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Wenn das Gehirn wieder Rhythmus findet: Wie Tanzen das Leben mit Parkinson verändert

Parkinson schleicht sich in das Leben der Betroffenen. Es beginnt mit einem leisen Zittern, führt zu steifen Muskeln und lässt oft mitten in der Bewegung die Füße wie am Boden festfrieren. Doch auf der Tanzfläche passiert manchmal ein kleines Wunder: Wenn die Musik einsetzt, finden verloren geglaubte Bewegungen plötzlich ihren Fluss wieder.

Neurologen empfehlen das Tanzen heute als „Neurorehabilitation“. Der Grund ist simpel, aber genial: Tanz fordert uns ganzheitlich.

„Er verbindet gleichzeitig körperliche Bewegung, kognitive Herausforderungen, Musikwahrnehmung, Rhythmus, emotionale Beteiligung und soziale Interaktion auf eine Weise, wie es allgemeine Übungen wie das Gehen auf dem Laufband einfach nicht können“, sagte die Neurologin Dr. Fiona Gupta aus New York.

Der Takt, der die Blockade bricht

Der Schlüssel zu diesem Erfolg liegt in der Musik. Das menschliche Gehirn liebt Rhythmus. Bei Parkinson-Patienten sind die Basalganglien – jene tief im Gehirn liegenden Nervenknoten, die für die automatische Bewegungssteuerung zuständig sind – beschädigt. Die Musik wirkt hier wie ein externer Taktgeber. Eine Studie zeigt, dass Melodien weitaus besser helfen als das monotone Klicken eines Metronoms, weil sie zusätzlich Emotionen wecken.

  • Tango trainiert gezielt das Gleichgewicht und die Schrittlänge.
  • Gemischte Tanzprogramme reduzieren das gefürchtete „Freezing“, das plötzliche Einfrieren mitten im Gehen.
Das Beste daran: Das Gehirn lernt um. Durch das Einstudieren neuer Choreografien werden neue Nervenbahnen geknüpft. Das Gehirn umgeht die beschädigten Areale mittel Neuroplastizität – ein Effekt, den keine Tablette der Welt nachahmen kann.

Geschichten von der Tanzfläche

David Leventhal ist einer der Gründer von „Dance for PD“ bei der Mark Morris Dance Group in Brooklyn. Sein Programm, das Tanz als Hilfsmittel für Menschen mit Parkinson einsetzt, begann nicht in einem Labor, sondern mit einem Gespräch.
„Es rührt eigentlich daher, dass Parkinson uns gewissermaßen ausgewählt hat“, erzählte er der englischsprachigen Epoch Times.
Das Programm startete im Jahr 2001, als Olie Westheimer, Gründer der Brooklyn Parkinson Group, mit einer Idee an die Mark Morris Dance Group herantrat: einen echten Tanzkurs für Menschen mit Parkinson zu schaffen.
Westheimer war überzeugt, dass das Verständnis von Tänzern für Gleichgewicht, Rhythmus, Koordination, Bewegungsabläufe und ausdrucksstarke Bewegung Menschen mit motorischen Herausforderungen auf eine Weise helfen könnte, wie es Medizinern nicht möglich ist.
„Ich habe nach dem ersten Kurs miterlebt, wie die Kombination aus Tanz und Musik die körperliche und emotionale Erfahrung unserer Parkinson-Tänzer im Laufe von nur einer Stunde verändern konnte“, bemerkte Leventhal. „Es war beeindruckend.“

Mehr als nur Bewegung

Fragt man Menschen mit Parkinson, warum sie immer wieder zum Kurs kommen, geht das Gespräch schnell über Mobilität und Gleichgewicht hinaus.
Ein Teilnehmer, ein ehemaliger Marine und New Yorker Prozessanwalt, von dem man auf den ersten Blick kaum angenommen hätte, dass er sich in den Tanz verlieben würde, kam nach seiner Parkinson-Diagnose in den Kurs und entdeckte den Stepptanz.
Er führte schließlich ein Solo auf, an dem er monatelang gearbeitet hatte. „Der Stolz und die Freude in seinem Gesicht waren unvergesslich“, sagte Leventhal.
Eine andere Teilnehmerin fand das Selbstvertrauen und die Ausdauer, um auf einer Familienhochzeit zu tanzen – etwas, das sie sich sehnlichst gewünscht hatte.
„Das mag für viele vielleicht nichts Besonderes sein, aber für Menschen, die mit Parkinson leben, kann es von enormer Bedeutung sein, diese Art von Selbstvertrauen, Freude und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen“, fügte er hinzu.
Parkinson beeinträchtigt oft weit mehr als nur die Bewegung: Selbstvertrauen, Identität, Sprache und soziale Bindungen werden häufig gestört. Die sogenannte „Gesichtsmaske“ – die Tendenz der Krankheit, den sichtbaren emotionalen Ausdruck zu verringern – kann enge Beziehungen belasten.
In diesem Zusammenhang bietet der Tanz etwas, was die Medizin nicht leisten kann: einen Raum für Kreativität, Selbstentfaltung und echte zwischenmenschliche Verbundenheit.
„Wir wollten etwas schaffen, das den Menschen als Ganzes anspricht, anstatt uns nur auf die Symptome zu konzentrieren“, dies sagte Elaine Harvey, Leiterin von Moving Minds und Hauptmoderatorin von „Finding Flow“, dem Parkinson-Tanzprogramm der Organisation, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
Die Vorteile erstrecken sich auch auf Pflegekräfte und Familienangehörige. Gemeinsame kreative Erlebnisse können Beziehungen über reine Pflegerollen hinaus erweitern und Momente der Freude und Partnerschaft ermöglichen, die die Krankheit sonst verdrängen würde, fügte Harvey hinzu.
Viele Teilnehmer kommen mit ihren Partnern, was durch die gemeinsamen Aktivitäten und die erlebte Verbundenheit zusätzliche positive Effekte hat.
In Großbritannien beschreibt Keith Wilson, der mit Parkinson lebt und sich für andere Betroffene einsetzt, seinen wöchentlichen Tanzkurs als ein echtes Highlight: „Vor meiner Diagnose habe ich gern Gesellschaftstanz getanzt, aber meine Körperhaltung ist nicht mehr so stabil“, sagte er. „Trotzdem ist der Parkinson-Tanzkurs für mich einer der schönsten Momente der Woche“.

So sieht ein Kurs aus

Zwar können Tanzkurse je nach Lehrer und Umgebung leicht variieren, doch folgen sie in der Regel einem ähnlichen Ablauf und sind so konzipiert, dass sie für Menschen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus zugänglich sind.
Ein typischer „Dance for PD“-Kurs beginnt im Sitzen, damit sich alle aufwärmen und bewegen können, ohne sich Gedanken um das Gleichgewicht machen zu müssen.
Von dort aus können die Teilnehmer je nach ihren Fähigkeiten und ihrem Wohlbefinden zu Übungen im Stehen, Bewegungen mit Stuhlunterstützung, Barre-Übungen oder Schrittfolgen und Gruppentänzen übergehen. Dabei stehen stets Optionen im Sitzen zur Verfügung.
Einzigartige Einheiten kombinieren ausdrucksstarke Bewegung, Rhythmus und Improvisation – alles begleitet von sorgfältig ausgewählter Musik. Die Atmosphäre ist genauso wichtig wie die Bewegung. In den Einheiten herrscht ein Gefühl der Verbundenheit und gegenseitigen Unterstützung.
„Wo auch immer die Einheiten stattfinden, das Ziel ist niemals Perfektion; es geht darum, den Menschen zu helfen, sich mit mehr Selbstvertrauen, Fantasie, Musikalität und Freude zu bewegen und dabei starke soziale Bindungen aufzubauen“, sagte Leventhal.
Kreative Gesundheitsansätze werden manchmal unterschätzt, weil sie nicht immer nahtlos in klassische medizinische Modelle passen, so Harvey. Doch die wachsende Zahl wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen deutet darauf hin, dass sie genau dort hingehören.
„Tanz bietet gleichzeitig körperliche, kognitive, emotionale und soziale Stimulation auf eine Weise, die motivierend und zutiefst menschlich wirkt“, sagte sie. „Die Wirkung kann unglaublich groß sein.“

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Dance Does Something Parkinson’s Medication Cannot“. (deutsche Bearbeitung: vm)  
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„Es ist nie zu spät“: Älteres Ehepaar erinnert sich an 54 gemeinsame Tanzjahre

Sie sagen, das Tanzen habe sie nicht nur körperlich fit gehalten, sondern auch ihre Ehe gestärkt. Nellia und Dietmar Ehrentraut sind jetzt in ihren Siebzigern, in einem Alter, in dem man nicht mehr jedes Lebensjahr so genau zählt. „Wir tanzen eigentlich schon ewig, 54 Jahre“, erklärt Frau Ehrentraut gegenüber der Epoch Times.
Das Paar hat auf seiner über fünf Jahrzehnte währenden Tanzreise „viele schöne Momente erlebt“ und sagt, dass Tanzen heutzutage Menschen, die es wirklich brauchen, Lebensfreude und Glück schenken kann.
„Wenn die Menschen mehr tanzen würden, gäbe es definitiv weniger Ärger“, sagt Frau Ehrentraut. „Tanzen erweitert den Horizont. Es gibt keine Nationalgrenzen, keine Vorurteile, wenn man tanzt. Jeder ist Teil der großen Tanzfamilie.“
Die passionierten Tänzer sind schon um die ganze Welt gereist. Ihr schönstes Erlebnis war jedoch eine Reise nach Amerika, wo sie die legendären Tänzer des Films „Rock Around the Clock“ trafen. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Die passionierten Tänzer sind schon um die ganze Welt gereist. Ihr schönstes Erlebnis war jedoch eine Reise nach Amerika, wo sie die legendären Tänzer des Films „Rock Around the Clock“ trafen.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Eine lange Reise des Tanzes

Die Liebesgeschichte der Ehrentrauts begann im Jahr 1968. Nellia war gerade 15 Jahre alt und ihr zukünftiger Gatte Dietmar 21. Man braucht nicht lange zu fragen, wo sie sich getroffen haben. „Natürlich beim Tanzen“, erinnert sich die Seniorin.
Das Paar heiratete 1970 und legte bis 1979, als ihre Kinder zehn und elf Jahre alt waren, eine Tanzpause ein.

Nellia und Dietmar Ehrentraut als junges Paar mit ihren Kindern.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Wir suchten nach einem gemeinsamen Hobby, und ein Rock-’n’-Roll-Kurs, der an der Tanzschule angeboten wurde, war genau richtig“, sagt Frau Ehrentraut, die in Durmersheim, nur wenige Kilometer südwestlich von Karlsruhe, zu Hause ist.
Später wechselten sie zum Boogie-Woogie, da Rock ’n’ Roll zu „akrobatisch“ geworden sei, erinnert sie sich. Sie hatten ihre neue Tanzleidenschaft gefunden. Bis heute sind sie vom Boogie-Woogie begeistert.

Das Paar sagt: „Tanzen ist unser Leben, und wir lieben besonders Boogie-Woogie.“

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Im Gegensatz zu klassischen Standardtänzen erlaubt der Boogie-Woogie es einem, zu improvisieren und die Musik zu interpretieren“, erklärt Nellia Ehrentraut.
Das Paar feierte viele Erfolge bei Tanzturnieren auf der ganzen Welt: vier österreichische Meisterschaften, eine deutsche Meisterschaft, den zweiten Platz beim Weltcup im Jahr 1999 und einiges mehr.
Der Tanz hat sie auf eine Reise rund um den Globus geführt.
Das Paar in jungen Jahren vor einem Sonnenblumenfeld. Foto: Das Paar in jungen Jahren. mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Das Paar in jungen Jahren vor einem Sonnenblumenfeld.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Wir entdeckten die Musikszene der 40er-/50er-Jahre und fanden Gleichgesinnte bei Konzerten und Festivals auf der ganzen Welt“, schildert Nellia Ehrentraut, während sie in Erinnerungen an ihre besonderen Begegnungen mit Koryphäen des Swing-Tanzes wie dem legendären Frank Manning und der charismatischen Jean Veloz schwelgt.
Im Jahr 2017 ging ein Video des älteren Ehepaars viral, aufgenommen bei einem Tanzwettbewerb im bayerischen Landshut. Bald schon hatte das Video auf YouTube über 65 Millionen Aufrufe.

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Wie Frau Ehrentraut sagt, sei sogar der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran auf sie aufmerksam geworden.
„[Er] engagierte uns schnell für einen Tanzpart in seinem Musikvideo ‚Put It All On Me‘“, sagt sie.
Das Paar wurde 2017 nach einer Rock-'n'-Roll-Tanzdarbietung in Bayern zum Tanzstar. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Das Paar wurde 2017 nach einer Rock-’n’-Roll-Tanzdarbietung in Bayern zum Tanzstar.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Gemeinsam tanzen

Nellia Ehrentraut wurde in der österreichischen Stadt Schruns geboren. Schon damals war sie nicht allzu weit von ihrem zukünftigen Ehemann entfernt, der aus dem nur 13 Kilometer entfernten Bludenz kommt.
Der Tanz war und ist die gemeinsame Liebe ihres Lebens. Frau Ehrentraut sagt, selbst heute noch, wenn sie zusammen tanzen, konzentrieren sie sich darauf, „zusammen zu sein“ – im Moment. „Das Tanzen hat uns als Paar immer zusammengebracht. Das war sehr gut für unsere 54-jährige Ehe“, sagt sie.
Doch ihr gemeinsamer Tanzweg verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Auf die Herausforderungen angesprochen, die das Paar beim Tanzen bewältigen musste, antwortete Frau Ehrentraut offen.
„Es ist völlig normal, sich mal zu ärgern, aber man sollte darauf achten, dem nicht zu viel Raum zu geben“, sagt sie. „Wir bewältigen die Herausforderungen des Alltags mit Tanzen, zumindest meistens, denn es hilft uns, Stress und schlechte Laune, aber auch die kleinen Wehwehchen des Alters, in Grenzen zu halten.“
Körperliche Aktivität ist für sie der Schlüssel dafür, schnelle Tänze wie Boogie-Woogie genießen zu können.
„Wir machen zweimal pro Woche Fitnesstraining, zweimal Tanztraining und genießen Radfahren und Wandern“, erzählt Frau Ehrentraut.
Eines stellt sie jedoch klar: Das Paar mache keine Diät, weil „das Leben zu kurz ist, um die schönen Dinge zu verpassen“. Die Begründung ist einleuchtend.

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„Es ist nie zu spät“

Nellia und Dietmar Ehrentraut genießen es, ihre Freude am Tanz mit anderen Menschen zu teilen. Sie verbreiten ihre Videos über verschiedene Medien wie den YouTube-Kanal @SwingNellia von Frau Ehrentraut.
„Es freut uns immer sehr, zu hören, dass wir mit unseren Tanzvideos viele Menschen zum Tanzen animieren konnten“, sagt Frau Ehrentraut. „Wir erhalten immer wieder liebe Nachrichten und Briefe aus aller Welt.“
Für all jene älteren Menschen, die mit dem Tanzen anfangen möchten, hat Nellia Ehrentraut einen ganz einfachen Tipp: „Es ist nie zu spät“, sagt sie.
„Du solltest dir selbst eine Chance geben – im Hier und Jetzt –, denn das ist das Leben!“
„Es ist eine großartige Reise. Wir sind alle dabei. Lass dich von niemandem davon abhalten, auf andere zuzugehen und etwas Positives in diese Welt zu bringen, selbst wenn es nur ein Tanz ist. Wir brauchen das mehr denn je.“
Nellia und Dietmar Ehrentraut mit ihrer Familie. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Nellia und Dietmar Ehrentraut mit ihrer Familie.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Elderly Couple Dancing Together for 54 Years Still Loves to Swing Dance in Their 70s: ‘It’s Never Too Late’“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)