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Die geheimnisvolle Naturwelt des Illustrators Ernst Haeckel

Wer sich für die Schönheit der Natur begeistert, den wird Ernst Haeckels Werk ganz besonders faszinieren. Seine Kunstwerke offenbaren eine Naturwelt voller Symmetrie und Kuriositäten, in der jeder Organismus mit einer beeindruckenden Detailtreue und kompositorischen Anmut dargestellt wird. Nur wenige wissenschaftliche Illustratoren erreichen dieses Niveau. Doch trotz seiner großen Hingabe, die Natur zu ordnen und zu klassifizieren, wirken seine Illustrationen so lebendig und stilisiert, dass sich die dargestellten Organismen jeder Kategorie zu entziehen scheinen.

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (1834–1919) war ein deutscher Zoologe und Philosoph.

Foto: gemeinfrei

Basierend auf direkten Beobachtungen – oft mithilfe eines Mikroskops – schuf Haeckel im Laufe seines Lebens fast 1.000 wissenschaftliche Illustrationen. Viele davon zeigen Arten, die er selbst erstmals identifizierte.
Der deutsche Wissenschaftler und Illustrator widmete seine Karriere mit ungewöhnlicher Intensität und Präzision der Darstellung der Vielfalt und Struktur des Lebens. Seine Zeichnungen und Gemälde organischer Formen zeichnen sich besonders durch ihre ausgeprägte Symmetrie, ihre filigranen Details und ihre sorgfältige Anordnung aus. Oft offenbaren sie Muster, die sowohl wissenschaftlich als auch bewusst komponiert wirken.
Das berühmteste Werk von Ernst Haeckel ist „Kunstformen der Natur“, eine Sammlung von Illustrationen, die ursprünglich im Jahr 1904 veröffentlicht wurde. Sie zeigt eine Vielzahl von Organismen in Lithografien und Halbtondrucken. Im Gegensatz zu den meisten Kunstsammlungen wurden diese Werke nicht als Einzelstücke geschaffen.

Titelblatt von Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“ von 1904.

Foto: gemeinfrei

Sie waren dazu bestimmt, zu Bildungszwecken vervielfältigt und weit verbreitet zu werden. Dennoch ist eine klare künstlerische Absicht erkennbar. Von zarten Blumen bis hin zu federartigen Moosen sind die Motive sorgfältig arrangiert, um sowohl ihre visuelle Schönheit als auch ihre biologische Harmonie hervorzuheben.

Der Weg in die Biologie

Haeckel war außerordentlich gebildet und fühlte sich schon immer stark zu den Naturwissenschaften hingezogen, insbesondere zur Meeresbiologie. Diese Leidenschaft wurde durch frühe Beobachtungen der Lebensformen an der Nordsee geweckt. Er wurde 1834 in Potsdam (damals Preußen) geboren, studierte an der Universität Berlin und promovierte im Alter von 23 Jahren im Bereich Medizin.
Da ihn die praktische klinische Arbeit nicht erfüllte, kehrte er zu seinem ursprünglichen Interesse an der Natur zurück. Später, im Jahr 1861, schloss er seine Dissertation in Zoologie ab. Dies war ein entscheidender Schritt in Richtung seiner lebenslangen wissenschaftlichen Karriere, die er mit Schwerpunkt auf Biologie und Meeresleben ausrichtete.
Im Jahr 1862 heiratete Ernst Haeckel Anna Sethe – ein glücklicher neuer Lebensabschnitt, der obendrein mit dem Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere zusammenfiel. Ihre Ehe soll von wahrer Glückseligkeit geprägt gewesen sein. Doch nur 18 Monate später endete dieses Lebensglück plötzlich. Im Jahr 1864 starb Anna im Alter von 29 Jahren – an Haeckels 30. Geburtstag. Ihr Tod erschütterte ihn zutiefst. Er zog sich fast vollständig zurück und verbrachte teilweise tagelang in einem Zustand des Deliriums im Bett.
Haeckel verarbeitete seine Trauer in seiner Arbeit. Während eines Aufenthalts in Nizza verschaffte ihm der Anblick einer Qualle in der Brandung einen kurzen Moment der Ablenkung. Er war fasziniert von der Bewegung ihrer Tentakel, die „wie die blonden Haare einer Prinzessin“ herabhingen. Nachdem er sie sorgfältig skizziert hatte, benannte er die Art in Erinnerung an seine Frau „Mitrocoma annae“ – „Annas Stirnband“. Diese Verflechtung von persönlichem Verlust und wissenschaftlicher Forschung wurde zu einem prägenden roten Faden in seinem Werk und weckte seine nachhaltige Begeisterung für Quallen.
Mit seinen Arbeiten verwischte Haeckel kontinuierlich die Grenze zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und künstlerischem Ausdruck. Nachdem er eine umfangreiche zweibändige Studie über Quallenmedusen fertiggestellt hatte, ließ er in Jena ein Haus errichten, das den Namen „Villa Medusa“ trug, und schmückte es mit Motiven, die von denselben Formen inspiriert waren, die er erforscht hatte.
Seine Trauer zeigte sich auch in der Art und Weise, wie er Arten benannte. Als er auf eine weitere auffällige Quallenart stieß, deren komplizierte Tentakel dramatisch hinter ihrem Glockenkörper herflossen, nannte er sie „Desmonema annasethe“ – „in Annas Andenken“. Diese Qualle, die später den Namen „Cyanea annasethe“ erhielt, wurde zu einem der bekanntesten Bilder in „Kunstformen der Natur“. Ihre fließenden, haarähnlichen Tentakel verleihen einem der berühmtesten Werke wissenschaftlicher Illustration eine zutiefst persönliche Dimension.

Eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft

Ähnlich wie seine Bildsprache lässt sich sein Vermächtnis nicht einfach so in eine Schublade stecken. Als Zoologe, Meeresbiologe und wissenschaftlicher Illustrator schuf er Werke, die Kunst und Wissenschaft auf einzigartige Weise verbinden. „Kunstformen der Natur“ wurde im Laufe der Jahre mehrfach neu aufgelegt. Die jüngsten Ausgaben kombinieren ausgewählte Bilder mit herunterladbaren Dateien, die für den Einsatz im zeitgenössischen Design gedacht sind.
Seine Reichweite hat sich weit über den Druck hinaus ausgeweitet und zeigt sich auf kommerziellen Produkten, von Postern bis hin zu Textilien. Diese weitläufige Verbreitung hat die Bilder häufig aus ihrem ursprünglichen wissenschaftlichen und historischen Kontext genommen und sie zu rein dekorativen Motiven gemacht.
Der Einfluss des Buches war jedoch nie allein auf die Wissenschaft beschränkt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte die Verbindung aus sorgfältiger Beobachtung und visueller Schönheit Kunst, Architektur und Design nachhaltig. Dieser Einfluss ist bis heute erstaunlich nachhaltig und in der bildenden Kunst wohl am stärksten spürbar. So prägt Haeckels Sichtweise der Natur bis heute, wie organische Formen dargestellt und verstanden werden.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Uncanny Natural World of Illustrator Ernst Haeckel“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Philippe Sands bekommt Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2026. Das teilte der Stiftungsrat mit.
„Als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit“ setze sich Sands für Gerechtigkeit, Frieden „und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts ein“, heißt es zur Begründung.
Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden zeige entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden sei und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen „Genozid“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stünden.
Er verbinde persönliche Lebensgeschichten mit den großen Fragen des Völkerrechts. In „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie“ schreibt er gegen das Vergessen an. Zwei Strafverfahren, an denen er am Internationalen Gerichtshof beteiligt war, bilden die Grundlage für „Die letzte Kolonie“ und „Die Verschwundenen von Londres 38“.
Sands arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit.

Sands arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit.

Foto: Samuel Kirszenbaum/Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V./dpa

Sachbücher und juristische Fachbücher

In seinem literarischen Werk blickt Philippe Sands sowohl auf die Motive der Täter als auch auf das Leid und die Leben der Opfer. Durch seine Darstellung erhält sie nach Ansicht des Stiftungsrats „eine Stimme und erfahren Respekt“.
Philippe Sands, geboren 1960 in London, ist Professor für Internationales Recht am University College London sowie Gastprofessor an der Harvard Law School. Er arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte als Menschenrechtsanwalt an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit.
Neben der Veröffentlichung juristischer Fachbücher und Aufsätze ist Philippe Sands seit 2016 auch als literarischer Sachbuchautor tätig.
Die Verleihung des Friedenspreises findet am Sonntag, 11. Oktober 2026, in der Frankfurter Paulskirche statt. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. (dts/red)
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Sommerabend – von Rainer Maria Rilke

Sommerabend

Die große Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber …“
Und wieder dann: „Ich bin so müd …“
Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kleine weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.
Rainer Maria Rilke (1875–1926)
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Vatikan restauriert Raffaels Meisterwerk

Ein Meisterwerk der Renaissance im Vatikan wird aufwendig restauriert: Die Arbeiten an den Fresken der Raffael-Loggia im Herzen des Apostolischen Palastes sollen fünf Jahre dauern, mit moderner Laser-Technik ausgeführt werden und etwa 20 Fachleute beschäftigten, wie die Vatikanischen Museen bei der Präsentation des Vorhabens am Mittwoch, 24. Juni, mitteilten.
Damit bei der Restaurierung die Fresken und der Stuck nicht beschädigt werden, sollen sie „trocken“ gereinigt werden.
Der 65 Meter lange und vier Meter breite Säulengang befindet sich im zweiten Stock des Palastes und wurde zwischen 1517 und 1519 von dem Meistermaler Raffael für Papst Leo X. ausgestaltet.
Für das Publikum ist sie nicht zugänglich, hohe Besucher des Papstes werden hier durchgeführt. Die letzte Teilrestaurierung liegt etwa 50 Jahre zurück.

Verschmutzungen verdecken Originalfarben

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind die Fresken und der Stuck stark verschmutzt. Die Schichten aus tierischem Leim, Wachsen und Fixiermitteln, die über die Jahrhunderte aufgetragen wurden, sind vergilbt und haben Ablagerungen eingeschlossen, die zarten Pastelltöne des ursprünglicher Werkes sind überdeckt.
Laut Chef-Restaurator Paolo Violini zeigte die Untersuchung der Oberfläche, dass es notwendig sei, eine „trockene Reinigungsmethode“ anzuwenden, um die empfindlichen Original-Schichten zu erhalten, die sehr empfindlich auf chemische Vorgänge reagierten.
Deshalb sei die Laser-Technologie „die einzige Möglichkeit“, um die gewünschte Präzision bei der Reinigung zu erzielen und die Oberflächen trocken zu lassen, sagte Violini vor Journalisten.
Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, sprach von einem „entscheidenden Moment sowohl für die Geschichte der Restaurierung als auch für die der italienischen Renaissance“.
Die im April begonnenen Arbeiten umfassen etwa 1300 Quadratmeter Fläche. Die Kosten werden in Höhe von 5,5 Millionen Dollar (rund 4,8 Millionen Euro) von internationalen Gebern der Nichtregierungsorganisation World Monuments Fund unterstützt, die sich der Erhaltung außergewöhnlicher Werke des Welterbes widmet. (afp/red)
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kultur meinung

„The Death of Robin Hood“: Die Schattenseite einer Legende

Obwohl es sich um eine der am wenigsten bekannten und unterschätzten Unterkategorien des Kinos handelt, gehören Filme, die historische Ereignisse aus einer neuen Perspektive erzählen, zu meinen Favoriten. In diese Unterkategorie fallen Filme, die ein oder mehrere historische Ereignisse im Rahmen einer originellen, fiktiven Geschichte neu interpretieren.
Nach Angaben der Online-Filmdatenbank IMDb gibt es fast 100 solcher Filme, aber nur wenige sind wirklich sehenswert, wie „Forrest Gump“, „Braveheart“, „Inglourious Basterds“, „Argo“ und „Once Upon a Time in … Hollywood“.

Robin Hood (Hugh Jackman) wird in „The Death of Robin Hood“ von Schwester Brigid (Jodie Comer) gepflegt.

Foto: © A24

Gern würde ich auch den gerade angelaufenen Film „The Death of Robin Hood“ als eine Neuinterpretation der bekannten Geschichte bezeichnen, aber das ist er nicht.
Die Figur des Robin Hood, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, hat in der Literatur, auf der Bühne und auf der Leinwand zahlreiche Varianten durchlaufen – allesamt reine Fiktion. Seit 1908 gab es weit über 100 Spielfilme, Kurzfilme und Fernsehproduktionen, die sich mit dieser Figur befassten. Das Bemerkenswerte ist, dass all diese Versionen Robin Hood als einen kontaktfreudigen, selbstlosen Verfechter des einfachen Volkes darstellen, nach dem Motto „Nimm von den Reichen und gib den Armen“.
Diese Darstellung entspricht jedoch nicht dem Robin Hood Ihrer Eltern oder gar Ihrer Großeltern. In den erfahrenen Händen des Drehbuchautors und Regisseurs Michael Sarnoski („Pig“), der bereits zum dritten Mal ein Drehbuch verfasst und Regie geführt hat, bricht „The Death of Robin Hood“ mit allen bisherigen Interpretationen dieses legendären Helden.
Der Film beginnt im Jahr 1247 an einem nicht näher bezeichneten Ort (wahrscheinlich in England; gedreht wurde jedoch in Nordirland) und erinnert sofort an den Anfang von „Braveheart“. Inmitten von felsigen Bergen, die in eisigen Nebel gehüllt sind, erbarmt sich der ergraute, langhaarige und vom Kampf gezeichnete Robin (Hugh Jackman) einer hungernden und erschöpften Seele. Der Geruch des Lagerfeuers hat ihr Interesse geweckt, und sie bittet um ein Stück von dem, was gerade am Spieß brät – es scheint Kaninchen zu sein.
Robin erfüllt diesen Wunsch – und wird dafür im Gegenzug fast im Schlaf getötet. Doch er kommt der Person zuvor. Der Körpergeruch sowie der auffällige, unsichere Gang hätten sie verraten, sagt Robin. Dann beseitigt er sie auf eine Art, wie die meisten von uns Ungeziefer im Haushalt vernichten würden.

Robin Hood (Hugh Jackman) in „The Death of Robin Hood“.

Foto: © A24

Dies ist das erste Anzeichen dafür, dass der von Jackman gespielte Robin ein Mann ist, der sich ganz auf das Wesentliche konzentriert, ganz ohne Schnickschnack. Wer offen und dankbar ist, bleibt am Leben. Wer ihm vertraut, genießt seine Gastfreundschaft. Wer ihn jedoch nur im Geringsten bedroht, wird von ihm gnadenlos und ohne Zögern erledigt.
Wie sich herausstellt, gibt es noch viele andere, die sich an Robin rächen wollen. Die Angehörigen seiner früheren Opfer sind aktiv und unermüdlich auf der Suche nach ihm. Dessen ist sich Robin nur allzu bewusst, sodass er ständig in Alarmbereitschaft ist.
Nach einer besonders heftigen Begegnung mit einem solchen Clan wird Robin schwer verletzt und fällt in Ohnmacht. Als er erwacht, befindet er sich auf einer scheinbar fernab gelegenen Insel in der Obhut einer Nonne, Schwester Brigid (Jodie Comer).

Schwester Brigid (Jodie Comer) in „The Death of Robin Hood“.

Foto: © AidanMonaghan

Sich Respekt verdienen

Schnell wird klar, dass Brigid Robin helfen will, wieder zu Kräften zu kommen – allerdings auf schonungslose Weise. Dass sie nicht gerade Samthandschuhe anlegt, trifft auf seine Bewunderung. Wenn Robin also dortbleiben wolle, müsse er sich seinen Platz erst verdienen. Auch das findet er an ihr beeindruckend. So entwickelt sich zwischen den beiden ein gegenseitiger, wenn auch noch etwas zurückhaltender Respekt.
Das relativ idyllische Leben währt jedoch nur kurz. Zunächst taucht ein problembehaftetes Mädchen namens Margaret (Faith Delaney) auf, dann kommt der unheilvolle, verwundete Landstreicher Godwyn (Noah Jupe) dazu. Beide haben bereits in dem historischen Drama „Hamnet“ mitgespielt. Diese neuen Figuren werfen Robin wieder in seine ursprüngliche Achtsamkeit zurück.
Auch die letzte Hauptfigur, lediglich als „der Aussätzige“ (Murray Bartlett) bezeichnet, hat eine Verbindung zu Robin aus der Vergangenheit, wie sich jedoch erst im dritten Abschnitt deutlich herausstellt.

Keine Reue, aber ein Lichtblick

Sarnoski begibt sich während des gesamten Films auf eine Gratwanderung, indem er Robin als einen Mann darstellt, der nicht danach strebt, seine Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen. Seine zahlreichen Sünden sind ihm gleichgültig, er zeigt keinerlei Reue. Zwar gesteht Robin seine Sünden ein, bittet jedoch weder um Vergebung noch um Absolution.

Robin Hood (Hugh Jackman) in „The Death of Robin Hood“.

Foto: © A24

Wer sich für den Film interessiert, sollte beachten: Das Werk ist sehr gewalttätig, jedoch nicht drastischer als das, was in gleichartigen früheren Produktionen wie „Erbarmungslos“, „The Green Knight“, „Braveheart“ und „Gladiator“ gezeigt wurde.
In seinem Wesen und seinem Ansatz ähnelt Jackmans Robin Hood stark seiner Rolle in „Logan: The Wolverine“: Er ist unzufrieden mit dem Mann, zu dem er geworden ist, hinterfragt seine früheren Entscheidungen jedoch nicht. Zwar zeigt er keine Reue, ist sich jedoch durchaus der schwerwiegenden Folgen seiner fragwürdigen Taten aus der Vergangenheit bewusst.
Zu Beginn der zweiten Hälfte scheint Robin einen Neuanfang zu wagen. Er kehrt seinen kriminellen Machenschaften den Rücken zu und wird zum Beschützer von Brigid, dem Aussätzigen, Margaret und mehreren anderen heimatlosen Kindern.
Der einstige Bösewicht beschließt, wenn schon kein guter, zumindest ein ehrenhafter Mensch zu sein – für einen Mann mit einer derart dunklen Vergangenheit ist dies zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung.
Seit dem 18. Juni 2026 deutschlandweit im Kino.

Foto: © A24

„The Death of Robin Hood“
Regie und Drehbuch: Michael Sarnoski
Darsteller: Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 2 Stunden, 3 Minuten
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Death of Robin Hood’: A Haunting Deconstruction of the Myth“. (redaktionelle Bearbeitung: sua)
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Zwei Segel – von Conrad Ferdinand Meyer

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!
Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des anderen erregt.
Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.
Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898)
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„Es ist nie zu spät“: Älteres Ehepaar erinnert sich an 54 gemeinsame Tanzjahre

Sie sagen, das Tanzen habe sie nicht nur körperlich fit gehalten, sondern auch ihre Ehe gestärkt. Nellia und Dietmar Ehrentraut sind jetzt in ihren Siebzigern, in einem Alter, in dem man nicht mehr jedes Lebensjahr so genau zählt. „Wir tanzen eigentlich schon ewig, 54 Jahre“, erklärt Frau Ehrentraut gegenüber der Epoch Times.
Das Paar hat auf seiner über fünf Jahrzehnte währenden Tanzreise „viele schöne Momente erlebt“ und sagt, dass Tanzen heutzutage Menschen, die es wirklich brauchen, Lebensfreude und Glück schenken kann.
„Wenn die Menschen mehr tanzen würden, gäbe es definitiv weniger Ärger“, sagt Frau Ehrentraut. „Tanzen erweitert den Horizont. Es gibt keine Nationalgrenzen, keine Vorurteile, wenn man tanzt. Jeder ist Teil der großen Tanzfamilie.“
Die passionierten Tänzer sind schon um die ganze Welt gereist. Ihr schönstes Erlebnis war jedoch eine Reise nach Amerika, wo sie die legendären Tänzer des Films „Rock Around the Clock“ trafen. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Die passionierten Tänzer sind schon um die ganze Welt gereist. Ihr schönstes Erlebnis war jedoch eine Reise nach Amerika, wo sie die legendären Tänzer des Films „Rock Around the Clock“ trafen.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Eine lange Reise des Tanzes

Die Liebesgeschichte der Ehrentrauts begann im Jahr 1968. Nellia war gerade 15 Jahre alt und ihr zukünftiger Gatte Dietmar 21. Man braucht nicht lange zu fragen, wo sie sich getroffen haben. „Natürlich beim Tanzen“, erinnert sich die Seniorin.
Das Paar heiratete 1970 und legte bis 1979, als ihre Kinder zehn und elf Jahre alt waren, eine Tanzpause ein.

Nellia und Dietmar Ehrentraut als junges Paar mit ihren Kindern.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Wir suchten nach einem gemeinsamen Hobby, und ein Rock-’n’-Roll-Kurs, der an der Tanzschule angeboten wurde, war genau richtig“, sagt Frau Ehrentraut, die in Durmersheim, nur wenige Kilometer südwestlich von Karlsruhe, zu Hause ist.
Später wechselten sie zum Boogie-Woogie, da Rock ’n’ Roll zu „akrobatisch“ geworden sei, erinnert sie sich. Sie hatten ihre neue Tanzleidenschaft gefunden. Bis heute sind sie vom Boogie-Woogie begeistert.

Das Paar sagt: „Tanzen ist unser Leben, und wir lieben besonders Boogie-Woogie.“

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Im Gegensatz zu klassischen Standardtänzen erlaubt der Boogie-Woogie es einem, zu improvisieren und die Musik zu interpretieren“, erklärt Nellia Ehrentraut.
Das Paar feierte viele Erfolge bei Tanzturnieren auf der ganzen Welt: vier österreichische Meisterschaften, eine deutsche Meisterschaft, den zweiten Platz beim Weltcup im Jahr 1999 und einiges mehr.
Der Tanz hat sie auf eine Reise rund um den Globus geführt.
Das Paar in jungen Jahren vor einem Sonnenblumenfeld. Foto: Das Paar in jungen Jahren. mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Das Paar in jungen Jahren vor einem Sonnenblumenfeld.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

„Wir entdeckten die Musikszene der 40er-/50er-Jahre und fanden Gleichgesinnte bei Konzerten und Festivals auf der ganzen Welt“, schildert Nellia Ehrentraut, während sie in Erinnerungen an ihre besonderen Begegnungen mit Koryphäen des Swing-Tanzes wie dem legendären Frank Manning und der charismatischen Jean Veloz schwelgt.
Im Jahr 2017 ging ein Video des älteren Ehepaars viral, aufgenommen bei einem Tanzwettbewerb im bayerischen Landshut. Bald schon hatte das Video auf YouTube über 65 Millionen Aufrufe.

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Wie Frau Ehrentraut sagt, sei sogar der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran auf sie aufmerksam geworden.
„[Er] engagierte uns schnell für einen Tanzpart in seinem Musikvideo ‚Put It All On Me‘“, sagt sie.
Das Paar wurde 2017 nach einer Rock-'n'-Roll-Tanzdarbietung in Bayern zum Tanzstar. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Das Paar wurde 2017 nach einer Rock-’n’-Roll-Tanzdarbietung in Bayern zum Tanzstar.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Gemeinsam tanzen

Nellia Ehrentraut wurde in der österreichischen Stadt Schruns geboren. Schon damals war sie nicht allzu weit von ihrem zukünftigen Ehemann entfernt, der aus dem nur 13 Kilometer entfernten Bludenz kommt.
Der Tanz war und ist die gemeinsame Liebe ihres Lebens. Frau Ehrentraut sagt, selbst heute noch, wenn sie zusammen tanzen, konzentrieren sie sich darauf, „zusammen zu sein“ – im Moment. „Das Tanzen hat uns als Paar immer zusammengebracht. Das war sehr gut für unsere 54-jährige Ehe“, sagt sie.
Doch ihr gemeinsamer Tanzweg verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Auf die Herausforderungen angesprochen, die das Paar beim Tanzen bewältigen musste, antwortete Frau Ehrentraut offen.
„Es ist völlig normal, sich mal zu ärgern, aber man sollte darauf achten, dem nicht zu viel Raum zu geben“, sagt sie. „Wir bewältigen die Herausforderungen des Alltags mit Tanzen, zumindest meistens, denn es hilft uns, Stress und schlechte Laune, aber auch die kleinen Wehwehchen des Alters, in Grenzen zu halten.“
Körperliche Aktivität ist für sie der Schlüssel dafür, schnelle Tänze wie Boogie-Woogie genießen zu können.
„Wir machen zweimal pro Woche Fitnesstraining, zweimal Tanztraining und genießen Radfahren und Wandern“, erzählt Frau Ehrentraut.
Eines stellt sie jedoch klar: Das Paar mache keine Diät, weil „das Leben zu kurz ist, um die schönen Dinge zu verpassen“. Die Begründung ist einleuchtend.

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„Es ist nie zu spät“

Nellia und Dietmar Ehrentraut genießen es, ihre Freude am Tanz mit anderen Menschen zu teilen. Sie verbreiten ihre Videos über verschiedene Medien wie den YouTube-Kanal @SwingNellia von Frau Ehrentraut.
„Es freut uns immer sehr, zu hören, dass wir mit unseren Tanzvideos viele Menschen zum Tanzen animieren konnten“, sagt Frau Ehrentraut. „Wir erhalten immer wieder liebe Nachrichten und Briefe aus aller Welt.“
Für all jene älteren Menschen, die mit dem Tanzen anfangen möchten, hat Nellia Ehrentraut einen ganz einfachen Tipp: „Es ist nie zu spät“, sagt sie.
„Du solltest dir selbst eine Chance geben – im Hier und Jetzt –, denn das ist das Leben!“
„Es ist eine großartige Reise. Wir sind alle dabei. Lass dich von niemandem davon abhalten, auf andere zuzugehen und etwas Positives in diese Welt zu bringen, selbst wenn es nur ein Tanz ist. Wir brauchen das mehr denn je.“
Nellia und Dietmar Ehrentraut mit ihrer Familie. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Nellia und Dietmar Ehrentraut mit ihrer Familie.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Nellia und Dietmar Ehrentraut

Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Elderly Couple Dancing Together for 54 Years Still Loves to Swing Dance in Their 70s: ‘It’s Never Too Late’“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Mit Weisheit die Lasten des Lebens erfolgreich schultern können


In Kürze:

  • Weisheit lässt sich nicht durch Kraft gewinnen, das muss Herakles in seiner vorletzten Aufgabe erkennen.
  • Um seine Prüfung zu meistern, muss der griechische Held einen Schritt zurücktreten und die Last der Welt schultern.
  • Elternschaft, Führung, moralische Pflicht: Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt und einfach getragen werden muss.
  • Sie lehren uns, dass die größten Schätze nicht diejenigen sind, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir über uns hinauswachsen.

 
Als Herakles seine elfte Aufgabe in Angriff nimmt, hat sich die Atmosphäre der Mythen grundlegend gewandelt. Die früheren Prüfungen erforderten Mut, Einfallsreichtum, GeduldSelbstbeherrschung, Vernunft und die Wiederherstellung der Ordnung im Kampf gegen verschiedene Formen des Chaos.
Doch nun nähert sich Herakles etwas weitaus Geheimnisvollerem. Dies ist eine logische Folge aus seiner Reise in den Westen, die er im Rahmen seiner zehnten Aufgabe antrat. Seine neue Prüfung betrifft nun nicht mehr nur Kraft oder Ausdauer, sondern die Weisheit selbst.

Götter, ein Drache und die Nacht

König Eurystheus’ neue Aufgabe klingt wiederholt trügerisch einfach: Herakles soll die goldenen Äpfel der Hesperiden beschaffen. Doch dies sind keine gewöhnlichen Früchte. Sie hängen in einem heiligen Garten, der sich am äußersten westlichen Rand der Welt befindet. Dieser Ort liegt somit jenseits der Grenzen der bekannten Geografie, nahe dem Punkt, an dem sich Himmel und Erde fast zu berühren scheinen.
Die Äpfel werden mit Hera, der Königin der Götter, in Verbindung gebracht. Diese mächtige Frau hegt bekanntlich einen Groll gegen Herakles, da er der uneheliche Sohn ihres Mannes Zeus ist.
Wie so oft werden die Früchte strengstens bewacht. Zu ihren Beschützern zählen die Hesperiden. Ihr Name bedeutet „Töchter des Westens“ und leitet sich wahrscheinlich von „hespera“ ab, was „Abend“ bedeutet. Die Hesperiden werden von einem großen Schlangendrachen namens Ladon unterstützt, der sich schlaflos um den heiligen Baum windet.

Die Hesperiden waren je nach antiken Schriften drei, vier oder sieben Nymphen, also weibliche Naturgeister. Als möglicher Vater wird unter anderem der Titan Atlas genannt.

Herakles begibt sich auf seiner neuen Reise buchstäblich in die Nacht. Schon hier ist die Symbolik enorm. Der Westen ist mythologisch betrachtet niemals nur eine Himmelsrichtung. Er ist das Reich des Sonnenuntergangs, des Endes, der Sterblichkeit und der geheimnisvollen Grenzgebiete, in denen die bekannte Welt der Transzendenz weicht. Nach Westen zu reisen bedeutet, sich dem Rand der gewöhnlichen menschlichen Existenz selbst zu nähern.

Parallelen zur Bibel und den nordischen Göttern

Doch im Gegensatz zu seiner vorherigen Aufgabe ist das gesuchte Objekt nicht Vieh, sondern Unsterblichkeit. Die goldenen Äpfel besitzen in der gesamten antiken Mythologie eine außerordentliche Bedeutung.
Fruchttragende Bäume symbolisieren immer wieder Leben, Weisheit, Erneuerung und göttliche Ordnung. In der antiken griechischen Tradition stehen die goldenen Äpfel oft für ewige Jugend oder göttliche Vitalität.
In der nordischen Mythologie bewahren die Götter rund um Odin ihre Unsterblichkeit durch magische Äpfel. In der biblischen Tradition wird die Frucht von Eden mit Wissen, Versuchung und der Sehnsucht der Menschheit, ihre festgelegten Grenzen zu überschreiten, in Verbindung gebracht. Paradoxerweise bedeutet dies gleichzeitig den Einzug des Todes in die Welt der Lebenden.
Äpfel sind in vielen Kulturen und Regionen ein Symbol für Weisheit

„Das irdische Paradies mit dem Sündenfall von Adam und Eva“ von Peter Paul Rubens (1577–1640) und Jan Brueghel der Ältere (1568–1625).

Weisheit erlangen als Herausforderung

Diese Gemeinsamkeiten sind kaum zufällig. Auf symbolischer Ebene gehört die elfte Aufgabe zum Schützen, jenem Sternzeichen, das mit der Suche, höherem Wissen, fernen Reisen, Philosophie und spirituellem Streben assoziiert wird. Der Schütze ist der Reisende des Tierkreises, der Suchende, der über das Unmittelbare und Sichtbare hinaus auf eine größere Wahrheit zielt.
Im Gegensatz zum Steinbock, der durch Disziplin Entbehrungen erträgt, bewegt sich der Schütze durch Sehnsucht und visionäre Kraft nach außen, was sich symbolisch in der Figur des Bogenschützen selbst widerspiegelt. Herakles selbst ist bekanntlich im Umgang mit Pfeil und Bogen versiert. Ein Bogenschütze muss immer etwas haben, das über ihn selbst hinausgeht, auf das er zielen kann. Dieser Unterschied ist entscheidend.

Diese künstlerische Darstellung zeigt Herakles als Bogenschützen im Kampf gegen den Drachen Ladon. Je nach Schriftquelle stammt das Wesen unter anderem von den Monstern Typhon und Echidna ab.

Während Herakles zuvor durch Stärke, Mut oder Ausdauer siegte, lassen sich die Äpfel der Hesperiden nicht einfach mit Gewalt an sich reißen. Die elfte Aufgabe vereitelt wiederholt direktes Handeln.
Der Garten selbst ist verborgen. Sein Standort ist ungewiss. Der Held muss Reisende befragen, mit Gestaltwandlern ringen, Wüsten durchqueren und Rat bei obskuren Wesen suchen, bevor er sich dem heiligen Ort überhaupt nähern kann. Das Erlangen von Wissen selbst wird zur Herausforderung.

Rätsel, Verwandlungen und Wahrheit

Das Streben nach Erkenntnis ist ein Grund dafür, dass sich diese neue Aufgabe im Vergleich zu den vorherigen seltsam traumhaft anfühlt. Herakles betritt eine Welt voller Rätsel, Verwandlungen und kosmischer Wesen. Ein Orakel gibt Herakles schließlich den wichtigen Tipp, ein Mann namens Nereus könne ihm bei der Suche nach dem Garten helfen.
Nereus ist ein uralter Meeresgott, der manchmal auch als „der Alte des Meeres“ bezeichnet wird. Auch er ist gar nicht so leicht zu finden, denn er kann seine Gestalt ständig wechseln – mal ist er ein Fisch, mal ein Seelöwe.
Nereus symbolisiert die wandelbare Gestalt der Weisheit

Künstlerische Darstellung von Nereus auf einem griechischen Tongefäß.

So versucht der Meeresgott, sich dem Griff des Herakles zu entziehen. Nur indem der Held all diesen Verwandlungen standhaft widersteht, schafft er es, dass Nereus ihm die wichtigen Informationen offenbart.
Die Symbolik ist tiefgründig: Die Wahrheit ist nicht leicht zu erlangen. Stattdessen wandelt sie ihre Gestalt vor unseren Augen – die Realität selbst erscheint instabil. Dieses Konzept ist in ähnlicher Weise von den Mayas bekannt, bei denen Erscheinungen eine tiefere Realität verschleiern. Nur Beharrlichkeit, verbunden mit Einsicht, ermöglicht es dem Suchenden, das zu erfassen, was ihm ständig entgleitet.

Zurückgehen für Fortschritt

Tatsächlich schickt der Rat des Nereus unseren Helden nach Osten, fort von den Hesperiden. Als Erstes führt ihn der Weg zu Prometheus, der ihn wiederum zu Atlas führt. Kurz gesagt: Der Held muss zuerst zurückgehen, um voranzukommen – eine Sichtweise, die aus der Zen-Philosophie bekannt ist.
Was wie ein Umweg erscheint, ist von großer Bedeutung, denn Herakles befreit Prometheus aus seiner misslichen Lage. Der Titan hatte den Göttern das Feuer gestohlen und es der Menschheit geschenkt. Dafür hatte Zeus ihn an einen Berg gekettet, wo jeden Tag ein Adler herabstieg, um seine Leber zu verschlingen. Da Prometheus unsterblich ist, regenerierte sich seine Leber jede Nacht und der Kreislauf begann von Neuem.
Herakles tötet den Adler und befreit Prometheus von seiner Qual – ein zutiefst bedeutungsvoller Moment. Prometheus hatte gelitten, weil er den Menschen aus ihrem primitiven Zustand half. Nun hilft Herakles, der Sohn des Zeus, diese Strafe zu beenden. Symbolisch gesehen ist es, als würde ein Teil des alten Fluchs, der über der Menschheit lastet, aufgehoben.
Herakles befreit Prometheus

Herakles (l.) befreit Prometheus (r.) von seiner göttlichen Strafe, indem er die Ketten sprengt und den Adler mit einem Pfeil tötet (u.).

Der befreite Prometheus bringt Herakles nun einen Schritt näher an den geheimnisvollen Garten, indem er die Begegnung mit einem zweiten Titanen ermöglicht: Atlas. Dieser ist dazu verdammt, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen.
Hier erreicht die Aufgabe ihre tiefste symbolische Ebene. Atlas ist kein bloßer Titan. Er verkörpert die kosmische Last selbst: das Gewicht des Himmels, die erdrückende Verantwortung, die Ordnung vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Kosmische Last – wie sie jeder kennt

Frühere Aufgaben haben diese Last bereits sinnbildlich thematisiert, doch nun begegnet Herakles ihr in universellem Ausmaß. In einer Version des Mythos willigt Herakles ein, den Himmel vorübergehend zu tragen, während Atlas die Äpfel aus dem Garten holt. Das Bild ist außergewöhnlich. Für einen kurzen Moment nimmt der Held die Last des Kosmos selbst auf sich.
Dies ist nicht mehr nur ein heroisches Abenteuer, sondern eine metaphysische Symbolik von höchster Ordnung. Unweigerlich ruft diese Szene den Vergleich mit dem christlichen Bild von Christus am Kreuz hervor: Der Sohn, der das Gewicht der Sünde, des Leidens und der Gebrochenheit der Welt trägt und dennoch bis zur Erlösung und zum Sieg durchhält.

Die Kreuzigung Jesu, gemalt von Francesco Trevisani (1656–1746).

Diese Szene hat über Jahrhunderte hinweg Relevanz, weil sie etwas Bekanntes in der menschlichen Erfahrung anspricht. Jeder Erwachsene stößt irgendwann auf Verantwortung, die sich nicht vermeiden lässt, und auf Lasten, die einfach getragen werden müssen.
Elternschaft, Führung, künstlerische Berufung, politische Verantwortung, moralische Pflicht – all dies beinhaltet in der einen oder anderen Form das „Halten des Himmels“. Vereinfacht ausgedrückt heißt das, Ordnung zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten.

Gewinn durch Weisheit statt Gewalt

Doch der Mythos enthält noch eine weitere subtile Erkenntnis. Sobald Atlas mit den Äpfeln zurückkehrt, versucht er, die erneute Schulterung der Last zu vermeiden. Er schlägt vor, dass Herakles den Himmel weiterträgt, während er selbst die Früchte an König Eurystheus überbringt.
Herakles reagiert jedoch nicht mit Gewalt, sondern mit Klugheit. Er gibt vor, dem Vorschlag zuzustimmen, und bittet Atlas, den Himmel kurz wieder zu übernehmen, damit er seinen Umhang als Kissen zurechtlegen kann. Doch sobald Atlas die Last wieder auf sich nimmt, geht Herakles mit den Äpfeln davon. Der endgültige Sieg wird also nicht durch Gewalt, sondern durch Weisheit errungen.
Dies markiert eine entscheidende Wandlung in der Entwicklung des Helden. Der Herakles, der den Nemeischen Löwen mit bloßen Händen erwürgte, ist nachdenklicher, strategischer und spirituell bewusster geworden. Die Kraft bleibt, aber sie steht nicht mehr im Vordergrund. Intelligenz, Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung bestimmen nun sein Handeln.

„Atlas und die Hesperiden“ von John Singer Sargent (1856–1925).

Nicht dauerhafte Vollkommenheit und Beständigkeit

Die Äpfel selbst unterstreichen diese Bedeutung. Gold symbolisiert traditionell Vollkommenheit, Unvergänglichkeit und Beständigkeit. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Früchten verfaulen diese nicht.
Sie stehen für die uralte Sehnsucht des Menschen nach Beständigkeit in einer vergänglichen Welt – den Wunsch, irgendwie an der Ewigkeit teilzuhaben. Und doch verbirgt sich im Kern dieser Aufgabe ein Paradoxon.
Zwar gelingt es Herakles, die Äpfel zu erlangen, doch er behält sie nicht. In vielen Versionen des Mythos bringt Athene sie schließlich in den heiligen Garten zurück, da solche göttlichen Schätze nicht dauerhaft in die gewöhnliche menschliche Sphäre gehören.
In seiner 11. Aufgabe lernt Herakles, dass Weisheit mit viel Mühe und Ausdauer erlangt wird

„Herkules stiehlt die Äpfel aus dem Garten der Hesperiden“ von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553).

Dieses Ende ist von enormer Bedeutung. Die Aufgabe legt nahe, dass Unsterblichkeit und Weisheit nicht einfach als Eigentum besessen oder mit Gewalt erobert werden können. Menschen mögen einen Blick auf das Transzendente erhaschen, an Höherem teilhaben oder für einen Moment das Gewicht des Himmels selbst tragen, doch Beständigkeit bleibt jenseits vollständiger menschlicher Aneignung.

Weisheit als höchster Preis

Die moderne Kultur behandelt Erfüllung oft als etwas, das man erwerben kann: mehr Erfolg, mehr Reichtum, mehr Sichtbarkeit, mehr Kontrolle. Doch der Mythos untergräbt stillschweigend diese Annahme, denn das Wertvollste, das man besitzen kann, sind keine Waren. Die Weisheit selbst lehrt Demut vor dem, was uns übersteigt.
Für uns moderne Leser liegt die Relevanz dieser Aufgabe genau hier. Viele unserer tiefsten Bestrebungen – Wahrheit, Schönheit, Weisheit und Sinn – ähneln dem Garten der Hesperiden. Sie lassen sich weder schnell erreichen noch allein durch Gewalt meistern. Sie erfordern Ausdauer, Unterscheidungsvermögen, Demut und die Bereitschaft, die vertrauten Grenzen des Selbst zu überschreiten.
In diesem Sinne wird die elfte Aufgabe zu einer der philosophischsten des gesamten Zyklus. Herakles besiegt nicht mehr nur Monster oder stellt die öffentliche Ordnung wieder her. Er ist zu einem Suchenden geworden, der an der Schwelle zwischen Sterblichkeit und Transzendenz steht.
Und das ist vielleicht die bleibende Lehre der Erzählung: Die größten Schätze sind nicht diejenigen, die wir dauerhaft besitzen, sondern jene Momente, in denen wir – wenn auch nur kurz – das berühren, was jenseits von uns selbst liegt.
Nach der Meisterung dieser Aufgabe, steht Herakles nun vor seiner zwölften, letzten und gefährlichsten Prüfung. Dafür muss er die dunkle Grenze überschreiten und in die Unterwelt hinabsteigen – einen Ort, von dem noch nie ein Lebender zurückgekehrt ist.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Herakles and the Apples of the Hesperides: The Search for Immortality“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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kultur

Bislang unbekanntes Mozart-Manuspkript in Paris entdeckt

Ein französischer Musikwissenschaftler hat ein bislang unbekanntes Mozart-Manuskript entdeckt.
Das 44-seitige Notenheft enthalte sieben Stücke für Harfe und Flöte sowie Kompositionsübungen, erklärte François-Pierre Goy, Konservator in der Musikabteilung der französischen Nationalbibliothek.
Sie stammten aus dem Jahr 1778, als Wolfgang Amadeus Mozart die französische Harfenistin Marie-Louise-Philippine de Bonnières de Guînes im Komponieren unterrichtete.

Stücke für Harfe und Flöte

Die Stücke für Harfe und Flöte, die insgesamt etwa 20 Minuten lang sind, sollen am Sonntag beim traditionellen Musikfest am 21. Juni bei einem Konzert in der Nationalbibliothek vorgetragen werden.
Der auf anonyme Manuskripte spezialisierte Musikwissenschaftler Goy hatte die in marmoriertes Papier eingefasste Kladde untersucht, nachdem er sich andere Unterrichtsmaterialen von Mozart angesehen hatte. Ihm fielen die „rundlichen, leicht nach vorn geneigten Violinschlüssel“ und die „anders als in Frankreich notierten Bassschlüssel“ auf.

Mozarteum bestätigt Echtheit

Vergleiche mit anderen Manuskripten und das verwendete Papier sprachen ebenfalls für die Autorschaft des österreichischen Komponisten. Diese wurde später vom Mozarteum in Salzburg bestätigt.
Das Manuskript war während der Französischen Revolution bei dem Herzog von Guînes beschlagnahmt worden und fand sich später in der französischen Nationalbibliothek. In Leipzig war 2024 ein bis dahin unbekanntes Jugendwerk Mozarts entdeckt worden, das den Titel „Ganz kleine Nachtmusik“ erhielt. (afp/red)
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Restaurierung von Parthenon-Tempelfassade auf Akropolis in Athen abgeschlossen

Nach langer Restaurierung erstrahlt die Westfassade des Parthenon-Tempels in Athen wieder wie zuletzt Anfang des 19. Jahrhunderts: „Der Anblick ist wirklich überwältigend“, erklärte die griechische Kulturministerin Lina Mendoni am Donnerstag.
Der vor rund 2500 Jahren zu Ehren der Göttin Athene errichtete Tempel gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Griechenlands und zieht pro Jahr mehr als vier Millionen Touristen an.

Parthenon-Westfront wiederhergestellt

Archäologen, Ingenieure und Handwerker hatten die Westfront des Tempels laut Ministerium mit alten Bruchstücken und neuem Marmor ergänzt, um Lücken zu füllen und die Gebäudestruktur zu stärken.
Dem Ministerium zufolge sieht das Gebäude nun weitestgehend wieder so aus wie vor rund 220 Jahren, direkt nachdem auf Anweisung des damaligen britischen Botschafters im Osmanischen Reich, Lord Elgin, die Hälfte der noch vorhandenen Statuen und Friese des Tempels entfernt worden war.

Offener Konflikt um die Parthenon-Skulpturen

Griechenland fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe der auch als Elgin Marbles bekannten Skulpturen. Elgin verkaufte die Friese an die britische Regierung, die sie 1817 an das British Museum weitergab. Dort gehören sie zu den wertvollsten Ausstellungsstücken.
Athen sieht die Skulpturen und Friese als gestohlen an und fordert ihre Rückgabe. Nach Ansicht Londons wurden die Skulpturen hingegen auf legale Art und Weise erworben.

Die Parthenon-Skulpturen im British Museum in London, Vereinigtes Königreich. (Archiv).

Foto: Dimitris Kapantais / SOOC / SOOC via AFP

Seit Jahren laufen Verhandlungen zwischen dem Chef des British Museum – dem früheren britischen Finanzminister George Osborne – und der griechischen Regierung über eine Lösung in dem Streit.
Skulpturenfragmente des Parthenon-Tempels sind auch in Museen in Paris, Kopenhagen, München, Wien und Würzburg zu sehen. (afp/red)
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kultur

Sommersonnenwende – von Ludwig Uhland

Sommersonnenwende

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.
Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft’gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.
Ludwig Uhland (1787-1862)
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Das zeitlose Dreieck – Aristoteles’ Schlüssel zu wirksamer Kommunikation

Ob es darum geht, einen Arbeitgeber davon zu überzeugen, Sie einzustellen, Sie Investoren für die Finanzierung Ihres Unternehmens gewinnen möchten, ob Sie Kunden zum Kauf eines Produkts bewegen oder die Meinungsbildung vor Gericht oder in der Öffentlichkeit beeinflussen möchten – überzeugende Rhetorik ist der Schlüssel.
Rhetorik ist eine antike Kunst. Sie benutzt Sprache, um ein Publikum zu überzeugen, zu informieren oder zu motivieren. In vielerlei Hinsicht spielen die rhetorischen Fähigkeiten einer Person eine wichtige Rolle für ihre Wirksamkeit und ihren Erfolg im Leben.
Vor über 2.300 Jahren erklärte der griechische Philosoph Aristoteles die drei primären Aspekte der überzeugenden Kommunikation. Seither haben dies Künstler, Politiker und Geschäftsleute erfolgreich studiert und genutzt.
In seinem Buch „Rhetorik“ definiert Aristoteles diese drei Aspekte wie folgt: „Der Überzeugungsmittel, welche durch die Rede hervorgebracht werden, gibt es drei Arten: entweder nämlich liegen sie in der sittlichen Verfassung des jedesmaligen Redners oder in der Art und Weise, wie derselbe den Hörer stimmt, oder endlich in der Rede selbst, welche dieselben dadurch hervorbringt, daß sie beweist oder zu beweisen scheint.“ („Rhetorik“, Buch 1, Kapitel 2, S. 24)
Die griechischen Wörter für die drei Aspekte dieses zeitlosen Dreiecks sind Ethos, Pathos und Logos. Ethos bezieht sich auf den Charakter der Person, die das Argument vorbringt. Pathos bezieht sich auf den emotionalen Zustand des Publikums. Logos bezieht sich auf die logische Struktur des Arguments selbst.

Der dauerhafte Einfluss von Aristoteles

Im Alter von 18 Jahren zog Aristoteles nach Athen, um Platons Akademie zu besuchen. Er wurde einer der begabtesten und vorbildlichsten Schüler der Akademie. Er blieb fast 20 Jahre lang und studierte unter dem berühmten Philosophen.
Nach Platons Tod lud ihn König Philipp II. in die makedonische Hauptstadt Pella ein. Dort sollte er den Sohn des Königs unterrichten, der später als Alexander der Große bekannt wurde.
Im Alter von etwa 50 Jahren kehrte Aristoteles nach Athen zurück. Dort gründete er am Lykeion seine eigene Akademie für wissenschaftliche und philosophische Forschung. Aufgrund seiner Vorliebe, während des Lehrens im Lykeion umherzuwandern, wurde seine Akademie bald als die Peripatetische Schule (Anm. d. Red.: Peripatos bedeutet Wandelhalle) bekannt.
Er leitete die Akademie 12 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod im Jahr 322 v. Chr. In dieser Zeit verfasste er auch viele seiner wissenschaftlichen und philosophischen Abhandlungen.
Aristoteles’ Schriften waren von extrem großem Einfluss auf die Entwicklung wissenschaftlicher Fächer, die von Physik und Astronomie bis hin zu Biologie und Geologie reichten. Vielleicht noch einflussreicher waren sie auf philosophische Themen wie Ethik, Politik, Ökonomie und natürlich Rhetorik.
Noch heute studiert man seine Schriften zu verschiedenen Themen an den Universitäten auf der ganzen Welt. Aristoteles gilt weithin als einer der einflussreichsten Menschen aller Zeiten.
Die drei Bücher, aus denen die „Rhetorik“ besteht, werden nach wie vor von Anwälten, Politikern, Rednern und Autoren studiert. Wer beabsichtigt, überzeugende Argumente zu gestalten, nutzt sie. Man kann sagen, seine Einsichten in die drei Hauptaspekte des rhetorischen Appells werden seit über 2.000 Jahren effektiv genutzt.

Ethos: Seht den Sprecher an

Kurz vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Präsident richtete George Washington seine Abschiedsrede an die Nation. Er verkündete seine Entscheidung, sich aus dem öffentlichen Amt zurückzuziehen und keine Wiederwahl anzustreben.
Er war Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee bei deren Sieg über Großbritannien gewesen. Er hatte auch als einer der US-Verfassungsväter fungiert und er war der erste Präsident der neuen Nation gewesen.
Dennoch zeugten seine Worte zu Beginn seiner Ansprache sowohl von seiner Bescheidenheit als auch von seiner Dankbarkeit. Damit bewies er seinem Publikum, dass er ein Mann von gutem Charakter war.
In seiner Abschiedsrede feierte George Washington die amerikanischen Erfolge und lobte die Sache der Freiheit. „General George Washington legt sein Amt nieder“, 1783, von John Trumbull. Foto: gemeinfrei

In seiner Abschiedsrede feierte George Washington die amerikanischen Erfolge und lobte die Sache der Freiheit. „General George Washington legt sein Amt nieder“, 1783, von John Trumbull.

Zu Beginn seiner Ansprache dankte er den Bürgern für ihr großes Vertrauen in seine Dienste. Dann erklärte er: „In the discharge of this trust, I will only say that I have, with good intentions, contributed towards the organization and administration of the government the best exertions of which a very fallible judgment was capable.“ (frei übersetzt: „Bei der Erfüllung dieses Amtes kann ich nur sagen, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen zur Organisation und Führung der Regierung beigetragen habe, soweit es mein fehlbares Urteilsvermögen erlaubte.“)

In Bezug auf das Ethos schrieb Aristoteles: „Die sittliche Verfassung ist wirksam, wenn die Darstellung durch die Rede von der Art ist, daß sie den Redenden glaubwürdig macht, denn dem rechtschaffenen Manne glauben wir wie überhaupt in allen Dingen leichter und eher, so insbesondere da, wo nicht absolute Gewißheit möglich ist, sondern Verschiedenheit der Meinungen ins Spiel kommt, sogar unbedingt.“ („Rhetorik“, Buch 1, Kapitel 2, S. 24)

In seiner Rede warnte Washington davor, parteipolitische Loyalität über Pflicht und Anstand zu stellen. Er warnte auch vor den Gefahren ausländischer Verflechtungen. Obwohl er seine Argumente sicherlich rational vorbrachte und an den Patriotismus und den guten Willen seines Publikums appellierte, begann er mit dem Ethos. Er betonte damit seine Glaubwürdigkeit beim Sprechen über solche Themen.

Pathos: Appell an die Emotion

Wenn man versucht, ein Publikum zu überzeugen, ist es auch wichtig, dessen emotionalen Zustand zu berücksichtigen. Über das Pathos schrieb Aristoteles: „Die Stimmung der Zuhörer zweitens ist wirksam, wenn dieselben durch die Darstellung des Redners zu einem Affekte gebracht werden, denn wir fällen unsere Entscheidungen nicht auf gleiche Weise, wenn wir betrübt oder freudig, von Liebe oder von Haß erregt sind […].“ („Rhetorik“, Buch 1, Kapitel 2, S. 25)
Doch er äußerte auch Kritik an vielen seiner Zeitgenossen, weil sie sich ausschließlich auf Appelle an die Emotionen verließen, und fügte hinzu: „[…] wie denn auch, meiner Ansicht nach, die heutigen Rhetoriker auf diesen Punkt allein ihre Anweisungen abzielen lassen.“
Was zu Aristoteles’ Zeiten galt, gilt auch heute noch. Viele moderne Politiker, Werbetreibende und Autoren neigen dazu, sich fast ausschließlich auf emotionale Appelle zu verlassen. Sie verzichten oft auf jeglichen Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen oder Logik einzubinden.
Schule des Aristoteles. Fresko von Gustav Adolph Spangenberg, 1883–88. Foto: gemeinfrei

„Schule des Aristoteles“, Fresko von Gustav Adolph Spangenberg, 1883–1888.

Das heutige Dilemma

Weil heutzutage viele Politiker parteipolitische Ziele über Vernunft und Anstand stellen, haben sie ihrer Glaubwürdigkeit geschadet. Damit haben sie auch ihre Möglichkeiten verspielt, logische Argumente zu präsentieren.
Viele moderne Journalisten und Medienorganisationen haben aus ähnlichen Gründen ebenfalls auf ihre Glaubwürdigkeit verzichtet und wurden durch die einseitige Berichterstattung über Geschichten und Ereignisse unfähig, Themen mit Glaubwürdigkeit zu untersuchen.
Als Folge können sie nur noch an die Emotionen derjenigen appellieren, die bereits mit ihnen übereinstimmen. Aber da es ihnen sowohl an Glaubwürdigkeit als auch an Logik mangelt, sind ihre Argumente in Bezug auf die Überzeugungskraft weitgehend wirkungslos.
In einigen Fällen können rein emotionale Appelle halbwegs effektiv sein, aber für ein anspruchsvolles Publikum werden sie niemals die Effektivität eines emotionalen Appells erreichen, der mit Glaubwürdigkeit und Logik ausbalanciert ist.
Beispielsweise appellieren viele Fernsehwerbespots an die Emotionen der Zuschauer mit Darstellungen von misshandelten Tieren oder unterernährten Kindern. Sie bitten um Spenden, um diese Zustände zu lindern. Die effektivsten Spots enthalten jedoch auch sachdienliche Informationen über die Geschichte. Sie bieten auch Beweise für die Errungenschaften der Institution. Dadurch vermitteln sie dem potenziellen Spender Vertrauen in die Organisation und den Glauben daran, dass seine Spende sinnvoll eingesetzt wird.
Ein reizender und unvergesslicher Familienausflug in ein Restaurant oder eine Freizeiteinrichtung kann faszinierend sein. Wenn er aber mit Belegen für die Qualität des Ortes und den wirtschaftlichen Wert des Erlebnisses kombiniert wird, wirkt der Ausflug noch attraktiver.

Emotionale Appelle ja, aber …

Aristoteles warnte vor einer übermäßigen Abhängigkeit von emotionalen Appellen. Dennoch erkannte er den emotionalen Zustand des Publikums als eines der drei primären Mittel der Überzeugung an.
Tatsächlich bietet ein beträchtlicher Teil von Buch II seines Werkes „Rhetorik“ eine detaillierte Untersuchung verschiedener emotionaler Zustände, einschließlich Abneigung, Zorn, Hass, Furcht, Scham, Mitleid und Empörung sowie des jeweiligen Gegenstücks. Er erörtert auch, welche Typen von Menschen, basierend auf Alter, Status, Wohlstand und so weiter, für bestimmte Emotionen am anfälligsten sein könnten.
Mit anderen Worten: Wenn man versucht, eine Person oder eine Gruppe von Menschen davon zu überzeugen, ein bestimmtes Argument zu akzeptieren, ist es von entscheidender Bedeutung, den emotionalen Zustand und die Veranlagungen des Publikums zu verstehen und zu berücksichtigen, insbesondere im Verhältnis zur emotionalen Wirkung der präsentierten Beweise.

Logos: Bringen Sie einen logischen Fall vor

Im Jahr 1963 stand Martin Luther King Jr. auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington und hielt eine Rede, die als die „I Have a Dream“-Rede bekannt wurde. In seiner Rede forderte King die Erfüllung des Versprechens der Freiheit für schwarze Amerikaner und verlangte für sie die gleichen Rechte, die weiße Bürger genossen.
Kings Ethos wurde durch seine vielen Akte des gewaltlosen Widerstands gegen verschiedene rassistische Gesetze etabliert und durch die Eloquenz und die anspruchsvolle Rhetorik, die er anwandte, weiter gestärkt.
Der emotionale Appell der Rede, das Pathos, ist unbestreitbar. Sie gehört selbst nach mehr als 60 Jahren immer noch zu den bewegendsten und fesselndsten Reden in der amerikanischen Geschichte. Doch selbst mit all den schönen poetischen Ausschmückungen und zwingenden Visionen einer helleren Zukunft wäre die Rede ohne die tiefgründige und konsistente Logik, auf der sie aufgebaut war, nicht annähernd so effektiv gewesen.
Der Bürgerrechtler Martin Luther King (1929–1968) spricht am 28. August 1963 während des „Marsches auf Washington“ zu den Menschenmengen am Lincoln Memorial, wo er seine berühmte Rede „Ich habe einen Traum“ hielt. Foto: AFP via Getty Images

Der Bürgerrechtler Martin Luther King (1929–1968) spricht am 28. August 1963 während des „Marsches auf Washington“ zu der Menschenmenge am Lincoln Memorial, wo er seine berühmte „Ich habe einen Traum“-Rede hielt.

Foto: AFP via Getty Images

In Bezug auf den Logos schrieb Aristoteles: „Durch die Darstellung des Redners endlich wird die Überzeugung der Zuhörer dann vermittelt, wenn wir etwas als wahr oder als wahrscheinlich aus den in dem vorliegenden Falle und Gegenstande selbst sich ergebenden Gründen der Überzeugung aufzeigen.“ („Rhetorik“, Buch 1, Kapitel 2, S. 25)
Zu Beginn seiner Rede würdigte King die Statue von Abraham Lincoln hinter ihm und stellte fest, dass, obwohl dieser Mann die Emanzipationsproklamation mehr als 100 Jahre zuvor unterzeichnet hatte, schwarze Bürger immer noch nicht die gleichen Rechte und Freiheiten wie weiße Bürger genießen würden. Er wies darauf hin, dass Schwarze in bestimmten Bundesstaaten immer noch am Wählen gehindert würden. Er verwies auch darauf, dass sie bei Reisen in vielen Teilen des Landes nicht einmal Nahrung oder Unterkunft erhalten könnten. Denn dort träfen sie auf Schilder mit der Aufschrift „Nur für Weiße“.
„In diesem Sinn sind wir zur Hauptstadt unserer Nation gekommen, um einen Scheck einzulösen“, sagte King. „Als die Architekten unserer Republik die grandiosen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, dessen Erbe jeder Amerikaner sein sollte. Dieser Schuldschein war ein Versprechen, dass allen Menschen – ja, schwarzen Menschen wie auch weißen Menschen – die unveräußerlichen Rechte von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück garantiert wären.“
Im Gegensatz zu vielen von Kings Zeitgenossen und jenen, die nach seiner Ermordung versuchten, sein Erbe anzutreten, verunglimpfte er allerdings nicht die Gründungsprinzipien des Landes. Vielmehr machte er sie sich zu eigen.
Er bestand darauf, dass sie – ungeachtet der Rasse – gleichermaßen für alle Menschen gelten sollten. Seine Rede hatte eine tiefgreifende Wirkung – nicht nur auf diejenigen, die sie persönlich hörten und von denen die meisten seine Ansichten bereits teilten, sondern auch auf diejenigen, die sie im Fernsehen sahen oder später Tonaufnahmen davon hörten.
Ihr folgten tiefgreifende Veränderungen in der Haltung gegenüber schwarzen Menschen im Land. Es gab große Fortschritte hin zu einer Gleichbehandlung vor dem Gesetz.
Schließlich gibt es kein logischeres Argument gegen Rassismus als die einfache Prämisse, die in dieser Rede vorgebracht wurde. Er sagte: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“

Das zeitlose Dreieck

Weit über 2.000 Jahre nach Aristoteles’ Tod dienen die drei wesentlichen rhetorischen Prinzipien, die er aufstellte, weiterhin als wirksamer Leitfaden für Schriftsteller, Redner und praktisch jeden, der versucht, ein Publikum zu überzeugen.
Wie ein Hocker, dessen Stabilität auf drei Beinen ruht, so beruht auch ein solides, überzeugendes Argument auf drei Dingen: dem Charakter der Person, die das Argument vorbringt, den Emotionen und Einstellungen des Publikums, welches das Argument hört, und der logischen Konstruktion des Arguments selbst.
Fehlt es an einem Gleichgewicht dieser drei Faktoren, kippt das Argument wie ein Hocker mit ungleichen Beinen, und das Publikum lässt sich nicht überzeugen.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Timeless Triangle—Aristotle’s Ancient Key to Effective Communication“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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kultur

Anton Günther: Lieder aus Liebe zum Erzgebirge

Über 200 Sängerinnen und Sänger kamen am 17. Mai auf dem Marktplatz von Annaberg-Buchholz im Erzgebirgskreis zusammen. Gemeinsam mit fast 2.000 Zuschauern stimmten sie Lieder des Dichters und Musikers Anton Günther an. Dem unvergessenen Künstler sangen sie so ein frühes Ständchen zum 150. Jahrestag seiner Geburt.
Zudem hatte der Initiator des Jubiläumskonzertes, der Kunst- und Kulturverein Erzgebirge, einige Wochen vorher eine „Bart-Challenge“ ausgerufen, mit ebenso großem Erfolg. In sozialen Netzwerken kursieren seitdem Fotos von Herren mit gepflegten „Anton-Günther-Gedächtnisbärten“, von denen einige auch auf dem Marktplatz zu bewundern waren.
Das sind eindrucksvolle und fröhliche Zeichen der ungebrochenen Beliebtheit des Dichters, Komponisten und Interpreten Günther, die sogar weit über die Grenzen Sachsens hinausgeht. Dies zeigt auch ein herzliches Grußwort, das die Vereinigung Erzgebirge aus den Vereinigten Staaten an jenem Tag nach Annaberg-Buchholz sandte.

Verbundenheit über Epochen hinweg

Unübersehbar manifestierte sich so eine tiefe Verbundenheit mit den Texten, den Melodien und der Person Anton Günther, obwohl sich die Lebenswirklichkeit unserer Zeit grundlegend von derjenigen unterscheidet, in die der Volkskünstler einst hineingeboren wurde.
Am 5. Juni des Jahres 1876 kommt Anton Günther in Gottesgab, heute tschechisch Boží Dar, einem winzigen Städtchen an der böhmisch-sächsischen Grenze, zur Welt. Vater Johann Günther arbeitet zeitweise als Bergmann. Später verdient er den Lebensunterhalt für seine kinderreiche Familie als Weißwarensticker und Zeichner.
Die kargen Einkünfte bessert er als Musikant bei verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen auf. Anton und seine sechs Geschwister werden dadurch schon von Kindheit an mit den Melodien und Versen heimatlichen Liedguts vertraut.

Liebe zu Natur und Heimat

Der eigentliche Traum des naturliebenden Jungen, Förster zu werden, erfüllt sich nach Abschluss der Schule im nahen St. Joachimsthal nicht. Sein Zeichentalent spricht für eine Lithografenlehre im etwa 30 Kilometer entfernten Buchholz. Im Alter von 19 Jahren geht der junge Geselle schließlich nach Prag und arbeitet dort in einer großen Lithografieanstalt. Seine Liebe zu den Bergen und Wäldern seiner Heimat begleitet ihn in diesen neuen Lebensabschnitt.
Sie findet schließlich ihren sehnsuchtsvollen Ausdruck in Mundartdichtungen im heimatlichen Dialekt des Erzgebirges. Bei abendlichen Treffen mit weiteren Erzgebirgern in Prag, bei denen gemeinsam zur Gitarre gesungen wird, trägt Günther seine Verse vor und erntet große Begeisterung.
Der Text seines ersten selbst komponierten Liedes „Drham is’ drham“ („Daheim ist daheim“) wird anscheinend so oft von ihm erbeten, dass er eine Methode ersinnt, sich die Weitergabe zu erleichtern.

Drucksachen mit großer Wirkung

Kurzerhand greift er auf sein Können als Lithograf zurück. Statt den Text immer wieder handschriftlich kopieren zu müssen, zeichnet er ihn zusammen mit ansprechenden Bildmotiven auf Lithografiestein und lässt die Bildtextkombination in Postkartengröße vervielfältigen. Wenige Jahre später gesellt sich zu Versen und Bildmotiven auch die Notation der von Anton Günther ersonnenen Melodien.

Die erste Liedpostkarte der Welt in ihrer ersten Version von 1898 und der späteren Version mit Noten von 1920.

Foto: Sammlung René Röder | gemeinfrei

Die sogenannte Liedpostkarte ist geboren. Über Jahrzehnte wird Günther seine gefühlvollen, besinnlichen und fröhlichen Lieder im Selbstverlag drucken und vertreiben. Freudig aufgenommen und weiterverbreitet werden die schön gestalteten, gut versendbaren Druckwerke von sangesfreudigen Erzgebirgern.
Günthers Dichtungen und Melodien gehen so immer mehr in den aktiven Liederschatz der Menschen ein.
1901, im Alter von 25 Jahren, kehrt Günther nach Gottesgab zurück. Sieben Jahre später heiratet er hier seine Frau Maria und gründet mit ihr eine eigene Familie. Eine glückliche Zeit beginnt.
Und die wachsenden Erlöse aus Auftritten bei Musikabenden und dem Verkauf seiner beliebten Liedpostkarten machen es ihm schon weitere drei Jahre später möglich, eine Stiftung zu gründen, die kranke, arme und betagte Menschen in seinem Heimatort Gottesgab unterstützt.
Was Günther in Musik und Dichtung ausdrückt, zeigt auch der Grundgedanke dieser Stiftung: die tiefe und dankbare Zuneigung zu Landschaft und Menschen des Erzgebirges.

Die wohl meistverkaufte Liedpostkarte. Liedpostkarte Nr. 30: „Wu da Wälder hamlich rausch’n“, erschienen nach 1905.

Große Zäsur

Der Erste Weltkrieg wird für Anton Günther wie für ganz Europa zur großen Zäsur. Vier Jahre muss er Kriegsdienst leisten. Erst 1918 kehrt er in die Heimat zurück. Einem seiner Brüder ist dieses Glück nicht beschieden. Fortan unterstützt Anton Günther nun auch dessen Witwe und Kinder.
1919 wird Günthers Heimatort Gottesgab der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen, was zu großem Unmut bei der deutschsprachigen Bevölkerung führt. Auch für Anton Günther, in dessen Liedtexten die Liebe zu Kultur und Sprache untrennbar verknüpft sind, bedeutet diese politische Entscheidung einen emotional gravierenden Einschnitt.
Bereits in dem Lied „Deitsch on frei wolln mer sei!“ („Deutsch und frei wollen wir sein!“) von 1908 findet dieses Heimatgefühl seinen Ausdruck, ohne nationalistisch zu sein. Trotzdem kommt es nun immer häufiger zu Versuchen politischer Kreise, Günthers Lieder für sich zu vereinnahmen.
Mit Liedern wie „Bild dir nischt ei, bild dir nischt ei!“ von 1935 reagiert Günther in seiner ganz eigenen Weise darauf:
„Bild dir nischt ei, bild dir nischt ei!
Bist när a Mensch, kast wetter nischt sei.
Gruß oder klaa, arm oder reich,
ben Afang un ben End sei mer allezamm gleich.
Wenn mer de Walt betracht, mächt mer oft lachen
über daar Olbrigkeit, wos de Leit machen,
’s tut aaner ne annern när alles zen Huh,
un in der Natur rufft jeds Dingel uns zu:
Bild dir nischt ei, bild dir nischt ei, […]
Öb aaner Haiser hot, Galder un Güter,
der annere is a Handwarksbursch, singt seine Lieder.
Bargleit oder Battelleit, Herr oder Knacht
zen Laabn hot a jeder, hot jeds Dingel sei Racht!
Bild dir nischt ei, […]
Haad un Wald, Busch un Baam, ’s Blümel un’s Graasel,
de Vögel, jeds Tierl, is’s Wiesel oder Haasel,
wos unnern Himmelszelt krabelt un blüht,
vo Barg un vo Tol klingt dos uralte Lied:
Bild dir nischt ei, […]
Wos nützt eich Haß un Neid, dos ganze Streiten,
mir hobn als Menschen alle zwaa Seiten.
Die aane is gut, un die annere is schlacht,
när waar zen Guten stieht, daar behält racht!
Bild dir nischt ei, […]“
Sicherlich tragen gerade die Aufrichtigkeit und die menschliche Wärme, die aus diesen Versen sprechen, besonders zur Popularität Günthers in seiner Zeit bei.

Ehrungen, Schwermut, Tod und Vertreibung

1936, zu seinem 60. Geburtstag, wird am Marktplatz seines Heimatortes zum Dank für sein Wirken ein Gedenkstein enthüllt. Nur ein halbes Jahr später stirbt Anton Günther, der immer mehr unter Schwermut leidet, zur großen Bestürzung seiner Zeitgenossen unter nie bekannt gewordenen Umständen durch Freitod.
Den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung seiner Familie aus Gottesgab erlebt er nicht mehr.
Seine Frau Maria stirbt im Jahr 1958 im nur 5 Kilometer entfernten sächsischen Oberwiesenthal, ohne ihren Heimatort wiedergesehen zu haben.

An vielen Orten im Erzgebirge und darüber hinaus kann man auch heute Gedenktafeln und -steine für Anton Günther entdecken. Hier ein Gedenkstein auf dem Borberg in Kirchberg, Sachsen.

Foto: Dor Jörsch, Eigenes Werk | CC BY-SA 4.0

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Jazzlegende Abdullah Ibrahim mit 91 Jahren gestorben

Der weltberühmte Jazzpianist Abdullah Ibrahim ist tot. Der Musiker sei im Alter von 91 gestorben, teilte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa unter Berufung auf die Familie des Verstorbenen mit.
Ibrahim stammte aus Kapstadt und lebte zuletzt in Bayern. Südafrikanische Medien zitierten die Familie Ibrahims: Nach kurzer Krankheit sei er friedlich im Kreise seiner Liebsten eingeschlafen, heißt es etwa in der südafrikanischen Zeitung „The Herald“.

Jazzikone gegen Rassismus

Ramaphosa würdigte den Musiker und Komponisten als Jazzikone, Kultur-Aktivisten und Weltbürger. Er habe sich lebenslang gegen Rassismus und Apartheid eingesetzt und sein Publikum mit sorgfältig konzipierten Auftritten begeistert.
„Er hat unser Leben mit seiner musikalischen Begabung und seinem Einsatz für eine bessere Welt bereichert. Möge seine Seele in Frieden ruhen.“ 2009 war Ibrahim mit dem südafrikanischen Ikhamanga-Orden in Silber geehrt worden.
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa würdigte den Verstorbenen als Jazzikone und Aktivist gegen Rassismus und Apartheid. (Archivbild)

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa würdigte den Verstorbenen als Jazzikone und Aktivist gegen Rassismus und Apartheid. (Archivbild)

Foto: Martin Meissner/AP/dpa

Südafrika „immer im Herzen“

Ibrahims Lebensgefährtin Marina Umari erklärte nach Angaben von Medienberichten, er habe Südafrika und sein Volk immer im Herzen gehabt. Seine Liebe zu seiner Heimat sei unerschütterlich gewesen, egal wo er sich gerade aufgehalten habe.
Ibrahim wurde 1934 als Adolph Johannes Brand in Kapstadt geboren. Lange Zeit trat er unter seinem Künstlernamen Dollar Brand auf.
Nach seiner Bekehrung zum Islam nannte er sich Abdullah Ibrahim. In seine Jazzmusik flossen auch die musikalischen Traditionen seiner südafrikanischen Heimat ein.
Zu Zeiten der Rassentrennung am Kap wurde der Pianist bekannt mit seiner inoffiziellen Anti-Apartheid-Hymne „Mannenberg“. „Die Schönheit der Musik liegt darin, dass sie alle Kulturen überschreitet“, sagte er mal in einem Interview.

Wahlheimat am Chiemsee

Seiner Homepage zufolge lebte der Musiker zuletzt im oberbayerischen Aschau im Chiemgau. Im benachbarten Ort Söllhuben wollte er Ende Oktober noch zwei Konzerte geben. Ende Juli war zudem noch ein Auftritt im Hotel „Bayerischer Hof“ in München geplant. (dpa/red)
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„Sunt animae rerum“ Thomas von Aquino – von Hugo von Hofmannsthal

„Sunt animae rerum“
Thomas von Aquino

Ein gutes Wort mußt du im Herzen tragen,
Und seinen Wert enthüllt dir eine Stunde:
Stets dringt dein Aug nicht nach des Meeres Grunde,
An trüben tiefer als an hellen Tagen.
Zuweilen gibt ein lichter Blick dir Kunde
Von Herzen, die in toten Dingen schlagen,
Und wenn du nur verstehest recht zu fragen,
Erfährst du manches auch aus stummem Munde.
Drum flieh aus deinem Selbst, dem starren, kalten,
Des Weltalls Seele dafür einzutauschen,
Laß dir des Lebens wogende Gewalten,
Genuß und Qualen, durch die Seele rauschen,
Und kannst du eine Melodie erlauschen,
So strebe, ihren Nachhall festzuhalten!
 
Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)
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kultur

Ein Denker prägt Europa: Schönheit als Bauplan

Um die perfekte Kuppel für die neue Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz zu entwerfen, reiste der berühmte Ingenieur Filippo Brunelleschi (1377–1446) nach Rom. Das antike Bauwerk, das seine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war das Pantheon: ein Tempel mit einer rund 43 Meter hohen Kuppel, deren charakteristische Kassettierung in den römischen Beton (Opus caementicium) eingearbeitet wurde – eine Mischung aus Kalkmörtel, Vulkanasche (Pozzolana), Wasser und Gesteinszuschlägen.
Brunelleschi fertigte zahlreiche Skizzen dieser beeindruckenden Konstruktion an, die bis heute die größte Kuppel aus unbewehrtem Beton ist. Diese Zeichnungen erwiesen sich später als entscheidend für die ingenieurtechnischen Meisterleistungen, die Brunelleschi den Ruf eines der bedeutendsten Architekten der Geschichte einbrachten.
Zu den vielen anderen, die Brunelleschis Beispiel folgten, gehörte auch der jüngere Leon Battista Alberti (1404–1472). Er war ein vielseitiger und geschichtsbegeisterter Universalgelehrter, dessen wegweisende Werke die italienische Renaissance maßgeblich beflügelten.

Das Pantheon verfügt über eine klassische Tempelfassade mit einem dreieckigen Giebel, der sich über einer Reihe von acht Säulen befindet und den Portikus bildet. Hinter dem Portikus erhebt sich die massive Betonkuppel, die von dicken, trommelförmigen Ziegel- und Betonmauern gestützt wird.

Foto: TomasSereda/iStock

Die Humanisten und die Renaissance

Laut dem bedeutenden Florentiner Gelehrten und Dichter Angelo Poliziano (1454–1494) war Alberti „ein Mann von außergewöhnlicher Brillanz, scharfem Urteilsvermögen und umfangreichem Wissen“.
Die Informationen über Albertis Leben stammen größtenteils aus dem bekannten Werk „Leben der berühmtesten Maler, Bildhauer und Baumeister“ von Giorgio Vasari (1511–1574). Als versierter Künstler beschloss Vasari, diese Biografien zu verfassen, um „jenen“ Tribut zu zollen, „welche jede der einst erloschenen Künste zuerst wieder erweckt, darauf allmählich vervollkommnet und bereichert, und endlich zu der Stufe der Herrlichkeit und Hoheit gebracht haben“, wie er sie in seiner Heimat Italien verwirklicht sah.

„Broadside of Humanist Cosmography“, 1585, von Gerard de Jode. Diese Darstellung der humanistischen Perspektive der Renaissance untersucht, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und wie das Universum – einschließlich der Planeten und Elemente – den Menschen prägt.

Foto: gemeinfrei

Dieses Streben danach, außergewöhnliche Persönlichkeiten zu feiern und ihrem Beispiel nachzueifern, prägte die italienische Renaissance. In der Epoche zwischen 1300 und 1550 entstanden zahllose bahnbrechende Leistungen in Kunst, Literatur und Politik. Ihre führenden Denker und Künstler würdigten die schöpferische Kraft des Menschen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß.
Daraus erklärt sich auch ihre Begeisterung für die Geschichte, aus der sie Erkenntnisse über herausragende Leistungen und bedeutende Persönlichkeiten gewannen. Sie wurden als „Humanisten“ bekannt – ein Ideal, das Alberti mit ganzer Überzeugung verkörperte.

Exil, Schriftstellertum und der päpstliche Hof

Alberti wurde 1404 in Genua geboren, nachdem seine wohlhabenden Eltern aus politischen Gründen aus Florenz fliehen mussten und sich dort niedergelassen hatten. Trotz der schwierigen Lage seiner Familie erhielt er eine erstklassige Ausbildung. Als Jugendlicher wurde er auf ein Internat in Padua geschickt, wo er Latein und Literatur studierte. Das 15. Jahrhundert erlebte die Wiederentdeckung verloren gegangener Schriften von Cicero, Platon und anderen antiken Autoren. Dadurch erweiterte sich das Literaturstudium um diese lang vergessenen Quellen, die damit eine neue Generation historisch denkender Intellektueller prägten.
Wie andere Wunderkinder war auch Alberti äußerst lernbegierig. Er meisterte seine Fächer mit beneidenswerter Leichtigkeit und begeisterte sich besonders für das Schreiben. Im Alter von 20 Jahren verfasste er eine Komödie in lateinischer Sprache. Sein Stil war so ausgefeilt, dass das Werk über ein Jahrhundert lang fälschlicherweise für ein Original eines römischen Dramatikers gehalten wurde.

Porträtstatue des Leon Battista Alberti (Giovanni Lusini, 19. Jh.) im Hof der Uffizien in Florenz.

Foto: AndreyUshakov/iStock

Alberti absolvierte seinen akademischen Werdegang schließlich in Bologna, wo er an der damals renommiertesten Universität Jura studierte. Doch das Rechtswesen war nichts für ihn. Nachdem er die Priesterweihe in der katholischen Kirche empfangen hatte, nahm er eine Stelle als literarischer Sekretär am päpstlichen Hof an. Diese neue Anstellung führte ihn nach Rom, wo er in einer turbulenten Epoche als Berater mehrerer Päpste tätig war.

Das Leben eines Universalgelehrten

Sein ganzes Leben lang war es Albertis Ziel, die Welt zu verschönern. Sein Streben nach Schönheit inspirierte ihn zu unzähligen Werken. Er verfasste wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Abhandlungen, darunter das erste Buch über italienische Grammatik sowie einen Aufsatz über Kryptografie, die Wissenschaft der Verschlüsselung vertraulicher Informationen. Brunelleschi und andere Erfinder nutzten diese Methode häufig, um ihre nicht patentierten Erfindungen zu schützen.
Von Albertis Werken waren insbesondere drei Schriften über die bildenden Künste von großer Bedeutung. Die erste erschien 1450 und beschrieb die Malerei als mathematische Kunst. „De pictura“ (Über die Malkunst) enthielt zudem die erste ausführliche Erklärung der Linearperspektive – einer Technik, mit der auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion von Räumlichkeit erzeugt wird.
Alberti schrieb diese Methode Brunelleschi zu, der sie bei seinen Überlegungen zur Kuppel von Santa Maria del Fiore entwickelt hatte. Alberti machte sie jedoch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und begründete damit ihren festen Platz in der künstlerischen Praxis – damals wie heute.

In „Über die Malkunst“ beschrieb Alberti künstlerische Konzepte wie den „Fluchtpunkt“, der auf einer ebenen Fläche einen dreidimensionalen Effekt erzeugte.

Foto: gemeinfrei

Zwar war Albertis Abhandlung über die Bildhauerei weniger einflussreich, sie erläuterte jedoch einige der gleichen Grundprinzipien. In beiden Werken betonte er die Notwendigkeit, von der Natur zu lernen, da er sie als die vollkommenste Quelle von Symmetrie und Harmonie betrachtete. Seiner Meinung nach sollte das übergeordnete Ziel von Malern und Bildhauern darin bestehen, die Natur so genau wie möglich nachzuahmen. Dieses Interesse am naturalistischen Realismus fand bereits bei den antiken Griechen seinen ersten Ausdruck, die mit Vorliebe Geschichten über die täuschende Wirkung der makellosen Nachahmung in Malerei und Skulptur erzählten.
Obwohl sich Alberti auch in Malerei und Bildhauerei versuchte, war seine größte Begabung zweifellos das Schreiben. Er befasste sich mit zeitgenössischen Theorien und studierte so viele Werke aus der Vergangenheit wie möglich. Wie Vasari feststellte, erstrebte er, „nicht nur die Welt zu sehen und Maaß und Verhältnis der alten Bauwerke zu erkennen, sondern sein Sinn trieb ihn mehr noch zur Schriftstellerei als zur Kunstthätigkeit“.
Zwar räumte Vasari ein, dass viele Alberti in puncto technisches Know-how übertrafen, doch „keiner der späteren Meister in schriftlicher Darstellung weiter zu gehen vermochte“ als er. Das Lieblingswerkzeug des Universalgelehrten war die Feder, die weit mächtiger zu sein schien als Meißel, Pinsel oder Schwert.

„Über das Bauwesen“

In seiner Abhandlung über die Architektur, die er als eine Synthese aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie betrachtete, legte Alberti einen ähnlichen Schwerpunkt auf Natur und Harmonie.
Sein in Latein verfasstes Werk „De re aedificatoria“ (Über das Bauwesen) griff Konzepte des berühmten römischen Architekten Vitruv (circa 80 v. Chr. bis 15 v. Chr.) auf, der ein ähnliches Werk in zehn Büchern verfasst hatte. Vitruv wiederum ließ sich von seinen antiken griechischen Vorgängern inspirieren, deren Streben nach Harmonie beeindruckende Bauwerke wie den Parthenon prägte.

Der Prolog der Abhandlung „De re aedificatoria“ in der Handschrift Olomouc, Státní Archiv, Domské i Kapitolní Knihovna, Cod. Lat. C. O. 330.

Foto: gemeinfrei

„Über das Bauwesen“ war die erste systematische Abhandlung über Architektur in lateinischer Sprache seit fast einem Jahrtausend. Alberti schrieb sein Werk „nicht nur für die Baumeister, sondern auch für die, welche ihre Kenntnisse mit Wissenswertem bereichern wollen“. In seinen weitreichenden Ausführungen behandelt er technische Aspekte wie Materialbeschaffung und Baupraktiken ebenso wie allgemeinere Themen, beispielsweise die gesellschaftliche Bedeutung der Architektur, die Geschichte der Stadtplanung und die Philosophie der Schönheit.
Alberti definierte Schönheit als „eine bestimmte gesetzmäßige Übereinstimmung aller Teile, was immer für eine Sache, die darin besteht, dass man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen“. Mit anderen Worten ist Schönheit demnach die Harmonie aller Teile im Verhältnis zueinander und zu dem Ganzen, das sie bilden.

Harmonische Formen aus Kreisen, Rechtecken und Quadraten zu schaffen, war für Alberti von zentraler Bedeutung. In einer Ausgabe von „Über das Bauwesen“ aus dem Jahr 1565 illustrierte er eine für eine Basilika empfohlene Form.

Foto: gemeinfrei

Für Alberti war der Kreis die harmonischste Form. In einem Abschnitt über sakrale Räume beschrieb er ihn als die am besten geeignete geometrische Form für Kirchen, Taufkapellen und andere religiöse Gebäude, die die Einheit des göttlichen Kosmos widerspiegeln sollten.
Der Architekt erörterte auch das Quadrat, das Sechseck, das Achteck, das Zehneck, das Zwölfeck und drei Varianten des Rechtecks. All diese Formen sind vom Kreis abgeleitet und daher spirituell bedeutsam. Seiner Meinung nach sollte jedes Bauwerk, ob religiös oder anderweitig, diese idealen Formen integrieren.

Albertis Projekte

Über das architektonische Schaffen Albertis ist nur wenig bekannt. Dennoch lassen die wenigen Projekte, die unter seiner Leitung entstanden, seine Philosophie in der praktischen Umsetzung erkennen.
Der erste dokumentierte Auftrag kam im Jahr 1446, als er gebeten wurde, die Fassade des Palazzo Rucellai in Florenz zu entwerfen – eines der ersten Gebäude, das die architektonischen Prinzipien der Renaissance verkörperte. Neben der Unterteilung der Fassade in proportionale Abschnitte führte er auch zwei griechisch-römische Elemente – Pilaster und Gebälk – ein, die er symmetrisch an der Außenfassade des Palazzo anordnete.
Vier Jahre später wurde er mit der Renovierung des Tempio Malatestiano beauftragt, einer gotischen Kirche in Rimini, Italien. Die Fassade wurde nie fertiggestellt, zeigt jedoch ebenfalls die Integration idealer Formen, diesmal in Form von Rundbögen und dreieckigen Giebeln.

Versteckt in der Landschaft der Toskana liegt Pienza, eine von Alberti entworfene Planstadt. Die Piazza Pio II ist der zentrale Platz.

Foto: Rimbalzino/iStock

In Rom beauftragte Papst Nikolaus V. (1397–1455) Alberti mit dem Entwurf eines städtischen Wasserbeckens für ein großes römisches Aquädukt. Jahrzehnte später wurde Albertis’ schlichter Entwurf durch die monumentale Fontana di Trevi ersetzt.
Um das Jahr 1459 wurde Alberti beauftragt, die Neugestaltung der beschaulichen toskanischen Stadt Pienza, der Heimat des Papstes Pius II. (1405–1464), zu leiten. Mit ihren zahlreichen neuen oder renovierten Gebäuden war Pienza die erste Stadt, die vollständig nach den Idealen der Renaissance geplant und neu erbaut wurde.

Santa Maria Novella

Das berühmteste Gebäude, das Albertis’ Handschrift trägt, ist die Florentiner Kirche Santa Maria Novella. Nach wie vor zieht sie Besucher in ihren Bann, die sich vom gleichnamigen Bahnhof auf den Weg ins Stadtzentrum machen.
Sein Hauptbeitrag bezog sich erneut auf die Fassade der Kirche. Die untere Ebene wies drei Portale und sechs gotische Nischen auf, die aus demselben grünlichen Marmor gefertigt waren, der auch in einigen der berühmtesten Kirchen von Florenz zu finden ist. Die gotische Struktur umfasste zudem ein zentral angeordnetes Rundfenster.

Die Fassade der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, Italien. Leon Battista Alberti vollendete sie im Jahr 1470.

Foto: Vladislav Zolotov/iStock

Alberti verzierte diese ursprünglichen Elemente mit klassischen Ornamenten. So fügte er der unteren Fassade zunächst vier Säulen mit korinthischen Kapitellen hinzu. Korinthische Kapitelle waren ein Markenzeichen der Römer. Ihre kunstvollen Krönungen symbolisierten Tapferkeit und Wohlstand.
Als Nächstes fügte er einen Fries hinzu, einen breiten, horizontalen Abschnitt, der von Säulen getragen wird. Friese finden sich am Parthenon in Athen und an praktisch jedem bedeutenden griechischen oder römischen Tempel. Während die Griechen ihre Friese mit Flachreliefs verzierten, wählte Alberti ein sich wiederholendes Muster aus kachelartigen Quadraten, in die er den Namen des Kirchenstifters Giovanni Rucellai einfügte.

Detailansicht der Fassade von Santa Maria Novella, Florenz.

Foto: Amada44/Eigenes Werk | CC BY 3.0

Der Architekt krönte den Fries mit einem Giebel, genauer gesagt mit einem dreieckigen Giebel, wie er für griechisch-römische Bauwerke typisch ist. Dieser wurde um das zentrale Fenster herum errichtet, das weiterhin den Mittelpunkt der Oberfassade bildete. An den beiden Ecken des Giebels fügte Alberti zwei s-förmige Voluten hinzu, welche zuvor noch nie verwendet worden waren. Durch die schrägen Voluten wurde der obere Teil verbreitert und es wurden optische Unstimmigkeiten zwischen diesem und dem breiten Sockel vermieden. Zudem verdeutlichten sie Albertis Faszination für die harmonische Ausgewogenheit zwischen gegensätzlichen Elementen.
Den krönenden Abschluss bildete ein von dem Architekten entworfenes, ornamentales Sonnenmotiv aus Fliesen. Ornamente wurden gewöhnlich plastisch gestaltet. Indem Alberti jedoch flache Fliesen verwendete, verzichtete er zugunsten der Farbvielfalt auf Tiefe und Struktur. Das schillernde Ornament zählt bis heute zu den reizvollsten Details der Fassade.

Einheit und Schönheit

Alberti war nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu kopieren. Zwar schätzte er den Wert der griechisch-römischen Architektur, doch er wusste auch, dass seine Zeit nach Innovation verlangte. Das Gleiche galt für Brunelleschi und Leonardo da Vinci (1452–1519) sowie die vielen anderen Meister, die seit der Renaissance die Fantasie der Künstler beflügeln.
Bis heute berufen sich klassisch orientierte Architekten auf Alberti als Vorbild – nicht zuletzt wegen seiner leidenschaftlichen Aussagen über die Schönheit. In seinen Worten:
„Nichts ist edler als die Schönheit […] und jeder, der nicht möchte, dass das, was ihm gehört, geschmacklos erscheint, sollte sie mit größtem Eifer anstreben. Welch’ außerordentliche Bedeutung unsere Vorfahren, Männer von großer Klugheit, ihr beimaßen, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie ihre rechtlichen, militärischen und religiösen Einrichtungen – ja den gesamten Staat – reich ausschmückten.“
Für den Architekten war Schönheit mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft. Sie war für ihn Ausdruck göttlicher Schöpfung, kosmischer Einheit und des Potenzials der Menschheit zur Tugendhaftigkeit. Selbst sieben Jahrhunderte später inspirieren seine Ideen noch immer.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „On Building a Beautiful World: The Art of Alberti“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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kultur

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren – von Novalis

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
 
Novalis (Georg Philipp Friedrich von Hardenberg) (1772–1801)
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ausland kultur

„Architekt Gottes“: Papst-Messe in Sagrada Família zum 100. Todestag von Gaudí

Am 100. Todestag von Antoni Gaudí feiert Papst Leo XIV. am 10. Juni eine Messe im Meisterwerk des katalanischen Architekten – der weltberühmten Sagrada Família in Barcelona.
Leo XIV. wird auch den 172,5 Meter hohen Christus-Turm weihen. Dieser wurde in diesem Jahr fertiggestellt und macht die Basilika zur höchsten Kirche der Welt.

Die Sagrada Família – Wahrzeichen und Touristenmagnet

Schon seit mehr als 140 Jahren wird an der Sagrada Família gebaut. Ein Ende der Bauarbeiten ist noch nicht in Sicht. Doch die Basilika ist schon seit langer Zeit in Barcelona Wahrzeichen und Touristenmagnet gleichermaßen.
Im vergangenen Jahr besuchten fast fünf Millionen Menschen die Kirche, die damit das meistbesuchte kostenpflichtige Monument Spaniens ist.
Das Bauwerk im Stile des Modernisme – der katalanischen Variante des Jugendstil – begeistert mit seiner ebenso kühnen wie organischen Architektur und den von der Natur inspirierten Verzierungen. 2005 wurden die Geburtsfassade und die Krypta der Sagrada Família in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen.
Gaudí hat Barcelona noch weitere bedeutende Werke hinterlassen, darunter den Park Güell und die Gebäude Casa Batlló und Casa Milà.
An die Sagrada Família reicht aber keines heran – auch wenn manche Einheimische sich an den Touristenmassen rund um die Basilika stören.

Ein gläubiger Architekt als Baumeister

Gaudí hatte das Bauprojekt der Sagrada Família 1883 ein Jahr nach der Grundsteinlegung übernommen. Der 1852 geborene Architekt entstammte einer sehr gläubigen katholischen Familie. Nach dem Tod mehrerer Menschen aus seinem Umfeld unterzog er sich 1894 einer sehr strengen Fastenzeit, die seine Religiosität noch verstärkt haben soll.
Gaudí – bekannt auch als „Architekt Gottes“ – starb am 10. Juni 1926 im Alter von 73 Jahren. Er war Tage vorher in Barcelona von einer Straßenbahn erfasst worden, als er zum Beten in eine Kirche gehen wollte. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Sagrada Família.
Im April 2025 erkannte der Vatikan Gaudí als „ehrwürdigen Diener Gottes“ an. Dies ist eine Vorstufe zur Seligsprechung. Derzeit prüft eine Vatikan-Kommission eine Kindesheilung als mögliches Wunder – denn ein Wunder ist eine notwendige Voraussetzung für eine Seligsprechung.

Die höchste Kirche der Welt

Zum 100. Todestag Gaudís wird Leo XIV. am Mittwochabend eine Messe in der Sagrada Família halten, es ist einer der Höhepunkte der einwöchigen Spanien-Reise des Papstes. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wird dann auch den im Februar vollendeten Christus-Turm weihen.
Der 172,5 Meter hohe Turm macht die Sagrada Família zur höchsten Kirche der Welt – ein Titel, den zuvor das Ulmer Münster innehatte.
Die Sagrada Família hatte das Ulmer Münster im vergangenen Oktober als höchstes Kirchengebäude abgelöst. Damals wurde auf dem Christus-Turm ein Kreuzelement angebracht, mit dem die Sagrada Família den knapp 162 Meter hohen Kirchturm des Ulmer Münster übertraf.
Das fast 100 Tonnen schwere Kreuz auf der Spitze des Christus-Turms wurde von der deutschen Firma Gartner aus Gundelfingen gefertigt. (afp/red)
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kultur meinung

Riccardo Muti und die Idee der Verständigung

Musik ist heilsam und verbindet Menschen miteinander. Immer wieder haben sich folglich große Künstler über Initiativen Gedanken gemacht, die dazu beitragen können, die Welt ein bisschen besser zu machen – eine Welt, in der viele Regierende und Entscheidungsträger weiterhin in militärische Konflikte verwickelt sind oder diese unterstützen. Wenn die Politik ein friedliches Miteinander nicht richten kann oder will, kann es dann die Kultur?
Betrachtet man die Geschichte, blieb eine solche Hoffnung bislang obsolet.

Die Kraft der Musik als Friedensbotschaft

Ein so geniales Werk wie Beethovens Neunte mit Schillers „Ode an die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) hat ebenso wenig einen dauerhaften Frieden auf diesem Planeten sichern können wie Daniel Barenboims ambitioniertes West-Eastern Divan Orchestra, das er 1999 zusammen mit dem palästinensischen Schriftsteller Edward Said ins Leben rief, um im Nahen Osten ein Zeichen für Freundschaft und Frieden zu setzen.
Dass er mit einem Orchester mit rund 120 Musikern die Konflikte nicht würde lösen können, war dem weltberühmten Dirigenten dabei von Anfang an bewusst: „Wir können nur den Hass verringern“, lautete Barenboims Maxime. Und selbst das erscheint fast schon utopisch hoch gegriffen für das, was das Orchester bis heute tatsächlich auf politischer Ebene bewirken konnte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Barenboims Verdienste sollen keineswegs geschmälert werden. Mit seinen Konzerten auf international renommierten Festivals setzt das Orchester zweifellos starke Zeichen. Abgesehen davon fehlen Barenboim jedoch seit seiner Parkinson-Erkrankung zusehends die Kräfte, um sich weiterhin persönlich so stark zu engagieren wie vor 26 Jahren.
Allerdings war der Kosmopolit mit jüdischen Wurzeln zu Beginn der Jahrtausendwende keineswegs der Einzige, der einen Beitrag zu mehr Menschlichkeit leisten wollte.

Mutis Vision: Gemeinsam singen statt spalten

2005 gründete der italienische Weltstar Riccardo Muti sein Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, ähnlich strukturiert wie das West-Eastern Divan Orchestra, mit jungen, angehenden Berufsmusikern. Mit ihm bereist der Maestro Jahr für Jahr in seiner Konzertinitiative „The Roads of Friendship“ Krisengebiete auf dem Balkan, in Teheran oder im Libanon, in denen Einheimische Seite an Seite mit den Mitgliedern des Luigi Cherubini zusammenspielen. Nur hat es längere Zeit gedauert, bis Mutis vorbildliches Projekt – lange Zeit medial im Schatten des West-Eastern Divan Orchestra – endlich die verdiente Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfuhr.
Muti, der schon mehrfach in Konzertansprachen beklagt hat, dass Politiker – was musikalische Bildung und Förderung betrifft – so taub sind, wie es Beethoven in seinen letzten Jahren war, geht seit 2025 aber noch deutlich weiter. Zum gemeinsamen Singen lassen sich schließlich noch viel mehr Menschen zusammenbringen als in einem Orchester. Auch diese Idee ist nicht ganz neu, denkt man etwa an „Mitsingkonzerte“ des Berliner Rundfunkchors, in denen rund 1.500 Menschen unter der Leitung von Simon Halsey gemeinsam Werke einstudieren.
Mit seinem Chorfest „Cantare amantis est“ nach einem Zitat des heiligen Augustinus, der seinerzeit schon den Zusammenhang von Singen und (Nächsten-)Liebe herstellte, gelingt Riccardo Muti allerdings eine Friedens- und Freundschaftsinitiative in einer bislang unerreichten Größenordnung. Knapp 3.600 Menschen bringt er in der ehemaligen Sporthalle Pala de André im oberitalienischen Ravenna, wo er mit seiner Familie wohnt, zusammen.
So ein Fest lässt sich nicht im Handumdrehen stemmen, insbesondere nicht in wirtschaftlich schweren Zeiten, in denen selbst renommierte Festivals Mühe haben, potente Sponsoren an Land zu ziehen. So etwas kann nur eine einflussreiche, berühmte, gut vernetzte Persönlichkeit. Eine solche ist Muti, die aktuell wohl einzige Lichtgestalt in der Welt der klassischen Musik.
Jedenfalls ist es ihm gelungen, mit dem Autoreifenhersteller Pirelli den nötigen Förderer für „Cantare amantis est“ zu finden. Nur für ihre Reisekosten und Unterkunft müssen die Teilnehmer, überwiegend Laien aller Altersgruppen, selbst aufkommen.

3.600 Stimmen für Freundschaft und Zusammenhalt

Schon zur ersten Ausschreibung im vergangenen Jahr bewarben sich 10.000 Singfreudige, die Muti am liebsten alle geladen hätte. Nur hätte es dafür einer Halle noch weitaus größeren Ausmaßes bedurft, über die Ravenna nicht verfügt. Eine Fortsetzung sollte es aber unbedingt geben.
Der Andrang auf die diesjährige zweite Ausgabe, die Muti dem 1923 ermordeten Pfarrer Don Giovanni Minzoni widmete, der erfolglos gegen den Faschismus in Italien aufstand, war nicht weniger gewaltig.
Entsprechend ließ sich ein Enthusiasmus erleben, der als Sensation bezeichnet werden darf.
Das beginnt schon damit, dass die rund 460 Chöre, allesamt Italiener, eine halbe Stunde vor Beginn ihrer unbändigen Vorfreude, ihrem Gemeinschaftssinn, ihrer Dankbarkeit und ihrer großen Verehrung für Muti mit La-Ola-Wellen Ausdruck geben.
Als der Maestro auftritt, empfängt ihn das Kollektiv jubelnd wie einen Popstar. Die Euphorie lässt nicht nach, als Muti das Singfest mit Mozarts Motette „Ave verum corpus“ eröffnet.
Von einem musikalisch hohen Anspruch getragen ist dieses Event aber auch. Hier geht es nicht nur darum, halbwegs die richtigen Noten zusammen zu singen. Muti hat Stücke mit vielen leisen Stellen ausgesucht. Und er verlangt, dass sie in den Schattierungen von einem einfachen Piano bis zu einem dreifachen Pianissimo gesungen werden.
Kann denn das bei einer solchen Masse gelingen? Denkt man daran, wie unhomogen vielfach schon eine Kirchengemeinde ein einfaches Lied im Gottesdienst singt, mögen einem Zweifel kommen. Und wahrscheinlich gelingt das in Ravenna auch nur deshalb so gut, weil hier ein wahres Genie die richtigen Worte findet, mit denen er seine Vorstellungen auf die imposante Chorphalanx überträgt. Denn Muti ist nicht nur ein grandioser Musiker, sondern auch ein begnadeter Redner und Entertainer. Es wird viel gelacht an den zwei Tagen.
Und dem reinen Höreindruck nach würde man nie und nimmer auf die Idee kommen, dass 3.600 Menschen an dem Gesang beteiligt sind. Alles tönt sehr homogen.

Magische Momente im Chorklang

Pure Magie liegt im Raum, sobald das Kollektiv unter den Händen des Maestros das „Ave verum“ oder auch einen Ausschnitt aus Verdis Requiem beseelt durchlebt und es binnen kürzester Zeit immer mehr Feinheiten und Details umsetzt, auf die Muti, der am Flügel vormacht, wie er sich ein Crescendo, Decrescendo oder ein Ritardando bei einem Übergang vorstellt, hinweist.
Wenn Muti dirigiert, wechselt Davide Cavalli, ein versierter Korrepetitor, der schon seit vielen Jahren für ihn und mit ihm arbeitet, an die Tasten.
In der berühmten „Casta Diva“-Arie aus Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ singt der Chor freilich nicht allein. Als Solistin brilliert hier die Sopranistin Maria Grazia Schiavo, gesegnet mit sicherer Höhe, Expressivität und schlanker Stimmführung.
Am zweiten Tag gesellt sich mit Isabella Lozzi noch eine feinfühlige Musikerin des Luigi Cherubini Orchesters für das Flötensolo dazu. Unter spannungsvoller Stille sind dann berührende Momente kammermusikalischer Intimität zu erleben. Und diese vermittelt sich bis in die hintersten Reihen des einstigen Stadions, dies freilich auch dank der ungeheuren Disziplin, die alle mitbringen. Niemand stört. Es ist kein Husten und kein Gebrabbel zu vernehmen. Selbst die Kinder – die jüngsten Teilnehmer sind sechs und sieben Jahre alt – konzentrieren sich ganz auf Muti. Auch die Kleinsten lieben und verehren den Dirigenten, drängen in den kurzen Pausen an die Rampe und wollen unbedingt ein Autogramm.
Auch in dem kurzen Ausschnitt aus dem Verdi-Requiem singt Schiavo mit großer Zärtlichkeit und Spitzentönen von luzider Schönheit den Sopranpart. Die Empfindsamkeit ihres Vortrags färbt dabei unüberhörbar auf den Gesang des Kollektivs ab.
Als schwierigstes Stück erweist sich der Gesang „Ave Signor degli angeli dei santi“ aus dem Prolog zu Arrigo Boitos Oper „Mefistofele“, der bei den Sopranen in überirdischen Sphären bis zum zweigestrichenen As hinaufreicht. Da treten einmal die hellen Kinderstimmen als Engelschar besonders hervor – was für eine Harmonie, welche Schönheit, was für eine Mystik und Magie!

Braucht Wandel Tausende Mutis?

Und mit jedem weiteren Durchlauf vertiefen sich die Sängerinnen und Sänger unter Mutis Anweisungen immer noch stärker in die Partitur mit all ihren genauen Vortragsbezeichnungen. Man mag sich gar nicht satthören an den ätherischen Klängen, die Sorgen und Nöte für ein paar Stunden vergessen lassen.
Einige Male lässt Muti die Chorphalanx auch die Nationalhymne singen. Diese ist in Italien, anders als in Deutschland, Teil der nationalen Identität. Die Kinder lernen die Verse schon in der Schule. Und an einem nationalen Feiertag wie dem 2. Juni, dem Festa della Repubblica, gehört sie unweigerlich dazu. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn 3.600 Menschen die deutsche Nationalhymne unter einem berühmten Dirigenten singen würden. Ihre Melodie ist ja immerhin von einem sehr bedeutenden Komponisten: Joseph Haydn.
Aber vermutlich würde ein solches Konzert wohl als rechtsextrem gebrandmarkt und der Dirigent, der das auf sich genommen hat, gleich dazu. Etwas Verkehrtes lässt sich daran indes nicht finden, schließlich stehen die Menschen hier beim Singen in Freundschaft und Liebe – eben auch zu ihrem Land – zusammen.
Am Ende machen alle Teilnehmer einen sehr glücklichen Eindruck – die sechsjährige Olympia, die besonders das „Ave verum“ liebt, nicht weniger als eine Teilnehmerin aus Friaul, die zusammen mit fünf Mitstreitern im ländlichen Umland Quartier bezogen hat. Sie alle freuen sich schon auf nächstes Jahr. Es müsse unbedingt weitergehen, sagen sie.
Und das will auch Muti, der diese Initiative am liebsten auch auf andere Länder ausweiten will. Das wäre freilich eine Riesensache. Aber klar ist auch, dass Muti allein nicht gleichzeitig flächendeckend auf allen Teilen der Erde Chormassive leiten kann. Um etwas im großen Stil zu verändern, wären vermutlich Tausende Mutis nötig. Auf alle Fälle sendet „Cantare amantis est“ ein starkes Zeichen in die Welt: Menschen, vereinigt euch! Legt die Waffen nieder und singt gemeinsam! Es klingt unüberwindbar schwer und ist eigentlich doch ganz einfach.
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kultur

Mode und Kino: Eine lange Geschichte der Liebe … und des Marketings

Das schwarze Kleid von Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ (Blake Edwards, 1961), entworfen von Hubert de Givenchy, ist ein markantes Beispiel für den Moment, in dem das Kleidungsstück auf der Leinwand eine völlig neue Dimension erlangte.
Dieses Etuikleid aus Satin mit seinem genial einfachen Rückenausschnitt verkörpert zeitlose Eleganz und besiegelte die Allianz zwischen Haute Couture und der siebten Kunst – dem Film. Die vor den Schaufenstern von Tiffany’s verewigte Szene katapultierte das „kleine Schwarze“, in den 1920er-Jahren von Coco Chanel popularisiert, in den Rang einer Ikone.
Das von der Protagonistin getragene Kleid sollte zu einem der teuersten Kostüme der Kinogeschichte werden. Das einzige verkaufte Exemplar wurde 2006 bei einer Auktion für 608.000 Euro versteigert.

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Goldenes Zeitalter der Zusammenarbeit

Mit dem Aufstieg Giorgio Armanis markieren die 1980er-Jahre einen Wendepunkt. Dessen minimalistische und strukturell aufgelöste Silhouetten definieren die maskuline und feminine Eleganz neu. Durch die Kreation der Garderobe von Richard Gere in „American Gigolo“ (Paul Schrader, 1980) wird Armani dem amerikanischen Publikum bekannt.
Seine eleganten und raffinierten Anzüge wurden zu seinem Markenzeichen und begründeten einen Stil, der bis heute prägend ist. Der Mailänder Modeschöpfer realisierte anschließend zahlreiche hochkarätige Kooperationen: Er kleidete Kevin Costner, Sean Connery und Robert De Niro in „Die Unbestechlichen“ (Brian De Palma, 1987), Lauren Bacall in „A Star for Two“ (Jim Kaufman, 1991) und erneut Kevin Costner in „Bodyguard“ (Mick Jackson, 1992). Diese Auftritte trugen maßgeblich dazu bei, das Bild eines Armani-Stils zu prägen, der für unaufdringliche Stärke und zeitlose Eleganz steht.
Diese privilegierte Beziehung zwischen Armani und Hollywood setzte sich fort mit George Clooney und Brad Pitt in „Ocean’s 13“ (Steven Soderbergh, 2007), deren Outfits er ebenso entwarf wie jene von Tom Cruise in „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Brad Bird, 2011) oder auch jene von Leonardo DiCaprio in „The Wolf of Wall Street“ (Martin Scorsese, 2013).
Dort trägt die Figur des Jordan Belfort dreiteilige Anzüge, die seinen gesellschaftlichen Aufstieg und seine Maßlosigkeit symbolisieren. Diese Kollaborationen veranschaulichen, wie die Mode der Erzählung dient, die Glaubwürdigkeit der Figuren stärkt und den Zuschauer in eine bestimmte Epoche oder ein bestimmtes soziales Milieu eintauchen lassen kann.

Mode als Motor des Wandels

Das Kleidungsstück im Kino dient der Transformation. Forscher haben sich mit diesem Prozess anhand von „Pretty Woman“ (Garry Marshall, 1990) befasst. Der Film greift auf moderne Weise das archetypische Thema der Verwandlung auf, das in den klassischen Märchen „Aschenputtel“ und „Die Schöne und das Biest“ sowie in „Pygmalion“ aus den „Metamorphosen“ des Ovid präsent ist.
Vivian Ward, gespielt von Julia Roberts, eine gewöhnliche, naive und doch charmante Frau, verwandelt sich dank ihrer Outfits. Sie entwickelt sich von einer Außenseiterin zu einer eleganten, mondänen Frau. Dies ermöglicht es ihr, die Aufmerksamkeit von Edward Lewis (Richard Gere), einem wohlhabenden Geschäftsmann, auf sich zu ziehen.
Die oben erwähnten Forscher betonen, dass „Pretty Woman“ eine Gesellschaft im Wandel widerspiegelt, in der die persönliche Identität zunehmend durch Image und Stil geprägt wird. Die gepunkteten Kleider, das weiße Kleid mit schwarzem Hut auf dem Rodeo Drive oder das rote Abendkleid in der Oper wurden zu Symbolen dieser Metamorphose. Sie prägten Trends, die die amerikanische Mode der 1990er-Jahre definierten.

Wenn Mode den Ehrgeiz und die berufliche Identität formt

In „Der Teufel trägt Prada“ (David Frankel, 2006), adaptiert nach dem Roman von Lauren Weisberger, ist Mode nicht nur ein Accessoire, sondern ein Instrument der Macht und der Selbstverwirklichung.
Andrea Sachs, eine frisch diplomierte junge Journalistin, gespielt von Anne Hathaway, wird die Assistentin von Miranda Priestly, der tyrannischen Chefredakteurin des Magazins „Runway“, verkörpert von Meryl Streep.
Venedig, 7. September 2006 – Die Schauspieler Meryl Streep, Stanley Tucci und Anne Hathaway aus „Der Teufel trägt Prada“ bei der Premiere des Films bei den 63. Filmfestspielen von Venedig. Foto: MJ Kim/Getty Images

Venedig, 7. September 2006: Die Schauspieler Meryl Streep, Stanley Tucci und Anne Hathaway (v. l. n. r.) aus „Der Teufel trägt Prada“ bei der Premiere des Films bei den 63. Filmfestspielen von Venedig.

Foto: MJ Kim/Getty Images

Anfänglich wegen ihres Mangels an Stil verspottet, durchläuft Andrea eine kleidungsmäßige Metamorphose, die ihr Selbstvertrauen stärkt. Der weiße Mantel, der grüne Blazer und der Faltenrock oder auch die über das Knie reichenden schwarzen Chanel-Stiefel werden zu sichtbaren Merkmalen ihrer Entwicklung und veranschaulichen, wie die Anpassung an die Modecodes die Türen zu einer unerbittlichen Berufswelt öffnen kann.
20 Jahre später wirft die Veröffentlichung des zweiten Teils eine zentrale Frage auf: Wird sich Andrea gegenüber Miranda und den anderen ehrgeizigen Frauen der Branche weiterhin behaupten können, insbesondere durch das Tragen von Herrenmode? Welche neuen Silhouetten entstehen aus dieser Rivalität und diesem Streben nach Emanzipation?

Von der Produktplatzierung hin zur Kreation von Trends

Film und Fernsehserien haben sich durch die Präsentation von Luxusmarken zu wichtigen Marketinginstrumenten entwickelt. Die 2000er-Jahre mit Serien wie „Sex and the City“ systematisierten diese Gangart, und Leinwand und Bildschirme verwandelten sich in Schaufenster für Manolo Blahnik, Dolce & Gabbana, Prada und Gucci. Die Untersuchungen von Sunita Kumar (2017) bestätigen, dass Produktplatzierung in Filmen eine hervorragende Strategie ist, die Markenbekanntheit zu steigern und gezielt bestimmte Kundensegmente zu erreichen.
In einem Luxusmarkt, der, mit fast 25 Prozent amerikanischen Kunden, im Jahr 2024 auf mehr als 1,5 Billionen Euro geschätzt wurde, ist es nicht überraschend, dass Marken die Produktionen jenseits des Atlantiks so sehr begehren.
Dennoch bleibt das Gleichgewicht zwischen erzählerischer Kongruenz und übermäßiger Werbung fragil. Marken müssen es vermeiden, zur Karikatur zu werden, wie in „Emily in Paris“, bei dem das wiederholte Zeigen von Luxusprodukten manchmal an parodistisches Theater grenzt.
Hingegen haben bestimmte diskretere Auftritte wie die Taschen eines Modehauses aus dem Département Isère, die für die 5. Staffel einer Serie produziert wurden, zu einem Ansturm von Bestellungen geführt – ein Beweis für den direkten Einfluss dieser Produktplatzierungen.

Wenn die Mode zur Hauptfigur wird

Die Serie „Love Story“ (2024), die die Beziehung zwischen Carolyn Bessette und John F. Kennedy Jr. von den 1990er-Jahren bis zu deren tragischem Ableben im Jahr 1999 nachzeichnet, verdeutlicht eindrucksvoll den Einfluss der auf der Leinwand gezeigten Mode.
Obwohl die Serie vor allem die psychologische Dimension dieses ikonischen Paares beleuchtet, nehmen die Outfits von Carolyn Bessette-Kennedy darin einen zentralen Platz ein. Ihr minimalistischer, schlichter und eleganter Stil wird dort förmlich zu einer eigenständigen Figur, die unter dem Namen „Carolyn Bessette Style“ gefeiert wird.
Die sozialen Medien greifen das Phänomen auf. Suchanfragen nach Kleidungsstücken aus den 1990er-Jahren und dem Hashtag #CBK schnellen in die Höhe. Secondhand-Marktplätze verzeichnen einen rasanten Anstieg der Verkäufe von Vintagekleidung, während Calvin Klein, die Kultmarke jener Zeit, eine beispiellose Renaissance erlebt.

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Dieser Erfolg zeigt, dass Mode, wenn sie subtil und wirkungsvoll eingesetzt wird, über ihre Rolle als bloßes Accessoire hinauswächst und zu einem wichtigen Identifikationsobjekt mit Sehnsuchtsfaktor werden kann.
Doch die Platzierung von Luxusmarken entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn sie Teil eines stimmigen Erzählkontextes ist. „Love Story“ ist der beste Beweis dafür. Indem die Serie Carolyn Bessettes Stil mit einer bestimmten Ära, Ästhetik und Emotion verknüpfte, schuf sie ein kulturelles Phänomen, das weit über eine einfache Produktplatzierung hinausging.

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Mode auf der Leinwand: Gesellschaftlicher Spiegel und Meinungsbildner

Das Kinokostüm, anfänglich ein einfaches Accessoire, das gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegelt und vorwegnimmt, hat sich als universelle Sprache durchgesetzt. Es geht mittlerweile über seine narrative Funktion hinaus und wird zu einem Instrument der Identitätsbildung und zu einem unverzichtbaren Marketinginstrument.
Im digitalen Zeitalter, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, pflegen Luxusmarken und die siebte Kunst – die Filmkunst – eine symbiotische Beziehung: Die eine bietet die Bühne, die anderen die Geschichte. Diese Verbindung zwischen künstlerischem Schaffen und Geschäftsstrategie fesselt weiterhin die kollektive Vorstellungskraft und hinterfragt zugleich die Grenzen einer immer intensiveren Zurschaustellung. Sehen die Zuschauer auf der Suche nach Identifikation und Authentizität in diesen Erzählungen noch immer das Versprechen einer persönlichen Metamorphose?
Ein neuer Trend scheint sich abzuzeichnen, der einige Modehäuser dazu veranlasst, in die Filmproduktion einzusteigen, um ihr Storytelling neu zu erfinden, ihr Image zu kontrollieren und ein Publikum zu erreichen, das nach Sinn sucht. Die lange Liebes- und Marketinggeschichte zwischen Mode und Kino ist noch lange nicht am Ende, sondern erfindet sich ständig neu.
Dieser Artikel erschien im Original auf „Conversation“ unter dem Titel „Entre la mode et le cinéma, une longue histoire d’amour… et de marketing“. (deutsche Bearbeitung: sm)The Conversation