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Vom Jungen zum Mann: Inspiration aus Kiplings legendärem Gedicht „If“

Jungen zu Männern zu erziehen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit sind in den vergangenen Jahrzehnten stark in den Hintergrund getreten, was zu einem scheinbaren Dilemma geführt hat: entweder toxische Männlichkeit oder bloße Verweichlichung.
Natürlich entspricht keines von beiden wahrer Männlichkeit. Und Jungen in diese falschen Lösungen zu drängen, schadet sowohl ihnen selbst als auch der Gesellschaft.
Wie können wir wieder ein angemessenes Verständnis von Männlichkeit und Mannsein erlangen, das die beiden genannten Extreme vermeidet? Ein Ansatzpunkt ist die klassische Literatur.
Der britische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling lebte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hierzulande wurde er unter anderem durch sein Werk „Das Dschungelbuch“ und den Roman „Kim“ bekannt. Sein gefeiertes Gedicht „If“ („Wenn“) gibt uns eine Momentaufnahme der traditionellen Ideale des Mannseins. Es wurde teilweise durch einen Freund Kiplings, Leander Starr Jameson, und dessen erfolglosem Militäreinsatz in Südafrika inspiriert.
In seinen Memoiren schrieb Kipling: „Unter den Versen in ,Rewards‘ war eine Reihe namens ‚If‘. … Sie waren durch Jamesons Charakter inspiriert und enthielten hohe moralische Maßstäbe, die sich leichter aussprechen als verwirklichen lassen.“ (“Among the verses in Rewards was one set called ‘If.’ […] They were drawn from Jameson’s character, and contained counsels of perfection most easy to give.”)
Das Gedicht ist an einen ungenannten Jungen oder Sohn gerichtet. Es listet eine Reihe von Bedingungen auf, um ein Mann zu werden. Die grundlegende Struktur lautet: „Wenn du all diese Dinge tun kannst, wirst du ein Mann sein.“ Hier sind einige der im Gedicht enthaltenen Lektionen, die uns helfen können, authentische Männlichkeit wiederzuerlangen.

Selbstvertrauen

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
Längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
Dir treu sein kannst, wenn alle Dich verlassen,
Und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;

Hier erinnert Kipling junge Männer an die Notwendigkeit, ein stilles Vertrauen in ihre eigenen Werte, Fähigkeiten und Ideen zu bewahren. Und das selbst dann, wenn andere sie infrage stellen.
Mannsein erfordert ein Gefühl der Identität, das darin wurzelt, wofür man steht und wovon man weiß, dass man es zu leisten imstande ist. Ein maskuliner Mann hat Prinzipien und weiß, dass er in der Lage ist, ihnen gerecht zu werden. Das verleiht ihm Charakterstärke, selbst in den chaotischsten Situationen.
Selbstvertrauen ist keine Arroganz. Letztere ist oft genug nur eine Maske, die verwendet wird, um innere Unsicherheit zu verbergen. Ein Mann, der aufrichtig auf sich selbst vertraut, muss es anderen nicht ständig beweisen. Gleichzeitig weiß selbst der selbstbewusste Mann, dass er nicht alles weiß. Er besitzt die Demut, den Perspektiven anderer zuzuhören und diese zu berücksichtigen.
Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun. Foto: demaerre/iStock

Eines der zentralen Themen Kiplings ist emotionale Stabilität – die Fähigkeit, gelassen und prinzipientreu zu bleiben, selbst wenn andere es nicht tun.

Foto: demaerre/iStock

Das Überwinden der Gefallsucht

Kannst warten du und langes Warten tragen,
Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
Kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein –

If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

Durch sein ruhiges Selbstvertrauen und seine Überzeugungen kann ein Mensch falschen Anschuldigungen oder Verdrehungen anderer standhalten. Er ist kein Sklave der Gefallsucht. Selbst wenn andere schlecht über ihn denken oder Unwahrheiten über ihn verbreiten, verliert er nicht seine Ruhe. Er weiß, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängt, was andere von ihm halten.
Deshalb kann er ungerechtfertigter Kritik oder sogar offenen Lügen mit Gelassenheit begegnen. Wie ein Mann, der durch trockene Blätter schreitet, lässt er sich von belanglosen Dingen nicht von seinem Weg abbringen.
Kipling deutet zudem an, dass der wahre Mann sich nicht zu rachsüchtigen Taktiken herablässt. Er wird beispielsweise Lüge nicht mit Lüge und Hass nicht mit Hass vergelten. Frei von der Tyrannei der Gefallsucht zu bleiben, hilft einem Mann, ihm angetanes Unrecht zu akzeptieren, ohne dem Drang nachzugeben, andere im Gegenzug ungerecht zu behandeln.

Ziele setzen und Rückschlägen ins Auge sehen

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
Nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
Weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;

If you can dream — and not make dreams your master,
If you can think — and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;

Die ersten beiden Zeilen dieser Strophe enthalten je zwei ausgewogene Hälften. Hier weist Kipling auf die Notwendigkeit des Gleichgewichts bei einem Mann von wahrem Charakter hin. Beispielsweise sollte er ehrgeizig sein und in der Lage sein, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.
Dies sollte jedoch nicht bis zu dem Punkt gehen, an dem er zulässt, dass seine Ambitionen ihn dominieren oder seine Prinzipien außer Kraft setzen. Ebenso ist ein Mann von Charakter ein Mann des Denkens, aber nicht nur des Denkens. Er muss auch ein Mann der Tat sein, dessen Gedanken und Ideale in der greifbaren Welt Früchte tragen.
Diese Strophe führt auch eine Idee ein, die sich durch den Rest des Gedichts ziehen wird. Es geht um Beharrlichkeit angesichts von Rückschlägen und Enttäuschungen. Ob er nun Erfolg oder Scheitern, Triumph oder Katastrophe gegenübersteht: Ein wahrer Mann erfüllt seine Pflicht unbeirrt.
Kipling verwendet den seltsamen Begriff „impostors“ – zu Deutsch „Schwindler“ –, um sowohl „Triumph“ als auch „Disaster“ zu beschreiben. Dies deutet darauf hin, dass ein Mann von Charakter weder durch Erfolg noch durch Scheitern definiert wird. Sie sollten nicht zu seiner gesamten Identität werden oder das ersetzen, was er im Grunde seines Wesens ist.
Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute. Foto: Miljan Živković/iStock

Viktorianische Ideale von Disziplin, Pflicht und Entschlossenheit prägen das Männlichkeitsbild bis heute.

Foto: Miljan Živković/iStock

Beharrlichkeit und Mut

Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
Verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
Siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
Und baust mit letzter Kraft es wieder auf –

If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;

In diesen Strophen führt Kipling den Gedanken von Erfolg, Scheitern und einer männlichen Reaktion darauf weiter. Die Haupttugend, die er hier preist, ist Beharrlichkeit. Man bleibt dabei, selbst wenn all deine Arbeit ungeschehen gemacht wird und deine größten Errungenschaften zerfallen.
Der wahre Mann macht sich erneut an die Arbeit. Und wieder. So oft er muss, mit derselben ungebrochenen Entschlossenheit. Selbst die katastrophalsten Rückschläge treiben einen Mann nicht dazu, das aufzugeben, woran er glaubt. Sie bringen ihn auch nicht dazu, seine Hand vom Pflug zu nehmen, wenn er begonnen hat, die Furche zu ziehen.

Wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
Sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
Und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
Als nur dein Wille, der „Durchhalten!“ heißt –

If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: „Hold on!“

Als eine der inspirierendsten Strophen des Gedichts konzentriert sich diese ganz auf die Notwendigkeit der Entschlossenheit. Ein wahrer Mann ist fähig, Verpflichtungen einzugehen und an ihnen festzuhalten. Denn er besitzt die Willensstärke, „durchzuhalten“, selbst wenn „Herz und Sehne“ nachgegeben haben – selbst wenn sein eigener Gefühlszustand und sein Körper gegen ihn rebellieren.
Er bleibt durch die Kraft seines Willens Herr seiner selbst. Wenn er erst einmal einem edlen Zweck verschrieben ist, gibt er unter keinem Ausmaß an Druck nach.
Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln. Foto: klingsup/iStock

Teilzeitarbeit und Haushaltsverantwortung sind wichtige Möglichkeiten für Jungen, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit zu entwickeln.

Foto: klingsup/iStock

Ein wahrer Mann besitzt einen inneren Zufluchtsort. Eine Kraftquelle, auf die er zurückgreifen kann. Er hat die Fähigkeit, sich zusammenzureißen, den Schmerz zu überwinden und die letzte Hürde zu meistern, wenn alle anderen aufgegeben haben.

Tugend und Identität

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
Und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
Läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
Schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with Kings—nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;

In dieser letzten Strophe greift Kipling einen Gedanken auf, den er bereits zu Beginn formulierte: die Treue zu sich selbst und seinen Werten. Ein wahrer Mann lässt sich nicht durch sein Umfeld von seinem Weg der Tugend abbringen. Er lässt sich weder von der Masse erniedrigen noch von selbsternannten „Königen“ zu Arroganz aufblähen. Er verachtet andere nicht, lässt sich aber auch nicht vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat.
Dies schenkt ihm wiederum eine gewisse Freiheit, sodass er seine Identität nicht daran bindet, Freunden zu gefallen oder Feinde zu bekämpfen.
Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen. Foto: PeopleImages/iStock

Ein charakterstarker Mann identifiziert sich weder übermäßig mit seinen Erfolgen noch mit seinen Misserfolgen.

Foto: PeopleImages/iStock

Kipling schließt das Gedicht mit den Worten:

Füllst jede unerbittliche Minute
Mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
Und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And—which is more—you’ll be a Man, my son! 

Ein paar abschließende Anmerkungen sind angebracht. Kipling schließt mit einem indirekten Hinweis auf die Wichtigkeit der Zeit. Der weise Mann weiß, wie man selbst in einer einzigen Minute Fortschritte in Richtung seiner Ziele erzielt. Dies ist das letzte „Wenn“ vor dem Schluss: „Dein ist die Erde dann mit allem Gute“.
Der Punkt hierbei ist, dass ein Mann von Tugend und Charakter eine Art Meisterschaft über die Welt erlangt, nicht im Sinne einer buchstäblichen Beherrschung von allem, sondern in dem Sinne, dass er in der Lage ist, Ziele zu erreichen, unabhängig von der Wankelmütigkeit der menschlichen Meinung zu bleiben und jede Herausforderung zu meistern.
Doch von noch größerem Wert als diese Meisterschaft über die Welt ist das, was der Junge werden wird, der diesen Rat befolgt: ein „Mann“. Wichtiger als all die weltlichen Errungenschaften, die aus wahrer Männlichkeit folgen, ist der Wert, der darin liegt, ein Leben in Tugend zu führen und ein Mann von Charakter zu werden.
Natürlich drückt die Bedingtheit dieses durchdringenden „Wenn“, das sich durch das ganze Gedicht zieht, die Schwierigkeit aus, das hier dargelegte Ideal zu erreichen. Doch es deutet auch darauf hin, dass dieses Ideal für diejenigen, die bereit sind, mit Integrität zu leben, nicht außer Reichweite ist.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What Kipling’s Poem ‘If’ Can Teach Boys About Manhood“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Wenn Verliebtsein nicht mehr ausreicht – Diskussion über die Ehe

Im Jahr 2024 gab es laut Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland 349.200 Eheschließungen. Dies ist der letzte Stand der Erhebung. Die Heiratszahlen befinden sich damit auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Statistik im Jahr 1950, als sich noch 750.452 Paare das Ja-Wort gaben. Im Jahr 2024 ließen sich zudem 129.300 Ehepaare scheiden. Ehen halten hierzulande im Durchschnitt 14 Jahre und 7 Monate.
Außerdem leben in Deutschland rund 17 Millionen als Singles. Das ist umgerechnet jede fünfte Person. Dieser Trend sei in den vergangenen 20 Jahren signifikant gestiegen, erklärte das Destatis. Im Jahr 2004 lebten 14 Millionen Menschen allein.

„Nieder mit dem Patriarchat“

Vor diesem Hintergrund ist es an sich nicht verwunderlich, dass für die Ehe die Sinnfrage gestellt wird.
Doch den Berliner Jungsozialisten der SPD geht es nicht um gesellschaftliche Trends. Sie forderten vielmehr auf dem SPD-Landesparteitag Anfang Mai in der kämpferischen Art des vergangenen Jahrhunderts ein Ende des „Patriarchats“. Wörtlich lautete der Juso-Antrag Nr. 108/II/2025 auf Seite 194 des Antragsbuches: „Nieder mit dem Patriarchat, auch wenn es sich romantisch anfühlt: Zivilehe abschaffen, Verantwortungsgemeinschaften umsetzen.“
Um es vorwegzunehmen: Das Juso-Ansinnen wurde auf Empfehlung der Antragskommission von der Tagesordnung genommen und auf das Jahr 2027 vertagt. Denn parteiintern stieß der Vorstoß der Jusos auf Kritik. Möglicherweise war den Genossen das Thema kurz vor der Berliner Landtagswahl zu heikel. Berlin wählt am 20. September 2026 ein neues Abgeordnetenhaus sowie Bezirksverordnetenversammlungen.
Und so äußerte denn auch der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach gegenüber dem „Tagesspiegel“: „Die Idee kenne ich noch aus meinen eigenen Juso-Zeiten. Schon damals hatte ich dazu eine andere Haltung als die Jusos. Ich war sehr für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, aber sie abzuschaffen, ist nicht mein Thema. Ich bin sehr gern verheiratet und das war die beste Entscheidung“, wird vom Medium zitiert.
Das Thema steht aber im kommenden Jahr erneut zur Debatte und auch mindestens eine Forderung der Jusos – Abschaffung des Ehegattensplittings – wurde von der SPD-Parteispitze als ernsthaftes Vorhaben für die Bundespolitik aufgegriffen. Daher sei dem „Patriarchats“-Papier der Jungsozialisten eine nähere Betrachtung gegönnt.

Worum es geht

„Das Patriarchat ist eines der Kernunterdrückungssysteme unserer Gesellschaft“, beginnt der Juso-Antrag. „Um die Unterdrückung von Frauen durch Cis-Männer abzusichern, haben sich über Jahrtausende Institutionen entwickelt, die systematische Machtgefälle in die gelebte Praxis umsetzen und normalisieren“, heißt es weiter. Unter Cis-Männern wird im Gegensatz zu Trans-Männern ein Mann verstanden, der sich selbst aufgrund seines angeborenen Geschlechts als Mann versteht.
Eine der Institutionen, in der die Frau unterdrückt werde, sei die Ehe, so der Wortlaut des Antrags weiter. Die Ehe sehen die Jusos weiterhin als Machtinstrument des Staates, „um durch das Zeugen von Kindern […] verlässlich neue Arbeitskräfte durch die Arbeiter*innenklasse selbst sicherzustellen“.
Hieraus hätten sich „viele Privilegien für Verheiratete“ ergeben, „die sich heute beispielsweise mit dem Ehegattensplitting noch in Steuervergünstigungen niederschlagen“. Diese steuerliche Besserstellung von Ehepaaren soll entfallen, da sie nach Juso-Ansicht Frauen in die finanzielle Abhängigkeit treibe.

„Unter dem Vorwand des Verliebtseins“

Als weiterer historisch gewachsener Grund gegen die Ehe wird angeführt: „Unter dem Vorwand des Verliebtseins wurde verschleiert, dass Frauen, die heirateten, viele ihrer Selbstbestimmungsrechte mit aufgaben. Sie durften lange ohne Zustimmung des Ehemannes keine Arbeit aufnehmen, kein Bankkonto eröffnen.“
Frauen seien zudem „oft Gewalt und Missbrauch schutzlos ausgesetzt“. So sei „Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 strafbar gemacht“ worden. „Die Institution der Ehe hat eine jahrtausendelange Geschichte der Unterdrückung der Frau“, geben sich die Jungsozialisten überzeugt.

Grundgesetzänderung nötig

Deshalb schlagen sie ein neues Modell des Zusammenlebens vor. Menschen sollen unabhängig von Geschlecht, Verwandtschaftsgrad oder Anzahl der Beteiligten rechtlich verbindlich Verantwortung füreinander übernehmen, und zwar in sogenannten „Verantwortungsgemeinschaften“.
Themen wie Erbrecht, Fürsorge und Aufenthaltsrechte sollen in der Verantwortungsgemeinschaft selbst geregelt werden. Weil das Grundgesetz in Artikel 6 jedoch der Ehe und Familie einen besonderen Schutz gewährt, fordern die Jusos eine Streichung des Absatzes 1. Bestehenden Ehen räumen die Jungsozialisten indes so etwas wie einen Bestandsschutz während einer „Übergangsphase“ ein.

Digitale Kommunikation bevorzugt?

Die Geschäftsführerin einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in den USA, die sich der Förderung von wirtschaftlich benachteiligten Familien verschrieben hat, zitiert in einem Onlinebeitrag das US-Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center. Dieses sei im Jahr 2025 zu dem Schluss gekommen, dass die Generation Z im Alter von 18 bis 29 Jahren von allen bisherigen Generationen jene sei, die am wenigsten geneigt sei, „romantische Partnerschaften zu suchen oder einzugehen“, schreibt Lauren Hall.
In dem Beitrag wird außerdem die Psychologin Jean Twenge zitiert, die als mögliche Gründe für dieses Verhalten auf die zunehmende Abhängigkeit von Smartphones und sozialen Medien verweist. Diese würden die persönlichen Interaktionen für viele beängstigend oder sogar überflüssig machen. Digitale Kommunikation hingegen biete eine sicherere, kontrollierte Umgebung, die junge Erwachsene vor der Verletzlichkeit schütze, die mit traditionellen Liebesbeziehungen einhergehe, so die Psychologin.
Auch wirtschaftliche Faktoren spielten eine bedeutende Rolle. Die Anthropologin Helen Fisher wird in dem Beitrag mit der Ansicht zitiert, dass finanzielle Unsicherheit ein abschreckender Faktor für Beziehungen sei. Angesichts eines unsicheren Arbeitsmarkts legen Angehörige der Generation Z Wert auf finanzielle und persönliche Stabilität, bevor sie sich auf eine Beziehung einlassen, so die Anthropologin.

Was Ehe heute wertvoll macht

Die Ehe ist zwar nicht veraltet geworden, aber es ist offenkundig, dass sich ihr Charakter in den vergangenen Jahrzehnten in der gesamten westlichen Welt stark verändert hat.
Sie hat zunehmend eine symbolische Bedeutung gewonnen; sie ist das, was die Jusos kritisieren: eine Institution der Liebe und emotionalen Verbindlichkeit. Auch wenn die Eheschließungen zurückgehen – was auch mit dem Bevölkerungsschwund zu tun hat – bleibt das offizielle Ja-Wort unter Zeugen für zwei Verliebte weiterhin populär.
Denn die vermeintliche finanzielle Abhängigkeit der Frau – wie in dem Juso-Antrag mehrfach betont – gibt es so nicht mehr. Frauen sind heutzutage weit überwiegend finanziell unabhängig und auch die rechtlichen Absicherungen für Kinder in nicht ehelichen Partnerschaften sind bereits möglich.
Es stimmt: Die Ehe ist keine zwingende Voraussetzung mehr für das Zusammenleben oder eine Familiengründung. Aber die Eheschließung bleibt ein besonderes Bekenntnis für Verlässlichkeit und gegenseitige Verpflichtung eines Paares.