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Mit 14 nach Amerika: Junge deutsche Tänzerin lässt sich nicht von Peking einschüchtern

Der klassische chinesische Tanz ist ihre Leidenschaft. Wenn Tara McDonnell aus Meißen die internationale Bühne betritt, ist alle Anspannung verflogen, selbst wenn wenige Stunden vorher Polizisten wegen einer Bombendrohung mit ihren Spürhunden das Theater oder ihre Garderobe durchsucht haben. „Das ist inzwischen zur Routine geworden“, sagt sie.
Die 21-Jährige gehört zu einer der acht Tanzgruppen von Shen Yun. Das aus New York stammende Künstlerensemble, das seinem Publikum die 5.000 Jahre alte traditionelle Kultur Chinas präsentiert, muss ständig mit Sabotage rechnen. Ob Bombendrohungen oder zerstochene Tourbusreifen – die grenzüberschreitende Bedrohung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh), die seit ihrer Machtübernahme traditionelle und spirituelle Werte unterdrückt, ist für die Künstler allgegenwärtig.
Seit 2021 gehört Tara aus Meißen dem Ensemble an. Auch wenn sie in Deutschland aufgewachsen ist, so ist ihr die traditionelle chinesische Kultur nicht fremd. Angefangen hat alles damit, dass ihre Eltern Falun Gong, auch Falun Dafa genannt, praktizierten – eine tief in der traditionellen chinesischen Kultur verwurzelte Kultivierungsmethode, die auf den Werten Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht basiert.
In China wird Falun Gong hingegen seit 27 Jahren brutal verfolgt. Und das wird auch in den Tanzstücken von Shen Yun thematisiert – ebenso wie historische Heldengeschichten, ethnische Tänze und lustige Szenen. Jedes Jahr touren die Gruppen des 2006 gegründeten Ensembles mit einem völlig neuen Programm um die Welt und erreichen ein Millionenpublikum. Einst saß auch Tara unter den Zuschauern.
„Schon als Kind habe ich Shen-Yun-Aufführungen gesehen. Ich mochte sie wirklich sehr. Es war schon immer mein Traum, bei Shen Yun mitzumachen“, sagt sie im Gespräch mit Epoch Times.

Ein Traum wird wahr

Mit 14 Jahren war es dann endlich so weit: Die aus Sachsen stammende Schülerin wurde an der Fei-Tian-Kunstakademie in New York aufgenommen. Zwei Jahre später ging sie als Praktikantin zum ersten Mal mit Shen Yun auf Tournee. Mittlerweile verfügt sie über fünf Jahre Tourneeerfahrung.
Dabei gestaltete sich ihr Einstieg in den klassischen chinesischen Tanz alles andere als einfach. „Ich habe quasi bei null angefangen. Zuerst musste ich meinen Körper dehnen und alle Grundbewegungen beherrschen, bevor ich wirklich mit dem Tanzen beginnen konnte“, schildert sie.
Während dieser Zeit habe sie wirklich viel gelernt, darunter Ausdauer und Selbstdisziplin – Eigenschaften, die für eine Tänzerin unentbehrlich sind, um das Weltklasseniveau zu erreichen, für das Shen Yun vom Publikum hochgelobt wird.
Da der Tanzunterricht ausschließlich in chinesischer Sprache stattfindet, hat Tara während ihrer Ausbildung „ganz selbstverständlich“ Chinesisch gelernt. Über die Jahre hat sich ihr Verständnis für die traditionelle chinesische Kultur, die ebenfalls Teil der Ausbildung ist, immer weiter vertieft.
„Je mehr ich über die traditionelle chinesische Kultur erfuhr, desto beeindruckender fand ich sie“, sagt die junge Tänzerin. Sie sei derart tiefgründig, dass es immer wieder Neues zu entdecken gebe.

Doku „Unbroken“ zeigt Hintergründe

Wie es auf dem Campus aussieht und zugeht, zeigt der Dokumentarfilm „Unbroken – The Untold Story of Shen Yun“ („Unbeugsam – Die unerzählte Geschichte von Shen Yun“), der derzeit an ausgewählten Standorten in Deutschland zu sehen ist. Bei der Filmpremiere in ihrer Heimatstadt Meißen am 26. Mai war auch Tara mit dabei.
Im Mittelpunkt des Films steht die Familie Browde. Die beiden Brüder Jesse und Lucas absolvierten wie Tara an der Fei-Tian-Akademie für klassischen chinesischen Tanz ihre professionelle Ausbildung. Auf den weltweit führenden Bühnen werden sie mit Einschüchterungsversuchen durch das kommunistische Regime Chinas konfrontiert, die in den vergangenen Jahren immer weiter eskalierten – von der Sabotage der Tourbusse über Druck auf Theater und inszenierte Bombendrohungen bis hin zu einer länderübergreifenden „Fake News“-Kampagne, wonach den Künstlern von Shen Yun Arztbesuche verwehrt blieben und keine angemessene Gage gezahlt würde.
Wie der Film zeigt, steht der Vater der beiden Brüder, Levi Browde, zwischen dem Schutz seiner Kinder und der Aufdeckung der Wahrheit unter enormem Druck.
Die Doku zeigt den unmittelbaren Kampf zwischen Glauben, Freiheit und dem Totalitarismus anhand der Entwicklungsgeschichte der jungen Menschen, die während ihrer Ausbildung zu Künstlern heranwachsen und trotz der von der KPCh verübten langjährigen Unterdrückung schließlich zu „unbeugsamen“ Menschen werden.

Spürhunde, Bombendrohungen und Evakuierung

Auch für Tara gehören die Einschüchterungsversuche und Bombendrohungen „fast schon zum Alltag“. An ihre erste Bombendrohung kann sie sich noch lebhaft erinnern:
„Das war bei einer Aufführung in Puerto Rico. Damals klopfte die Polizei an die Tür unserer Garderobe und drehte mit ihren Hunden eine kurze Runde“, schildert sie gegenüber Epoch Times. „Das war schon ein sehr krasses Erlebnis.“
Vor zwei Jahren im Kennedy Center in Washington, D.C. spitzte sich die Situation zu. Damals wurde nicht nur das Theater, sondern der gesamte Gebäudekomplex evakuiert. Sogar im Fernsehen wurde darüber berichtet.
„Wir mussten bis 15 Uhr im Hotel bleiben“, schildert Tara, obwohl der Aufbau bereits am Vormittag vonstattengehen sollte. Zuerst habe es so ausgesehen, als würde die Bombendrohung den gewünschten Erfolg erzielen. Das Theater wollte die Vorstellung schon absagen. Nachdem aber keine Hinweise auf Sicherheitsrisiken gefunden werden konnten, durften die Künstler das Gebäude schließlich betreten.
Trotz großer Verspätung gelang es dem Team von Shen Yun, die Proben und Aufbauarbeiten innerhalb weniger Stunden abzuschließen. Die Vorstellung konnte wie geplant stattfinden.
Vor allem im vergangenen Jahr habe sie oft Spürhunde gesehen. „2 Stunden vor Beginn der Vorstellung kommt die Polizei mit Polizeihunden und durchsucht Reihe für Reihe den gesamten Zuschauerraum. Ehrlich gesagt haben wir uns schon so daran gewöhnt, dass wir es gar nicht mehr beachten. Es ist einfach dieses Gefühl von: ‚Oh, da sind sie schon wieder.‘“

Kunst, die verbindet

Tara und ihre Kollegen sehen in derartigen Vorfällen „eher einen Ansporn“: „Wenn so etwas passiert, müssen wir weitermachen. Wir müssen die Dinge klarstellen“, sagt Tara. „Aber wir wissen auch, dass viele Zuschauer dadurch möglicherweise nicht mehr wiederkommen wollen oder sich nicht trauen, die Vorstellung zu besuchen“, was sie sehr bedauert.
Sie hofft, dass sich Theater – wie auch in Deutschland in der Vergangenheit geschehen – nicht länger von den Agenten der KPCh beeinflussen lassen und ihrem Publikum Shen Yun präsentieren. Denn „Kunst ist universell und überwindet alle sprachlichen oder ähnlichen Grenzen und Barrieren“.
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„Herr der Ringe“: Andy Serkis lehnt Diversitätsbesetzung nach Vorgaben ab


In Kürze:

  • Andy Serkis lehnt eine Besetzung nach reinen Diversitätskriterien ab.
  • Für „The Hunt for Gollum“ soll die Geschichte über politischen Vorgaben stehen.
  • Hollywood setzt bei vielen Produktionen zunehmend auf vielfältigere Besetzungen.

 
Hollywood setzt seit Jahren auf mehr Diversität bei Filmproduktionen. Nun hat sich Andy Serkis, der als Gollum aus der „Herr der Ringe“-Trilogie weltberühmt wurde, gegen eine politisch motivierte Neubesetzung des kommenden Films ausgesprochen. Für ihn müsse die Besetzung zur Geschichte passen – und nicht politischen Vorgaben folgen.

Andy Serkis: Keine Besetzung nach politischen Vorgaben

Andy Serkis, der Gollum in der „Herr der Ringe“-Trilogie verkörperte, befindet sich derzeit in Neuseeland. Dort führt er beim neuen Film „The Hunt for Gollum“ Regie und übernimmt erneut eine Rolle vor der Kamera. Der Kinostart ist für das kommende Jahr geplant.
Im Gespräch mit der BBC wurde Serkis auf eine mangelnde ethnische Vielfalt der ursprünglichen „Herr der Ringe“-Filme angesprochen – ein Thema, das mehr als 20 Jahre nach deren Veröffentlichung weiterhin diskutiert wird.
„Tolkien selbst wurde stark von der nordischen Mythologie beeinflusst“, erklärte Serkis.
„Das Auenland wirkt sehr … sehr weiß. Die Bewohner kümmern sich nicht darum, was außerhalb der Grenzen des Auenlands geschieht, aber sie wissen, dass sie keine Menschen haben wollen, die von außerhalb hereinkommen.“

Eine Statue von Gollum aus „Der Herr der Ringe“ während der New York Comic Con 2025 im Jacob K. Javits Convention Center in New York City.

Foto: Roy Rochlin/Getty Images für ReedPop

„Kein politisch korrektes Recasting“

Serkis räumte ein, dass es Kritik an der Besetzung der früheren Filme gegeben habe. Für den neuen Film lehnt er jedoch eine Neubesetzung aus politischen Gründen ab.
„Ich glaube nicht, dass wir aus Gründen der politischen Korrektheit eine Neubesetzung vornehmen werden – nur um eine Version des Films zu schaffen, bei der man für die Besetzung Kästchen abhakt.“
Entscheidend sei vielmehr, ob eine Besetzung inhaltlich zur Geschichte passe. „Es kommt also im Grunde darauf an, wo [die Besetzung] relevant ist“, sagte Serkis.

Diversität ist in Hollywood zum Standard geworden

In den vergangenen Jahren hat Hollywood verstärkt auf ethnisch und geschlechtlich vielfältige Besetzungen gesetzt.
Zu den bekanntesten Beispielen zählen Halle Bailey als Arielle in der Neuverfilmung von „Arielle, die Meerjungfrau“ aus dem Jahr 2023 sowie Rachel Zegler als Schneewittchen in der Realverfilmung von 2025.
Auch Amazons Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ sorgte mit einer bewusst vielfältigeren Besetzung, darunter schwarze Elben, für Diskussionen.
Kritik gab es zudem an Christopher Nolans kommender Verfilmung von Homers „Odyssee“, in der afroamerikanische und Transschauspieler mitwirken.

(v. l. n. r.) Emma Thomas, Christopher Nolan, Zendaya, Samantha Morton und Elliot Page besuchen die Weltpremiere von „The Odyssey“ im Odeon Luxe Leicester Square in London.

Foto: Gareth Cattermole/Getty Images

Australien setzt ebenfalls auf mehr Vielfalt

Auch außerhalb Hollywoods wird Diversität in Film und Fernsehen gezielt gefördert. Ein Bericht der staatlichen Filmförderung Screen Australia aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass seit 2016 deutlich mehr Aborigines, Menschen mit Behinderungen, LGBT-Personen sowie Schauspieler nicht-europäischer Herkunft in australischen Produktionen zu sehen sind.
Australiens Kulturminister Tony Burke erklärte dazu, Zuschauer sollten in heimischen Produktionen ein „modernes Australien“ wiedererkennen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Andy Serkis Rejects Diversity Push for New Lord of the Rings Film“. (Deutsche Bearbeitung: zk)
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Das eigene Leben – von Renate Lilge-Stodieck

Das eigene Leben

Will ein Leben hier auf Erden
fruchtbar werden,
muss es oft alleine gehn,
muss oft gegen viele stehn,
welche breite Straßen ziehn.
Muss sich stets von neuem fragen,
ob‘s nur tut, was auch gefällt,
oder ob‘s an allen Tagen
zu der eignen Antwort hält.
Muss sich fragen, ob die Antwort
auch aus reinem Herzen kommt,
ob nicht Eitelkeit und Habsucht
ihm diktiert,
was ihm dann frommt.
Will ein Leben hier auf Erden
fruchtbar werden, muss es lernen,
zu gehorchen dem, was tief
im Innern wohnt.
 
Renate Lilge-Stodieck
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Ein Mann auf Abwegen? Die Odyssee und ihre Lehren für heute


In Kürze:

  • Odysseus ist einer der bekanntesten Helden der griechischen Mythologie.
  • Seine Irrfahrt nach dem gewonnenen Krieg gegen Troja erzählt der griechische Dichter Homer in dem Epos „Odyssee“.
  • Auf seiner zehnjährigen Reise begegnet Odysseus nicht nur Riesen, Monstern, Sirenen und einer Zauberin, sondern auch der Konsequenz.
  • Jeder Fehltritt von ihm und seinen Männern endet mit einer göttlichen Bestrafung und lehrt früher wie heute, wie wir richtig handeln sollten.

 
Die „Odyssee“ ist zusammen mit der „Ilias“, beide von dem griechischen Dichter Homer um das 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. geschrieben, eines der bekanntesten Werke der Antike. Wie keine anderen Schriftstücke prägten sie die westliche Literatur und ließen neue Gattungen wie die Lyrik oder das Drama entstehen.
Benannt ist das über 2.500 Jahre alte Werk nach seiner Hauptfigur: Odysseus, König von Ithaka. Die Geschichte setzt am Ende des berühmten Trojanischen Krieges an, bei dem Odysseus eine entscheidende Rolle spielte.
Nach dem Kriegsende trat der griechische Held mit seinen Männern die Heimreise und, ohne es zu wissen, seine „Odyssee“ an. Diese währte zehn Jahre und war von Gefahren, Abenteuern und Lehren für das Leben geprägt – ein Umstand, der das Epos noch heute aktuell macht.

Wer war Odysseus?

Odysseus ist neben Theseus und Herakles einer der bekanntesten Helden und Figuren in der griechischen Mythologie. Ob er jemals existierte, ist unbekannt. Laut den Mythen war der unter der Gunst der Göttin Athene stehende König von Ithaka der Gemahl der Prinzessin Penelope, mit der er einen Sohn namens Telemachos hatte.
Er selbst soll väterlicherseits von Göttervater Zeus und mütterlicherseits von Hermes, dem Schutzgott der Reisenden, aber auch dem Gott der Diebe und des Betrugs, abstammen. Von Letzterem habe der als athletisch und wortgewandt beschriebene Odysseus seinen klugen und listreichen Charakter.
Marmorstatue des Odysseus

Diese Marmorstatue soll den griechischen Helden Odysseus darstellen.

Dies machte ihn zu einer entscheidenden Person im Trojanischen Krieg. Einerseits soll er den berühmten Krieger Achilles überredet haben, am Krieg teilzunehmen, andererseits sei ihm die Idee vom Bau des hölzernen Pferdes und der List zur Eroberung des uneinnehmbaren Trojas gekommen. Danach war er bereit für seine turbulente Heimreise, die in der „Odyssee“ auf spannende und uns heute bekannte Weise beschrieben wird.

Die „Odyssee“ – das Vorbild heutiger Romane

Insgesamt besteht die „Odyssee“ aus 24 Gesängen, vergleichbar mit Kapiteln, und 12.110 Versen. Wie moderne Bücher und Kinofilme ist die Geschichte voll mit parallelen Handlungen, Rückblenden und Wechseln der Erzählperspektive. In den ersten sieben Zeilen erhalten die Leser bereits einen Vorgeschmack auf das, was der Hauptakteur erleben wird:
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte;
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben […]“
(Johann Heinrich Voß, 6. Auflage der „Odyssee“, Anaconda Verlag, 2015)
Das Epos setzt im siebten Jahr nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein. Odysseus ist zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre von seiner Heimat weg. Sein Sohn ist inzwischen ein erwachsener Mann und hegt wie seine Mutter kaum mehr Hoffnung auf die Rückkehr seines Vaters. Während der Held auf einer Insel von der Meeresnymphe Kalypso gefangen gehalten wird, reißen sich in seiner Heimat zahlreiche Bewerber um die Hand seiner Frau – und vor allem um den Thron Ithakas.
In den Gesängen 5 bis 8 erfährt der Leser, dass Göttervater Zeus schließlich Odysseus’ Freilassung erwirkt. Der nach Rache dürstende Meeresgott Poseidon und Bruder von Zeus ist alles andere als begeistert und lässt Odysseus’ Floß zerschellen. Der griechische Held kann sich auf eine Insel retten, auf der er von dem dortigen König freundlich aufgenommen wird. Hier erzählt Odysseus, verpackt in den Gesängen 9 bis 12, seine bewegende Geschichte und damit im Wesentlichen seine Irrfahrt.
Der Rest der Geschichte handelt von seiner finalen Heimkehr nach Ithaka, wo er die Bewerber seiner Frau listreich ausschaltet und glücklich und um viele Erkenntnisse reicher wieder mit seiner Familie vereint ist.
Odysseus nach der Odyssee zuhause in Ithaka

Odysseus ist wieder in Ithaka und beseitigt die Freier in seinem Zuhause.

Zehn Jahre Irrfahrt – und ihre Lehren daraus

Auf seiner zehnjährigen Heimreise machte Odysseus absichtlich oder unfreiwillig an mehr als einem Dutzend Orten rund um das antike Mittelmeer halt. Diese waren jedoch nicht bloß Stationen auf seiner Reise, sondern Prüfungen des Lebens.

Ungefähre Reiseroute von Odysseus gemäß der Erzählung „Odyssee“ von Homer und Lokalisierungsversuchen von Forschern.

Foto: Epoch Times; dikobraziy/iStock

1. Troja
Nach dem zehnjährigen Krieg treten Odysseus und seine Mannschaft, bestehend aus zwölf Schiffen mit je mindestens 40 Männern, umgehend die Heimreise an.

„Blick auf das brennende Troja“, ein Gemälde von Johann Georg Trautmann (1713–1769).

2. Land der Kikonen
Die Flotte legt einen Zwischenstopp in Thrakien beim Volk der Kikonen ein. Odysseus und seine Männer überfallen und morden die ehemaligen Verbündeten Trojas. Statt die Heimreise anzutreten, lässt sich Odysseus von seinen Männern überreden, den Ort weiter zu plündern.
Doch dies wurde bestraft. Einige Kikonen konnten fliehen, organisierten Hilfe bei anderen Stämmen und griffen die Ithaker unerwartet an. Odysseus verliert rund 70 Männer und macht sich mit zehn verbliebenen Schiffen auf den Rückweg.
Zusätzlich straft der Göttervater Zeus die siegreichen Griechen wegen ihres blutrünstigen und unmoralischen Verhaltens und lässt einen Sturm aufziehen. Neun von zehn Schiffen Odysseus’ überstehen den Sturm, müssen aber am nächsten Festland repariert werden.
3. Land der Lotophagen
Im Land der Lotophagen, das heute an der libyschen Küste verortet wird, lässt Odysseus die Schiffe ankern und reparieren. Eine Handvoll seiner Männer isst jedoch die dort heimischen Lotusfrüchte, die sie glücklich machen und ihre Heimat vergessen lassen. Der griechische Held muss seine Krieger gewaltvoll an Bord der Schiffe ziehen und verlässt umgehend den Ort.
3. Station der Odyssee: das Land der Lotophagen

Odysseus bringt seine von Lotusfrüchten beeinflussten Männer zu seinen Schiffen.

4. Insel der Kyklopen
Aus Neugier lässt Odysseus seine Männer die Schiffe in der Nähe der Kyklopeninsel festmachen, was sich schon bald als schwerer Fehler erweisen sollte. Der griechische Held schleicht sich zusammen mit zwölf Männern in die Höhle des Kyklopen Polyphem, der ihnen nicht freundlich gesinnt ist und sechs Krieger verspeist.
Odysseus, der sich als „Niemand“ vorstellt, überlistet den einäugigen Riesen, indem er ihn betrunken macht. Die Krieger blenden den Kyklopen im Schlaf mit einem glühenden Pfahl und entkommen versteckt zwischen einer Schafherde aus der Höhle. Bevor der Kyklop dies bemerkt, sind Odysseus und seine Männer auf den Schiffen und segeln fort.
3. Station der Odyssee: die Insel der Kyklopen

„Odysseus und Polyphem“, gemalt von Arnold Böcklin (1827–1901).

Doch aus Stolz über seine List und aus Wut über den Verlust von sechs Kriegern begeht Odysseus den Fehler, den Kyklopen zu verhöhnen und ihm seinen wahren Namen nachzurufen. Daraufhin verflucht Polyphem den griechischen Helden und bittet seinen Vater Poseidon, Rache an Odysseus zu üben:
„Vater! Erderschütterer und Meeresgott! Hier ist dein Sohn Polyphem. Möge Odysseus niemals den Weg nach Hause finden. Sollten die Erinnyen aber verlangen, dass er zu seiner Familie zurückkehrt, soll ihm das nur nach Jahren der Tortur und des Leids gelingen, ganz allein mit all seinen Schätzen, nachdem er seine Gefährten und Schiffe verloren hat.“
5. Insel des Aiolos
Als Nächstes machte die Flotte auf der Insel von Windgott Aiolos halt. Er will Odysseus und seinen Männern helfen und schenkt ihnen einen Lederschlauch, in dem alle Winde, außer dem Westwind, der sie nach Hause bringen soll, eingesperrt sind.
Aus Gier und Unwissenheit öffnet die Mannschaft des griechischen Helden kurz vor der Ankunft in Ithaka heimlich den Schlauch. Ähnlich wie die Büchse der Pandora wird das „Unheil“ entfesselt und die freigelassenen Winde erzeugen einen Sturm, der die Schiffe weit von der Heimat wegtreibt.
5. Station der Odyssee: die Insel des Aiolos

„Aiolos überreicht Odysseus die Winde“, gemalt von Isaac Moillon (1614–1673).

6. Land der Laistrygonen
Orientierungslos nach dem Sturm ankern die Schiffe der Flotte im Hafen von Telepylos – außer dem Schiff von Odysseus. Dies ist sein Glück, denn hier leben die riesigen Laistrygonen, die die Schiffe mit Steinbrocken bewerfen. Der griechische Held kann mit seinem Schiff und den verbliebenen rund 40 Männern entkommen.
6. Station der Odyssee: das Land der Laistrygonen

Diese künstlerische Darstellung zeigt Odysseus bei den Laistrygonen.

7. Insel Aiaia der Zauberin Kirke
Das verbliebene Schiff landet an der Insel Aiaia an, auf der die Zauberin Kirke lebt und in Tiere verzauberte Menschen hält. Das gleiche Schicksal ereilt die Hälfte von Odysseus’ Männern, die in Schweine verwandelt werden.
Dank eines Krauts, das Odysseus von dem Götterboten Hermes bekommt und ihn gegen die Magie immun macht, trifft sich der griechische Held mit Kirke und erwirkt, dass seine Männer zurückverwandelt werden und alle unbeschadet weiterziehen können.
Bis zum Aufbruch verstreicht jedoch ein Jahr und Odysseus geht eine Liaison mit der Zauberin ein. Aus Liebe zum Helden gibt Kirke ihm den Rat, in der Unterwelt den Seher Teiresias aufzusuchen und ihn nach dem weiteren Weg zu fragen.
7. Station der Odyssee: die Insel Aiaia der Zauberin Kirke

Das Fresko von Giovanni Battista Trotti (1555–1619) zeigt die Zauberin Kirke, die Odysseus’ Männern ihre menschliche Gestalt zurückgibt.

8. Die Unterwelt
Im „Haus des Hades“, dem Reich des Totengottes, sucht Odysseus nach einer Opfergabe den blinden Propheten auf. Dieser weissagt ihm: „Was du Polyphem angetan hast, hat Poseidon erzürnt. Nicht leicht, ihn zu besänftigen. Deine Zukunft steht mir vor Augen. Ich sollte besser sagen: deine Zukünfte. Je nachdem, welche Entscheidung du triffst, werden sich unterschiedliche Wege vor dir auftun.“
Weiter erklärt Teiresias: „Bald schon wird dein Schiff Thrinakia erreichen, die Insel, auf der Helios seine Rinder und Schafe hält. […] Rührst du sie nicht an, geht alles gut. […] Solltest du aber auch nur einem einzigen dieser heiligen Tiere etwas antun, sage ich den Verlust deines Schiffes und aller deiner Männer voraus. Deine Heimkehr wird sich um Jahre verzögern.“

„Theresias erscheint dem Ulysseus [Odysseus] während der Opferung“, ein Gemälde von Johann Heinrich Füssli (1741–1825).

9. Insel der Sirenen
Mit dem Wissen um seine Zukunft reist Odysseus mit seinen Männern weiter. Zunächst müssen sie die Insel der Sirenen passieren, jener Fischfrauen, die mit ihrem verlockenden Gesang Seemänner in den Tod ziehen. Dank der Idee des Helden, sich Wachs in die Ohren zu schmieren und einfach vorbeizurudern, entgehen sie der lauernden Gefahr.

„Odysseus und die Sirenen“, ein Gemälde von Herbert James Draper (1863–1920).

10. Meerenge der Skylla und des Charybdis
Nur Odysseus weiß nun, was die Mannschaft als Nächstes erwartet: eine Meerenge, die den einzigen Weg nach Hause darstellt, die aber von zwei Monstern bewohnt wird. Der griechische Held hat die Wahl: Fahren sie dicht an dem sechsköpfigen Seeungeheuer namens Skylla vorbei, das seine Männer verspeisen könnte, oder entscheidet er sich dafür, nah an dem Strudel Charybdis vorbeizufahren und zu riskieren, dass das gesamte Schiff vom Meer verschluckt wird?
Der König von Ithaka wählt das menschenfressende Monster, ohne seine Männer zu warnen. Zu groß ist seine Angst, dass sich seine Männer weigern könnten und sie nie die ersehnte Heimat erreichen. Als das Schiff vorbeifährt, reißt Skylla sechs Männer in den Tod. Der Rest der Mannschaft überlebt.

„Odysseus vor Skylla und Charybdis“, ein Gemälde von Henry Fuseli (1741–1825).

11. Insel Thrinakia von Sonnengott Helios
Obwohl sie alles haben, um bis nach Ithaka durchzufahren, gewährt Odysseus seinen Männern, an der Insel Thrinakia kurz haltzumachen. Doch schlechte Winde verhindern eine baldige Weiterfahrt und die Essensvorräte gehen zur Neige.
Trotz der Warnung schlachten Odysseus’ Männer einige der auf der Insel grasenden Rinder. Alle außer Odysseus essen sich an dem Fleisch satt, bevor sich das Wetter bessert und sie die Leinen ihres Schiffes lösen.
Kurz nach der Abfahrt zieht ein gewaltiger Sturm auf, geschickt von den Göttern aus Zorn über das Vergehen und den Hochmut der Krieger. Das Schiff wird zerstört und bis auf Odysseus sterben alle Männer. Sein Verzicht rettete ihm das Leben.
11. Station der Odyssee: die Insel Thrinakia von Sonnengott Helios

„Die Gefährten des Odysseus rauben die Rinder des Helios“ von dem Maler Pellegrini Tibaldi (1527–1596).

12. Ogygia von Nymphe Kalypso
Odysseus schafft es an Land der Insel Ogygia, auf der die Meeresnymphe Kalypso lebt. Diese verliebt sich in den Helden, will ihn als ihren Gemahl und hält ihn sieben Jahre lang auf der Insel fest. Sie bekommen gemeinsam zwei Kinder, doch das Angebot der Unsterblichkeit lehnt Odysseus ab – zu groß ist sein Wunsch, nach Ithaka zurückzukehren. Seine Schutzgöttin Athene erwirkt schließlich, dass Kalypso den Helden ziehen lässt.

„Hermes befiehlt Calypso, Odysseus freizulassen“ von Gerard de Lairesse (1641–1711).

13. Scheria
In Scheria, dem Land der Phaiaken, angekommen, erzählt Odysseus dem dortigen König Alkinoos seine Geschichte. Indem ein Schiff Odysseus nach Ithaka bringt, endet seine zehnjährige Irrfahrt.

„Odysseus am Hofe des Alkinoos“ von Francesco Hayez (1791–1882).

Außerdem gibt es Zweifel daran, dass die Geschichte aus der Feder von Homer stammt beziehungsweise der Dichter der alleinige Autor war. Gegen Homer spreche, dass die „Odyssee“ und die „Ilias“ unterschiedlich dargestellt sind. Während die „Ilias“ als reale Kriegsgeschichte erscheint, wirkt die „Odyssee“ mehr wie ein Märchen. Für Homer als Verfasser beider Werke sprechen dagegen der ähnliche Schreibstil und Ausdruck.

Ein Papyrus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit einem Ausschnitt aus der „Odyssee“.

Während die „Ilias“ mit dem Trojanischen Krieg archäologisch belegt ist, suchen Historiker noch immer Beweise für die Irrfahrt. So gehen bei dem Versuch, die Stationen von Odysseus’ Reise mit realen Orten zu verbinden, die Meinungen der Forscher, wie häufig in der Wissenschaft, auseinander. Als einer der renommierten „Odyssee“-Forscher gilt Peter Struck von der University of Pennsylvania, USA, der die Reiseroute anhand des Epos untersuchte und rekonstruierte.

Das prophezeite Ende

Doch was wurde schließlich aus dem antiken Helden, nachdem er erfolgreich in seine Heimat zurückgekehrt war? Von Homer ist dazu nichts bekannt. Dafür verfassten andere antike Schriftsteller wie Aischylos oder Aristoteles zahlreiche Versionen.
In wenigen Schriften heißt es, dass der König von Ithaka wegen der Morde an den Freiern seiner Frau verbannt wurde oder aufgrund seines hohen Alters friedlich starb. In anderen Geschichten endet sein Leben durch die Hand eines seiner unehelichen Kinder, das ihn mit einem Rochenstachel tötet. Dieses Ende passt zum Fluch des Kyklopen, dem Sohn des Poseidon, und der Weissagung des Propheten Teiresias, wonach ihn ein „sanfter Tod durch das Meer erwartet“.
Vieles um Odysseus und seine Irrfahrt ist bis heute ein Rätsel. Doch egal ob sich die „Odyssee“ jemals so abgespielt hat oder nicht, die Geschichte und ihre Lehren daraus bleiben uns erhalten.
Buchtipp: „Odyssee“
In einer humorvollen und spannenden Art und leicht verständlich beschreibt der britisch-österreichische Schriftsteller Stephen Fry das Epos von Odysseus. Zusammen mit seinen Büchern „Mythos“, „Helden“ und „Troja“ liefert „Odyssee“ einen spannenden Einblick in die griechischen Mythen und schildert, wie diese in unserem alltäglichen Leben heimlich präsent sind.
Verlag: Aufbau
Seitenzahl: 352
ISBN: 978-3-351-04212-7
Das Buch „Odyssee“ von Stephen Fry

Das Buch „Odyssee“ von Stephen Fry.

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Eindrücke vom 60. Filmfestival in Karlovy Vary

Ein Bus mit einer Schulklasse fährt durch eine kurvenreiche, steinige Berglandschaft auf dem Balkan. Die Lehrerin informiert durch das Mikrofon über die Region, aber niemand hört zu. Die Halbstarken lärmen und besaufen sich, Mädchen tauschen sich über dubiose, blödsinnige Methoden des Abnehmens aus.
Nur Zoza, ein einziger Junge, schaut unglücklich aus dem Fenster. Der Suizid eines Klassenkameraden, von dem er später in einem Krisengespräch zwischen Schülern und Lehrern berichtet, sitzt ihm tief in den Knochen. Am Ende wird er selbst zum Opfer eines schrecklichen Martyriums.

Hilfeschrei aus Serbien

„Three weeks after“, ausgezeichnet mit dem Europa Cinemas Label Award, war einer der düstersten Filme, die in Karlovy Vary um den Kristallglobus für den besten Film konkurrierten, und aus gesellschaftspolitischer Sicht der wichtigste. Ein schriller Hilfeschrei aus einem Land, in dem es mittlerweile alltäglich ist, dass Jugendliche und sogar Grundschüler zu Mördern werden, wie der Regisseur berichtet, schwache, überforderte Lehrer nicht in der Lage sind, sie zu beschützen, und die gesamte Gesellschaft, die vor solchen Problemen bereits kapituliert hat, versagt.
Das Thema ist realer, als man glauben möchte, und Serbien nicht das einzige Land, in dem Jugendliche zu Mördern werden. Schon mehrfach sorgten Amokläufe in den USA für Schlagzeilen. Auch in der Uckermark hat sich 2002 ein ähnlicher Fall zugetragen, den der Filmemacher Andres Veiel 2006 in dem verfilmten Theaterstück „Der Kick“ aufgriff, in dem er das unfassbare Verbrechen protokollarisch nachzeichnete.
Und doch sind die Zustände offenbar nirgendwo derart verheerend wie in Serbien, wo solche Szenarien den Worten des Regisseurs Miroslav Terzič nach schon fast alltäglich geworden sind.
Terzič vermeidet voyeuristische Bilder und erwirkt es gleichwohl über den Ton – Dialoge von erschütternder Gefühllosigkeit –, das Grauen im Kopf entstehen zu lassen. Die Kamera ruht dabei lange auf einer Schülerin, die während der Folter gelangweilt an ihrem Handy herumspielt und schließlich die Quälerei per Video aufzeichnet – Szenen, die fassungslos stimmen.

Internationale Stars zur 60. Jubiläumsausgabe

Generell präsentierte sich das osteuropäische Kino in der 60. Jubiläumsausgabe des kleinsten der sogenannten europäischen A-Festivals grausamer, gnadenloser und schmerzreicher denn je. Das zeigte sich auch daran, dass den Filmemachern zusehends der rabenschwarze Humor abhandengekommen ist, der ihr Kino in früheren Jahren noch auszeichnete.
Eine Tendenz, die ein Festival vor Probleme stellt. Nicht jeder Cineast will schwer verdauliche Filme sehen. Vielfach werde er darauf angesprochen, warum sich denn im Programm keine Komödien fänden, sagt Karel Och, der schon seit 25 Jahren für das Festival arbeitet, seit 15 Jahren als künstlerischer Leiter.
Eigentlich existiert das Festival in Karlovy Vary wie Cannes schon seit 1946, also seit 80 Jahren. Aber da es in den 1950er-Jahren lange Zeit – alternierend mit Moskau – nur alle zwei Jahre stattfinden konnte, kommen „nur“ 60 Jahre zusammen.

Hollywoodstar Dustin Hoffman wurde bereits zu Beginn des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlsbad (Karlovy Vary) mit dem Kristallglobus ausgezeichnet. Hoffman und seine Frau Lisa posieren bei ihrer Ankunft zur Eröffnung des Filmfestivals auf dem roten Teppich.

Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images

Die große Ambitioniertheit der Jubiläumsausgabe drückte sich vor allem in der Präsenz internationaler Stars aus. Dustin Hoffman und Juliette Binoche zeigten sich auf dem roten Teppich, um einen Kristallglobus für ihre außerordentlichen Leistungen für das Weltkino entgegenzunehmen.
Dass das osteuropäische Kino nicht nur quantitativ stark vertreten war, stand dem besonderen Jahrgang freilich ebenso gut an.

Verantwortung für das eigene Handeln und für die Geschichte

Verdient viel Beachtung beim Fachpublikum fand der bulgarische Beitrag „Black Money for White Nights“, der nur leider von der Jury übersehen wurde.
Im Zentrum stehen Marina und Gosha, ein Ehepaar Mitte 60, deren langer Traum einer Reise nach St. Petersburg platzt, als sie am Tag der Abreise bemerken, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind. Die gebuchten Busse und Flüge existieren nicht, die Reiseagentur ist aufgelöst, das Geld futsch. Aber es kommt noch schlimmer, treibt doch den Mann seine Entschlossenheit, die Gauner zu fassen, in die Arme noch schlimmerer Gangster.
Um die Einfalt der alten Leute einordnen zu können, die in ihrer Vertrauensseligkeit gegen Ganoven nicht gefeit sind, bedarf es allerdings einiger Vorkenntnisse bulgarischer Geschichte, die der Film nicht thematisiert: Im Kommunismus wurde diese Generation in permanenter Kontrolle wie Kinder bevormundet, klärt Regisseurin Katarina Grozeva auf, sodass sie keine Eigenständigkeit entwickeln konnte, sich fatalerweise sogar noch behütet fühlte. Und so lernten diese Menschen nicht, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Einem anderen Kapitel geschichtlicher Aufarbeitung widmet sich der tschechische Filmemacher Ivan Ostrochovský. „Only beautiful things to look at“ widmet sich Romafrauen, die in Zeiten des Kommunismus genötigt wurden, sich sterilisieren zu lassen, insbesondere wenn sie eine Abtreibung anstrebten.
Der Tscheche nähert sich dieser harten Thematik von sehr menschlicher Seite und in großer Komplexität an, erhebt keine einseitige Anklage gegen verantwortliche Ärztinnen, sondern sensibilisiert auch dafür, dass ihnen Diskriminierung und Körperverletzung an Romafrauen, die mitunter schon mit den vielen Kindern, die sie bereits hatten, überfordert schienen, nicht bewusst werden konnten.

Krisen, Geld und prekäre Familienverhältnisse

Das Kino aus Westeuropa und Südamerika gab sich in Karlovy Vary allerdings kaum positiver.
Was zahlreiche Mütter in Kolumbien durchmachen, deren Kinder im Zuge bewaffneter Guerillakämpfe verschleppt und ermordet wurden, ließ sich berührend hautnah in der unspektakulären, spirituell reizvoll angehauchten Erzählung „Five years, four months“ erleben.
Sie widmet sich zwei Frauen, die auf ihrer leidvollen Suche nach Gewissheit zwei jungen Männern begegnen, die über ihre vermissten Söhne mehr wissen, als sie zu hoffen wagten.
Vor allem aber wirtschaftliche Krisen, das leidige Geld und prekäre Familienverhältnisse waren überregional ein großes Thema.
In dem Schweizer Beitrag „A Happy Family“ kämpft beispielsweise eine alleinerziehende Mutter (großartig: Anna Schinz, verdient ausgezeichnet als beste Darstellerin) mit der Bewältigung ihres Alltags zwischen mehreren Jobs um ihre Kinder und ihre Würde.

11. Juli 2026: Die Schweizer Schauspielerin und Autorin Anna Schinz posiert bei der Abschlusszeremonie des 60. Internationalen Filmfestivals von Karlovy Vary in Tschechien mit dem Preis als beste Schauspielerin für ihren Film „A Happy Family“.

Foto: Michal Cizek/AFP via Getty Images

Der dänische Film „The Guest“ von Mads Mengels erinnert mit langen, konfliktreichen Dialogen innerhalb einer Familie an Meisterwerke des skandinavischen Kinos von Ingmar Bergmann, Lars von Trier oder Thomas Vinterberg. Das stark besetzte Kammerspiel, getragen von der grandiosen Trine Dyrholm als einer psychisch angeknacksten Großmutter, gewann verdient den Großen Preis der Jury und den Regiepreis.

Feierstimmung auf die Straße verlagert

Den Kristallglobus für den besten Film vergab die Jury überraschend an „Fruit Gathering“ von Aung Phyoe. Es mag gewiss die erste Produktion aus Myanmar sein, die allemal feinfühlig von der in Asien tabuisierten Liebe zwischen zwei Frauen erzählt.
Und doch kann sich der Regisseur nicht richtig entscheiden, ob er nun eigentlich von prekären Arbeitsverhältnissen in einer Textilfabrik erzählen will oder der Schwerpunkt auf der unerfüllten Liebe einer lesbisch veranlagten jungen Arbeiterin zu ihrer heterosexuellen Kollegin liegen soll.
Beiden Themen geht der Film nur marginal auf den Grund. Und neue Erkenntnisse zu zahlreichen anderen Coming-out-Filmen kommen nicht dazu.
Dagegen wagt Regisseur Nader Saeivar in dem deutschen Beitrag „Hijamat“ immerhin einen mutigen kritischen Blick auf den Islam hinsichtlich ihrer sexuellen Identität. Zumindest begehren die beiden homosexuellen Protagonisten, zwei in Berlin lebende Brüder, gegen die fundamentalistischen Positionen ihres Imams zunehmend auf.
Insgesamt bewegte sich der Wettbewerb auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Das erscheint angesichts der großen Konkurrenz seitens der größeren, renommierteren Festivals in Cannes und Venedig beachtlich.
International höchst attraktiv erscheint das Festival nicht zuletzt deshalb, weil Karlovy Vary zahlreiche Produktionen nachspielt, die erst vor wenigen Monaten in Cannes liefen, bevor sie regulär ins Kino kommen. Und die große Feierstimmung, die im Kino angesichts so vieler trauriger Geschichten ausblieb, verlagerte sich auf die Straßen.
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Der Freund – von Joseph Freiherr von Eichendorff

Der Freund

Der auf den Wogen schliefe,
ein sanft gewiegtes Kind,
kennt nicht des Lebens Tiefe,
vor süßen Träumen blind.
Doch wen die Stürme fassen
zu wildem Tanz und Fest,
wen hoch auf dunklen Straßen
die falsche Welt verläßt:
Der lernt sich wacker rühren,
durch Nacht und Klippen hin
lernt er das Steuer führen
mit sichrem ernsten Sinn.
Der ist vom echten Kerne,
erprobt zu Luft und Pein,
der glaubt an Gott und Sterne,
der soll mein Schiffmann sein!
 
Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857)
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Vom Selbstporträt zum Selfie: Selbstdarstellung im Wandel der Zeit

Lange bevor das erste „Selfie“ entstand, gab es bereits das Selbstporträt. Seine Geschichte reicht Jahrhunderte zurück und entspringt denselben Impulsen, die auch heute noch digitale Schnappschüsse antreiben: die eigene Existenz festzuhalten, den eigenen Beruf hervorzuheben und den eigenen Platz in der Welt zu erkunden.
Diese Motivation ist über die Zeit erstaunlich konstant geblieben. Von den Werkstätten der Renaissance über die Ateliers des Barock bis weit darüber hinaus nutzten Künstlerinnen und Künstler ihr eigenes Abbild sowohl als Motiv als auch als Studienobjekt. Das Selbstporträt in all seinen Formen ist eine weltweit bedeutende Praxis künstlerischer Selbstreflexion, die sowohl die Persönlichkeit der Schaffenden als auch den historischen Moment, in dem sie lebten, offenbart.

Albrecht Dürer

Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, von Albrecht Dürer. Öl auf Lindenholz, 67,1 × 48,9 cm. Alte Pinakothek, München.

Nach einer Ausbildung zum Goldschmied avancierte Albrecht Dürer (1471–1528) zu einem der einflussreichsten Künstler und Kunsttheoretiker seiner Zeit. Sein vielseitiges Werk umfasst Kupferstiche, Altargemälde, Porträts, Aquarelle und Bücher. Dürer pflegte Kontakte zu führenden italienischen Künstlern seiner Epoche, darunter Raphael, Giovanni Bellini und Leonardo da Vinci, was seine intensive Auseinandersetzung mit zentralen Ideen der Renaissance widerspiegelt.
In diesem eindrucksvollen Selbstporträt aus dem Jahr 1500 zeigt sich Dürer dem Betrachter frontal zugewandt, gekleidet in einen pelzbesetzten Mantel. Diese Komposition vermittelt Autorität und Selbstbewusstsein. Mit diesem Bild betont er nicht nur seine künstlerische und intellektuelle Identität, sondern auch seinen gehobenen gesellschaftlichen Status. Damit sichert er sich seinen Platz als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der nordischen Renaissance.

Leonardo da Vinci

„Porträt eines Mannes in roter Kreide“, 1517–1518, von Leonardo da Vinci. Rote Kreide auf Papier, 33,3 × 21,6 cm. Königliche Bibliothek Turin, Italien.

Leonardo da Vinci (1452–1519) gilt oft als Inbegriff des universalen Künstlers der Renaissance. Er hinterließ ein einzigartiges Werk von nahezu 2.500 Zeichnungen aus den Bereichen Kunst, Anatomie und Ingenieurwesen. Unter ihnen befindet sich eine Rötelzeichnung, die allgemein als sein Selbstporträt akzeptiert wird.
Das „Porträt eines Mannes in roter Kreide“ zeigt da Vinci als alten Mann mit langem Bart und tief gezeichneten Gesichtszügen. Auch wenn die Zuschreibung dieser Selbstskizze aus jüngerer Zeit ungewiss bleibt, wurde das Bild zu seinem bekanntesten Porträt. Es spiegelt seine gründlichen Studien der menschlichen Anatomie und Mimik wider.

Catharina van Hemessen

Selbstporträt an der Staffelei, 1548, von Catharina van Hemessen. Öl auf Eichenholz, 32,4 × 25,2 cm. Kunstmuseum Basel, Schweiz.

Dieses kleine Selbstporträt zeigt die flämische Malerin Catharina van Hemessen (1528 bis nach 1567), wie sie mit Pinsel und Palette an ihrer Staffelei sitzt. Bemerkenswert ist ihr dunkles Samtkleid, das zum Malen ungeeignet gewesen wäre und vermutlich ihren gesellschaftlichen Status betonen sollte.
Das Werk gehört zu den frühesten Gemälden, die eine Künstlerin aktiv beim Malen zeigen. Van Hemessen war als professionelle Malerin anerkannt und arbeitete häufig für wohlhabende Auftraggeber in Nordeuropa.

Sofonisba Anguissola

Selbstporträt an der Staffelei, 1556, von Sofonisba Anguissola. Öl auf Leinwand, 66 × 57 cm. Schloss Łańcut, Polen.

Im Jahr 1554 forderte Michelangelo die damals 22-jährige italienische Malerin Sofonisba Anguissola auf, ein Werk zu schaffen, das Emotionen überzeugend vermittelt. Nachdem sie ihr Können unter Beweis gestellt hatte, begann eine etwa zweijährige informelle Lehrzeit bei ihm.
Gegen Ende dieser Zeit vollendete sie ein Selbstporträt, das sie an einer Staffelei zeigt (1556). Ihr sorgfältig geflochtenes Haar, ihre geschmackvolle Kleidung und ihr fester Blick strahlen Selbstbewusstsein und Würde aus. Das in Arbeit befindliche Gemälde unterstreicht ihre Identität und Autorität als Künstlerin.
Als ihr Ruf wuchs, wurde Anguissola im Jahr 1559 an den Hof Philipps II. von Spanien in Madrid eingeladen. Dort malte sie Porträts und diente als Begleiterin der Infantin Isabella Clara Eugenia sowie als Hofdame von Elisabeth von Valois. Sie malte bis ins hohe Alter weiter und wurde stolze 93 Jahre alt.

Rembrandt van Rijn

Selbstporträt, 1660, von Rembrandt. Öl auf Leinwand, 114,3 × 94 cm. Kenwood House, London.

Rembrandt van Rijn (1606–1669) nutzte das Selbstporträt wie ein visuelles Tagebuch, in dem er sein Leben dokumentierte. Über Jahrzehnte hinweg kehrte er immer wieder zu seinem eigenen Abbild zurück. Seine Werke zeichnen eine Entwicklung von Selbstsicherheit hin zu tiefer Selbstreflexion nach.
In diesem Selbstporträt vermittelt er mit seinem direkten Blick und seiner selbstbewussten Haltung sowohl Präsenz als auch innere Tiefe, was einen starken Kontrast zu seiner schlichten Arbeitskleidung bildet. Seine meisterhafte Beherrschung des Chiaroscuro, bei dem Figuren aus tiefem Schatten durch eine einzelne konzentrierte Lichtquelle hervortreten, verleiht seinen Porträts eine eindringliche emotionale Intensität.

Sir Godfrey Kneller

Selbstporträt, 1685, von Godfrey Kneller. Öl auf Leinwand, 75,5 × 62,9 cm. National Gallery, London.

Sir Godfrey Kneller (1646–1723) war als Hofmaler englischer und britischer Monarchen des 17. Jahrhunderts, darunter König Charles II. und König George I., eine zentrale Figur in der Entwicklung aristokratischer Porträtkunst.
In seinem Selbstporträt aus dem Jahr 1685 präsentiert er sich kultiviert und gefasst. In mehreren Selbstbildnissen, die im Laufe seines Lebens entstanden, formte Kneller sein eigenes Abbild bewusst als Ausdruck seines gesellschaftlichen Status. Er stellte sich so dar, wie er gesehen werden wollte: als angesehener und erfolgreicher Künstler.

Marie-Gabrielle Capet

Selbstporträt, um 1783, von Marie-Gabrielle Capet. Öl auf Leinwand, 77,5 × 59,5 cm. National Museum of Western Art, Tokio.

Marie-Gabrielle Capet (1761–1818) war eine französische Malerin aus einfachen Verhältnissen, über deren formale Ausbildung nur wenig bekannt ist. Dennoch entwickelte sie eine vielseitige Praxis im neoklassizistischen Stil und arbeitete mit Pastell-, Aquarell- und Ölmalerei.
In ihrem um 1783 entstandenen Selbstporträt zeigt sich Capet entsprechend den verfeinerten Schönheitsidealen ihrer Zeit: mit porzellanartiger Haut, zart geröteten Wangen und eleganter Kleidung. Mit zurückhaltender Selbstsicherheit hält sie einen Zeichenstifthalter in der Hand und schenkt dem Betrachter ein sanftes, wissendes Lächeln.
Capets Fähigkeiten verschafften ihr einen ausgezeichneten Ruf als Porträtistin und Historienmalerin. Zu ihrem Werk gehört eine große Anzahl von Miniaturporträts, von denen sich heute viele im Louvre befinden.

Joseph Ducreux

Selbstporträt, um 1790, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 73 cm.

Joseph Ducreux (1735–1802) ist bekannt für seine Porträts aristokratischer Persönlichkeiten wie Marie Antoinette. Er verlieh seinen Werken jedoch häufig eine starke persönliche und humorvolle Note. So schuf er eine Reihe spielerischer Selbstporträts, die bewusst mit den formellen Konventionen seiner Zeit brachen.
Seine Faszination für die Physiognomik prägte seine Kunst maßgeblich. Sie schärfte seinen Blick für Details und half ihm, Porträts von großer Individualität und psychologischer Feinfühligkeit zu schaffen. Dies wird besonders in seinem „Selbstporträt als Spötter“ deutlich, in dem sein übertriebener Gesichtsausdruck durch eine lebhafte Pose verstärkt wird – der ausgestreckte Finger scheint den Betrachter neckisch direkt anzusprechen. Gerade dieser humorvolle Charakter ließ das Werk bis heute fortleben und verhalf ihm sogar zu neuer Popularität als weitverbreitetes Internetmeme.

„Selbstporträt als Spötter“, um 1793, von Joseph Ducreux. Öl auf Leinwand, 91 × 72 cm. Louvre, Paris.

Charles Willson Peale

Der Künstler in seinem Museum, 1822, von Charles Willson Peale. Öl auf Leinwand, 263,5 × 202,9 cm. Philadelphia Museum of Art.

Charles Willson Peale (1741–1827) malte dieses Selbstporträt im Alter von 81 Jahren. Darin präsentiert er das Vermächtnis, an das sich die Welt erinnern sollte: das eines US-amerikanischen Malers, Wissenschaftlers und hingebungsvollen Familienvaters. Im Laufe seiner Karriere porträtierte Peale zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Benjamin Franklin, John Hancock, Thomas Jefferson, Alexander Hamilton und George Washington. Zudem gründete er zwei Kunstakademien, darunter die Pennsylvania Academy of the Fine Arts, sowie das erste Museum der USA.
In diesem Selbstporträt aus dem Jahr 1822 zieht Peale einen dramatischen roten Vorhang beiseite und gibt seine Sammlungen aus den Bereichen Kunst und Naturgeschichte frei. Der Blick fällt auf Reihen präparierter Tiere, das Skelett des Mastodons, dessen Ausgrabung er selbst unterstützt hatte, sowie auf Wände voller Porträts bedeutender US-amerikanischer Persönlichkeiten.
Über Jahrhunderte und Kulturen hinweg bot das Selbstporträt Kunstschaffenden die Möglichkeit, auszudrücken, wer sie in einem bestimmten Moment ihres Lebens waren. Durch Entscheidungen bezüglich Kleidung, Komposition und Lichtführung sind Selbstporträts – ebenso wie Selfies – sorgfältig inszenierte Darstellungen einer bestimmten Version des eigenen Selbst. Wenn Sie also das nächste Mal jemanden ein Selfie machen sehen, lohnt es sich, daran zu denken, dass diese Person Teil einer jahrhundertealten Tradition der visuellen Selbstdarstellung ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Original Selfie: A History of Self-Portraiture Through the Ages“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Warum es so schwer ist, sich selbst zu verstehen

Es gibt ein Thema, in dem jeder von uns Experte sein sollte: die eigene Person. Doch wie viele von uns sind das tatsächlich? Obwohl unser eigener Verstand und unser Charakter uns so nah und vertraut sind, bleiben sie auf mysteriöse Weise undurchsichtig.
„Warum ist es für mich ein lebenslanges Unterfangen, Einsicht in meine eigenen Gedanken, Gewohnheiten, Impulse, Beweggründe oder gar in das Wesen des Geistes an sich zu gewinnen?“, fragte sich die Philosophieprofessorin Therese Cory. „Dieses Rätsel wird als das Problem der ‚Selbstundurchsichtigkeit‘ bezeichnet – und wir sind nicht die Ersten, die darüber nachdenken.“ Cory erläutert, dass sich Philosophen bereits im antiken Griechenland und im mittelalterlichen Europa mit dem Geheimnis des Selbst auseinandersetzten und darüber staunten, wie schwierig es ist, es wirklich zu erfassen.
„Es ist ein weitverbreiteter wissenschaftlicher Mythos, dass die Philosophen der Frühen Neuzeit – angefangen bei Descartes – die Idee des Menschen als ‚Selbst‘ oder ‚Subjekt‘ erfunden hätten“, merkt Cory an. „Genau wie Philosophen und Neurowissenschaftler heute waren auch mittelalterliche Denker neugierig hinsichtlich der Frage, warum der Geist sich selbst so vertraut und doch so unzugänglich ist. Doch tatsächlich spekulierten lateinische und islamische Denker des Mittelalters schon lange vor Freud über einen unbewussten, unzugänglichen Teil des Geistes.“
Diese klassischen Denker vermitteln Einsichten, die uns helfen, zu verstehen, auf welche Weise und aus welchen Gründen wir zu größerer Selbsterkenntnis gelangen können. Ihr Denken ist heute genauso relevant wie zu jener Zeit, als sie erstmals über das geheimnisvolle und schwer fassbare Wesen der menschlichen Seele nachdachten.

Selbstreflexion

Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel (Marcus Aurelius) erkannte den Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und der Rationalität, die uns Menschen auszeichnet. „Die Eigenschaften der vernünftigen Seele sind: Sie beschaut sich selbst, zergliedert sich selbst und bildet sich selbst nach eigenem Gefallen“, schrieb er in seinen „Selbstbetrachtungen“. Die rationale Seele sollte sich diesen Praktiken der Selbstreflexion widmen. Wenn sie dies tut, genießt sie selbst „die Frucht, die sie trägt. […] Sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wie kurz auch immer das Leben sein mag.“
Marc Aurel wusste in der Tat, was Erfolg bedeutet. Als er den Lorbeerkranz der Cäsaren trug, befand sich das Römische Reich nahe dem Höhepunkt seiner Macht. Er herrschte über 55 bis 70 Millionen Menschen. Daher verdienen seine Worte besondere Beachtung.
Wer seine eigenen Stärken und Schwächen, seine schlechten Gewohnheiten und seine besten Impulse nicht versteht, wird sich schwer damit tun, Großes zu erreichen. Er wird für immer von einem unsichtbaren Feind behindert. Was wir nicht erkennen, können wir nicht überwinden: die Charakterschwächen, die unsere Erfolge sabotieren.

„Marc Aurels Auszug aus Vindobona“ von Anton Hoffmann, 1920.

Foto: gemeinfrei/Artvee

Beobachten Sie, wie Sie mit der Welt interagieren

Um unsere Gewohnheiten zu ändern, müssen wir uns ihrer zunächst bewusst werden. Warum dieses Wissen nützlich ist, liegt auf der Hand. Wenn Ihr Geld beispielsweise sofort wieder verschwindet, nachdem es im Portemonnaie gelandet ist, können Sie das Problem erst angehen, wenn Ihnen die dahinterstehende unbedachte Gewohnheit bezüglich des Geldausgebens bewusst wird.
Für den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin ist Selbsterkenntnis jedoch auch aus weiteren Gründen wertvoll – jenseits des praktischen Bestrebens, unangenehme Gewohnheiten zu korrigieren. Laut Aquin ist jede Wahrheit an und für sich gut, da sie die menschliche Natur veredelt und vervollkommnet. Die menschliche Natur ist nämlich rational und somit auf die Wahrheit als eines ihrer höchsten Güter ausgerichtet. Die Wahrheit verschafft uns einen besseren Zugang zur Wirklichkeit, nach der sich unser Verstand und unser Herz sehnen. Je höher oder edler die erkannte Wahrheit ist, desto wertvoller ist sie.
Da die menschliche Seele zu den kostbarsten Wesenheiten gehört, denen wir begegnen, ist das Wissen über sie von unschätzbarem Wert. Eine Möglichkeit, dieses Wissen zu erlangen, ist unsere Selbstbeobachtung, unser „Platz in der ersten Reihe“, von dem aus wir die Vorgänge der menschlichen Natur in uns selbst beobachten können.
Wie Cory erklärt, beginnt all unsere Selbsterkenntnis mit dem Bewusstsein dafür, wie wir mit der Welt interagieren. Der Verstand ist an sich dunkel, doch wenn er handelt oder mit der Welt in Kontakt tritt, wird er von innen heraus erhellt und „sieht“ sich selbst im Akt des Denkens und Erkennens. Thomas von Aquin zufolge begegnen wir uns nicht als ein isoliertes Verstandeswesen oder ein Selbst, sondern wir erleben uns stets als Handelnde, die mit ihrer Umwelt interagieren.

„Ciceros Rede gegen Catilina“ von Cesare Maccari, 1889. Das Fresko zeigt den römischen Senator Cicero, wie er im römischen Senat Catilinas Verschwörung zum Sturz der Republik anprangert.

Foto: gemeinfrei

Obwohl wir einen Platz in der ersten Reihe haben, um die Aktivitäten unseres eigenen Geistes zu beobachten, bleibt der Vorhang manchmal geschlossen. Etwas zu erleben bedeutet nicht automatisch, dass wir es komplett verstehen. Hier kommt eine kritischere und bewusstere Selbstwahrnehmung ins Spiel. „Die Bedeutung dieser Erfahrungen – was sie sind, was sie mir über mich selbst und über das Wesen des Geistes verraten – erschließt sich erst durch weitere Erfahrungen und sorgfältiges Nachdenken“, so Cory. Selbsterkenntnis entsteht durch die nach innen gerichtete Reflexion darüber, was wir erlebt haben, wie wir darauf reagiert haben und welche Bedeutung wir dem Ganzen beimessen.
Dazu gehört, dass wir das Tempo herausnehmen und uns weder von unseren Eindrücken noch von unseren Emotionen mitreißen lassen. Stattdessen brauchen wir genügend innere Distanz, um wahrzunehmen, was in unserem eigenen Inneren geschieht. Der stoische Philosoph Epiktet formuliert diesen Gedanken in seinen „Unterredungen“ (II. 18) treffend: „Das stelle dir vor Augen und du wirst die Vorstellung besiegen und dich von ihr nicht hinreißen lassen. Zuerst laß dich nicht durch deine Hitzigkeit fortreißen, sondern sage: Warte ein wenig auf mich, Vorstellung, ich möchte sehen, wer du bist, und was du enthältst, laß dich einmal prüfen!“
„Gleichzeitig“, warnte Cory, „geht es bei der Beantwortung dieser Frage nicht darum, dass wir uns aus der Welt zurückziehen und nur noch mit uns selbst beschäftigt sind. Es geht vielmehr darum, uns im Moment der Interaktion mit der Realität unserer selbst bewusster zu werden und schlussfolgern zu können, was unsere Handlungen und Aktivitäten in Bezug auf andere Dinge über uns ‚aussagen‘. Das ist Thomas von Aquins ‚Rezept‘ für ein tieferes ‚Selbst-Bewusstsein‘.“

Wahre Freunde sind ein Spiegel unserer selbst

Eine weitere Möglichkeit, unser Selbstverständnis durch den Blick nach außen zu vertiefen, verdanken wir einem der Lieblingsphilosophen von Thomas von Aquin: Aristoteles. Laut der Philosophin Mavis Biss vertrat Aristoteles die Auffassung, dass Freundschaft ein Weg zur Selbsterkenntnis sein kann. In seiner Philosophie basiert Freundschaft auf einer grundlegenden Ähnlichkeit zwischen den Freunden. Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, die ähnliche Eigenschaften, Interessen und Wertvorstellungen haben wie wir selbst. Die höchste Form der Freundschaft besteht für Aristoteles daher in der Verbindung tugendhafter Menschen, die einander dabei unterstützen, in ihrer Tugend weiterzuwachsen und sich gemeinsam zu entfalten.

„Aristoteles unterrichtet Alexander den Großen“, Stich von Charles Laplante aus dem Jahr 1866.

Foto: gemeinfrei

Da wahre Freunde einander ähneln, können sie einander bis zu einem gewissen Grad als Spiegel dienen. Aristoteles’ Argument konzentriert sich auf die Ähnlichkeit der Charaktere von Freunden. Dadurch ist das Erkennen des Freundes „in gewisser Weise auch ein Wahrnehmen und Erkennen seiner selbst“, erläuterte Biss. „Da der Freund mit größerer Objektivität betrachtet werden kann als das eigene Selbst, dient die Erkenntnis des Charakters des Freundes – kombiniert mit dem ‚intuitiv empfundenen‘ Wissen um die eigene Ähnlichkeit zum Freund – als eine Art ‚Brücke‘ zur Selbsterkenntnis. Auf diese Weise bietet Selbsterkenntnis, die durch Freundschaft vermittelt wird, einen Schutz vor Selbsttäuschung.“
In wahrhaft guten Freundschaften können Freunde einander auch um ehrliche Rückmeldungen bitten. Wenn wir einem Freund wirklich vertrauen, sollten wir keine Scheu haben, ihn zu bitten, uns etwas über unsere Stärken und Schwächen mitzuteilen. Dies bietet dem Freund die Gelegenheit, eine wunderbare Geste der Liebe zu vollbringen: Jemandem dabei zu helfen, sich selbst besser zu verstehen, ist ein Geschenk, wodurch er reifen und seinem vollen Potenzial als Mensch näherkommen kann.
Wie die Soziologin Sherry Turkle angemerkt hat, ermöglicht uns die Entwicklung einer tieferen Selbsterkenntnis schließlich auch, mehr von uns selbst zu geben. Wenn wir verstehen, wer wir sind, wenn wir geerdet sind und uns in aller Ruhe unserer Identität bewusst sind, können wir für andere auf aufrichtigere Weise da sein und tiefere Beziehungen zu ihnen aufbauen. Somit könnte man sagen, dass Freundschaft sowohl ein Mittel als auch eines der ultimativen Ziele der Selbsterkenntnis ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Understanding Yourself Is So Difficult, and What Ancient Philosophers Can Teach Us“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Sonett 18 – von William Shakespeare

Sonett 18

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
Nach kurzer Dauer muß sein Glanz verbleichen,
Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.
Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
Oft ist verdunkelt seine goldne Bahn,
Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
Ist wechselndem Geschicke untertan.
Dein ew’ger Sommer doch soll nie verrinnen,
Nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
Solange Menschen atmen, Augen sehn,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergehn!
 
von William Shakespeare (1564–1616)
in einer Übersetzung von Max Joseph Wolff (1868–1941)
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25 alltägliche Wunder, die man nicht immer so wahrnimmt

„Der späte G. K. Chesterton sagt in einem Lebensrückblick, er habe seit jeher die Überzeugung gehabt, ‚die fast mystische Überzeugung von dem Wunder in allem, was existiert, und von der aller Erfahrung wesenhaft innewohnenden Entzückung‘“, schrieb Josef Pieper in „Glück und Kontemplation“.
Der deutsche Philosoph sah tiefgreifende Weisheit und Wahrheit in Chestertons Beobachtung. Er fuhr fort: „Diese herzhafte Formulierung besagt mehreres: Jedes Ding birgt und verbirgt auf seinem Grunde ein göttliches Ursprungszeichen; wer es zu Gesicht bekommt, ‚sieht‘, daß dieses und alle Dinge über jegliches Begreifen ‚gut‘ sind; er sieht es und ist glücklich.“
Dennoch kann es schwierig sein, dieses Wunder zu erkennen, das in allen Dingen existiert. Wir werden mit dem Leben vertraut, und es verliert seinen Glanz. Routine dämpft unsere Aufmerksamkeit für das Wunderbare.
Um dieses Gefühl des Staunens und das Bewusstsein für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen wiederzuerwecken, gibt es hier 25 Fakten.

Wenn sterbende Sterne wiedergeboren werden

Sowohl die Implosion von Sternen als auch deren Verschmelzung lösen Fusionsreaktionen aus, die Unmengen von Edelmetallen und schweren Elementen in den interstellaren Raum freisetzen.
Sterbende Sterne liefern die Rohmaterialien, die benötigt werden, um alles zu erschaffen, was wir im Universum sehen. Es ist ein kosmischer Prozess von Tod und Wiedergeburt. Im Grunde genommen sind wir Sternenstaub.

Die Erde, fein abgestimmt auf das Leben

Die Erde ist in vielerlei komplexer Hinsicht fein auf das Leben abgestimmt. Als sie entstand, herrschten genau die richtigen Bedingungen, um Leben zu ermöglichen. Auf der Erdkruste waren Stickstoff und Phosphor in den richtigen Mengen vorhanden. Zudem erzeugt der Erdkern ein Magnetfeld, das die Erde vor schädlichen Sonnenpartikeln und kosmischer Strahlung schützt.
Die Erde verfügt außerdem über die magische Flüssigkeit, die wir als Wasser bezeichnen – und die gar nicht so häufig vorkommt, wie man vielleicht denken könnte. Wasser ist für die chemischen Prozesse, die das Leben ermöglichen, unerlässlich. Schließlich befindet sie sich in Bezug auf die Sonne in der sogenannten „Goldlöckchen-Zone“, der bewohnbaren Zone eines Sterns, die weder zu heiß noch zu kalt ist.
Die Erdatmosphäre, das Magnetfeld und der reichliche Vorkommen von flüssigem Wasser sorgen gemeinsam dafür, dass der Planet Leben ermöglicht. Foto: NASA

Die Erdatmosphäre, das Magnetfeld und das reichliche Vorkommen von flüssigem Wasser sorgen gemeinsam dafür, dass der Planet Leben ermöglicht.

Foto: NASA

Der Soundtrack des Universums

Die Alten glaubten an eine wunderschöne und harmonische Musik, die als Ausdruck der Ordnung des Universums durch den Weltraum strahlt. Wie sich herausstellte, ist die „Sphärenmusik“ nicht nur eine poetische Idee oder ein bloßer Mythos. Tatsächlich bewegen sich viele Resonanzen und Radiowellen, die für das menschliche Ohr unhörbar sind, durch den Weltraum.
Moderne wissenschaftliche Geräte können einige dieser Wellen in hörbaren Schall umwandeln. Der tiefste je entdeckte Ton (57 Oktaven unter dem mittleren C) stammt aus dem supermassereichen Schwarzen Loch im Kern von NGC 1275, einer Galaxie im Perseus-Haufen.

Der Herzschlag der Erde

Objekte im Weltraum sind nicht die einzigen Dinge, die kosmische Klänge erzeugen. Auch die Erde „singt“.
Die Schumann-Resonanz ist eine Reihe von elektromagnetischen Resonanzen, die durch Blitze im Hohlraum zwischen der Erde und der Ionosphäre erzeugt werden. Sie wird manchmal als „Herzschlag der Erde“ beschrieben. Erste Forschungsergebnisse deuten sogar darauf hin, dass die Schumann-Resonanz eine wohltuende Wirkung auf die menschliche Gesundheit haben könnte.
Wissenschaftlern ist es gelungen, Protonen dazu zu bringen, in einem „Teilchen-Hymnus“ „wie eine Glocke zu läuten“, wie sie es kurz nach dem Urknall getan haben könnte. Jeden Morgen geht die Sonne auf, und wir erleben eine kleine Auferstehung, wenn aus einem Zustand der Unbewusstheit neues Leben zurückkehrt.

Nein, der Mond ist nicht grau

Der Mond weist auf seiner Oberfläche mehr Farben auf, als das menschliche Auge wahrnehmen kann.
Der Mond, geheimnisvoller Erd-Trabant. Foto: voraorn/iStock

Der Mond, geheimnisvoller Erd-Trabant.

Foto: voraorn/iStock

Die Neigung der Erdachse verursacht die Jahreszeiten

Die Jahreszeiten leiten sich aus der 23,5-Grad-Achsenneigung der Erde ab. Das führt dazu, dass Sonnenlicht einige Teile des Globus direkter trifft als andere.
Dieser Bereich verschiebt sich mit der Bewegung der Erde um die Sonne.

Das Geheimnis der unsterblichen Qualle

Man nennt sie die „Unsterbliche Qualle“ („Immortal Jellyfish“) oder wissenschaftlich „Turritopsis dohrnii“. Wenn dieses Lebewesen verletzt wird oder ausgehungert ist, kehrt es in ein früheres Lebensstadium zurück, anstatt zu sterben.
Bei ungünstigen Bedingungen oder Stress kann die adulte Turritopsis dohrnii ihre adulten Zellen wieder in Jugendzellen umwandeln. Dieser Prozess, die sogenannte Transdifferenzierung, ermöglicht es der Qualle, ihren Lebenszyklus neu zu beginnen. Foto: Bachware , CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bei ungünstigen Bedingungen oder Stress kann die adulte Turritopsis dohrnii ihre adulten Zellen wieder in Jugendzellen umwandeln. Dieser Prozess, die sogenannte Transdifferenzierung, ermöglicht es der Qualle, ihren Lebenszyklus neu zu beginnen.

Das Wunder der Kolibris

Der Rubinkehlkolibri ist ein Winzling in der Vogelwelt. Bei einer Größe von rund 8 Zentimetern wiegt er gerade einmal 3 Gramm – so viel wie eine 2-Cent-Münze. Doch er ist ein Hochgeschwindigkeitsathlet in der Natur.
Sein kleines Herz schlägt 20 Mal pro Sekunde, und dieses wunderschöne Vöglein vermag es, seine Flügel mit einer Frequenz von 50 Schlägen pro Sekunde in der Form einer Acht zu bewegen. Dabei kann er nicht nur auf der Stelle „schweben“, sondern auch vorwärts, rückwärts oder kopfüber fliegen.
Wer jetzt denkt, dass der kleine Kerl solche Höchleistung nur kurzfristig erzielen kann, wird eines Besseren belehrt. Der Rubinkehlkolibri schreckt auch nicht vor Langstreckenflügen zurück. Er kann durchaus bis zu 800 Kilometer ohne Zwischenlandung zurücklegen.

Hörst du die Bäume flüstern?

Es ist nicht nur eine erschreckend schöne Vorstellung aus J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“: Bäume sprechen wirklich miteinander. Die Ökologin Suzanne Simard entdeckte, dass Bäume Informationen und Nährstoffe über ein unterirdisches Netzwerk aus gitterartigen Pilzen austauschen.
In einigen Fällen nutzen die Bäume dieses Netzwerk sogar, um „Warnungen“ zu senden, nach Verwandten zu suchen oder Nährstoffe an andere Bäume zu übertragen, bevor sie sterben.
Unterirdische Pilznetzwerke verbinden Bäume und ermöglichen ihnen den Austausch von Nährstoffen und chemischen Signalen. Foto: audioundwerbung/iStock

Unterirdische Pilznetzwerke verbinden Bäume und ermöglichen ihnen den Austausch von Nährstoffen und chemischen Signalen.

Foto: audioundwerbung/iStock

Licht lässt Blumen blühen

Temperatur- und Lichtsignale aktivieren ein Pflanzenhormon namens Florigen, das in den Blättern produziert und zu den Triebspitzen transportiert wird.
Dann beginnt die Blume mit der Bildung von Blütenknospen.

Oktopusse sind wie Außerirdische

Oktopusse haben keine Knochen. Was sie haben, sind drei verschiedene Herzen, kupferbasiertes blaues Blut und Minigehirne in ihren Tentakeln.
Oktopusse können die Farbe und Beschaffenheit ihrer Haut verändern, um sich ihrer Umgebung anzupassen. Foto: IlyaAMT/iStock

Oktopusse können die Farbe und Beschaffenheit ihrer Haut verändern, um sich ihrer Umgebung anzupassen.

Foto: IlyaAMT/iStock

Fotosynthese verwandelt Licht in Energie

Überall um uns herum ist der Prozess der Fotosynthese ständig am Werk. Grüne Pflanzen wandeln Lichtenergie in chemische Energie um. Sie produzieren auch Kohlenhydrate aus Kohlendioxid und einer Wasserstoffquelle.

Bäume, zahlreicher als Sterne in der Galaxy

Es gibt mehr Bäume auf der Erde als Sterne in der Galaxie. Sie alle arbeiten daran, unsere Luft zu reinigen.

Das ältestes Restaurant ist über 300 Jahre alt

Das älteste Restaurant der Welt steht in Spaniens Hauptstadt Madrid. Doch es hat noch eine Besonderheit: Im Küchenofen des „Sobrino de Botín“ brennt seit 300 Jahren eine Flamme – ohne Unterbrechung. Während Napoleon, der Spanische Bürgerkrieg und auch COVID-19 kamen und gingen, die Flamme blieb – und sie brennt immer noch.
03. März 2014 – Das „Sobrino de Botín“ (Calle de los Cuchilleros, 17) – das älteste Restaurant der Welt (1725) – wurde von dem Franzosen Jean Botín gegründet. Ernest Hemingway besuchte das „Botín“ auf seinen Reisen nach Spanien häufig. Foto: znm/iStock

3. März 2014: Das „Sobrino de Botín“ (Calle de los Cuchilleros, 17), das älteste Restaurant der Welt (1725), wurde von dem Franzosen Jean Botín gegründet. Ernest Hemingway besuchte das „Botín“ auf seinen Reisen nach Spanien häufig.

Foto: znm/iStock

Wie David gegen Goliath

Im Juni 1694, in der Schlacht von Hodów (in der heutigen Ukraine), errichteten 400 Soldaten der Adelsrepublik Polen-Litauen eilig provisorische Befestigungen auf offenem Feld, um sich den anrückenden 40.000 Krimtataren entgegenzustellen.
Sie hielten nicht nur die Stellung, sondern zwangen die Angreifer sogar zum Rückzug. Mit einer Quote von – je nach Quelle – 100 : 1 war dies einer der unaugeglichensten Kämpfe der Geschichte, bei dem die zahlenmäßig deutlich unterlegene Seite siegte.

Babys sind ein wahres Wunder

Babys wachsen von der Empfängnis bis zur Geburt in ihrer Zellzahl beziehungsweise biologischen Masse um einen Milliardenfaktor. Doch irgendwie scheinen all diese sich vermehrenden Zellen im Körper eines Säuglings ganz genau zu wissen, wie sie sich ausrichten müssen, um ein Herz, ein Gehirn, zwei Augen, zwei Nieren, zwei Hände, zwei Füße und den ganzen übrigen Körper zu bilden.
Obwohl das Baby bekanntlich kein Meerestier ist, entwickelt es sich neun Monate lang im Fruchtwasser seiner Mutter. Erst dann „betritt“ es das Tageslicht und beginnt mit seinen kleinen Lungen den Sauerstoff in der Luft zu atmen. Dieser unvergleichlich komplexe Prozess, hat sich schon viele Milliarden Male in der Menschheitsgeschichte wiederholt.
Babys kommen mit 300 Knochen zur Welt, erwachsene Menschen hingegen nur mit 206. Viele der zusätzlichen Knochen bestehen aus Knorpel, um die Geburt zu erleichtern. Später verschmelzen sie zu den 206 Knochen eines Erwachsenen. Foto: Irina Gutyryak/iStock

Babys kommen mit 300 Knochen zur Welt, Erwachsene hingegen haben nur 206. Viele der zusätzlichen Knochen bestehen aus Knorpel, um die Geburt zu erleichtern. Später verschmelzen sie zu den 206 Knochen eines Erwachsenen.

Foto: Irina Gutyryak/iStock

Die Organisation des menschlichen Körpers

Wussten Sie, dass es 7.000.000.000.000.000.000.000.000.000 (~ 7 x 10²⁷) Atome erfordert – alle an ihrem richtigen Platz –, um Ihren Körper zu bilden?

Gehirne sind besser als Technologie?

Die 86 Milliarden Neuronen in Ihrem Gehirn verarbeiten in 30 Sekunden mehr Informationen als das Hubble-Weltraumteleskop in 30 Jahren. Zudem vermag das Gehirn 200 Exabytes an Informationen zu speichern.

Ihre DNA erstreckt sich über Galaxien hinweg

Würde man die gesamte DNA in Ihrem Körper von einem Ende zum anderen ausstrecken, würde sie sich über eine Entfernung von 10 Milliarden Meilen erstrecken.
Wie Bill Bryson in „Der Körper: Eine Anleitung für Insassen“ (Originaltitel: „The Body: A Guide for Occupants“) schreibt: „Es ist genug von Ihnen vorhanden, um das Sonnensystem zu verlassen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes kosmisch.“ (x0132There is enough of you to leave the solar system. You are in the most literal sense cosmic.x0147)

Die Heilkraft von Musik

Musik aktiviert das gesamte Gehirn, setzt Endorphine frei, lindert Schmerzen und kann den Zugang zu verlorenen Erinnerungen wiederherstellen. In Shakespaers „Viel Lärm um nichts“ (englischer Originaltitel: „Much Ado About Nothing“) sagt die Figur Benedikt in Bezug auf ein gängiges Material für die Saiten von Musikinstrumenten: „Ist es nicht seltsam, daß Schafdärme die Seele aus eines Menschen Leibe ziehn können?“
Detail aus Johann Sebastian Bachs Manuskript mit dem zweiten Satz „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3. Foto: Unbekannt, gemeinfrei

Detail aus Johann Sebastian Bachs Manuskript mit dem zweiten Satz „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3.

Gute Beziehungen bringen Gesundheit und Glück

Der größte Indikator für ein glückliches und gesundes Leben ist nicht Ruhm oder Geld, sondern die Qualität Ihrer Beziehungen. Das hat die längste Studie über menschliches Glück herausgefunden, die jemals durchgeführt wurde.
Starke soziale Beziehungen stehen in einem nachweislichen Zusammenhang mit besserer körperlicher Gesundheit und höherer Lebenserwartung. Foto: Jacob Wackerhausen/iStopck

Starke soziale Beziehungen stehen in einem nachweislichen Zusammenhang mit besserer körperlicher Gesundheit und höherer Lebenserwartung.

Foto: Jacob Wackerhausen/iStock

Unsere Herzen können sich synchronisieren

Wenn sich zwei Liebende in die Augen schauen, synchronisieren sich ihre Herzfrequenzen. Und das Betrachten eines Bildes eines geliebten Menschen lindert körperliche Schmerzen.

Was denken Sie über Nahtoderfahrungen (NTE)?

Etwa 15 Prozent der Patienten auf Intensivstationen berichten über Nahtoderfahrungen. Beim Vergleich und der Analyse verschiedener NTEs wurden einige gemeinsame Merkmale festgestellt: Sinneswahrnehmung außerhalb des physischen Körpers, das Durchqueren eines Tunnels, die Begegnung mit mystischem Licht, eine Rückschau auf das eigene frühere Leben und die Begegnung mit verstorbenen geliebten Menschen.
Menschen, die von NTEs berichten, bezeugen oft Ereignisse, von denen sie unmöglich hätten wissen können – es sei denn, sie wären von ihren physischen Körpern getrennt gewesen.
Nahtoderfahrungen deuten auf eine weitere Dimension des Mysteriums von Leben und Tod hin. Foto: bestdesigns/iStock

Nahtoderfahrungen geben einen Einblick in eine weitere Dimension des Mysteriums von Leben und Tod.

Foto: bestdesigns/iStock

Ehrfurcht liegt in unserer Reichweite

Laut Dacher Keltners Buch „Awe: The New Science of Everyday Wonder and How It Can Transform Your Life“ (zu Deutsch etwa: „Ehrfurcht: Die neue Wissenschaft des alltäglichen Staunens und wie sie Ihr Leben verändern kann) sind Erfahrungen, die Ehrfurcht hervorrufen, nicht schwer zu erlangen. Über die Teilnehmer seiner Forschung schrieb Keltner:
„Menschen erleben Ehrfurcht zwei- bis dreimal pro Woche, das ist alle paar Tage einmal. Sie finden das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen: die Großzügigkeit eines Freundes gegenüber einer obdachlosen Person auf der Straße; den Duft einer Blume; den Anblick eines belaubten Baumes, dessen Licht und Schatten auf dem Gehweg spielt; das Hören eines Liedes, das sie zurückversetzt in die Zeit ihrer ersten Liebe … Alltägliche Ehrfurcht.“

„People experience awe two to three times a week, that’s once every couple of days. They find the extraordinary in the ordinary: a friend’s generosity to a homeless person in the streets; the scent of a flower; looking at a leafy tree’s play of light and shadow on a sidewalk; hearing a song that transported them back to a first love … Everyday awe.“

Ehrfurcht zu fühlen macht uns glücklicher

Ehrfurcht zu erfahren – eine überwältigende Emotion des Staunens, der Angst und der Begeisterung angesichts von etwas Schönem und Mächtigem – hat tatsächlich nachweisbare physiologische Wirkungen. Die Forschung deutet darauf hin, dass Erfahrungen von Ehrfurcht uns glücklicher, gesünder und sozial stärker verbunden machen. Sie kann uns sogar dabei helfen, altruistischer zu handeln.
Wie der letzte Punkt auf dieser Liste zeigt, ist Ehrfurcht ein entscheidender Aspekt des menschlichen Lebens. Von der Schönheit bewegt und in uns selbst versunken zu sein – sei es eine Blume, ein Stern, ein geliebter Mensch, oder das Universum selbst –, was könnte zutiefst menschlicher sein als das? Was könnte erfüllender sein?
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „25 Everyday Miracles to Inspire Awe“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Für Viele – von Christian Morgenstern

Für Viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
unscheinbar verstreut;
möcht‘ ich immer mehr des inne werden;
wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
in bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
macht es holder doch der Erde Flur,
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.
Christian Morgenstern (1871–1914)
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Vom Verlust der schönen Handwerkskunst

Der Wagen ähnelt einer kunstvoll verzierten Kutsche oder einem Karren mit geschwungenen Metallverzierungen in Form von Efeu und Blättern, die an Filigranarbeit erinnern. Durch die Berührung vieler Hände war das Holz glatt geschliffen. Es handelte sich um eine sehr frühe Form des Feuerwehrautos, im Wesentlichen eine große, von Pferden gezogene Pumpe mit einem Schlauch zur Brandbekämpfung. Doch man könnte es für ein Kunstwerk halten, was durchaus verständlich wäre.
In der Mitte des Wagens war eine Pumpe angebracht, die wie ein kleiner Baum emporragte. Ihre „Äste“ waren die langen Griffe, die ein Team von Männern auf beiden Seiten betätigt hatte, indem sie diese auf und ab hoben. So wurde Wasser aus einem nahegelegenen See oder Fluss in den Schlauch gepumpt, der dann auf die Flammen gerichtet werden konnte.

Feuerwehrfahrzeuge aus dem 19. Jahrhundert, ausgestellt im „Hall of Flame Museum of Firefighting“ in Phoenix.

Foto: Scotwriter21, Eigenes Werk | CC BY-SA 4.0

Im selben Museum konnte ich auch eine Muskete aus dem 18. Jahrhundert sehen. Ihr Schaft war lang und schlank wie der Stamm eines jungen Baums. Sie wirkte so leicht wie Luft, eine Waffe, die so geschmeidig war, dass man sie mit den Gedanken richten konnte. Sowohl das Holz als auch das Metall waren filigran und mit wunderschönen botanischen Motiven graviert.
Der Drang, Werkzeuge des Todes mit Schönheit zu schmücken, reicht weiter zurück als die Entstehungszeit dieser Muskete. Man muss sich nur einen römischen Gladius oder das mit Gold eingelegte Breitschwert eines mittelalterlichen Königs ansehen. Ihre tödliche Pracht muss im Herzen ihrer Träger Mut entfacht haben – und Angst in denen ihrer Feinde.
Warum haben wir uns im Westen von dieser Philosophie der Handwerkskunst, die Kunstfertigkeit mit Nützlichkeit und Schönheit verbindet, entfernt? Ist es an der Zeit, die utilitaristische (oder nutzenorientierte) Denkweise hinter uns zu lassen und zu einer früheren Art des Handwerks zurückzukehren?

Eine aufwendig verzierte Vorderladerpistole mit elfenbeinfarbenem Griff aus dem 18. Jahrhundert, die in Lìege, Belgien, hergestellt wurde.

Foto: stitched photography/iStock

Was uns verloren gegangen ist

Die Einstellung unserer Vorfahren war zutiefst menschlich: Die Handwerkskunst jener Zeit wusste, dass die menschliche Seele mehr als nur Funktionalität schätzt. Wir sehnen uns nach vermeintlich „unnötigen“ Eigenschaften wie Schönheit, Anmut und Beständigkeit, da sie unseren spirituellen Anteil ansprechen.
Ein eher alltägliches Beispiel sind Laternenpfähle. Vergleichen wir einen Laternenpfahl aus dem 19. Jahrhundert, wie er einst die prächtigen Straßen Londons säumte, mit einem modernen Laternenpfahl: Der Laternenpfahl aus der viktorianischen Zeit erhebt sich anmutig und majestätisch über die Straße wie ein märchenhafter Baum, dessen Früchte Flammen sind. Der alte Laternenpfahl ist mit verspielten Metallornamenten in organischen Formen verziert – eigentlich völlig überflüssig. Der moderne Laternenpfahl hingegen konzentriert sich auf Effizienz und Zweckmäßigkeit: Es gibt keinerlei Verzierungen – lediglich eine LED-Leuchte an einem Mast.

Londoner Laternenpfähle mit Drachen auf ihren Spitzen.

Foto: bycostello/iStock

 

Heutige Straßenlaternen sind ausschließlich auf ihre Funktion ausgelegt, nicht auf Ästhetik.

Foto: Christopher Snape/iStock

Zwar gibt es Ausnahmen, doch insgesamt trifft dies auf die meisten modernen Versionen von Werkzeugen, Maschinen, Möbeln, Gebäuden und anderen Dingen zu. Dabei fällt auf, dass zeitgenössischen Gegenständen die Verzierungen, organischen Formen sowie das Gespür für Symmetrie und Proportionen fehlen, die ihre historischen Vorläufer auszeichneten.
Unsere Vorfahren waren sehr darauf bedacht, Nützlichkeit und Schönheit miteinander zu verbinden. Sie wollten, dass ihre Werkzeuge nicht nur gut verarbeitet und effektiv, sondern auch schön anzusehen sind. So fand die Schönheit Eingang in den Alltag. Bemerkenswerterweise investierten diese Menschen zusätzliche Zeit, Materialien und Geld in die Verschönerung ihrer Umgebung und ihrer Gegenstände, obwohl ihnen weitaus weniger Ressourcen zur Verfügung standen als uns heute.
Ein Grund für den Rückgang der Handwerkskunst liegt auch in den Designbewegungen der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Bauhaus-Designschule nach dem Ersten Weltkrieg beispielsweise stellte Funktionalität und Erschwinglichkeit über Schönheit. Diese sozialistisch geprägte utilitaristische Bewegung hinterfragte die klassischen „bürgerlichen“ Ideale von Schönheit und Symmetrie und strebte gleichzeitig danach, Kunst, Architektur und Möbel zu schaffen, die sich leicht in Massenproduktion herstellen ließen, um den Wiederaufbau und die Erneuerung der Ruinen im Europa der Nachkriegszeit zu unterstützen.
In ähnlicher Weise setzte der Brutalismus der 1950er-Jahre auf karge, freiliegende, raue Formen und Texturen und schloss bewusst jegliche Aspekte der Schönheit aus seinen Entwürfen aus. Wir leben noch immer in den Nachwehen des Bauhaus, des Brutalismus und ähnlicher Designbewegungen mit ihrer kargen, industriellen Ästhetik.

Gebäude aus verschiedenen Epochen in der Innenstadt von Prag verdeutlichen die starken Veränderungen in der Architektur im Laufe der Jahre.

Foto: prill/iStock

Demgegenüber spiegelt die Verbindung von Schönheit und Produktivität eine von Sensibilität gegenüber der Welt geprägte Haltung wider. Schönheit spricht unsere Vernunft an und vermittelt uns Zugang zu Sinn. Handwerker und Künstler erkennen in der Welt Schönheit und Ordnung, die über die bloßen materiellen Gegebenheiten hinausgehen. Sie finden darin Sinn. Sie sehen beispielsweise, dass ein Baum mehr ist als nur Rinde, Blätter und Wurzeln – er besitzt Ganzheitlichkeit, Harmonie, Verständlichkeit und eine Fülle sinnlicher Anziehungskraft, die nur als schön bezeichnet werden kann.
Handwerker erkennen solche Muster in der Welt und möchten sie ganz selbstverständlich in ihren eigenen Werken nachbilden. Sie möchten, dass ihre Werke mehr sind als eine Anordnung nützlicher Teile. Sie möchten, dass sie eine tiefere Bedeutung haben und etwas von der geheimnisvollen „überflüssigen“ Schönheit einfangen, die der Welt innewohnt.

Selbst das Automobildesign ist mittlerweile weitgehend funktionaler und weniger auf Ästhetik ausgerichtet.

Foto: Joe Morris/iStock

Die Wiederbelebung bewusster Handwerkskunst

Historische Artefakte zeigen, dass ästhetisches Empfinden und ein tiefes Gefühl für natürliche Harmonie einst die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen maßgeblich bestimmt haben. Dieses Empfinden ist auch heute noch in uns lebendig, wenngleich es die Produktion von Waren längst nicht mehr prägt wie einst.
So erkennen wir intuitiv den besonderen Wert einer handgefertigten Bambus-Fliegenrute mit kunstvoll eingelegtem Fischgrätmuster im Griff gegenüber einer schlichten, industriell gefertigten Fiberglasrute. Beide erfüllen denselben Zweck, doch die eine zeugt von sorgfältiger handwerklicher Vollendung. Menschen sind bereit, für ein solches Objekt mehr zu bezahlen – nicht wegen eines funktionalen Vorteils, sondern weil seine Gestaltung ihm eine zusätzliche, immaterielle Qualität verleiht.
Die menschliche Natur hat sich darin kaum verändert; vielmehr scheint unser Bewusstsein für die Bedeutung dieser Eigenschaft mit der Zeit verblasst zu sein.

Hochwertige Handwerkskunst kann zwar etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber dafür schafft sie wunderschöne Produkte.

Foto: Mehtap Orgun/iStock

Dass der in uns innewohnende Hang zur Schönheit nachgelassen hat, ist das Ergebnis einer langen und komplexen Entwicklung. Es hängt jedoch eng mit der Denkweise zusammen, die heute die industrielle Fertigung prägt, nämlich der „Logik der Fabrik“. Diese unterscheidet sich grundlegend vom Geist des Handwerks. Während die industrielle Sichtweise die Welt vor allem als Rohstoff begreift, der geformt und verwertet werden soll, verstand das traditionelle Handwerk sie als geordnete Wirklichkeit, an der man sich orientieren konnte. Im Vordergrund stehen hier Maßstab, Effizienz, Erschwinglichkeit und Funktionalität – eine stark vom Materiellen geprägte Haltung.
Die Handwerksmentalität legt hingegen weniger Wert auf Quantität als auf Qualität. Erschwinglichkeit tritt hinter Bewunderungswürdigkeit zurück. Das Handwerk hat ein spirituelles Bewusstsein für Eigenschaften, die über den materiellen Nutzen hinaus erstrebenswert sind.
Zweifellos bringt die „Logik der Fabrik“ zahlreiche Vorteile mit sich. Nie zuvor hatten wir Zugang zu so vielen Gütern zu so günstigen Preisen wie heute. Es lohnt sich jedoch, darüber nachzudenken, was verloren gegangen ist, als die Werkstätten der kleinen Handwerker von Fabriken abgelöst wurden.
Der Verlust der Harmonie zwischen Schönheit und Nützlichkeit geht eng mit dem Aufkommen des Industrialismus einher. Als Waren nicht länger das Ergebnis menschlicher Handwerkskunst, sondern maschineller Produktion geworden sind, haben sie ihre menschliche Note verloren.
Maschinen haben keinen Bedarf an Schönheit. Wir jedoch schon.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Lost Art of Beautiful Craftsmanship“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Wie der Minotaur-Mythos einen Bildhauer berühmt machte


In Kürze:

  • Der italienische Bildhauer Antonio Canova galt im 18. Jahrhundert wegen seines großen Talentes als „moderner Phidias“.
  • Vor allem seine Skulptur „Theseus und der Minotaur“, angelehnt an einen griechischen Mythos, machte Canova berühmt.

 
Das 18. Jahrhundert war die Geburtsstunde eines großen Künstlers: des italienischen Bildhauers Antonio Canova (1757–1822). Heute ist Canova dafür bekannt, dass er das Erbe der antiken griechischen Bildhauerkunst wiederbelebte.
Manche bezeichneten ihn damals sogar als den „modernen Phidias“. Phidias (ca. 480–430 v. Chr.) war einer der größten Bildhauer der Antike und einer der Verantwortlichen beim Ausbau der berühmten Akropolis von Athen.
Der Legende nach soll der herausragende Bildhauer als Einziger jemals die griechischen Götter gesehen haben. Phidias verewigte das Antlitz der Götter schließlich mit den Skulpturen des Parthenon und machte es so für alle Griechen greifbar.
Canova dürfte dieser Gedanke gefallen haben, denn der italienische Künstler sagte einmal: „Die Werke des Phidias sind wahrhaftig aus Fleisch und Blut, wie die schöne Natur selbst“, so die Kunsthistorikerin Jane Martineau in ihrem Buch „The Glory of Venice: Art in the Eighteenth Century“.
Selbstportrait von Antonio Canova

Selbstportrait von Antonio Canova aus dem Jahr 1790.

Eine Tragödie in Stein gehauen

Im Jahr 1779, als er Anfang 20 war, schuf Canova die Marmorskulptur „Daedalus und Ikarus“ im barocken Stil. Diese zeigt den mythischen griechischen Erfinder, Architekten und Bildhauer Daidalos mit seinem Sohn Ikaros.
In der Momentaufnahme ist Daidalos zu sehen, wie er sorgfältig seinen Sohn mit Flügeln ausstattet, indem er Federn mit Wachs an dessen Rücken befestigt. Daidalos fertigte auch für sich selbst gefiederte Flughilfen an, die beiden halfen, den Fängen von König Minos zu entfliehen.

Die Skulptur „Daedalus und Ikarus“ im Museo Correr, dem städtischen Museum von Venedig.

Bekanntlich kam Ikaros dabei ums Leben. Sein Vater hatte ihn gewarnt, nicht zu hoch zu fliegen, doch er ignorierte den Rat. Sein Übermut verleitete ihn dazu, näher an die Sonne heranzufliegen, wodurch das Wachs schmolz, das seine provisorischen Flügel zusammenhielt. Der junge Mann stürzte vor den Augen seines Vaters ins Meer und ertrank.

Das Gemälde „Der Sturz des Ikarus“ von Jacob Peter Gowy aus dem Jahr 1636.

Unsterblicher Ruhm und ein Minotaur

Vater und Sohn flohen vor König Minos, nachdem Daidalos geholfen hatte, das Leben des jungen athenischen Prinzen Theseus zu retten. Zusammen mit Ariadne, der Tochter von König Minos, half Daidalos dem jungen Helden und verriet ihm, wie er erfolgreich aus dem Labyrinth des gefürchteten Minotaur entkommt. Das Fabelwesen hatte den Körper eines Menschen und den Kopf eines Stiers. Und tatsächlich: Theseus besiegte den Minotaur und fand den Weg aus dem Labyrinth.
Theseus im Labyrinth mit dem Minotaur

Die künstlerische Darstellung von 1861 zeigt den athenischen Prinzen Theseus im Labyrinth mit dem Minotaur.

Canova stellte Theseus und den Minotaur im Jahr 1782 dar. In der neoklassizistischen Skulptur überragt Theseus den Minotaur, den er gerade getötet hat. Das Werk verkörpert den zielgerichteten Geist, für den Theseus steht, der über den materiellen Körper triumphiert, der durch den toten Minotaur repräsentiert wird, so der Kunsthistoriker David Bindman in einer Vorlesung über italienische Kunst im Jahr 2015.
Die Skulptur „Theseus und der Minotaur“ von Antonio Canova

Die Skulptur „Theseus und der Minotaur“ von Antonio Canova (1757–1822) aus dem Jahr 1782 im britischen Victoria and Albert Museum.

Den Betrachtern jener Zeit fiel es schwer zu glauben, dass „Theseus und der Minotaur“ ein zeitgenössisches Werk und keine Kopie einer antiken griechischen Skulptur war. Dieses Werk trug zusammen mit Canovas erstem päpstlichen Auftrag in Rom – dem Grabmal von Papst Clemens XIV. (fertiggestellt 1787) – dazu bei, seinen Ruhm in ganz Europa zu festigen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „How the Minotaur Myth Made Canova Famous“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Shen Yun in Toronto: Zwischen Drohungen, Politik und dem finalen Applaus

Als sich am Abend des 28. Juni im Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto zum letzten Mal in dieser Saison der Vorhang für Shen Yun hob, schloss sich ein Kreis, der Ende März mit einer Bombendrohung begonnen hatte. Seitdem stand unausgesprochen die Frage im Raum, ob sich eine Bühne in einem freien Land per E-Mail aus der Ferne lahmlegen lässt.
Am 29. März schien genau das zu geschehen. Eine Stunde vor einer Nachmittagsvorstellung erreichte das renommierte Theaterhaus eine Drohung: Im Gebäude sowie am Parlamentshügel seien Sprengsätze platziert. Rund 2.000 Menschen wurden daraufhin aus dem Saal gebracht. Die Polizei rückte an und durchsuchte das Gebäude, stufte die Drohung jedoch als unbegründet ein. Dennoch sagte das Four Seasons Centre die Vorstellung ab. Zwei Tage später wurden unter Verweis auf „eskalierende Drohungen“ auch die übrigen fünf Aufführungen gestrichen. Damit blieb für fast 10.000 Ticketinhaber unklar, ob und wann die Vorstellungen stattfinden würden.
Nach Angaben der Veranstalter war Toronto der erste Fall, in dem eine solche Drohung tatsächlich zur Absage von Shen-Yun-Aufführungen führte. Die 2006 in New York von chinesischen Künstlern gegründete Kompanie war in den vergangenen zwei Jahren über 150-mal Ziel ähnlicher Falschdrohungen, ohne dass es an einem anderen Ort zu Absagen kam – weder in Washington noch in Paris noch in Berlin. Nur in Toronto hatte die Drohung Konsequenzen.

Programm und kultureller Hintergrund von Shen Yun

Wer den Trubel um Shen Yun verstehen will, muss einen Blick ins Programm werfen. Die Kompanie zeigt nach eigenen Angaben ein „China vor dem Kommunismus“: 5.000 Jahre Kultur, klassischen chinesischen Tanz, Legenden und historische Szenen, begleitet von einem Orchester, das chinesische und westliche Instrumente verbindet. Ergänzt wird das durch animierte Bühnenbilder, in denen die Tänzer scheinbar zwischen Himmel und Erde wechseln.
Dargestellt wird ein China, das älter ist als die Volksrepublik: geprägt von Dynastien, Mythen, moralischen Erzählungen und religiösem Glauben. Genau darin liegt auch der Konfliktpunkt mit Peking. Shen Yun präsentiert ein China ohne Parteiparolen, ohne Mao-Kult und ohne kommunistische Ideologie – und verweist zugleich auf die Verfolgung der spirituellen Gruppe, die das Regime seit Jahren aus dem öffentlichen Leben verdrängen will.
Screenwriter Peter Campbell enjoyed Shen Yun at the Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto on June 28, 2026. Daniella Wollensak/The Epoch Times

Drehbuchautor Peter Campbell bei Shen Yun im Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto. Daniella Wollensak/The Epoch Times

Erfahrung des Publikums und persönliche Geschichte einer Falun-Gong-Praktizierenden

Wie der Abend beim Publikum ankam, beschrieb der Drehbuchautor Peter Campbell, der die letzte Vorstellung besuchte: „Es ist großartig, vom ersten Moment an. Sobald sich der Vorhang hebt, ist es schön – ich habe jede Sekunde geliebt.“ Besonders beeindruckt habe ihn die Kombination aus Tanz und animierten Bühnenbildern, durch die die Darsteller scheinbar aus der Projektion heraustreten und wieder in sie hineingehen. Campbell weiter: „Der Hintergrund ist mehr als nur ein Hintergrund.“
Die meisten der Künstler praktizieren Falun Gong, eine spirituelle Disziplin, die auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht basiert und in China seit 1999 verfolgt wird. Für Nancy Zhang, die Moderatorin des Shen-Yun-Ensembles, das ursprünglich in Toronto auftreten sollte, ist diese Verfolgung keine abstrakte Geschichte. Sie war acht Jahre alt, als ihre Eltern nach der Arbeit nicht nach Hause kamen. Beide waren verhaftet worden, weil sie Falun Gong praktizierten. Der Vater wurde in ein Umerziehungslager gebracht und die Mutter zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. „Für ein Kind wird diese Art von Angst normal“, sagte sie später, „aber so sollte das nicht sein.“
Dass sie diese Angst nun auch im Ausland wieder erlebt – wenn auch nicht durch direkte staatliche Repression, sondern durch Drohungen gegen Theater, Veranstalter und Publikum –, empfindet sie als besonders beunruhigend. Ihre Frage zielt auf einen größeren Zusammenhang ab: „Wenn wir nicht einmal in Übersee frei sprechen können, verwandelt sich dann nicht der Westen in China?“
Nancy Zhang, ist Moderatorin eines der insgesamt acht Shen Yun Ensembles. Foto: Frederico Vidovix/The Epoch Times

Nancy Zhang ist Moderatorin eines der insgesamt acht Shen-Yun-Ensembles und weiß, was Verfolgung in einem kommunistischen Land wie China bedeutet.

Foto: Frederico Vidovix/The Epoch Times

Internationale Einflussnahme und politische Reaktionen auf Shen Yun

Kanada behandelt solche Vorgänge inzwischen als Sicherheits- und Demokratiethema. Im Hintergrund steht der lange Arm eines autoritären Staates: Druck auf Exilgruppen, Drohungen gegen Kritiker, Überwachung von Diaspora-Gemeinschaften, Desinformation und diplomatische Interventionen. Bei Shen Yun führte diese Strategie zu einem Theaterabend mit evakuiertem Saal. Dieselbe E-Mail-Adresse, die das Four Seasons bedrohte, ging auch an das Theater in Vancouver. Die dortige Cybercrime-Einheit verortete eine mit dem Konto verknüpfte Telefonnummer in China. Schon im letzten Jahr hatten taiwanische Ermittler eine ähnliche Drohung in die nordchinesische Stadt Xi’an zurückverfolgt, in die Nähe einer Forschungseinrichtung des Konzerns Huawei.
Der sichtbarste politische Hinweis kam jedoch nicht aus einer E-Mail, sondern aus einem Sitzungszimmer: In Vancouver trafen sich Vertreter des chinesischen Konsulats mit einem städtischen Mitarbeiter und sprachen über Shen Yun. Quellen zufolge hätten die Diplomaten eine Absage der Aufführungen gewünscht; die Stadt erklärte dagegen, es habe keinen Druck gegeben, musste später jedoch Teile ihrer Darstellung korrigieren. Shen Yun spielte in Vancouver schließlich dennoch.
Auch in Deutschland ist Shen Yun bereits zum Gegenstand chinesischer Intervention geworden. Schon im Februar 2014 versuchte ein Vertreter der chinesischen Botschaft, einen Auftritt in Berlin zu verhindern. Jörg Seefeld, der damalige Leiter der Eventabteilung des Stage-Theaters am Potsdamer Platz, schilderte, wie der Diplomat zunächst Interesse am Haus zeigte und anschließend fragte, ob sich der Vertrag mit der Kompanie nicht annullieren lasse; stattdessen könnten politisch unbedenkliche Ensembles vermittelt werden. Seefelds Antwort fiel knapp aus: „Ich bin aus der DDR. Bei den Chinesen ist es wie damals bei unseren Machthabern: Die haben Angst.“ Die Aufführung fand dennoch statt – ebenso wie 2026 in der Deutschen Oper Berlin.
Die Bundesregierung hat die Verfolgung von Falun Gong wiederholt thematisiert. Die Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler erklärte zum 20. Jahrestag der Kampagne, China gehe „mit äußerster Härte“ gegen die Bewegung vor, und forderte Peking zur Einhaltung der Menschenrechte auf.
Dass Shen Yun im Juni im Four Seasons Centre auftreten konnte, war das Ergebnis von Gesprächen, öffentlicher Unterstützung und politischer Rückendeckung. Die Veranstalter verhandelten, Abgeordnete setzten sich für Nachholtermine ein und Bürger wandten sich mit Petitionen und Briefen an die Verantwortlichen. Das Theater setzte schließlich fünf Vorstellungen neu an, dieses Mal mit Metalldetektoren, Spürhunden und verstärkter Polizeipräsenz.
Tammy Peterson enjoyed Shen Yun at the Four Seasons Centre for the Performing Arts in Toronto on June 28, 2026. Allen Zhou/The Epoch Times

Die Podcasterin Tammy Peterson sah Shen Yun im Four Seasons Center for the Performing Arts in Toronto, Kanada.

Foto: Allen Zhou/The Epoch Times

Abschluss der Aufführung und Reaktionen auf Shen Yun

Der kanadische Menschenrechtsanwalt David Matas, der sich seit Jahrzehnten mit der Lage in China befasst, sah das Besondere des jüngsten Shen-Yun-Auftritts in Toronto in der Verbindung von künstlerischer Schönheit und menschenrechtlichem Zeugnis. Die Aufführung spreche nicht nur über Freiheit, sondern mache sichtbar, was verloren gehe, wenn sie verschwinde. Die Podcasterin Tammy Peterson, die der Show beiwohnte, sprach von einer hoffnungsvollen Botschaft auch für den Westen: „Es liegt an uns, einander zu lehren, dass es ein Fundament unserer Kultur gibt, das unverzichtbar ist, wenn wir überleben wollen.“
Der Vorhang, der im März geschlossen blieb, hob sich schließlich im Juni. An diesem letzten Abend der Aufführungen in Toronto war nicht die Drohung das letzte Bild, sondern der tosende Applaus.
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Der Tulpenbaum – von Gustav Falke

Der Tulpenbaum

Der Tulpenbaum hat über Nacht
All seine Blumen aufgemacht,
Die weißen Sterne leuchten weit
In ihrer keuschen Herrlichkeit.
Es ist, als hätts die Nacht bedacht,
Was Liebes sie dem Tag vermacht,
Damit von ihrem Märchenglanz
Ein Schimmer leb in seinem Kranz.
Er aber, überreich an Licht,
Bedarf der fremden Sterne nicht,
Und bald entblättert, schnell und sacht,
Das liebliche Geschenk der Nacht.
 
Gustav Falke (1853-1916)
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Plädoyer für die Wiederbelebung lokalen Lebens

„Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Strömungen der Welt zu beherrschen, sondern das zu tun, was in unserer Macht steht, um in den Jahren, in die wir gestellt sind, Hilfe zu leisten und das Böse auf den Feldern, die wir kennen, auszurotten, damit diejenigen, die nach uns kommen, sauberen Boden zum Bebauen vorfinden.“
„It is not our part to master all the tides of the world, but to do what is in us for the succour of those years wherein we are set, uprooting evil in the fields that we know so that those who come after may have clean earth to till.“
Diese wunderschönen Zeilen aus J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ geben uns sowohl Hoffnung als auch Orientierung in schweren Zeiten. Es ist leicht, sich von dem Bösen in der Welt überwältigen zu lassen, von den Problemen der Welt verwirrt und bedrängt zu werden.
Wir wünschen uns Veränderungen. Vielleicht wünschen wir uns sogar die Macht, das zu heilen, woran die Welt krankt. Doch allzu oft fühlen wir uns machtlos.
Tolkiens Zitat hebt zwei wichtige Wahrheiten hervor. Erstens können wir nicht die Last der ganzen Welt auf uns nehmen. Wir können nicht versuchen, „alle Strömungen zu beherrschen“. Aber gleichzeitig sind wir nicht machtlos. Wir mögen vielleicht nicht in der Lage sein, geopolitische Probleme zu lösen, aber wir können unseren Blick auf „die Felder, die wir kennen“ richten – unsere örtlichen Gemeinschaften – und die Probleme angehen, die wir dort vorfinden.
Wer Einfluss auf sein Umfeld nehmen möchte, sollte in seiner eigenen Nachbarschaft beginnen. Foto: Liudmila Chernetska/iStock

Wer Einfluss auf sein Umfeld nehmen möchte, sollte in seiner eigenen Nachbarschaft beginnen.

Foto: Liudmila Chernetska/iStock

Das ist ein Lichtblick in dunklen Zeiten. Indem wir uns den Aufgaben in unserem unmittelbaren Umfeld widmen, ebnen wir den Weg zu einem kulturellen Wandel, der durchaus erreichbar ist. Wenn genügend Menschen Zeit, Energie und Geld in die Verbesserung und den Wiederaufbau ihrer lokalen Gemeinschaften investieren, könnte die ganze Welt zum Besseren verändert werden.

Eine bewusste Anstrengung

Vielleicht ist die Zeit gekommen, sich wieder dem eigenen Umfeld zu widmen, statt den nationalen und internationalen Schauplätzen. „Normale Menschen wollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen“, schreibt Dale Ahlquist in der Einleitung zu seinem Buch „Localism“ aus dem Jahr 2024, „doch sie fühlen sich zunehmend frustriert und entfremdet, weil alles außerhalb ihrer Kontrolle liegt und sie nicht einmal wissen, wer die Kontrolle ausübt. … Lokalismus bedeutet, bei den Dingen mitreden zu können, die das eigene Leben betreffen.“

„Normal people want to take responsibility for their own lives, and they are increasingly frustrated and alienated by the fact that everything is out of their control and they cannot really say who is in control. …Localism means having a say in what happens to you.“

Unser größter Einflussbereich liegt vor unserer Haustür. Dort wirken sich Entscheidungen am unmittelbarsten auf uns und unsere Familien aus. Die wahre Gestaltungskraft gewöhnlicher Menschen entfaltet sich in ihrer Gemeinde, ihrer Nachbarschaft und ihrem direkten Umfeld. Ob sie davon Gebrauch machen, liegt bei ihnen selbst.

Dies ist einer der Grundgedanken des Lokalismus (Anm. d. Red.: Orientierung an lokalen Gemeinschaften). Er beruht auf der Überzeugung, dass sich das wirtschaftliche, kulturelle, soziale und religiöse Engagement eines Menschen in erster Linie auf seine unmittelbare Gemeinschaft und Region richten sollte.
Größere Institutionen und staatliche Ebenen sollten diese lokalen Strukturen achten, fördern und stärken. Auf vielfältige Weise schaffen solche Gemeinschaften die Kraft, Widerstände zu überwinden, und sie spielen eine entscheidende Rolle dabei, Gesellschaften zu bewahren, zu erneuern und lebendig zu halten.

Die „Unbesiegbaren“

G. K. Chesterton schrieb in einem Artikel vom 21. Juli 1928 für seine Zeitung „G.K.’s Weekly“:
„Es kommt in der Geschichte oft vor, dass sich extrem kleine und lokale oder gar rückständige und barbarische Dinge mit großem Erfolg gegen Imperien und Konzerne verteidigen, einfach weil sie zu abgelegen sind, um sich von bloßen kosmopolitischen Gerüchten und Reputationen einschüchtern zu lassen. Es gibt einige glückliche Gemeinschaften, die zu unwissend sind, um eingeschüchtert zu werden, zu abergläubisch, um sich erschrecken zu lassen, zu arm, um bestochen zu werden, und zu klein, um zerstört zu werden. Wahrscheinlich wird gerade an diesen winzigen und verborgenen Orten der Same der Zivilisation für künftige Zeitalter bewahrt bleiben – inmitten der stümperhaften Gesetzlosigkeit von großen, wahrscheinlich auf uns zukommenden Veränderungen.“

„It often happens in history that things intensely small and local, or even backward and barbaric, defend themselves with great success against empires and combines, simply because they are too remote to have been overawed by mere cosmopolitan rumour and reputation. There are some fortunate communities that are too ignorant to be bullied, too superstitious to be frightened, too poor to be bribed, and too small to be destroyed. It is probably in these minute and secret places that the seed of civilization will be preserved for future ages, through the blundering anarchy of big things which seems to be coming upon us.“

Ehrenamtliches Engagement auf Gemeindeebene steht in Zusammenhang mit einem verbesserten sozialen Zusammenhalt und messbaren Vorteilen für die öffentliche Gesundheit und das Wohlbefinden. Foto: nortonrsx/iStock

Ehrenamtliches Engagement auf Gemeindeebene steht in Zusammenhang mit einem verbesserten sozialen Zusammenhalt und messbaren Vorteilen für die öffentliche Gesundheit und das Wohlbefinden.

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Wie sieht Lokalismus in der Praxis aus?

Wie sieht Lokalismus in der Praxis aus? Einige allgemeine Merkmale lassen sich hier skizzieren. Ahlquist hilft uns, einige der zugrunde liegenden Prinzipien zu verstehen: „Unter Lokalismus verstehen wir eine Wirtschaft und ein politisches System, das auf der Familie basiert.“

„By localism, we mean an economy and a political system based on the family.“

Die Familie ist die unmittelbarste und lokalste Form der Gesellschaft. Lokalismus sollte sich darauf konzentrieren, ein soziales und wirtschaftliches Umfeld zu schaffen, das die Familie begünstigt. Ahlquist schreibt:
„Wenn wir damit beginnen, die Würde darin zu sehen, für unsere eigenen Familien zu sorgen, sie zu schützen und zu lieben, dann ist der nächste natürliche Schritt, auch unseren Nachbarn mit derselben Achtung und Nächstenliebe zu begegnen, damit ihre Familien das genießen können, was auch wir genießen.“

„If we begin with the dignity of providing for and protecting and loving our own families, the next natural step is to treat our neighbors with the same respect and charity so that their families can enjoy what we enjoy.“

Wenn Familien glücklich sind und sich geborgen fühlen, ist der Grundstein für eine starke Gesellschaft gelegt.

Das Dorf braucht Dorfbewohner

Der familiäre Aspekt des Lokalismus ermutigt Eltern, auf die Einflüsse auf ihre Kinder zu achten. So könnte Bildung im „lokalen Stil“ beispielsweise darin bestehen, dass sich Eltern zusammenschließen, um eine eigene Schule oder Mikroschule zu gründen. Ziel wäre es, Kinder unter Nutzung lokaler Ressourcen zu unterrichten und dabei lokale Werte, Geschichte und Bräuche zu respektieren.
Leere Gasse in Stolberg im Harz, 2024. Foto: ChrisRinckes/iStock

Leere Gasse in Stolberg im Harz, 2024.

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Vielleicht betrifft der herausforderndste, aber auch transformativste Teil einer lokalen Vision die Wirtschaft. In der globalisierten Wirtschaft fließt Geld typischerweise aus lokalen Gemeinschaften heraus und in die Kassen entfernter Unternehmen.
Selten bleibt dieses Geld in der lokalen Gemeinschaft, um sie zu stärken und ihre Bewohner zu erhalten. Ein Ziel des Lokalismus ist es, stärkere lokale Wirtschaftskreisläufe zu schaffen. Denn wo wir unsere Geschäfte erledigen, ist ein großer Teil unseres Lebens.
Wendell Berry stellte in seinem Aufsatz „The Work of Local Culture“ den Zusammenbruch der lokalen Kultur fest. Teilweise liege das daran, dass aufgrund unseres globalen Wirtschaftsmodells kaum noch Menschen ihren Lebensunterhalt in ihren lokalen Gemeinschaften verdienen können.
Dale Ahlquist sah die Wiederherstellung der lokalen Wirtschaft als zentral für das Vorhaben, lokaler zu werden. Er sagt: „[Lokalismus] bedeutet, deine Dollars in deiner Gemeinschaft zu behalten, von deinem Nachbarn zu kaufen und dadurch deinen Nachbarn zu unterstützen. Es bedeutet, dein eigenes Stück der Gemeinschaft zu besitzen. Es bedeutet, dein eigener Chef zu sein.“

„[Localism] means keeping your dollars in your community, buying from your neighbor, and thereby supporting your neighbor. It means owning your own piece of the community. It means being your own boss.“

Das lokal-regionale Modell ermutigt zahlreiche Kleinunternehmer, Landwirte und lokale Hersteller, miteinander Geschäfte zu machen. Dadurch entsteht eine autarke und in sich selbst investierende Gemeinschaft.
Wichtige Gespräche: Vier ältere Frauen in einem italienischen Dorf. Foto: angeluisma/iStock

Zusammen statt allein: vier ältere Frauen in einem italienischen Dorf.

Foto: angeluisma/iStock

Örtliche Gemeinschaften und Kultur im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich die örtliche Gemeinschaft und ihre Kultur. Der Lokalismus versucht, Nachbarn wieder miteinander in Verbindung zu bringen. Er versucht, örtliche Vereine, Sportklubs, Glaubensgemeinschaften und gemeinnützige Organisationen neu zu beleben. [Anmerkung der Redaktion: So wie es heute in manchen ländlichen Gegenden Deutschlands noch gelebt wird.]
Lokalismus hat zum Ziel, das soziale Gefüge von Grund auf wieder zu knüpfen. Der Lokalismus misst echten Begegnungen von Mensch zu Mensch einen hohen Wert bei. Menschliche Beziehungen bilden das Herzstück des Lokalismus.
Das lokalistische Ideal klingt in unserer Zeit ein wenig veraltet. Doch es ist gar nicht so weit entfernt von den ursprünglichen Idealen der Unabhängigkeit, Nachbarschaftlichkeit, des Unternehmertums, der Resilienz und des Respekts vor der Tradition. Diese haben alle dazu beigetragen, unsere Nation überhaupt erst groß zu machen.
Es gab eine Zeit in Amerika, als ein Mann durch die Straßen seiner Stadt gehen und ein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit empfinden konnte, dass alles, was er brauchte, genau hier war, direkt vor seinen Füßen, sowohl wirtschaftlich als auch sozial.
Er fühlte sich keinen entfernten, unpersönlichen finanziellen oder industriellen Kräften verpflichtet. Er kannte die Gesichter und die Namen der Männer und Frauen, die viele der Dinge herstellten, die er im täglichen Leben benutzte. Und er kannte sowohl die Menschen als auch die Philosophie der Menschen, die seine Kinder unterrichteten. Ihre Philosophie war seine eigene.
Er konnte zu Fuß zu seiner Kirche gehen, wo er dieselben Gesichter sah, mit denen er Geschäfte machte oder Baseball spielte. Er kannte die Leute, die in der Stadt- und Kreisverwaltung tätig waren; er hatte ihnen geholfen und sie ihm.
Die Geschichte seiner Stadt und der darin lebenden Familien war ihm auch bekannt. Er konnte auch den Zweig seiner Familie am Stammbaum seiner Gemeinschaft zurückverfolgen, der in der Gegend und Landschaft verwurzelt war. Er war Teil von etwas Lebendigem und Ganzem.
So könnte es wieder sein.
Der persönliche Kontakt ist nach wie vor einer der stärksten Indikatoren für Vertrauen in der Gemeinschaft und bürgerschaftliches Engagement. Foto: monkeybusinessimages/iStock

Der persönliche Kontakt ist nach wie vor einer der stärksten Indikatoren für Vertrauen in der Gemeinschaft und bürgerschaftliches Engagement.

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Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Case for Restoring Local Life“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Vom Jungen zum Mann: Inspiration aus Kiplings legendärem Gedicht „If“

Jungen zu Männern zu erziehen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit sind in den vergangenen Jahrzehnten stark in den Hintergrund getreten, was zu einem scheinbaren Dilemma geführt hat: entweder toxische Männlichkeit oder bloße Verweichlichung.
Natürlich entspricht keines von beiden wahrer Männlichkeit. Und Jungen in diese falschen Lösungen zu drängen, schadet sowohl ihnen selbst als auch der Gesellschaft.
Wie können wir wieder ein angemessenes Verständnis von Männlichkeit und Mannsein erlangen, das die beiden genannten Extreme vermeidet? Ein Ansatzpunkt ist die klassische Literatur.
Der britische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling lebte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hierzulande wurde er unter anderem durch sein Werk „Das Dschungelbuch“ und den Roman „Kim“ bekannt. Sein gefeiertes Gedicht „If“ („Wenn“) gibt uns eine Momentaufnahme der traditionellen Ideale des Mannseins. Es wurde teilweise durch einen Freund Kiplings, Leander Starr Jameson, und dessen erfolglosem Militäreinsatz in Südafrika inspiriert.
In seinen Memoiren schrieb Kipling: „Unter den Versen in ,Rewards‘ war eine Reihe namens ‚If‘. … Sie waren durch Jamesons Charakter inspiriert und enthielten hohe moralische Maßstäbe, die sich leichter aussprechen als verwirklichen lassen.“ (“Among the verses in Rewards was one set called ‘If.’ […] They were drawn from Jameson’s character, and contained counsels of perfection most easy to give.”)
Das Gedicht ist an einen ungenannten Jungen oder Sohn gerichtet. Es listet eine Reihe von Bedingungen auf, um ein Mann zu werden. Die grundlegende Struktur lautet: „Wenn du all diese Dinge tun kannst, wirst du ein Mann sein.“ Hier sind einige der im Gedicht enthaltenen Lektionen, die uns helfen können, authentische Männlichkeit wiederzuerlangen.

Selbstvertrauen

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
Längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
Dir treu sein kannst, wenn alle Dich verlassen,
Und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;

Hier erinnert Kipling junge Männer an die Notwendigkeit, ein stilles Vertrauen in ihre eigenen Werte, Fähigkeiten und Ideen zu bewahren. Und das selbst dann, wenn andere sie infrage stellen.
Mannsein erfordert ein Gefühl der Identität, das darin wurzelt, wofür man steht und wovon man weiß, dass man es zu leisten imstande ist. Ein maskuliner Mann hat Prinzipien und weiß, dass er in der Lage ist, ihnen gerecht zu werden. Das verleiht ihm Charakterstärke, selbst in den chaotischsten Situationen.
Selbstvertrauen ist keine Arroganz. Letztere ist oft genug nur eine Maske, die verwendet wird, um innere Unsicherheit zu verbergen. Ein Mann, der aufrichtig auf sich selbst vertraut, muss es anderen nicht ständig beweisen. Gleichzeitig weiß selbst der selbstbewusste Mann, dass er nicht alles weiß. Er besitzt die Demut, den Perspektiven anderer zuzuhören und diese zu berücksichtigen.
Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun. Foto: demaerre/iStock

Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun.

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Das Überwinden der Gefallsucht

Kannst warten du und langes Warten tragen,
Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
Kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein –

If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

Durch sein ruhiges Selbstvertrauen und seine Überzeugungen kann ein Mensch falschen Anschuldigungen oder Verdrehungen anderer standhalten. Er ist kein Sklave der Gefallsucht. Selbst wenn andere schlecht über ihn denken oder Unwahrheiten über ihn verbreiten, verliert er nicht seine Ruhe. Er weiß, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängt, was andere von ihm halten.
Deshalb kann er ungerechtfertigter Kritik oder sogar offenen Lügen mit Gelassenheit begegnen. Wie ein Mann, der durch trockene Blätter schreitet, lässt er sich von belanglosen Dingen nicht von seinem Weg abbringen.
Kipling deutet zudem an, dass der wahre Mann sich nicht zu rachsüchtigen Taktiken herablässt. Er wird beispielsweise Lüge nicht mit Lüge und Hass nicht mit Hass vergelten. Frei von der Tyrannei der Gefallsucht zu bleiben, hilft einem Mann, ihm angetanes Unrecht zu akzeptieren, ohne dem Drang nachzugeben, andere im Gegenzug ungerecht zu behandeln.

Ziele setzen und Rückschlägen ins Auge sehen

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
Nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
Weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;

If you can dream — and not make dreams your master,
If you can think — and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;

Die ersten beiden Zeilen dieser Strophe enthalten je zwei ausgewogene Hälften. Hier weist Kipling auf die Notwendigkeit des Gleichgewichts bei einem Mann von wahrem Charakter hin. Beispielsweise sollte er ehrgeizig sein und in der Lage sein, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.
Dies sollte jedoch nicht bis zu dem Punkt gehen, an dem er zulässt, dass seine Ambitionen ihn dominieren oder seine Prinzipien außer Kraft setzen. Ebenso ist ein Mann von Charakter ein Mann des Denkens, aber nicht nur des Denkens. Er muss auch ein Mann der Tat sein, dessen Gedanken und Ideale in der greifbaren Welt Früchte tragen.
Diese Strophe führt auch eine Idee ein, die sich durch den Rest des Gedichts ziehen wird. Es geht um Beharrlichkeit angesichts von Rückschlägen und Enttäuschungen. Ob er nun Erfolg oder Scheitern, Triumph oder Katastrophe gegenübersteht: Ein wahrer Mann erfüllt seine Pflicht unbeirrt.
Kipling verwendet den seltsamen Begriff „impostors“ – zu Deutsch „Schwindler“ –, um sowohl „Triumph“ als auch „Disaster“ zu beschreiben. Dies deutet darauf hin, dass ein Mann von Charakter weder durch Erfolg noch durch Scheitern definiert wird. Sie sollten nicht zu seiner gesamten Identität werden oder das ersetzen, was er im Grunde seines Wesens ist.
Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute. Foto: Miljan Živković/iStock

Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute.

Foto: Miljan Živković/iStock

Beharrlichkeit und Mut

Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
Verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
Siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
Und baust mit letzter Kraft es wieder auf –

If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;

In diesen Strophen führt Kipling den Gedanken von Erfolg, Scheitern und einer männlichen Reaktion darauf weiter. Die Haupttugend, die er hier preist, ist Beharrlichkeit. Man bleibt dabei, selbst wenn all deine Arbeit ungeschehen gemacht wird und deine größten Errungenschaften zerfallen.
Der wahre Mann macht sich erneut an die Arbeit. Und wieder. So oft er muss, mit derselben ungebrochenen Entschlossenheit. Selbst die katastrophalsten Rückschläge treiben einen Mann nicht dazu, das aufzugeben, woran er glaubt. Sie bringen ihn auch nicht dazu, seine Hand vom Pflug zu nehmen, wenn er begonnen hat, die Furche zu ziehen.

Wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
Sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
Und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
Als nur dein Wille, der „Durchhalten!“ heißt –

If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: „Hold on!“

Als eine der inspirierendsten Strophen des Gedichts konzentriert sich diese ganz auf die Notwendigkeit der Entschlossenheit. Ein wahrer Mann ist fähig, Verpflichtungen einzugehen und an ihnen festzuhalten. Denn er besitzt die Willensstärke, „durchzuhalten“, selbst wenn „Herz und Sehne“ nachgegeben haben – selbst wenn sein eigener Gefühlszustand und sein Körper gegen ihn rebellieren.
Er bleibt durch die Kraft seines Willens Herr seiner selbst. Wenn er erst einmal einem edlen Zweck verschrieben ist, gibt er unter keinem Ausmaß an Druck nach.
Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln. Foto: klingsup/iStock

Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln.

Foto: klingsup/iStock

Ein wahrer Mann besitzt einen inneren Zufluchtsort. Eine Kraftquelle, auf die er zurückgreifen kann. Er hat die Fähigkeit, sich zusammenzureißen, den Schmerz zu überwinden und die letzte Hürde zu meistern, wenn alle anderen aufgegeben haben.

Tugend und Identität

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
Und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
Läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
Schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with Kings—nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;

In dieser letzten Strophe greift Kipling einen Gedanken auf, den er bereits zu Beginn formulierte: die Treue zu sich selbst und seinen Werten. Ein wahrer Mann lässt sich nicht durch sein Umfeld von seinem Weg der Tugend abbringen. Er lässt sich weder von der Masse erniedrigen noch von selbsternannten „Königen“ zu Arroganz aufblähen. Er verachtet andere nicht, lässt sich aber auch nicht vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat.
Dies schenkt ihm wiederum eine gewisse Freiheit, sodass er seine Identität nicht daran bindet, Freunden zu gefallen oder Feinde zu bekämpfen.
Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen. Foto: PeopleImages/iStock

Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen.

Foto: PeopleImages/iStock

Kipling schließt das Gedicht mit den Worten:

Füllst jede unerbittliche Minute
Mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
Und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And—which is more—you’ll be a Man, my son! 

Ein paar abschließende Anmerkungen sind angebracht. Kipling schließt mit einem indirekten Hinweis auf die Wichtigkeit der Zeit. Der weise Mann weiß, wie man selbst in einer einzigen Minute Fortschritte in Richtung seiner Ziele erzielt. Dies ist das letzte „Wenn“ vor dem Schluss: „Dein ist die Erde dann mit allem Gute“.
Der Punkt hierbei ist, dass ein Mann von Tugend und Charakter eine Art Meisterschaft über die Welt erlangt, nicht im Sinne einer buchstäblichen Beherrschung von allem, sondern in dem Sinne, dass er in der Lage ist, Ziele zu erreichen, unabhängig von der Wankelmütigkeit der menschlichen Meinung zu bleiben und jede Herausforderung zu meistern.
Doch von noch größerem Wert als diese Meisterschaft über die Welt ist das, was der Junge werden wird, der diesen Rat befolgt: ein „Mann“. Wichtiger als all die weltlichen Errungenschaften, die aus wahrer Männlichkeit folgen, ist der Wert, der darin liegt, ein Leben in Tugend zu führen und ein Mann von Charakter zu werden.
Natürlich drückt die Bedingtheit dieses durchdringenden „Wenn“, das sich durch das ganze Gedicht zieht, die Schwierigkeit aus, das hier dargelegte Ideal zu erreichen. Doch es deutet auch darauf hin, dass dieses Ideal für diejenigen, die bereit sind, mit Integrität zu leben, nicht außer Reichweite ist.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Kipling’s Poem ‘If’ Can Teach Boys About Manhood“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Der Hügel – von Christian Morgenstern

Der Hügel

Wie wundersam ist doch ein Hügel,
der sich ans Herz der Sonne legt,
indes des Winds gehalt’ner Flügel
des Gipfels Gräser leicht bewegt.
Mit bunten Faltertanz durchwebt sich,
von wilden Bienen singt die Luft
und aus der warmen Erde hebt sich
ein süßer hingeb’ner Duft.
 
Christian Morgenstern (1871-1914)
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Rembrandts größtes Rätsel

Von allen niederländischen Malereien ist das am meisten verehrte Werk zugleich eines, das am stärksten angegriffen, beschädigt und fehlinterpretiert wurde. Es wurde nicht nur deutlich in seiner Größe beschnitten, sondern auch dreimal durch Kunstvandalen beschädigt und aufgrund von Schmutz und verwitterter Lasur, die seine Farben verdunkelten, falsch benannt: Rembrandts „Die Nachtwache“, das eine der berühmtesten Comeback-Geschichten der Kunstwelt erzählt.
350 Jahre nach seiner Entstehung ermöglichen die zahlreichen aufwendigen Restaurierungsarbeiten den Millionen Besuchern, die das Gemälde jährlich bewundern, einen neuen Blick auf die ursprüngliche Gestaltung. Bis heute jedoch existieren auch nach jahrhundertelangen Analysen und sorgfältigen Untersuchungen hinter der rätselhaften Bildgestaltung umstrittene Interpretationen und Geheimnisse.

„Selbstporträt“, 1660, von Rembrandt, Kenwood House, London.

Ein Blick in die Geschichte

Im Jahr 1602 fusionierten mehrere Handelsgesellschaften zur Niederländischen Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC), wodurch sich Amsterdam rasch zur Finanzhauptstadt der Welt entwickelte. Dieses Monopol ermöglichte es nicht nur Kaufleuten, sondern allen niederländischen Einwohnern, zu investieren und an den Gewinnen des Verbunds teilzuhaben. So entstand die weltweit erste Aktiengesellschaft, die dafür sorgte, dass Amsterdams Bevölkerungszahl in den folgenden 50 Jahren von 50.000 auf 175.000, auf mehr als das Dreifache, anstieg.

Vom Schulabbrecher zum Magier

Vier Jahre nach der Gründung der VOC, die das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande einläutete, wurde Rembrandt van Rijn geboren.
Rembrandt (1606–1669) wuchs in der Stadt Leiden auf, rund 40 Kilometer von Amsterdam entfernt. Sein Studium an der Lateinschule brach er vorzeitig ab. Er begann eine Lehre bei dem niederländischen Maler und Kunsthändler Jacob van Swanenburg (1571–1638), dessen Stil von der italienischen Kunstszene geprägt wurde. Da der junge Künstler nach Abschluss seiner dreijährigen Ausbildung mit den erworbenen Fähigkeiten noch immer unzufrieden war, absolvierte er weitere Lehrjahre, darunter einen sechsmonatigen Aufenthalt in Amsterdam bei dem bekannten Historienmaler Pieter Lastman (1583–1633).

Eine der vier Szenen aus Rembrandts „Die fünf Sinne“.

Obwohl Rembrandt bei seinen Auftraggebern den Eindruck eines ruppigen und arroganten Künstlers hinterließ, zeugte seine Bereitschaft, weiterhin von verschiedenen Meistern zu lernen, von einer unbestreitbaren Disziplin und Selbstwahrnehmung, die sein Selbstbewusstsein untermauerten.
Anstatt die Gemälde mit seinen Initialen zu signieren, fügte er seinem Vornamen ein „d“ hinzu und nannte sich fortan „Rembrandt“ – ein Wortspiel mit den niederländischen Begriffen „rem“ („Hindernis“) und „brandt“ („Licht“).
Seine allmähliche Abkehr von lebhaften, farbenfrohen Paletten hin zu einer zurückhaltenden, monochromen Ästhetik ermöglichte ihm ein geniales Zusammenspiel von Licht und Schatten, mit denen er narrative Spannung zwischen seinen Motiven erzeugte. Seine Faszination für das Licht veranlasste ihn, seine Fenster mit geöltem Papier zu verdecken, um direktes Sonnenlicht zu dämpfen und eine diffuse Beleuchtung zu erzeugen.
Ein Vergleich seiner frühesten erhaltenen Werke „Die fünf Sinne“ (1625) und „Grablegung Christi“ (um 1633) zeigt seine deutliche Abkehr von einer farbenfrohen Sprache hin zu einer Technik dramatischer Kontraste. Auf der Grundlage der barocken Tradition des „Chiaroscuro“ (italienisch für hell-dunkel) entwickelte Rembrandt diese Technik im Laufe des folgenden Jahrzehnts weiter und setzte sie in dem Werk um, das der wichtigste Auftrag seines Lebens werden sollte.

„Grablegung Christi“, um 1633.

Wie „Die Nachtwache“ entstand

Gegen Ende des Achtzigjährigen Krieges hatten sich die Amsterdamer Milizen längst aus dem Kampfgeschehen zurückgezogen. Eine Möglichkeit, ihren hohen gesellschaftlichen Status zu wahren, bestand darin, große Gruppenporträts in Auftrag zu geben, um ihre glorreichen Tage im Kampf zu verewigen. Diese Porträts waren in der Regel formelle, statische Darstellungen, die das Gesicht jedes einzelnen Mitglieds deutlich zeigten. Als die Amsterdamer Bürgerwehr, die Kloveniers, im Jahr 1640 mit einem solchen Auftrag an Rembrandt herantrat, fiel seine Antwort ausgesprochen untypisch aus.
Obwohl die Kloveniers aus 18 Mitgliedern bestanden, sind auf Rembrandts Gemälde 32 Männer zu erkennen, dazu zwei Frauen und noch ein Hund. Die Szene, in der sich die Figuren in einer turbulenten Atmosphäre aus dynamischer Bewegung und Lärm vor einem Triumphbogen versammelt haben, hat seit ihrer Enthüllung zu keiner einheitlichen Deutung geführt – ein abgefeuertes Gewehr, Trommelklänge, eine geschwenkte Fahne und unterschiedlichste Figuren, die alle in eine andere Richtung blicken oder zeigen.
Die beiden zentralen Figuren sind Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch, nach dem das Gemälde ursprünglich benannt war. Der Hauptmann hat seinen Handschuh ausgezogen und streckt seine linke Hand dem Betrachter entgegen, wobei er einen auffälligen, kontrastreichen Schatten auf das hell leuchtende, prächtige Gewand seines Leutnants und hinunter auf dessen Lanze wirft. Hinter dem herabhängenden Handschuh des Hauptmanns trägt eine Frau in einem goldenen Kleid ein Huhn an ihrem Gürtel, vermutlich ein Symbol für das Vogelklauen-Wappen der Kloveniers und ein Wortspiel mit dem Namen des Hauptmanns. Nur wenige Zentimeter neben dem Kopf des Leutnants geht ein Musketenschuss fehl und hüllt seinen Federhut in eine Rauchwolke.

„Die Nachtwache“, 1642, Rembrandt van Rijn. Rijksmuseum in Amsterdam, Niederlande.

Rembrandts meisterhafte Lichtführung verteilt sich über sämtliche Figuren, wobei einige im Rampenlicht stehen, während der Rest in tiefen Schatten gehüllt ist. Jedes noch so kleine Detail ist eine bewusste und wahrscheinlich ironische Anspielung.
Warum? Aus der Mitte der sich drängenden Figuren blickt ein kaum wahrnehmbares einzelnes beobachtendes Auge hervor, das von Wissenschaftlern als Rembrandt selbst interpretiert wird – eine weitere provokante Signatur des Künstlers, der sich selbst in das Geschehen einfügt.

Ein mysteriöses Rätsel

Die Spekulationen über die Bedeutung der vielschichtigen Andeutungen in Rembrandts Werk reißen auch lange nach dem Ende seiner Schaffenszeit nicht ab. Im Jahr 1715 wurde das Gemälde vom Hauptquartier der Kloveniers ins Amsterdamer Rathaus verlegt. Um es an den neuen Aufstellungsort anzupassen, wurde es sowohl in der Höhe als auch in der Breite beschnitten, wobei zwei Figuren auf der linken Seite entfernt wurden.
Der Filmregisseur Peter Greenaway vermutet, dass es sich bei diesen Figuren um Floris und Clement Cocq handeln könnte. Ihre Entfernung habe die Andeutung Rembrandts, die Miliz sei in einen Mordkomplott verwickelt gewesen, möglicherweise abgeschwächt. Diese entfernten Teile wurden nie wiedergefunden. Es wurde auch vermutet, dass dieser vermeintliche Affront gegen einflussreiche Familien dazu beitrug, dass Rembrandt nach 1642 immer weniger Großaufträge erhielt und schließlich in den Bankrott getrieben wurde. [Anm. d. Red.: Greenaway widmete Rembrandts berühmtem Gemälde „Die Nachtwache“ besondere Aufmerksamkeit. In seinem Film „Nightwatching“ interpretiert er das Bild als verschlüsselte Anklage gegen ein Verbrechen und entwickelt daraus eine historische Kriminalgeschichte.]
So spannend diese Hypothese auch sein mag und so provokativ Rembrandts Darstellungen offensichtlich auch sein sollten, die Miliz lehnte das Gemälde nicht ab und weigerte sich auch nicht, ihn dafür zu bezahlen. Das Werk blieb die nächsten 73 Jahre stolzer Blickfang in der Kloveniershalle, bevor es in das Amsterdamer Rathaus und schließlich in das Rijksmuseum gebracht wurde. Nur dank einer kleineren Kopie, die wahrscheinlich von Frans Banninck Cocq in Auftrag gegeben wurde, konnten die entfernten Teile 2021 mithilfe von KI rekonstruiert werden.
Trotz der Restaurierung des Gemäldes, die ihm seine ursprüngliche Größe und Leuchtkraft zurückgab, ist es nach wie vor liebevoll als „Die Nachtwache“ bekannt.
Rembrandts finanzielle Schwierigkeiten wurden zweifellos durch seine zwanghafte Vorliebe für Antiquitäten und Kuriositäten sowie durch seine Weigerung, von seinem unverwechselbaren Stil abzuweichen, noch verschärft – selbst als sich der Geschmack in den Niederlanden in eine andere Richtung entwickelte.
Doch sein unerschütterliches Selbstvertrauen gab ihm am Ende recht: Im Jahr 1915 entwickelte der Filmregisseur Cecil B. DeMille für seinen Film „The Warrens of Virginia“ („Der Held der Prärie“) eine neue Beleuchtungstechnik. Seine bahnbrechende Innovation von Hell und Dunkel – die „Rembrandt-Beleuchtung“ – prägte die Regisseure und Fotografen des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Rembrandt’s ‘The Night Watch’: A Masterpiece Shrouded in Scandal“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)
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Mehr als eine Zahl – die Zehn als Spiegel menschlicher Sehnsucht

Manche Zahlen wirken zufällig und fast schon beliebig, andere hingegen wirken unausweichlich. Doch nur wenige von Letzteren verfügen über eine stille Autorität wie die Zehn. Sie begegnet uns im menschlichen Leben so selbstverständlich, dass wir kaum bemerken, wie tiefgreifend sie unser Denken prägt. Wir zählen in Zehnern, strukturieren in Zehnern und erstellen Top-10-Listen. Eine „glatte Zehn“ bedarf keiner Erklärung.

Ein universelles Muster

Hinter dieser Vertrautheit verbirgt sich möglicherweise etwas Tiefgründigeres, denn jenseits ihres praktischen Nutzens steht die Zehn für eine reichhaltige symbolische Geschichte. In Mathematik, Religion, Philosophie und Kultur präsentiert sie Ordnung in vollendeter Form – sie ist nicht nur das Ende einer Abfolge, sondern die Erschaffung eines stabilen und begreifbaren Ganzen.
Während die Neun an der Schwelle zur Transformation steht, fühlt sich die Zehn wie ein Ankommen an – der Moment, in dem sich die Teile schließlich zu einer erkennbaren Struktur zusammenfügen. Betrachten wir beispielsweise den menschlichen Körper: Wir besitzen zehn Finger, und es lässt sich kaum in Worte fassen, wie sehr diese einfache Tatsache unsere Zivilisation geprägt hat. Unser Dezimalsystem ist höchstwahrscheinlich aus dem Zählen an den Händen entstanden. Die Zehner wurden zu natürlichen Maßeinheiten, da der Körper selbst als Vorbild diente.

Ein Symbol der Harmonie: die 10-Punkte-Tetraktys, die auf Pythagoras zurückgehen soll.

In diesem Sinne ist die Zehn zutiefst menschlich. Sie schlägt eine Brücke zwischen der abstrakten Welt der Mathematik und der physischen Realität des Lebens. Wir tragen diese Zahl buchstäblich mit uns. Vielleicht symbolisiert sie deshalb häufig nicht nur eine Menge, sondern steht auch für Meisterschaft. „Bis zehn zählen“ bedeutet, die Fassung wiederzugewinnen.
Eine Top-10-Liste impliziert Wertigkeit und ein Popsong gilt erst dann wirklich als Hit, wenn er es in die Top 10 geschafft hat. In Umfragen werden wir regelmäßig dazu aufgefordert, Leistung, Zufriedenheit oder Wahrscheinlichkeit auf einer 10-Punkte-Skala zu bewerten. Auch bei der berühmten Frage zur Kundenzufriedenheit – „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie … weiterempfehlen?“ – liegt die Skala von null bis zehn. Eine perfekte Punktezahl wird üblicherweise mit 10 angegeben. Die Zahl steht dabei nicht für Übermaß, sondern für Ausgewogenheit, einen Zustand, in dem die Dinge ihre angemessene Form erreicht haben.
Dieser Ansatz findet sich auch in der antiken Philosophie wieder. Die Pythagoreer betrachteten die Zehn als die vollkommenste aller Zahlen, dargestellt durch die Tetraktys (griechisch für „Vierheit“): ein Dreieck aus zehn Punkten, die in vier Reihen angeordnet sind. Für die Pythagoreer spiegelte die Tetraktys die Harmonie selbst wider, also die verborgene numerische Struktur hinter Musik, Geometrie und dem Kosmos. Darauf schworen sie ihre Eide.
Dabei handelte es sich nicht um Aberglauben. Auch die Griechen ahnten, dass Ordnung nicht willkürlich ist. Die Realität war von Mustern, Symmetrie und Begreifbarkeit geprägt. Die Zahl zehn stand für die Vollendung dieses Musters: Die Einheit entfaltete sich zur Fülle.

Die Zehn in der Religion

Derselbe Gedanke erscheint auch in religiösen Traditionen. In den hebräischen Schriften findet man die Zehn Gebote – keine Empfehlungen, sondern grundlegende Prinzipien, die sowohl das individuelle Verhalten als auch das Gemeinschaftsleben ordnen sollen. Bezeichnenderweise sind es genau zehn und nicht sieben oder zwölf. Diese Zahl vermittelt Vollständigkeit. In ihrer Gesamtheit bilden die Zehn Gebote ein lückenloses moralisches Regelwerk.
In der biblischen Geschichte über Ägypten wirden zehn Plagen beschrieben, die der Erlösung vorausgehen. Diese Abfolge ist nicht zufällig. Sie ist vielmehr Ausdruck eines umfassenden Urteils über ein korruptes System. Erst nach der zehnten Plage bricht ein neues Kapitel an. Auch in der biblischen Genealogie zeigt sich dieses Muster: Die Genesis beschreibt zehn Generationen von Adam bis Noah und weitere zehn bis Abraham, was darauf hindeutet, dass sich die Geschichte in geordneten Etappen und nicht in zufälliger Abfolge entfaltet.
In der hinduistischen Tradition wird Vishnu traditionell mit zehn Avataren, das heißt Erscheinungsformen, die im Laufe der Zeitalter auftauchen, um das kosmische Gleichgewicht von Gut und Böse wiederherzustellen, in Verbindung gebracht. Auch hier steht die Zehn für Vollkommenheit – jedoch nicht im Sinne von Starre, sondern als vollständige Entfaltung der Ordnung im Laufe der Geschichte.
Im Christentum gibt es das Gleichnis der zehn Jungfrauen, in dem es um Wachsamkeit und Vorsorge angesichts eines nahenden Tages der Abrechnung geht. Die Zehn steht hier für die Gesamtheit der Menschen, die auf ein Urteil warten – einige klug und vorbereitet, die anderen töricht.

Vollendung ohne Beständigkeit

Die symbolische Kraft der Zehn besteht zudem außerhalb eindeutig religiöser Zusammenhänge ungebrochen. Im Sport wird sie oft mit Führungsstärke und Kreativität in Verbindung gebracht. Im Fußball gehört das Trikot mit der „10“ traditionell dem Spielmacher, also jener Person, durch die das Spiel gestaltet und geordnet wird – wie Pelé, Maradona, Messi und Platini.
Im Turnen und Wasserspringen steht eine Zehn für eine fehlerfreie Ausführung, für die perfekte Leistung ohne sichtbaren Fehler, wie bei Nadia Comăneci. Die 14-jährige Rumänin erntete für ihre Darbietung am Stufenbarren als erste Turnerin überhaupt bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 eine glatte Zehn.

Nadia Comăneci schrieb 1976 Olympiageschichte.

Und doch birgt die Zehn einen subtilen Warnhinweis. Denn sobald Perfektion erreicht ist, kann sie zur Starre verleiten. Systeme, die umfassend ausgereift sind, stehen Veränderungen oft im Weg. Strukturen, die Ordnung schaffen sollen, können zu Formen der Kontrolle verhärten. Der Wunsch nach einer perfekten Bewertung, einer perfekten Gesellschaft oder einem perfekt geordneten Leben kann die Unfähigkeit verschleiern, mit Unsicherheit oder Veränderungen zurechtzukommen. Tatsächlich wurden die Zehn Gebote, so wunderbar sie auch sind, in den Händen der jüdischen Sadduzäer, Gelehrten und Pharisäer zu genau jenen Hindernissen im Leben, denen sich Christus entgegenstellte.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Zehn von der Neun. Die Neun bleibt dynamisch und steht am Rande des Wandels. Die Zehn hingegen strebt nach Beständigkeit. Sie möchte, dass die Dinge geordnet, geklärt und gesichert sind. Genau darin liegen sowohl ihre Stärke als auch ihre Gefahr.
Wir Menschen brauchen Ordnung. Ohne sie versinkt das Leben im Chaos. Sprache, Recht, Architektur, Musik und Wissenschaft hängen alle von stabilen Strukturen ab. Die Zivilisation selbst benötigt einen Rahmen, der die Zeit überdauert. Doch das Leben geht über alle von uns geschaffenen Rahmenbedingungen hinaus. Im Glauben endgültige Vollkommenheit erreicht zu haben, werden wir von der Realität eines Besseren belehrt. Neue Probleme tauchen auf und plötzlich stehen Fragen im Raum. Die Menschen verändern sich. Die Geschichte schreitet voran.
Vielleicht ist dies der Grund, warum die Zehn oft nicht nur für ein Ende, sondern zugleich auch für den Beginn eines neuen Zyklus steht. In der Arithmetik kehren wir, sobald wir die Zehn erreichen, zur Eins zurück – jedoch auf einer höheren Ebene. Die Abfolge beginnt von Neuem, wiederholt sich jedoch nicht einfach. Vielmehr wurde etwas weitergetragen.
Mit anderen Worten: Die Zehn verkörpert ein Paradoxon – sie steht für Vollendung, aber nicht für Beständigkeit; für Errungenschaft, aber nicht für ein endgültiges Ziel. Genau wie das Leben selbst, zumindest hier auf der Erde.
Die alten Griechen haben das besser verstanden, als wir es manchmal tun. Ihr Wort „Kosmos“ bezeichnete nicht nur „das Universum“, sondern eine geordnete und schöne Anordnung – daher auch der Begriff „Kosmetik“ in unserer Sprache. Ordnung war wichtig, da das Chaos stets zurückzukehren drohte. Harmonie musste gepflegt werden und galt nicht als selbstverständlich, ebenso wie in unserem Alltag, in dem das Schminken Ordnung symbolisiert: Schönheit muss gepflegt werden.
Unsere heutige Zeit schwankt oft unruhig zwischen diesen beiden Polen hin und her. Einerseits sehnen wir uns nach Ordnung, nach klaren Systemen, messbaren Ergebnissen und stabilen Identitäten. Andererseits fürchten wir, in zu starren Systemen gefangen zu sein, in denen es keinen Raum für unerwartete Ereignisse gibt. Die Zehn erinnert uns leise daran, dass wahre Ordnung nicht mechanisch ist. Sie ist lebendig. Eine gute Struktur sperrt Energie nicht ein, sondern lenkt sie. Eine gute Gesellschaft schränkt die Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht Entfaltung. Ein gutes Leben ist kein Leben, in dem es keine Unsicherheit gibt, sondern ein Leben, in dem Sinnhaftigkeit und Offenheit nebeneinander bestehen.
All dies könnte erklären, warum die Zehn nach wie vor so viel Beachtung findet. Sie spricht eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen an: die Hoffnung, dass das Leben einen sinnvollen Verlauf nehmen kann. Nicht perfekt im Sinne von unveränderlich oder fehlerfrei, sondern vollkommen genug, um Bestand zu haben und als Fundament für die Zukunft zu dienen.
Denn letzten Endes liegt die Bedeutung der Zehn nicht in der Zahl selbst, sondern in der Erkenntnis, was sie über uns offenbart – dass wir Menschen Wesen sind, die sich nach Ordnung inmitten des Ungewissen sehnen. Wir zählen, klassifizieren, ordnen, messen und bauen, weil wir danach streben, Muster zu entdecken, die das Dasein begreifbar machen. Die Zehn ist eines der großen Symbole dieser Sehnsucht. Sie ist die Zahl, die uns sagt, dass die Teile zusammenpassen können, auch wenn die Geschichte selbst noch nicht abgeschlossen ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why the Number 10 Represents Order, Completion, and Human Aspiration“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)