Vietnam Airlines (Archiv) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Rund sieben Wochen nach dem spektakulären Zwischenfall mit einer Boeing 787-9 am Verkehrsflughafen München hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) einen Zwischenbericht vorgelegt.
Das Flugzeug der Vietnam Airlines sollte am 15. August planmäßig nach Hanoi in Vietnam fliegen. An Bord: 271 Passagiere, 12 Kabinenbesatzungsmitglieder und vier Piloten. Um 13:56 Uhr Münchner Zeit rollte die Maschine auf die Startbahn 26 L.
Flugzeug hob zu spät ab
Doch der Start verlief nicht wie geplant: Das Flugzeug hob erst hinter dem eigentlichen Ende der Startbahn ab und zwar im Grasbereich. Spektakuläre Videoaufnahmen davon gingen viral.
Dabei war auch zu sehen, wie das Heck und die Reifen des Hauptfahrwerks mit Teilen der Anflugbefeuerung kollidierten. Insgesamt 20 Lampen wurden beschädigt, das Flugzeug trug erhebliche Schäden am Rumpf davon.
Die Besatzung entschied sich zur Umkehr. Nach mehreren Überflügen, bei denen das Bodenpersonal das Fahrwerk in Augenschein nehmen konnte, landete die Maschine schließlich auf der Piste 26 R. Dabei wurden vier Reifen des linken Hauptfahrwerks beschädigt. Alle Insassen kamen unverletzt davon.
Fast 290 Menschen waren an Bord einer Maschine von Vietnam Airlines, als es zu dem Vorfall kam. (Symbolbild)
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Bremsmanöver beim Start
Wie die Flugdatenschreiber jetzt offenbaren: Bereits während des Startlaufs, also bevor das Flugzeug überhaupt abhob, wurde mehrfach gebremst. Die Untersuchung zeigt, dass die Piloten schon etwa eine Minute vor dem Abheben die Bremsen betätigten. Auf Höhe einer Rollweg-Einmündung waren sogar Reifenspuren beider Hauptfahrwerke auf der Startbahn zu sehen.
In der Folge kam es zu weiteren Bremsmanövern. Zeitweise blieb die Geschwindigkeit des Flugzeugs für rund 18 Sekunden bei etwa 168 Knoten (rund 311 km/h) hängen, unterbrochen von kurzen Schwankungen.
Die eigentliche Rotation – also das Anheben der Nase zum Abheben – erfolgte erst auf Höhe der Pistenschwelle, also am äußersten Ende der Startbahn. Das Flugzeug hob dann im Grasbereich dahinter ab. Die Reifenspuren zogen sich über die Schwelle und den sogenannten Clearway (eine Sicherheitsfläche hinter der Bahn) hinaus und endeten etwa 240 Meter dahinter im Gras.
Die Geschwindigkeit V1 – also die Entscheidungsgeschwindigkeit, ab der ein Startabbruch nicht mehr möglich ist – wurde erst nach dem Abheben und nach der Kollision mit der Befeuerung erreicht. Das bedeutet: Zu dem Zeitpunkt, als die Besatzung noch hätte abbrechen können, war das Flugzeug bereits über das Bahnende hinaus.
Flugzeug landete erneut um 15:56 in München – keine Verletzten
Kurz nach dem Abheben – in nur 15 Fuß (etwa 4,5 Meter) Höhe – aktivierte sich der automatische Strömungsabrissschutz des Flugzeugs. Die Vorflügel („Leading Edge Slats“) fuhren automatisch vollständig aus, um einen drohenden Strömungsabriss zu verhindern.
Der Anstellwinkel des Flugzeugs war zu diesem Zeitpunkt bereits auf 14 Grad gestiegen – ein Wert, der nahe an der kritischen Grenze liegt. Die Besatzung aktivierte daraufhin den Take-Off/Go-Around-Modus, ein Standardverfahren für solche Situationen.
Nach dem Abheben stieg das Flugzeug auf 7.000 Fuß und die Besatzung setzte einen Notruf („pan pan“) ab. Man bat um Radarführung, um Treibstoff ablassen zu können – insgesamt 62 Tonnen Kerosin waren es schließlich, um das Landegewicht zu reduzieren. Die Besatzung rechnete mit platten Reifen bei der Landung.
Nach zwei Überflügen, bei denen das Fahrwerk ausgefahren blieb, damit das Bodenpersonal es begutachten konnte, landete die Maschine schließlich um 15:56 Uhr auf der Piste 26 R. Vier Reifen des linken Hauptfahrwerks waren beschädigt. Die Passagiere verließen das Flugzeug über mobile Treppen, niemand wurde verletzt.
Untersuchung dauert an
Der Bericht gibt auch detailliert Auskunft über die vier Piloten an Bord. Der 64-jährige Kapitän, ein sehr erfahrener Pilot mit über 27.000 Flugstunden – davon fast 7.800 auf einer Boeing 787 – war während des Starts der steuerführende Pilot.
Der 40-jährige Copilot überwachte die Instrumente. Ein weiterer 55-jähriger Pilot übernahm später im Flug die Steuerung und führte die Landung durch. Ein 31-jähriger Pilot war als Vierter im Cockpit, blieb aber laut Zwischenbericht passiv.
Die Untersuchung ist nicht abgeschlossen. Die BFU hat mehrere elektronische Steuergeräte des Bremssystems sichergestellt und untersucht sie derzeit im Detail. (dts/dpa/red)
Zusammen Kaffee trinken und sich erzählen, was so los ist, ist ins Zwielicht geraten. (Illustration) - Foto: Peter Kneffel/dpa
Die sogenannte Catch-up-Culture – auf Deutsch etwa: Aufhol- oder Nachholkultur – beschreibt ein Phänomen im heutigen Sozialleben, bei dem kleine Treffen von Freunden – etwa auf einen Kaffee oder Cocktail – nur noch darin zu bestehen scheinen, sich auf den neuesten Stand zu bringen, Statusberichterstattung zu leisten.
Derzeit scheint es irgendwie schick zu sein, diese oberflächliche Freundschaftspflege per Treffen im Café zu problematisieren, also solche Beziehungen als Pseudofreundschaften zu diskreditieren. Doch der Reihe nach:
Sich auf den neusten Stand bringen
Statt ihr Leben natürlich miteinander zu teilen, kennen viele Erwachsene ab einem bestimmten Alter auch diese Art der Freundschaftspflege: Bei gelegentlichen Treffen, etwa einem Kaffeetrinken oder Abendessen, werden die Ereignisse der letzten Wochen für den anderen zusammengefasst, aufbereitet, quasi ein Update des eigenen Lebens abgeliefert und nachgeholt.
Was war los bei dir die letzten Tage? Gibt es Neues bei der Arbeit? Wie läuft die Beziehung? Wie geht es den Kindern? Wie war der Urlaub?
Solche Treffen erinnern womöglich an ein vierteljährliches Mitarbeitergespräch, an eine Pflichtaufgabe, die man im Kalender abhakt. Es wird sich erzählt, was getrennt voneinander erlebt worden ist.
So entsteht das Gefühl, das Leben der anderen bloß von der Seitenlinie aus zu beobachten. Oft bleiben die kleinen, alltäglichen, scheinbar belanglosen Dinge bei der präsentierten Auswahl außen vor. Dabei wären es eigentlich gerade sie, die emotionale Nähe und kontinuierliche Verbundenheit schaffen.
Auf TikTok und anderen sozialen Netzwerken wird das Phänomen derzeit gern debattiert. Influencer und Fachleute verweisen auf mehrere strukturelle Ursachen im modernen Leben.
Vermeintliche Nähe dank Social-Media-Illusion: Der Blick auf die Instagram-Storys von Freunden vermittelt das trügerische Gefühl, stets up to date zu sein. Dadurch verliert der persönliche Austausch an Dringlichkeit.
Das optimierte Leben: Der gesellschaftliche Drang, Effizienz zu steigern, führt dazu, dass Menschen ihren Tag bis zur letzten Stunde durchtakten. Scheinbar unnütze soziale Kontakte und Spontanität bleiben so auf der Strecke.
Und: Hohe Lebenshaltungskosten, lange oder unregelmäßige Arbeitszeiten rauben vielen die Energie, sich treiben zu lassen oder eben auch, Freunde entspannt zu sich einzuladen.
Wenn das Leben wegen gewachsener Verpflichtungen immer voller erscheint, fühlt es sich fast unmöglich an, Freundschaften zwanglos zu pflegen und spontan zu sein – wie man es vielleicht mit 20 noch getan hat beziehungsweise gewesen ist.
Der Lösungsvorschlag ist recht simpel: wieder mehr miteinander erleben. Statt sich bloß auf einen Kaffee zu verabreden, kann man etwa gemeinsam kochen oder zusammen einkaufen gehen, ganz alltägliche Besorgungen machen.
Auch jemanden zum Arzt begleiten, gemeinsam saunieren oder bloß auf der Couch chillen kommen infrage. Selbst recht ereignislose Momente miteinander können mehr Nähe schaffen als ein Kurzreferat übers Erlebte ohneeinander.
Freunde, die weiter weg wohnen, könnte man einfach spontan anrufen, um zu plaudern. Lieben Menschen könnte man auch konkrete Kurznachrichten schicken, um Nähe zu erzeugen: „Wie ist deine Präsentation heute gelaufen?“
Auch passives Beisammensein ist ein Trick, der das Gefühl von Jugend- oder Studentenfreundschaften wachrufen kann. Das meint zum Beispiel eine offene Videoschalte während der Hausarbeit – etwa beim Wäsche zusammenlegen.
Die renommierte Einsamkeitsforscherin Maike Luhmann, Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum, findet „Catch-up Culture“ nicht so schlimm wie deren Ruf. „Es ist doch besser, wenn man sich die Zeit fürs Kaffeekränzchen nimmt, um sich mal wieder auf dem Laufenden zu halten, als sich – was wäre denn die Alternative? – gar nicht zu sehen.“
Es gebe natürlich Freundschaften, die einfach so gar nicht im Gleichgewicht seien, die sogar toxische Elemente haben, wo jemand ausgenutzt werde – etwa: Eine Person hört immer zu, aber ihr selbst wird nicht zugehört.
„Wenn man den Eindruck hat, in so einer Freundschaft zu stecken, dann ist das vielleicht tatsächlich nicht die Beziehung, in die man viel Zeit investieren sollte“, sagt Professorin Luhmann, die das Buch „Einsamkeit – Warum sie uns alle betrifft“ geschrieben hat. „Aber da sollte man erst mal probieren, die Konflikte zu lösen und darüber zu sprechen, bevor man leichtfertig eine Freundschaft aufgibt.“
Das sei vielleicht so ihre Hauptmessage, sagt Luhmann: „Es ist gar nicht so leicht, gute Freunde zu finden und auch oberflächliche Freundschaften zu finden. Und wenn man sie hat, dann sollte man sie nicht einfach leichtfertig aufgeben, nur weil irgendwelche hohen Erwartungen nicht gleich erfüllt sind.“ (dpa/red)
Polizeieinsatz in Berlin. (Symbolbild) - Foto: Markus Lenhardt/dpa
In Kürze:
Am Sonntagabend und am Montagmorgen kam es zu schwerwiegenden Straftaten in Berlin.
Vor einem Polizeirevier in Moabit wurde aus einem fahrenden Auto auf einen Mann geschossen.
Die Polizeigewerkschaft GdP warnt vor Debatten über eine „Abrüstung der Polizei“.
In Berlin ist es am Wochenende erneut zu Fällen von Schusswaffengewalt gekommen. Einer ereignete sich unmittelbar vor einer Polizeiwache im Stadtteil Moabit. In einer Mitteilung auf X heißt es, bislang nicht identifizierte Täter hätten am Montagmorgen, 28. September, um kurz nach 2 Uhr aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug auf einen Mann geschossen.
Bei dem Angriff soll ein 22-Jähriger eine Schussverletzung im Bein erlitten haben. Polizeibeamte vor Ort hätten das Opfer erstversorgen können. Anschließend kam der Verletzte ins Krankenhaus und musste operiert werden.
Mehrere schwere Straftaten innerhalb weniger Stunden in Berlin
Die Tat habe sich gegenüber dem Polizeiabschnitt 27 in Moabit ereignet. Die Kriminalpolizei der Direktion 2 übernahm die Ermittlungen vor Ort. Ein weiterer Schuss traf der „Berliner Zeitung“ zufolge einen geparkten Mercedes der E-Klasse – direkt gegenüber dem Eingang zum Polizeirevier. Beamte konnten mindestens ein Projektil am Tatort sichern. Es sei jedoch noch nicht abschließend geklärt, wie viele Schüsse insgesamt abgegeben wurden.
Bei dem Fahrzeug soll es sich um einen „älteren grauen Pkw“ gehandelt haben, aus dem heraus die Schüsse gefallen seien. Über die Hintergründe der Tat oder eine mögliche Vorgeschichte, an der das Tatopfer beteiligt gewesen sein könnte, gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.
Die B.Z. berichtet von einem „unbeteiligten Opfer“. Zugleich stellt das Blatt einen möglichen Zusammenhang mit einer vorangegangenen Auseinandersetzung in der Torfstraße im Wedding her. Gegen 20 Uhr seien dort mehrere Jugendliche aneinandergeraten und mit Messern aufeinander losgegangen.
Medienberichte sprechen von einem Bezug zum „Clanmilieu“ – Polizei ermittelt
Offenbar auf denselben Sachverhalt bezieht sich die „Berliner Zeitung“. Ihren Angaben zufolge könnte die Spur jedoch in das sogenannte Clanmilieu führen. Auch in diesem Bericht ist von einer Messerstecherei in der Torfstraße im Wedding und einem 28-Jährigen die Rede, der durch einen Stich in die Brust verletzt worden sei.
Allerdings unterscheiden sich die Zeitangaben. So sei die Polizei am späten Sonntagabend gegen 22 Uhr an den Tatort gerufen worden. Die Auseinandersetzung soll vor dem Restaurant Doree 65 stattgefunden haben. Mehrere Männer aus den arabischen Großfamilien A., Al-Z. und Ch. seien dabei aneinandergeraten. Auf einem Facebook-Account wurden Teile des Einsatzes veröffentlicht.
In zeitlichem Zusammenhang mit den Schüssen soll die Vernehmung eines 37-jährigen Tatverdächtigen auf der Polizeiwache beendet worden sein. Dieser soll gegen 2 Uhr das Gebäude verlassen haben, als der mutmaßliche Tatwagen vorfuhr und es zu der Schussabgabe kam.
GdP warnt vor Schusswaffengewalt in Berlin
Einen umfassenden Polizeibericht zu den Vorfällen gab es am Montagnachmittag noch nicht. Die mit den Ermittlungen im Bereich der Schusswaffenkriminalität betraute Besondere Aufbauorganisation Ferrum soll nun einen möglichen Zusammenhang zwischen beiden Taten aufklären. Im Zuge der Vernehmung des 37-jährigen Ali A. nahmen die ermittelnden Beamten eine erkennungsdienstliche Behandlung vor.
Der Berliner Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Stephan Weh, sprach von einer „besorgniserregenden“ Entwicklung. Dass eine Schusswaffenattacke aus einem fahrenden Auto direkt vor einer Polizeistation stattfinde, zeige „eine Dimension, die niemand mehr schönreden kann“. Berlin sei für internationale Banden ein „Biotop, in welchem man mit Waffengewalt Geschäftsfelder neu ausloten kann“. Mit Blick auf aktuelle politische Debatten in der Bundeshauptstadt sagte Weh: „Wer hier von Abrüstung der Polizei spricht, hat den Verstand verloren.“
Verschiedene KI-Modelle als App: DeepSeek, ChatGPT, Gemini, Grok, Claude und Perplexity AI. - Foto: Robert Way/iStock
Der ChatGPT-Entwickler OpenAI hat wegen Sicherheitsbedenken die Veröffentlichung eines neuen KI-Modells gestrichen.
Unter anderem habe die Software in Tests Nutzer nicht immer ehrlich darüber informiert, welche Aktionen sie unternommen oder nicht unternommen habe, sagte die für Sicherheitssysteme zuständige OpenAI-Managerin Saachi Jain dem „Wall Street Journal“.
Außerdem habe das KI-Modell zum Teil auf eigene Initiative gehandelt, ohne eine Nutzererlaubnis einzuholen. Das Modell mit dem Namen GPT 6.1 Astra sollte demnach in den kommenden Tagen oder Wochen herauskommen.
Training ausgesetzt
Eigenmächtige Aktionen fortgeschrittener Künstlicher Intelligenz von OpenAI hatten in den vergangenen Wochen wiederholt für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Erst am Wochenende wurde bekannt, dass die Firma nach einem neuen Zwischenfall das Training seiner leistungsstärksten KI-Modelle aussetzte.
Bei dem Vorfall schaffte es ein KI-Modell in einem Test, Antworten von einem externen Chatbot zu bekommen, obwohl es eigentlich keinen Internet-Zugang haben sollte.
Die Software habe jedoch eine Lücke in den Netzwerk-Einstellungen gefunden und ausgenutzt, wie OpenAI in einem Blogeintrag berichtete. Das Training solle nun erst wieder aufgenommen werden, wenn man sich sicher sei, dass die Lücke geschlossen ist. Bei dem betroffenen KI-Modell habe es sich nicht um GPT 6.1 Astra gehandelt.
In dem bisher aufsehenerregendsten Fall brach Künstliche Intelligenz des ChatGPT-Entwicklers aus einer abgesicherten Testumgebung aus und hackte sich ungeplant in Computer einer anderen KI-Firma, der Plattform Hugging Face.
Wie sich danach herausstellte, drang auch KI anderer Entwickler – des OpenAI-Rivalen Anthropic sowie von Google und dem Facebook-Konzern Meta – bei Tests in Systeme anderer Unternehmen ein.
Der Bundesstaat Florida, der bereits eine Klage gegen OpenAI eingereicht hatte, legte nun mit dem Antrag auf eine einstweilige Verfügung nach. Zu den Forderungen gehöre, dass es keine Entwicklung neuer KI-Modelle ohne zusätzliche Leitplanken geben solle, sagte Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier. (dpa/red)
Bierpreisinflation auf der Wiesn. (Archivbild) - Foto: Matthias Balk/dpa
Während auf dem Münchner Oktoberfest noch bis zum 4. Oktober gefeiert wird, steckt die deutsche Brauwirtschaft in einem tiefgreifenden Wandel. Der Absatz von alkoholhaltigem Bier sank im ersten Halbjahr 2026 laut Statistischem Bundesamt um 2,2 Prozent, nachdem die Produktion bereits 2025 um 5,8 Prozent zurückgegangen war.
Gegen den Trend wächst ein Segment: alkoholfreies Bier. Dessen Produktion stieg 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamts um 6,5 Prozent auf gut 616 Millionen Liter. Der Deutsche Brauer-Bund, der die gesamte Branche erfasst, nennt ein Plus von 7,6 Prozent auf 750 Millionen Liter. Alkoholfreies Bier kommt damit auf einen Marktanteil von rund 11 Prozent und ist nach Pils und Hellem die drittbeliebteste Sorte.
Auch auf der Wiesn wird es in der Maß ausgeschenkt, wo das Festbier in diesem Jahr zwischen 14,80 und 15,90 Euro kostet. Innerhalb der EU bleibt Deutschland laut Eurostat dennoch mit Abstand der größte Bierproduzent.
Wie alkoholfreies Bier heute gebraut wird und warum in Bayern keine Zusatzstoffe ins Bier dürfen, erklären Franz Amberger, Technischer Leiter und Braumeister der Flötzinger Brauerei in Rosenheim, und Michael Stangl, Braumeister von Camba Bavaria im Chiemgau.
Ist das Bier aus Bayern wirklich Kult in der ganzen Welt?
Michael Stangl: „Das Bier aus Bayern ist Kult, in der ganzen Welt! Wir hatten diese Woche Amerikaner bei uns, die unser bayerisches Bier im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert haben.“
Aber was macht das bayerische Bier eigentlich so besonders gegenüber Bier aus anderen Bundesländern oder aus aller Welt?
Michael Stangl: „Das bayerische Reinheitsgebot von 1516 ist bei uns verpflichtend im Lebensmittelgesetz festgeschrieben. Das bedeutet: Außer Hopfen, Malz und Wasser kommt nichts anderes hinzu.“
Ist das nicht überall so, in allen deutschen Brauereien?
Michael Stangl: Nein, dem ist nicht so. In den anderen Bundesländern kann man bei der Lebensmittelbehörde Ausnahmen beantragen, um noch weitere Zusätze hinzufügen zu dürfen. Bei uns in Bayern ist das nicht möglich. Das gilt übrigens auch für den Export ins Ausland. Wir sind eine Lohnbrauerei, wir brauen und füllen auch für andere Brauereien ab.
Wenn wir Bier für Italien oder Griechenland herstellen, halten wir uns trotzdem zu 100 Prozent an das bayerische Reinheitsgebot – denn alles Bier, das in Bayern gebraut wird, folgt dem Reinheitsgebot von 1516.
Auch wenn im Ausland vielleicht Zusätze hinzugefügt werden, um einen bestimmten Geschmack zu erzeugen: Bei uns geht das nicht. Selbst auf Kundenwunsch dürfen wir keine Zusätze beimischen, solange das Bier in Bayern gebraut wird. Das darf der Kunde dann erst bei sich zu Hause tun und sein Bier nach dem individuellen Geschmack seines Landes anpassen.
Wie kann es dann sein, dass Bier von unterschiedlichen Brauereien so unterschiedlich schmeckt? Man meint ab und zu, es seien Bananen, Orangen oder andere Früchte enthalten.
Michael Stangl: „Das liegt vor allem am Hopfen. Weil wir uns strikt an das Reinheitsgebot halten, sind geschmackliche Neuerungen nur über die Zutaten oder über die Brauereitechnik möglich. Durch gezielte Züchtung lassen sich dem Hopfen heute ganz unterschiedliche Geschmacksrichtungen und Noten verleihen – er kann nach Banane, Orange, Mandarine oder anderen Früchten schmecken und riechen. Diese Aromen übertragen sich dann natürlich aufs Bier, dem der Hopfen so seine ganz persönliche Note gibt.“
Und wie verhält es sich mit dem alkoholfreien Bier? Das schmeckt heute ja ganz anders als noch vor zehn Jahren.
Michael Stangl: Ja, damals wurde alkoholfreies Bier mit Gärunterbrechung gebraut. Das bedeutet: Sobald der Alkohol in der Biermaische zu gären begann, wurde der Gärprozess unterbrochen. Das Bier wurde dann gefiltert und in Flaschen abgefüllt. Dadurch bekam es einen ganz eigenen Geschmack – stark hopfig, malzig – und nicht mehr richtig nach Bier.
Heutzutage möchte man mit dem alkoholfreien Bier so nah wie möglich an den Geschmack von alkoholhaltigem Bier herankommen. Bei uns in der Camba Brauerei wird der Brauprozess heute mit der Vollgärung des Alkohols in der Maische durchgezogen, aber in der Rezeptur wird darauf geachtet, dass nach der Gärung maximal 0,5 Prozent Alkohol vorhanden sind – also so wenig Zucker beziehungsweise Malz, dass die Hefe nur bis maximal 0,5 Prozent Alkohol vergären kann.
Danach wird dem kalten Bier noch einmal zusätzlich Hopfen hinzugegeben, um ihm eine besondere Würze zu verleihen. Nach zwei bis drei Tagen wird das fertige Gemisch zentrifugiert statt gefiltert, damit nur die festen Stoffe entfernt werden und nicht die Schwebestoffe, sprich die Geschmacksstoffe. Danach folgt die Abfüllung – und schließlich der Genuss beim Kunden.
Wer setzt eigentlich den Trend beim Biergeschmack – und dabei, was überhaupt getrunken wird?
Franz Amberger: Die Trends setzt immer der Kunde, wir sind nur die, welche es produzieren.
Stellt die Flötzinger Brauerei ihr alkoholfreies Bier auf die gleiche Art her wie Camba Bavaria?
Franz Amberger: Nein, wir machen es anders. Wir lassen den Gärprozess zwar auch voll durchlaufen, sodass am Ende das gleiche Bier herauskommt wie jedes andere, nicht alkoholfreie Bier. Aber dann entziehen wir dem Bier durch Vakuum-Verdampfung den Alkohol zu 100 Prozent. Danach fügen wir dem Bier wieder ein Mutterbier hinzu – also normales, nicht alkoholfreies Bier –, sodass am Ende 0,5 Prozent Alkohol enthalten sind.
Aber warum heißt es dann alkoholfreies Bier, wenn 0,5 Prozent Alkohol enthalten sind?
Franz Amberger: Weil der Gesetzgeber sagt: Wenn nicht mehr als 0,5 Volumenprozent Alkohol im Bier enthalten sind, ist es nach Definition noch alkoholfreies Bier.
Was ist also der Trend? Wird alkoholfreies Bier in einigen Jahren das normale Bier vom Markt verdrängen?
Franz Amberger: Nein, ich denke nicht. Auch wenn der Alkohol bei uns in der Gesellschaft negativ besetzt ist, ist er doch in unserer und in der weltweiten Kultur ein fester Bestandteil des Lebens. Normales Bier fördert in Maßen die Geselligkeit, den Humor und macht auch den Geist mal wieder frei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei den Frühlings- und Herbstfesten irgendwann nur noch alkoholfreies Bier und alkoholfreie Getränke getrunken werden. Woher käme dann die Stimmung, das Ausgelassene, das Heitere im Zwischenmenschlichen? Es ist doch wie immer: Nur der übervolle Genuss einer Sache ist schädlich. Also, meine Meinung: a Bier in Maßen und nicht in Massen schadet einem nicht.
Und wie sieht das Camba Bavaria?
Michael Stangl: Ich kann der Aussage von Herrn Amberger nur zustimmen, es kommt immer auf die Menge an, ob es ein Genuss ist oder nicht.
Ernährung, Bewegung, Zahngesundheit und Schlaf sind wichtig für ein gesundes Herz. - Foto: scyther5/iStock
Dan Buettners Konzept der „Blue Zones“ hat das weltweite Interesse an gesundem Altern und Langlebigkeit deutlich geprägt. Interessant dabei ist, wie es zu der Namensgebung der „Blauen Zonen“ kam und welcher Zusammenhang zwischen Ernährung, sozialem Zusammenhalt und Bewegung besteht. Die Altersforschung hat diese Thematik in den Fokus genommen.
Wer sich mit den Blue Zones beschäftigt, kommt auch an Longevity nicht vorbei. Doch der Demograf Saul Justin Newman stellt Buettners These mit eigenen Untersuchungen infrage. Er bezweifelt, dass die Altersangaben in den Langlebigkeitsregionen stimmen – und sorgt damit für weiteren Gesprächsstoff.
Blue Zones und Longevity: Zwei Ansätze – eine Botschaft?
Als Blue Zones werden fünf Regionen auf der Welt bezeichnet, die durch eine auffällig hohe Konzentration langlebiger Menschen gekennzeichnet sein sollen. Dazu zählen Sardinien, Okinawa, die Nicoya-Halbinsel, Ikaria und Loma Linda. Die Frage nach einem langen und gesunden Leben beschäftigt auch die Wissenschaft.
Die Longevity-Forschung fragt: „Wie lange können wir leben?“ Monique Breteler, Direktorin des Bereichs Populationsbezogene Gesundheitsforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Leiterin der Rheinland-Studie, sagt: „Es geht nicht in erster Linie darum, das Leben zu verlängern. Es geht darum, die Anzahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen.“ Sie sucht nicht nach der einen Wunderpille gegen das Altern, vielmehr versucht sie, die Prozesse des Alterns zu verstehen.
Wie komplex dieser Weg ist, zeigt eine Studie, an der Martin Hrabě de Angelis beteiligt war. Er leitet das Institut für Experimentelle Genetik bei Helmholtz Munich und hat den Lehrstuhl für Experimentelle Genetik an der TU München inne. Gemeinsam mit Forschern des DZNE und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) untersuchte sein Team an Mäusen drei Ansätze, denen eine alterungsverlangsamende Wirkung zugeschrieben wird. Die Ergebnisse erschienen 2022 im Fachjournal Nature Communications. Untersucht wurden:
das intermittierende Fasten,
ein Eingriff an einem zentralen Knotenpunkt des Zellstoffwechsels (mTOR), an dem auch das als Anti-Aging-Mittel gehandelte Medikament Rapamycin ansetzt,
ein Eingriff in die Freisetzung des Wachstumshormons.
Zwar fanden die Forscher einzelne Messwerte, etwa zu Bewegungsverhalten, Stoffwechsel oder Immunsystem, die sich unter den Behandlungen günstiger entwickelten. Dieser Effekt sei jedoch nicht auf eine Verlangsamung des Alterns zurückzuführen, sondern auf altersunabhängige Faktoren, erklärte DZNE-Forscher Dan Ehninger. Da die Behandlungen bereits bei jungen Mäusen wirkten, handle es sich um allgemein gesundheitsfördernde Effekte und nicht um ein Ansetzen an Alterungsmechanismen.
Die Studie legt nahe, dass sich das Altern nicht mit einem einzelnen Eingriff aufhalten lässt. Die Ergebnisse wurden allerdings an Mäusen gewonnen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.
Im Zusammenhang mit den Blue Zones verweisen Buettner und seine Co-Autorin Tori Skemp auf frühere Zwillingsstudien, nach denen die Erblichkeit der Lebensdauer bei etwa 20 bis 25 Prozent liegt. Diese Einschätzungen sind inzwischen umstritten: Eine im Januar 2026 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie des israelischen Weizmann-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass die Erblichkeit der intrinsischen Lebensspanne bei mehr als 50 Prozent liegt, wenn Todesfälle durch äußere Ursachen wie Unfälle oder Infektionen herausgerechnet werden.
Die Sehnsucht, dem Tod zu entkommen, beschäftigt die Menschheit bereits seit Jahrtausenden. Die Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer sagt: „Der Wunsch nach Langlebigkeit ist so alt wie die Menschheit selbst.“ Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) verweist dabei auf eines der frühesten Zeugnisse, das Gilgamesch-Epos. Es gilt als eine der ältesten schriftlichen Dichtungen der Welt, stammt aus Mesopotamien und wird etwa auf die Zeit zwischen 2100 und 1600 v. Chr. datiert. Auch in religiösen Texten taucht das Motiv des langen Lebens auf – etwa als Belohnung Gottes für Gehorsam.
„In den Büchern Mose ist immer wieder davon die Rede, dass man lange lebt, wenn man die Gebote einhält“, erklärt Angetter-Pfeiffer. Darüber hinaus empfahl auch Hippokrates Maßhalten, Bewegung und gutes Essen. Verschiedene Epochen beschäftigten sich also mit dem Gedanken des langen Lebens. Dabei war die Vorstellung, dass der Mensch selbst etwas zu seiner Gesundheit beitragen kann, bereits früh verbreitet. An einen Sieg über den Tod glaubten die frühen Menschen nicht. Für sie war klar, dass Altern ein natürlicher Prozess ist. Daran änderten selbst medizinische Fortschritte nichts, der Tod war Teil des Lebens. Der moderne Hype (Tech-Optimismus) rund um das Altern ist demnach eine moderne Verpackung für eine jahrtausendealte Frage: Wie kann man dem Verfall entkommen?
Der US-Journalist Dan Buettner rückte die Blue Zones im November 2005 mit einer Titelgeschichte im Magazin National Geographic unter dem Titel „The Secrets of Long Life“ („Die Geheimnisse eines langen Lebens“) in den Fokus. Grundlage war die Arbeit zweier Forscher, auf die auch der Name der „Blauen Zonen“ zurückgeht.
Der belgische Demograf Michel Poulain und der sardische Arzt Gianni Pes überprüften die Altersangaben zahlreicher Hundertjähriger auf Sardinien. Die Dörfer mit besonders vielen Langlebigen markierten sie auf einer Landkarte mit einem blauen Stift – daher der Name „Blue Zones“. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2004. Gemeinsam mit Buettner weiteten die beiden Forscher das Konzept später auf weitere Langlebigkeitsgebiete weltweit aus.
Die Bergregion im Inneren Sardiniens weist Buettner zufolge die weltweit höchste Konzentration hundertjähriger Männer auf. Viele von ihnen waren Schäfer, die täglich mehrere Kilometer mit ihren Herden zurücklegten und sich überwiegend pflanzlich ernährten.
2) Okinawa, Japan
Die japanische Inselgruppe galt lange als Heimat der langlebigsten Frauen der Welt. Die Bewohner kennen das Konzept des „Ikigai“, das den Sinn des Lebens beschreibt. Sie pflegen lebenslange Freundschaften in sogenannten Moai-Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen – auch im Alter.
3) Nicoya-Halbinsel, Costa Rica
Die recht kleine Halbinsel weist Buettner zufolge die zweithöchste Konzentration hundertjähriger Männer auf. Die Bewohner sprechen vom „plan de vida“, ihrem Lebensplan oder Lebenssinn. Hinzu kommen viel Sonnenschein und Bewegung im Freien.
4) Ikaria, Griechenland
Eine griechische Insel mit auffällig vielen hochbetagten Bewohnern: Laut Buettner erreicht etwa jeder dritte Bewohner das 90. Lebensjahr. Für Ikaria wurden zudem vergleichsweise niedrige Demenzraten berichtet.
Auf der griechischen Insel Ikaria leben viele Hundertjährige
Foto: SAKIS MITROLIDIS/AFP/Getty Images
5) Loma Linda, Kalifornien, USA
In der Stadt östlich von Los Angeles lebt eine große Gemeinschaft von Siebenten-Tags-Adventisten. Die Glaubensgemeinschaft empfiehlt eine an der Bibel orientierte, überwiegend vegetarische Ernährung und regelmäßige Bewegung. Alkohol und Rauchen lehnt sie ab.
Laut Buettner gehören Ernährung, Lebensstil und ein gut funktionierendes soziales Umfeld zu den wichtigsten Gemeinsamkeiten der Blue Zones.
Die „Power 9“
Aus seinen Recherchen in den fünf Regionen leitete Buettner mit seinem Forscherteam neun Gemeinsamkeiten ab. Um sie der Öffentlichkeit verständlich zu machen, fasste er sie unter dem Begriff „Power 9“ zusammen.
1. Pflanzenbasierte Ernährung
Vollkornprodukte, Obst, viel Gemüse, Hülsenfrüchte und gutes Olivenöl bilden die Basis. Fisch, Fleisch und Milchprodukte kommen nur sparsam auf den Tisch. Gegessen wird vor allem, was in der Umgebung wächst und saisonal ist. Stark verarbeitete Lebensmittel spielen in der traditionellen Ernährung kaum eine Rolle.
2. Die 80-Prozent-Regel
Buettner beschreibt für Okinawa die sogenannte 80-Prozent-Regel („Hara hachi bu“): Die Menschen hören demnach auf zu essen, wenn sie sich weitgehend satt fühlen, aber noch nicht vollständig gesättigt sind. Damit verhindern sie ein Überessen und fördern zugleich ein gesundes Körpergewicht. Gemeinsame Mahlzeiten haben für sie einen hohen Stellenwert.
3. Moderater Alkoholkonsum
In einigen Blue Zones gehört moderater Alkoholkonsum, insbesondere Wein in Gesellschaft und zu Mahlzeiten, zur traditionellen Lebensweise. Eine Ausnahme bilden die Adventisten in Loma Linda, die auf Alkohol verzichten. Aus diesen Beobachtungen lässt sich keine allgemeine Empfehlung für Alkoholkonsum ableiten.
4. Natürliche tägliche Bewegung
Die Bewohner bewegen sich viel im Alltag: Sie gehen zu Fuß, fahren Fahrrad und arbeiten körperlich, etwa auf dem Feld oder im Garten. Viele haben einen eigenen Garten und verbringen viel Zeit an der frischen Luft.
5. Ikigai – Lebenssinn
„Plan de vida“ nennen es die Nicoyaner, „Ikigai“ die Menschen auf Okinawa. Beides beschreibt den Grund, morgens aufzustehen: Was macht mein Leben lebenswert? Wer seinen Sinn im Leben gefunden hat, lebt nach dieser Vorstellung ausgeglichener und zufriedener.
6. Feste Rituale
Auch in den Blue Zones gibt es Stress. Mit festen Ritualen beugen die Bewohner ihm vor und bauen ihn ab. Dazu zählen einfache Rituale wie Gebete, Meditation, Spaziergänge oder ein Mittagsschläfchen, die fest im Alltag verankert sind.
7. Familie an erster Stelle
Familie und enge soziale Beziehungen spielen in den von Buettner beschriebenen Blue Zones eine wichtige Rolle. Mehrere Generationen leben häufig eng miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Buettner sieht darin einen wichtigen Bestandteil des sozialen Umfelds, das die Bewohner im Alltag unterstützt.
Gemeinsames Familienessen – auch Jahre nach der Kindheit ein Anker im Leben.
Foto: Drazen Zigic/iStock
8. Gemeinschaftszugehörigkeit
Soziales Engagement wird in den Blue Zones großgeschrieben. Buettner hebt insbesondere die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft hervor. Nach seinen Angaben gehörte ein großer Teil der von seinem Team untersuchten Hundertjährigen einer religiösen Gemeinschaft an. Darin sieht er eine mögliche Quelle für soziale Unterstützung, Struktur und Gemeinschaft.
9. Lebenslange Freundschaften
Lebenslange Freundschaften, auf Okinawa „Moai“ genannt, sind für viele Okinawaner essenziell. Bereits im Kindesalter bilden sie kleine Gruppen, in denen sie sich gegenseitig unterstützen und bis ins hohe Alter regelmäßig treffen. Diese Netzwerke fördern ihr emotionales Wohlbefinden.
Die Integration der Blue-Zones-Erkenntnisse in den modernen Alltag
Dan Buettner betont, dass sich die Erkenntnisse aus den Blue Zones nicht mit eiserner Disziplin oder Diäten in den modernen Alltag übertragen lassen. Individuelle Disziplin sei wie ein Muskel, der irgendwann ermüde.
Buettner setzt vielmehr auf Veränderungen im Umfeld. Aus seiner Sicht wird das Verhalten des modernen Menschen stark durch seine Umgebung geprägt – durch Fast-Food-Ketten, Autokultur und sitzende Bürojobs. Mit sogenannten „Blue Zones Projects“ versucht er, Städte so umzugestalten, dass gesundes Verhalten leichter fällt.
Umgesetzt wurden Blue-Zones-Projekte unter anderem in Albert Lea (Minnesota), Fort Worth (Texas) und Naples (Florida). Die Projektbetreiber berichten von Verbesserungen etwa bei Körpergewicht, Rauchverhalten und Gesundheitskosten. Der oft genannte Zugewinn an Lebenserwartung in Albert Lea beruht allerdings nicht auf gemessenen Sterbedaten, sondern auf einer Hochrechnung per Online-Fragebogen.
„Man muss nicht in eine blaue Zone ziehen – man kann selbst eine schaffen“, erklärt Buettner in einem Interview mit The Style Mate.
Zu den prominentesten Kritikern gehört Saul Justin Newman, Forscher am Centre for Longitudinal Studies des University College London und am Oxford Institute of Population Ageing. Für seine Untersuchungen erhielt er 2024 den satirischen Ig-Nobelpreis für Demografie. Newman zufolge beruhen viele Angaben über extrem langlebige Menschen auf Fehlern. Die Zonen extremer Langlebigkeit fielen oft mit Regionen zusammen, die von Armut, schwacher Verwaltung und geringer Alphabetisierung geprägt gewesen seien. Newman vermutet dahinter Registrierungsfehler wie vertauschte Identitäten, falsche Geburtsurkunden oder nicht gemeldete Todesfälle, teils auch Rentenbetrug.
In einer weiteren Untersuchung wertete Newman die von den Vereinten Nationen gesammelten Bevölkerungsdaten von 236 Staaten und Gebieten aus den Jahren 1970 bis 2021 aus. Sein Ergebnis: Die Daten zum Überleben im hohen Alter seien in allen Zeiträumen von Auffälligkeiten geprägt. Der Anteil der Menschen, die vom Alter von 80 bis 84 Jahren aus das 100. Lebensjahr erreichen, sei in einer scheinbar willkürlichen Auswahl von Staaten am höchsten. Zu den zehn „Blauen Zonen“ mit der besten Überlebensrate bis 100 zählten demnach regelmäßig Thailand, Kenia und Malawi – Länder, die bei der allgemeinen Lebenserwartung weit hinten liegen. Hinzu kämen die Westsahara und Puerto Rico, wo Geburtsurkunden so unzuverlässig waren, dass sie als Rechtsdokument für ungültig erklärt wurden.
Newman interpretiert die über längere Zeiträume beobachteten Auffälligkeiten als Hinweis auf systematische Probleme bei der Erfassung von Alter und Sterblichkeit. Seiner Ansicht nach könnten solche Datenfehler Auswirkungen auf demografische und epidemiologische Analysen haben. Newmans Analyse der UN-Daten liegt bislang als Preprint vor und wurde noch keinem abgeschlossenen Peer-Review-Verfahren unterzogen. Die Blue-Zones-Forscher weisen die Kritik zurück und verweisen darauf, dass etwa die Altersangaben der sardischen Hundertjährigen mit einer strengen Methode überprüft worden seien.
Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass viele Prinzipien des Blue-Zones-Konzepts unabhängig von den Beobachtungen auf Okinawa oder Sardinien durch eigene Studien gestützt werden. Beim Thema Ernährung zeigte die spanische PREDIMED-Studie mit 7.447 Teilnehmern und erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko, dass eine mediterrane Ernährung mit zusätzlichem Olivenöl oder Nüssen im Vergleich zu einer fettreduzierten Kontrollgruppe mit einem niedrigeren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verbunden war. Die ursprüngliche Veröffentlichung von 2013 wurde 2018 wegen methodischer Probleme bei der Randomisierung zurückgezogen und nach einer Neuauswertung mit korrigierten Daten erneut veröffentlicht.
Diese Evidenz geht weit über die Beobachtungen auf Ikaria hinaus. Auch zur Bewegung gibt es Erkenntnisse: In den Blue Zones ist moderate, tägliche Bewegung fester Bestandteil des Alltags. Das deckt sich mit epidemiologischen Daten wie denen der US-Gesundheitserhebung NHANES. Sie zeigen, dass bereits regelmäßige körperliche Aktivität und die Vermeidung von Inaktivität mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind.
Weiterhin zeigen große Metaanalysen, dass enge soziale Beziehungen und soziale Einbindung mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind: Einsamkeit, soziale Isolation und schwache oder fehlende Beziehungen erhöhen demnach das Sterberisiko. Auch für die Bedeutung eines Lebenssinns, wie ihn Ikigai und plan de vida beschreiben, gibt es Belege. Laut einer prospektiven Analyse des Rush Memory and Aging Project in Chicago hatten ältere Menschen mit einem ausgeprägten Lebenssinn ein deutlich geringeres Alzheimer-Risiko.
Die CALERIE-Studie zeigt, dass eine über zwei Jahre tatsächlich erreichte durchschnittliche Kalorienreduktion von etwa 12 Prozent bei gesunden, nicht adipösen Erwachsenen unter anderem die Insulinsensitivität verbesserte und Entzündungsmarker senkte. Die Studie hatte ursprünglich eine Reduktion der Kalorienzufuhr um 25 Prozent zum Ziel.
Die verschiedenen Studien liefern damit Hinweise darauf, dass Ernährung, Bewegung, soziale Beziehungen und weitere Lebensstilfaktoren mit Gesundheit und Langlebigkeit zusammenhängen können. Am Beispiel Okinawa zeigt sich jedoch, dass dieser Lebensstil nicht von selbst fortbesteht. Das moderne Leben, verarbeitete Lebensmittel und Fast-Food-Ketten haben auch vor Okinawa nicht haltgemacht, die traditionelle Lebensweise wird zunehmend verdrängt. Jüngere Okinawaner haben heute keine höhere Lebenserwartung mehr als der japanische Durchschnitt und kämpfen wie im Westen vermehrt mit Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen. Das Leben ist einem ständigen Wandel unterworfen. Inwieweit man sein Leben nach einem Trend oder Hype ausrichtet, darf jeder für sich selbst entscheiden. Ein kritischer Blick auf die Datenlage kann dabei jedoch hilfreich sein.
Das Werk in Marburg hatte Biontech einst selbst von Novartis übernommen, nun dürften dort Anfang 2028 die Lichter ausgehen. (Archivfoto) - Foto: Boris Roessler/dpa
Die monatelange Suche nach Käufern war erfolglos: Die drei deutschen Biontech-Standorte im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, im hessischen Marburg und in Tübingen in Baden-Württemberg werden in einiger Zeit schließen. Betroffen sind nach Unternehmensangaben rund 1.800 Beschäftigte. In Tübingen soll nach Unternehmensangaben nun Ende 2027 Schluss sein, in Marburg Anfang 2028 und in Idar-Oberstein Ende 2028.
Dass Verkäufe der Werke nicht realisiert werden konnten, liege im Wesentlichen an dem aktuell schwierigen Markt- und Investitionsumfeld, erklärte Biontech. Um die Standortschließungen sozialverträglich zu gestalten, seien mit dem Konzernbetriebsrat ergänzende Abfindungskonditionen vereinbart worden. Details dazu nannte Biontech zunächst nicht.
Werk in Marburg mit viel Geschichte
In dem Marburger Werk wurden bislang Covid-19-Impfstoffe auf mRNA-Basis sowie Plasmid-DNA, ein wichtiges Ausgangsmaterial für mRNA-Impfstoffe und Zelltherapien, hergestellt. Es befindet sich auf dem Gelände der historischen Behringwerke in Marburg. Biontech hatte es einst vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und Millionen investiert.
In Idar-Oberstein werden unter anderem Therapeutika für frühe klinische Entwicklungsphasen produziert und beim Standort in Tübingen handelt es sich um den Sitz von Curevac, den einstigen Konkurrenten im Rennen um einen Corona-Impfstoff. Im Sommer 2025 hatte Biontech dessen Übernahme angekündigt, die milliardenschwere Transaktion zog sich über Monate hin.
Dass Biontech die drei Standorte nicht weiter betreiben will, hatten die Mainzer schon im Frühjahr bekanntgegeben. Sie begründeten das mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten, Kosteneinsparungen sowie dem Fokus auf der Krebsmedizin. Damals warf Curevac-Gründer Ingmar Hoerr Biontech Täuschung vor. Bei der Übernahme von Curevac sei vereinbart worden, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen, das sich gegenseitig befruchte. Das sei über den Haufen geworfen worden.
Interne Experten und professionelle Makler hätten die Verkäufe der Standorte ausgelotet, erklärte Biontech. Es seien internationale, nationale und mittelständische Firmen und Investoren angesprochen worden, die unter anderem in der Herstellung von mRNA, Antikörpern und Plasmiden sowie in der Zell- und Gentherapie tätig seien. Für alle Standorte habe es Prüfungen und vertrauliche Gespräche gegeben, zum Abschluss kam es in den Fällen von Marburg, Tübingen und Idar-Oberstein nicht.
Impfstoff-Nachfrage geht seit Jahren zurück
Anders war das bei der Tochtergesellschaft JPT Peptide Technologies GmbH in Berlin, einem Anbieter von Dienstleistungen für die Forschung, Entwicklung und Analyse von Peptiden. Das sind kurze Ketten aus Aminosäuren. Die Belegschaft mit rund 130 Stellen wurde von der Dubag Group mit Sitz in München übernommen.
Einst hatte Biontech gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die erste Marktzulassung für einen Impfstoff gegen Covid-19 bekommen und verdiente damit Milliarden. Das Unternehmen wurde weltbekannt wie auch die Mitbegründer, das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci. Doch seit einigen Jahren geht die Nachfrage nach dem Covid-19-Impfstoff zurück, und ein anderes zugelassenes Produkt hat das Unternehmen bis dato nicht.
Biontech mit weltweit rund 7.200 Beschäftigten befindet sich seit Jahren in einem Wandlungsprozess samt Umstrukturierung. Geforscht wird an einer ganzen Reihe neuer Produkte, vor allem in der Onkologie. Außerdem setzt das Unternehmen auf Immuntherapien auf mRNA-Basis sowie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Dabei sollen Wirkstoffe einer Chemotherapie mit Hilfe von Antikörpern gezielter an Krebszellen gebracht werden.
Das alles kostet viel Geld, entsprechend fährt Biontech Verluste ein. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stand unter dem Strich ein Minus von 1,35 Milliarden Euro (Vorjahr: 802,4 Mio.) – und das in einer Zeit, in der die zentralen Köpfe Sahin und Türeci Biontech verlassen werden. Sie tun das spätestens Ende dieses Jahres und planen, sich in einem neuen Unternehmen der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis zu widmen.
Sahin und Türeci gehen neue Wege
Seit vergangener Woche ist klar, dass die neue Firma den Namen Arife tragen und ihren Hauptsitz ebenfalls in Mainz haben wird. Sahin und Türeci wollen Anteilseigner von Biontech bleiben.
Sahins Nachfolger als Vorstandsvorsitzender bei Biontech wird spätestens zum 1. Februar 2027 Guido Oelkers werden. Er arbeitete in den 1990er Jahren unter anderem für die Hoechst AG, die es nicht mehr gibt und kommt nun von dem schwedischen Biopharma-Unternehmen Swedish Orphan Biovitrum (Sobi), an dessen Spitze er seit 2017 stand. (dpa/red)
Die Plattform „Archetyp Market“ im Darknet wurde 2025 von den Behörden abgeschaltet. (Symbolbild) - Foto: Jenny Tobien/dpa
Tonnenweise Drogen mit einem Umsatzvolumen von 330 Millionen Euro: Der mutmaßliche Betreiber einer gigantischen Drogenplattform im Darknet hat zum Auftakt des Prozesses am Frankfurter Landgericht ein umfassendes Geständnis abgelegt.
Er sei der Gründer und Betreiber des Online-Marktplatzes „Archetyp Market“ gewesen, sagte der 31-Jährige. „Das war ein großer Fehler und ich bereue meine Taten zutiefst.“ Alles habe als kleines persönliches Projekt begonnen und eine rasante Entwicklung genommen.
„Archetyp Market“ galt als weltweit größter Drogen-Handelsplatz
Bei der Plattform handelte es sich laut Anklage zum Zeitpunkt der Abschaltung im Sommer 2025 um den weltweit größten Handelsmarktplatz für Drogen und Arzneimittel. Gegründet wurde dieser im November 2020.
Der Angeklagte, ein in Minden geborener Betriebswirt, war im Juni 2025 von einer Spezialeinheit der spanischen Nationalpolizei in Barcelona festgenommen worden.
Zugleich gab es nach damaligen Angaben des Bundeskriminalamts Durchsuchungen im In- und Ausland und weitere Festnahmen. Die Serverinfrastruktur befand sich demnach in den Niederlanden.
20 Millionen Euro soll der Angeklagte verdient haben
Den Gesamtumsatz bezifferten die Ermittler auf etwa 330 Millionen Euro. Es soll mehr als 600.000 Konten von Kunden aus aller Welt und 2,3 Millionen Bestellungen gegeben haben.
Konkret wurden demnach etwa 6,9 Tonnen, 3,2 Millionen Pillen, 2,2 Millionen Tabs und 326 Liter diverser Drogen – beispielsweise Kokain, Heroin, Crystal Meth, Fentanyl und Crack gehandelt. Darunter waren auch diverse Cannabisprodukte, Arzneimittel oder Dopingmittel.
Der heute 31-Jährige soll die Plattform verantwortet und gemeinsam mit mehreren Moderatoren betrieben haben. Er selbst soll laut den Ermittlungen Einnahmen von etwa 20 Millionen Euro erzielt haben.
Bezahlt in Kryptowährung Monero
Die Bezahlung erfolgte nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft szenetypisch in der Kryptowährung Monero. Wie der Angeklagte in seiner Einlassung erkläre, registrierten sich die Besteller und zahlten ihr Guthaben in ein Wallet ein. Daraufhin suchten sie sich Waren aus und gaben Lieferadresse ein. Die Bestellung sei dann von den Verkäufern akzeptiert und verschickt worden.
Er selbst habe mit 17 Jahren zum ersten Mal illegale Drogen konsumiert, sagte der Angeklagte. Er habe aber keine Drogen im Darknet verkauft. Auf der Plattform habe er sich den Usernamen „ASNT“ gegeben, als Abkürzung für „Apfelsaft naturtrüb“, weil er das Getränk damals getrunken hatte.
Kurz vor der Festnahme seien die Pläne laut seiner Anwälte immer konkreter geworden, die Plattform abzuschalten. Eine Belastung, an die niemand denke, sei das große Geheimnis vor Familie und Freunden, sagte er. Es klinge komisch, aber die Festnahme habe ihm ein Gefühl von Entlastung und Ruhe gegeben.
Laut Betäubungsmittelgesetz kann für das bandenmäßige unerlaubte Handeln mit Drogen in nicht geringer Menge eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren bis zu 15 Jahren verhängt werden. Ein Geständnis gilt oftmals strafmildernd. Das Urteil wird voraussichtlich im Oktober erwartet.
Das Ermittlungsverfahren führte die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, daher findet der Prozess am Frankfurter Landgericht statt. (dpa/red)
Rosella Mercuri rollt gekonnt den Nudelteig aus, immer und immer wieder, bis er so dünn ist, dass man durchschauen kann. „Ich mache alles selbst“, sagt die 78-jährige Italienerin. „Schon immer.“ Sie gibt gerade einen Kochkurs: „Nudeln machen mit Oma“ heißt er und zieht Touristen an, die in Rom von „Nonna Rosi“ lernen wollen.
Der Lebensstil von italienischen Omas ist gerade beliebt. Auf sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok trendet der Begriff „Nonna Maxxing“ (auch Nonnamaxxing geschrieben) – also „Oma-Maximierung“. Es geht darum, das eigene Leben möglichst so zu gestalten wie das einer italienischen Oma (einer Nonna).
Gerade junge Frauen posten viel dazu. Eine Nutzerin schreibt etwa „forget hot girl summer, I want happy italian nonna summer“ (Vergessen wir den Hot-Girl-Sommer-Trend, ich will den Sommer einer glücklichen italienischen Oma).
Wieso ist es plötzlich cool, wie eine 70-Jährige zu leben? Friederike Herrmann ist Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Sie sagt: „Ich würde Nonna-Maxxing zunächst als Gegenentwurf zu den Vorstellungen von Selbstoptimierung und Sichtbarkeit verstehen, die insbesondere auf Social Media transportiert werden.“ Allerdings lasse sich der Trend auch als ein seit Generationen vertrautes Muster verstehen: „Die Sehnsucht nach dem einfachen und nicht entfremdeten Leben, als Alternative zu Kapitalismus und Leistungsgesellschaft.“
Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht.
Foto: Malin Wunderlich/dpa
Von wegen Entspannung: „Ich habe einen Haufen Jobs gemacht“
Doch die romantische Vorstellung des Dolce Vita geht oft an der Realität vorbei. Das Leben von Mercuri, wie auch von vielen anderen Frauen ihrer Generation, war und ist alles andere als entspannt.
Einfach mal nichts tun war für sie nicht drin: Schon als Jugendliche war sie Erntehelferin, hat Trauben, Pfirsiche und Oliven gepflückt. Danach bekam sie einen Job in einem Obstladen, dann in einer Pilzhandlung.
Von Job zu Job lebte sie. Die Arbeitszeiten überschritten oftmals zwölf Stunden am Tag. „Ich habe einen Haufen Jobs gemacht, sehr viel gearbeitet“, sagt Mercuri.
„Aber mich hat das nicht ermüdet.“ Mercuri hält sich beschäftigt. „Ich mache alles Mögliche.“ Sie sei gerne unter Menschen. Deshalb steht sie auch jetzt, im Alter von 68 noch in der Küche und werkelt – sei es zu Hause oder im Colleggio Bistrot vor Touristen.
Die vermeintliche Gelassenheit der italienischen Omas kann Mercuri bestätigen. „Die Erfahrung macht viel.“ Früher habe sie sich zu viele Sorgen gemacht und sich weniger getraut, alles in sich hineingefressen. „Heute sage ich, was ich denke.“ Man müsse sich von der Seele reden, was einen beschäftigt. Sie sieht die Vorteile des Alters.
Deshalb freut sich Mercuri auch über den Trend: Junge Leute sollten ruhig etwas mehr wie die Nonna leben, öfter mal das Handy weglegen. „Heutzutage chatten immer alle nur noch. Damit kann ich nichts anfangen. Ich will die Menschen sehen und ihre Stimmen hören.“
Früher, in Rosis Dorf, musste man nur vor die Tür gehen und schon waren da Freundinnen. „Es war alles viel familiärer.“ In der Stadt sei das aber schwieriger. Dennoch, Rosi geht auf die Leute zu. „In meinem Wohnhaus kennen mich alle.“
Mercuris Ratschlag an junge Menschen: „Na ja, ich würde sagen, man sollte im Grunde alles von der Oma lernen, denn im Leben weiß man ja nie, ob man Arbeit hat oder nicht, ob man Geld verdient oder nicht.“
Sie habe von klein auf gelernt, in allem etwas Nützliches zu sehen. „Ich werfe nie etwas weg.“ Aus überschüssigem Obst wird Marmelade, die Auberginen, die nicht mehr ganz so knackig sind, werden paniert und gebraten, aus der übriggebliebenen Karotte macht sie Brühe.
Bei Mercuri ist diese Art zu denken und zu leben aus einer Notwendigkeit geboren: „Wenn man alles kann, reicht einem auch ein kleiner Job, bei dem man wenig verdient.“
Der Oma-Trend: emanzipiert oder rückständig?
Bei den jungen Frauen, die dem Vorbild der Nonna nacheiferten, gehe das unter, meint Herrmann.
„Aus feministischer Perspektive muss man einwenden, dass hier einmal mehr die Arbeit von Frauen unsichtbar bleibt, nicht als Arbeit wahrgenommen wird. Hausarbeit, Kochen und Fürsorge waren und sind für viele Frauen keine entspannenden Hobbys, sondern unbezahlte und harte Arbeit. Ökonomische Abhängigkeit und Rechtlosigkeit verschwinden aus diesem Bild.“
Es störe sie, „dass dieser Trend anscheinend vor allem von jungen Frauen aufgenommen wird und an ein sehr traditionelles Weiblichkeitsbild anknüpft, dessen problematische Seiten ausgeblendet bleiben“.
Mercuri sagt, sie habe gelernt, alles selbst zu können, gerade, damit sie sich ihre Unabhängigkeit erhalte. Für sie ist ihr Lebensstil freilich kein Trend. Doch sie ist zufrieden: „Ich würde nichts ändern.“ (dpa/red)
Führungskräfte dürfen ihre eigene Energie ernst nehmen. Nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung. - Foto: fizkes/iStock
Müdigkeit wird in Unternehmen oft privat behandelt. Wer müde ist, soll sich erholen, Sport machen, früher schlafen, besser planen. Das kann richtig sein. Aber manchmal ist Müdigkeit kein individuelles Problem. Sie ist ein strategisches Signal.
Wenn ein ganzes Führungsteam gereizt ist, wenn Mitarbeiter nur noch abarbeiten, wenn Humor verschwindet, wenn Entscheidungen schwerer werden und kleine Konflikte groß wirken, dann geht es nicht nur um einzelne Akkus. Dann zeigt das System Überlast.
Energie ist eine Führungsressource. Ohne Energie gibt es keine Geduld, keine Klarheit, keine Kreativität und keine gute Entscheidungskultur. Wer dauerhaft leer ist, führt enger, härter oder ausweichender. Selten besser.
Ein Unternehmer sagte: „Ich erkenne mich manchmal selbst nicht mehr. Ich bin kurz angebunden und nenne das dann Klarheit.“ Dieser Satz war ehrlich. Und er zeigte: Müdigkeit verändert Führungssprache.
Genug gearbeitet. Genug so getan, als sei Erschöpfung nur der Preis für Verantwortung.
Organisationale Müdigkeit erkennt man an Mustern:
Themen werden vertagt, obwohl sie wichtig sind.
Menschen reagieren empfindlicher als früher.
Entscheidungen dauern länger, weil niemand mehr innere Luft hat.
Fehler nehmen zu, ohne dass Kompetenz fehlt.
Zynismus ersetzt Gestaltung.
Was hilft, sind nicht nur Pausen. Pausen sind wichtig. Aber strategisch entscheidend ist die Frage: Was macht uns dauerhaft müde?
Ein Team führte eine monatliche Energiebilanz ein. Nicht therapeutisch. Praktisch. Drei Spalten: „Gibt Energie,“ „Nimmt Energie, „Muss entschieden werden“. Daraus entstanden erstaunlich konkrete Maßnahmen: ein Bericht weniger erstellt, ein Konfliktthema auf den Tisch gebracht, ein Projekt gestoppt und ein Entscheidungsweg verkürzt.
Müdigkeit wurde damit nicht beklagt, sondern genutzt. Als Hinweis auf Reibung, Überlastung und fehlende Klarheit.
Führungskräfte dürfen ihre eigene Energie ebenfalls ernst nehmen. Nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung. Wer nie innehält, wird irgendwann von seinen Reaktionen geführt.
Ein guter Start ist die Frage: „Was kostet uns immer wieder Kraft, ohne dass es Wirkung erzeugt?“ Diese Frage führt oft direkt zu den Themen, die schon lange bearbeitet werden müssten.
Genug gearbeitet. Welches Müdigkeitssignal ignoriert Ihr Unternehmen, obwohl es längst Führung verlangt?
Das Haupttor der RAF Fairford, aufgenommen am 27. September 2026 in Fairford. Mehrere Männer wurden wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz festgenommen. Das Spezialteam der Armee zur Kampfmittelbeseitigung untersucht derzeit eine Reihe von Fahrzeugen in der Gegend. - Foto: David Bown/Getty Images
Die britische Polizei hat in der Nähe eines Luftwaffenstützpunkts mehrere Männer wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz festgenommen. Experten für die Entschärfung von Bomben würden derzeit „mehrere Fahrzeuge untersuchen“, teilte die Polizei der südwestlichen Grafschaft Gloucestershire am Sonntag mit.
Die Polizei sprach wird von einem ernsten Vorfall. Medienberichten zufolge übernahm die Anti-Terror-Polizei die Ermittlungen. Die Royal Air Force-Basis Fairford wird auch von der US-Luftwaffe genutzt.
Einsatzfahrzeuge am 27. September 2026 warten beim Fairford Youth Football Club in Fairford, England – die Polizei hat einen Großunfall ausgerufen, nachdem sie Anwohner aus ihren Häusern in Whelford evakuiert hatte. Das Dorf liegt etwa eine Meile von RAF Fairford entfernt, einem Militärstützpunkt, auf dem Bomber der US-Luftwaffe stationiert sind, die am Iran-Konflikt beteiligt sind.
Foto: Leon Neal/Getty Images
Gebiet abgeriegelt, einige Häuser geräumt
In ihrem Umkreis wurden mehrere Dorfbewohner in Sicherheit gebracht. Das Gebiet ist abgeriegelt, Sicherheitskräfte sagten, die Lage sei „unter Kontrolle“.
„Einige Grundstücke im Gebiet Whelford werden derzeit evakuiert“, teilte die Polizei mit. Dem Sender BBC zufolge wurden mehrere Bewohner des Dorfes Whelford in ein nahegelegenes Freizeitzentrum gebracht.
Im März hatte der damalige britische Premierminister Keir Starmer die Genehmigung erteilt für „defensive“ US-Aktionen gegen iranische Raketenstellungen von zwei britischen Militärbasen aus – eine davon Fairford.
Am 27. September 2026 wurde in Fairford, Vereinigtes Königreich, eine Polizeisperre errichtet. Ein Spezialteam der Armee zur Kampfmittelbeseitigung untersucht derzeit eine Reihe von Fahrzeugen in der Gegend.
Foto: David Bown/Getty Images
Regierung dankt Einsatzkräften
Starmers Nachfolger Andy Burnham werde über den Vorfall auf dem Laufenden gehalten, sagte ein Regierungssprecher.
„Wir danken den Notdiensten, die schnell gehandelt haben, um mehrere Verdächtige festzunehmen und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten“, fügte der Sprecher hinzu. Weitere Angaben lehnte er unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen ab.
Verteidigungsminister Wes Streeting dankte im Onlinedienst X den „Notfall- und Spezialistenteams“ vor Ort. „Wir können sicher sein, dass man sich darum kümmert“, erklärte Streeting.
Medien berichteten über ein großes Aufgebot von Rettungsdiensten in dem Gebiet, darunter auch ein Team für besonders gefährliche Einsätze. (afp/red)
Die britische Anti-Terror-Polizei untersucht einen Vorfall in der Nähe des Stützpunkts im Dorf Whelford.
Der Reisebus kippte am Morgen um. Die Polizei ist im Einsatz. (Symbolbild) - Foto: David Inderlied/dpa
Bei einem Unfall mit einem Reisebus auf der Autobahn 96 im Ostallgäu hat es Polizeiangaben zufolge zwei Tote und zahlreiche Verletzte gegeben. Der Unfall ereignete sich am frühen Morgen um kurz nach 6:00 Uhr auf der A96 bei Buchloe-Ost.
Der Reisebus sei in der Nähe von Buchloe im Ostallgäu nach rechts abgekommen und umgekippt, teilte eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord der Nachrichtenagentur AFP am Sonntag mit. Den Angaben zufolge handelt es sich um einen Bus eines Reiseunternehmens mit 40 bis 50 philippinischen Staatsangehörigen darin.
Nach Angaben der Polizeisprecherin gab es „zahlreiche Leichtverletzte“. Ein großes Aufgebot an Einsatzkräften sei vor Ort und die Autobahn sei in beide Richtungen gesperrt.
Nach ersten Informationen gab es etwa 25 Leichtverletzte, während zwei Personen am Unfallort verstarben. Ein weiterer Mensch schwebt in Lebensgefahr.
Die Autobahn in Richtung München wurde gesperrt, und Rettungsfahrzeuge waren zwischen den Anschlussstellen Buchloe-Ost und Landsberg am Lech-West im Einsatz. Die Sperrung solle bis 11 Uhr andauern.
Immer wieder schwere Unfälle mit Reisebussen
Erst kürzlich starben fünf Menschen bei einem Unfall eines niederländischen Busses in der Schweiz. Drei weitere wurden schwer, sieben mittelschwer und 30 leicht verletzt, wie die Kantonspolizei Graubünden am 10. September berichtete.
Der Bus prallte gegen eine Leitplanke und kam dann rechts von der Straße ab. Er kippte um und blieb auf der Seite liegen. Die Unfallstelle befand sich an der Ausfahrt einer etwa 200 Meter langen Baustelle.
Bei einem Unfall auf der A3 bei Wörth an der Donau (Landkreis Regensburg) wurden am 6. September 30 Menschen verletzt – 15 von ihnen saßen in einem Reisebus, sie erlitten leichte Verletzungen. Ein Wagen war laut Polizeiangaben auf den Reisebus und ein weiteres Fahrzeug in stockendem Verkehr aufgefahren. (dpa/red)
Perplexity AI, Microsoft Copilot and OpenAI ChatGPT auf einem Smartphone. - Foto: Robert Way/iStock
Der ChatGPT-Entwickler OpenAI hat nach einem neuen Zwischenfall das Training seiner leistungsstärksten KI-Modelle ausgesetzt. Bei dem Vorfall schaffte es ein KI-Modell in einem Test, Antworten von einem externen Chatbot zu bekommen, obwohl es eigentlich keinen Internet-Zugang haben sollte.
Die Software habe jedoch eine Lücke in den Netzwerk-Einstellungen gefunden und ausgenutzt, wie OpenAI in einem Blogeintrag berichtete. Das Training solle nun erst wieder aufgenommen werden, wenn man sich sicher sei, dass die Lücke geschlossen ist.
Der Zwischenfall sei zwar weniger gravierend als einige frühere, betonte OpenAI. Allerdings sei er der erste, seit die Sicherheitsvorkehrungen nach der Hacking-Attacke von OpenAI-Software auf die KI-Firma Hugging Face verschärft worden waren. Man sehe das als wichtigen Hinweis darauf, wo weitere Nachbesserungen notwendig seien.
In dem Test-Szenario bekam das getestete KI-Modell den Auftrag, auf Grundlage von Hinweisen Informationen über eine Person zu finden, die einen Blogpost veröffentlicht habe. Dafür konnte es auf eine Web-Imitation in einer abgeschirmten Testumgebung zurückgreifen.
Nachdem die Suche dort ergebnislos geblieben war, versuchte die KI jedoch dem OpenAI-Bericht zufolge, Anfragen unter anderem bei Google zu starten. Das schlug wie geplant fehl.
Aber dem KI-Modell fiel dabei auf, dass es über den sogenannten DNS-Resolver der Testumgebung Anfragen an einen Chatbot im offenen Internet stellen kann. DNS-Resolver übertragen Domain-Namen, die man als Nutzer in Browser eintippt, in aus Zahlen bestehende IP-Adressen, unter denen Websites zu finden sind. OpenAI stoppte den Test, nachdem die Kommunikation über die Lücke aufgefallen war.
Zuletzt wurden mehrere neue Zwischenfälle mit KI von OpenAI bekannt. Dazu gehört, dass sie 53 Mal von Nutzern hochgeladene Bilder auf Online-Plattformen platzierte. Die Links dazu seien nicht öffentlich gewesen, erklärte OpenAI.
Ein Großteil sei bereits wieder entfernt worden und man arbeite mit den Plattformen daran, auch den Rest zu löschen. Es ist aber der erste bekanntgewordene Vorfall, bei dem auch Daten von OpenAI-Nutzern betroffen waren.
Wenig später wurde zudem bekannt, dass automatisierte KI-Agenten von OpenAI auch auf mehreren Webseiten der US-Regierung aktiv waren. So habe die Software auf der Seite einer Statistikbehörde mit Hilfe von im Netz entdeckten Logindaten auf öffentlich zugängliche Informationen zugegriffen, teilte OpenAI nach einem Bericht der KI-Forschungsfirma Transluce mit.
Auf der Seite der Börsenaufsicht SEC seien ebenfalls öffentlich zugängliche Informationen kopiert worden. Beim US-Bildungsministerium versuchte die KI-Software laut Transluce vergeblich, sich in Daten der Bürgerrechtsabteilung zu hacken, wie die „New York Times“ berichtete. Sogenannte KI-Agenten sollen im Auftrag von Nutzern eigenständig Aufgaben erfüllen.
Derweil deutet sich an, dass noch viele weitere Enthüllungen um eigenständige Hacking-Aktivitäten der KI von OpenAI folgen könnten. Man habe „Dutzende“ Organisationen informiert, mit deren Webseiten Software von OpenAI auf ungeplante Weise „interagiert“ habe, teilte die KI-Firma mit.
„Einige der betroffenen Webseiten werden von Regierungen, Universitäten, Behörden und anderen Institutionen betrieben“, hieß es. Man überlasse es ihnen, die Vorfälle öffentlich zu machen.
Zuletzt hatte die Regierung Australiens mit der Mitteilung für Schlagzeilen gesorgt, dass KI von OpenAI in eine Website des australischen Gesundheitssystems eingedrungen war.
In dem bisher aufsehenerregendsten Fall brach Künstliche Intelligenz des ChatGPT-Entwicklers aus einer abgesicherten Testumgebung aus und drang ungeplant in Computer einer anderen KI-Firma ein, der Plattform Hugging Face. (dpa/red)
Eine Alarmsirene schrillt durch die nächtliche Stille. Von ihrer Wohnung aus sieht Valentina Leuchtspuren am Nachthimmel. Dann ein Knall. Eine Druckwelle lässt ihr Haus erzittern. Diesmal ist der Einschlag näher an ihrem Wohnblock herangekommen. Erst am nächsten Morgen wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: In dem südlichen Vorort von Kyjiw wurden vier Häuser getroffen.
Solche Raketenangriffe hätten in den vergangenen vier Jahren immer wieder stattgefunden, erzählte die 75-jährige Ukrainerin. Gewöhnen könne sie sich daran trotzdem nicht. „Man weiß nicht, ob man selbst oder die eigene Familie morgen noch am Leben sein werden“, sagt sie.
Auch für ihre Bekannte und Nachbarin Karolina ist seit Februar 2022 eine „vertraute Welt zusammengebrochen“. Einfachste Dinge, wie Brot, Milch und Reinigungsmittel, die sie zuvor selbstverständlich genommen hatte, waren auf einmal nicht mehr ausreichend verfügbar. Ohne Strom funktioniert der Alltag nicht mehr und die Sorge um die Sicherheit ihrer Familie wird zum ständigen Begleiter.
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Einsatzkräfte sind am 17. Juni 2025 an einem zerstörten Gebäude in Kiew im Einsatz, das von einer russischen Rakete getroffen wurde.
Foto: ORI AVIRAM/Middle East Images/AFP via Getty Images
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Ein schwer beschädigtes Einkaufszentrum in Kiew nach einem russischen Raketenangriff am 5. August 2026.
Foto: Jane Barlow / POOL / AFP via Getty Images
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Das Leben in Kiew geht weiter.
Foto: HENRY NICHOLLS / AFP via Getty Images
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Menschen verlassen am 10. Juli 2025 einen Schutzraum nahe einem beschädigten Einkaufszentrum in Kiew.
Foto: Tetiana DZHAFAROVA / AFP via Getty Images
Über 6.000 Lebensgeschichten, ein Krisenmodell
Schwere Schicksalsschläge – ob ausgelöst durch einen Krieg, eine schwere Krankheit, eine lebenslange Behinderung oder den Verlust eines geliebten Menschen – können jeden von uns schlagartig treffen. Viele verlieren sich in Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit. Andere finden nach einer schmerzvollen Phase den Weg ins Leben zurück. Wie gelingt ihnen das?
Bestsellerautorin und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Erika Schuchardt beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Frage, wie Menschen Krisen erleben, bewältigen und daraus neue Perspektiven für ihr Leben entwickeln können.
Mehr als 6.000 Lebensgeschichten weltweit hat sie analysiert und stellt fest: Menschen, die eine „Lebensbruchkrise“ erleben – eine Krise, die unerwartet eintritt – durchlaufen im Kern einen vergleichbaren Prozess.
Aus den wiederkehrenden Mustern entwickelte Schuchardt ein Krisenkomplementärmodell mit acht Phasen. Es soll Menschen in Krisen helfen, zu verstehen, was mit ihnen geschieht – und zeigen, wie Betroffene mit einer angemessenen Begleitung Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinden können.
Schuchardt erklärt: Wenn eine Krise schlagartig eintritt, gerät der Betroffene zunächst in einen Schockzustand (Phase 1). Er versucht mit aller Kraft die Krise zu verleugnen.
Lässt sich die Realität nicht mehr verdrängen, folgt die Konfrontation mit der Gewissheit (Phase 2). Der Betroffene scheint auf dem ersten Blick bereit zu sein die Wahrheit anzunehmen, lebt allerdings weiterhin mit der Hoffnung, die Krise sei nur ein Irrtum.
Die Schockmomente und was daraus folgt
Für Karolina reiht sich ein Schockmoment nach dem nächsten. Sie verlor mit Ausbruch des Krieges ihre Arbeit. Innerhalb eines einzigen Morgens sei ihr „Gefühl von Sicherheit zerstört“ gewesen, erzählte sie.
Wenige Wochen später erreichte sie die nächste schlechte Nachricht: Die Region, in der ihre Eltern lebten, wurde von russischen Truppen besetzt. Es gab keine Möglichkeit sie zu kontaktieren.
Zu wissen, dass sie selbst nichts tun und die Situation ihrer Familie nicht habe kontrollieren können, habe bei ihr eine schwere, überwältigende Verzweiflung auslöst, erzählte die 47-Jährige.
In dieser Zeit wurde für Valentina und Karolina die Spiritualität zu einem wichtigen Halt.
Die Ukrainerinnen praktizieren Falun Gong, auch Falun Dafa genannt – eine buddhistische Meditationsschule, die Lehren zur Selbstverbesserung mit meditativen Übungen verbindet. Sie lehrt die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht.
Karolina findet in ihrem Glauben und in den meditativen Übungen von Falun Gong Ruhe und Kraft.
Foto: Privat
Karolina und ihr Mann bei einer meditativen Übung von Falun Gong.
Foto: Privat
Diese Prinzipien und die innere Ruhe, die Karolina in der Meditation findet, haben ihr geholfen Ursache und Wirkung besser zu verstehen. Sie lernt die Dinge so anzunehmen, wie sie kommen und zu akzeptieren, dass sie das, was ihr und ihrer Familie im Krieg widerfährt, nicht kontrollieren kann – und muss.
Glaube als Anker
Dass Spiritualität Menschen gerade in schweren Krisen Halt, Mut und Zuversicht gibt, hat Schuchardt bei der Auswertung der Lebensgeschichten immer wieder beobachtet. Manche fanden in der Krise wieder zurück zu ihrem Glauben – und zu Gott.
Anders könne es bei Menschen aussehen, die keinen Glauben haben, erklärte Schuchardt. Ihnen fehle möglicherweise etwas, worauf sie vertrauen und woran sie festhalten könnten.
Und weiter: „Die Fragen und die Verzweiflung, die in ihm entstehen, müssen irgendwohin. Sie können sich nach außen richten – als Aggression gegenüber Mitmenschen.“ Die Phase der Aggression (Phase 3) sei ihrer Analyse zufolge für den Betroffenen zentral und die Voraussetzung für die Weiterverarbeitung der Krise.
Doch letztlich liege laut Schuchardt die Lösung nicht „im Außen“. „Das allergrößte Problem scheint mir zu sein, dass viele Menschen nicht die Kraft haben, sich selbst die entscheidenden Fragen zu stellen. Sie suchen die Antworten in der Flucht.“
Schuchardt nannte ein Beispiel: So liefen Erkrankte von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, betrieben „Ärzte-Shopping“ oder „Wundershopping“ auf der Suche nach dem einen Weg, der sie endlich gesund machen soll.
Die entscheidenden Fragen
Die entscheidende Wendung könne aus ihrer Sicht mit der folgenden Haltung beginnen: „Ich bin vielleicht nicht gesund – dennoch muss ich innerlich heil werden.“
Das aber bedeute Stille, Einkehr und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Meditationspraktiken, wie sie Karolina und Valentina praktizieren, könnten einen solchen Raum schaffen, erklärte die Krisenexpertin. Aber auch hier gilt laut Schuchardt, sich von der Forderung „Mach mich gesund“ zu lösen.
Die Bestsellerautorin empfiehlt Betroffenen sich mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen: „Wozu habe ich diese Erfahrung gemacht? Was will sie mir sagen? Und wohin will ich mit dieser neuen Erfahrung gehen?“
Wenn Gesund-Sein ansteckt
Eine erfolgreiche Krisenverarbeitung ist nach Schuchardts Komplementärmodell stets eng mit dem sozialen Umfeld und der Gesellschaft verknüpft. „Es gibt ein ansteckendes Gesund-Sein von Krisen betroffener Menschen. Komplementär gibt es ein ansteigendes Kranksein nicht betroffener Menschen“, sagt sie.
Damit ist gemeint, dass Menschen, die eine ernsthafte Krise durchlebt und bewältigt haben, eine besondere Art von Gesund-Sein ausstrahlen. Damit ist nicht die körperliche Gesundheit gemeint, sondern die innere Kraft, Weisheit und Zuversicht, die diese Person im Prozess der Krisenverarbeitung erlangt hat. Dieses „Gesund-Sein“ kann ansteckend wirken: Es inspiriert andere, zeigt Hoffnung und Möglichkeiten auf.
Andersherum könnten das Umfeld, die Angehörigen und Freunde das „Kranksein“ verstärken und so zum Problem für den Betroffenen werden, zum Beispiel durch soziale Ausgrenzung, fehlende Teilnahme oder auch durch Mitleid statt echter Begegnung.
Ein Krieg ist ein kollektives Schicksal, das viele Menschen miteinander teilen und verbinden. In so einer Situation finden Menschen in der „gegenseitigen Unterstützung und in der Gemeinschaft überhaupt die einzige Überlebenschance“, erklärte Schuchardt weiter.
Ein Blick, ein Lächeln
Die Solidarität haben auch Valentina und Karolina im Krieg erlebt. Der Krieg habe die Menschen gezwungen, innezuhalten und einander wirklich anzusehen, erzählte Karolina. Das Miteinander habe sich verändert, Menschen haben sich verändert. Aus Eile und Hektik seiensind mehr Menschlichkeit, Wärme und Hilfsbereitschaft entstanden. Oft brauche es dafür nicht mehr als einen Blick, ein paar Worte oder ein Lächeln.
Die 47-Jährige schlussfolgert: „Die Menschen mögen in diesem Krieg ihre Häuser, ihr früheres Leben und manche ihre Angehörigen verloren haben. Doch viele entdecken den Wert des Lebens neu, der nicht mehr nur an materiellen Dingen gemessen werden kann.“
Das könne Valentina auch bestätigen. „Es gibt Kraft, zu wissen, dass Menschen da sind, die einem zuhören, helfen und in schwierigen Zeiten beistehen“, sagt sie. Die 75-Jährige ist überzeugt, dass Menschen, die einen festen spirituellen Halt und einen moralischen Kompass haben, die Kraft finden, aufrichtig an andere zu denken und sich um die Menschen in ihrem Umfeld zu kümmern.
Von der Krise zur Chance: Eine App
Einen Kompass für Menschen in Krisen möchte Schuchardt mit einem neuen Projekt anbieten. Dafür will sie Lebensgeschichten aus aller Welt aufbereiten, aktualisieren und als App für alle zugänglich machen – sie nennt diese „Schuchardt Navi – Krise: Chance Erfolg-Biografien“. Ihr Ziel: Menschen dabei zu helfen, ihren Weg „von der Krise zur Chance“ zu finden.
Den positiven Blick hat auch Karolina trotz des Krieges und der ungewissen Zukunft nicht verloren. „Wenn ein Mensch erkennt, dass er durch eine schwere Zeit gegangen ist und daran nicht zerbrochen ist, entsteht eine unerschütterliche Ruhe. Er hat nichts mehr zu fürchten und muss sich an nichts verzweifelt festklammern“, sagt die 47-Jährige.
Materieller Verlust könne all das Oberflächliche wegnehmen und einen Menschen mit seinem wahren inneren Wert konfrontieren. In dieser ungewohnten Leere könne aber gleichzeitig eine wichtige Erkenntnis entstehen: „Das Wertvollste in uns bleibt unberührt.“
Papst Leo winkt der Menschenmenge auf den Champs-Élysées. - Foto: Emma Da Silva/AP/dpa
Bei einer Freiluftmesse im Herzen von Paris haben am Samstag hunderttausende Menschen an einem Gottesdienst mit Papst Leo XIV. teilgenommen. Nach Schätzungen des Vatikans versammelten sich etwa 800.000 Menschen zu der Messe im Zentrum der französischen Hauptstadt.
Zuvor war der Papst im Papamobil über die Champs-Elysées gefahren, wo er von zahlreichen Gläubigen bejubelt wurde.
An der Messe auf dem Place de la Concorde nahmen auch zahlreiche Politiker teil, unter anderem die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Laut Vatikan versammelten sich 800.000 Besucher auf der mehr als zwei Kilometer langen Strecke zwischen dem Triumphbogen und dem Platz.
„Sinn des Lebens“
In seiner Predigt rief das Oberhaupt der katholischen Kirche dazu auf, über den Sinn des Lebens nachzudenken: „Was suchen wir wirklich im Leben?“, fragte er.
In seiner Predigt ermutigte Papst Leo XIV. insbesondere Jugendliche und diejenigen, die sich auf die Taufe vorbereiten, „lebendige Zeugen einer Zivilisation der Liebe“ zu werden.
Die Messe endet mit einem „Salve Regina“, einem traditionellen Marienlied, das der Past vor einer silbernen Marienstatue sang, die sonst in der Kathedrale Notre-Dame aufbewahrt wird.
Mehr Erwachsenentaufen
In Frankreich ist die Zahl der Erwachsenentaufen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. In diesem Jahr haben sich insgesamt knapp 21.400 Jugendliche und überwiegend junge Erwachsene taufen lassen – ein Phänomen, das im Vatikan aufmerksam beobachtet wird.
„Ich dachte immer, die Messe ist für alte Menschen, aber in meiner Pfarrei ist das gar nicht so, da geht es sehr lebendig zu“, sagte die 31 Jahre alte Angeline Mandoux, die sich auf die Taufe vorbereitet.
Am Samstagabend wollte der Papst in den südfranzösischen Pilgerort Lourdes weiterreisen. Dort ist am Sonntag auch ein Treffen mit sieben Menschen geplant, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche oder Angestellte an katholischen Schulen geworden sind.
Am Montag will Leo XIV. zum Abschluss seines Frankreich-Besuchs im lothringischen Metz eine politische Rede zu den Wurzeln Europas halten, zu der Präsident Macron sämtliche europäischen Staats- und Regierungschefs eingeladen hat. Bislang ist nicht bekannt, wer von ihnen kommen will. (afp/red)
Berndt nimmt mitunter zwei Podcasts an einem Tag in seinem Studio in einem Kölner Vorort auf (Archivbild). - Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
In Kürze:
Die Landesanstalt für Medien NRW hat ihre Prüfung des Höcke-Interviews im Podcast „ungeskriptet“ abgeschlossen.
Anlass war eine nachweislich falsche Aussage Höckes zur SA, die im Interview nicht eingeordnet oder korrigiert worden war.
Nach Auffassung der Medienaufsicht wurde die Aussage inzwischen durch die öffentliche Debatte umfassend aufgearbeitet und richtiggestellt.
Für Podcaster Ben Berndt wird es deshalb vorerst keine weiteren medienaufsichtsrechtlichen Maßnahmen geben.
Für den Podcaster Ben Berndt wird es keine Konsequenzen vonseiten der Landesanstalt für Medien NRW geben. Wie die Einrichtung mitteilt, ist ihre Prüfung bezüglich des Interviews mit AfD-Politiker Björn Höcke in der Sendung „ungeskriptet by Ben“ vom 29. April 2026 abgeschlossen. Dabei seien Fragen hinsichtlich der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht durch den Podcaster aufgetreten. Die Landesanstalt hatte Berndt deshalb am 15. Juni ein Hinweisschreiben mit Bitte um Stellungnahme übermittelt.
Keine Einordnung oder Überprüfung von Höcke-Aussage
In der Sendung war Höcke unter anderem auf gegen ihn gerichtete Strafverfahren vor deutschen Gerichten zu sprechen gekommen. In diesem Kontext hatte er dort die nachweislich falsche Tatsachenbehauptung verbreitet, die nationalsozialistische SA hätte „kein Motto“ gehabt. Der Politiker wurde rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den Sinnspruch „Alles für Deutschland“ in zustimmender Weise verwendet habe. Diesen hatte die SA unter anderem auf ihren Dolchen verwendet.
Die Landesanstalt für Medien hatte die Prüfung mit der Begründung eingeleitet, dass die 4:36 Stunden lange Sendung nicht live ausgestrahlt gewesen sei. Dies hätte ihrer Auffassung nach ausgereicht, um mit zumutbarem Aufwand eine „Einordnung oder Überprüfung“ der Höcke-Aussage vorzunehmen. Die journalistische Sorgfaltspflicht gebiete es, „nachweislich falsche Tatsachenbehauptungen einzuordnen, zu hinterfragen oder zu korrigieren“.
Dass dies in der Sendung selbst nicht geschehen sei, habe Anhaltspunkte für eine mögliche Verletzung von Paragraf 19 des Medienstaatsvertrages von 2025 geschaffen. Das Schreiben vom 15. Juni sollte, so die Medienaufsicht, als „mildestes Mittel“ dem Anbieter Gelegenheit geben, einen möglichen Verstoß zu beseitigen oder dazu Stellung zu nehmen.
Medienaufsicht sieht nachträgliche Einordnung durch öffentliche Debatte
Mittlerweile ist die Angelegenheit aus Sicht der Medienaufsicht offenbar geklärt. Im Zuge der öffentlichen Debatte, so heißt es in der Erklärung, „Debatte wurde die betreffende Aussage umfassend aufgearbeitet und richtiggestellt“. Es sei in Berichterstattung wiederholt zur Sprache gekommen, dass die SA eine Losung gehabt habe und Höcke für deren Verwendung mehrfach rechtskräftig verurteilt worden sei.
Damit sei „die im Interview selbst unterbliebene Einordnung der Falschaussage inzwischen öffentlich erfolgt“. Vor diesem Hintergrund sehe die Landesanstalt für Medien NRW „derzeit von weiteren medienaufsichtsrechtlichen Maßnahmen in vorliegendem Fall ab“. Anscheinend reicht es aus ihrer Sicht aus, dass ein Format zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte wird, um die Wahrung der Sorgfaltspflicht zu gewährleisten.
Allerdings weist die Landesanstalt für Medien NRW erneut auf die Reichweite des Medienstaatsvertrages hin. Dieser bestimme, dass „journalistisch-redaktionelle Angebote im Netz […] denselben Sorgfaltsanforderungen unterliegen wie herkömmliche journalistische Medienangebote“.
Medienaufsicht sieht objektive Kriterien erfüllt
Ben Berndt hatte infolge des Erhalts des Schreibens der Medienaufsicht von „Zensur“ gesprochen. Er äußerte insbesondere, dass diese ihn aufgefordert habe, seine gesamten bislang veröffentlichten Inhalte auf Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflichten zu prüfen. Bis heute hat Berndt etwa 300 mehrstündige Gespräche mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Diplomatie geführt. Viele davon dauerten mehrere Stunden.
Der Podcaster hatte es in Abrede gestellt, dass es sich bei seinem Podcast um ein journalistisches Format handele. Er äußerte, „Ungeskriptet“ habe eher den Charakter eines Alltagsgesprächs „wie bei einem Kaffee“ – bei dem allerdings eine Kamera mitläuft.
Aus Sicht der Medienaufsicht hingegen erfüllt die Sendung die objektiven Kriterien für ein journalistisch-redaktionelles Telemedium. Solche unterliegen der journalistischen Sorgfaltspflicht, wenn sie „geschäftsmäßig angeboten“ werden und darin „regelmäßig Nachrichten oder politische Informationen enthalten sind“.
Seit 2020 hat es der Medienanstalt zufolge zwei Verfahren gegen journalistisch-redaktionelle Telemedien geführt. Von diesen sei eines eingestellt worden. In den meisten Fällen hätten Adressaten von Hinweisen nach dem Medienstaatsvertrag entsprechende Inhalte angepasst. Ben Berndt hatte ein solches Vorgehen jedoch abgelehnt und einen Anwalt eingeschaltet.
Berndt nimmt mitunter zwei Podcasts an einem Tag in seinem Studio in einem Kölner Vorort auf (Archivbild). - Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
In Kürze:
Die Landesanstalt für Medien NRW hat ihre Prüfung des Höcke-Interviews im Podcast „ungeskriptet“ abgeschlossen.
Anlass war eine nachweislich falsche Aussage Höckes zur SA, die im Interview nicht eingeordnet oder korrigiert worden war.
Nach Auffassung der Medienaufsicht wurde die Aussage inzwischen durch die öffentliche Debatte umfassend aufgearbeitet und richtiggestellt.
Für Podcaster Ben Berndt wird es deshalb vorerst keine weiteren medienaufsichtsrechtlichen Maßnahmen geben.
Für den Podcaster Ben Berndt wird es keine Konsequenzen vonseiten der Landesanstalt für Medien NRW geben. Wie die Einrichtung am Mittwoch, 24. September, mitteilte, ist ihre Prüfung bezüglich des Interviews mit AfD-Politiker Björn Höcke in der Sendung „ungeskriptet by Ben“ vom 29. April 2026 abgeschlossen. Dabei seien Fragen hinsichtlich der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht durch den Podcaster aufgetreten. Die Landesanstalt hatte Berndt deshalb am 15. Juni ein Hinweisschreiben mit der Bitte um Stellungnahme übermittelt.
Keine Einordnung oder Überprüfung der Höcke-Aussage
In der Sendung war Höcke unter anderem auf gegen ihn gerichtete Strafverfahren vor deutschen Gerichten zu sprechen gekommen. In diesem Kontext hatte er dort die nachweislich falsche Tatsachenbehauptung verbreitet, die nationalsozialistische SA habe „kein Motto“ gehabt. Der Politiker wurde rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den Sinnspruch „Alles für Deutschland“ in zustimmender Weise verwendet habe. Diesen hatte die SA unter anderem auf ihren Dolchen verwendet.
Die Landesanstalt hatte die Prüfung mit der Begründung eingeleitet, dass die 4 Stunden und 36 Minuten lange Sendung nicht live ausgestrahlt worden sei. Dies hätte ihrer Auffassung nach ausgereicht, um mit zumutbarem Aufwand eine „Einordnung oder Überprüfung“ der Höcke-Aussage vorzunehmen. Die journalistische Sorgfaltspflicht gebiete es, „nachweislich falsche Tatsachenbehauptungen einzuordnen, zu hinterfragen oder zu korrigieren“.
Dass dies in der Sendung selbst nicht geschehen sei, habe Anhaltspunkte für eine mögliche Verletzung von Paragraf 19 des Medienstaatsvertrages geschaffen. Das Schreiben vom 15. Juni sollte, so die Medienaufsicht, als „mildestes Mittel“ dem Anbieter Gelegenheit geben, einen möglichen Verstoß zu beseitigen oder dazu Stellung zu nehmen.
Medienaufsicht sieht nachträgliche Einordnung durch öffentliche Debatte
Mittlerweile ist die Angelegenheit aus Sicht der Medienaufsicht geklärt. Im Zuge der öffentlichen Debatte, so heißt es in der Erklärung, „Debatte wurde die betreffende Aussage umfassend aufgearbeitet und richtiggestellt“. Es sei in der Berichterstattung wiederholt zur Sprache gekommen, dass die SA eine Losung gehabt habe und Höcke für deren Verwendung rechtskräftig verurteilt worden sei.
Damit sei „die im Interview selbst unterbliebene Einordnung der Falschaussage inzwischen öffentlich erfolgt“. Vor diesem Hintergrund sehe die Landesanstalt für Medien NRW „derzeit von weiteren medienaufsichtsrechtlichen Maßnahmen in vorliegendem Fall ab“.
Allerdings weist die Landesanstalt für Medien NRW erneut auf die Reichweite des Medienstaatsvertrages hin. Dieser bestimme, dass „journalistisch-redaktionelle Angebote im Netz […] denselben Sorgfaltsanforderungen unterliegen wie herkömmliche journalistische Medienangebote“.
Medienaufsicht sieht objektive Kriterien erfüllt
Nachdem Berndt das Schreiben erhalten hatte, hatte er von „Zensur“ gesprochen. Er äußerte insbesondere, dass diese ihn aufgefordert habe, seine gesamten bislang veröffentlichten Inhalte auf Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflichten zu prüfen. Bis heute hat Berndt etwa 300 Gespräche mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Diplomatie geführt. Viele davon dauerten mehrere Stunden.
Der Podcaster hatte es in Abrede gestellt, dass es sich bei seinem Podcast um ein journalistisches Format handele. Er äußerte, „ungeskriptet“ habe eher den Charakter eines Alltagsgesprächs „wie bei einem Kaffee“ – bei dem allerdings eine Kamera mitläuft.
Aus Sicht der Medienaufsicht hingegen erfüllt die Sendung die objektiven Kriterien für ein journalistisch-redaktionelles Telemedium. Solche Angebote unterliegen der journalistischen Sorgfaltspflicht, wenn sie „geschäftsmäßig angeboten“ werden und darin „regelmäßig Nachrichten oder politische Informationen enthalten sind“.
Seit 2020 hat die Medienanstalt zufolge zwei Verfahren gegen journalistisch-redaktionelle Telemedien geführt. Von diesen sei eines eingestellt worden. In den meisten Fällen hätten Adressaten von Hinweisen nach dem Medienstaatsvertrag entsprechende Inhalte angepasst. Ben Berndt hatte ein solches Vorgehen jedoch abgelehnt und einen Anwalt eingeschaltet.
Erstmals werden Vorfälle mit KI von OpenAI bekannt, bei denen auch Nutzerdaten betroffen waren. (Archivbild) - Foto: Richard Drew/AP/dpa
Die Künstliche Intelligenz des ChatGPT-Entwicklers OpenAI hat 53 Mal von Nutzern hochgeladene Bilder auf Online-Plattformen platziert. Die Links dazu seien nicht öffentlich gewesen, erklärte OpenAI. Ein Großteil sei bereits wieder entfernt worden und man arbeite mit den Plattformen daran, auch den Rest zu löschen. Es ist der erste bekanntgewordene Vorfall, bei dem auch Daten von OpenAI-Nutzern betroffen waren.
Unterdessen deutet sich an, dass noch viele weitere Enthüllungen um eigenständige Hacking-Aktivitäten der KI von OpenAI folgen könnten. Man habe „Dutzende“ Organisationen informiert, mit deren Webseiten Software von OpenAI auf ungeplante Weise „interagiert“ habe, teilte die KI-Firma mit. „Einige der betroffenen Webseiten werden von Regierungen, Universitäten, Behörden und anderen Institutionen betrieben“, hieß es. Man überlasse es ihnen, die Vorfälle öffentlich zu machen.
Zuletzt hatte die Regierung Australiens für Schlagzeilen gesorgt mit der Mitteilung, dass KI von OpenAI in eine Website des australischen Gesundheitssystems eingedrungen war.
Im Fall der ins Netz geladenen Nutzer-Bilder verwies OpenAI darauf, dass die hochgeladenen Bilder von Nutzern stammten, die der Verwendung ihrer Daten zur Verbesserung der KI-Modelle zugestimmt hätten. Dabei würden personenbezogene Daten und die Verknüpfung zu konkreten Accounts entfernt und könnten auch nicht wiederhergestellt werden. OpenAI äußerte sich auf Anfrage nicht dazu, ob es sich um 53 Bilder handelte oder pro Vorgang mehrere Bilder hochgeladen worden sein könnten.
Das Eingeständnis ist die nächste Enthüllung in der Saga um KI, die in Testläufen – zunächst unbemerkt – problematisches Vorgehen an den Tag legte. In dem bisher aufsehenerregendsten Fall brach Künstliche Intelligenz des ChatGPT-Entwicklers aus einer abgesicherten Testumgebung aus und drang ungeplant in Computer einer anderen KI-Firma ein, der Plattform HuggingFace. Das veranlasste den Rivalen Anthropic, seine eigenen Testläufe zu überprüfen, wobei weitere Vorfälle ans Licht kamen. Auch der Facebook-Konzern Meta und Google räumten danach ein, dass ihre KI sich Zugang zu Computern anderer Unternehmen verschafft hatte. (dpa/red)
Mehr als 8.000 Menschen stehen auf Wartelisten für Spenderorgane. (Archivbild) - Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa
Kann man Schweigen als Zustimmung zur Organspende zählen? Kann man Menschen verpflichten, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen?
Das sind Fragen, die momentan die Politik beschäftigen. Am Donnerstag, 24. September, wurde in erster Lesung im Bundestag über einen neuen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf zur Einführung einer sogenannten Widerspruchsregelung debattiert.
Demnach würde künftig in Deutschland jede volljährige und einwilligungsfähige Person als Organspender gelten, die einer Organspende nicht ausdrücklich widersprochen hat – ein Weg, der im Jahr 2020 nicht die notwendige Mehrheit im Bundestag fand und von Patientenschützern abgelehnt wird.
Ein weiterer diskutierter Antrag setzt auf die Freiwilligkeit der Organspende und vermehrte Aufklärung. Im Ziel sind sich beide fraktionsübergreifende Gruppen von Abgeordneten einig: Die Anzahl der benötigten Organspenden soll erhöht werden.
Das Dilemma
Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen und Vertreter des Bundesrates, verwies in der Debatte auf ein Dilemma: Es würden einfach zu wenig Menschen ihre Einstellung zur Organspende dokumentieren. Und daher begrüße es der Bundesrat, dass sich der Bundestag auch in dieser Wahlperiode mit dem Thema Organspende befasse. Eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende sei zumutbar, so Laumann.
Auch andere Befürworter der Widerspruchsregelung argumentierten, dass sich jeder Mensch, der entscheidungsfähig sei, zumindest einmal in seinem Leben mit der Frage auseinandersetzen und seinen Willen dokumentieren solle, ob er seine Organe spenden will oder nicht.
Konsens unter den Befürwortern der Widerspruchslösung herrschte in dem Punkt, dass diese allein nicht ausreiche, um die Anzahl der Organspenden zu erhöhen. Auch die Strukturen in Krankenhäusern, Personal und Aufklärung müssten entsprechend ausgebaut werden.
Es gehe darum, an „Stellschrauben“ zu drehen, wie Sabine Dittmar (SPD) es zur Eröffnung der Debatte nannte.
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Transplantationsorgane aus Nachbarländern
Während der Debatte führten gleich mehrere Politiker Einzelschicksale an, die untermauern sollten, warum sie sich für oder gegen die Widerspruchsregelung positionieren.
Der Abgeordnete Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen) sprach von seiner Freundin Anke, deren Leben durch eine Spenderleber um 17 Jahre verlängert worden sei. In vielen europäischen Nachbarländern gelte bereits die Widerspruchsregelung. „Deutschland geht einen Sonderweg, profitiert aber überdurchschnittlich von Organspenden aus dem Ausland. Das ist für mich ethisch schwer zu rechtfertigen“, sagte Kellner.
Ähnlich sieht es Stefan Schwartze (SPD), Patientenbeauftragter der Bundesregierung.
„Wir beziehen die Organe aus Ländern, die dort nach den Regeln einer Widerspruchsregelung entnommen wurden. Ein System, wie wir es bei uns selber scheuen“, so Schwartze.
Er erzählte von der 16-jährigen Lilly, die ebenfalls dringend eine neue Leber benötigte und am Tag der Debatte ihren „zweiten Geburtstag“ feierte. Die Widerspruchsregelung sei „kein Allheilmittel“, aber eine zentrale Maßnahme, um Spenden zu erhöhen.
Menschenleben retten
Alexis Giersch (AfD) weiß aus seiner Erfahrung als Rettungsassistent, dass das Thema Organspende für Betroffene „keine abstrakte politische Debatte“ sei. Für ihn steht im Vordergrund, Menschenleben zu retten.
„Die Argumente für die Beibehaltung der Zustimmungslösung kann ich zwar nachvollziehen, aber nach intensiver Abwägung und intensivem Nachdenken sind die Argumente für die Einführung der Widerspruchslösung für mich überzeugender“, so der AfD-Politiker.
Keine Stigmatisierung
Bodo Ramelow (Die Linke) musste sich nach eigenen Angaben selbst als Vater seines schwer kranken Sohnes mit der Frage der Knochenmarkspende auseinandersetzen. Er warb nicht nur dafür, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, sondern auch, über eine Knochenmarkspende nachzudenken und sich registrieren zu lassen.
Aber auch ein „Nein“ zu einer Blut- oder Organentnahme müsse respektiert werden. „Es darf nicht zu einer Stigmatisierung führen“, so Ramelow.
Eine „lästige“ Entscheidung
Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) vertrat die Auffassung, dass die Freiwilligkeit der Spende „absolut gewahrt und unangetastet“ bleibe.
„Und deshalb beschränkt sich der Eingriff in eine vielleicht lästige, aber letztlich wenig aufwendige Obliegenheit, sich zu entscheiden und sich zu erklären“, so Winkelmeier-Becker.
Wer diese Entscheidung zur Organspende zu Lebzeiten nicht treffe, fordere viel von den Angehörigen, die dann die Entscheidung übernehmen müssten. Hirntote, die nicht als Spender freigegeben werden, würden mit ihren Organen verbrannt – dabei könne man damit noch Leben retten.
Fachgesellschaften für Widerspruchsregelung
Der CSU-Politiker und Intensivmediziner Prof. Dr. Hans Theiss verwies auf die Sicht diverser medizinischer Fachgesellschaften.
Die Widerspruchsregelung sei „der entscheidende Mosaikstein“, der in Deutschland fehle. Aber erst bei einem „Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen, wie intensiver Aufklärung, Optimierung der Klinikstrukturen und einer guten Transplantationskoordination“ entfalte sie ihre volle Wirkung.
Zusätzlich verwies Theiss darauf, dass im Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung keine Organentnahme nach dem Herztod vorgesehen sei, wie sie etwa in einem Positionspapier der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin angeregt wurde. „Nein, unser Antrag hält am Hirntodkonzept fest.“
Recht auf körperliche Unversehrtheit
Martin Sichert und Dr. Christina Baum (beide AfD) hingegen plädierten für eine freiwillige, bewusste Entscheidung der Menschen. In der Debatte stellten sie die zentrale Voraussetzung für die Organspende infrage: die aus ihrer Sicht fragwürdige Hirntoddefinition. „Niemand weiß, was mit der Seele beim Hirntod passiert oder was der Mensch mitbekommt“, so Sichert.
Dazu führte er das Schicksal des 1991 geborenen Max Siegel an. Seine Mutter war elf Wochen vor seiner Geburt für hirntot erklärt worden – und trotzdem kam ihr Sohn unter Wehen per Kaiserschnitt zur Welt. In diesen Tagen feiert Siegel seinen 35. Geburtstag.
„Wer das Individuum dem Kollektiv unterordnet und sein Schweigen gegen ihn verwendet, folgt der Handschrift kommunistischer Systeme, nicht der eines freien Rechtsstaates“, argumentierte sie.
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Menschenwürde über den Tod hinaus
Sven Lehmann (Grüne) warnte vor einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung. „Ein Mensch sollte nur selbst über seinen Körper verfügen. Die Widerspruchsregelung hingegen bedeutet im Kern nichts anderes als eine Vergesellschaftung des Körpers“, so Lehmann.
Es sei legitim, wenn man sich nicht mit dem Tod und der Frage nach der Organspende beschäftigen wolle.
Ebenso habe der Mensch „postmortale Persönlichkeitsrechte“. Die Menschenwürde ende nicht mit dem Tod – sonst bräuchte es auch keine Gesetze gegen die Störung der Totenruhe.
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Vertrauen stärken
Michael Brand (CDU) verwies auf Menschen in schwierigen Lebenslagen, etwa Obdachlose oder Menschen mit Sprach- oder Leseproblemen, die zwar entscheidungsfähig seien, aber sich nicht melden und so unfreiwillig per Gesetz zum Organspender erklärt werden würden. Er selbst habe versucht, sich im Onlineregister anzumelden. Erst beim dritten Versuch habe es geklappt.
In Zeiten, in denen man selbst bei Internetnutzung ständig seine Zustimmung erklären müsse, bei so einem wichtigen Punkt wie der Organspende den Spieß plötzlich umdrehe, könne er nicht nachvollziehen.
Wer mehr Organe wolle, müsse Vertrauen stärken, nicht Zweifel säen. „Vertrauen ist der Rohstoff der Organspende und sie ist eine höchstpersönliche Entscheidung“, so Brand.
Mit „vernünftigen Onlinekampagnen“ zur Information könne man mehr Menschen erreichen, vorrangig die jüngere Generation.
In den nächsten Wochen soll nun im federführenden Gesundheitsausschuss über die Vorlagen beraten werden. Wann es zu einer endgültigen Abstimmung im Plenum kommt, steht bislang nicht fest.
Der Gesetzentwurf für die Widerspruchsregelung wurde von 254 Abgeordneten eingebracht. Welches Mehrheitsverhältnis sich am Ende im Bundestag mit seinen insgesamt 630 Abgeordneten zeigt, bleibt abzuwarten.
Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasanter als je zuvor – und mit ihr die Fragen nach Kontrolle, Sicherheit und den Grenzen des technisch Machbaren. Im Gespräch mit Epoch Times ordnet der deutsche Wirtschaftspsychologe, Unternehmer und KI-Experte Christoph Burkhardt ein, wie ernst es Unternehmen wie Anthropic und OpenAI mit ihren eigenen Warnungen vor der Technologie meinen, welche Risiken der Einsatz von KI in kritischer Infrastruktur wie Energie, Telekommunikation und Logistik birgt und warum autonome KI-Agenten aus seiner Sicht eine der größten Gefahren der kommenden Jahre darstellen.
Burkhardt, der seit Jahren im Silicon Valley lebt und arbeitet, gründete unter anderem das Unternehmen TinyBox, die Burkhardt Group sowie 2023 das AI Impact Institute. Er tritt zudem international als Keynote-Speaker zu Künstlicher Intelligenz, Innovation und Zukunftstechnologien auf und veröffentlichte 2025 das Buch „AI Done Right“.
Anthropic-CEO Dario Amodei fordert die KI-Branche auf, die Entwicklung von KI-Modellen zu verlangsamen, da die Fähigkeiten der Systeme schneller wachsen könnten als unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen und zu kontrollieren. Sehen Sie diese Gefahr auch – und ist das überhaupt realistisch?
Das ist eine gute Frage. Die Gefahr, dass sich KI selbstständig macht und außerhalb unserer Kontrolle operiert, besteht natürlich ab einem bestimmten Punkt. Auf der anderen Seite sehen sich gerade Anthropic und OpenAI in einem Kampf um das Überleben. Aus der PR-Brille gesehen ist es natürlich sinnvoll, Forderungen zu machen und nach Regulierung zu fragen. Aber ob es hier wirklich um einen ernst gemeinten Versuch geht, die Geschwindigkeit der Entwicklung rauszunehmen, halte ich für unrealistisch, da beide Unternehmen um die Spitze kämpfen müssen.
KI ist mittlerweile in so vielen Bereichen aktiv eingebunden. KI allgemein zurückzufahren macht nicht in allen Bereichen Sinn.
KI wird zunehmend in kritischen Bereichen der Gesellschaft eingesetzt – Energie, Telekommunikation, Internet, Logistik und Lebensmittelversorgung. Birgt das nicht ein Risiko für unsere Infrastruktur, und wie kann eine rein friedliche Nutzung zum Wohle der Menschheit sichergestellt werden?
Das ist eine der größten Fragen überhaupt. Diese Sicherheit kann die KI, so wie sie heute gebaut ist, gar nicht gewährleisten. Eine 100-prozentig zuverlässige Künstliche Intelligenz, so wie es sich Europa wünscht, kann es aufgrund der statistischen Arbeitsweise von diesen Modellen gar nicht geben. Da ist immer noch eine Fehlerquote drin. Aber dass wir die 100-Prozent-Lösung in allen Systemen, zu allen Zeiten – vor allem bei allen kritischen Systemen – in den nächsten anderthalb Jahren hinbekommen, ist nicht abzusehen.
Wenn man das autonome Fahren als Beispiel nimmt, war für die Amerikaner schnell klar: Wenn das Auto besser fährt als der Mensch, ist das gut genug. Genau das ist die Frage, die sich uns stellt: Was ist für uns gut genug? Bei mancher kritischen Infrastruktur werden wir sehr nah an die 100 Prozent heranmüssen und wahrscheinlich noch sehr viel Mensch mit im Kreislauf lassen müssen.
Das heißt, wir brauchen sehr viele Menschen, die die Maschinen beobachten, und sehr viel Maschine, die auch den Menschen beobachtet, um Fehler auszumerzen. Und die Frage ist: Kann die Maschine helfen, diese Fehler zu beseitigen? Dann hat sie absolut eine Berechtigung, da zu sein.
Interessant wird es natürlich bei Cyberattacken, die über die Landesgrenzen hinausgehen. Da besteht eine tatsächliche Gefahr. Dieselben Leute, die die Cyberattacken mit KI kontrollieren und ansetzen, müssen uns auch in der Verteidigung vor Cyberattacken schützen. Wer da gewinnt, ist noch völlig unklar. Aber es sind beide Seiten, die massiv aufrüsten.
Die KI hat sich in wenigen Jahren mit Riesensprüngen entwickelt. Können unsere Sicherheitsmechanismen mit diesem Tempo mithalten?
Ich glaube tatsächlich, dass das in den nächsten zwei bis fünf Jahren eine große Herausforderung wird. Da werden wir sicher sehr viele Betrugsfälle sehen. Sie [die KI] gewinnt Vertrauen schneller, als wir das jemals zuvor mit einer Technologie hatten.
Beim Internet war noch klar, dass wir uns einloggen und dann unsere Daten preisgeben. Bei KI ist das alles nicht mehr so sichtbar, was wir da eigentlich preisgeben. Und die größte Gefahr, die ich sehe, ist, dass Menschen nicht mitkommen zu verstehen, dass sie gerade mit einer Maschine interagieren – und deshalb nicht erkennen und sehr bewusst entscheiden, was sie ihr geben und was sie ihr nicht geben.
Wenn wir uns heute anschauen, was die Hauptnutzung von Chatbots wie ChatGPT und Co. ist – nämlich die Nutzung für ein persönliches Gespräch –, dann sind das die persönlichsten Daten überhaupt.
Wir vergessen zu schnell, dass wir eben nicht mit einem Menschen interagieren. Und ich glaube, wir brauchen eine große Bildungsoffensive, um Leuten das klarzumachen und sie genauso wie beim Internet vor diesen Fallen zu warnen. Und das müssen wir viel, viel schneller machen, als wir es beim Internet getan haben.
Ich sehe auch, dass die EU-Regulierung da schneller greifen muss, um diese Leitplanken aufzusetzen, damit Leute in bestimmten Fällen besser geschützt sein können, als sie es heute sind. Wenn wir zum Beispiel überlegen, dass generierte Texte ein Wasserzeichen oder eine Art Wasserzeichen enthalten sollten, das man nicht entfernen kann – solche Sachen halte ich für absolut wichtig.
Genauso, dass, wenn wir künstliche Filmschnipsel generieren, in denen aber echte Menschen auftauchen, es einen Mechanismus geben muss, an dem man erkennt, dass das KI-generiert ist. Also, das Labeling muss passieren.
Mehrere KI-Entwickler haben eingeräumt, dass ihre Modelle unbeabsichtigt in fremde Unternehmens-IT eingedrungen sind, ähnlich einem Hackerangriff. Wie können sich Privatanwender davor schützen, Opfer eines außer Kontrolle geratenen KI-Modells zu werden?
Das eine sind die großen Unternehmen, deren Agenten gerade abhauen. Es ist fast schon so, dass man das auf deren Seite als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten sieht, wenn die Agenten so gut sind, dass sie sogar ihre eigenen Systeme verlassen und Dinge tun, zu denen sie nicht angeleitet wurden. Und es ist auch kein Zufall, dass wir das erst bei Anthropic sehen und zwei Wochen später bei OpenAI dasselbe passiert. Denn im Grunde ist das eine Entwicklung, die fast schon gepusht wird, dass das jetzt passieren soll.
Die größte Gefahr besteht in völlig autonomen Agenten, die einfach selbst entscheiden, was sie tun. Das ist eine Entwicklung, die können wir uns in fast keinem Bereich leisten. Das Problem ist, wir selbst als Nutzer können das nicht steuern. Das muss entweder reguliert werden oder es muss von den Unternehmen selbst eingestellt werden. Da sehe ich im Moment im Silicon Valley noch nicht genug Druck, zu sagen, das stellen wir selbst ab. Es ist eher so, dass man die agentische Intelligenz so stark nach vorne bringen will, dass sie auch autonom funktioniert. Und das ist eine große Gefahr. Die sehe ich auch, aber die liegt leider nicht in der Hand der Nutzer.
Der Ruf nach gemeinsamen Standards für Kleinunternehmen im Umgang mit KI-Modellen wird lauter. Wie könnten solche Standards aussehen?
Wenn ich es noch mal mit dem Internet vergleichen würde: Wir haben jetzt die ersten Standards dafür gesetzt, wie Leute eine Website online stellen. Wir stehen noch ganz am Anfang. Das fühlt sich zwar so an, als würde das wahnsinnig schnell gehen, aber wir haben immer noch gar nichts gesehen.
Die Welt wird in fünf Jahren völlig anders aussehen, und es ist einfach heute nicht absehbar, was wir da eigentlich regulieren. Wir können versuchen, grundsätzliche Standards zu schaffen, so wie wir es bei Strom und Internet auch hinbekommen haben, damit zumindest die ganze Welt teilhaben kann und die Anwendung dieser Modelle auf möglichst viele Köpfe verteilt wird. Das ist aus meiner Sicht die größte Hoffnung, die wir haben.
Je mehr Leute sich beteiligen, desto mehr Leute schaffen Alternativen und finden gute Anwendungen. Die Gefahr ist, dass wir auch in diesen Bereichen wieder zu viele Monopolisten bekommen, die mit sehr wenigen Köpfen entscheiden, was die anderen machen müssen.
Wenn Maschinen immer mehr menschliche Fähigkeiten kopieren, der Mensch aber selbst zunehmend technologisch denken muss – geht dabei nicht auch ein Stück Menschsein verloren? Ist das ein Szenario?
Das ist ein Szenario. Und ich glaube auch, dass wir Menschen in den letzten 20 Jahren wahrscheinlich sehr dazu getrieben haben, sich eigentlich wie Maschinen zu benehmen. Und jetzt kommt der große Knall: Alle, die sich wie eine Maschine benehmen – vor allem in ihrer Arbeit, ihrem Erzeugnis, ihrem Wert in der Wertschöpfung –, werden durch eine Maschine ersetzt, die eben genau dasselbe kann.
Was wir im Gegenzug eigentlich brauchen, ist, dass wir als Menschen verstehen, was uns menschlich macht und was unsere Intelligenz auch völlig anders macht als die Intelligenz einer Maschine. Also unser kreatives Element, wirklich Neues zu schaffen, das Originelle zu entwickeln – das ist eine Fähigkeit, die der KI noch fehlt. Wir wissen nicht, ob sie da jemals hinkommt.
Wir sehen es zum Beispiel im Customer Service: Die ganzen Bots, die jetzt bei uns ans Telefon gehen, wissen Kunden nicht immer zu schätzen. Schafft man eine Hotelrezeption einfach ab, geht plötzlich die Loyalität der Gäste zurück, weil sie sich eigentlich das individuelle Gespräch mit der Person an der Rezeption wünschen.
Und was sehen wir daraus? Das ist eigentlich eine große Chance für uns. Nämlich dass alles, was kein Mensch für einen anderen Menschen macht, die Maschine abnimmt – und was übrig bleibt, sind eben die Fertigkeiten, für die Menschen eigentlich gemacht sind: zu interagieren, kollektiv zu denken, kollektive Intelligenz zu bauen, Ideen weiterzuentwickeln.
Deswegen haben wir ja Unternehmen, die nicht nur aus Einzelpersonen und 25 Agenten bestehen. Das ist sehr, sehr selten passiert und nur in ganz kleinen Nischen, und es kann nicht das Modell für viele Leute und viele Unternehmen werden. Das ist unrealistisch, weil wir als Menschen immer noch etwas an den Tisch bringen: Einzigartigkeit.
Wir haben einzigartige Lernerfahrungen, einzigartige Informationen über die Welt, die erst wertvoll werden, wenn wir sie mit anderen Leuten teilen, die diese Informationen nicht haben. Und das macht die Maschine nicht. Das heißt, aus Menschen das herauszuholen, was uns einzigartig und wertvoll macht – das wird die große Aufgabe der nächsten Jahre sein.