Von den alten Griechen inspiriert: Die Villa Kérylos in Beaulieu-sur-Mer bei Nizza. - Foto: Alpes Maritimes/iStock
Inmitten von Glanz und Glamour der französischen Riviera wirkt die Villa Kérylos wie ein seltener Vogel – im wahrsten Sinne des Wortes, denn „kérylos“ bedeutet „Meerschwalbe“ oder „Eisvogel“ und gilt in der griechischen Mythologie als gutes Omen.
Das außergewöhnliche Gebäude in Beaulieu-sur-Mer bei Nizza entsprang einer Zusammenarbeit zwischen dem Mäzen Théodore Reinach (1860–1928) und seinem Freund, dem Architekten Emmanuel Pontremoli (1865–1956), der auch an archäologischen Ausgrabungsstätten tätig war. Der in Frankreich in einer jüdischen Familie geborene Reinach war eine vielseitige Persönlichkeit. Er war Archäologe, Historiker, Jurist, Mathematiker, Musikwissenschaftler und Numismatiker, kannte sich also auf dem Gebiet von Münzen aus. Sein Schwerpunkt lag jedoch auf der Erforschung des antiken Griechenlands.
Die zwischen 1902 und 1908 als Ferienhaus erbaute weiß verputzte Villa ist ein Ort mit besonderer Ausstrahlung. Das Gebäude wirkt wie eine griechische Residenz aus hellenistischer Zeit. Es vereint den Komfort und die Bautechniken der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, einer Epoche, die in Frankreich als Belle Époque (schöne Epoche) bekannt ist.
Die Villa Kérylos ist ein „Gesamtkunstwerk“. Die Architektur, die Gärten und die Einrichtung erinnern an die Adelshäuser der Insel Delos aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Die Inneneinrichtung umfasst zeitgemäße Fresken, Mosaike, Textilien, Geschirr und Möbel sowie eine Sammlung von Antiquitäten und die großflächige Verwendung von Marmor, Bronzen und Edelhölzern. Die meisten Möbel wurden von Reinach nach historischen Vorbildern entworfen. Der Tischler Louis-François Bettenfeld setzte die Entwürfe um.
Nach Reinachs Tod wurde die Villa dem Institut de France vermacht. Es gab jedoch eine Bedingung: Seine Nachkommen durften dort weiterhin wohnen. Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Haus. Sie deportierten seinen Sohn Julien, der in der Villa lebte, in das Konzentrationslager Bergen-Belsen und vernichteten Reinachs Aufzeichnungen. Der Gärtner brachte die Einrichtungsgegenstände zur sicheren Aufbewahrung in ein Museum. Julien überlebte, doch Reinachs anderer Sohn Léon, die Schwiegertochter und ihre beiden Kinder kamen in Auschwitz ums Leben.
Nach dem Krieg wurde die Villa an die Familie Reinach zurückgegeben, die sie bis Mitte der 1960er-Jahre weiter bewohnte. 1966 stellte die französische Regierung das Gebäude unter Denkmalschutz. Heute ist die Villa als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich und ermöglicht einen besonderen Einblick in ihre bewegte Geschichte.
Die Wände des beeindruckenden „Andron“, des Empfangsraums für Männer, sind mit italienischem Marmor verkleidet. Am hinteren Ende des Salons befindet sich ein Hausaltar aus Carrara-Marmor, der als Ort für Opfergaben diente. Das Mosaik im Raum zeigt die berühmte Legende von Theseus, der den Minotaurus tötet.
Die Räume im Erdgeschoss verteilen sich um einen offenen Innenhof mit einer Säulenreihe, die den Hof umsäumt. Dieses Element war ein wesentlicher Bestandteil antiker griechischer Häuser und sorgte für Licht und Luftzirkulation. Hier befinden sich ein Dutzend dorische Säulen aus Carrara-Marmor und sechs Wandfresken. Mediterrane Pflanzen verleihen dem Raum eine besondere Atmosphäre.
Der „Oikos“ ist ein Raum, der den Künsten gewidmet ist. Sein Stuckfries mit Flachreliefs zeigt Musikinstrumente und eine Reihe ausgefallener Theatermasken, die ein wesentlicher Bestandteil antiker griechischer Aufführungen waren. Ein Schrank aus Zitronenholz (ganz rechts) verbirgt ein Miniaturklappklavier, das zwar nicht der damaligen Zeit entspricht, aber auf Wunsch von Reinachs Frau hinzugefügt wurde.
Der Mythos von Theseus und dem Minotaur (r.) machte den Bildhauer Antonio Canova berühmt (l.). - Foto: gemeinfrei, Yair Haklai/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0; Montage und Bearbeitung: Epoch Times
In Kürze:
Der italienische Bildhauer Antonio Canova galt im 18. Jahrhundert wegen seines großen Talentes als „moderner Phidias“.
Vor allem seine Skulptur „Theseus und der Minotaur“, angelehnt an einen griechischen Mythos, machte Canova berühmt.
Das 18. Jahrhundert war die Geburtsstunde eines großen Künstlers: des italienischen Bildhauers Antonio Canova (1757–1822). Heute ist Canova dafür bekannt, dass er das Erbe der antiken griechischen Bildhauerkunst wiederbelebte.
Manche bezeichneten ihn damals sogar als den „modernen Phidias“. Phidias (ca. 480–430 v. Chr.) war einer der größten Bildhauer der Antike und einer der Verantwortlichen beim Ausbau der berühmten Akropolis von Athen.
Der Legende nach soll der herausragende Bildhauer als Einziger jemals die griechischen Götter gesehen haben. Phidias verewigte das Antlitz der Götter schließlich mit den Skulpturen des Parthenon und machte es so für alle Griechen greifbar.
Canova dürfte dieser Gedanke gefallen haben, denn der italienische Künstler sagte einmal: „Die Werke des Phidias sind wahrhaftig aus Fleisch und Blut, wie die schöne Natur selbst“, so die Kunsthistorikerin Jane Martineau in ihrem Buch „The Glory of Venice: Art in the Eighteenth Century“.
Selbstportrait von Antonio Canova aus dem Jahr 1790.
Im Jahr 1779, als er Anfang 20 war, schuf Canova die Marmorskulptur „Daedalus und Ikarus“ im barocken Stil. Diese zeigt den mythischen griechischen Erfinder, Architekten und Bildhauer Daidalos mit seinem Sohn Ikaros.
In der Momentaufnahme ist Daidalos zu sehen, wie er sorgfältig seinen Sohn mit Flügeln ausstattet, indem er Federn mit Wachs an dessen Rücken befestigt. Daidalos fertigte auch für sich selbst gefiederte Flughilfen an, die beiden halfen, den Fängen von König Minos zu entfliehen.
Die Skulptur „Daedalus und Ikarus“ im Museo Correr, dem städtischen Museum von Venedig.
Bekanntlich kam Ikaros dabei ums Leben. Sein Vater hatte ihn gewarnt, nicht zu hoch zu fliegen, doch er ignorierte den Rat. Sein Übermut verleitete ihn dazu, näher an die Sonne heranzufliegen, wodurch das Wachs schmolz, das seine provisorischen Flügel zusammenhielt. Der junge Mann stürzte vor den Augen seines Vaters ins Meer und ertrank.
Das Gemälde „Der Sturz des Ikarus“ von Jacob Peter Gowy aus dem Jahr 1636.
Vater und Sohn flohen vor König Minos, nachdem Daidalos geholfen hatte, das Leben des jungen athenischen Prinzen Theseus zu retten. Zusammen mit Ariadne, der Tochter von König Minos, half Daidalos dem jungen Helden und verriet ihm, wie er erfolgreich aus dem Labyrinth des gefürchteten Minotaur entkommt. Das Fabelwesen hatte den Körper eines Menschen und den Kopf eines Stiers. Und tatsächlich: Theseus besiegte den Minotaur und fand den Weg aus dem Labyrinth.
Die künstlerische Darstellung von 1861 zeigt den athenischen Prinzen Theseus im Labyrinth mit dem Minotaur.
Canova stellte Theseus und den Minotaur im Jahr 1782 dar. In der neoklassizistischen Skulptur überragt Theseus den Minotaur, den er gerade getötet hat. Das Werk verkörpert den zielgerichteten Geist, für den Theseus steht, der über den materiellen Körper triumphiert, der durch den toten Minotaur repräsentiert wird, so der Kunsthistoriker David Bindman in einer Vorlesung über italienische Kunst im Jahr 2015.
Die Skulptur „Theseus und der Minotaur“ von Antonio Canova (1757–1822) aus dem Jahr 1782 im britischen Victoria and Albert Museum.
Den Betrachtern jener Zeit fiel es schwer zu glauben, dass „Theseus und der Minotaur“ ein zeitgenössisches Werk und keine Kopie einer antiken griechischen Skulptur war. Dieses Werk trug zusammen mit Canovas erstem päpstlichen Auftrag in Rom – dem Grabmal von Papst Clemens XIV. (fertiggestellt 1787) – dazu bei, seinen Ruhm in ganz Europa zu festigen.