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Rembrandts größtes Rätsel

Von allen niederländischen Malereien ist das am meisten verehrte Werk zugleich eines, das am stärksten angegriffen, beschädigt und fehlinterpretiert wurde. Es wurde nicht nur deutlich in seiner Größe beschnitten, sondern auch dreimal durch Kunstvandalen beschädigt und aufgrund von Schmutz und verwitterter Lasur, die seine Farben verdunkelten, falsch benannt: Rembrandts „Die Nachtwache“, das eine der berühmtesten Comeback-Geschichten der Kunstwelt erzählt.
350 Jahre nach seiner Entstehung ermöglichen die zahlreichen aufwendigen Restaurierungsarbeiten den Millionen Besuchern, die das Gemälde jährlich bewundern, einen neuen Blick auf die ursprüngliche Gestaltung. Bis heute jedoch existieren auch nach jahrhundertelangen Analysen und sorgfältigen Untersuchungen hinter der rätselhaften Bildgestaltung umstrittene Interpretationen und Geheimnisse.

„Selbstporträt“, 1660, von Rembrandt, Kenwood House, London.

Ein Blick in die Geschichte

Im Jahr 1602 fusionierten mehrere Handelsgesellschaften zur Niederländischen Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC), wodurch sich Amsterdam rasch zur Finanzhauptstadt der Welt entwickelte. Dieses Monopol ermöglichte es nicht nur Kaufleuten, sondern allen niederländischen Einwohnern, zu investieren und an den Gewinnen des Verbunds teilzuhaben. So entstand die weltweit erste Aktiengesellschaft, die dafür sorgte, dass Amsterdams Bevölkerungszahl in den folgenden 50 Jahren von 50.000 auf 175.000, auf mehr als das Dreifache, anstieg.

Vom Schulabbrecher zum Magier

Vier Jahre nach der Gründung der VOC, die das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande einläutete, wurde Rembrandt van Rijn geboren.
Rembrandt (1606–1669) wuchs in der Stadt Leiden auf, rund 40 Kilometer von Amsterdam entfernt. Sein Studium an der Lateinschule brach er vorzeitig ab. Er begann eine Lehre bei dem niederländischen Maler und Kunsthändler Jacob van Swanenburg (1571–1638), dessen Stil von der italienischen Kunstszene geprägt wurde. Da der junge Künstler nach Abschluss seiner dreijährigen Ausbildung mit den erworbenen Fähigkeiten noch immer unzufrieden war, absolvierte er weitere Lehrjahre, darunter einen sechsmonatigen Aufenthalt in Amsterdam bei dem bekannten Historienmaler Pieter Lastman (1583–1633).

Eine der vier Szenen aus Rembrandts „Die fünf Sinne“.

Obwohl Rembrandt bei seinen Auftraggebern den Eindruck eines ruppigen und arroganten Künstlers hinterließ, zeugte seine Bereitschaft, weiterhin von verschiedenen Meistern zu lernen, von einer unbestreitbaren Disziplin und Selbstwahrnehmung, die sein Selbstbewusstsein untermauerten.
Anstatt die Gemälde mit seinen Initialen zu signieren, fügte er seinem Vornamen ein „d“ hinzu und nannte sich fortan „Rembrandt“ – ein Wortspiel mit den niederländischen Begriffen „rem“ („Hindernis“) und „brandt“ („Licht“).
Seine allmähliche Abkehr von lebhaften, farbenfrohen Paletten hin zu einer zurückhaltenden, monochromen Ästhetik ermöglichte ihm ein geniales Zusammenspiel von Licht und Schatten, mit denen er narrative Spannung zwischen seinen Motiven erzeugte. Seine Faszination für das Licht veranlasste ihn, seine Fenster mit geöltem Papier zu verdecken, um direktes Sonnenlicht zu dämpfen und eine diffuse Beleuchtung zu erzeugen.
Ein Vergleich seiner frühesten erhaltenen Werke „Die fünf Sinne“ (1625) und „Grablegung Christi“ (um 1633) zeigt seine deutliche Abkehr von einer farbenfrohen Sprache hin zu einer Technik dramatischer Kontraste. Auf der Grundlage der barocken Tradition des „Chiaroscuro“ (italienisch für hell-dunkel) entwickelte Rembrandt diese Technik im Laufe des folgenden Jahrzehnts weiter und setzte sie in dem Werk um, das der wichtigste Auftrag seines Lebens werden sollte.

„Grablegung Christi“, um 1633.

Wie „Die Nachtwache“ entstand

Gegen Ende des Achtzigjährigen Krieges hatten sich die Amsterdamer Milizen längst aus dem Kampfgeschehen zurückgezogen. Eine Möglichkeit, ihren hohen gesellschaftlichen Status zu wahren, bestand darin, große Gruppenporträts in Auftrag zu geben, um ihre glorreichen Tage im Kampf zu verewigen. Diese Porträts waren in der Regel formelle, statische Darstellungen, die das Gesicht jedes einzelnen Mitglieds deutlich zeigten. Als die Amsterdamer Bürgerwehr, die Kloveniers, im Jahr 1640 mit einem solchen Auftrag an Rembrandt herantrat, fiel seine Antwort ausgesprochen untypisch aus.
Obwohl die Kloveniers aus 18 Mitgliedern bestanden, sind auf Rembrandts Gemälde 32 Männer zu erkennen, dazu zwei Frauen und noch ein Hund. Die Szene, in der sich die Figuren in einer turbulenten Atmosphäre aus dynamischer Bewegung und Lärm vor einem Triumphbogen versammelt haben, hat seit ihrer Enthüllung zu keiner einheitlichen Deutung geführt – ein abgefeuertes Gewehr, Trommelklänge, eine geschwenkte Fahne und unterschiedlichste Figuren, die alle in eine andere Richtung blicken oder zeigen.
Die beiden zentralen Figuren sind Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch, nach dem das Gemälde ursprünglich benannt war. Der Hauptmann hat seinen Handschuh ausgezogen und streckt seine linke Hand dem Betrachter entgegen, wobei er einen auffälligen, kontrastreichen Schatten auf das hell leuchtende, prächtige Gewand seines Leutnants und hinunter auf dessen Lanze wirft. Hinter dem herabhängenden Handschuh des Hauptmanns trägt eine Frau in einem goldenen Kleid ein Huhn an ihrem Gürtel, vermutlich ein Symbol für das Vogelklauen-Wappen der Kloveniers und ein Wortspiel mit dem Namen des Hauptmanns. Nur wenige Zentimeter neben dem Kopf des Leutnants geht ein Musketenschuss fehl und hüllt seinen Federhut in eine Rauchwolke.

„Die Nachtwache“, 1642, Rembrandt van Rijn. Rijksmuseum in Amsterdam, Niederlande.

Rembrandts meisterhafte Lichtführung verteilt sich über sämtliche Figuren, wobei einige im Rampenlicht stehen, während der Rest in tiefen Schatten gehüllt ist. Jedes noch so kleine Detail ist eine bewusste und wahrscheinlich ironische Anspielung.
Warum? Aus der Mitte der sich drängenden Figuren blickt ein kaum wahrnehmbares einzelnes beobachtendes Auge hervor, das von Wissenschaftlern als Rembrandt selbst interpretiert wird – eine weitere provokante Signatur des Künstlers, der sich selbst in das Geschehen einfügt.

Ein mysteriöses Rätsel

Die Spekulationen über die Bedeutung der vielschichtigen Andeutungen in Rembrandts Werk reißen auch lange nach dem Ende seiner Schaffenszeit nicht ab. Im Jahr 1715 wurde das Gemälde vom Hauptquartier der Kloveniers ins Amsterdamer Rathaus verlegt. Um es an den neuen Aufstellungsort anzupassen, wurde es sowohl in der Höhe als auch in der Breite beschnitten, wobei zwei Figuren auf der linken Seite entfernt wurden.
Der Filmregisseur Peter Greenaway vermutet, dass es sich bei diesen Figuren um Floris und Clement Cocq handeln könnte. Ihre Entfernung habe die Andeutung Rembrandts, die Miliz sei in einen Mordkomplott verwickelt gewesen, möglicherweise abgeschwächt. Diese entfernten Teile wurden nie wiedergefunden. Es wurde auch vermutet, dass dieser vermeintliche Affront gegen einflussreiche Familien dazu beitrug, dass Rembrandt nach 1642 immer weniger Großaufträge erhielt und schließlich in den Bankrott getrieben wurde. [Anm. d. Red.: Greenaway widmete Rembrandts berühmtem Gemälde „Die Nachtwache“ besondere Aufmerksamkeit. In seinem Film „Nightwatching“ interpretiert er das Bild als verschlüsselte Anklage gegen ein Verbrechen und entwickelt daraus eine historische Kriminalgeschichte.]
So spannend diese Hypothese auch sein mag und so provokativ Rembrandts Darstellungen offensichtlich auch sein sollten, die Miliz lehnte das Gemälde nicht ab und weigerte sich auch nicht, ihn dafür zu bezahlen. Das Werk blieb die nächsten 73 Jahre stolzer Blickfang in der Kloveniershalle, bevor es in das Amsterdamer Rathaus und schließlich in das Rijksmuseum gebracht wurde. Nur dank einer kleineren Kopie, die wahrscheinlich von Frans Banninck Cocq in Auftrag gegeben wurde, konnten die entfernten Teile 2021 mithilfe von KI rekonstruiert werden.
Trotz der Restaurierung des Gemäldes, die ihm seine ursprüngliche Größe und Leuchtkraft zurückgab, ist es nach wie vor liebevoll als „Die Nachtwache“ bekannt.
Rembrandts finanzielle Schwierigkeiten wurden zweifellos durch seine zwanghafte Vorliebe für Antiquitäten und Kuriositäten sowie durch seine Weigerung, von seinem unverwechselbaren Stil abzuweichen, noch verschärft – selbst als sich der Geschmack in den Niederlanden in eine andere Richtung entwickelte.
Doch sein unerschütterliches Selbstvertrauen gab ihm am Ende recht: Im Jahr 1915 entwickelte der Filmregisseur Cecil B. DeMille für seinen Film „The Warrens of Virginia“ („Der Held der Prärie“) eine neue Beleuchtungstechnik. Seine bahnbrechende Innovation von Hell und Dunkel – die „Rembrandt-Beleuchtung“ – prägte die Regisseure und Fotografen des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Rembrandt’s ‘The Night Watch’: A Masterpiece Shrouded in Scandal“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)