Der Stich von Hans Sebald Beham zeigt Herakles bei seiner letzten Aufgabe: der Beschaffung des Höllenhundes Kerberos. - Foto: gemeinfrei
In Kürze:
Der Tod ist für viele Menschen einer der gefürchtetsten Dinge überhaupt.
Mit seiner erfolgreichen Reise in die Unterwelt und zurück zeigt der griechische Held Herakles jedoch, dass wahrer Mut und eine gute Seele stärker als die Dunkelheit sein kann.
Ähnlich wie Jesus und Tolkiens Hobbit Bilbo erlangt er nicht nur Bekanntheit, sondern auch Erkenntnis und Weisheit.
Wir sind nun bei der zwölften und letzten Aufgabe des Herakles angelangt. Mit ihr erreicht der gesamte Zyklus seinen dunkelsten und gefährlichsten Punkt. Doch der griechische Held wurde mit den früheren Aufgaben ideal darauf vorbereitet. Alles zu den vorhergehenden elf Aufgaben und was Herakles aus ihnen lernte, finden Sie hier.
Er hat Sümpfe, Berge, Wüsten, fremde Königreiche, den Rand der bekannten Welt und den Garten der Unsterblichkeit bereist. Doch nun muss er noch weiter gehen. Seine finale Prüfung besteht nicht darin, sich einem Ungeheuer in der Welt zu stellen oder ein heiliges Objekt aus deren Randgebieten zurückzuholen. Er muss in den Hades selbst hinabsteigen und Kerberos, den Höllenhund, in das Reich der Lebenden bringen.
Die ultimative Grenze
Deshalb ist die zwölfte Aufgabe so entscheidend. Sie ist nicht bloß ein weiteres Abenteuer, sondern der logische Höhepunkt all dessen, was ihr vorausging. Der Held muss sich nun einem Ungeheuer vor den Toren der Unterwelt und damit buchstäblich dem Tod selbst stellen.
In den Hades einzutreten und zurückzukehren, klingt bereits fast unmöglich. Doch seinen Wächter herauszuholen, ist noch außergewöhnlicher. Seit Zeus den Kosmos ordnete, war die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten eines seiner unantastbaren Gesetze gewesen. Herakles’ Erfolg verleiht ihm daher die Aura einesjenigen, der das Unmögliche vollbringt.
Kerberos, der dreiköpfige Hund des Hades, ist kein gewöhnlicher Wachhund. Er ist das Wesen, das den Zutritt zur Unterwelt gewährt, aber eine Flucht verhindert. Mit anderen Worten: Er setzt das endgültige Gesetz der sterblichen Existenz durch. Jeder darf in den Tod eintreten, doch niemand darf ihn verlassen.
Marmorstatue von Gott Hades mit seinem dreiköpfigen Hund Kerberos.
Noch etwas verleiht der Aufgabe eine besondere Schwere. Von Herakles wird nicht verlangt, Kerberos zu töten. Er soll auch nicht den Hades vernichten oder die Unterwelt umstürzen. Ihm wird befohlen, das Reich zu betreten, aus dem kein Lebender zurückkehren soll, dessen Wächter zu bezwingen und diesen vorübergehend ins Licht zu bringen.
Ringen mit dem Tod
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass es sich hierbei nicht um eine Rebellion gegen den Tod im eigentlichen Sinne handelt. Herakles darf nicht den Tod selbst vernichten. Er muss sich der tiefsten Grenze des menschlichen Lebens stellen, ohne die Struktur des Kosmos zu zerstören.
Tatsächlich gestattet der gleichnamige Totengott Hades selbst diesen Versuch. Allerdings stellt er eine Bedingung: Herakles muss Kerberos ohne Waffen bezwingen. Das ist entscheidend, denn es bedeutet, dass die Befreiung der Seele nicht von irgendeiner Technologie, einem Instrument oder einer äußeren Macht abhängt.
Während all seiner Aufgaben spielten Herakles’ Waffen eine wichtige Rolle. Sein Bogen und seine vergifteten Pfeile, seine Keule – sie ermöglichten ihm zahlreiche Siege. Ohne diese üblichen Mittel muss der Held den Wächter der Toten allein durch die Kraft seiner Seele bezwingen. Dies ist die endgültige Läuterung des Heldentums. Damit ist die Aufgabe nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger Natur.
„Herkules und Cerberus“ von dem flämischen Maler Peter Paul Rubens (1577–1640).
Symbolisch gehört diese Aufgabe zum Tierkreiszeichen Fische, das mit Auflösung, Opfer, Mitgefühl und dem Überschreiten von Grenzen verbunden ist. Die Fische sind Wasser in seiner geheimnisvollsten Form: das weite ozeanische Reich, in dem sich Formen auflösen und die Seele sich dem nähert, was jenseits der gewöhnlichen Identität liegt. Es ist das Zeichen des Endes, aber auch der Transzendenz.
Seine beiden, in entgegengesetzte Richtungen schwimmenden Fische, deuten auf das letzte Paradoxon des Zyklus hin: Abstieg und Aufstieg, Tod und Rückkehr, Auflösung und Erneuerung.
Es ist auch bemerkenswert, dass der Fisch zum Symbol der frühen Christen wurde. Ihre zentrale Person – Jesus Christus – stieg ebenfalls in den Tod und, in der Sprache des Glaubensbekenntnisses, in die Hölle selbst hinab. In der christlichen Tradition wird dies zur „Höllenfahrt“: der Sieg des Lebens, das in das Reich des Todes eintritt.
Die zwölfte Aufgabe von Herakles ist mit dem Wasserzeichen Fische verbunden.
Wie passend also, dass die 12. Aufgabe den Abstieg in die Unterwelt beinhaltet. Der gesamte Zyklus der Aufgaben hat sich von der Durchsetzung zur Hingabe, von der Kraft zur Weisheit, von der Eroberung zum Übergang bewegt. Es begann im Zeichen des Löwen mit heldenhaftem Mut und endet im Zeichen der Fische mit Kerberos und der Begegnung des Todes. Dazwischen steht die gesamte Erziehung der Seele.
Deshalb ist die Symbolik der Fische so treffend. Wasser steht seit jeher für Tiefe, Gefühl, Auflösung, Geheimnis und die verborgenen Strömungen des Innenlebens. Traditionell liegt das tiefste Leben der Seele nicht im Kalkül oder im Kopf, sondern im Herzen – dem Sitz von Mut, Trauer, Mitgefühl und Liebe.
Wenn der Zyklus also sein Ende erreicht, wird Herakles nicht nur in seiner Kraft oder seinem Verstand auf die Probe gestellt, sondern in den Tiefen seines Herzens. Er muss das Reich betreten, in dem sich alle menschlichen Abwehrmechanismen auflösen und in dem nur der tiefste Mut der Seele Bestand haben kann.
Reich der Wahrheit
Der Mythos erzählt uns auch, dass Herakles vor seinem Abstieg in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht wird. Dieses Detail lässt sich leicht übersehen, ist aber von tiefgreifender Bedeutung.
Die Mysterien befassten sich mit Tod, Wiedergeburt und der Hoffnung, dass die Existenz nicht durch den Verfall des Sterblichen erschöpft sei. Herakles kann den Hades nicht einfach als roher Abenteurer betreten. Er muss rituell und spirituell auf die Begegnung vorbereitet werden.
Und wir sollten das hier eingebettete weibliche Lebensprinzip nicht übersehen. Einerseits unternimmt Herakles die Aufgaben wegen der Feindschaft von Göttermutter Hera. Andererseits wird sein Eintritt in den Hades durch die Demeter und Persephone geweihten Mysterien vorbereitet.
Darstellung der Eleusinischen Mysterien auf einer Votivtafel aus Eleusis, Griechenland,
Persephone, die Königin der Unterwelt, ist nicht bloß die Gattin des Hades, sondern die Göttin der Rückkehr, der jahreszeitlichen Erneuerung und des aus der Dunkelheit hervorgehenden Lebens. Herakles’ Initiation stellt ihn daher nicht nur unter das Zeichen des Todes, sondern auch unter das der möglichen Wiedergeburt.
Auch dies unterscheidet die letzte Aufgabe von den früheren. Kraft mag einen Menschen durch viele Gefahren bringen, doch sie allein kann ihn nicht auf den Tod vorbereiten. Dazu ist eine Bewusstseinsveränderung erforderlich, eine Läuterung des Blicks und die Erkenntnis, dass die Unterwelt nicht bloß ein Ort des Grauens ist, sondern ein Reich tiefer Wahrheit.
Die Schatten der Unterwelt
Als Herakles den Hades betritt, begegnet er somit nicht nur der Dunkelheit, sondern auch Erinnerungen, Leid und den ungelösten Lasten des menschlichen Lebens. In einigen Überlieferungen trifft er die Schatten der Toten, darunter auch Figuren aus anderen Mythen.
Er rettet den in der Unterwelt gefangenen Theseus, nachdem dieser törichterweise versucht hatte, Persephone zu entführen. Der Kontrast ist aufschlussreich. Theseus steigt aus Überheblichkeit hinab – Herakles auf Befehl mit Erlaubnis, Disziplin und Zielstrebigkeit. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Eindringen in die Unterwelt und dem rechtmäßigen Betreten derselben.
Künstlerische Darstellung des Königspaares der Unterwelt: der Totengott Hades (l.), die Fruchtbarkeitsgöttin Persephone (r.) und der dreiköpfige Wachhund Kerberos (u.).
Dies ist eine weitere zentrale Lehre dieser Aufgabe. Herakles stürmt den Hades nicht als Eindringling. Er stürzt den König nicht. Er respektiert die Ordnung des Ortes, auch wenn er vorübergehend dessen Grenze überschreitet. Seine Größe liegt nicht darin, die kosmische Struktur zu durchbrechen, sondern sich durch sie hindurchzubewegen. Wieder einmal zerstört der Sohn des Zeus die Ordnung nicht, sondern erfüllt sie.
Vielleicht noch bedeutender ist, dass er Meleager begegnet, einem der wenigen Schatten, die nicht vor ihm fliehen. Meleager ist unter tragischen Umständen gestorben, und seine Geschichte rührt Herakles zu Tränen. Es ist einer der seltenen Momente in der mythischen Überlieferung, in denen die Trauer des Helden so offen zum Ausdruck kommt. Ihre Begegnung hat Konsequenzen – dazu später mehr.
Anerkennung und Disziplin bringen Wohlwollen
Nun tritt Herakles vor Hades und Persephone und bittet den Gott der Unterwelt um Erlaubnis, Kerberos vorübergehend in die Oberwelt mitnehmen zu dürfen. Damit erkennt Herakles die gesetzmäßige Struktur des Kosmos an. Zeus herrscht über den Himmel; Poseidon über das Meer; Hades über die Toten. Jedes Reich hat seine eigene Grenze, und selbst der größte aller Helden muss diese anerkennen.
Hier vermittelt uns der Mythos etwas ganz anderes als der berühmte Abstieg des Orpheus. Orpheus bewegt die Herrscher der Toten durch Schönheit, Musik und Trauer. Sein Gesang mildert die Unterwelt. Herakles singt nicht. Er überzeugt nicht durch Kunst. Seine Vorgehensweise ist eine andere: Einweihung, Mut, Disziplin und rechtmäßige Bitte.
Dennoch ist die Begegnung nicht ohne Wunder. In einer Version des Mythos empfängt Persephone Herakles „wie einen Bruder“. Dieser Satz ist durchaus bemerkenswert, wenn man darüber nachdenkt.
Der Meistersänger Orpheus (l.) begab sich in die Unterwelt, um seine geliebte Frau Eurydike (r.) zurück in das Reich der Lebenden zu holen.
Im Reich des Todes, wo alle gewöhnlichen menschlichen Bindungen aufgelöst sind, wird der Held nicht als Eindringling, sondern fast wie ein Verwandter empfangen. Das ist sicherlich mehr als bloße Höflichkeit. Der Held wurde durch die eleusinischen Mysterien vorbereitet, und nun erkennt Persephone in ihm jemanden, der das Reich zu Recht betreten hat.
Dabei nimmt sie in unterschiedlichen Versionen des Mythos verschiedene Rollen ein. In einer greift Persephone ein und bittet darum, den Hirten des Hades namens Menoetes zu verschonen, mit dem Herakles ringt und ihm die Rippen bricht. Nach einer anderen ist es der Gunst Persephones zu verdanken, dass Herakles den gefesselten Kerberos in Empfang nimmt und ihn ans Tageslicht bringt.
So kehrt das weibliche Prinzip im entscheidenden Moment zurück. Die Feindschaft der Hera, der Königin des Himmels, trieb Herakles in die Aufgaben. Das Wohlwollen von Persephone, der Königin der Unterwelt, ermöglicht es ihm, sie zu vollenden.
Dies ist eine der großen Symmetrien der Geschichte. Am Anfang widersetzt sich ihm eine Göttin. Am Ende nimmt ihn eine Göttin auf. Eine Königin treibt ihn ins Leid; eine andere Königin ermöglicht seine Rückkehr und Befreiung vom Leid. Die Unterwelt ist also nicht einfach nur ein Ort des Grauens. Sie ist auch der Ort, an dem Urteil, Barmherzigkeit, Erinnerung und verborgene Verwandtschaft offenbart werden.
Nicht alle Ängste sind echt
Während seiner Reise durch die Unterwelt wird Herakles von Hermes und Athene unterstützt oder geführt. Auch dies ist von Bedeutung. Hermes ist der Seelenführer, der Gott, der sich zwischen den Welten bewegt und Grenzen überschreitet, die andere nicht überschreiten können.
Athene steht für Weisheit, Klarheit und göttliche Strategie. Ihre Anwesenheit deutet darauf hin, dass der Abstieg in den Tod sowohl Führung als auch Weisheit erfordert. Mut allein reicht nicht aus. Man muss wissen, wie man hinüberkommt und wie man sich nicht verirrt.
Eine Version besitzt ein weiteres, aufschlussreiches Detail. Als Herakles im Hades die Gorgone Medusa erblickt, zieht er sein Schwert. Doch Hermes erklärt ihm, dass sie nur ein leeres Phantom sei.
Die Gorgone Medusa, gemalt von Caravaggio (1571–1610).
Selbst in der Unterwelt muss der Held also echte Gefahr von schemenhafter Angst unterscheiden. Nicht jeder Schrecken, der vor uns erscheint, hat Substanz. Manche sind nur Phantome des Geistes. Anderen, wie Kerberos, muss man sich tatsächlich stellen.
Das besiegte Böse im Dienst des Guten
Und nun steht Herakles vor dem monströsen Kerberos mit seinen drei Köpfen, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen und damit für die Zeit selbst, die alles verschlingt. Doch Kerberos ist mehr als nur ein Symbol. Er ist die knurrende, gefräßige Realität des Todes.
Herakles packt ihn. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der gesamten Mythologie: Der Held, gehüllt in sein magisches Löwenfell, ringt mit bloßen Händen gegen den Höllenhund. Hier bilden die erste und die letzte Aufgabe einen Kreis. Das Löwenfell, das er zu Beginn des Zyklus errungen hat, schützt ihn am Ende.
Anders als hier dargestellt, durfte Herakles keine Waffen einsetzen, um den Höllenhund Kerberos zu bezwingen.
Und das ist besonders passend, da Kerberos, die Hydra und der Nemeische Löwe alle in der einen oder anderen Form zur selben monströsen Familie von Typhon und Echidna gehören – dem Geschlecht des Chaos.
So wird ein besiegtes Ungeheuer zum Schutz vor einem anderen. Das Böse, einmal bezwungen, wird in den Dienst des Guten gestellt. Der Mut, mit dem die Reise begann, wird zur Rüstung, durch die Herakles ihren Höhepunkt überlebt. Nichts, was wirklich gelernt wurde, ist verschwendet, denn frühere Siege werden zu späteren Schutzmaßnahmen.
Konfrontation mit dem Tod
Dennoch ist der Kampf schrecklich – Kerberos beißt wild zu. Dieser Punkt ist bedeutend, denn Herakles ist nicht immun gegen die Gewalt des Todes, nur weil er ein Held ist. Er leidet unter der Begegnung und wird verwundet. Der Held überlebt nicht, indem er so tut, als sei der Tod harmlos, sondern indem er aushält und sich ihm nicht ergibt. Das ist vielleicht die tiefste Lehre dieser Szene.
Mut ist keine Unverwundbarkeit. Er ist die Fähigkeit, präsent zu bleiben, wenn das, was wir am meisten fürchten, seine Zähne in uns versenkt. Schließlich bezwingt Herakles Kerberos und zerrt ihn nach oben in das Reich der Lebenden. Für einen Moment wird der Tod – unsere ultimative Dunkelheit – ins Licht gebracht.
Die Wirkung auf König Eurystheus ist fast komisch, aber auch tiefgründig. Der König, der sich die unmöglichen Aufgaben ausgedacht hatte, um Herakles zu vernichten, kann den Anblick ihrer Erfüllung nicht ertragen und versteckt sich. Der Mann, der den Abstieg befohlen hat, kann die Rückkehr nicht ertragen. Das ist eine der Ironien der Aufgaben: Diejenigen, die beiläufig die Konfrontation mit den ultimativen Realitäten fordern, sind oft selbst nicht in der Lage, sich diesen Realitäten zu stellen.
Aus Angst vor Kerberos sprang König Eurystheus in ein riesiges Gefäß und versteckte sich darin.
Herakles hingegen hat direkt in die Unterwelt geblickt und ist zurückgekehrt. Doch er behält Kerberos nicht: Herakles bringt den Hund zurück zum Hades. Der Tod ist nicht abgeschafft. Die Grenze bleibt bestehen und der Kosmos nicht auf den Kopf gestellt. Kerberos nimmt seine eigentliche Funktion als Wächter der Toten wieder auf. Und doch hat sich alles verändert.
Obwohl der Tod Tod bleibt, hat Herakles gezeigt, dass man ihm ins Auge sehen kann. Er hat die Sterblichkeit nicht zerstört, aber er hat ihr den absoluten Schrecken genommen. Er ist in den Ort eingetreten, von dem niemand zurückkehren soll, und ist wieder hervorgegangen – nicht unversehrt, aber unbesiegt.
Lehre des Lebens
Und so verhält es sich auch mit uns. Der Mensch kann dem Tod weder durch Kraft noch durch Technologie, Reichtum oder Ansehen entkommen. Nackt kommen wir auf die Welt, wie Hiob sagt, und nackt müssen wir sie wieder verlassen.
Doch die Tatsache des Todes muss das Leben nicht zwangsläufig sinnlos machen. Im Gegenteil: Richtig verstanden, verleiht der Tod dem Leben Dringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Gestalt. Er stellt die Frage, welche Art von Seele wir formen, bevor wir die letzte Schwelle überschreiten.
Deshalb rundet die letzte Aufgabe den gesamten Herakles-Zyklus so perfekt ab. Die erste Aufgabe, der Nemeische Löwe, lehrte Herakles, sich der Angst zu stellen und sie in Schutz zu verwandeln. Seine letzte Aufgabe lehrt, sich dem Tod zu stellen und mit tieferer Erkenntnis zurückzukehren. Dazwischen liegen sämtliche Formen der Unordnung: Chaos, Begierde, Wut, Verderben, gebrochenes Vertrauen und die Bürde des Durchhaltens. Jede Prüfung hat eine bestimmte Fähigkeit geschult und vereint sie in einer einzigen Prüfung.
Herakles nach der Vollendung seiner zwölf Aufgaben.
Auch der christliche Anklang sollte uns nicht entgehen, obwohl der Mythos griechisch bleibt. Herakles’ Abstieg in den Hades erinnert unweigerlich an das spätere christliche Bild von Christus, der in die Hölle hinabsteigt und sie besiegt.
Aber der Unterschied ist wichtig: Herakles erlöst nicht alle Seelen und besiegt den Tod nicht im christlichen Sinne. Doch das Muster ist aufschlussreich. Ein göttlicher Sohn steigt hinab in das Reich des Todes, stellt sich dessen Macht entgegen und kehrt ins Licht zurück. Der Mythos dringt hier in den Bereich der Theologie vor.
Wenn Mut den Tod überwindet
Kerberos kehrt in den Hades zurück. Herakles kehrt ins Leben zurück. Der Kosmos bleibt geordnet. Doch der Held hat sich verändert. Er hat die dunkelste Schwelle überschritten und entdeckt, dass die Seele, gestärkt durch Mut und geläutert durch Leiden, vor dem Tor des Todes nicht zusammenbrechen muss. Er hat die Entwicklung der Seele von roher Kraft hin zu geistigem Mut vollzogen.
Gleichzeitig ist diese letzte Aufgabe für Herakles ein Vorbote seines eigenen Schicksals. Er wird nicht bloß ein Held großer Taten bleiben. Zurück in der Oberwelt löst er das Versprechen ein, das er Meleager im Hades gab: dessen Schwester Deianira zu heiraten.
Doch die in der Unterwelt gewählte Frau wird später zur Verursacherin von Herakles’ Tod werden, indem sie ihm unwissentlich ein vergiftetes Hemd reicht. Der Held, den letztlich kein Ungeheuer und kein Mensch besiegen kann, wird durch die Täuschung, die aus dem vergifteten Erbe seiner eigenen vergangenen Gewalt herrührt, zu Fall gebracht. Sein Vater Zeus erhebt ihn zu sich auf den Olymp und macht ihn unsterblich.
Das Hemd, das ihm seine Frau Deianira auf Raten des Kentauren Nessos überreichte, war mit dem Gift der Hydra eingerieben. Ohne es zu wissen, tötete sie damit ihren Herakles.
Der endgültige Sieg ist also weder Besitz noch Herrschaft oder gar Flucht. Es ist die Rückkehr – die Rückkehr des Helden, der die Dunkelheit gesehen, die Ordnung des Kosmos geehrt und die Erkenntnis erlangt hat, dass der Tod zwar real ist, aber nicht über den Mut herrscht. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Muster bis heute so aktuell bleibt.
J. R. R. Tolkien hat es in Bilbos großem Abenteuer perfekt auf den Punkt gebracht: „Hin und zurück“. Der Held muss die vertraute Welt verlassen, durch die Dunkelheit gehen und verändert zurückkehren – und dabei nicht nur das Überleben, sondern auch Weisheit mitbringen.
Die Fallzahlen bei Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen sind im Jahr 2025 in vielen Bereichen gestiegen. Dabei werden immer mehr Delikte online begangen, erklärten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), BKA-Chef Holger Münch sowie die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM), Kerstin Claus bei der Vorstellung des Bundeslag…
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft München sind in Rumänien Verdächtige festgenommen worden, die in Deutschland einen Menschen zu einer Nierenspende gezwungen haben sollen. - Foto: Matthias Balk/dpa
In Rumänien sind ein Mann und eine Frau festgenommen worden, die einen anderen Mann dazu gezwungen haben sollen, in Deutschland seine Niere zu Transplantationszwecken zu spenden.
Wie die für organisiertes Verbrechen zuständige Staatsanwaltschaft DIICOT in Bukarest mitteilte, wurde damit ein europäischer Haftbefehl auf Antrag aus München vollstreckt.
Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in München bestätigte die Festnahmen auf Anfrage der dpa und kündigte an, die Auslieferung zu beantragen. Ein Haftrichter im westrumänischen Timisoara (Temesvar) solle nun über die Auslieferung der festgenommenen Rumänen nach Deutschland entscheiden.
Die Festgenommenen seien „herausragende Mitglieder“ einer „verbrecherischen Gruppe“ in Timisoara, berichtete DIICOT. Der Vorwurf laute auf „schwerer Menschenhandel zum Zwecke der Organentnahme“. Rumänischen Medienberichten zufolge handelt es sich um ein Ehepaar.
Opfer wurde mit Drohung gegen seine Eltern erpresst
Der festgenommene Mann habe wegen eines schweren Nierenleidens ein Spenderorgan benötigt und zusammen mit der Frau das ebenfalls aus Rumänien stammende Opfer dazu gezwungen, einer Spende seiner Niere zuzustimmen – erpresst mit der Drohung, dass seine Eltern in Rumänien getötet werden könnten, berichtete DIICOT.
Das Opfer sei in einer Wohnung in München festgehalten worden. Die Verdächtigen hätten ihm seine Ausweise weggenommen und jeden Kontakt zu dessen Familie verhindert.
Zudem habe das Opfer für die Verdächtigen unbezahlt arbeiten sowie Auto-Kaufverträge unterschreiben müssen. Zur Nierenspende sei es in einer deutschen Klinik gekommen. Das Opfer habe dabei wahrheitswidrig angegeben, ein Neffe des Verdächtigen zu sein.
Die Verdächtigen wurden nun in der südwestrumänischen Kleinstadt Caransebes gefasst. Bereits im März dieses Jahres hatten rumänische Ermittler im nahegelegenen Timisoara Hausdurchsuchungen vorgenommen, wo die Gruppe mehrere Immobilien besitzt.
Zeitgleich fanden hierzu auch in München Hausdurchsuchungen statt, wie die Staatsanwaltschaft in der bayerischen Landeshauptstadt bestätigte. (dpa/red)
Die Polizei sucht weiter dringend nach Fotos und Videos von Zeugen. Der 45-jährige Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft. (Archivbild) - Foto: Ibrahim OT / AFP via Getty Images
Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen von Stade hat eine extra eingerichtete Mordkommission die Ermittlungen zum Tatgeschehen mit sechs Opfern übernommen. Ausgewertet werden vor allem Hinweise aus der Bevölkerung.
Die Polizei bittet Zeugen weiter um Fotos und Videos, die etwas zur Aufklärung der Schüsse in der Jugendhilfeeinrichtung am Montag beitragen können. Unterdessen ist der Tatverdächtige in Untersuchungshaft gekommen.
Die Staatsanwaltschaft bewertet die Taten aufgrund des Vorliegens von Mordmerkmalen, insbesondere Heimtücke und niederen Beweggründen, als sechsfachen Mord. Der Tatverdächtige mit türkischer Staatsangehörigkeit hatte demnach einen Termin bezüglich des Sorgerechts für seine drei Monate alte Tochter.
In dem Sorgerechtsstreit entscheidet demnächst das Oberlandesgericht (OLG) Celle. Beide Elternteile hätten Beschwerde gegen ein familiengerichtliches Eilverfahren vom Amtsgericht Neustadt am Rübenberge eingelegt, bestätigte eine Sprecherin des OLG.
Das Amtsgericht hatte angeordnet, dass die Kindsmutter und die Tochter gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Zudem bestätigte das Amtsgericht in seiner Entscheidung, dass den Eltern die Gesundheitssorge entzogen bleibt. Das Gespräch mit den Eltern im Rahmen der Jugendhilfe habe nicht auf Anordnung oder Veranlassung der Gerichte stattgefunden, hieß es weiter.
Dass ein Hilfeplangespräch wie in Stade in der Einrichtung und nicht auf einer Polizeiwache oder bei einem Gericht stattfindet, ist laut niedersächsischem Sozialministerium gängig.
„Es gab vereinzelt Fälle in der Vergangenheit, wo auch die Polizei dazugeholt wurde von der Kommune, vom Jugendamt, wenn die Gefahrenlage so eingeschätzt wurde, dass das nötig ist“, sagte Ministeriumssprecherin Lea Karrasch. Dies sei hier nicht der Fall gewesen.
Wenn es beim Jugendamt Kenntnisse über Gefährdungen gebe, dann werde das natürlich berücksichtigt und es gebe Ratgeber dafür, sagte Karrasch. „Ob es darüber hinaus noch weitere Vorgaben geben muss über Sicherheitsvorkehrungen, darüber wird auf jeden Fall zu sprechen sein.“ In welcher Form und in welchem Ausmaß, ließe sich zu diesem Zeitpunkt aber nicht sagen.
Andacht für die Opfer in Hannover
Unter den sechs Toten sind drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover und drei der Jugendhilfeeinrichtung der Hansestadt. Für die Opfer fand am Dienstag eine Andacht in Stade statt, der Andrang von Angehörigen, Kollegen und Feuerwehrleuten war riesig. Für Mittwoch, den 1. Juli war zudem in der Marktkirche Hannover ein Gedenken für die drei Mitarbeiter der Jugendhilfe der Region geplant.
Mit Gebeten, Texten und Musik soll ein Zeichen der Verbundenheit gesetzt werden, auch für alle Mitarbeitenden der Jugendämter.
In Bezug auf die beiden tatverdächtigen Frauen hat die Staatsanwaltschaft keinen Antrag auf Untersuchungshaft gestellt. Sowohl die 34 Jahre alte Mutter der gemeinsamen Tochter als auch die Begleiterin des 45-Jährigen mutmaßlichen Täters sind aus dem polizeilichen Gewahrsam entlassen worden. Nach der Schließung der betroffenen Mutter-Kind-Gruppe sind die 34-Jährige und ihr Baby anderweitig untergebracht worden, wie das Sozialministerium mitteilte.
Arbeit mit erhöhtem Risiko von verbaler und physischer Gewalt
Die Mitarbeiter von sozialen Einrichtungen stehen oft unter Druck, aber ist ein größerer Schutz möglich? Wenn es um Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung gehe, seien die Beschäftigten in solchen Einrichtungen einem erhöhten Risiko von verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Doreen Siebernik.
„Sie erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn verwurzelt sind“, beschreibt sie.
Zum Schutz der Einrichtungen bedarf es aus Sicht der GEW eines funktionierenden Systems von Jugendamt, Polizei und Trägern. Siebernik benennt aber offen das „Dilemma“ dabei. „Einerseits müssen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und das Leben der Angestellten schützen.
Andererseits leben soziale Arbeit und Jugendhilfe von Vertrauen und Zugänglichkeit“, sagt sie. Sollten die Orte zu „Festungen“ mit Sicherheitsschleusen mit bewachten Eingängen ausgebaut werden, könne dies die Hemmschwelle für Hilfesuchende vergrößern. (dpa/red)
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Neues AfD-Gutachten
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat ein neues Gutachten zur AfD veröffentlicht. Ihr Befund: Die Partei sei verfassungswidrig. Laut Analyse möchte die AfD ihre politischen Gegner strafrechtlich verfolgen. Zudem gehe es der Partei um Ausgrenzung und rechtliche Abwertung von Migranten und anderer gesellschaftlicher Gruppen. Ein AfD-Verbotsverfahren könne laut dem Verein erfolgreich sein.
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Proteste gegen Parteitag
Linke Bündnisse, Kirchen und Politiker haben zu Protesten gegen den AfD-Parteitag aufgerufen. Dieser soll am ersten Juliwochenende in Erfurt stattfinden. Laut Polizeianalysen sei mit 50.000 Gegendemonstranten zu rechnen, darunter bis zu 2.500 Linksextremisten.Thüringens Innenminister Georg Maier stellt klar, dass Blockaden des Parteitags nicht von der Versammlungsfreiheit gedeckt seien.
Es gibt erste Zahlen zur neuen Wehrerfassung der Bundeswehr: Rund 300.000 Fragebögen wurden verschickt. Sie führten zu 1.500 Musterungen und rund 600 weiteren Terminen. 530 Freiwillige meldeten sich auf diesem Weg zum Wehrdienst. Auch die klassische Rekrutierung legte zu. Die Armee verzeichnet fast ein Viertel mehr Interessenten als im Vorjahreszeitraum.
An der Börse sinken die Ölpreise. Ein Fass Öl der Sorte Brent für Lieferung im August kostet aktuell weniger als 64 Euro – und damit weniger als vor Beginn des Irankriegs. Grund dafür ist, dass immer mehr Schiffe die Straße von Hormus durchqueren können. An deutschen Tankstellen dürfte das vorerst noch nicht zu spüren sein, da die Lieferkette für Kraftstoffe komplex sind.
Venezuela ist am Mittwochabend von zwei heftigen Erdbeben erschüttert worden. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, der internationale Flughafen ist schwer beschädigt. Nach Angaben der venezolanischen Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez sind von der UN koordinierte Rettungsteams auf dem Weg. Hilfsorganisationen rechnen laut ersten Schätzungen mit bis zu 100.000 Opfern.
Die mutmaßliche Räuberbande wurde 2025 nahe der deutschen Grenze in Belgien festgenommen. (Archivbild) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Die Geiselnahme in einer Bank im rheinland-pfälzischen Sinzig ist nach Polizeiangaben ohne Verletzte beendet worden.
Die Polizei stürmte am Nachmittag die betroffene Bank sowie angrenzende Wohneinheiten.
Wie das Polizeipräsidium Koblenz mitteilte, durchsuchten Spezialkräfte das Gebäude nach möglichen Tätern. Dabei konnten zwei Personen unverletzt aus einem verschlossenen Raum befreit werden.
Die mutmaßlichen Täter hätten sich nicht mehr am Tatort befunden.
Nach derzeitigem Ermittlungsstand haben der oder die Täter die beiden Personen in einen Tresorraum eingeschlossen und sich anschließend auf bislang unbekanntem Weg vom Tatort entfernt.
Die Polizei sagte, der Schutz möglicher Opfer habe von Beginn an oberste Priorität gehabt.
Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Die Ermittlungen zu den flüchtigen Tätern dauern an.
Was wir wissen
Befreiung: Nach mehreren Stunden befreien Spezialkräfte der Polizei zwei Menschen aus einem verschlossenen Raum der Bank – von den Tätern fehlt jede Spur.
Alarmierung: Die Beamten wurden um 9.00 Uhr über den Vorfall informiert. Dabei handelte es sich laut Polizei um einen automatisierten Notruf, der bei Banken üblich sei. Der vor der Volksbank abgestellte Geldtransporter stand am Nachmittag noch da.
Opfer der Tat: Unter ihnen waren laut Polizei wohl keine Kunden. Bei einer Geisel handelte es sich um den Fahrer eines Geldtransporters, zur anderen Geisel machte die Polizei keine genauen Angaben.
Großaufgebot: Die Polizei und Rettungskräfte waren mit einem massiven Aufgebot vor Ort. Unter anderem waren Spezialkräfte und ein Verhandlungsteam der Polizei angerückt. Zu den mutmaßlichen Geiselnehmern bestand über die gesamte Zeit kein Kontakt.
Als Vorsichtsmaßnahme wurde vom DRK und vom Katastrophenschutz Ahrweiler eine Rettungsstation eingerichtet.
Keine Gefahr für Unbeteiligte: Für Bürgerinnen und Bürger, die sich außerhalb der Absperrung befinden, bestand keine Gefahr, auch nicht für Menschen, die in der Absperrung wohnten, sollten die Häuser nicht verlassen.
Für betroffene Anwohner, die nicht in ihre Wohnungen in der Sperrzone konnten, wurde eine Betreuungsstelle eingerichtet.
Ort: Sinzig liegt in Rheinland-Pfalz, etwa 26 Kilometer südlich von Bonn in Nordrhein-Westfalen.
Was wir nicht wissen
Täter: Unklar ist, wie viele es genau waren. Es gibt noch keine Personenbeschreibung und keine Angaben zu Geschlecht, Alter oder Nationalitäten.
Ablauf: Wie genau lief die Tat ab? Wann flüchteten die Täter? Die Polizei will nun erst einmal ermitteln und setzt auch auf die Aussagen der beiden Opfer
Beute: Es ist unklar, ob die Täter mit Geld flüchteten.
Tatvorwurf: Der genaue Vorwurf muss nun geklärt werden – war es eine vielleicht auch kurze Geiselnahme, ein Raub, ein Banküberfall oder eine Freiheitsberaubung? Das sollen die Ermittlungen zeigen.
Waren die beiden Opfer im Tresorraum eingesperrt? Das wollte die Polizei nicht dementieren, bestätigt es aber auch nicht. Unklar ist auch, wie genau es den Opfern geht.
Vorgehen der Polizei: Dazu machten die Beamten keine Angaben.
Waffen: Über welche Waffen verfügen die Geiselnehmer? Hierzu gibt es noch keine Informationen. (dpa/dts/afp/red)
Ein Markt in Peking war kürzlich Schauplatz einer Amokfahrt, die Todesopfer forderte. (Symbolbild) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
In Kürze:
Berichte über mögliche Zunahme von Gewaltvorfällen in China
Vorwürfe über eingeschränkte Informationsweitergabe und Kontrolle
Experten verweisen auf gesellschaftlichen und strukturellen Druck
In China soll die Zahl der Gewalttaten Berichten zufolge stark zugenommen haben. Personen aus dem inneren Sicherheitssystem berichten von einer Vielzahl von Messerattacken und Angriffen auf Fahrzeuge. Offizielle Stellen veröffentlichen jedoch nur einen Teil solcher Vorfälle. Kritiker gehen davon aus, dass dadurch nicht alle Ereignisse öffentlich bekannt werden.
Überwachung von Personen mit „extremen Tendenzen“
Von der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times befragte Personen wollten aus Angst vor möglichen Repressalien anonym bleiben und nannten lediglich ihre Nachnamen. Ihre Aussagen deuten darauf hin, dass es Unterschiede zwischen den tatsächlichen Vorfällen und den offiziellen Darstellungen geben könnte. Demnach soll Peking auf die Entwicklung mit verstärkter Informationskontrolle und ausgeweiteter Überwachung reagieren.
Die Sorge vor sogenannten „Rache gegen die Gesellschaft“-Angriffen – also Gewalttaten gegen zufällig ausgewählte Personen im öffentlichen Raum – habe laut diesen Angaben zugenommen. Ein Insider namens Wei sagte gegenüber der Epoch Times: „Nach intern verfügbaren Informationen kommt es auf dem chinesischen Festland regelmäßig zu Messerangriffen. Zudem gebe es weitere Vorfälle, über die nicht öffentlich berichtet werde.“
Demnach habe die Entwicklung auch innerhalb des politisch-rechtlichen Systems der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), das für Sicherheit und Strafverfolgung zuständig ist, Aufmerksamkeit ausgelöst. Berichten zufolge sollen zuständige Behörden interne Anweisungen herausgegeben und Untersuchungen eingeleitet haben.
Dabei sollen Behörden angewiesen worden sein, Personen zu identifizieren und zu beobachten, die als mögliche Sicherheitsrisiken gelten. Dazu zählen unter anderem Petenten, Personen, die in Konflikten mit Behörden stehen, sowie Menschen, denen „Ressentiments“ oder „extreme Tendenzen“ zugeschrieben werden.
Gleichzeitig soll die Kontrolle von Informationen verstärkt worden sein. Nach Angaben eines Insiders würden Behörden versuchen, Videos, Augenzeugenberichte und andere sensible Inhalte zu entfernen, bevor diese sich im Internet verbreiten oder auf ausländischen Plattformen erscheinen.
Tote und Verletzte bei Amokfahrten
Mehrere jüngere Vorfälle werden in diesen Berichten als Beispiele genannt. Diese würden laut Insidern ein wiederkehrendes Muster zeigen, wobei die öffentliche Informationslage teilweise begrenzt oder unterschiedlich sei.
Am 19. April kam es in der Stadt Shuitou im Verwaltungsgebiet Nan’an in der Provinz Fujian zu einem Vorfall, bei dem ein Auto in eine Menschenmenge fuhr. Laut Behörden wurden dabei zwei Menschen getötet und eine weitere Person verletzt. Der Fahrer wurde festgenommen.
In den sozialen Medien, insbesondere auf Weibo, berichteten Augenzeugen von abweichenden Angaben. Dort war teilweise von mindestens vier Todesopfern die Rede. Im Internet kursierten zudem Videos, die ein Fahrzeug zeigen sollen, das mit hoher Geschwindigkeit eine Kreuzung überquert, in den Gegenverkehr gerät, einen Straßenteiler durchbricht und mit mehreren Motorrädern kollidiert.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich am 29. März im Pekinger Bezirk Fangshan. Dort soll ein Mann mit einem Bulldozer auf einen belebten, ländlichen Markt gefahren und in eine Menschenmenge gerast sein. Eine offizielle öffentliche Mitteilung der Behörden dazu liegt nach Angaben von Anwohnern nicht vor.
Mehrere Einwohner berichteten dennoch von dem Vorfall auf dem Dahanji-Markt. In sozialen Medien kursierten unterschiedliche Angaben zu möglichen Opferzahlen, die zwischen mindestens sieben und 13 Todesopfern sowie rund einem Dutzend Verletzten schwankten. Entsprechende Inhalte sollen Nutzern zufolge später entfernt worden sein.
Messerangriffe in Shenzhen
Auch weitere Gewaltvorfälle werden in einzelnen Berichten erwähnt. Am 26. März soll es in den Shenzhener Bezirken Luohu und Longgang zu zwei Messerangriffen gekommen sein, bei denen mehrere Menschen getötet oder verletzt wurden. In einem der Fälle habe eine Frau nach Berichten zwei Personen getötet und drei weitere verletzt, darunter einen 14-Jährigen.
Ein pensionierter Beamter aus Shenzhen erklärte, die jüngsten Vorfälle hätten das politisch-rechtliche System der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unter Druck gesetzt. Höhere Behörden seien demnach der Ansicht, dass lokale Verwaltungen ihre Aufgaben nicht ausreichend erfüllt und zu langsam auf soziale Spannungen reagiert hätten.
Demnach seien lokale Behörden angewiesen worden, der Aufrechterhaltung der öffentlichen Stabilität Vorrang einzuräumen. Dazu gehörten auch strengere Kontrollen der Informationsweitergabe. Interne Anweisungen sollen darauf abzielen, die Verbreitung sensibler Inhalte im Ausland zu verhindern.
Ein in Europa lebender chinesischer Wissenschaftler namens Li äußerte die Einschätzung, dass die Gewalt Ausdruck eines längerfristigen gesellschaftlichen Drucks sei. Er verwies darauf, dass lokale Beamte im bestehenden System teilweise auf administrative oder wirtschaftliche Ziele fokussiert seien, während soziale Probleme weniger Beachtung fänden. Dies könne insbesondere in unteren sozialen Schichten zu wachsendem Druck führen und in Einzelfällen Gewalt begünstigen.
Li argumentierte zudem, dass solche Entwicklungen historische Parallelen hätten und einzelne Gewalttaten auf breitere gesellschaftliche Spannungen hinweisen könnten. Die aktuelle Reaktion der Behörden – verstärkte Überwachung und strengere Kontrolle von Informationen – trage seiner Einschätzung nach nicht zur Lösung der Ursachen bei.