, sehr gut dabei“, sagt er.
Was 2023 als Einzelunternehmen begann, entwickelte sich zur BIT-Systems GmbH, die nach eigener Beschreibung ein deutschlandweit tätiges, auf den Mittelstand spezialisiertes IT-Systemhaus ist.
Seit 2026 baut Becker unter dem Namen BIT Group weitere Geschäftsfelder auf, darunter Personalvermittlung und Softwareentwicklung. Neben Wiesbaden ist der Standort München hinzugekommen. Die Anzahl der Festangestellten stieg nach seinen Angaben auf 55.

„Irgendwann fragt auch keiner mehr nach dem Alter“

Kaum ist Becker aus Amsterdam zurück, wartet schon der nächste Termin. Seine Stimme klingt dennoch energiegeladen und vor allem selbstbewusst.
Er war auf einer Fachmesse für Cybersicherheit, eingeladen von einem Geschäftspartner. Für ihn gehört es zum Alltag, technologische Entwicklungen im Blick zu behalten. Zugleich ist es für ihn besonders schön zu sehen, „wenn auch unsere Arbeit in der Branche so ein bisschen wertgeschätzt wird“.

Im Schnitt besucht Becker monatlich 20 potenzielle Neukunden.

Foto: BIT-Systems GmbH

Dass er erst 19 Jahre alt ist, sorgt auch dort noch immer für Erstaunen. In einer Runde mit zahlreichen Branchenkollegen habe der Geschäftspartner sein Alter verraten und hinzugefügt: „Der macht den gleichen Umsatz wie ihr.“ Diese Anekdote erzählt Becker am Rande des Gesprächs mit Stolz, als die Frage aufkommt, ob sein junges Alter in der oft als konservativ geltenden deutschen Unternehmerwelt zum Nachteil werden könne.
„Das Schwierigste war es, den ersten Kunden rumzukriegen. Danach ging es dann relativ zügig weiter.“
Nach drei Jahren in der Branche erhält er viele Weiterempfehlungen von Kunden. Stolz ist er darauf, dass sein IT-Systemhaus in dieser Zeit keinen einzigen Kunden verloren habe. Für stetiges Wachstum setzt er aber auch auf Kaltakquise, um neue Kunden zu gewinnen.
Rund 20 Gespräche mit potenziellen Neukunden führt Becker zurzeit nach eigenen Angaben jeden Monat. Aus etwa jedem zweiten werde ein Auftrag.
Häufig begleitet ihn dabei der technische Leiter oder ein Spezialist für Softwareentwicklung, der das entscheidende Know-how mitbringt „und auch ein bisschen Reputation schafft“.
„Irgendwann fragt auch keiner mehr nach deinem Alter“, sagt Becker lächelnd.

Die 80-Stunden-Woche eines Gen-Z-Unternehmers

Wenn es sein Terminkalender erlaubt, beginnt Becker den Tag im Büro in Wiesbaden.
Dort verschafft er sich einen Überblick über laufende Projekte und mögliche Störungen. Nach seiner Erfahrung treten technische Probleme besonders häufig morgens auf.
Anschließend folgen Gespräche mit Mitarbeitern, Führungskräften und Auszubildenden, bevor am Nachmittag die Außentermine anstehen. „Ich mache keine Technik mehr. Ich mache nur noch Vertrieb und Management“, sagt Becker.
Die Kunden stammen aus unterschiedlichen Branchen: von spezialisierten Technologieunternehmen über größere Fleischereien bis hin zu Tierkliniken.

Trotz seines jungen Alters wird Becker von Geschäftspartnern und Kunden geschätzt.

Foto: BIT-Systems GmbH

Sobald ein Vertrag geschlossen ist, übernimmt das technische Team. Mit rund 40 Mitarbeitern bildet es die mit Abstand größte Abteilung des Unternehmens.
Die Mitarbeiter kümmern sich um sämtliche IT-Probleme der Kunden – von Hard- und Software über die Verwaltung der IT-Systeme bis hin zu Lösungen für die Cybersicherheit. Darunter sind auch mehrere Auszubildende.
Hinzu kommen Mitarbeiter im Management, Backoffice, Recruiting und Vertrieb, die zusammen das 55-köpfige Team bilden. Das Durchschnittsalter im Unternehmen schätzt Becker auf rund 30 Jahre.
Den Abend lässt Becker gern „mit etwas Sinnvollem ausklingen“. So trifft er sich mit Beratern, Geschäftspartnern oder Kunden zum Essen, wo ein persönliches, freundschaftliches Verhältnis das Geschäftliche abrundet.
So kommt der junge Unternehmer nach eigenen Angaben schnell auf rund 80 Arbeitsstunden pro Woche.

„Ich war immer der, der am meisten gearbeitet hat“

Woher nimmt er diese Motivation – als Angehöriger der Generation Z, die in der heutigen Arbeitswelt eher bekannt ist für ihren Fokus auf „Work-Life-Balance“?
Bei dieser Frage erinnert sich Becker gern an die Zeit, als er noch als Schüler bei einem der größten IT-Systemhauskonzerne Deutschlands ein Praktikum begann. Zunächst musste er lediglich Laptops von A nach B bringen. Später durfte er Kunden zeigen, wie ihre IT-Infrastruktur aussehen sollte. Zunehmend betreute er die Projekte selbstständig.
„Ich war vielleicht nicht der, der am schnellsten war. Am Anfang gar nicht. Aber ich war immer der, der am meisten gearbeitet hat“, erzählt er lächelnd.
Von seiner Familie sei er „wortwörtlich“ zur Selbstständigkeit erzogen worden. Ob Vater oder Mutter, Großmutter väterlicherseits oder Großvater mütterlicherseits – viele seiner Familienmitglieder waren selbstständig. „Das liegt so ein bisschen bei uns, in der Natur der Sache.“
Doch neben dem familiären Hintergrund ist es vor allem die Freude an seiner Arbeit, die ihn antreibt. „Es ist das Thema IT und jetzt auch das Thema Vertrieb und Partnermanagement. Das sind Sachen, die machen mir einen unglaublichen Spaß.“
Aus dieser Begeisterung erwächst bei dem jungen Unternehmer der Wunsch, den Kunden eigene Lösungen anzubieten – aus seiner Sicht näher am Kunden, schneller und effizienter, vor allem aber preislich „transparent und fair“.
Im November 2023 machte sich Becker mit 16 Jahren als Einzelunternehmer selbstständig. Als Minderjähriger musste er dafür eine gerichtliche Genehmigung einholen. Seine Eltern begleiteten ihn dabei. Auf die Frage, ob sie ihrem Sohn das zutrauten, antworteten beide mit „Ja“.
Ohne ihre Zustimmung, erfuhr er später, wäre sein Vorhaben kaum möglich gewesen.
Als Becker jedoch in der zwölften Klasse die Schule abbrechen wollte, um sich ganz auf sein Unternehmen zu konzentrieren, stieß er nicht zuletzt bei seiner Mutter auf erheblichen Widerstand.
Wie durch Zauberhand wirkten schließlich die Worte einer Taxifahrerin, die ihn seit fast einem Jahr regelmäßig zu Kundenterminen fuhr. Sie sagte zu seiner Mutter:
„Hören Sie, Frau Becker, ich fahre den Jungen jeden Tag von A nach B, und das mache ich seit knapp einem Jahr. Sie können davon ausgehen, wenn er so weitermacht wie jetzt, dann kann das gar nicht schiefgehen.“
Schließlich unterschrieb seine Mutter die Abmeldung.

Mut und Vertrauen: Ein Rezept gegen den Fachkräftemangel?

Was seine Eltern ihm mit 16 Jahren zutrauten, traut er heute seinen Mitarbeitern zu: Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu machen und daran zu wachsen.
Denn neue Kunden zu gewinnen, ist nur die eine Hälfte des Geschäfts. Die andere besteht darin, genügend qualifizierte Beschäftigte für die umfangreichen Kundenaufträge zu finden.
Gerade in der IT-Branche ist das keine Selbstverständlichkeit: Nach einer Prognose des Digitalverbands Bitkom dürfte der deutsche IT-Markt im Jahr 2026 um 5,4 Prozent auf knapp 171 Milliarden Euro wachsen. Zugleich bleiben Fachkräfte knapp. Die von Bitkom bezifferte Zahl der unbesetzten IT-Stellen liegt 2026 bei rund 79.000.
„Die Lösung für den Fachkräftemangel ist es nicht, die guten Leute einzustellen. Die Lösung für den Fachkräftemangel ist es, die Leute einzustellen, die man hat. Und diese Leute so lange zu qualifizieren, bis man daraus eine Fachkraft hat“, sagt Becker überzeugt.
Mindestens vier Auszubildende nimmt sein Unternehmen nach eigenen Angaben jedes Jahr auf. Hinzu kommen Praktikanten und Quereinsteiger. Dabei sollen die jungen Leute nicht bloß zuschauen. Vom ersten Tag an erhalten sie praktische Aufgaben.

Im Umgang mit seinem Team spielen Mut und Vertrauen eine wichtige Rolle.

Foto: BIT-Systems GmbH

Für jeden Auszubildenden sieht Becker nach eigenen Angaben während der dreijährigen Ausbildung Schulungen im Wert von mindestens 10.000 Euro vor. Zuvor bespricht er mit jedem individuell, in welche Richtung er sich beruflich entwickeln möchte.
Stolz berichtet er auch, dass seine Auszubildenden regelmäßig zu den Besten ihrer Berufsschulklassen gehörten.
„Ich erwarte auch von jedem Mitarbeiter, der bei uns ist, dass er jeden Tag auf die Arbeit kommt und sagt: ‚Ich mache das gerne noch einen weiteren Tag.‘ Wenn er es nicht gerne noch einen weiteren Tag macht, dann wird der Kunde das merken.“
Bei der Personalauswahl zählt für ihn nicht allein der Lebenslauf:
„Es kommt darauf an, was sie im Kopf haben. Es kommt nicht darauf an, was sie da auf Papier stehen haben.“
Damit gibt er im Umgang mit seinen Mitarbeitern jenes „amerikanische Mindset“ weiter, das er selbst durch seine Eltern erfahren hat.

Die Expansion: Keine „Angst vor Scheitern“?

Um sich auch langfristig für das schnelle Wachstum des Geschäfts notwendige Personal zu sichern, ist Becker dabei, eine Münchner Personalvermittlung zu übernehmen.
Er bezeichnet die Entscheidung als eines der „zwei schlauen Dinge“, die er Anfang des Jahres gemacht habe.
Auch eine eigenständige Tochtergesellschaft für Softwareentwicklung und ein auf IT-Lösungen für Tierarztpraxen spezialisierter Geschäftsbereich gehören zum sich vollziehenden Wandel des IT-Systemhauses BIT-Systems GmbH zur breiter aufgestellten BIT Group.
Insgesamt möchte Becker im kommenden Jahr „mindestens“ 10 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften.
Den Ausbau finanziert Becker aus laufenden Einnahmen und Bankkrediten, ganz ohne externe Investoren. „Also ich bin, wenn Sie so möchten, hoch verschuldet“, sagt er schmunzelnd.
Damit führt das Gespräch unweigerlich zur aktuellen Debatte über den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der deutschstämmige US-Investor Peter Thiel sprach in einem Interview sinngemäß davon, dass in Deutschland weniger Gründer als in den USA ihre Unternehmen zu internationaler Größe ausbauten. Als mögliche Gründe nannte er eine Angst vor dem Scheitern, aber auch vor dem Erfolg.
„Angst vor Scheitern gibt es in Deutschland ohne Ende.“ Auch Becker stimmt zu.
„Wir sind in Deutschland meiner Meinung nach in einer Gesellschaft, die von Angst und durch Angst geprägt ist. Der Deutsche ist klassisch zurückhaltend, sauber und ordentlich strukturiert, aber definitiv niemand, der nach vorne prescht.“
Umso dankbarer ist Becker seinen unternehmerisch tätigen Eltern und Großeltern, die ihm vorlebten, mit Risiken und Ängsten umzugehen. „Ich habe ja gesehen, dass es funktionieren kann.“
Andererseits habe er auch keine Angst davor, dass seine Pläne scheitern könnten. „Wenn es nicht funktioniert, mache ich das, was alle anderen auch machen und gehe arbeiten.“

Standort Deutschland: Zwischen Krise und Zuversicht

Die Angst vor dem Erfolg hänge vielmehr mit den Rahmenbedingungen zusammen, die das Wachstum junger Unternehmen in Deutschland erschweren.
Verschiedene Studien, darunter der KfW-Gründungsmonitor 2026 und der Deutsche Startup Monitor 2026, beleuchten die Herausforderungen, vor denen Gründer in Deutschland stehen.
In den USA sei Kapital von institutionellen und privaten Investoren wesentlich leichter zugänglich, sagt Becker. In Deutschland erschwerten zudem hohe Steuern, Bürokratie und politische Unsicherheit das Wachstum.
„Wir haben die Bürokratie erschaffen. Wir leben sie auch“, sagt Becker. Seiner Meinung nach habe sich Deutschland damit „selbst einen Strick um den Hals gelegt“. Manchen politischen Entscheidungsträgern fehle aus seiner Sicht außerdem wirtschaftliche und unternehmerische Erfahrung.
Allerdings unterscheide sich sein Geschäftsmodell von dem eines klassischen Start-ups, das ein bestimmtes Produkt entwickelt und mithilfe von Wagniskapital schnell in großer Stückzahl verkaufen kann. „Bei uns muss der gesamte Apparat wachsen und das muss er mit einer gewissen Effizienz“, urteilt er nüchtern. Sonst werde das Unternehmen zu teuer und könne die Kunden nicht mehr zu dem zugesicherten Preis bedienen.
„Es sind ganz andere Dynamiken in der Firma. Der Kunde kommt zu uns mit einem von 20.000 Problemen. Wir müssen eine Lösung für dieses Problem finden. Dafür gibt es aber kein Schema F. Das heißt, jeder Kunde ist in sich einzigartig.“
Diese Kundennähe und die breite Aufstellung seiner IT-Dienstleistungen binden ihn an den Standort Deutschland und ermöglichen es ihm zugleich, hier weiterzuwachsen.

Pascal Becker will sein IT-Unternehmen weiter ausbauen – und sieht seine Zukunft am Standort Deutschland.

Foto: BIT-Systems GmbH

Um Risiken zu streuen, setzt er jedoch schon früh gezielt auf Kunden aus zukunftsträchtigen Branchen, darunter spezialisierte Technologieunternehmen und der medizinische Bereich. „Sie nutzen jeden Tag Produkte von unseren Kunden, ohne das zu wissen“, sagt er.
Sein Ziel: Er will ein solides mittelständisches Unternehmen aufbauen, das langfristig Bestand hat.
„Wir haben eine Krise.“ Der 19-Jährige erwartet zweifelsohne schwierige Jahre für Deutschland, bleibt aber zuversichtlich:
„Ich bin fest überzeugt, dass man sich da wieder aus der Krise rausarbeiten kann.“

„KI ist ein Werkzeug, nicht die Lösung“

Als IT-Unternehmer kommt auch Becker an Künstlicher Intelligenz nicht vorbei.
Gerade in der Cybersicherheit sieht er großes Potenzial. KI-gestützte Systeme können Daten aus unterschiedlichen Quellen auswerten und dabei helfen, verdächtige Vorgänge schneller zu erkennen. Auch intern nutzt sein Unternehmen Chatbots und KI-basierte Wissensdatenbanken.
Eine Grenze zieht Becker jedoch beim Kundenkontakt. Wer bei seinem Unternehmen anruft, soll weiterhin mit einem Menschen sprechen:
„Der Mensch braucht jetzt Hilfe und er braucht Hilfe von einem anderen Menschen.“
Ein KI-Chatbot könnte nach seiner Einschätzung so viel Arbeit übernehmen, dass sich mindestens 20 Prozent des Personals anderweitig einsetzen ließen. Trotzdem verzichtet er auf einen solchen Assistenten als erste Anlaufstelle.
Hinter den Kulissen soll KI die Arbeit beschleunigen. Im direkten Kundenkontakt bleibt für Becker der Mensch entscheidend. „KI ist ein Werkzeug, nicht die Lösung.“

„Eine Last, die man gerne trägt“

Bei allen Wachstumsplänen will Becker die Menschen hinter seinem Unternehmen nicht aus dem Blick verlieren.
Drei Mitarbeiter seien von Anfang an dabei gewesen und gehörten heute zum Führungsteam. Den Erfolg allein für sich zu beanspruchen, wäre deshalb falsch, sagt er. Gemeinsam hätten sie etwas aufgebaut, auf das inzwischen viele Menschen angewiesen seien.
Denn hinter den 55 Beschäftigten stehen auch Familien, deren Lebensunterhalt vom Unternehmen abhängt. Mit jedem neuen Auftrag, jeder Einstellung und jeder Investition wächst daher auch Beckers Verantwortung. „Das ist ein Risiko. Das ist eine Last, die man gerne trägt. Aber es ist eine Last“, sagt er.
Abschrecken lässt er sich davon nicht. Für Becker gehören Verantwortung und unternehmerische Freiheit zusammen. Fehler habe er auf seinem Weg durchaus gemacht.
Und wenn er noch einmal 16 wäre?
„Ich würde es exakt wieder so machen.“
Categories
gesellschaft ticker

Sicherheitslücke legt zahlreiche Websites lahm

Nach der Warnung vor einer schwerwiegenden Sicherheitslücke in der Programmiersprache PHP sind etliche Webseiten weltweit zur Sicherheit zunächst vom Netz genommen worden. Auch am Donnerstag dürfte die Sicherheitslücke die Betreiber etlicher Onlineangebote weiter beschäftigen.
Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste, Marc Henrichmann (CDU), warnte im „Handelsblatt“ vor einem „Wendepunkt“: Künstliche Intelligenz (KI) mache aus Schwachstellen, die bisher unbekannt waren, in kurzer Zeit „echte Einfallstore“.
Der US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn hatten wegen der Gefahr von Cyberangriffen zur „umgehenden“ Installation eines Sicherheitsupdates geraten. BSI-Vizepräsident Thomas Caspers warnte auch Nutzer vor kompromittierten Websites.

Hacker könnten Server übernehmen

Die Sicherheitslücke könne es Hackern ermöglichen, sich „direkten Zugriff“ auf Datensysteme oder Server-Datenbanken zu verschaffen, warnte die NSA. „Kritische Schwachstellen innerhalb der Programmiersprache PHP bedrohen aktuell weltweit Webanwendungen“, erklärte das BSI.
Das Sicherheitsupdate wurde am Mittwoch zur Verfügung gestellt. Gelinge es nicht, dieses schnell zu installieren, sollten die Internetseiten vorsorglich abgeschaltet werden, rieten NSA und BSI. Sonst könnten Cyberangreifer Server ohne ein Passwort übernehmen.
PHP ist eine beim Erstellen von Websites und Webanwendungen weltweit verbreitete Programmiersprache. Laut BSI sind vermutlich alle Versionen bis mindestens PHP 5 betroffen. „Wenn Sie PHP einsetzen, ist es zwingend erforderlich, dass Sie jetzt ein Update vornehmen“, erklärte die PHP-Stiftung in einem Blogbeitrag.
„Das ist eine der ernstesten Sicherheitslücken der vergangenen Jahre“, sagte der CDU-Politiker Henrichmann. Die Schwachstelle betreffe einen Großteil der Websites weltweit und sei damit „ein Problem für die gesamte digitale Infrastruktur“.
Der Fall zeige auch, wie verwundbar staatliche Einrichtungen seien, wenn zentrale Software über Jahre unentdeckte Fehler enthalte. Solche Sicherheitslücken würden gezielt von Kriminellen und staatlichen Akteuren ausgenutzt.
Betroffen sind nur Websites, die PHP auf eigenen Servern betreiben. Viele große Plattformen basieren auf anderen Programmiersprachen oder verfügen über Betreiber, die das Sicherheitsupdate zügig einspielen konnten, sodass sie weiterhin online bleiben konnten.
Der Digitalverband Bitkom riet Unternehmen, zu prüfen, wo „PHP in ihrer IT überall steckt, auch in älteren Versionen, die keine Updates mehr erhalten“.  „Viele wissen nicht genau, welche Komponenten in ihrer Software enthalten sind“, sagte der Leiter Sicherheit des Verbands, Felix Kuhlenkamp. „Ein solcher Überblick ist aber die Voraussetzung, um in solchen Lagen schnell reagieren zu können.“

Behörden zahlreicher Länder ebenfalls betroffen

In Deutschland nahmen am Mittwoch Landes- und Polizeibehörden sowie mehrere Städte ihre Angebote vorsorglich aus dem Netz, um Updates aufzuspielen. In Nordrhein-Westfalen wurden laut dem Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste „einige Online-Dienste der Polizei NRW als Vorsichtsmaßnahme vorübergehend abgeschaltet“.
Die Berliner Polizei meldete Ausfälle der „Internetwache“, über die Anzeigen gestellt werden können, und verwies auf die Notfallnummer 110. Auch am Donnerstagmorgen war die „Internetwache“ nicht verfügbar.
In Frankreich waren die Internetauftritte mehrerer Behörden, unter ihnen die Pariser Polizei, nicht mehr erreichbar. In Belgien war unter anderem die Website des Außenministeriums offline.
In den Niederlanden waren der digitale Identitätsdienst DigiD, die Parlamentswebsite und der Internetauftritt des nationalen Cybersicherheitszentrums betroffen.
Nach Angaben der Wikimedia-Stiftung war auch das von ihr betriebene Online-Lexikon Wikipedia betroffen, die Nutzer sollten daher mit Ausfällen rechnen. Auch beliebte Apps wie etwa ein Pokémon-Schlaftracker waren zeitweise nicht nutzbar.
Die Schwachstellen waren im August von der Sicherheitsfirma Calif und dem ChatGPT-Entwickler OpenAI gemeldet worden, die sie unabhängig voneinander am selben Tag entdeckt hatten. Wiz meldete später weitere Möglichkeiten, sie auszunutzen.
Nach Einschätzung von Wiz basieren etwa 70 Prozent der weltweiten Websites auf PHP. Das Unternehmen bezeichnete die Sicherheitslücken als „eine der schwerwiegendsten Schwachstellen, die jemals in PHP – und womöglich in der gesamten Softwaregeschichte – entdeckt wurden.“
Die Schwachstellen wurden den PHP-Entwicklern zunächst vertraulich gemeldet und blieben unter Verschluss, während an einer Lösung gearbeitet wurde. Details wurden am Dienstag – einen Tag vor der geplanten Veröffentlichung des Updates – online geleakt. Dies führte zur vorsorglichen Abschaltung vieler Websites.

BSI warnt vor weiteren Angriffen

Laut BSI-Vizepräsidenten Thomas Caspers konnte bis Mittwochabend noch nicht beobachtet werden, „dass eine große Schadwirkung eingetreten ist“. „Allerdings, wer heute noch nicht seine Webanwendungen patcht und eben die neueste Version aufspielt, läuft wirklich Gefahr, jetzt sehr kurzfristig dann doch betroffen zu sein“, sagte Caspers in den ARD-„Tagesthemen“ mit Blick auf die Aktualisierung der Sicherheitsupdates.
Es sei davon auszugehen, dass nicht alle Betreiber die Updates installierten. „Dann werden wir auch die ersten Schäden sehen.“
Nutzer sind laut Caspers zunächst jedoch nicht betroffen. Allerdings sollten Verbraucher darauf achten „und auch damit rechnen“, dass in den nächsten Tagen über möglicherweise kompromittierte Webseiten versucht werden könnte, „Schadgut auch auf ihren Systemen“ zu installieren. (afp/red)
Categories
gesellschaft ticker

Würfel und Karten gegen bröckelnden sozialen Zusammenhalt

Gemeinsam einen Schatz heben, ein Dorf aufbauen, ein schräges Rätsel lösen oder zusammen an einem Quiz tüfteln. In Zeiten von wachsender Einsamkeit und schwindendem sozialem Zusammenhalt wird das Miteinander am Spieltisch zum Trumpf. Mit fantasievollen Karten, bunten Spielfiguren, Würfeln – und eben analog.
Gesellschaftsspiele boomen, behaupten sich in einer digitalen Lebenswelt, wie sich auch zur weltgrößten Brettspielmesse „Spiel Essen 2026“ deutlich zeigt. Dort wird an vier Tagen bis Sonntag mit Rekordzahlen bei Besuchern und Ausstellern gerechnet. Was macht Spielen attraktiv, welche Funktion hat es?

Am Spieltisch können Menschen zu Freunden werden

„Menschen spielen unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht und Religionszugehörigkeit, mit Spaß und Leidenschaft“, sagt Fachfrau Christina Valentiner-Branth.
Analoges Spielen werde von vielen als beziehungsstiftend und wohltuend empfunden. Immer mehr Brettspielcafés entstehen, Spiele-Vereine organisieren regelmäßige Brettspieltreffen, beobachtet die Gründerin der Brettspielakademie und der Bildungsinitiative Spielstarke Schule.
Gesellschaftsspiele bringen generationenübergreifend an einen Tisch.

Gesellschaftsspiele bringen generationenübergreifend an einen Tisch.

Foto: Oliver Berg/dpa

„Ich gehe davon aus, dass in Zukunft das Interesse an analogen Brettspielen noch wachsen und an gesellschaftlichem Wert zunehmen wird“, meint sie. Das Spielen helfe auch, Respekt vor den Mitmenschen zu entwickeln. Und: „An Spieltischen könnten Menschen zu Freunden werden.“
Mit Blick auf die Jugend betont Valentiner-Branth: „Kinder und Jugendliche lieben Gesellschaftsspiele.“ Schülern profitierten „ganz nebenbei in Bezug auf Lernkompetenzen“. Brettspiele sollten auf den Stundenplan. „Weil es schlau macht. Weil es Spaß macht. Weil es Sinn macht.“

Regeln beachten, kooperieren und sich selbst regulieren

„Der Hype um Brettspiele ist kein Zufall und hängt auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen“, ist Soziologe Paul Eisewicht überzeugt.
„Brettspiele schaffen eine soziale Ordnung, weil Menschen Regeln anerkennen, sich selbst regulieren, engagieren und sich in der Gruppe kooperativ verhalten.“
Im geschützten Raum könne man sich austesten, in Wettbewerb treten, Anerkennung bei Erfolg gewinnen und verlieren lernen.
Das Gesellschaftsspiel schafft Beziehungen, stabilisiert sie, wie der Wissenschaftler von der Uni Münster unterstreicht. „Der Opa spielt mit dem Enkelkind, Jungen und Mädchen spielen zusammen, Zugewanderte mit Einheimischen.“
Man könne auch in Brettspielcafés gehen, ohne dort jemanden zu kennen. „Das wirkt gegen Einsamkeit und zeigt die soziale Komponente.“
Weitere Benefits aus Sicht des Forschers: Beim Agieren mit Würfeln, Spielfiguren und Karten kommen Gefühle wie Frust und Freude direkter auf. Man könne gemeinsam sinnliche Erfahrungen machen, die Fantasie werde angeregt, emotionales und soziales Lernen sei ebenso möglich wie Wissenserweiterung.
Auch Kartenspiele sind unter den Gesellschaftsspielen sehr gefragt.

Auch Kartenspiele sind unter den Gesellschaftsspielen sehr gefragt.

Foto: Oliver Berg/dpa

Die Spielebranche nimmt junge Erwachsene in den Blick

Eine starke Zielgruppe aus Sicht der Spielebranche sind junge Leute so zwischen 15 und 35 Jahren, schildert Hermann Hutter, Vorstandsvorsitzender der Spieleverlage im Verband der Deutschen Spielwarenindustrie.
„Die jungen Erwachsenen spielen überall, es gibt auch Spielnächte. Die Kommunikations- und Partyspiele laufen vor allem wegen dieser Altersgruppe so gut.“
Hutter glaubt: „Gerade die jungen Erwachsenen schätzen es, dass man auch mal was ohne Handy spielen kann.“ Generell gelte: „Was die Menschen suchen, ist das Miteinander, zusammen aktiv zu sein. Und da haben Gesellschaftsspiele einen Vorteil gegenüber Computerspielen.“

„Je mehr digital läuft, desto wertvoller wird analoges Spielen“

Gesellschaftsspiele sind gerade in einer immer digitaleren Welt zunehmend wichtig, sagt Pädagoge und Spielexperte Sebastian Schwägele. „Je mehr Zeit wir mit Smartphones, Social Media, KI-Anwendungen oder anderen digitalen Angeboten verbringen, desto wertvoller werden Momente, in denen Menschen bewusst zusammenkommen.“
Gemeinsames analoges Spielen ist gefragt.

Gemeinsames analoges Spielen ist gefragt.

Foto: Oliver Berg/dpa

Gegenüber dem Online-Gaming müssten sich Gesellschaftsspiele „überhaupt nicht verstecken“. Im Gegenteil: Gesellschaftsspiele haben große Stärken, eine davon: „Ich kann Dinge anfassen, bewegen, aufbauen und verändern.“
Also mal kein Bildschirm vor der Nase oder Smartphone in der Hand. Für Schule, Erwachsenenbildung wie auch Unternehmen könnten Gesellschaftsspiele lehrreich sein.
Schwägele weist darauf hin, dass unterschiedliche Interessen und Vorstellungen zusammenzubringen sind. Konkret: „Am Spieltisch muss ich andere Menschen auch mal aushalten.“
Denn das Gegenüber reagiere vielleicht anders als erwartet, nicht alle wollten dasselbe. Man lache, ärgere und freue sich gemeinsam, diskutiere wohl auch mitunter energisch, müsse auf jeden Fall miteinander klarkommen. „Einfach wegklicken geht nicht.“
Gemeinsames Agieren ist bei analogen Spielen gefragt.

Gemeinsames Agieren ist bei analogen Spielen gefragt.

Foto: Oliver Berg/dpa

Besonders bei kooperativen Gesellschaftsspielen könnten Menschen nur gemeinsam erfolgreich sein, unterstreicht Schwägele. Spiele könnten zwar keine gesellschaftlichen Probleme lösen.
Aber: Wenn Menschen häufiger mit anderen spielen, die anders denken und anders handeln als sie selbst, können dabei wichtige Erfahrungen entstehen. „Und die sind auch für das Zusammenleben außerhalb des Spiels wertvoll.“ (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

Baller-Liquids: Bis zu 200-Mal stärker als herkömmliches Cannabis


In Kürze:

  • Baller-Liquids sind in Deutschland auf dem Vormarsch.
  • Die Liquids bergen hohes Gefahren- und Suchtpotenzial.
  • Neue psychoaktive Stoffe gelangen überwiegend als Pulver aus China und Indien nach Europa.

 
Sie kommen in bunten Verpackungen daher und versprechen fruchtige und süße Geschmacksrichtungen: sogenannte Baller-Liquids.
Sie gelten bei jungen Menschen als Trenddroge, die sie in E-Zigaretten oder Vapes konsumieren. Doch gefährlich wird es, wenn sie verbotene synthetische Cannabinoide enthalten. Der Verkauf solcher Liquids ist illegal, dennoch registriert die Polizei zunehmend Fälle in Deutschland, die massive Folgen hatten.

Herzrasen und Psychosen

So warnt unter anderem die bayerische Polizei in einem Flyer vor den Baller- oder Zombie-Liquids, die auch als „Görke“ bekannt sind. Der Konsum der schnell wirkenden Substanzen kann schwere gesundheitliche Schäden hervorrufen und sogar lebensbedrohlich sein. Sie führen zur Euphorie, zu Halluzinationen und zu extremer Enthemmung. Zu den Nebenwirkungen gehören Herzrasen, Bluthochdruck, Übelkeit, Krampfanfälle, Angst- und Panikattacken, Wahnvorstellungen und Psychosen.
Das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Hof gaben im Februar 2026 bekannt, dass sie in mehr als 100 Fällen im Zusammenhang mit den chemisch veränderten Liquids ermittelten. Demnach seien die Flüssigkeiten auch an Schulen aufgetaucht. Ermittler fanden sie unter anderem in bunten, unbeschrifteten Fläschchen. Untersuchungen ergaben, dass die Liquids häufig hochwirksame synthetische Cannabinoide enthielten.
Ein Schwerpunkt des illegalen Handels war der Sonnenplatz in der Stadt Hof. Die Polizei führte Kontrollen im Stadtgebiet und auch im Umland durch. Neun Tatverdächtige im Alter von 15 bis 29 Jahren saßen zu diesem Zeitpunkt bereits in Untersuchungshaft. Die Ermittler warfen den sieben Syrern und zwei Deutschen vor, in größerem Umfang mit Baller-Liquids gehandelt und diese auch an Minderjährige verkauft zu haben.
Laut Europol und der EU-Drogenagentur würden die meisten neuen psychoaktiven Stoffe auf dem europäischen Drogenmarkt in China und Indien hergestellt. Die Unternehmen würden für den Vertrieb das Internet nutzen, darunter auch Online-Marktplätze. In der Regel würden die Stoffe in Pulverform geliefert, in Mengen, die von wenigen Milligramm bis zu Hunderten von Kilogramm reichen.

Tot nach Konsum?

Das Hessische Landeskriminalamt berichtete Anfang Dezember 2025 von mehreren Fällen, in denen Kinder und Jugendliche nach dem Konsum von E-Liquids ärztlich versorgt werden mussten. Im Lahn-Dill-Kreis starb im Sommer 2025 ein 26-Jähriger. Laut Landeskriminalamt sei ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Baller-Liquids und seinem Tod nicht auszuschließen.
Wie gefährlich der Konsum der illegalen Liquids ist, beschreibt eine Dokumentation des Magazins „DER SPIEGEL“. Darin berichteten zwei Jugendliche von den verheerenden Folgen. „Ich war mir eigentlich relativ sicher, dass ich in diesem Moment sterben werde. Es war wirklich so, als würde mein Herz wie ein Maschinengewehr sozusagen aus der Brust springen“, beschrieb einer der beiden, ein junger Mann, seine Erfahrung.
Eine junge Frau beschrieb, wie einfach die synthetischen Drogen zu bekommen seien. Das sei so, als würde sie im Supermarkt Käse kaufen. Ihre eigene Erfahrung mit dem Konsum zeigt die Ernsthaftigkeit des Themas: „Ich dachte, ich komme da nie wieder raus“, sagte sie gegenüber dem Magazin.
Synthetische Cannabinoide bergen eine hohe Suchtgefahr. Laut einer Untersuchung könnten die Entzugserscheinungen schwerwiegender als bei einer Abhängigkeit von Cannabis sein.

Auch in Nachbarländern ein Problem

Auch in Nachbarländern Deutschlands bereiten die Drogen Probleme. So beschreibt Jean-Claude Alvarez, Arzt und Pharmakologieprofessor an der Université Paris-Saclay, die starke Wirkung der synthetischen Stoffe. Gegenüber dem französischen Fernsehsender „TF1 Info“ gab er an, dass die Konzentration teilweise gesundheitsbedenkliche Dimensionen erreiche. Seiner Einschätzung nach sind „diese synthetischen Cannabinoide bis zu 200-mal stärker als Cannabis selbst“.
Um diese Stoffe zu identifizieren, sei ein Gerät erforderlich, das 600.000 Euro koste. Frankreich verfüge nur über eine Handvoll solcher Geräte. „Diese Substanzen werden zeitweilig im Umlauf sein, bis alle Labore sie identifiziert haben. Und dann werden andere, bislang unbekannte synthetische Drogen auftauchen. Dann muss die Identifizierungsarbeit von vorn beginnen. Das ist aufwendig“, betont er gegenüber dem Fernsehsender.
Auch die Schweiz hat der gefährliche Trend mittlerweile erreicht, wie das Online-Nachrichtenportal „20 Minuten“ berichtet.
Categories
gesellschaft ticker

Gravierende Sicherheitslücke bedroht Millionen Webseiten

Eine neu entdeckte, schwerwiegende Sicherheitslücke bringt weltweit das Fundament zahlreicher Webseiten und Onlinedienste ins Wanken. Betroffen ist die weit verbreitete Programmiersprache PHP, auf der ein Großteil des gesamten Internets basiert – von einfachen Blogs über große Nachrichtenportale bis hin zu komplexen Onlineshops und Content-Management-Systemen wie WordPress.
Experten schätzen, dass allein mit WordPress weltweit zwischen 400 und 500 Millionen Webseiten betrieben werden. Auf PHP setzen aber auch andere populäre Content-Management-Systeme auf wie Moodle, Joomla!, Typo3 und Drupal.
Neben dem IT-Sicherheitsunternehmen Huntress und dem PHP-Sicherheitsteam schlägt auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Alarm und hat eine offizielle Cybersicherheitswarnung herausgegeben.

BSI stuft Lage als kritisch ein

In seiner veröffentlichten Warnung (Aktenzeichen BITS-H Nr. 2026-297981-1032) ordnet das BSI das Risiko mit der Warnstufe „3 / Orange“ als außerordentlich hoch ein. Dies bedeutet, dass unverzüglich Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen, da eine massive Beeinträchtigung des Regelbetriebs droht. Das BSI wies in seiner Mitteilung explizit darauf hin, dass von den Schwachstellen ein herausragendes Bedrohungspotenzial ausgeht.
Das Amt machte deutlich, wie ernst die Lage ist, falls nicht umgehend Sicherheitsupdates installiert werden können: „Alternativ kann eine vorübergehende Trennung des Webservers vom Internet bis zum Einspringen des Patches erwogen werden, um eine Kompromittierung zu verhindern, sollten Patches nicht kurzfristig installiert werden können.“
Dass das BSI Betreibern von Internetangeboten explizit rät, ihre Server im Zweifel komplett vom Netz zu nehmen, unterstreicht die Dringlichkeit der Lage.

Gefährlicher Fehler ermöglicht vollständige Serverübernahme

Unter dem Namen „PHP2Shell“ warnen Sicherheitsexperten vor gleich zwei kritischen Schwachstellen im Kern der Software, die unter den offiziellen Kennungen CVE-2026-109618 und CVE-2026-109619 registriert wurden.
Das Gefahrenpotenzial dieser Lücken ist immens: Kriminelle Akteure können die Schwachstelle ausnutzen, um ohne vorherige Anmeldung aus der Ferne einen eigenen Schadcode auf den betroffenen Servern auszuführen (Remote Code Execution). In der Praxis ermöglicht dies Angreifern, die vollständige Kontrolle über eine Website zu übernehmen, sensible Datenbanken und Kundendaten abzugreifen oder die Infrastruktur für weitere Cyberattacken zu missbrauchen.
Da detaillierte Informationen zur Schwachstelle unbeabsichtigt vorab an die Öffentlichkeit gelangten, steht die gesamte globale IT-Branche unter erheblichem Zeitdruck. Branchenexperten befürchten, dass Kriminelle bereits in Kürze automatisierte Skripte einsetzen werden, um ungeschützte Server im Internet im Sekundentakt aufzuspüren und zu kapern.

Länder und Kommunen ziehen vorsorglich den Stecker

Die Einschätzungen der Sicherheitsbehörden zeigen bereits erste drastische Auswirkungen im öffentlichen Leben. Mehrere Bundesländer, Kommunen und Behörden sind der Empfehlung des BSI gefolgt und haben ihre Online-Angebote vorübergehend abgeschaltet, um Angreifern keine Angriffsfläche zu bieten. Entsprechend reagiert haben aber auch Universitäten und Krankenhäuser.

Höchste Alarmbereitschaft für Seitenbetreiber

Für Betreiber von Webseiten, Onlineshops und digitalen Unternehmensplattformen, die technisch auf PHP aufsetzen, gilt derzeit höchste Dringlichkeit, die eine sofortige Reaktion erfordern. IT-Experten raten dringend dazu, sich unverzüglich mit den zuständigen Systemadministratoren, IT-Dienstleistern oder Webhosting-Anbieter in Verbindung zu setzen.
Verfügbare Patches und Sicherheitsupdates für die PHP-Umgebung sowie für genutzte Content-Management-Systeme müssen ohne jeden Verzug eingespielt werden. Ältere PHP-Versionen, die von den Entwicklern nicht mehr offiziell unterstützt werden, stellen ein unkalkulierbares Risiko dar und sollten isoliert oder umgehend aktualisiert werden.

Sicherheitsupdate veröffentlicht

Die Entwickler des PHP-Projektes haben am Mittwochnachmittag aktualisierte Versionen der Webskriptsprache veröffentlicht, in denen die Sicherheitslücken geschlossen wurden. Der Expertendienst Heise Security warnte die Website-Betreiber, dass funktionierende Exploits in Stunden-, spätestens Tagesfrist erscheinen würden. Wer das Risiko einer Kompromittierung nicht eingehen wolle, habe nur eine Option, nämlich die mit PHP betriebenen Web-Server vom Netz zu trennen, solange das Update nicht installiert wurde.
Für normale Internetnutzer besteht beim alltäglichen Surfen auf dem Smartphone oder PC zwar kein direkter Handlungsbedarf, da sich die Sicherheitslücke nicht auf den Endgeräten der Anwender befindet, sondern auf den Servern im Hintergrund.
Dennoch können Verbraucher indirekt betroffen sein – etwa durch Ausfälle wichtiger Onlinedienste oder potenzielle Datenabflüsse auf nicht rechtzeitig geschützten Webseiten. Die Entwickler der Programmiersprache sowie Hosting-Anbieter weltweit arbeiten rund um die Uhr daran, die Lücken zu schließen. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

„In die Ewigkeit gehen“: Alice Schwarzer stellt „Emma“ nach 50 Jahren ein

Alice Schwarzer (83) stellt nach 50 Jahren ihr feministisches Magazin „Emma“ ein. Die Ausgabe vom 8. Dezember werde die letzte sein, teilte die Frauenrechtlerin der Deutschen Presse-Agentur in Köln mit. Wirtschaftliche Gründe seien dabei nicht ausschlaggebend. „Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben“, versicherte Schwarzer in einer Erklärung. „Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“
„Emma“ habe über drei Generationen hinweg die Stellung gehalten und „gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus“ Position bezogen. „Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“

„Emma“ sollte Gegengewicht zu „Männermedien“ sein

Schwarzer gilt als Deutschlands bekannteste Feministin. Die von ihr gegründete „Emma“ erschien am 26. Januar 1977 zum ersten Mal. Ihr Motiv dabei beschreibt Schwarzer heute so: „Es war die Frauenfeindlichkeit der von uns Feministinnen so genannten „Männermedien“, die mich zu dem Schluss kommen ließ, dass wir Journalistinnen ein eigenes Magazin, eine eigene Stimme haben müssten.“
Seit Beginn des Ukrainekriegs 2022 hat sich Schwarzer, teils zusammen mit Sahra Wagenknecht, immer wieder für schnelle Friedensverhandlungen mit Russland ausgesprochen. Kritiker werfen ihr vor, sie verliere aus dem Blick, wer in diesem Krieg der Aggressor und wer das angegriffene Land sei. 2024 räumte sie ein, dass ihre Haltung zum Ukrainekrieg auch Folgen für die Abonnentinnenzahl der „Emma“ habe. Zwar habe es „für Emmas Friedenskurs“ 2023 viel Zustimmung von den Leserinnen gegeben. „Aber immerhin jede fünfte Leserin hat aus Protest ihr Abonnement gekündigt. Das soll weh tun – und tut es auch. Warum tun Leserinnen das bei einem Magazin, das vom Abo lebt?“ Sie werde sich davon aber nicht einschüchtern lassen.
Proteste zog Schwarzer auch mit ihrer Haltung zu Transpersonen auf sich. 2023 forderten 33 Autorinnen und Künstler die Absage einer Veranstaltung mit ihr beim Literarischen Herbst in Leipzig, weil sie immer wieder durch „transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen und Publikationen“ auffalle. Schwarzer reagierte empört, sie habe Transsexuelle noch nie angegriffen, versicherte sie der dpa. „Was ich allerdings kritisch sehe, ist die neue Transideologie, die das Recht auf den Personenstandswechsel ab dem 14. Lebensjahr und auf gefährliche Hormonbehandlungen und Operationen für alle fordert.“ Es müsse möglich sein, diese Meinung zu vertreten, ohne gleich aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen zu werden.

Schwarzer gab das Heft nie aus der Hand

Immer mal wieder kam auch die Frage auf, ob Schwarzer die Leitung der im Zweimonatsrhythmus erscheinenden „Emma“ nicht in jüngere Hände geben müsse. 2008 übernahm tatsächlich die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion, doch schon nach kurzer Zeit kam es zum Zerwürfnis, und Schwarzer nahm das Heft wieder selbst in die Hand.
In der am 27. Oktober erscheinenden vorletzten „Emma“-Ausgabe versichert Schwarzer, sie habe im Laufe der Zeit durchaus versucht, „weitere Kolleginnen in unserem Geiste“ zu finden, immer wieder auch eine potenzielle Chefredakteurin. Es gebe auch Journalistinnen, die dafür infrage gekommen wären, doch hätten diese Kolleginnen andere Medien bevorzugt. Begründung: „Da weht der Wind von außen nicht ganz so rau.“
Anfangs befand sich die „Emma“-Redaktion am Kolpingplatz direkt in der Kölner Innenstadt. An Weiberfastnacht ging die Redaktion immer geschlossen auf dem Alter Markt Karneval feiern. Später zog die Redaktion in den mittelalterlichen Bayenturm im Kölner Rheinauhafen um. Hier arbeitete Schwarzer unter einem Bild der französischen Philosophin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir, die ihr in den 60er Jahren den Weg gewiesen hatte.
Heute sei vielfach kaum noch bekannt, was Frauen damals alles durchlitten und sich dann mühsam erkämpft hätten, ist Schwarzers Ansicht. In Vergessenheit geraten sei auf der anderen Seite aber auch, wie frei Frauen damals gewesen seien: „Das waren Jahre des Aufbruchs, des Übermuts! Wir haben ja nicht nur gekämpft, wir haben auch gefeiert und getanzt. Und: Wir hatten wenig Zwänge. Wir hatten kein Instagram und haben kein Botox gespritzt. Das ist oft schwer zu vermitteln.“
2017 hatte Schwarzer die Zukunft von „Emma“ beim 40-jährigen Jubiläum noch optimistisch eingeschätzt. Feministische Themen seien heute wieder gefragter als vor zehn Jahren, sagte sie der dpa. „Man hat in den 90ern geglaubt, man hätte schon alles erreicht. Und jetzt sehen wir: So schnell geht das nicht.“

„Emma“ geht jetzt „in die Ewigkeit“

Nun betont Schwarzer, dass „Emma“ Deutschland in einem halben Jahrhundert ein Stück verändert habe. Zwei von vielen Themen, über die das Magazin lange „quasi alleine“ berichtet habe, seien der sexuelle Missbrauch von Kindern und der Islamismus gewesen. Bei diesen Themen sei „Emma“ schon 1978 beziehungsweise 1979 eingestiegen, lange vor den anderen. „Auf zahlreiche weitere Themen – wie zum Beispiel das Ehegattensplitting, der Brustkrebs oder die Genitalverstümmelung – wurden die Medien oft erst aufmerksam durch die Veröffentlichungen in „Emma“.“
Zuletzt sei „Emma“ das „weltweit letzte und einzige professionelle Publikumsmagazin am Kiosk in Feministinnenhand“ gewesen. Ein kleiner Trost: Das „Emma“-Archiv mitsamt Kisten und Kartons, Korrespondenzen und Kampagnen werde vollständig in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgenommen und dort Interessierten erschlossen. Damit werde „Emma“ letztlich „in die Ewigkeit gehen“. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

Polizei warnt: Bahnhof nahe Stuttgart meiden

Am Bahnhof Rommelshausen östlich von Stuttgart läuft ein Polizeieinsatz – die Bevölkerung ist aufgerufen, den Bahnhof bis auf Weiteres zu meiden.
Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde über den Notruf eine Person gemeldet, die möglicherweise eine Pistole bei sich trägt.

Fahndung im Rems-Murr-Kreis

Demnach laufen die Such- und Fahndungsmaßnahmen im Rems-Murr-Kreis. Verletzt sei nach bisherigen Erkenntnissen niemand, hieß es von der Polizei. (dpa/red)
Categories
ausland gesellschaft ticker

Klimafreundliches Schulessen: Nicht alle Schüler sind begeistert

Geschmack, Sättigung und Vertrautheit spielen eine zentrale Rolle dabei, wie Schüler klimafreundlichere Schulmahlzeiten beurteilen. Das zeigt eine Studie der Universität Göteborg.
Die befragten Schüler standen einer Reduzierung des Fleischanteils in bekannten Gerichten etwas positiver gegenüber als zusätzlichen vollständig vegetarischen Tagen, die an schwedischen Schulen zunehmend eingeführt werden. In Gruppengesprächen wurde zugleich deutlich, dass Fleisch für viele als selbstverständlicher Bestandteil einer vollwertigen und sättigenden Mahlzeit gilt.
Laut der Hauptautorin Monica Hunsberger, Dozentin für Public Health an der Sahlgrenska-Akademie der Universität Göteborg, akzeptierten die Schüler vegetarische Gerichte eher, wenn diese vertrauten Speisen ähnelten.
„Vor allem achten sie darauf, ob das Essen gut schmeckt, ob sie satt werden und ob es ihnen vertraut ist“, sagte sie der schwedischen Ausgabe der Epoch Times.
Die Forscher stellten fest, dass Fleisch ersetzt werden konnte, sofern die Schüler keinen Unterschied bemerkten.
„Wir haben festgestellt, dass Schüler vegetarische Alternativen akzeptieren können, wenn diese gut schmecken und an gewöhnliche Gerichte erinnern. Spaghetti mit Hackfleischsoße sind dafür ein gutes Beispiel“, erklärte Hunsberger.
Wurde das Hackfleisch durch einen vegetarischen Ersatz ausgetauscht und dieser wie gewohnt gewürzt, aßen die Schüler ungefähr genauso viel. Die Forscher erfassten dazu die ausgegebenen Essensmengen und die anschließend weggeworfenen Reste.
Die sechs teilnehmenden Schulen verzichteten teilweise vollständig auf tierische Zutaten, während sie in anderen Fällen lediglich deren Anteil reduzierten.

Studie zeigt geteilte Meinungen

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Appetite“ veröffentlicht und in der schwedischen Kommune Lund durchgeführt. Im Herbst 2021 nahmen Schüler der Klassenstufen vier bis neun an sechs Schulen an einer Befragung teil. In die Hauptanalyse flossen die Antworten von 1.268 Schülern ein. Zusätzlich führten die Forscher Gruppengespräche mit 20 Schülern aus zwei Schulen.
Dabei zeigte sich, dass praktische Aspekte für die Schüler wichtiger waren als die Klimabilanz einzelner Lebensmittel. Sie sprachen beispielsweise darüber, ob die Nudeln richtig gekocht waren, ob die Suppe ausreichend sättigte und ob Brot oder Soße zum Essen angeboten wurden.
Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein uneinheitliches Bild: Rund vier von zehn Schülern standen klimafreundlicheren Schulmahlzeiten neutral gegenüber. Von den übrigen Befragten war ungefähr die Hälfte positiv und die andere Hälfte negativ eingestellt, wobei die ablehnende Gruppe etwas größer war.
Schüler, die nach eigenen Angaben bei der Essenswahl auf Klimaschutz achten, bewerteten klimafreundliche Mahlzeiten deutlich positiver. Dasselbe galt für Schüler, die bereits vegetarische Gerichte in der Schule wählten. Mädchen zeigten sich ebenfalls aufgeschlossener als Jungen. Das Wissen über die Klimafolgen von Lebensmitteln allein hatte dagegen nur begrenzten Einfluss auf die Einstellung.

Klimafreundliches Schulessen: Forscher warnen vor Eisenmangel bei Mädchen

Neben der Klimabilanz muss auch der Nährstoffgehalt der Mahlzeiten berücksichtigt werden. Die Doktorandin Mari Wollmar untersuchte in einer 2025 veröffentlichten Dissertation an der Universität Göteborg unter anderem, wie klimafreundliche Schulmahlzeiten den Eisenbedarf von Schülern decken können.
„Sojabasierte Gerichte enthalten viel Eisen, aber der Körper kann davon nur etwa 3 Prozent aufnehmen. Für Mädchen mit einem hohen Eisenbedarf ist das besonders problematisch“, erklärte sie bei der Vorstellung ihrer Arbeit.
Keines der 76 untersuchten Schulmenüs enthielt ausreichend bioverfügbares Eisen, um den erhöhten Bedarf von Mädchen im Teenageralter zu decken. Zum Vergleich: Bei Gerichten auf Rindfleischbasis kann der Körper etwa 14 Prozent des enthaltenen Eisens aufnehmen. Diese haben allerdings die größte Klimabelastung.
Klimafreundliche Schulmahlzeiten müssen auch den Eisenbedarf von Jugendlichen decken – besonders den von Mädchen im Teenageralter. (Symbolbild) Foto: Lordn / iStock

Klimafreundliche Schulmahlzeiten müssen auch den Eisenbedarf von Jugendlichen decken – besonders den von Mädchen im Teenageralter. (Symbolbild)

Foto: Lordn / iStock

Wollmar wies zudem darauf hin, dass Frauen im Allgemeinen weniger äßen als Männer und deshalb weniger Spielraum hätten, um eine unzureichende Nährstoffzufuhr auszugleichen. Besonders körperlich aktive Frauen nähmen häufig weniger Energie auf, als sie benötigten, was sich auch auf die Versorgung mit Mikronährstoffen wie Eisen auswirken könne.

Pflanzliche Ernährung erfordert sorgfältige Planung

Hanna Eneroth, Ernährungswissenschaftlerin und Postdoktorandin am Institut für Energie und Technik der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU), betont, dass das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung davon abhänge, welche Lebensmittel weggelassen und wodurch sie ersetzt werden.
„Wir Ernährungswissenschaftler sprechen häufig von Personengruppen, bei denen das Risiko einer unzureichenden Versorgung mit bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen besteht“, sagte sie der Epoch Times.
Wer auf Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte verzichte, habe es schwerer, bestimmte Vitamine und Mineralstoffe in ausreichender Menge aufzunehmen. Entscheidend sei jedoch, welche Alternativen auf dem Speiseplan stünden.
Eine gut geplante Ernährung mit Bohnen, Linsen, Nüssen, Samen, Vollkornprodukten, angereicherten Getränken sowie einer abwechslungsreichen Auswahl an Obst und Gemüse könne eine gesunde Grundlage bilden.
Eneroth betonte, dass Veganer und Vegetarier insbesondere auf eine ausreichende Versorgung mit Eisen, Vitamin D, Selen, Jod, Vitamin B12 und Kalzium achten sollten.

Weniger Fleisch, ohne mehr Lebensmittel zu verschwenden

In der Studie der Universität Göteborg untersuchte Hunsberger, ob Schulen den Anteil von Zutaten mit hoher Klimabelastung reduzieren können. Dabei geht es häufig um weniger Fleisch. Entsprechende Veränderungen haben sich schrittweise mit der Weiterentwicklung der Ernährungsempfehlungen der schwedischen Lebensmittelbehörde vollzogen.
Dass die Schüler von den klimafreundlicheren Mahlzeiten ungefähr genauso viel aßen wie von den herkömmlichen Gerichten, ist nach Einschätzung der Forscher ein wichtiges Ergebnis. Kommunen könnten dadurch die durch Schulessen verursachten Emissionen senken, ohne das Risiko zu erhöhen, dass mehr Schüler das Mittagessen auslassen.
„Viele Schulküchen passen bereits ihre Rezepte an, um Zutaten mit einem hohen CO₂-Fußabdruck zu reduzieren, und bieten gleichzeitig einen hohen Anteil vegetarischer Gerichte an“, sagte Erik André, Mitautor der Studie, Doktorand an der Technischen Hochschule Chalmers und Mitarbeiter der Stadt Göteborg.
Die Untersuchung deute darauf hin, dass solche Rezeptanpassungen eine sinnvolle Ergänzung sein könnten, um die Klimabelastung zu verringern und zugleich sicherzustellen, dass den Schülern das Essen schmeckt.
Für Schulküchen geht es demnach nicht allein darum, Fleisch durch pflanzliche Zutaten zu ersetzen. Entscheidend sind Mahlzeiten, die den Schülern schmecken und gleichzeitig ihren Nährstoffbedarf decken.
„Die Schule trägt die Verantwortung dafür, nährstoffgerechte Mahlzeiten anzubieten – auch wenn diese klimafreundlich sind. Wir brauchen Lösungen, die sowohl das Klima als auch die Gesundheit und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen“, sagte Wollmar.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf epochtimes.se unter dem Titel „Klimatsmart skolmat möter blandade reaktioner“. (deutsche Bearbeitung: vm)
Categories
gesellschaft ticker

Umfrage: Widerstand gegen Zeitumstellung in Deutschland nimmt ab

Der Widerstand in der Bevölkerung gegen die halbjährliche Zeitumstellung nimmt einer Umfrage zufolge ab. 71 Prozent fordern laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit die Abschaffung.
Das sind fünf Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und ist der niedrigste Wert seit 2016, wie die Krankenkasse mit Sitz in Hamburg mitteilte. Am stärksten war die Ablehnung der Zeitumstellung 2018 mit 80 Prozent gewesen.
In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen ist der Rückgang der Ablehnung von 66 Prozent auf 50 Prozent der Befragten am stärksten. In dieser Altersgruppe gibt es mit 39 Prozent auch die größte Zustimmung zum Wechsel von Sommer- und Winterzeit.

Frauen haben häufiger Probleme mit der Umstellung als Männer

29 Prozent der Befragten hatten den Angaben zufolge schon einmal Probleme mit der Zeitumstellung, entweder gesundheitlich oder psychisch. Frauen sind mit 36 Prozent häufiger betroffen als Männer mit 22 Prozent.
Unter den 30- bis 59-Jährigen berichtete rund ein Drittel, schon einmal der Probleme nach der Umstellung gehabt zu haben. Bei jüngeren Erwachsenen und Personen ab 60 Jahren sind es weniger als drei von zehn Befragten.
Am häufigsten nennen Betroffene nach DAK-Angaben Müdigkeit oder Schlappheit (80 Prozent) als Problem. 63 Prozent berichten von Einschlafproblemen oder Schlafstörungen, gefolgt von Konzentrationsproblemen (41 Prozent) und Gereiztheit (37 Prozent).
Rund jeder fünfte Betroffene bringt laut der Umfrage zudem depressive Verstimmungen mit der Zeitumstellung in Verbindung.

Zeitumstellung ist umstritten

Die Zeitumstellung wurde 1980 eingeführt – mit dem Ziel, das Tageslicht besser auszunutzen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass Tageslicht unser Wohlbefinden positiv beeinflusst.
Doch es gibt auch Kritik: In einer Online-Befragung der Europäischen Kommission hatten sich 2018 80 Prozent der Teilnehmer dafür ausgesprochen, die Zeitumstellung in der EU zu beenden. Von 4,6 Millionen Antworten kamen damals etwa 3 Millionen aus Deutschland.
Eine europaweite Lösung für die Abschaffung ist jedoch nicht in Sicht, da die EU-Staaten sich seit Jahren nicht auf eine Position einigen können.
2018 legte die Kommission einen entsprechenden Gesetzentwurf vor. Allerdings herrscht Uneinigkeit, welche Zeit sich durchsetzen soll – die sogenannte Normalzeit oder die Sommerzeit. Derzeit liegt das Vorhaben auf Eis.
Forsa befragte den Angaben zufolge im Auftrag der DAK-Gesundheit vom 28. bis 30. September 2026 bundesweit 1.009 Personen. Die Angaben zu einzelnen Beschwerden beziehen sich auf Befragte, die schon einmal Probleme mit der Zeitumstellung hatten. Die Zeitvergleiche beziehen sich auf die jeweils im Herbst erhobenen Werte.
Die DAK-Gesundheit ist nach eigenen Angaben mit rund 5,4 Millionen Versicherten die drittgrößte Krankenkasse in Deutschland. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

ICE fährt an Fulda vorbei – GDL sieht Verbesserungsbedarf

Der verpasste Halt eines ICE in Fulda deckt nach Einschätzung der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) eine Lücke im Bahnverkehr auf. Ein fahrplanmäßiger Halt an einem Bahnhof sei technisch nicht auf dieselbe Weise abgesichert wie beispielsweise der Halt vor einem roten Signal, sagte GDL-Chef Mario Reiß der Deutschen Presse-Agentur.
„Wenn unterschiedliche Züge auf derselben Strecke unterschiedliche Haltemuster haben, wäre eine eindeutige optische oder akustische Erinnerung an den nächsten planmäßigen Halt durchaus sinnvoll“, sagte Reiß. „Wir sichern im Eisenbahnsystem sicherheitskritische Vorgänge technisch sehr weitgehend ab. Bei einem vergessenen planmäßigen Halt existiert eine vergleichbare Rückfallebene bislang nicht.“

GDL: Verpasster Halt an Bahnhof ist eine Ausnahme

Ein Bahn-Sprecher sagte der dpa, es gebe täglich rund 10.000 Halte im Fernverkehr. Der Gewerkschaftsvorsitzende betonte, ein vergessener Halt wie am Sonntag in Osthessen sei bei rund 700 bis 800 täglichen Zugfahrten im Fernverkehr eindeutig die Ausnahme. „Es wäre deshalb falsch, aus dem Vorfall in Fulda den Eindruck abzuleiten, Lokomotivführer würden regelmäßig ihre Halte verpassen.“
Nach Angaben der Deutschen Bahn hatte der Lokführer eines voll besetzten ICE auf dem Weg von Frankfurt/Main nach Berlin den Stopp in Fulda versehentlich verpasst. Stattdessen hielt der ICE 596 dann in Hünfeld, einer etwa 18 Kilometer entfernten Kleinstadt in Osthessen. Alle Fahrgäste, die nach Fulda wollten, mussten dort aussteigen und mit einem Regionalzug zurückfahren. Weil der Fernzug für den Bahnsteig dort zu lang war, wurden die Türen der Wagen der 1. Klasse in Hünfeld nicht geöffnet.
Wie die Bahn inzwischen mitteilte, konnten die Reisenden der ersten Klasse durch die Türen der zweiten Klasse aussteigen. Angaben zur Zahl der betroffenen Fahrgäste machte die Bahn nicht. Die DB hatte um Entschuldigung für den Zwischenfall gebeten und den betroffenen Passagieren eine Entschädigung im Rahmen der Fahrgastrechte in Aussicht gestellt.

Viele Abweichungen erhöhen Gefahr von Fehlern

GDL-Chef Reiß wies darauf hin, dass Züge auf derselben Strecke „keinesfalls dasselbe Haltemuster“ hätten. Hinzu kämen Baustellenfahrpläne, Umleitungen, kurzfristige Änderungen und Störungen im Betriebsablauf. Jede einzelne dieser Situationen sei grundsätzlich von den Eisenbahnern beherrschbar. Je mehr Abweichungen aber zusammenkommen, desto höher würden aber die Arbeitsbelastung und potenziellen Fehlerquellen.
Fahrerassistenz sollte nicht nur Energie sparen und Fahrzeiten optimieren, sondern dort weiterentwickelt werden, wo sie den Lokomotivführer im komplexer werdenden Betriebsalltag konkret entlasten kann, sagte Reiß. Dazu könne auch eine eindeutige Erinnerung an bevorstehende planmäßige Halte gehören. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

Wann man in Deutschland reich oder arm ist

Die Frage stellen sich vermutlich viele Menschen in Deutschland: Wie wohlhabend bin ich im Vergleich zu anderen? Antworten bietet eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Anhand eines Einkommensrechners können Verbraucher die eigene Position ermitteln und herausfinden, wie viel Prozent der Gesamtbevölkerung ärmer und reicher sind. Ein Überblick:

Single-Haushalt

Mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1.450 Euro ist ein Single laut IW relativ arm. Zwischen 1.450 und 1.940 Euro liegt die untere Mittelschicht, bis 3.630 Euro die Mittelschicht im engeren Sinne, bis 6.050 Euro die obere Mittelschicht. Wer mehr verdient, ist verhältnismäßig reich.

Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren

Als „arm“ gelten Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren mit bis zu 1.890 Euro netto im Monat. Die untere Mitte endet bei 2.520 Euro, die Mittelschicht im engeren Sinne bei 4.720 Euro. Wer auf bis zu 7.860 Euro kommt, zählt zur oberen Mitte. Darüber gilt man als relativ reich.

Paarhaushalt ohne Kinder

Verhältnismäßig arm ist ein kinderloses Paar mit einem Nettoeinkommen mit bis zu 2.180 Euro im Monat. Bis 2.900 Euro wird man der unteren Mittelschicht zugeordnet, bis 5.440 Euro zur Mittelschicht im engeren Sinne und bis 9.070 Euro zur oberen Mittelschicht. Relativ reich sind alle, bei denen es noch mehr ist.

Paarhaushalt mit einem Kind unter 14 Jahren

Wenn Kinder im Spiel sind, liegen die Schwellen höher. Mit einem Netto-Haushaltseinkommen von weniger als 2.610 Euro im Monat ist ein Haushalt mit einem Kind unter 14 Jahren laut IW eher arm. Wer höher und unter 3.480 Euro liegt, darf sich zur unteren Mitte zählen. Die Mittelschicht im engeren Sinne reicht bis 6.530 Euro, die obere Mitte bis 10.890 Euro. Darüber ist ein Haushalt verhältnismäßig reich.

Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren

Mit einem gemeinsamen Nettoeinkommen von monatlich bis zu 3.050 Euro ist eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren relativ arm. Bis 4.060 Euro zählt sie zur unteren Mittelschicht, bis 7.620 Euro zur Mittelschicht im engeren Sinne und bis 12.700 Euro zur oberen Mittelschicht. Eher reich ist, wer mehr hat.

Median-Einkommen bei 2.419 Euro

Grundlage der IW-Auswertung sind Daten der Europäischen Union von 2024, die seit Juli verfügbar sind. Die Schwellenwerte wurden anhand des Median-Nettoeinkommens berechnet, das für einen Alleinstehenden bei 2.419 Euro im Monat lag. Mit 60 Prozent davon oder weniger gilt man demnach als relativ arm, mit mindestens 250 Prozent als vergleichsweise reich. Aspekte wie Vermögen, Wohneigentum oder regionale Preisunterschiede wurden nicht berücksichtigt.
„Reich sind vor allem die anderen – dieser Eindruck ist nachvollziehbar, kann aber täuschen“, sagt IW-Ökonomin und Studienautorin Judith Niehues. Viele Menschen unterschätzten, wie hoch ihr Einkommen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung liege. Untersuchungen zufolge verorteten sich nur wenige an den Rändern der Einkommensverteilung, so Niehues. Die meisten sähen sich in der Mittelschicht.

Reallöhne weiter gestiegen

Die Löhne in Deutschland sind zuletzt weiter gestiegen und das schneller als die Verbraucherpreise. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im zweiten Quartal dieses Jahres 1,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor zur Verfügung. Im ersten Quartal waren die Reallöhne um 1,8 Prozent gestiegen.
Fraglich ist, ob sich dieser Trend fortsetzt. Getrieben von hohen Energiepreisen nahm die Inflation zuletzt wieder Fahrt auf und stieg erstmals seit Ende 2023 wieder über drei Prozent. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

Nach Sicherheitsvorfall am Leipziger Flughafen: Zwei Syrer stellen sich

Nach dem Sicherheitsvorfall am Flughafen Leipzig-Halle haben sich zwei Tatverdächtige gestellt.
Wie die Polizei am Montag mitteilte, handelt es sich um zwei Syrer. Die beiden Männer im Alter von 20 und 32 Jahren machten sich als Fahrzeugführer und Fahrzeughalter des Fahrzeugs bekannt, welches den Sicherheitszaun des Flughafens durchbrochen hatte. Der 20-Jährige ließ über seinen Rechtsanwalt mitteilen, er habe im Bereich des Flughafens die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und dabei den Zaun durchbrochen.
Danach habe er sich von der Unfallstelle entfernt; das Auto sei in der Folge auf private Veranlassung abgeschleppt worden. Der 32-Jährige, der als Halter auftrat, machte keine näheren Angaben. Die Ermittlungen ergaben zudem, dass der 20-jährige Beschuldigte über keine gültige Fahrerlaubnis verfügt.
Die Staatsanwaltschaft ordnete unter anderem die Durchsuchung des 20-jährigen Beschuldigten, seiner mitgeführten Sachen und seiner Wohnung an. Das Fahrzeug wurde auf dem Gelände des benannten Autohandels aufgefunden. Ein Richter hatte zuvor die Beschlagnahme des Fahrzeugs und dessen Durchsuchung angeordnet. Die Staatsanwaltschaft Leipzig und die Verkehrspolizeiinspektion der Polizeidirektion Leipzig haben die Ermittlungen aufgenommen.
Gegen den 20-Jährigen wird wegen des Verdachts des unerlaubten Entfernens vom Unfallort und des Fahrens ohne Fahrerlaubnis ermittelt. Gegen den 32-Jährigen wird wegen des Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung ermittelt, weil er das Führen seines Fahrzeugs durch den 20-Jährigen zugelassen haben könnte, obwohl dieser keine Fahrerlaubnis besaß. Die Ermittlungen zu den konkreten Abläufen am Unfallort, den Tatbeteiligungen und einer möglichen Motivlage dauern an.
Der Vorfall hatte sich am Samstag gegen 23 Uhr ereignet. Am Sicherheitszaun des Flughafengeländes war eine Beschädigung festgestellt worden, woraufhin die Nordpiste gesperrt und der Flugbetrieb auf der Nordseite für mehrere Stunden eingestellt wurde. Einsatzkräfte der Bundespolizei und der Polizeidirektion Leipzig suchten das Gelände mehrmals ab. Dabei fanden sie weder unberechtigte Personen noch verdächtige Gegenstände. (dts/red)
Categories
gesellschaft ticker

Wie heftig wird die Grippewelle? Impfstoffe stark verändert

In jedem Herbst ein Piks gegen Grippe – für einen Teil der Bevölkerung wird die Grippeschutzimpfung empfohlen, andere können sich damit schützen, wenn sie möchten. Die Wirkung hält mehrere Monate und schützt für die Saison. Dann kann die Lage wieder anders aussehen.

Warum gibt es jeden Herbst neue Impfstoffe gegen die Grippe?

Grippeviren verändern sich im Gegensatz zu anderen Viren fortlaufend. Die Impfstoffe setzen sich aus den Antigenen weltweit zirkulierender Varianten zusammen. Deshalb passen Hersteller ihre Impfstoffe jedes Jahr jeweils an die Virusstämme und -varianten an, die voraussichtlich in der kommenden Grippesaison zirkulieren, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das Bundesinstitut für Impfstoffe, auf Anfrage erklärt.
Grundlage sind demnach Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Ausschusses für Humanarzneimittel bei der Europäischen Arzneimittelagentur. Sie betrachten weltweit zirkulierende Varianten der Influenzaviren. Meist werde im Februar eine Prognose für die im folgenden Winter herrschenden Virusvarianten getroffen.

Welche Anpassungen wurden für die kommende Saison gemacht?

Für die Grippesaison 2026/2027 wurden alle drei in den Impfstoffen enthaltenen Stämme angepasst. Dies beruhe auf der veränderten Antigenität der zirkulierenden Viren – also der Erkennbarkeit der Viren durch die nach der Impfung gebildeten Antikörper, erklärt das PEI. Für die zirkulierenden Viren wurden deutliche antigenetische Unterschiede gegenüber den bisherigen Impfstoffreferenzviren beobachtet.
Der Impfstoff sei angepasst worden, weil sich alle drei Stämme in den letzten Jahren deutlich verändert hätten, erklärt Leif-Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin an der Charité – „mit dem Ziel, den Impfstoff besser an die zirkulierenden Viren anzupassen.“.

Lassen sich daraus Rückschlüsse für die bevorstehende Grippesaison ziehen?

„Ich würde daraus nicht primär schließen, dass wir eine viel stärkere Grippesaison bekommen“, so Sander. Mit der noch recht neuen Influenza-Variante, A(H3N2) der Subklade K, seien bereits im vergangenen Jahr viele Menschen in Kontakt gekommen. Zudem sei der Grippeimpfstoff nun auch darauf angepasst worden.
Im vergangenen Jahr habe es zwar eine ausgeprägte Grippesaison mit vielen Erkrankten und vollen Krankenhäusern gegeben, insgesamt sei die Saison aber nicht außergewöhnlich schwer verlaufen. „Auch auf der Südhalbkugel, wo der Winter jetzt ausläuft, gab es keine ganz so schwere Grippesaison.“
Der genaue Verlauf einer Grippesaison sei im Vorhinein nicht abzusehen, teilt das PEI mit. Der tatsächliche Impfschutz hänge davon ab, wie gut die Stammanpassung zum jeweiligen Zeitpunkt zu den tatsächlich zirkulierenden Virusstämmen passt.
Aber auch das Alter der geimpften Personen und frühere Influenzainfektionen oder -impfungen spielen eine Rolle. Der Impfschutz lässt mit der Zeit wieder nach, es hängt also auch vom Zeitpunkt der Grippeinfektion ab. Aber auch weniger wirksame Impfstoffe verhindern viele Krankheitsfälle und Influenza-Erkrankungen verlaufen bei geimpften Personen typischerweise milder.

Also Entwarnung?

Nicht unbedingt. Es gilt trotzdem: „Die Grippewelle kommt immer, da kann man im Grunde die Uhr danach stellen. Jedes Jahr sterben viele Leute daran und es führt immer zu einer hohen Krankheitslast“, erklärt Experte Sander. „Aber wir erwarten nicht, dass dieses Jahr eine besonders dramatische Grippewelle auf uns zurollt.“

Für wen wird eine Grippeimpfung empfohlen?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Impfungen gegen Grippe unter anderem für Menschen ab 60 Jahren sowie Menschen mit Vorerkrankungen, Schwangere und Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen. Außerdem wird sie auch für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Grunderkrankungen empfohlen.
Dazu gehören chronische Erkrankungen der Atmungsorgane, Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenerkrankungen, Adipositas und weitere. Die Influenza-Impfquoten bei Kindern und Jugendlichen mit Grunderkrankungen sind der Stiko zufolge seit Jahren deutlich zu niedrig.
In der Saison 2024/25 waren laut dem Robert Koch-Institut (RKI) nur 34,5 Prozent der Menschen ab 60 Jahren gegen Grippe geimpft, damit hatte mehr als die Hälfte dieser Gruppe keinen Impfschutz. Sander betont, die EU habe als Ziel eine Impfquote von 75 Prozent, Deutschland liege aber regelmäßig deutlich darunter. „Die Anpassung der Impfstoffe ist wichtig, aber vor allen Dingen brauchen wir eine bessere Impfquote.“
Andere Länder kommen auf höhere Impfquoten. Der EU-Durchschnitt lag in der Saison 2022/23 dem Statistischen Bundesamt zufolge bei 47 Prozent mit Bezug auf die Bevölkerung ab 65 Jahren.

Wie ist die Lage bei Atemwegsinfekten bisher?

Die Zahl der akuten Atemwegsinfekte liegt dem RKI zufolge derzeit auf einem moderaten Niveau und wird vor allem von Erkältungsviren wie Rhinoviren und Parainfluenzaviren sowie Enteroviren bestimmt.
Die im Abwasser gemessene Last an Coronaviren (SARS-CoV-2) ist weiterhin niedrig, jedoch sei seit einigen Wochen ein leichter Anstieg zu verzeichnen, heißt es im RKI-Wochenbericht zu akuten respiratorischen Erkrankungen. Auch bei den Influenzaviren gibt es einen leichten Anstieg. (dpa/red)
Categories
gesellschaft meinung ticker

„Genug gearbeitet“ – Verantwortung: Aus Klage wird Gestaltung

Klage kann entlasten. Es tut gut, auszusprechen, was schwer ist: Bürokratie, Politik, Fachkräftemangel, unklare Mitarbeiter, Kundenansprüche, technische Veränderungen, KI-Druck. Doch Klage hat eine Grenze. Wenn sie zu lange bleibt, frisst sie Gestaltung.
Verantwortung beginnt nicht damit, dass alles im eigenen Einflussbereich liegt. Verantwortung beginnt mit der ehrlichen Unterscheidung: Was kann ich nicht ändern? Was kann ich beeinflussen? Was muss ich entscheiden?
Diese Unterscheidung wirkt nüchtern. Im Alltag ist sie kraftvoll. Sie holt Führung aus der Ohnmacht zurück.
In einer Unternehmergruppe sammelten wir alle Ärgernisse. Die Liste war lang. Dann sortierten wir sie in drei Spalten: nicht beeinflussbar, indirekt beeinflussbar und direkt entscheidbar. Die Stimmung veränderte sich. Nicht, weil die Probleme kleiner wurden. Sondern weil Handlung sichtbar wurde.
Genug gearbeitet. Genug Energie in Kreisen verloren, die keine Entscheidung hervorbringen.
Verantwortung bedeutet nicht, alles selbst zu lösen. Sie bedeutet, den nächsten wirksamen Schritt zu bestimmen. Manchmal ist das ein Gespräch. Manchmal ein Nein. Manchmal eine Struktur. Manchmal die Entscheidung, ein Thema politisch oder über Verbände anzugehen, aber intern nicht täglich daran zu verbrennen.
Drei Verantwortungssätze helfen:
  • „Das können wir nicht ändern, aber wir können über unseren Umgang damit entscheiden.“
  • „Das ist ärgerlich, und trotzdem braucht es jetzt einen nächsten Schritt.“
  • „Wir sprechen über Wirkung, nicht nur über Schuld.“
Verantwortungskultur zeigt sich auch im Team. Wenn Menschen erleben, dass Führung nur klagt, lernen sie Klage. Wenn sie erleben, dass Führung sortiert und entscheidet, lernen sie Gestaltung.
Das heißt nicht, immer positiv zu tun. Im Gegenteil: Verantwortung braucht Realitätssinn. Aber Realitätssinn ohne Handlung wird schwer. Handlung ohne Realitätssinn wird naiv. Führung braucht beides.
Ein praktisches Format: Am Ende jeder Problemdiskussion steht eine Entscheidung. Nicht immer die endgültige Lösung, aber eine von drei Möglichkeiten: Wir handeln. Wir beobachten bis zu einem festgelegten Termin. Wir beenden die Diskussion.
Alles andere wird zur Wiederholungsschleife.
Genug gearbeitet. Wo wird bei Ihnen noch geklagt, obwohl längst eine Entscheidung fällig wäre?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
Categories
ausland gesellschaft ticker

Kanada: „Schwerwiegender Vorfall“ auf Militärstützpunkt in Alberta – mehrere Tote, viele Verletzte

Auf einem Armeestützpunkt im Westen Kanadas hat sich nach Angaben der Regierung ein „schwerwiegender Vorfall“ ereignet, bei dem mehrere Menschen getötet wurden.
Kanadas Premierminister Mark Carney schrieb am Samstag (Ortszeit) im Onlinedienst X, auf dem Stützpunkt Wainwright in der Provinz Alberta habe ein „schwerwiegender Vorfall einen Großbrand“ ausgelöst.
Verteidigungsminister David McGuinty sagte auf einer Pressekonferenz, es habe sowohl Tote als auch Verletzte gegeben. Nähere Angaben machte er nicht.
Der Minister sagte lediglich, „wir werden dazu in den kommenden Stunden und Tagen mehr zu sagen haben“. Die Situation sei schwierig und verändere sich ständig.
Er könne sich aber nicht an einen vergleichbaren Vorfall in der jüngeren Geschichte erinnern, sagte McGuinty. Der Stützpunkt liegt etwa 200 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt Edmonton.

Krankenhäuser „völlig überfordert“

Ein Arzt in einem Krankenhaus von Edmonton, Warren Thirsk, sagte dem staatlichen Sender CBC, die medizinischen Einrichtungen in der Kleinstadt Wainwright seien „völlig überfordert“ von der Anzahl der Patienten, die zu versorgen seien.
„Es sind mehr Patienten, als irgendjemand von uns jetzt gerade zählen möchte“, sagte Thirsk. Es sei eine Katastrophe, wie sie nur alle 15 bis 25 Jahre vorkomme.
In Edmonton wurde nach der Katastrophe ein „Code Orange“ ausgerufen, der ein Notfallprotokoll für eine hohe Anzahl von Patienten bezeichnet.
Die Gesundheitszentren in Wainwright waren den Berichten zufolge völlig überlastet, und Patienten wurden in der Folge in Krankenhäuser in ganz Edmonton verlegt.

Feuer und starke winde

Der Gemeindebezirk Wainwright meldete über Onlinenetzwerke, dass sich das Feuer aufgrund von starken Winden schnell über das Areal der Militärbasis hinaus ausgebreitet habe. Feuerwehren aus mehreren Bezirken hätten den Brand „für den  Augenblick im Griff“ und würden die Gegend weiter engmaschig überwachen.
Das Feuer unterbrach auch die vorzeitige Stimmabgabe für eine Abstimmung am Montag, bei der über ein mögliches Referendum über die Unabhängigkeit der ölreichen Provinz Alberta von Kanada entschieden werden sollte. Das Wahllokal in Wainwright wurde nach Angaben der zuständigen Behörde geschlossen. (afp/dts/red)
Categories
ausland gesellschaft ticker

Der Louvre-Coup: Ein Jahr später bleibt die Leere

Goldene Ornamente, prachtvolle Deckengemälde: Wieder schlängeln sich Besucher durch die Galerie d’Apollon im Louvre. Fast wie vor dem spektakulären Einbruch am 19. Oktober 2025 – wären da nicht die fehlenden Vitrinen und Schmuckstücke, die einst den Saal füllten.
Die verbliebenen Kostbarkeiten wurden an einen nicht genannten Ort innerhalb des Museums gebracht. Der Saal, einer der schönsten des Pariser Weltmuseums, soll für sich selbst sprechen. Louvre-Direktor Christophe Leribault verbindet damit auch die Hoffnung auf einen Neuanfang.
Kann der Prunksaal vergessen machen, was hier vor einem Jahr geschah?

Kann der Prunksaal vergessen machen, was hier vor einem Jahr geschah?

Foto: Nicolas Bousser/Louvre/dpa

Minuten, die den Louvre veränderten

Doch die Pracht kann nicht vergessen machen, was hier vor einem Jahr geschah. Die leere Galerie d’Apollon erzählt davon, was fehlt.
Acht Schmuckstücke der französischen Krone, geschätzt 88 Millionen Euro wert, wurden aus dem Saal gestohlen. Seitdem fehlt von ihnen jede Spur.
Der Einbruch dauerte nur wenige Minuten: Mit einer Hebebühne gelangten die Täter über einen Balkon und ein Fenster in die Galerie d’Apollon. Sie brachen zwei Vitrinen auf, stahlen die Juwelen und flohen auf Motorrollern. Zurück blieb unter anderem die beschädigte Krone von Kaiserin Eugénie.

Viele Spuren, offene Fragen

Der Ablauf des Einbruchs ist weitgehend rekonstruiert. Doch je näher die Ermittler dem Tathergang kommen, desto mehr Fragen bleiben offen: Wer steckt hinter der Tat? Gab es tatsächlich einen Auftraggeber? Und wo sind die Juwelen?
Eine mögliche Spur führte die Ermittler vor wenigen Wochen nach Belgien. Auf Handys von Verdächtigen fanden sich Fotos der Galerie d’Apollon.
Zudem stießen die Ermittler auf auffällige Kontakte und Bewegungsdaten. Ob es einen Zusammenhang mit dem Einbruch gibt, ist unklar.
Wurden die restlichen Juwelen in einer Tiefgarage in Aubervilliers bei Paris an einen Hintermann übergeben?

Wurden die restlichen Juwelen in einer Tiefgarage in Aubervilliers bei Paris an einen Hintermann übergeben?

Foto: Stephane De Sakutin/AFP/dpa

Rätselhafte Übergabe

Auch die Aussagen zur möglichen Übergabe der Beute werfen weiter Fragen auf. Zwei Hauptbeschuldigte berichten von einem unbekannten Auftraggeber, der sie wenige Tage vor der Tat angeworben haben soll.
Ihre Darstellungen widersprechen sich: Einer wusste nach eigener Aussage, dass er in den Louvre einbrechen sollte. Der andere habe geglaubt, es gehe um eine Schmuckwerkstatt.
Einer der Männer behauptet, er habe die Juwelen in einer Tiefgarage in Aubervilliers an einen Hintermann übergeben. Wer dieser Mann sein soll, verrät er nicht. Unabhängige Belege für die Übergabe oder die Existenz eines Auftraggebers fehlen bislang.

Konsequenzen für den Schutz der Kunst

Der Einbruch hat die Sicherheitsfrage weit über den Louvre hinaus verschärft. Frankreichs Kulturministerium hat einen Sicherheitsplan mit 33 Maßnahmen vorgelegt.
Dazu gehören eine landesweite Erfassung besonders gefährdeter Museen, unangekündigte Sicherheitskontrollen und zusätzliche Schulungen für das Museumspersonal.
Besonders gefährdete Objekte sollen gegebenenfalls vorübergehend an sicheren Orten verwahrt werden, bis ihre Präsentation besser geschützt ist.

Halskette und Ohrringe aus dem Hochzeitsset von Kaiserin Marie-Louise, damals ausgestellt in der Apollon-Galerie des Louvre.

Foto: Stephane de Sakutin/Getty Images

Original oder Kopie?

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie schützt man Kunst, ohne sie wegzuschließen? Werden besonders gefährdete Werke aus den Ausstellungen genommen, könnten Kopien die Lücken füllen.
Doch für Museen geht es um mehr als die Form der Präsentation: Sie sollen ihre Schätze nicht nur bewahren, sondern sie auch öffentlich zugänglich machen.
Wie weit die Sicherheitsmaßnahmen tatsächlich gehen werden, ist noch offen. Museen stehen vor einem schwierigen Spagat: Sie müssen ihre wertvollsten Werke schützen, ohne sie dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen.

Die Lücke, die bleibt

Louvre-Direktor Christophe Leribault wollte mit der Wiederöffnung der Galerie ohne die zuvor gezeigten Schmuckstücke und Vitrinen einen Neuanfang ermöglichen. Der Prunksaal solle wieder für sich selbst sprechen – für seine prachtvollen Deckenmalereien, Skulpturen und Wandverzierungen.
Doch seine Leere erzählt längst mehr als die Geschichte eines spektakulären Diebstahls. Sie handelt auch davon, was Museen riskieren, wenn sie ihre Schätze zeigen – und was die Öffentlichkeit verlieren könnte, wenn sie es nicht mehr tun. (dpa/red)
Categories
ausland gesellschaft ticker

Verteidigungsminister: „Heikle Situation“ – Tote und Verletzte bei Brand auf kanadischer Militärbasis

Auf einer Militärbasis in Kanada hat ein schwerer Brand am Samstag zu Todesfällen und Verletzungen geführt. Medienberichten zufolge brach das Feuer auf der Basis in Wainwright, einer Stadt in der östlichen Provinz Alberta, aus und breitete sich aufgrund starker Winde schnell aus.
Verteidigungsminister David McGuinty erklärte, dass es sowohl Tote als auch Verletzte infolge des Vorfalls auf der Basis gegeben habe.

Verteidigungsminister spricht von „heikler Situation“

Er machte keine Angaben zur Anzahl der Opfer oder zur Ursache des Feuers, bezeichnete die Situation jedoch als „aktiv und heikel“ und kündigte eine baldige Untersuchung an.
Spät am Samstagabend (Ortszeit) teilte der Gemeindebezirk mit, dass das Feuer „derzeit unter Kontrolle“ sei. CFB Wainwright ist eine der geschäftigsten Armeebasen des Landes.
In Edmonton wurde nach der Katastrophe ein „Code Orange“ ausgerufen, der ein Notfallprotokoll für eine hohe Anzahl von Patienten bezeichnet.
Die Gesundheitszentren in Wainwright waren den Berichten zufolge völlig überlastet, und Patienten wurden in der Folge in Krankenhäuser in ganz Edmonton verlegt. (dts/red)
Categories
gesellschaft ticker vital

Bis zu 170 schwere Pilzvergiftungen pro Jahr

Beim Pilzesammeln im Wald ein giftiges Exemplar erwischen und kurz danach im Krankenhaus landen? Das kann vorkommen – doch die bekannten Zahlen solcher Fälle bewegen sich in Deutschland mit rund 83 Millionen Einwohnern auf eher niedrigem Niveau.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung verweist auf die Gesundheits-Berichterstattung des Bundes, der zufolge es in den vergangenen zehn Jahren pro Jahr etwa 280 bis 680 stationäre Behandlungen im Krankenhaus gab, weil sich Menschen an Pilzen vergiftet hatten.
Zum Tod führt der Griff zum falschen Pilz deutlich seltener: Todesfälle mit dieser Diagnose gab es demnach pro Jahr zwischen null und sieben.

Bis zu 170 schwere Vergiftungsfälle pro Jahr

Weitere Hinweise geben die Giftinformationszentren, von denen es in Deutschland sieben gibt. Das Giftinformationszentrum Nord (GIZ Nord) in Göttingen zählte in den Jahren 2022 bis 2025 jeweils 10 bis 24 schwere Fälle von Pilzvergiftungen und bis zu zwei Todesfälle.
Dem Bundesinstitut für Risikobewertung zufolge gehen beim GIZ Nord etwa ein Siebtel der insgesamt in den deutschen Giftinformationszentren eingehenden Anfragen ein.
Rechnet man die Zahlen auf Gesamtdeutschland hoch, ergäben sich somit 70 bis knapp 170 schwere Fälle von Pilzvergiftungen pro Jahr, welche als Anfragen in den Zentren beraten werden – und bis zu 14 Todesfälle.
Das wären etwas höhere Todeszahlen, als die Gesundheits-Berichterstattung des Bundes zeigt.
Pilzesammeln erfreut sich als Beschäftigung im Herbst großer Beliebtheit: Mittlerweile gibt es sogar selbst ernannte Pilz-Influencer.

Pilzesammeln erfreut sich als Beschäftigung im Herbst großer Beliebtheit: Mittlerweile gibt es sogar selbst ernannte Pilz-Influencer.

Foto: Patrick Pleul/dpa

In guten Pilzjahren auch höheres Risiko

Das Bundesinstitut für Risikobewertung verweist darauf, dass die Zahlen jährlich stark schwanken und regionale Unterschiede eine Rolle spielen könnten. So hätten verschiedene giftige Pilze unterschiedliche Standortanforderungen. Außerdem erhöhe sich in Pilzjahren, in denen gute Wetterbedingungen für das Wachstum herrschen, auch die Wahrscheinlichkeit von Pilzvergiftungen.
Zudem dürfte es eine Dunkelziffer geben. Denn nicht jeder Mensch mit einer Vergiftung landet im Krankenhaus oder wird an den entsprechenden Zentren beraten.
Um im Rahmen des Möglichen einen besseren bundesweiten Überblick zu bekommen, ist das Bundesinstitut für Risikobewertung dabei, ein zentrales Vergiftungsregister aufbauen.

Experten warnen vor Verwechslungen

„In Deutschland gibt es sehr giftige Pilze, die essbaren Pilzen zum Verwechseln ähnlich sehen. Das kann auch für erfahrene Sammlerinnen und Sammler gefährlich werden“, sagt Yuri Bruinen de Bruin, Leiter des Nationalen Vergiftungsregisters am Bundesinstitut für Risikobewertung.
Beliebte Speisepilze seien etwa der Wiesenchampignon oder der Frauentäubling. Immer wieder verwechselten Sammler diese Pilze mit dem hochgiftigen Grünen Knollenblätterpilz. Die darin enthaltenen Giftstoffe könnten zu Leberversagen führen, so dass schon der Verzehr geringer Mengen tödlich sein kann.
Kinder und ältere Menschen sind nach Angaben der Behörde besonders gefährdet. Bei ihnen können schon kleine Mengen giftiger Pilze schwere gesundheitliche Schäden verursachen. Zu den Symptomen zählen Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen. (dpa/red)
Der Grüne Knollenblätterpilz ist extrem giftig - und ähnelt harmlosen Champignons. (Archivbild)

Der Grüne Knollenblätterpilz ist extrem giftig – und ähnelt harmlosen Champignons. (Archivbild)

Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Categories
gesellschaft ticker

Tödlicher Messerangriff in Seniorenheim in Olfen – 72-Jähriger festgenommen

Nach dem tödlichen Messerangriff in einem Seniorenheim in Olfen im Münsterland sind viele Fragen offen. Es werde weiter ermittelt, sagte ein Sprecher der Polizei am Morgen. Eine Mordkommission wurde eingerichtet.
Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei soll ein 72 Jahre alter Bewohner am Abend mehrere Frauen in der Cafeteria des Heims mit einem Messer angegriffen haben. Eine 86 Jahre alte Bewohnerin starb, zwei weitere Frauen im Alter von 81 und 83 Jahren wurden schwer verletzt. Die 83-Jährige schwebte vorübergehend in Lebensgefahr. Sie sei vorerst stabilisiert, sagte der Sprecher am Morgen. Ihr Zustand könne sich jedoch wieder verschlechtern.

Motiv weiter unklar

Unklar waren am Morgen weiterhin das Motiv und die Beziehung des Tatverdächtigen zu den drei Frauen. Zudem war nicht bekannt, woher er das Messer hatte. Wann der Mann einem Haftrichter vorgeführt werden sollte, konnte der Sprecher zunächst ebenfalls nicht sagen.

Tatverdächtiger widerstandslos festgenommen

Den Angaben zufolge starb die 86-Jährige noch am Tatort. Die beiden Verletzten kamen ins Krankenhaus. Alle drei Frauen sind laut Polizei Bewohnerinnen des Seniorenheims. Der Tatverdächtige soll zudem weitere Bewohner des Heims mit dem Messer angegriffen haben. Der 72-jährige Deutsche ließ sich widerstandslos festnehmen.
Bei dem Heim handelt es sich um das St.-Vitus-Stift in Olfen. Zwei Rettungshubschrauber landeten am Abend vor der Einrichtung, die Polizei rückte mit einem Großaufgebot aus.

77 pflegebedürftige Bewohner

In dem Seniorenzentrum leben nach Angaben des Betreibers 77 pflegebedürftige Senioren. Es seien „Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die durch gesundheitliche Beeinträchtigungen der Unterstützung und Pflege bedürfen“. Dem Haus angeschlossen ist ein betreutes Wohnen mit 36 barrierefreien Wohnungen. Zudem gibt es Wohngruppen für Senioren mit Demenz. Träger des Seniorenzentrums ist die Stadt Olfen. (dpa/red)
Categories
gesellschaft ticker

Fehlalarm an Bahnhöfen fordert zu Evakuierung auf

Fehlalarm an Bahnhöfen in drei Bundesländern: Nach Angaben der Bundespolizei in Koblenz lief am Freitagnachmittag „in allen Bahnhöfen und Haltepunkten der Region Mitte“ eine falsche Durchsage zur Evakuierung.
Eine Sprecherin der Bundespolizei sagte der Deutschen Presse-Agentur, betroffen gewesen seien Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.
Ursache war laut Bundespolizei „die fehlerhafte Betätigung eines Knopfs“ bei der Deutschen Bahn. Es habe sich um einen „menschlichen Fehler“ und keinen technischen Defekt gehandelt.

„Bedauerlicher Fehler“

Ein Sprecher der Deutschen Bahn bestätigte, dass es unter anderem am Hauptbahnhof Frankfurt eine solche Ansage gegeben habe. Darin seien die Menschen aufgefordert worden, den Bahnhof zu verlassen. Nach dem Fehlalarm sei eine Entwarnung durchgegeben worden.
Die Bahn-Pressestelle teilte später mit: „Aufgrund eines bedauerlichen Fehlers kam es heute Nachmittag an einigen Bahnhöfen in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zu einer automatisierten Durchsage zur Evakuierung. Wir bitten um Entschuldigung.“
Der Bahn-Sprecher nannte allerdings eine andere Ursache als die Bundespolizei: „Es war ein technischer Defekt“, sagte der Sprecher zur dpa. Die Anlagen seien automatisiert, sagte er. „Da lief die falsche Ansage.“ (dpa/red)