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Was wir aus der Konfrontation mit dem Tod lernen können


In Kürze:

  • Der Tod ist für viele Menschen einer der gefürchtetsten Dinge überhaupt.
  • Mit seiner erfolgreichen Reise in die Unterwelt und zurück zeigt der griechische Held Herakles jedoch, dass wahrer Mut und eine gute Seele stärker als die Dunkelheit sein kann.
  • Ähnlich wie Jesus und Tolkiens Hobbit Bilbo erlangt er nicht nur Bekanntheit, sondern auch Erkenntnis und Weisheit.

 
Wir sind nun bei der zwölften und letzten Aufgabe des Herakles angelangt. Mit ihr erreicht der gesamte Zyklus seinen dunkelsten und gefährlichsten Punkt. Doch der griechische Held wurde mit den früheren Aufgaben ideal darauf vorbereitet. Alles zu den vorhergehenden elf Aufgaben und was Herakles aus ihnen lernte, finden Sie hier.
Er hat Sümpfe, Berge, Wüsten, fremde Königreiche, den Rand der bekannten Welt und den Garten der Unsterblichkeit bereist. Doch nun muss er noch weiter gehen. Seine finale Prüfung besteht nicht darin, sich einem Ungeheuer in der Welt zu stellen oder ein heiliges Objekt aus deren Randgebieten zurückzuholen. Er muss in den Hades selbst hinabsteigen und Kerberos, den Höllenhund, in das Reich der Lebenden bringen.

Die ultimative Grenze

Deshalb ist die zwölfte Aufgabe so entscheidend. Sie ist nicht bloß ein weiteres Abenteuer, sondern der logische Höhepunkt all dessen, was ihr vorausging. Der Held muss sich nun einem Ungeheuer vor den Toren der Unterwelt und damit buchstäblich dem Tod selbst stellen.
In den Hades einzutreten und zurückzukehren, klingt bereits fast unmöglich. Doch seinen Wächter herauszuholen, ist noch außergewöhnlicher. Seit Zeus den Kosmos ordnete, war die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten eines seiner unantastbaren Gesetze gewesen. Herakles’ Erfolg verleiht ihm daher die Aura einesjenigen, der das Unmögliche vollbringt.
Kerberos, der dreiköpfige Hund des Hades, ist kein gewöhnlicher Wachhund. Er ist das Wesen, das den Zutritt zur Unterwelt gewährt, aber eine Flucht verhindert. Mit anderen Worten: Er setzt das endgültige Gesetz der sterblichen Existenz durch. Jeder darf in den Tod eintreten, doch niemand darf ihn verlassen.

Marmorstatue von Gott Hades mit seinem dreiköpfigen Hund Kerberos.

Noch etwas verleiht der Aufgabe eine besondere Schwere. Von Herakles wird nicht verlangt, Kerberos zu töten. Er soll auch nicht den Hades vernichten oder die Unterwelt umstürzen. Ihm wird befohlen, das Reich zu betreten, aus dem kein Lebender zurückkehren soll, dessen Wächter zu bezwingen und diesen vorübergehend ins Licht zu bringen.

Ringen mit dem Tod

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass es sich hierbei nicht um eine Rebellion gegen den Tod im eigentlichen Sinne handelt. Herakles darf nicht den Tod selbst vernichten. Er muss sich der tiefsten Grenze des menschlichen Lebens stellen, ohne die Struktur des Kosmos zu zerstören.
Tatsächlich gestattet der gleichnamige Totengott Hades selbst diesen Versuch. Allerdings stellt er eine Bedingung: Herakles muss Kerberos ohne Waffen bezwingen. Das ist entscheidend, denn es bedeutet, dass die Befreiung der Seele nicht von irgendeiner Technologie, einem Instrument oder einer äußeren Macht abhängt.
Während all seiner Aufgaben spielten Herakles’ Waffen eine wichtige Rolle. Sein Bogen und seine vergifteten Pfeile, seine Keule – sie ermöglichten ihm zahlreiche Siege. Ohne diese üblichen Mittel muss der Held den Wächter der Toten allein durch die Kraft seiner Seele bezwingen. Dies ist die endgültige Läuterung des Heldentums. Damit ist die Aufgabe nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger Natur.
Herakles ringt mit dem Tod in Form des Höllenhundes Kerberos

„Herkules und Cerberus“ von dem flämischen Maler Peter Paul Rubens (1577–1640).

Hades, Fische und Jesus Christus

Symbolisch gehört diese Aufgabe zum Tierkreiszeichen Fische, das mit Auflösung, Opfer, Mitgefühl und dem Überschreiten von Grenzen verbunden ist. Die Fische sind Wasser in seiner geheimnisvollsten Form: das weite ozeanische Reich, in dem sich Formen auflösen und die Seele sich dem nähert, was jenseits der gewöhnlichen Identität liegt. Es ist das Zeichen des Endes, aber auch der Transzendenz.
Seine beiden, in entgegengesetzte Richtungen schwimmenden Fische, deuten auf das letzte Paradoxon des Zyklus hin: Abstieg und Aufstieg, Tod und Rückkehr, Auflösung und Erneuerung.
Es ist auch bemerkenswert, dass der Fisch zum Symbol der frühen Christen wurde. Ihre zentrale Person – Jesus Christus – stieg ebenfalls in den Tod und, in der Sprache des Glaubensbekenntnisses, in die Hölle selbst hinab. In der christlichen Tradition wird dies zur „Höllenfahrt“: der Sieg des Lebens, das in das Reich des Todes eintritt.

Die zwölfte Aufgabe von Herakles ist mit dem Wasserzeichen Fische verbunden.

Wie passend also, dass die 12. Aufgabe den Abstieg in die Unterwelt beinhaltet. Der gesamte Zyklus der Aufgaben hat sich von der Durchsetzung zur Hingabe, von der Kraft zur Weisheit, von der Eroberung zum Übergang bewegt. Es begann im Zeichen des Löwen mit heldenhaftem Mut und endet im Zeichen der Fische mit Kerberos und der Begegnung des Todes. Dazwischen steht die gesamte Erziehung der Seele.
Deshalb ist die Symbolik der Fische so treffend. Wasser steht seit jeher für Tiefe, Gefühl, Auflösung, Geheimnis und die verborgenen Strömungen des Innenlebens. Traditionell liegt das tiefste Leben der Seele nicht im Kalkül oder im Kopf, sondern im Herzen – dem Sitz von Mut, Trauer, Mitgefühl und Liebe.
Wenn der Zyklus also sein Ende erreicht, wird Herakles nicht nur in seiner Kraft oder seinem Verstand auf die Probe gestellt, sondern in den Tiefen seines Herzens. Er muss das Reich betreten, in dem sich alle menschlichen Abwehrmechanismen auflösen und in dem nur der tiefste Mut der Seele Bestand haben kann.

Reich der Wahrheit

Der Mythos erzählt uns auch, dass Herakles vor seinem Abstieg in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht wird. Dieses Detail lässt sich leicht übersehen, ist aber von tiefgreifender Bedeutung.
Die Mysterien befassten sich mit Tod, Wiedergeburt und der Hoffnung, dass die Existenz nicht durch den Verfall des Sterblichen erschöpft sei. Herakles kann den Hades nicht einfach als roher Abenteurer betreten. Er muss rituell und spirituell auf die Begegnung vorbereitet werden.
Und wir sollten das hier eingebettete weibliche Lebensprinzip nicht übersehen. Einerseits unternimmt Herakles die Aufgaben wegen der Feindschaft von Göttermutter Hera. Andererseits wird sein Eintritt in den Hades durch die Demeter und Persephone geweihten Mysterien vorbereitet.

Darstellung der Eleusinischen Mysterien auf einer Votivtafel aus Eleusis, Griechenland,

Persephone, die Königin der Unterwelt, ist nicht bloß die Gattin des Hades, sondern die Göttin der Rückkehr, der jahreszeitlichen Erneuerung und des aus der Dunkelheit hervorgehenden Lebens. Herakles’ Initiation stellt ihn daher nicht nur unter das Zeichen des Todes, sondern auch unter das der möglichen Wiedergeburt.
Auch dies unterscheidet die letzte Aufgabe von den früheren. Kraft mag einen Menschen durch viele Gefahren bringen, doch sie allein kann ihn nicht auf den Tod vorbereiten. Dazu ist eine Bewusstseinsveränderung erforderlich, eine Läuterung des Blicks und die Erkenntnis, dass die Unterwelt nicht bloß ein Ort des Grauens ist, sondern ein Reich tiefer Wahrheit.

Die Schatten der Unterwelt

Als Herakles den Hades betritt, begegnet er somit nicht nur der Dunkelheit, sondern auch Erinnerungen, Leid und den ungelösten Lasten des menschlichen Lebens. In einigen Überlieferungen trifft er die Schatten der Toten, darunter auch Figuren aus anderen Mythen.
Er rettet den in der Unterwelt gefangenen Theseus, nachdem dieser törichterweise versucht hatte, Persephone zu entführen. Der Kontrast ist aufschlussreich. Theseus steigt aus Überheblichkeit hinab – Herakles auf Befehl mit Erlaubnis, Disziplin und Zielstrebigkeit. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Eindringen in die Unterwelt und dem rechtmäßigen Betreten derselben.
Die Herrscher über den Tod und der Unterwelt: Hades und Persephone

Künstlerische Darstellung des Königspaares der Unterwelt: der Totengott Hades (l.), die Fruchtbarkeitsgöttin Persephone (r.) und der dreiköpfige Wachhund Kerberos (u.).

Dies ist eine weitere zentrale Lehre dieser Aufgabe. Herakles stürmt den Hades nicht als Eindringling. Er stürzt den König nicht. Er respektiert die Ordnung des Ortes, auch wenn er vorübergehend dessen Grenze überschreitet. Seine Größe liegt nicht darin, die kosmische Struktur zu durchbrechen, sondern sich durch sie hindurchzubewegen. Wieder einmal zerstört der Sohn des Zeus die Ordnung nicht, sondern erfüllt sie.
Vielleicht noch bedeutender ist, dass er Meleager begegnet, einem der wenigen Schatten, die nicht vor ihm fliehen. Meleager ist unter tragischen Umständen gestorben, und seine Geschichte rührt Herakles zu Tränen. Es ist einer der seltenen Momente in der mythischen Überlieferung, in denen die Trauer des Helden so offen zum Ausdruck kommt. Ihre Begegnung hat Konsequenzen – dazu später mehr.

Anerkennung und Disziplin bringen Wohlwollen

Nun tritt Herakles vor Hades und Persephone und bittet den Gott der Unterwelt um Erlaubnis, Kerberos vorübergehend in die Oberwelt mitnehmen zu dürfen. Damit erkennt Herakles die gesetzmäßige Struktur des Kosmos an. Zeus herrscht über den Himmel; Poseidon über das Meer; Hades über die Toten. Jedes Reich hat seine eigene Grenze, und selbst der größte aller Helden muss diese anerkennen.
Hier vermittelt uns der Mythos etwas ganz anderes als der berühmte Abstieg des Orpheus. Orpheus bewegt die Herrscher der Toten durch Schönheit, Musik und Trauer. Sein Gesang mildert die Unterwelt. Herakles singt nicht. Er überzeugt nicht durch Kunst. Seine Vorgehensweise ist eine andere: Einweihung, Mut, Disziplin und rechtmäßige Bitte.
Dennoch ist die Begegnung nicht ohne Wunder. In einer Version des Mythos empfängt Persephone Herakles „wie einen Bruder“. Dieser Satz ist durchaus bemerkenswert, wenn man darüber nachdenkt.
Orpheus wandert zwischen der Welt der Lebenden und dem Tod

Der Meistersänger Orpheus (l.) begab sich in die Unterwelt, um seine geliebte Frau Eurydike (r.) zurück in das Reich der Lebenden zu holen.

Symmetrie im Leben

Im Reich des Todes, wo alle gewöhnlichen menschlichen Bindungen aufgelöst sind, wird der Held nicht als Eindringling, sondern fast wie ein Verwandter empfangen. Das ist sicherlich mehr als bloße Höflichkeit. Der Held wurde durch die eleusinischen Mysterien vorbereitet, und nun erkennt Persephone in ihm jemanden, der das Reich zu Recht betreten hat.
Dabei nimmt sie in unterschiedlichen Versionen des Mythos verschiedene Rollen ein. In einer greift Persephone ein und bittet darum, den Hirten des Hades namens Menoetes zu verschonen, mit dem Herakles ringt und ihm die Rippen bricht. Nach einer anderen ist es der Gunst Persephones zu verdanken, dass Herakles den gefesselten Kerberos in Empfang nimmt und ihn ans Tageslicht bringt.
So kehrt das weibliche Prinzip im entscheidenden Moment zurück. Die Feindschaft der Hera, der Königin des Himmels, trieb Herakles in die Aufgaben. Das Wohlwollen von Persephone, der Königin der Unterwelt, ermöglicht es ihm, sie zu vollenden.
Dies ist eine der großen Symmetrien der Geschichte. Am Anfang widersetzt sich ihm eine Göttin. Am Ende nimmt ihn eine Göttin auf. Eine Königin treibt ihn ins Leid; eine andere Königin ermöglicht seine Rückkehr und Befreiung vom Leid. Die Unterwelt ist also nicht einfach nur ein Ort des Grauens. Sie ist auch der Ort, an dem Urteil, Barmherzigkeit, Erinnerung und verborgene Verwandtschaft offenbart werden.

Nicht alle Ängste sind echt

Während seiner Reise durch die Unterwelt wird Herakles von Hermes und Athene unterstützt oder geführt. Auch dies ist von Bedeutung. Hermes ist der Seelenführer, der Gott, der sich zwischen den Welten bewegt und Grenzen überschreitet, die andere nicht überschreiten können.
Athene steht für Weisheit, Klarheit und göttliche Strategie. Ihre Anwesenheit deutet darauf hin, dass der Abstieg in den Tod sowohl Führung als auch Weisheit erfordert. Mut allein reicht nicht aus. Man muss wissen, wie man hinüberkommt und wie man sich nicht verirrt.
Eine Version besitzt ein weiteres, aufschlussreiches Detail. Als Herakles im Hades die Gorgone Medusa erblickt, zieht er sein Schwert. Doch Hermes erklärt ihm, dass sie nur ein leeres Phantom sei.
Nach ihrem Tod und in der Unterwelt verlor Medusa die Fähigkeit, Menschen in Stein zu verwandeln

Die Gorgone Medusa, gemalt von Caravaggio (1571–1610).

Selbst in der Unterwelt muss der Held also echte Gefahr von schemenhafter Angst unterscheiden. Nicht jeder Schrecken, der vor uns erscheint, hat Substanz. Manche sind nur Phantome des Geistes. Anderen, wie Kerberos, muss man sich tatsächlich stellen.

Das besiegte Böse im Dienst des Guten

Und nun steht Herakles vor dem monströsen Kerberos mit seinen drei Köpfen, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen und damit für die Zeit selbst, die alles verschlingt. Doch Kerberos ist mehr als nur ein Symbol. Er ist die knurrende, gefräßige Realität des Todes.
Herakles packt ihn. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der gesamten Mythologie: Der Held, gehüllt in sein magisches Löwenfell, ringt mit bloßen Händen gegen den Höllenhund. Hier bilden die erste und die letzte Aufgabe einen Kreis. Das Löwenfell, das er zu Beginn des Zyklus errungen hat, schützt ihn am Ende.

Anders als hier dargestellt, durfte Herakles keine Waffen einsetzen, um den Höllenhund Kerberos zu bezwingen.

Und das ist besonders passend, da Kerberos, die Hydra und der Nemeische Löwe alle in der einen oder anderen Form zur selben monströsen Familie von Typhon und Echidna gehören – dem Geschlecht des Chaos.
So wird ein besiegtes Ungeheuer zum Schutz vor einem anderen. Das Böse, einmal bezwungen, wird in den Dienst des Guten gestellt. Der Mut, mit dem die Reise begann, wird zur Rüstung, durch die Herakles ihren Höhepunkt überlebt. Nichts, was wirklich gelernt wurde, ist verschwendet, denn frühere Siege werden zu späteren Schutzmaßnahmen.

Konfrontation mit dem Tod

Dennoch ist der Kampf schrecklich – Kerberos beißt wild zu. Dieser Punkt ist bedeutend, denn Herakles ist nicht immun gegen die Gewalt des Todes, nur weil er ein Held ist. Er leidet unter der Begegnung und wird verwundet. Der Held überlebt nicht, indem er so tut, als sei der Tod harmlos, sondern indem er aushält und sich ihm nicht ergibt. Das ist vielleicht die tiefste Lehre dieser Szene.
Mut ist keine Unverwundbarkeit. Er ist die Fähigkeit, präsent zu bleiben, wenn das, was wir am meisten fürchten, seine Zähne in uns versenkt. Schließlich bezwingt Herakles Kerberos und zerrt ihn nach oben in das Reich der Lebenden. Für einen Moment wird der Tod – unsere ultimative Dunkelheit – ins Licht gebracht.
Die Wirkung auf König Eurystheus ist fast komisch, aber auch tiefgründig. Der König, der sich die unmöglichen Aufgaben ausgedacht hatte, um Herakles zu vernichten, kann den Anblick ihrer Erfüllung nicht ertragen und versteckt sich. Der Mann, der den Abstieg befohlen hat, kann die Rückkehr nicht ertragen. Das ist eine der Ironien der Aufgaben: Diejenigen, die beiläufig die Konfrontation mit den ultimativen Realitäten fordern, sind oft selbst nicht in der Lage, sich diesen Realitäten zu stellen.

Aus Angst vor Kerberos sprang König Eurystheus in ein riesiges Gefäß und versteckte sich darin.

Herakles hingegen hat direkt in die Unterwelt geblickt und ist zurückgekehrt. Doch er behält Kerberos nicht: Herakles bringt den Hund zurück zum Hades. Der Tod ist nicht abgeschafft. Die Grenze bleibt bestehen und der Kosmos nicht auf den Kopf gestellt. Kerberos nimmt seine eigentliche Funktion als Wächter der Toten wieder auf. Und doch hat sich alles verändert.
Obwohl der Tod Tod bleibt, hat Herakles gezeigt, dass man ihm ins Auge sehen kann. Er hat die Sterblichkeit nicht zerstört, aber er hat ihr den absoluten Schrecken genommen. Er ist in den Ort eingetreten, von dem niemand zurückkehren soll, und ist wieder hervorgegangen – nicht unversehrt, aber unbesiegt.

Lehre des Lebens

Und so verhält es sich auch mit uns. Der Mensch kann dem Tod weder durch Kraft noch durch Technologie, Reichtum oder Ansehen entkommen. Nackt kommen wir auf die Welt, wie Hiob sagt, und nackt müssen wir sie wieder verlassen.
Doch die Tatsache des Todes muss das Leben nicht zwangsläufig sinnlos machen. Im Gegenteil: Richtig verstanden, verleiht der Tod dem Leben Dringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Gestalt. Er stellt die Frage, welche Art von Seele wir formen, bevor wir die letzte Schwelle überschreiten.
Deshalb rundet die letzte Aufgabe den gesamten Herakles-Zyklus so perfekt ab. Die erste Aufgabe, der Nemeische Löwe, lehrte Herakles, sich der Angst zu stellen und sie in Schutz zu verwandeln. Seine letzte Aufgabe lehrt, sich dem Tod zu stellen und mit tieferer Erkenntnis zurückzukehren. Dazwischen liegen sämtliche Formen der Unordnung: Chaos, Begierde, Wut, Verderben, gebrochenes Vertrauen und die Bürde des Durchhaltens. Jede Prüfung hat eine bestimmte Fähigkeit geschult und vereint sie in einer einzigen Prüfung.
Herakles überlebt die Begegnung mit dem Tod im Rahmen seiner zwölften Aufgabe

Herakles nach der Vollendung seiner zwölf Aufgaben.

Auch der christliche Anklang sollte uns nicht entgehen, obwohl der Mythos griechisch bleibt. Herakles’ Abstieg in den Hades erinnert unweigerlich an das spätere christliche Bild von Christus, der in die Hölle hinabsteigt und sie besiegt.
Aber der Unterschied ist wichtig: Herakles erlöst nicht alle Seelen und besiegt den Tod nicht im christlichen Sinne. Doch das Muster ist aufschlussreich. Ein göttlicher Sohn steigt hinab in das Reich des Todes, stellt sich dessen Macht entgegen und kehrt ins Licht zurück. Der Mythos dringt hier in den Bereich der Theologie vor.

Wenn Mut den Tod überwindet

Kerberos kehrt in den Hades zurück. Herakles kehrt ins Leben zurück. Der Kosmos bleibt geordnet. Doch der Held hat sich verändert. Er hat die dunkelste Schwelle überschritten und entdeckt, dass die Seele, gestärkt durch Mut und geläutert durch Leiden, vor dem Tor des Todes nicht zusammenbrechen muss. Er hat die Entwicklung der Seele von roher Kraft hin zu geistigem Mut vollzogen.
Gleichzeitig ist diese letzte Aufgabe für Herakles ein Vorbote seines eigenen Schicksals. Er wird nicht bloß ein Held großer Taten bleiben. Zurück in der Oberwelt löst er das Versprechen ein, das er Meleager im Hades gab: dessen Schwester Deianira zu heiraten.
Doch die in der Unterwelt gewählte Frau wird später zur Verursacherin von Herakles’ Tod werden, indem sie ihm unwissentlich ein vergiftetes Hemd reicht. Der Held, den letztlich kein Ungeheuer und kein Mensch besiegen kann, wird durch die Täuschung, die aus dem vergifteten Erbe seiner eigenen vergangenen Gewalt herrührt, zu Fall gebracht. Sein Vater Zeus erhebt ihn zu sich auf den Olymp und macht ihn unsterblich.
Der Tod von Herakles war schmerzhaft und das Produkt einer Täuschung, die aus dem vergifteten Erbe seiner eigenen vergangenen Gewalt herrührt

Das Hemd, das ihm seine Frau Deianira auf Raten des Kentauren Nessos überreichte, war mit dem Gift der Hydra eingerieben. Ohne es zu wissen, tötete sie damit ihren Herakles.

Der endgültige Sieg ist also weder Besitz noch Herrschaft oder gar Flucht. Es ist die Rückkehr – die Rückkehr des Helden, der die Dunkelheit gesehen, die Ordnung des Kosmos geehrt und die Erkenntnis erlangt hat, dass der Tod zwar real ist, aber nicht über den Mut herrscht. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Muster bis heute so aktuell bleibt.
J. R. R. Tolkien hat es in Bilbos großem Abenteuer perfekt auf den Punkt gebracht: „Hin und zurück“. Der Held muss die vertraute Welt verlassen, durch die Dunkelheit gehen und verändert zurückkehren – und dabei nicht nur das Überleben, sondern auch Weisheit mitbringen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel: „Herakles and Cerberus: The Final Descent, Part 1“ und „Herakles and Cerberus: Returning From Death, Part 2“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)