Warum Ausdauer eine lebenswichtige Fähigkeit ist, zeigt der Mythos von Herakles rund um seine zehnte Aufgabe. - Foto: NiseriN, kieferpix/iStock; Montage: Epoch Times
In Kürze:
In unserer heutigen Welt, fokussiert auf sofortigen Erfolg und schnelle Ergebnisse, erscheint Ausdauer als Fremdwort.
Warum diese Fähigkeit lebenswichtig ist, zeigt der Mythos von Herakles rund um seine zehnte Aufgabe, die ihn an die Grenze des Bekannten führt.
Letztlich gilt es, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – egal wie erschöpfend, erfolglos oder weit der Weg erscheint.
Wir sind bei der zehnten von zwölf Aufgaben des griechischen Helden Herakles angelangt. Nun nimmt das Ausmaß dieser Herausforderungen dramatisch zu, bis sie in seiner letzten und schwierigsten Aufgabe gipfeln.
Frühere Prüfungen führten ihn in Auseinandersetzungen mit Angst, Chaos, Begierde und Misstrauen. Doch nun wird der Held über die vertrauten Grenzen der griechischen Welt hinausgetrieben.
In seiner zehnten Aufgabe soll Herakles die roten Rinder des Geryon fangen und sie zu König Eurystheus bringen. Doch wie so oft in der griechischen Mythologie verbirgt sich hinter der Einfachheit eine teuflische Komplexität.
Geryon wohnt nicht in der Nähe, ja nicht einmal im gewöhnlichen Bereich der griechischen Zivilisation. Er lebt auf der fernen Insel Erytheia (wörtlich „das Rote Land“) am äußersten westlichen Rand der Welt, wo die Sonne jeden Abend in die Dunkelheit versinkt. Die Symbolik ist bereits unverkennbar. Herakles steht nicht mehr nur den Monstern der bekannten Welt gegenüber – er reist zur Grenze, wo das Bekannte im Geheimnis verschwindet.
Die Aufgabe gehört symbolisch zum Steinbock, dem Erdzeichen, das mit Ausdauer, Verantwortung, Lastentragen und schwierigem Aufstieg verbunden ist. Bezeichnenderweise geht das Sternbild Steinbock mitten im Winter auf – sogar der Weihnachtstag selbst fällt unter sein Zeichen.
Die zehnte Aufgabe des Herakles steht im Zeichen des Sternbildes Steinbock und des Elements Erde.
Ein Steinbock ist geduldig, diszipliniert und bereit, immense Entfernungen zurückzulegen, um ein notwendiges Ziel zu verfolgen. Es ist das Zeichen des Bergsteigers, des Gesetzgebers und des einsamen Reisenden, der weitermacht, lange nachdem andere umgekehrt wären.
Genau das ist der Charakter der zehnten Aufgabe. Im Gegensatz zu den gewaltigen Konfrontationen mit dem Löwen oder der Hydra zeigt sich die neue Schwierigkeit durch Entfernung, Erschöpfung und Ausdauer. Der Held muss zunächst Wüsten, Berge, Meere und unbekannte Gebiete durchqueren, bevor er die Aufgabe überhaupt in Angriff nehmen kann.
Ausdauer wird belohnt
Die alten Griechen verstanden Reisen nach Westen symbolisch als tiefgründig. Der Westen war die Region des Sonnenuntergangs, des Verfalls, der Sterblichkeit und des Endes. Dorthin zu reisen bedeutete in gewisser Weise, sich der Grenze zwischen Leben und Tod zu nähern. In seiner letzten und zwölften Aufgabe wird Herakles buchstäblich in die Hölle hinabsteigen, doch bereits diese Reise nach Westen führt den Helden an den Rand der Existenz heran.
Alle Hindernisse, denen er begegnet, verstärken diesen Eindruck. In einigen Versionen des Mythos ist Herakles während seiner Reise von der Hitze so erschöpft, dass er einen Pfeil auf die Sonne richtet. Erstaunlicherweise bestraft ihn der Sonnengott Helios nicht für seine Kühnheit, sondern bewundert seinen Mut. Helios leiht Herakles sogar ein großes goldenes Gefäß, in dem er über den Okeanos segeln kann.
Okeanos ist die Personifikation eines riesigen Stromes, der die bekannte griechische Welt umfließt und alle Flüsse speist.
Diese Episode ist bemerkenswert, weil sie zu den seltenen Momenten in der griechischen Mythologie gehört. Anstatt menschliche Anmaßung zu bestrafen, erkennen die Götter Herakles’ heldenhafte Ausdauer an und belohnen ihn.
Herakles’ Zorn auf die glühende Sonne spiegelt das Ausmaß des menschlichen Leidens wider. Doch seine Ausdauer und Beharrlichkeit bringen ihm Hilfe statt Vernichtung ein. Symbolisch hat das goldene Gefäß eine enorme Bedeutung.
Der Held betritt somit den Bereich der kosmischen Kräfte. Er ist nicht mehr an die gewöhnliche Geografie gebunden, sondern durchquert die Gewässer, die die Welt umgeben. Die Aufgabe nimmt eine fast spirituelle Dimension an: Herakles überwindet nicht nur physische Entfernungen, sondern existenzielle Grenzen.
Die zwölf Aufgaben des Herakles, dargestellt in einem Mosaik aus Lliria, Spanien.
Geryon gehört zu den seltsamsten Gestalten aller Aufgaben. Sein Name bedeutet „der Laute“ oder „der Brüllende“. In Überlieferungen wird er als dreiköpfig beschrieben, mit sechs Händen und drei an der Taille verbundenen Körpern. Er gilt als Wesen mit vielfacher Gestalt und als der stärkste lebende Mensch.
Doch seine Dreiköpfigkeit gibt Anlass zum Nachdenken: Auch Kerberos (dt. Zerberus), der Hund des Unterweltgottes Hades, hat drei Köpfe. Interessanterweise gilt dies auch für Satan, wie er von Dante in seinem Werk „Inferno“ dargestellt wird. Geryon hat also etwas Dämonisches an sich.
Die mythische Figur Geryon hat drei Köpfe und sechs Arme.
Die Menschen der Antike verstanden diese Vielfältigkeit auf unterschiedliche Weise. Auf der praktischsten Ebene verstärkt sie Geryons Macht, symbolisch deutet sie jedoch auf Zersplitterung, Maßlosigkeit oder eine unnatürlich über die angemessenen Grenzen hinausgehende Kraft hin.
Während Herakles sich zunehmend in Richtung Vervollständigung und zielgerichtete Disziplin bewegt, steht Geryon für gespaltene Kraft – gewaltig, aber uneinig. Anders ausgedrückt: Das „Brüllen“ von Geryon ist ein Urlaut – laut und verstärkt, aber ungeordnet. Währenddessen verkörpert Herakles zunehmend etwas, das der griechischen Vorstellung von „Logos“ entspricht: rationale Ordnung, disziplinierte Sprache und sinnvolle Artikulation.
Das Gemälde „Herkules und die Rinder des Geryones“ von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553).
Auch die Rinder des Geryon sind von Bedeutung. In alten Kulturen symbolisierte Vieh Reichtum, Fruchtbarkeit, Nahrung und soziale Stabilität. Vieh zu besitzen, bedeutete Wohlstand. Geryons rote Rinder stehen daher nicht nur für Besitz, sondern für konzentrierten materiellen Überfluss am Rande der Welt.
Das altgriechische Wort für rot ist „erythros“, von dem sich „Erythrozyt“ – die roten Blutkörperchen – ableitet. Wir werden dabei an ein Zitat aus dem Dritten Buch Mose erinnert: „Denn des Leibes Leben ist im Blut“.
In einem tieferen Sinne besteht Herakles’ Aufgabe darin, das „Leben“ aus dem Westen, aus dem Reich des Todes, des Sonnenuntergangs und der Dunkelheit, zurückzuholen, indem er die im Blut enthaltene rote Lebenskraft zurückbringt. Nun überrascht es nicht mehr, dass ihm der Sonnengott Helios, das Inbild des Lichts, bei diesem Unterfangen half.
Doch das Vieh wird von dem Hirten Eurytion und seinem zweiköpfigen Hund Orthos gut bewacht. Der monströse Hund ist wie Kerberos und Hydra eine Brut des Typhon und der Echidna, jenen Kreaturen, die die Ordnung des Kosmos bedrohen.
Der zweiköpfige Hund Orthos auf einer griechischen Trinkschale.
Orthos greift Herakles sofort an und wird von ihm mit Pfeil und Bogen getötet. Wir erinnern uns: Die Pfeilspitzen von Herakles sind mit dem Blut der Hydra getränkt. Somit ist hier eine Art homöopathisches Prinzip am Werk, indem Gleiches mit Gleichem bekämpft wird. Das Blut eines monströsen Geschwisters vernichtet ein anderes. Bei seiner sechsten Aufgabe erlebte Herakles dieses Prinzip schon einmal.
Selbst am Rand der Welt bleiben die Kräfte, die sich der Ordnung entgegenstellen, aktiv. Herakles’ Mission als Sohn des Zeus dient nicht bloß dem persönlichen Ruhm, sondern der Verbreitung der Zivilisation und der Bekämpfung des Chaos. Zwar versucht der wütende Hirte Eurytion Rache an Herakles zu nehmen, doch letztlich wird auch er rasch besiegt.
Nicht das Ziel aus den Augen verlieren
Nun taucht auch Geryon höchstpersönlich auf, bewaffnet und furchterregend, nur um ebenfalls von Herakles’ Pfeilen niedergestreckt zu werden. Die Auseinandersetzungen verliefen überraschend schnell und entschlossen. Dies unterscheidet die zehnte Aufgabe von vielen früheren.
Der Feind ist gewiss gefährlich, doch die tiefere Herausforderung liegt in der Ausdauer und darin, seine Zielstrebigkeit über immense Entfernungen, Isolation und Erschöpfung hinweg aufrechtzuerhalten.
Die griechische Vasenmalerei zeigt Herakles im Kampf mit Geryon und den besiegten Hirten Eurytion am Boden liegend.
Die Symbolik des Steinbocks zeigt sich hier besonders deutlich. Größe wird nicht durch plötzliche Brillanz erreicht, sondern durch anhaltende Beharrlichkeit. Wie der englische Schriftsteller und Universalgelehrte Samuel Johnson schrieb: „Große Werke werden nicht durch Kraft, sondern durch Ausdauer vollbracht.“
Dies ist vielleicht ein weniger bekannter Aspekt von Herakles’ zahlreichen Errungenschaften. Wir alle sind uns seiner Kraft voll bewusst, doch hier kommt mit der Ausdauer eine ganz andere Eigenschaft zum Vorschein.
Nachdem er sich das Vieh gesichert hat, sind Herakles’ Schwierigkeiten noch lange nicht vorbei. Die Rückreise erweist sich als ebenso beschwerlich wie die Hinreise. So schickt die Göttermutter Hera, die den unehelichen Sohn ihres Mannes Zeus scheitern sehen will, stechende Bremsen, um die Herde zu zerstreuen. Außerdem versperren Flüsse dem Helden den Weg und feindliche Herrscher versuchen, die Rinder zu stehlen. Immer wieder muss Herakles die Tiere neu sammeln, umleiten und weitertreiben.
Der Rückweg seiner Reise ist mit den Rindern des Geryon mindestens genauso schwierig wie der Hinweg.
Diese Erfahrung hat jeder bereits gemacht, der über einen langen Zeitraum hinweg eine schwierige Aufgabe bewältigen musste. Erfolg besteht selten aus einem einzigen Triumph und einem linearen Weg dorthin. Häufig muss nach Störungen erst wieder Ordnung geschaffen werden. Fortschritte gehen verloren, werden zurückgewonnen und gehen erneut verloren. Genau dann wird Ausdauer wichtiger als Kraft.
Ausdauer, Ordnung und die moderne Welt
Für heutige Leser liegt die Relevanz dieser Aufgabe zum Teil genau hier. Unsere Kultur ist oft fasziniert von sofortigem Erfolg, dramatischem Wandel und schnellen Ergebnissen. Doch die bedeutendsten Errungenschaften – seien sie persönlicher, politischer, künstlerischer oder spiritueller Natur – ähneln weitaus mehr der Reise von Herakles in den Westen. Sie erfordern ein anhaltendes Engagement über einen langen Zeitraum hinweg, oft unter Bedingungen der Erschöpfung und Unsicherheit.
Die Aufgabe spricht auch die Versuchung der Extreme an. Geryons Rinder leben am Rande der Welt, isoliert und eifersüchtig bewacht. Materieller Überfluss, losgelöst von der übergeordneten moralischen Ordnung, wird zu etwas Gefährlichem, das keinen Bezug mehr zum menschlichen Gedeihen hat. Herakles nimmt die Rinder nicht bloß als Beute an sich – er integriert sie wieder in die größere Welt.
In diesem Sinne markiert die 10. Aufgabe eine weitere Stufe in der Entwicklung des Helden. Frühere Aufgaben erforderten Mut oder Einfallsreichtum; spätere verlangten Zurückhaltung und moralische Einsicht. Doch hier lernt Herakles etwas Stilleres und vielleicht Schwierigeres: Ausdauer.
Die vielleicht unscheinbarste Fähigkeit, die Herakles im Laufe seiner zwölf Aufgaben erlernt, ist Ausdauer.
Wenn der Gürtel der Hippolyta zeigte, wie zerbrechlich Vertrauen sein kann, so offenbaren die Rinder des Geryon, wie schwer es ist, wahre Ordnung über Zeit, Entfernung und Widrigkeiten hinweg aufrechtzuerhalten.
Und das ist vielleicht die bleibende Lehre: dass die Zivilisation selbst nicht durch vereinzelte Siege gesichert wird, sondern durch die lange und erschöpfende Arbeit, Ordnung durch eine widerständige Welt zu tragen.
Seine elfte und vorletzte Aufgabe führt Herakles erneut an den Rand der Welt, um besondere Äpfel zu holen.
Die Sagrada Família in Barcelona. Stand: Ende Oktober 2025. - Foto: Jui-Chi Chan/iStock
Es ist der Traum des katholischen Verlegers, Buchhändlers und christlichen Autors José María Bocabella, der am Anfang dieses faszinierenden sakralen Bauprojektes steht, dessen geduldige Realisierung sich bis in unsere Gegenwart erstreckt.
1866 gründet der gläubige Barceloner eine Gebetsgemeinschaft, um die Verehrung des Heiligen Josef, des Schutzpatrons der Arbeiter und Familien, zu fördern. Der Asociación Espiritual de Devotos de San José schließen sich bald mehrere Hunderttausend Gläubige an.
Eine Vision und ihre Anfänge
Neben Gebet und Glaubensvermittlung rückt auch Bocabellas Idee, der Heiligen Familie eine Kirche zu erbauen, immer mehr in den Fokus der Vereinigung. 1881 machen schließlich Spenden den Kauf eines etwa 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks möglich, welches im noch kaum besiedelten Neubauviertel „Eixample“, unweit der Altstadt Barcelonas, liegt. 172.000 Pesetas, umgerechnet etwa 1.000 Euro, ebnen den Weg zum Bauprojekt, welches jedoch nur holprig in Gang kommt.
Denn: José María Bocabellas anfänglicher Gedanke, eine Replik der Basilica della Santa Casa zu errichten, die im italienischen Loreto steht und – der Überlieferung nach – das aus Nazareth gerettete Haus der Heiligen Familie beherbergt, scheitert.
Der Architekt der Diözese Barcelona, Francisco de Paula del Villar y Lozano, legt vielmehr Pläne im damals üblichen neugotischen Stil vor, und im Jahr 1882 beginnen die Arbeiten an der Krypta.
Zwischen Architekt und Bauherren werden im Laufe der Zeit immer größere stilistische und inhaltliche Spannungen deutlich.
Es kommt zum Bruch und auch ein renommierter Berufskollege Lozanos, Joan Martorell, will das schwierige Projekt nicht übernehmen. Er winkt ab, empfiehlt aber einen ehemaligen Mitarbeiter seines Architekturbüros, den gerade einmal 31 Jahre alten Antoni Gaudí – nicht ahnend, welch gewaltige Wendung das Projekt mit diesem neuen, jungen Baumeister nehmen wird.
„Verrückter oder Genie“
Nur fünf Jahre zuvor hat Antoni Gaudí sein Architekturdiplom an der Universität Barcelona erhalten. Niemand wisse, so einer seiner Lehrer, ob man das Diplom „einem Verrückten oder einem Genie“ verliehen habe, und ergänzt fast prophetisch: „Nur die Zeit wird es uns sagen.“
Und tatsächlich zeigt Antoni Gaudí nun, wozu er imstande ist. Nicht nur sein immenses, bautechnisches Wissen und seine lebhafte schöpferische Imagination revolutionieren das Projekt der Basilika grundlegend. Mit Antoni Gaudí wird auch ein glühend frommer Katholik zum maßgeblichen Planer der Sagrada Família.
In ihm finden die Asociación Espiritual de Devotos de San José und ihr Gründer Bocabella ein Gegenüber, das die religiöse Intention des Bauprojektes nicht nur architektonisch aufgreift, sondern auch inhaltlich und spirituell durchdringt.
Ohne zu zaudern, beginnt Gaudí mit einer Neuplanung, die eine faszinierend neuartige, von der Natur inspirierte organische Formensprache mit großem Glaubenswissen und theologischer Tiefe verbindet.
Für Gaudí ist die Natur mehr als eine bloße Vorlage. Sie stellt für ihn den Ausdruck göttlicher Ordnung dar, die er „das große, stets geöffnete Buch“ nennt, aus dem der Mensch lesen und lernen könne. Von der Lektüre in diesem Buch der Schöpfung inspiriert, leitet er Formen, Baukörper, Lichtführung, Proportionen und Strukturen ab, die er in Zeichnungen, Plänen und Gipsmodellen visualisiert.
Extrem komplexe Statik
Die äußerst komplexen Anforderungen an die statische Belastbarkeit der so entwickelten Gebilde überprüft Gaudí wiederum mithilfe innovativer Hängemodelle. Netzwerke aus Schnüren beschwert er hierbei mit präzise abgewogenen Bleisäckchen. Durch das pure Wirken der Schwerkraft entstehen perfekte mathematische Kurven, die auf Fotografien oder im Spiegel unter dem hängenden Modell die statisch optimalen Linienführungen sichtbar machen.
Blick in das Gewölbe der Sagrada Família.
Foto: SBA73 from Sabadell, Catalunya – Tot conflueix/All’s conected, CC BY-SA 2.0
Über vier Jahrzehnte widmet sich Antoni Gaudí dieser Entwurfsarbeit und ist gleichzeitig verantwortlicher Bauleiter vor Ort. Von 1914 an konzentriert er sich ausschließlich auf die Arbeit an der Sagrada Família und lehnt jeden anderen Architekturauftrag kategorisch ab.
Finanziert werden die komplexe Baustelle, alle ihre Gewerke und Materialien von Beginn an ausschließlich durch private Spenden, die der Verein des Heiligen Josef landesweit und unermüdlich sammelt. Staatliche oder kirchliche Gelder werden dagegen weder erbeten noch angenommen, um größtmögliche ideelle Unabhängigkeit zu wahren.
Wirtschaftskrisen und der Erste Weltkrieg lassen die Spendenbereitschaft zwar sinken und der Bau kommt fast völlig zum Erliegen, doch der Glaube an die Zukunft des Projektes bleibt.
Tiefgründige Gelassenheit
Fast schelmisch und doch tiefgründig vieldeutig begegnet Antoni Gaudí der immer wieder aufkeimenden Kritik am oft schneckenhaft langsamen Baufortschritt mit den Worten „Mein Auftraggeber hat keine Eile“.
Im Jahr 1925 zieht der inzwischen 73-jährige Gaudí ganz auf die Baustelle, die schon seit Jahrzehnten sein Lebensmittelpunkt ist. Von seiner dortigen Werkstatt wird ein kleiner Raum provisorisch abgetrennt und einfach möbliert.
Erst ein Viertel seiner Pläne ist zu diesem Zeitpunkt zu Stein geronnen und Gaudí weiß, dass er die Vollendung der Kirche mit Sicherheit nicht erleben wird. In großer Seelenruhe sieht er seine Arbeit jedoch ganz in der Tradition gotischer Kathedralen, die von Generationen über Jahrhunderte hinweg Gestalt angenommen haben.
Tragischer Unfall und Bürgerkrieg
Am 7. Juni 1926 bricht Gaudí, wie jeden Abend, von der Sagrada Família auf, um in der Kirche Sant Felip Neri zu beten. Vermutlich ist er so in Gedanken versunken, dass er die herannahende Straßenbahn nicht bemerkt, als er die „Gran Via de les Corts Catalanes“ überquert.
Der Schwerverletzte wird wegen seiner zerschlissenen Kleidung für einen Bettler gehalten und in ein Armenkrankenhaus gebracht. Freunde und Mitarbeiter finden ihn dort kurz bevor er am 10. Juni 1926 seinen Verletzungen erliegt.
Die Nachricht vom Tod des in der Bevölkerung hoch verehrten Baumeisters verbreitet sich nun wie ein Lauffeuer in Barcelona. Tausende geben Antoni Gaudí die letzte Ehre, als er in der Krypta der unvollendeten Basilika beigesetzt wird, für die er so viel Herzblut, Lebenszeit, Wissen, Können und Kreativität gegehen hat.
Nur zehn Jahre später wütet der Spanische Bürgerkrieg – auch in Barcelona. Katalanische Anarchisten und antiklerikale Revolutionäre stürmen die Baustelle der Sagrada Família und dringen in Gaudís ehemalige Werkstatt ein. Dort brandschatzen und zertrümmern sie alles, was ihnen in die Hände kommt.
Rettung, mühevolle Rekonstruktionen und erbitterte Gegner
Dem Mut Domènec Sugrañes, Gaudís engstem Mitarbeiter und Nachfolger als Bauleiter, ist es zu verdanken, dass die Zerstörer von einer geplanten Sprengung ablassen. Das Ende des einzigartigen Bauprojektes scheint nun dennoch gekommen.
Die Asociación Espiritual de Devotos de San José gibt jedoch nicht auf.
Fragmente von Plänen und zerschlagenen Gipsmodellen werden unter großen Mühen geborgen und jahrelang von engagierten Architekten akribisch zusammengefügt, um die Intentionen des genialen Baumeisters zu rekonstruieren und den Bau fortführen zu können.
Es gibt aber nicht nur Bewunderer, Helfer und Befürworter des Projektes. So organisiert der Barceloner Architekt und spätere einflussreiche Stadtbaurat Oriol Bohigas im Jahr 1964 eine viel beachtete Unterschriftenaktion mit dem Ziel, den Bau endgültig zu stoppen.
Vor allem Vertreter des architektonischen Modernismus wie die Architekten Le Corbusier und Walter Gropius unterstützen den Aufruf. Doch auch bildende Künstler der Moderne wie Joan Miró und Antoni Tàpies schließen sich an.
In einem offenen Brief werfen die Unterzeichner dem Projekt künstlerische Wertlosigkeit und Rückwärtsgewandtheit vor. Im 20. Jahrhundert sei vielmehr moderne Architektur und Stadtplanung nötig und richtig. Pablo Picasso, kein Unterzeichner, aber Sympathisant der Aktion, fasst die ablehnende Haltung der Modernisten mit den derben Worten „Gaudí und die Sagrada Família“ solle man „zur Hölle schicken“, zusammen.
Auch 2008 wiederholt sich der Versuch, das Bauprojekt durch einen Brief, diesmal mit 400 prominenten Unterzeichnern, zu beenden. Wieder erfolglos.
Gaudí, der „Ehrwürdige Diener Gottes“
Heute weisen 12 Türme der Sagrada Família in den Himmel über Barcelona.
Eines Tages werden es 18 sein: die zwölf Aposteltürme, die vier Evangelistentürme, der Turm Mariens und der Jesus-Turm, der jetzt schon alle anderen mit einer Höhe von 172,5 Metern überragt.
Am 10. Juni 2026, dem hundertsten Todestag Antoni Gaudís, wird das große dreidimensionale Kreuz auf seiner Spitze, das von einer bayerischen Spezialfirma gebaut und installiert wurde, feierlich eingeweiht werden.
Wann das Bauprojekt des „Ehrwürdigen Dieners Gottes“ – wie Antoni Gaudí, dessen Seligsprechungsverfahren 2003 begann, nun genannt werden darf – ganz vollendet sein wird, weiß jedoch nur der Himmel.
Baustand im Jahr 2023.
Foto: William John Gauthier from Denmark, CC BY-SA 2.0
Senta Berger und Sohn Simon Verhoeven zusammen auf dem roten Teppich. - Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Senta Berger (85) hat sich nach ihrer Operation auf dem roten Teppich gezeigt. Die Schauspielerin kam in einem eleganten schwarzen Kleid mit ihrem Sohn, dem Regisseur Simon Verhoeven, zur Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin.
Dort ist Berger als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in der Tragikomödie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nominiert. Die Regie des Films hat ihr Sohn Verhoeven übernommen. Der Deutschen Presse-Agentur hatte sie vor der Preisverleihung gesagt, für sie sei die Nominierung schon eine Auszeichnung.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ mit Berger und „Die Discounter“-Star Bruno Alexander ist eine Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers von Joachim Meyerhoff. Darin zieht der junge Joachim (Alexander) zu seinen Großeltern (Berger und Michael Wittenborn), um in München Schauspiel zu studieren.
Wer sich noch beim Deutschen Filmpreis zeigt
Berger, die in Grünwald bei München lebt, war Mitte Januar vor einer Lesung in Hamburg auf der Bühne gestürzt. Wegen eines komplizierten Bruchs des Oberschenkels wurde sie operiert und danach in einer Klinik südlich von München behandelt. Bereits im März hatte sich die Schauspielerin bei einer Sondervorführung in München gezeigt.
Auf dem roten Teppich des Filmpreises in Berlin zeigten sich etwa auch Schauspielerin Karoline Herfurth, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos), Regisseur Wim Wenders und die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes. (dpa/red)
Jordi Savall am Abend der Preisverleihung mit Tabea Zimmermann, Bratschistin und Vorsitzende des Stiftungsrates der Ernst von Siemens Stiftung (l.) sowie Ilona Schmiel, Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung zur Auswahl der Preisträger. - Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Es ist unter anderem die Zeit, die Jordi Savall sich nimmt – vielmehr seine Lebenszeit, die er gibt, hingibt, um vergessene Musik uns vorangegangener Generationen wieder zum Leben zu erwecken. Er forscht, recherchiert, entziffert – ohne auf sofortige, schnelle Ergebnisgarantie zu setzen.
Nun wurde der Gambist Savall für sein Lebenswerk mit dem Ernst von Siemens Musikpreis geehrt. Im würdigen Rahmen des Prinzregententheaters in München konnte ihm der Preis persönlich überreicht werden. Das voll besetzte Haus mit rund tausend Plätzen zollte dem 85-Jährigen begeisterten Applaus.
Savall: „Wir wissen, dass die Schönheit der Musik immer die Kraft haben wird, uns zu erretten“
Es ist beileibe nicht die erste Auszeichnung, die Savall sein Eigen nennen darf. 17 davon sind dieser vorangegangen, wie Laudator Edouard Mätzener, selbst Violinist und mehrfach ausgezeichnet, in seiner Rede anmerkt. Mätzener lernte den Maestro bei einem Videointerview kennen, das ihn zunächst – sprachlich bedingt – völlig aus dem Konzept brachte.
Doch lassen Sie uns zuerst die Sprache in den Fokus nehmen, in der Savall im Laufe seines Lebens ein Virtuose geworden ist: die Musik. Es ist der Klang der Stimmen und Instrumente, der einen nach dieser Ehrungsfeier begleitet und wie einen Schatz mit sich trägt.
Savall konzipierte hierfür ein Programm unter dem Titel „Pro Pacem“ – ein musikalisches Plädoyer für den Frieden vom Mittelalter bis in unsere Zeit. Dass dies nicht Worte bleiben, sondern sich auf allen Ebenen des Seins transportiert, ist das, wofür Jordi Savall im hohen Alter von allen Seiten geehrt wird.
Sobald die ersten Töne seiner von ihm gegründeten Ensembles La Capella Reila de Catalunya und Hespèrion XXI erklingen – Savall selbst dabei an der Gambe und von dort aus dirigierend –, entsteht eine Atmosphäre, welche die Herzen zur Ruhe kommen lässt. Aus dieser inneren Stille heraus wird der Frieden erfahrbar, für den Menschen über die Jahrhunderte im Gesang und mit Musik gebetet haben.
Gleichsam einem Zelt öffnen die Musiker den geistigen Raum nach oben – wohlwissend, dass die Überwindung menschlicher Differenzen nur in dieser Ausrichtung nach oben, auf diesem „Umweg“ und mit dem Rückhalt an universellen Werten gelingen kann.
Tabea Zimmermann verliest die Würdigung zum Ernst von Siemens Musikpreis an Jordi Savall.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann
Jordi Savall bei der Preisverleihung des Musikpreises der Ernst von Siemens Stiftung an ihn, am 23. Mai 2026 im Prinzregententheater in München.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Frieden im Herzen
„Der Titel Pro Pacem verweist nicht nur auf den Wunsch nach Frieden und Konfliktfreiheit, sondern auch auf das Streben nach innerer Harmonie und einem tiefen Dialog zwischen Völkern und Glaubensrichtungen“, schreibt Jordi Savall dazu im Programmheft. Und weiter: „Da pacem Domine (Herr, gib uns Frieden) ist der zentrale liturgische Text, der das gesamte Konzert durchdringt …“
In sich wandelnden Formationen – als A-cappella-Gesang, rein instrumental oder in Kombination mit menschlicher Stimme – wird diese Hoffnung in die Welt getragen. Faszinierend dabei ist, wie die Stücke – obwohl über acht Jahrhunderte entstanden und aus unterschiedlichen Kulturen – wunderbar miteinander harmonieren.
Allen eigen ist eine demütige Schlichtheit, die sich in der Interpretation durch Savall und seine Ensembles transportiert. Ob es die Vertonung des Psalms 137 von Salomone Rossi (1570–1630) für vier Männerstimmen ist, eine Schütz-Motette oder ein traditionelles südafrikanisches Lied namens Indodana, das Jehovah und seinen Sohn besingt und bei dem sich die Sängerinnen kreisförmig formieren: Alle Stücke strahlen Größe und Erhabenheit aus, denn sie besingen nichts Geringeres als das Herz des Lebens.
Für Jordi Savall ist es eine innere Verpflichtung, Musik lebendig und immer wieder neu erfahrbar werden zu lassen, auch und gerade bei Alter Musik.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Höchst interessant ist auch eine anonyme Hymne an die Jungfrau Maria in arabischer Sprache aus der syrisch-maronitischen Tradition, eine katholische Gemeinschaft mit Ursprüngen im Libanon.
Der Reigen schließt sich mit einer von Savall an Arvo Pärt im Jahr 2004 in Auftrag gegebenen Komposition anlässlich der damaligen Anschläge in Madrid. Fast möchte man sich wünschen, auf das Klatschen zu verzichten, um die Musik aller Stücke in der Stille nachhallen lassen zu können.
Ohne Musik könnte man nicht leben
Warum wird Jordi Savall der mit rund einer Viertelmillion dotierte Ernst von Siemens Preis nun genau verliehen? Dies in wenigen Sätzen beschreiben zu wollen, gleicht dem Unterfangen, eine ganze Welt mit ein paar Worten skizzieren zu wollen.
Festzuhalten ist, dass Jordi Savall schon recht früh die Gnade zuteil wurde, zu wissen, zu erfahren und letztlich zu entscheiden, wofür er geboren wurde. Wie so oft ist es ein leidvolles Ereignis, das zur Erkenntnis verhilft. Er erkrankt mit elf Jahren an Typhus und entdeckt, dass es das geistige und seelische Brot ist, das er wirklich zum Überleben braucht: Puschkin, Beethoven, Brahms und viele andere.
Sein nächster entscheidender Wendepunkt im Alter von vierzehn ist die Begegnung mit Mozarts Requiem und die Entscheidung, Cello zu lernen. Dieser Herausforderung nähert er sich zunächst als Autodidakt und vertraut auf seine Ohren. Disziplin und Ausdauer sind dabei die Wegbegleiter seiner Leidenschaft, 8 Stunden Cellospiel sein tägliches Pensum.
Später wird er am Conservatori Superior de Música del Liceu in Barcelona studieren, und es werden immer wieder die Begegnungen mit Menschen sein, anderen Musikern, die ihm Inspiration sind und die Weichen für die Zukunft stellen. So lernt er die Gambe kennen, entdeckt sie für sich auf seine eigene Weise und mit ihr das Interesse an Notenrepertoire, dessen er in geduldiger Suche in Bibliotheken in Paris, Brüssel und London fündig wird. Es sind ganze Musikwelten, die er so wieder lebendig werden lässt.
Eine glückliche Fügung will es, dass der Direktor des Goethe-Instituts in Barcelona die sogenannte Alte Musik sehr schätzt – das Musikrepertoire vor und aus der Zeit des Barock, dem sich Savall so intensiv widmet. Dies hat zur Folge, dass Savall 1968 mithilfe eines Stipendiums an die Schola Cantorum Basiliensis in der Schweiz gehen kann.
Fünf Jahre später, bis 1993, wird er dort Lehrer sein, immer getragen von der Frage, wie Musik unmittelbar erfahrbar wird und lebendig bleibt. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits vielfach konzertiert und gefragt ist, gewährleistet erst diese Stelle den Lebensunterhalt. In dieser Zeit ist es auch, als er die Meditation für sich entdeckt, deren Praxis er bis heute treu ist.
„Vive Jordi, Vive l’Europe“
Mätzeners sprühende Begeisterung in seiner Laudatio ob des Menschen Savall sowie seiner zahlreichen Initiativen springt regelrecht auf das Publikum über. „Offene Ohren, feine Antennen, Großzügigkeit und Vertrauen – das ist es, was Jordi für mich ausmacht“, sagt Mätzener. „Vive Jordi, Vive l’Europe“ ist der krönende Schluss.
Edouard Mätzener, Laudator für Jordi Savall.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann
Aber auch allein die nüchternen Fakten sprechen für sich: Savall gründete sechs Ensembles, darunter große Orchester oder Vokalensembles. Von 1975 bis heute spielte er über 200 Aufnahmen ein, die meisten unter seinem eigenen Label Alia Vox (eine andere Stimme), welches er 1998 mit der Sopranistin Montserrat Figueras gründete, seiner inzwischen verstorbenen ersten Frau.
Er komponierte die Musik zu sechs Filmen, darunter „Tous les matins du monde“ (deutscher Titel: „Die siebente Saite“), der sich 2 Millionen Mal verkaufte. Sein Kammerorchester Le Concert des Nations ist legendär, denn die Verbindung von jungen und erfahrenen Berufsmusikern ist für beide Seiten sehr befruchtend und damit auch für das Publikum.
Diese Melange aus Erfahrungswissen und Aufbruchskraft setzt Savall auch bei seinen zwölftägigen Akademien ein. Hierfür möchte Savall einen Teil des Preisgeldes verwenden. Auch das Projekt „Orpheus 21“ soll von der Auszeichnung profitieren. Savall rief dieses ins Leben, um nach Europa geflüchtete Musikerinnen und Musiker aus orientalischen Ländern, zu unterstützen, indem sie in Ensembles spielen und konzertieren können und damit wieder sichtbar werden.
Musiker, Forscher, Vermittler, Leiter
Und da wäre auch noch Prometheus 21 zu nennen: eine Initiative, die Ensembles vereint, und sich für die Forschung, Weitergabe und institutionelle Unterstützung der europäischen Musik und damit auch der vielen freischaffenden Musiker einsetzt. Denn Savall weiß, wie er in seiner Rede betont, dass nur die Weitergabe des Wissens, welches in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt wurde, es vor dem erneuten Vergessen bewahren wird.
In Bezug auf das Bewahren des Wissen ist es nur folgerichtig, dass Mätzener statt dem erwarteten Ja zum Englischen als Interviewsprache eine Ablehnung von Savall erhält. Es sei an der Zeit, unsere europäischen Sprachen mit Stolz zu vertreten, bemerkte Savall und schlug ihm vor auf Französisch oder Deutsch zu kommunizieren.
Somit setzt die Ernst von Siemens Musikstiftung mit ihrer Wahl für Jordi Savall beim diesjährigen Musikpreis auch ein deutliches Zeichen. Sie unterstützt das gesellschaftliche Engagement eines großen Musikers und seiner vielen Kollegen und Mitarbeiter, die ihn auf diesem Weg begleiten. Sie ehren einen Musiker, der etwas zu sagen hat.
Dass es für Savall immer um das Verbindende in der Musik geht, das sich durch das Wahrnehmen und Respektieren des anderen speist, wird in vielem deutlich. Nicht zuletzt im großen Blumenstrauß, den er entgegennimmt und der zur Freude und Anerkennung aller Musiker auf der Bühne verbleibt.
La Capella Reial de Catalunya und Hespèrion XXI beim Programm „Pro Pacem“. Bei seiner Rede bedankt sich Savall bei allen, auch seinen Ensembles, die ihm mit Unterstützung, Rat und Freundschaft zur Seite standen. Auch ging der Dank an seine Eltern, seine erste Frau und seine beiden Kinder.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann
Dein wahrer Freund ist nicht, wer dir den Spiegel hält
Dein wahrer Freund ist nicht, wer dir den Spiegel hält Der Schmeichelei, worin dein Bild dir selbst gefällt. Dein wahrer Freund ist, wer dich sehn läßt deine Flecken Und sie dir tilgen hilft, eh‘ Feinde sie entdecken.
Selbst wenn der Himmel trüb und bewölkt erscheint, ist die Sonne dahinter immer gleich. - Foto: vvita/iStock
„Als Teenager habe ich mich manchmal mit meinen Geschwistern über Leute ausgelassen, die uns das Leben mitunter etwas weniger angenehm machten. Normalerweise verspürt man nach ein paar Beschwerden ein Gefühl der Genugtuung“, schreibt Epoch-Times-Autorin Angelica Reis rückblickend über ihre Kindheit. „Aber jedes Mal, wenn meine Mutter so ein Gespräch mitbekam, fing sie an, sanft und natürlich, etwas Gutes über diese Person zu sagen, über die wir uns beschwerten“, so Reis. Es sei eine erstaunliche Strategie gewesen, die immer funktioniert habe, schreibt sie, obwohl sie als Kinder das nicht wirklich gemocht hätten.
„Als die Jahre vergingen, kam ich immer mehr dazu, diese Eigenschaft an meiner Mutter zu schätzen, bis zu dem Punkt, an dem es sich in Respekt verwandelte. Ist es nicht die richtige Art zu leben – das Gute in Situationen zu sehen, selbst wenn sie düster erscheinen mögen, und das Gute in Menschen zu sehen, selbst wenn sie unangenehm erscheinen mögen?“ Reis schreibt noch, dass sie im Laufe der Zeit erkannt habe, „dass es das ist, worum es bei höherer, göttlicher Liebe teilweise geht.“ Es gehe darum, Beleidigungen nicht gleichermaßen zu erwidern und Liebe für andere zu haben, ganz gleich, wie man selbst behandelt werde.
Einen Blick für das Gute haben
Die Geschichte von Angelica Reis deckt sich mit einem bedeutenden Denkansatz, der heute selten praktiziert wird: die Wichtigkeit, das Gute in anderen zu sehen. Das ist kein neues Konzept. Das ist eine Idee, die bereits in antiken Zeiten von Philosophen, Schriftstellern, Psychologen und prominenten Denkern erforscht wurde.
Der römische Kaiser und Philosoph Mark Aurel sagte, dass, selbst wenn man einen Fehler in einer anderen Person finde, man es sich zweimal überlegen sollte, bevor man ein hartes Urteil fällt. Als ein Schlüsselphilosoph der stoischen Schule sah Aurel inhärenten Wert und Würde in jedem Menschen. In seinen Schriften reflektierte er die Idee, dass wir, wenn wir jemandem begegnen, der sich schlecht verhält, versuchen sollten, die Dinge aus dessen Perspektive zu sehen und uns daran zu erinnern, dass er möglicherweise aus fehlerhaften Wahrnehmungen heraus handelt und nicht aus Boshaftigkeit. Auf diese Weise können wir tolerant ihnen gegenüber sein, so wie wir hoffen würden, dass andere es uns gegenüber wären.
„Denn wie jede Seele ungern auf die Wahrheit verzichtet, so auch auf das geziemende Betragen gegen jedermann“, schrieb Mark Aurel in seinen „Selbstbetrachtungen“. Er sagte später: „Jeder Fehlende aber irrt, insofern er sein Ziel verfehlt.“
Auf dieser Grundlage definierte Aurelius die Rolle des „Weisen“ als die eines Führers, der den Sünder leiten und ihn so vor sich selbst retten muss, denn ein Sünder, der vom rechten Weg abgekommen ist, ist seiner Schuld nicht entzogen. Man muss mit Liebe und Mitgefühl zu ihm sprechen, um sein Herz zu erweichen.
Reiterstandbild von Marcus Aurelius auf der Piazza del Campidoglio in Rom.
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„Denn was kann dir der boshafteste Mensch anhaben, wenn du in Freundlichkeit gegen ihn verharrst, ihn bei passender Gelegenheit sanftmütig warnst und gerade in dem Augenblick, wo er dir Böses anzutun versucht, ihn in ruhigem, zurechtweisendem Tone etwa so anredest: ‚Nicht doch, mein Lieber! Wir sind zu etwas anderem geboren. Mir zwar wirst du damit nicht schaden, dir selbst aber schadest du damit, mein Lieber‘“, schrieb Aurel. „Zeige ihm dann in schonendster Weise und mit gutem Bedacht, dass sich dies also verhält“, fügte der Kaiser und Philosoph hinzu.
Aurels Rat spiegelt sich auch in einer Lektion über Liebe und Mitgefühl in einem berühmten Roman des französischen Schriftstellers Victor Hugo wider: „Les Misérables“. Der Protagonist, Jean Valjean, stiehlt einen Laib Brot, um seine verwitwete Schwester und ihre Kinder zu ernähren. Die Justiz verurteilt ihn zu einem Jahr Gefängnis. Aufgrund verschiedener Umstände sitzt Valjean letztendlich 20 Jahre ein. Als er schließlich aus dem Gefängnis kommt, ist sein Herz mit Groll und Hass erfüllt. Er gerät auf die schiefe Bahn eines Kleinkriminellen.
Als Valjean Silberbesteck aus dem Haus eines Bischofs stiehlt und man ihn dabei erwischt, erkennt der Geistliche dessen Potenzial zu einem guten Manne. Daraufhin erklärt der Bischof gegenüber der Gendarmerie, Valjean das Silberbesteck als Geschenk gegeben zu haben. Das Mitgefühl des Priesters bewegt Valjean im Herzen und er beschließt, seine Wege zu ändern. Mit dem Geld, welches er für das Silber erhalten hat, gründet Valjean eine Fabrik und wird ein wohlhabender und großzügiger Mann, der gern für wohltätige Zwecke spendet. Auf dem Höhepunkt des Romans rettet Valjean dann auch noch das Leben jenes Polizeiinspektors, der ihn zeitlebens als Kriminellen betrachtet und verfolgt hatte.
Albert Schweitzer, ein deutscher Arzt, Philosoph und Musiker, der 1952 den Friedensnobelpreis gewann, handelte mit Mitgefühl, Liebe und Wertschätzung gegenüber jeder Person, der er begegnete. Er hatte ein tiefes Gefühl von Respekt und lebte den Leitsatz „Ehrfurcht vor dem Leben“ – seinem eigenen und dem jedes anderen Wesens.
Der aus dem Elsass stammende deutsche Theologe, Arzt und Musiker Albert Schweitzer (1875–1965) mit einer Antilope auf dem Gelände des von ihm gegründeten Krankenhauses in Lambarene, Französisch-Äquatorialafrika, 1944.
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Schweitzer sah es als seine ethische Pflicht an, das Leben jedes Menschen zu schützen und es jedem Individuum zu ermöglichen, sein volles Potenzial zu entwickeln und zu realisieren. Im Einklang mit diesen Erkenntnissen beschloss er im Alter von 30 Jahren, sein Leben einer großen Aufgabe zu widmen: „Ein Arzt im Dienste der Menschheit“ zu sein. Im Jahr 1913 gründete er ein Krankenhaus in der Stadt Lambaréné in Gabun, Westafrika. Dort behandelte er Tausende Menschen, einschließlich jener mit Lepra, Malaria und Ruhr. Jeder Patient erhielt Pflege mit Liebe und Respekt, ungeachtet seines wirtschaftlichen oder sozialen Status.
Der österreichisch-israelische Denker und Pädagoge Martin Buber artikulierte philosophisch, was Schweitzer intuitiv verstanden hatte. Buber betrachtete zwischenmenschliche Beziehungen als von höchster Wichtigkeit und als das Fundament für richtiges Verhalten in der Welt. In seinem Buch „Ich und Du“ beschrieb er zwei Typen von Beziehungen: Ich-Es-Beziehungen und Ich-Du-Beziehungen.
Ich-Es-Beziehungen sind funktional, in denen eine Person eine andere als ein Objekt benutzt, um ein bestimmtes physisches, mentales oder emotionales Ziel zu erreichen. Ich-Du-Beziehungen sind jene, in denen man den anderen in seiner Gesamtheit sieht, in allen Aspekten seines Seins; solche Beziehungen stellen eine echte zwischenmenschliche Bindung dar, die in tiefer Liebe begründet ist. „Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du“, schrieb er.
Laut Buber entspringt die Fähigkeit, andere menschliche Wesen zu lieben, nicht aus Anstrengung oder Streben, sondern eher aus einer inneren Entleerung von Emotionen oder Gedanken und einem vollständigen und totalen Fokus auf den anderen. „Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden“, schrieb er. Solche Liebe erfordert laut Buber auch Mut, weil sie ein tiefes Loslassen des Selbst beinhaltet. Er argumentierte, dass eine wahre Liebe für menschliche Wesen die mutigste Tat von allen darstellt.
Der Psychologe Abraham Maslow, einer der zentralen Denker der humanistischen Psychologiebewegung in den 1960er-Jahren, sah ebenfalls großen Wert darin, das Gute in anderen zu erkennen und zu kultivieren. Er formulierte die revidierte „Hierarchie der Bedürfnisse“, an deren Basis die grundlegendsten Bedürfnisse liegen, wie Nahrung, und an deren Spitze das höchste menschliche Bedürfnis liegt: Selbsttranszendenz.
Indem man das Selbst transzendiere und sich mit einem breiteren Bewusstsein verbinde, sagte Maslow, erkenne eine Person die Einheit des Universums und fühle eine natürliche Bindung zu allen menschlichen Wesen. Anstelle von selbstzentrierten Gedanken erfahre man Selbstlosigkeit, Fürsorge und Besorgnis um das Wohlergehen anderer.
Maslow war ein leidenschaftlicher Verfechter des inhärenten Guten in menschlichen Wesen. „Maslow zufolge verschwindet das „Gute“ nur selten vollständig aus dem Herzen eines Menschen, obwohl es „schwach und zart und subtil ist und leicht durch Gewohnheit, kulturellen Druck und falsche Einstellungen ihm gegenüber überwältigt wird“. Daher ist es wichtig, die gute Seite des menschlichen Wesens zu kultivieren und zu fördern.
Il viaggio a Reims bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2026: Contessa di Folleville (Mélissa Petit)(zweite von links) und Barone di Trombonok (Misha Kiria). - Foto: SF/Monika Rittershaus
Sicher, die aus der Vergessenheit geholte Rossini-Oper bei den diesjährigen Salzburger Pfingstfestspielen könnte auch als Parodie auf unsere heutige vergnügungssüchtige Gesellschaft gelesen werden – so wie es Rossini zu seiner Zeit der Entstehung wohl gedacht hatte.
Il viaggio a Reims – die Reise nach Reims – ist der Titel: Entstanden 1825 als Auftragsarbeit eines Pariser Theaters anlässlich der Krönung Karl X., verschwand diese Oper zunächst von der Bildfläche und tauchte erst in den 1970er-Jahren wieder rekonstruiert auf.
Lustvolles Baden in Klischees
Das Drama dieser Opera buffa besteht darin, dass es eben nicht mehr – wie im Titel verheißen – zur Reise kommen kann. Mangels Pferden steckt die illustre internationale Gesellschaft in einem Luxushotel eines Kurortes in den Vogesen, sprich in der Provinz, fest.
Eine an sich explosive, von außen betrachtet amüsante Situation. Doch dieser Effekt mag sich nicht so recht einstellen. Liegt es daran, dass die Gags zu vorhersehbar oder eben einfach nur Gags sind? Oder ist es schlicht die ständige Bewegung, die ein Gast in der Pause als „Gezappel“ beschreibt?
In jedem Fall kann sich das Lachen erst bei manchen bewusst inszenierten nationalen Klischees einstellen, sei es beim hünenhaften Deutschen (Misha Kiria als Barone di Trombonok) oder der überdrehten, quirligen Französin (Mélissa Petit als Contessa di Folleville). Angenehm, dass keine Nation dabei vorgeführt oder bloßgestellt wird.
Mit dem gefeierten Opernregisseur Barrie Kosky und Les musiciens du Prince – Monaco unter Gianluca Capuano hat Cecilia Bartoli wieder ihr Dream-Team aus dem letzten Jahr zusammengerufen. Doch vielleicht liegt es eben an dem Stück selbst, dass es nicht das sein wird, welches unter Freunden weiterempfohlen werden kann. Obwohl durchaus Lacher zu hören waren.
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Cecilia Bartoli als Corinna verzückt die Hotelgäste mit ihren Künsten.
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Mélissa Petit als Contessa di Folleville ist erstaunt über den „Deutschen“ (Misha Kiria).
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Des nächtens im Hotel….
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Dmitry Korchak als Conte di Libenskof und Marina Viotti als Marchesa Melibea müssen sich ihre Liebe schwer erkämpfen.
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Corinna (Cecilia Bartoli) glänzt erneut.
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Die Torte!
Foto: SF/Monika Rittershaus
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Schlussapplaus: Ensemble und Les Musiciens du Prince – Monaco.
Foto: SF/Marco Borrelli
Karikierender Farbenrausch
Die Bühnenbilder von Rufus Didwiszus machen Spaß, durch einfache, klare Aufteilungen und Konzentration auf aussagekräftige Spielelemente: eine große Drehtüre, eine Korridorflucht mit Türen rechts und links, die wunderbar auf und zu knallen können, ein überdimensionaler Tisch, der das finale Festmahl ad absurdum führt.
Und natürlich die Musik, die Stimmen, ein Ohrenschmaus auf höchstem Niveau – doch mag sich nicht die rechte Verzückung einstellen. Wenngleich der Farbenrausch und die Freude an übertriebenen Formen bei den Kostümen einen kindlich staunen lassen. Victoria Behr zeichnet dafür verantwortlich.
Das Orchester spielt auf historischen Instrumenten und besticht mit allerlei Glocken, Zimbeln und Trommeln, auch ein Schellenbaum fehlt nicht. Es ist schon viel Feines dabei. Bei den Blasinstrumenten sind pro Spieler gleich mehrere im Einsatz, kann doch ein Instrument nicht verschiedene Tonarten abdecken, wie ein Musiker erklärt.
Reisen und Feiern auf „Teufel komm raus“
Nun denn, mit dem Humor ist das so eine Sache, und in erster Linie geht es bei den diesjährigen Pfingstfestspielen um die künstlerische Leiterin selbst. So möchte die Festgesellschaft auf der Bühne nicht wie bei Rossini, der in einem ähnlichen Kunstgriff Bühne und Realität verschmelzen ließ, zur Königskrönung weiterreisen, sondern zur Geburtstagsfeier der berühmten Mezzosopranistin La Ceci.
Seit 2012 hat Cecilia Bartoli hier den Hut auf. Diesen Sommer feiert sie ihren 60. Geburtstag, anlässlich dessen es am 8.8. eine Galavorstellung von Il viaggio a Reims mit Überraschungsgästen und anschließendem Galadinner geben wird.
Wenn Cecilia Bartoli am Ende dann gar aus der Torte springt, kann das wohl durchaus als Probelauf zu den realen Geburtstagsfeierlichkeiten gewertet werden. Ein dicker Strauß Pfingstrosen fliegt so dann vom Publikum auf die Bühne in Cecilia Bartolis Arme. Die Welt wäre ärmer ohne solch überschwänglichen Gefühlsausdruck.
Wenn dann als Zugabe lauthals ein Vivat Musica angestimmt wird, kann sich dieser ausgelassenen Stimmung wohl kaum einer entziehen, zumindest nicht in den vorderen Reihen.
… dass alle Menschen den ganzen Tag singen …
Unwillkürlich drängen sich Bilder auf zu dem Zitat von Cecilia Bartoli: „Musik bestimmt mein Leben, seit ich als Kind […] mit der ganzen Familie lauthals Italo-Schlager schmetterte. Überhaupt war ich als Kind überzeugt, dass alle Menschen den ganzen Tag singen, genau wie meine Eltern und all ihre Freunde.“ Von dieser überbordenden italienischen Lebensfreude könnte man sich doch eine Scheibe abschneiden, oder gar zwei?
Dass es eben nicht nur um die Reise nach Reims geht – welchen König würden wir auch krönen wollen, die Königin ist ja zu uns gekommen –, sondern auch um eine Zeitreise, präsentierte Bartoli mit ihrem Pfingstprogramm, und ihrer großen Ciao-bella-Ciao-Show.
Dass das Reisen aktueller denn je ist, erlebt man auf jedem größeren Bahnhof und fragt sich insgeheim, wohin die Menschen alle wollen. Dass jedoch dieser dreistündige (!) Einakter von Rossini, dem die Salzburger gnädigerweise eine Pause einbauten, in Vergessenheit geriet, mag nicht von ungefähr geschehen sein. Zu seicht, albern und überdreht kommt das Stück daher. Zumindest in dieser Fassung.
Die Lösung: Es wird vor Ort gefeiert!
Foto: SF/ Monika Rittershaus
Schlussapplaus bei Il viaggio a Reims, Salzburger Pfingstfestspiele 2026.
Wolfram Weimer ist Staatsminister für Kultur und Medien (parteilos). - Foto: Kay Nietfeld/dpa
Zur Unterstützung des schwächelnden Filmstandorts Deutschland hat das Bundeskabinett eine Investitionspflicht für Streamingdienste wie die US-Anbieter Netflix oder Disney+ beschlossen.
Der Gesetzentwurf aus dem Haus von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sieht eine verpflichtende Investitionsquote von mindestens acht Prozent des Umsatzes in Deutschland vor – sonst könnte eine Ersatzzahlung fällig werden.
Gleichzeitig sollen die Filmfördermittel des Bundes auf 250 Millionen Euro pro Jahr verdoppelt werden.
2027 geht es los
„Mit dem heutigen Kabinettsbeschluss zünden wir für den deutschen Film eine neue Stufe im internationalen Standortwettbewerb“, erklärte Weimer. Er sprach von einem „Filmbooster“ mit Blick auf die ausgeweitete Bundes-Förderung. „Zugleich nehmen wir die Streaminganbieter und Sender deutlich in die Pflicht.“
Die Regelung soll ab Anfang kommenden Jahres gelten. Die Filmförderungsanstalt des Bundes soll dabei das Erreichen der Quote überwachen. Wird das Ziel nicht erreicht, ist eine „Ausgleichsabgabe“ von 75 Prozent der nicht geleisteten Investitionssumme vorgesehen. Dies liegt aber im Ermessen der Anstalt.
Weimer verwies auch auf eine „Öffnungsklausel“ in dem Gesetzentwurf. Ab einer Investitionsquote von zwölf Prozent oder mehr ist es den Medienunternehmen erlaubt, von bestimmten Detailvorgaben abzuweichen, etwa beim Anteil deutschsprachiger Produktionen.
Die Investitionspflicht haben auch deutsche Fernsehsender
Die Investitionspflicht von mindestens acht Prozent gilt auch für deutsche Fernsehsender. Sie dürften die Quote in der Regel ohnehin erreichen, obwohl auch sie in den vergangenen Jahren zunehmend Film- und Serienproduktionen aus Kostengründen insbesondere ins osteuropäische Ausland verlagert haben.
Weimer hatte sich ursprünglich für eine rein freiwillige Regelung bei Investitionen stark gemacht. Insbesondere die SPD pochte in der schwarz-roten Koalition aber auf eine verpflichtende Quote.
„Wer am deutschen und europäischen Filmmarkt gute Geschäfte macht, der muss hier auch seinen Beitrag leisten“, erklärte dazu Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD). „Unser Ziel ist, dass mehr Aufträge nach Deutschland und Europa gehen.“
In der Wirtschaft stieß das Vorhaben auf Kritik. Der Digitalverband Bitkom kritisierte „starre Vorgaben, zusätzliche Bürokratie und einseitige Belastungen für Video- und Streamingdienste“. Das sogenannte Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz muss nun noch vom Bundestag gebilligt werden. (afp/red)
Polizeieinsatz vor der Louvre-Pyramide wenige Stunden nach dem spektakulären Juwelenraub am 19. Oktober 2025 in Paris. (Archivbild). - Foto: LAURENT CARON/Hans Lucas/AFP via Getty Images
Der im Oktober 2025 verübte spektakuläre Juwelenraub im Pariser Louvre soll verfilmt werden.
Die Rechte an dem am Mittwoch erscheinenden Recherchebuch „Main basse sur le Louvre“ (sinngemäß „Der Louvre-Coup“) seien an die Produktionsfirma Iconoclast verkauft worden, teilte der Verlag Flammarion am Dienstag, 26. Mai mit. Zudem soll auf Grundlage des Buchs eine Dokumentarserie entstehen.
Romain Gavras verfilmt den Louvre-Coup
Regie bei dem Spielfilm soll der französische Filmemacher Romain Gavras führen. Der 44-Jährige drehte unter anderem den Hollywood-Film „Sacrifice“.
Titel, Besetzung und Erscheinungsdatum des Louvre-Streifens wurden zunächst nicht mitgeteilt. Dem Magazin „Le Film français“ zufolge haben die Arbeiten an dem Projekt bereits begonnen.
Das Buch „Main basse sur le Louvre“ stammt von den Journalisten Jean-Michel Décugis von der Zeitung „Le Parisien“, Jérémie Pham-Lê von „Le Monde“ und Nicolas Torrent von „Paris Match“.
Darin schildern sie, wie Diebe am 19. Oktober 2025 in die Apollon-Galerie des Louvre eindrangen und dort einen Teil der französischen Kronjuwelen stahlen.
„Dichtes Rätsel“ um die gestohlenen Kronjuwelen
Die Autoren des Buchs schreiben, der Verbleib der Beute sei inzwischen zu einem „dichten Rätsel“ geworden. Der Fall zeige, dass der Diebstahl von Kunstwerken für viele Kriminelle „ein Geschäft wie jedes andere“ geworden sei.
Der materielle Wert der Beute wurde auf 88 Millionen Euro geschätzt, der historische und ideelle Verlust gilt als deutlich größer.
Der Einbruch löste weltweit Aufsehen und eine Sicherheitskrise in dem meistbesuchten Museum der Welt aus. In der Folge wurde Louvre-Präsidentin Laurence des Cars ersetzt.
Nach sieben Monaten Ermittlungen und der Festnahme der wichtigsten Verdächtigen fehlt von den Juwelen weiter jede Spur.
Die beiden mutmaßlichen Haupttäter und zwei mutmaßliche Komplizen sitzen in Untersuchungshaft. Experten gehen davon aus, dass Hehler die Edelsteine herausbrachen und das Gold einschmolzen. (afp/red)
Valeska Grisebach nimmt am 23. Mai 2026 im Palais des Festivals in Cannes, Frankreich, während der Abschlusszeremonie der 79. Filmfestspiele von Cannes auf der Bühne den Preis der Jury für „The Dreamed Adventure“ entgegen. - Foto: Andreas Rentz/Getty Images
Erfolg für den deutschen Film beim Filmfestival von Cannes: Der Streifen „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach ist in Südfrankreich mit dem Preis der Jury gewürdigt worden.
Die Auszeichnung sei „ein großer Erfolg für die Regisseurin und eine wichtige Anerkennung für den deutschen Film auf internationaler Bühne“, erklärte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) am Samstagabend.
Grisebachs Film und seine Würdigung
Neben Grisebachs Film wurden in Cannes noch weitere Filme mit deutscher Beteiligung geehrt. Den Hauptpreis des Festivals gewann mit der Goldenen Palme der Film „Fjord“ des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu.
Weimer erklärte weiter, die Jury würdige mit der Auszeichnung für Grisebach „einen Film, der mit großer Genauigkeit und außergewöhnlicher atmosphärischer Kraft menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Wirklichkeiten erkundet.“ Grisebach gelinge es, „mit leisen Tönen und eindringlichen Bildern eine besondere Nähe zu ihren Figuren entstehen zu lassen.“
Grisebachs mit Bundesmitteln geförderter Film erzählt die Geschichte einer Archäologin, die in ihre Heimat im Grenzgebiet zwischen Bulgarien, der Türkei und Griechenland zurückkehrt. „Europa steht für mich für die Zusammenarbeit zwischen den Ländern“, sagte die Regisseurin in ihrer Dankesrede und dankte ihrem internationalen Team, zu dem mehrere Laiendarsteller zählten.
Die Präsidentin der deutschen Filmförderungsanstalt, Kirsten Niehuus, hob hervor, dass es nunmehr schon das zweite Mail in Folge sei, dass ein deutscher Film in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet werde: „Dass nur ein Jahr nach Mascha Schilinski schon die zweite deutsche Regisseurin diesen Preis gewinnt, ist eine Sensation“, erklärte Niehuus.
Weitere internationale Preisträger
Mungius‘ Siegerfilm „Fjord“ erzählt die Geschichte einer rumänischen Familie, die sich in Norwegen niederlässt und dort in den Verdacht der Kindesmisshandlung gerät. Der Rumäne war 2007 bereits für den Film „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden.
Die russisch-lettisch-deutsche Koproduktion „Minotaur“ des in Paris im Exil lebenden russischen Regisseurs Andrei Petrowitsch Swjaginzew wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der Film ist eine moderne Version des französischen Filmklassikers „Die untreue Frau“ von Claude Chabrol und zugleich eine bittere Kritik an den Verhältnissen in Russland.
„Millionen Menschen auf beiden Seiten der Kontaktlinie hoffen darauf, dass das Morden endlich aufhört. Und die einzige Person, die diesem Blutvergießen ein Ende setzen kann, ist der Präsident der Russischen Föderation. Die ganze Welt wartet darauf“, sagte Swjaginzew in seiner Dankesrede.
Der Film „Vaterland“ mit der deutschen Star-Schauspielerin Sandra Hüller erhielt den Preis für die Beste Regie. Der Streifen des polnischen Filmemachers Pawel Pawlikowski erzählt die Rückkehr von Thomas Mann und seiner Tochter Erika 1949 aus den USA nach Deutschland.
Die männlichen Hauptrollen spielen Hanns Zischler und August Diehl. Die deutsch-österreichische Koproduktion „Everytime“ von Sandra Wollners gewann den Hauptpreis in der Nebenreihe „Un Certain Regard“.
Ehrenpreise und Festival-Abschluss
Die US-Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand wurde in Abwesenheit mit einer Ehrenpalme für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. „Sie hat sich immer dagegen gewehrt, dass andere für sie entscheiden.
Sie hat oft Nein gesagt – deshalb lieben wir sie so sehr“, sagte die Schauspielerin Isabelle Huppert in ihrer Hommage. Die 84 Jahre alte Streisand hatte ihre Reise nach Cannes wegen Knieproblemen absagen müssen.
Zu Beginn des Festivals waren bereits „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson und Hollywood-Star John Travolta mit Ehrenpalmen ausgezeichnet worden. Überschattet wurden die Filmfestspiele von einer Debatte um den zunehmenden Einfluss des rechtsaußen stehenden Geschäftsmanns Vincent Bolloré in Frankreich.
Der Chef des Fernsehsenders Canal+, Maxime Saada, hatte Filmschaffenden, die gegen Bolloré protestiert hatten, mit einem Ende der Zusammenarbeit gedroht. (afp/red)
Mit seinem Film „Fjord“ hat der rumänische Regisseur Cristian Mungiu die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewonnen. Das gab die Jury bekannt. Der Film setzte sich gegen 21 andere Wettbewerbsfilme durch.
Den Preis der Jury erhielt die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach für ihren Film „Das geträumte Abenteuer“. Entschieden hat eine Jury unter dem Vorsitz des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook.
Valeska Grisebach wurde mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Foto: O Barada/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa
Worum es in „Fjord“ geht
Für Mungui ist es bereits die zweite Goldene Palme. 2007 hatte sein Film „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Auszeichnung erhalten. Dem Regisseur gelingt mit „Fjord“ ein moralisch vielschichtiges Drama über Familie, Erziehung und kulturelle Konflikte.
Sebastian Stan und Renate Reinsve spielen ein streng religiöses rumänisch-norwegisches Ehepaar, das mit seinen fünf Kindern in ein abgelegenes norwegisches Dorf zieht.
Als bei ihrer Tochter Verletzungen festgestellt werden, geraten die Eltern unter Verdacht, ihr Kind körperlich misshandelt zu haben. „Fjord“ erzählt den Konflikt zwischen dem Ehepaar und den norwegischen Behörden bewusst ohne einfache Antworten.
Großer Preis der Jury für den Russen Andrej Swjaginzew
Der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, ging an den russischen Regisseur Andrej Swjaginzew für seinen gesellschaftskritischen Thriller „Minotaur“.
Der Film erzählt von einem russischen Geschäftsmann, der in seiner Firma vor große Herausforderungen steht und eine Affäre seiner Frau aufdeckt. Swjaginzew verwebt die Geschichte mit der Allgegenwärtigkeit des Ukrainekrieges.
Den Preis für die beste Regie teilten sich direkt drei Regisseure: die Spanier Javier Calvo und Javier Ambrossi für das Drama „The Black Ball“ („La bola negra“) und der polnische Filmemacher Pawel Pawlikowski für „Vaterland“.
Der Film mit Sandra Hüller erzählt von einem gemeinsamen Roadtrip von Thomas Mann und Erika Mann durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland im Jahr 1949.
Beste Schauspieler
Als beste Schauspieler wurden Emmanuel Macchia und Valentin Campagne für ihre Rollen in dem Film „Coward“ des belgischen Regisseurs Lukas Dhont ausgezeichnet. Darin spielen sie zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg, die sich ineinander verlieben.
Virginie Efira und Tao Okamoto wurden als beste Schauspielerinnen für das Drama „All of a Sudden“ („Soudain“) geehrt.
In dem Film entwirft der Japaner Ryūsuke Hamaguchi ein leises, aber eindringliches Drama über zwei Frauen, deren Begegnung ihr Leben auf unerwartete Weise verschiebt.
Der Preis für das beste Drehbuch ging an den Franzosen Emmanuel Marre für „A Man of His Time“ („Notre Salut“). In dem Film verarbeitet der Regisseur einen Teil seiner Familiengeschichte während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich.
Barbra Streisand geehrt
Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert würdigte die US-Schauspielerin Barbra Streisand, die mit einer Goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet wurde, den Preis aber wegen einer Knieverletzung nicht persönlich entgegennehmen konnte.
Streisand bedankte sich per Videobotschaft und sagte, Filme hätten „diese magische Fähigkeit“, Menschen zu vereinen. (dpa/red)
Die Schauspieler August Diehl und Hanns Zischler, der polnische Regisseur und Drehbuchautor Pawel Pawlikowski und Schauspielerin Sandra Hüller (v. l.) posieren am 15. Mai 2026 bei einem Fototermin zum Film „Fatherland“ {„Vaterland“) im Rahmen der 79. Filmfestspiele von Cannes. - Foto: Thibaud MORITZ/AFP via Getty Images
Es ist eine Sensation. Der Literaturnobelpreisträger, der in Teilen des linken und liberalen Spektrums große Anerkennung erfährt, wird im Rahmen des Filmfestivals in Cannes „vom Sockel gestoßen“. So lautet zumindest das fast einhellige Urteil in den Feuilletons der deutschen Zeitungen.
Ein unbequemer Blick auf Thomas Mann
Was ist geschehen? Der eingereichte Wettbewerbsfilm „Fatherland“ (zu Deutsch: „Vaterland“) mit der deutschen Schauspielerin Sandra Hüller als seine Tochter Erika bildet den Dichter ab, wie man ihn bisher noch nicht erlebt hat. Man sieht ihn bei Empfängen mit Nazi-Größen und wie er von Erika zurechtgewiesen wird, da er sich „hinter Festungen aus Worten“ versteckt.
Im Film sind ihm die Ehrungen in Bonn (Goethe-Medaille) und in Weimar (Goethe-Nationalpreis) wichtiger als die Teilnahme an der Beerdigung seines Sohnes Klaus, der sich in Paris das Leben genommen hat. Es ist natürlich müßig, darüber zu spekulieren, wie man den Sozialisten Thomas Mann in den Schulen behandelt hätte, wenn seine frühere, jetzt aber für alle sichtbare antipazifistische, illiberale und undemokratische – heute würde man sagen – faschistische Haltung nach 1945 nicht so sehr mit Tabus umgrenzt worden wäre.
Der Film ist ein Anlass, sich näher mit Thomas Mann und seinen irrlichternden politischen Ansichten zu befassen. Es ist zwar keine Schande, seine Meinung zu ändern – schließlich wurde aus Saulus auch Paulus –, aber es darf doch wohl darauf hingewiesen werden, dass Thomas Mann eben nicht nur durch sein schlimmes faschistisches Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu den Meinungsbildnern der Weimarer Republik gehörte. Er ist mitverantwortlich dafür, dass es in dieser damaligen Republik so wenige Demokraten und Verteidiger der Freiheit gab.
Da die Tabus noch immer gepflegt werden, und Thomas Mann in den Schulen weiterhin als leuchtendes, angeblich demokratisches Vorbild gepriesen wird, möchte ich anhand neuer Forschungsergebnisse ein anderes Bild zeichnen. Er war sehr widersprüchlich, um nicht zu sagen je nach Zeitgeist ein intellektuelles, sozialistisches Chamäleon, wie es nach 1945 viele gab.
Der in linken Milieus angehimmelte Schriftsteller war ein begeisterter Kriegsfanatiker, obwohl er es mit seinen Beziehungen geschafft hatte, nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Thomas Mann gehörte Zeit seines Lebens zu der Kategorie von Menschen, die Wasser predigen und Wein trinken. Viele seiner Dichterkollegen haben sich nicht gedrückt, sondern ihre Überzeugung, für das Vaterland zu sterben, mit dem Tod bezahlt – unter anderem Georg Trakl, Alfred Lichtenstein, Ernst Stadler, Hermann Löns, August Stramm, Walter Flex und Gerrit Engelke.
Ein typisches Gedankengut von Thomas Mann sind die folgenden Zeilen aus seinem 1914 veröffentlichten Text „Gedanken im Kriege“: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ So wie Mann hofften deutsche Schriftsteller wie Karl Marx und andere Sozialisten, dass der Krieg endlich die ihnen so sehr verhasste bürgerliche Lebensform zerstöre und die Werte der kaiserlichen Zeit aufgegeben würden.
Andere wie Ricarda Huch, Franz Werfel und Annette Kolb waren nicht kriegsbegeistert, blieben Außenseiter und wurden erst nach 1945 in einem anderen Umfeld wieder gern gelesene Autoren. Sich offen gegen den Krieg zu stellen, erschien Thomas Mann damals kaum opportun, zumal selbst die zuvor pazifistisch auftretende Sozialdemokratie den Kurs des Kaiserreichs unterstützte. Eine gegenteilige Haltung hätte womöglich auch seine gesellschaftliche Stellung gefährden können. Denn Zensur verhinderte manche Veröffentlichung. Auch bei den sozialistischen Arbeiterdichtern hoffte man, dass der Krieg zur Einheit der Nation führen und die Sozialdemokratie in der Gesellschaft aufgehen würde, und ihre Dichtung zur Nationaldichtung emporblühen könnte.
Der Reichskanzler Friedrich Ebert (1871–1925) zitierte im Reichstag denn auch das Gedicht „Bekenntnis“ von Karl Bröger. Die Botschaft war: Kunst und Literatur sollten sich jetzt von der Dekadenz der Vorkriegszeit freimachen. Auch Thomas Mann warnte vor einer Zersetzung der deutschen Kunst und Literatur durch ausländische, vor allem französische und jüdische Einflüsse. Der Krieg habe sofort alle systematische Vergiftung durch das Ausland beendet. Schon durch den Kriegsanfang wehte ein großer Segen über das Land. Der Krieg sei Reinigung, eine Katharsis, und deshalb positiv. Die unveränderte deutsche Wesensart würde wieder erscheinen.
Wenn Militarismus zur kulturellen Vision wird
Thomas Mann behauptete, der deutschen Seele entsprächen die Monarchie und der Militarismus. Mann verstand den Krieg als Mittel zur sittlich-moralischen Erneuerung des Volkes. Moral und Soldatentum widersprächen sich und seien gänzlich unvereinbar mit dem deutschen Wesen. Das Wilhelminische Reich müsse bewahrt werden. Die europäischen Staaten würden den Krieg gegen das deutsche Wesen und wegen wirtschaftlicher Vorteile führen. Demokratie zerstöre die deutsche Sonderart, die sich in typisch deutschen Tugenden zeige: Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Entsagung. Thomas Mann verquickte seine schriftstellerische Zukunft mit der Hoffnung, dass in seinem Schaffen jener deutsche Militarismus enthalten sei, der sich nun anschicke, die Welt zu erobern.
Interessant ist die wiederholte Verwendung des Wortes „Wiedergeburt“, also Renaissance. Was bei den Hambachern 1832 nur mithilfe der Freiheit möglich gewesen wäre, sah Mann die Wiedergeburt nur im Reinigen von allen fremden, nicht deutschen Einflüssen. Thomas Mann ist daher Nationalist par excellence. Seine Welt ist mit einer Utopie vergleichbar, die menschliche Freiräume einengt, wenn nicht gar unmöglich macht.
Ein weiterer Aspekt wird deutlich. Wenn Mann den modernen Soldaten feiert, der mit den bisher nicht gekannten technischen Möglichkeiten zum Sieger werden kann, dann bestimmt er den Soldaten auch als den künftigen Arbeiter, der wichtig wird, da er mit neuer Technik umgehen könne. Der Soldat ist wie der künftige Arbeiter an seiner Leistungsfähigkeit interessiert, was bedeutet, dass sein Leben preußischer, bolschewistischer und disziplinierter werde. Das Leben des Menschen werde in Zukunft einer neuen Art von Arbeit gewidmet sein. Bei diesen Gedanken ist es nicht weit bis zur Verherrlichung des durch die neuen technischen Erfindungen geführten Krieges bei Ernst Jünger.
Die Konstruktion eines „inneren Feindes“
Was hier nur kurz skizziert werden konnte, hat sehr große Auswirkungen auf die Mentalität der deutschen Bevölkerung gehabt. Wenn sich damals Sozialdemokraten und Intellektuelle, Regierung und Haltungsmedien über den positiven Sinn des Krieges einig waren, wer sollte dann verantwortlich sein, wenn der erhoffte Sieg 1918 ausblieb?
Laut Thomas Mann habe ein „innerer Feind“ die großartige geistige und moralische Erhebung Deutschlands im Jahr 1914 zerstört. „Undeutsche“ Einflüsse verbanden sich nach Mann mit Dekadenz und Egoismus und verpesteten die deutsche Kultur und Moral. Er gebrauchte dafür den Ausdruck „Verausländerung“, dessen Bedeutung in der Ausländerfeindlichkeit des Nationalen Sozialismus und seiner Fortsetzung im Staat des real existierenden Sozialismus deutlich wurde.
Ist nun Thomas Mann, in dem Film „Vaterland“ von Hanns Zischler dargestellt, ein ausländerfeindlicher, rechter Rassist? Ist dies seine ehrliche politische Einstellung und nicht sein angebliches Bekenntnis zur Demokratie? Und ist dies ein dankbares Thema für den Unterricht? Vielleicht konnte nur ein polnischer Regisseur wie der oscarprämierte Paweł Pawlikowski diese unter die Haut gehende Charakterstudie drehen.
Literatur: Thomas Mann, Politische Reden und Schriften, Frankfurt 1968. Wolfgang Michalka (Hg.), Der Erste Weltkrieg, München 1994.
Viel Applaus erntete Shen Yun am 13. Mai bei seinem Auftritt in Tokio. - Foto: The Epoch Times
Mitte Mai beendete Shen Yun, das weltberühmte in New York ansässige Ensemble für klassischen chinesischen Tanz und Musik, seine Saison 2026. Diese außergewöhnliche Tanzproduktion sorgt mit ihren Auftritten in über hundert Städten in den Vereinigten Staaten, Lateinamerika, Europa und Ostasien für große Aufmerksamkeit. Dabei zog das Ensemble mit seinen abwechslungsreichen Tanzgeschichten selbst Generäle, Politiker, Künstler, katholische Priester und protestantische Pastoren in seinen Bann. Schon jetzt freuen sich viele Zuschauer darauf, wenn Shen Yun Ende des Jahres mit seinem neuen Programm auf die nächste Welttournee geht.
Für einen emotionalen Höhepunkt der 20. Jubiläumssaison sorgte am 16. April Doug Mastriano, Senator des US-Bundesstaates Pennsylvania. Er überreichte acht Shen-Yun-Künstlern – vier Tänzern und vier Musikern – im Miller Theater in Philadelphia die „Pennsylvania-Freiheitsmedaille“, eine von vielen Auszeichnungen, die dem Ensemble in dieser Saison übergeben wurden. Jeder von ihnen ist entweder selbst direktes Opfer religiöser Verfolgung in China oder hat Angehörige, denen dieses Schicksal widerfahren ist.
„Danke, dass ihr dort ein Licht in der Dunkelheit seid“, so der Senator zu den Künstlern.
Vier-Sterne-General verurteilt Verfolgung
Am 17. Januar besuchte Charles Flynn, ein pensionierter Vier-Sterne-General der US-Armee, die Aufführung von Shen Yun im Opernhaus des Trump-Kennedy-Centers in Washington, D.C. – und sorgte damit für den ersten Höhepunkt der Spielsaison.
„Die Farben, die Geschichten sowie die Qualität des Tanzes und der Musik waren einfach wunderschön“, so sein Fazit.
Besondere Bedeutung maß er dem Teil der Tanzgeschichten bei, dessen Tragweite sich vielen Zuschauern vielleicht nicht bewusst seien: die anhaltende Verfolgung von Falun-Dafa-Praktizierenden durch die KPCh im heutigen China.
„Außerhalb Chinas werden nicht genügend Informationen darüber verbreitet, was dort geschieht“, sagte Flynn.
Charles Flynn, ein pensionierter Vier-Sterne-General der US-Armee, genoss am Nachmittag des 17. Januar 2026 eine Shen-Yun-Aufführung im Kennedy Center Opera House in Washington.
Foto: Frank Liang/The Epoch Times
Am 11. April besuchte Tony Lyons, Gründer und Präsident von Skyhorse Publishing, im David H. Koch Theater in Manhattan eine Aufführung von Shen Yun. Wie er schilderte, wusste er bis zu diesem Abend nicht, dass es sich um ein amerikanisches Ensemble handelt, das im Bundesstaat New York von Künstlern gegründet und ausgebildet wurde, die vor religiöser Verfolgung geflohen waren. Die Bemühungen von Shen Yun entsprächen genau der Arbeit, die er in seinem eigenen Fachgebiet zu leisten versuche, sagte er – nämlich etwas Wirkungsvolles in einer Kultur aufzubauen, deren Traditionen zunehmend in Vergessenheit geraten. „Das war wirklich authentisch“, sagte Lyons.
Jim Beckwith, ein pensionierter Rechtsprofessor aus North Carolina und ehemaliger Herausgeber der Wirtschaftsrechtszeitschrift der Anwaltskammer des Bundesstaates, besuchte Shen Yun am 8. März in Raleigh. „Ich bin hierhergekommen, weil es eine moralische Frage ist“, äußerte er. Die Bewahrung einer alten Kultur sei die Grundlage jeder Zivilisation. Das sei etwas, das die marxistische Ideologie nicht hervorbringen könne.
Auf anderen Kontinenten war die Resonanz auch so groß, obwohl Peking oft direkten Druck auf lokale Politiker ausübte, damit sie nicht die Vorstellungen besuchten. In Buenos Aires kam der Provinzabgeordnete Juan José Esper am 9. April zur Premiere von Shen Yun im Teatro Ópera und bedankte sich persönlich beim künstlerischen Leiter des Ensembles: „Ich danke Ihnen, dass Sie sich auch für Argentinien entschieden haben.“
Juan José Esper, Provinzvertreter von Buenos Aires, besucht am 9. April 2026 eine Aufführung von Shen Yun Performing Arts im Teatro Ópera in Buenos Aires, Argentinien.
Foto: NTD
Im selben Theater saß am nächsten Abend der renommierte argentinische Dramatiker und Regisseur Pepe Cibrián – eine führende Persönlichkeit der Musicalszene seines Landes. Für ihn war es ein sehr emotionaler Besuch, da er hier selbst so oft aufgetreten war. Sein Fazit nach der Aufführung: „Sie sollten kommen, denn die Aufführung ist einzigartig“ – eine solche Gelegenheit biete sich nicht alle Tage.
Italienischer Senator wirbt für Shen Yun
In der italienischen Stadt Avellino zog es am 20. Februar Senator Sergio Rastrelli zu Shen Yun. Er outete sich als großer Fan. Für ihn ist die Produktion eine Hommage an die chinesische Kultur, die schon vor der Zeit der Kommunistischen Partei existierte. Italien sieht er in der Verantwortung, diese Kultur weiterhin zu präsentieren.
„Es ist eine prächtige, großartige und bewegende Aufführung“, sagte er.
Die Theater dürften dem Druck durch die chinesische Regierung nicht nachgeben, sondern sollten Shen Yun zeigen.
Bereits vor der Premiere waren alle 64.000 Eintrittskarten für die Tournee in Italien ausverkauft.
Besinnung auf das Göttliche
Auch die Zuschauer, die als Künstler tätig sind, brachten Shen Yun großen Respekt für die technische Leistung entgegen. Einige waren zu Tränen gerührt. Am 14. März genoss der international bekannte irisch-amerikanische Sänger und Komponist John Kelly mit seiner Frau, der spanischen Sopranistin Maite Itoiz, die Nachmittagsvorstellung in Logroño, Spanien. Kelly, bekannt durch die mit Platin ausgezeichneten „The Kelly Family“, fand schon allein das Live-Orchester von unschätzbarem Wert. Der Tanz habe ihn auf eine Weise berührt, die er nicht für möglich gehalten hätte.
„Es geht um etwas Höheres als uns selbst, nämlich, wie ich sagen würde, eine göttliche Kraft“, sagte Kelly.
Seiner Frau ging es ähnlich. „Sobald sich der Vorhang öffnete und ich die himmlische Welt sah, hatte ich Tränen in den Augen. Ja, es war wirklich wunderschön“, schilderte sie. Die Eröffnungsszene, in der himmlische Gestalten auf die Erde gesandt wurden, weckte in ihr eine Art tief vergrabene Erinnerung: das Gefühl, dass alle Menschen von einem Ort kommen, den sie ihr Zuhause nennen könnten, und immer noch darauf hoffen, dorthin zurückzukehren.
John Kelly, international renommierter irisch-amerikanischer Sänger, Musiker und Komponist, mit seiner Frau, der Sopranistin Maite Itoiz.
Foto: Bartolomé Suau/Epoch Times
Derartige Reaktionen waren in dieser Saison nichts Ungewöhnliches. Auf allen Kontinenten, auf denen Shen Yun auftrat, gab es ähnliche Stimmen aus dem Publikum. Der in Rom tätige römisch-katholische Priester Evilázio Cavalcante besuchte am 15. Februar eine Shen-Yun-Aufführung im Auditorium della Conciliazione, einem Konzertsaal nur wenige Schritte vom Vatikan entfernt. Durch die Vorstellung habe das Publikum die wahren Werte der chinesischen Kultur erleben können, sagte er: Güte und Freundlichkeit. Aus seiner Sicht seien die Zuschauer in eine Art der Besinnung eingetaucht.
„Die Aufführung ist wirklich wunderschön und voller Farben“, sagte er.
Pastor legt nach Bombendrohung 700 Kilometer zurück
Am 8. April flog Pastor Brandon Pringle aus Calgary mit seiner Frau Karina fast 700 Kilometer quer durch Westkanada nach Vancouver, um sich Shen Yun anzusehen. Als einen der Gründe, diesen weiten Weg auf sich zu nehmen, führten die beiden die Bombendrohungen an, die zur Absage der Aufführungen in Toronto Ende März und Anfang April geführt hatten. Sprengstoffe konnte die kanadische Polizei bei den Untersuchungen nach eigenen Angaben nicht finden. Die Drahtzieher hinter den Drohungen stehen laut Ermittlern mit Peking in Verbindung.
Aufgrund des anhaltenden Drucks wurden die Shen-Yun-Vorstellungen seitens des Veranstalters auf den 25. bis 28. Juni verschoben. Sie sollen dann unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. „Wir fühlten uns wirklich gesegnet, als uns unsere Eintrittskarten bestätigt wurden“, schilderte der Pastor.
Shen Yun sorgt für Dominoeffekt
Bei manchen Zuschauern spielt Shen Yun eine derart große Rolle, dass sie ihren Alltag danach ausgerichtet oder Gruppenfahrten organisiert haben. Am 13. Mai, dem Abschlussabend der Japan-Tournee von Shen Yun in Tokio, besuchte ein begeisterter Fan namens Masuo Nobuhisa seine 21. Shen-Yun-Vorstellung in diesem Jahr! Damit erhöhte sich die Anzahl der von ihm gesehenen Aufführungen auf rund 50. Viele Chinesen flogen extra nach Japan, nur um eine Vorstellung von Shen Yun zu sehen, da dies in ihrer Heimat nicht möglich ist.
In Kalifornien brachte ein Professor für Bildende Kunst aus Sacramento, der Shen Yun im Vorjahr gesehen hatte, in diesem Frühjahr 55 seiner Studenten im Rahmen eines Klassenausflugs mit.
In Brasilien machte es die Inhaberin eines Reisebüros am 26. April einer Gruppe von 24 Personen möglich, Shen Yun zu besuchen. Gemeinsam reisten sie aus dem rund 650 Kilometer entfernten Florianópolis an, um die Nachmittagsvorstellung in Curitiba zu sehen. Für die Unternehmerin war es das erste Mal mit einer Gruppe, nachdem sie Shen Yun im Jahr 2024 allein gesehen hatte.
Auch in Frankreich haben lokale Reisebüros damit begonnen, Ausflugspakete rund um die Shen-Yun-Tournee anzubieten. Am 14. März hielten mehr als ein Dutzend Reisebusse an einem einzigen Veranstaltungsort.
In der japanischen Stadt Kamakura kam am 18. April Shoji Tōko, eine Lehrerin für Teezeremonie, zur Aufführung von Shen Yun, was in ihr eine tiefe Trauer erweckte. Warum? Der Weg des Tees, so merkte sie an, habe vor Jahrhunderten von China nach Japan geführt. Beim Anblick der Vorführung habe sich die Lehrerin unentwegt fragen müssen, wie diese Kultur China aus den Händen entgleiten konnte, die es einst der Welt geschenkt hatte.
„Warum haben sie solch großartige chinesische Philosophien und Traditionen einfach aufgegeben?“ Das sei ihr ein Rätsel.
Am 9. Mai war die Krankenschwester Ana Lúcia Chagas Silva zusammen mit ihrem Mann, einem erfahrenen brasilianischen Manager, in Porto Alegre, Brasilien, zu Gast bei Shen Yun. „Vor allem die Schlussszene, in der das Göttliche erscheint, strahlte eine enorme Energie aus“, sagte sie. Sie beschrieb das gelbe Licht, das über die Bühne strömte, als eine Art Brücke: eine Verbindung, die, bereits in jedem Menschen vorhanden sei – man müsse sich nur noch dafür öffnen.
Shen Yun hat die Spielsaison 2026 bereits beendet. Weitere Informationen und Ankündigungen finden Sie auf der offiziellen Website von Shen Yun: de.shenyun.com.
Es ist Jahre her, dass sich ein Kinobesuch wirklich gelohnt hat. Aber die Fortsetzung von „Der Teufel trägt Prada“ ist wirklich anders – und jeden Cent wert. Viele Darsteller der Originalbesetzung sind wieder mit am Start in dieser intelligenten und urkomischen Parodie auf die moderne Unternehmenskultur. Erfreulicherweise ist der Film völlig frei von jeglichen Woke-Signalen.
20 Jahre nachdem Andy Sachs (Anne Hathaway) zum ersten Mal die gnadenlosen Büros des „Runway“-Magazins betrat, liefert dieser Film (Regie: David Frankel, Drehbuch: Aline Brosh McKenna) eine witzige und treffende Fortsetzung.
Er verwandelt das Märchen aus der realen Modewelt in eine pointierte Kritik an der heutigen Medienlandschaft: dem Triumph der Personalbürokratie, der Dominanz der Werbeindustrie, der Raubtiermentalität von Private-Equity-Gesellschaften (Kapitalbeteiligungsgesellschaften) und der „Optimierung“ im McKinsey-Stil.
Meryl Streep, Anne Hathaway, Emily Blunt und Stanley Tucci kehren zurück, um die Machthaber unserer Zeit aufs Korn zu nehmen. Der bissige, satirische Ton und die opulente Produktion machen das Ganze zu einem gelungenen Comeback. Insbesondere Tuccis Mode fiel mir als urkomisch kreativ auf, sollte aber mit einer Warnung versehen werden, dies nicht zu Hause nachzumachen.
Über die Handlung
Andrea „Andy“ Sachs ist mittlerweile eine erfahrene Journalistin geworden, die sich eine Karriere im „echten“ Journalismus aufgebaut hat. Im Zuge des Zusammenbruchs der Branche wird sie dennoch – zusammen mit ihren Kollegen – entlassen. Bezeichnenderweise erhält sie zur gleichen Zeit eine renommierte Auszeichnung. Um jedoch ihren Lebensunterhalt weiterhin bestreiten zu können, kehrt sie widerwillig zu „Runway“ zurück. Sie soll als Ressortleiterin für Reportagen bei der Bewältigung einer PR-Krise helfen, in der das Modemagazin feststeckt.
Meryl Streep kehrt in ihrer Rolle als Miranda Priestly, die herrische Chefredakteurin, zurück, die im Lauf der Zeit und dank ihrer Erfahrungen in ihrem Privatleben etwas milder geworden ist.
Auch Emily Charlton (Emily Blunt) ist wieder mit im Boot und mit ihr der alte Groll aus der alten „Runway“-Zeit. Emily ist inzwischen zur Leiterin des Luxuseinzelhandels bei Dior geworden und pflegt ihre alte Sehnsucht nach Rache.
Ebenfalls erneut dabei ist Stanley Tucci in seiner Rolle als Nigel Kipling, Mirandas loyale rechte Hand. Er punktet mit Witz und Weisheit, während er seine Chefin beinahe andächtig verehrt.
Meryl Streep als Miranda Priestly und Stanley Tucci als Nigel Kipling brillieren auch im zweiten Teil von „Der Teufel trägt Prada“.
Schon früh wird Andy Sachs mit dem ersten „Overlord“ konfrontiert: der modernen Personalabteilung. Im Original von 2006 holten Assistentinnen noch ohne Klagen Kaffee und hängten Mäntel auf. Nun verbieten Unternehmensrichtlinien solche Bitten, um jeglichen Anschein von Hierarchie oder Ausbeutung zu vermeiden.
Andys harmloser Hinweis, dass ein Nachwuchsmitarbeiter ihr mit dem Mantel behilflich sein könnte, löst eine passiv-aggressive Intervention der Personalabteilung aus, inklusive Broschüren zum Sensibilisierungstraining und indirekter Ermahnungen zur „psychologischen Stabilität“.
Es ist ein rasant komischer Mikrokosmos der heutigen Arbeitswelt, die offene Tyrannei gegen bürokratische Erstickung eingetauscht hat. Miranda verdreht die Augen, doch sie muss sich selbst durch den Formulardschungel kämpfen. Der Grundtenor ist gesetzt: Der Teufel hängt nun ordentlich seine Mäntel selbst auf, trägt Business Casual und zitiert die Richtlinien.
Der zweite „Overlord“
Als Nächstes kommen die Werbekunden, der zweite „Overlord“. Ein großer Skandal bricht aus, als „Runway“ eine Fast-Fashion-Marke lobt, die später wegen Arbeitsrechtsverletzungen angeprangert wird. Sponsoren drohen mit Rückzug und zwingen Miranda zum Einlenken. So läuft es eben. Alle kennen das Spiel: Wer zahlt, hat das Sagen.
Andy beobachtet entsetzt, wie die redaktionelle Unabhängigkeit schwindet: „Ohne Anzeigenkunden gäbe es uns nicht mehr“, erklärt Miranda mit müdem Pragmatismus. Der Film zeigt klug, wie der Druck, Einnahmen zu generieren, einst unabhängige Publikationen entmachtet.
Reale Entsprechungen gibt es in Hülle und Fülle. Man denke nur an traditionsreiche Magazine wie „Vogue“, die ein Gleichgewicht zwischen anspruchsvollen Inhalten, Partnerschaften mit Luxusmarken und digitalen Kennzahlen finden mussten. Im Übrigen die Inspiration für „Runway“ mit Miranda als eine Art überzeichneter Anna Wintour [Anm. d. Red.: frühere Chefredakteurin der US-amerikanischen Ausgabe der „Vogue“].
Dasselbe gilt für alle großen Medien heutzutage. Denken Sie bei jedem Medienhype um eine Krankheit einmal darüber nach – und wohin dies führt.
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Der dritte „Overlord“
Die ultimative Bedrohung geht von den fremdfinanzierten Private-Equity-Bossen aus.
Irv Ravitz (Tibor Feldman, in seiner Paraderolle), langjähriger Vorstandsvorsitzender der „Runway“-Muttergesellschaft Elias-Clarke, stirbt plötzlich. Das kommt einem bekannt vor! Sein verwöhnter und hochmütiger Sohn Jay Ravitz (B. J. Novak), ein lächerlicher, unkultivierter Versager in Sportkleidung, übernimmt den Medienkonzern.
Niemand mag ihn. Das ist ihm egal. Denn jeder muss ihm gehorchen.
Die beiden Protagonistinnen: Miranda Priestly (Meryl Streep) (links) und Andy Sachs (Anne Hathaway) in 20th Century Studios Film „Der Teufel trägt Prada 2“.
Jay Ravitz engagiert sofort Berater von McKinsey, um das Unternehmen „umzustrukturieren“. Diese mit Klemmbrettern bewaffneten MBA-Manager – einer von ihnen prahlt selbstgefällig mit seiner Harvard-Ausbildung – schlagen drastische Budgetkürzungen, Personalabbau und eine Neuausrichtung auf „digital first“ vor. Auch das „Biest“ der Kostenoptimierung soll freigesetzt werden. Die Berater bedienen sich modischer Worthülsen, die mit der eigentlichen Realität kaum noch etwas zu tun haben.
Komplott mit dem Tech-Bro
Dass Miranda nun in der Economy Class fliegt, wird zum Running Gag. Unterdessen verkörpern die Berater jene seelenlose Effizienz, die schon ganze Medienimperien ausgehöhlt hat, ganz zu schweigen von Finanzunternehmen, Tierarztpraxen und sogar Bowlingbahnen.
B. J. Novak spielt Jay mit unerträglicher Selbstgerechtigkeit und macht ihn so zum perfekten Sündenbock der Antivetternwirtschaft- und Anticonsulting(berater)-Satire des Films.
Andy, die sich auf ihre journalistischen Ideale besinnt, tut sich mit Emily zusammen, um die Übernahme abzuwehren. Sie holen Emilys milliardenschweren Freund ins Boot, den von Justin Theroux verkörperten Benji Barnes – einen durchtrainierten, aber etwas schrägen Tech-Typen mit einem Bezos-ähnlichen Lachen, eitlen Prestigeprojekten und transhumanistischen Fantasien zur Cocktailstunde, wie wir etwa in Zukunft keine Hälse mehr brauchen würden.
Doch Verrat lauert. Emilys Allianz verbirgt nur ihre Rachegelüste. Miranda hatte sie einst ins Abseits gestellt – „Du bist keine Visionärin; du bist eine Verkäuferin“ – und sie zu Dior gedrängt. Emily will, dass Benji „Runway“ kauft, damit sie selbst auf dem Cover erscheint. Der Plan scheitert während eines hochkarätigen Modeevents in Italien, inklusive Judas-Symbolik und emotionaler Konfrontationen.
Die Rettung naht
Dann kommt die überraschende Rettung in Form von Banjis geschiedener Frau Sasha Barnes (Lucy Liu). Die wohlhabende, idealistische und altruistische Philanthropin überbietet Benji für die Mehrheitsbeteiligung und bewahrt ein Stück redaktionelle Seele unter einem wohlwollenderen Eigentümer. Es ist eine Fantasielösung, aber eine befriedigende, die den Figuren erlaubt, ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Auch bringen völlig neue Charaktere Würze ins Geschehen, wie Andys neuer Freund Peter, ein bodenständiger australischer Immobilienentwickler, gespielt von Patrick Brammall. Ihn beschäftigt, dass er in seinem Job bei der Sanierung älterer Wohnhäuser Schönheit und Geschichte zerstören muss. Dagegen kann er nichts tun – so verdient er seinen Lebensunterhalt –, aber zumindest bedauert er es. Dann gibt es noch einige Gastauftritte, unter anderem von Lady Gaga, die sich selbst spielt.
Mehr als eine seichte Komödie
Thematisch brilliert „Der Teufel trägt Prada 2“ als Unternehmenssatire. Er spießt auf, wie die Personalabteilung Arbeitsplätze infantilisiert hat, Werbekunden Inhalte diktieren, Private Equity die Kultur aushöhlt und mit Tabellenkalkulationen bewaffnete Berater tatsächliches Fachwissen zerstören.
Reale Parallelen finden sich überall: die Kämpfe von Condé Nast, „Vogues“ Pakt mit Milliardären, die „Washington Post“ unter der Herrschaft von Technologiekonzernen und mit Finanzierung durch die Pharmaindustrie oder die unzähligen Übernahmen kleiner Familienbetriebe. Denn das gilt ja nicht nur für die Medien, sondern auch für Sport, Medizin, Lebensmittel und jeden anderen Sektor. Wo sind Wahrheit und Schönheit geblieben?
Die aus der Nullzinspolitik geborene Finanzialisierung [Anm. d. Red.: alles in materielle Werte umzumünzen] hat den zivilisierten Handel in ein räuberisches Casino verwandelt, das sich nicht um Prinzipien, Schönheit, Anstand, Lebenserfahrung oder vernünftiges Handeln schert.
Miranda entwickelt sich von der reinen Schurkin zur bedrängten Hüterin der Exzellenz, die durch ihre Ehe und stille Entschuldigungen menschlicher wird. Andy wächst zu einer pragmatischen Idealistin heran.
Es ist kein revolutionäres Kino, aber in einer Ära des schwindenden Printsektors und des KI-Mülls ist seine Verteidigung von Handwerk, Schönheit und Unabhängigkeit hochaktuell. Letztlich hat mich der Film angesprochen und mir viele Momente herzlichen Lachens beschert – mit erfreulich wenigen unnötigen Vulgaritäten und moralischen Verwerfungen.
„Der Teufel trägt Prada 2“ ist ein glänzender Erfolg. Er erinnert daran, warum der erste Teil so gut war, und aktualisiert dessen Gesellschaftskritik für die Realitäten des Jahres 2026. Die Teufel haben neue Anzüge – HR-Lanyards (Schlüsselbänder der Personalabteilung), Präsentationsfolien und Privatjetlisten –, doch der Kampf um Wahrhaftigkeit bleibt. Der Film ist sehenswert wegen der Lacher, der Mode und der überraschend scharfsinnigen Kommentare.
Die taiwanesische Schriftstellerin Yang Shuang-zi (l) mit ihrem Buch „Taiwan Travelogue“ neben ihrer Übersetzerin Lin King (r) bei einem Auftritt an der SOAS in London am 18. Mai 2026, am Vorabend der Bekanntgabe des International Booker Prize 2026. - Foto: Adrian Dennis/AFP via Getty Images
Der International Booker Prize geht in diesem Jahr an die Taiwanerin Yang Shuang-zi für die englische Übersetzung ihres Romans „Taiwan Travelogue“.
Die beiden Deutschen auf der Shortlist gehen leer aus. Shida Bazyar war mit ihrem Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ von 2016 angetreten und Daniel Kehlmann mit dem 2023 auf Deutsch erschienenen Roman „Lichtspiel“.
Ausgezeichnet werden ins Englische übersetzte Bücher. Sowohl Romane als auch Kurzgeschichten-Sammlungen können eingereicht werden.
„Taiwan Travelogue“ spielt in dem von Japan besetzten Taiwan der 30er-Jahre. Im Fokus stehen zwei Frauen: die eine Autorin aus Japan, die andere eine lokale Übersetzerin.
Sie bereisen das Land zusammen und teilen nicht nur ihre Leidenschaft für kulinarische Genüsse, sondern lernen sich auch lieben. Doch die von Unterdrückung geprägten politischen Verhältnisse haben auch ihre Auswirkungen auf die Beziehung der beiden.
„Die Literatur kann sich von Grund auf nicht von der Politik lösen“, sagte Yang Shuang-zi bei der Preisverleihung im Londoner Kunstmuseum Tate Modern.
Taiwan habe im Laufe der Zeit unter verschiedenen kolonialen Mächten gelitten und die Bedrohung durch Invasionen erduldet, betonte sie und fügte hinzu: „Ich glaube an die Kraft der Literatur.“
Der International Booker Prize ist einer der renommiertesten Literaturpreise weltweit und mit 50.000 Pfund (etwa 58.000 Euro) dotiert, die je zur Hälfte an die Autorin oder den Autor und Übersetzerin oder Übersetzer gehen.
Auch jeder der Shortlist-Nominierten erhält ein Preisgeld von 2.500 Pfund (etwa 2.900 Pfund). Wichtiger als das Geld dürfte aber der Schub für das Renommee auf einer internationalen Bühne sein.
„Sowohl dem Preisträger als auch den für die Shortlist nominierten Autoren ist eine weltweite Leserschaft sicher und sie können mit einem dramatischen Anstieg ihrer Bücherverkäufe rechnen“, ist auf der Booker-Webseite zu lesen.
Dass mit Bazyar und Kehlmann zwei Deutsche in der engeren Auswahl standen, wurde in deutschen Feuilletonspalten als „bemerkenswerter Wendepunkt“ („Süddeutsche Zeitung“) in der Wahrnehmung deutscher Literatur im Ausland gefeiert. Die „Zeit“ hatte den beiden schon vorab jeweils eine Laudatio gewidmet.
Der Preis soll Leser in Großbritannien dazu bringen, mehr „hochwertige Belletristik aus aller Welt zu lesen“, heißt es auf der Webseite. Beachtung findet er jedoch weit über Großbritannien hinaus. (dpa/red)
Der italienische Journalist Ezio Gavazzeni stellte am 24. März 2026 in Rom sein Buch „Snipers of the weekend“ vor. Es dreht sich um ausländische „Wochenend-Scharfschützen“, die die bosnisch-serbische Armee dafür bezahlten, während der Belagerung von Sarajevo in den 1990er Jahren auf Zivilisten zu schießen. - Foto: Filippo Monteforte/AFP via Getty Images
Mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Bosnienkriegs hat die Justiz in Österreich Ermittlungen gegen zwei Verdächtige aufgenommen, die als so genannte Wochenend-Scharfschützen auf Zivilisten im belagerten Sarajevo geschossen haben sollen.
Die Ermittlungen liefen seit dem 25. April gegen einen österreichischen Staatsbürger und einen weiteren bislang nicht identifizierten Verdächtigen, teilte das Justizministerium in Wien mit.
Seit dem Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic aus dem Jahr 2022 waren verstärkt Mutmaßungen über Reisen von „Wochenend-Scharfschützen“ in den Jahren 1993 bis 1995 angestellt worden.
Diese sollen während des Bosnienkriegs den damaligen bosnisch-serbischen Streitkräften hohe Summen gezahlt haben, um in Sarajevo einige Tage auf Zivilisten schießen zu können.
Frühere Bürgermeisterin erstattet Anzeige
Die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karic, erstattete nach der Ausstrahlung des Dokumentarfilms in Bosnien Anzeige, die Staatsanwaltschaft in Sarajevo ermittelt wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen.
In seinem im März erschienen Buch „I Cecchini del Weekend“ (Wochenend-Scharfschützen) zitiert der italienische Journalist Ezio Gavazzeni einen Franzosen, der kleine Gruppen dieser zahlenden „Kriegstouristen“ begleitet haben will.
Diese stammten demnach aus Italien, Frankreich, Belgien, der Schweiz, Österreich und Russland. Organisiert wurden die Reisen dem Buch zufolge von einem Unternehmen in Mailand. Laut dem Franzosen waren die Kunden zumeist älter als 50 Jahre und wohlhabend.
Politikerin: Menschen bezahlten offenbar dafür, um auf Menschen zu schießen
Die ehemalige österreichische Justizministerin Alma Zadic begrüßte die Ermittlungen. „Bei den Vorwürfen handelt sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Es darf keinen Platz für Straflosigkeit geben“, erklärte die Grünen-Politikerin laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA.
„Dass Menschen offenbar dafür bezahlt haben sollen, gezielt auf Zivilistinnen und Zivilisten, sogar auf Kinder, zu schießen, ist kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit.“
Die vierjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo durch die bosnischen Serben gehört zu den Ereignissen des Bosnien-Krieges. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie auf den umliegenden Hügeln wurden in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt von April 1992 bis November 1995 etwa 11.500 Männer, Frauen und Kinder getötet und mehr als 50.000 Menschen verletzt.(afp/red)
Bob Dylan hat Musikgeschichte geschrieben - und noch mehr. - Foto: Chris Pizzello/AP/dpa
Er ist einer der bekanntesten Sänger und Songwriter der Welt und auch im hohen Alter weiter auf Tour: Bob Dylan feiert am Sonntag seinen 85. Geburtstag. Trotz schätzungsweise mehr als 125 Millionen verkaufter Alben und zahlreicher Auszeichnungen für seine mehr als 600 Songs gilt Dylan als rätselhaft und undurchschaubar.
Protestsänger, Lagerfeuer-Legende, Rockstar, Prophet: Es gibt kein Etikett, das Bob Dylan nicht aufgeklebt wurde. Doch er hat es immer abgelehnt, sich festlegen zu lassen: privat, politisch und vor allem künstlerisch.
„I’m a man of contradictions, I’m a man of many moods, I contain multitudes“ (Ich bin ein Mensch voller Widersprüche, ich bin ein Mensch mit vielen Stimmungen, in mir stecken viele Facetten), singt Dylan auf seinem letzten Studioalbum „Rough and Rowdy Ways“ von 2020.
Dylan gehört wie die Rolling Stones zu jener Garde von Musikern, die einfach immer weitermachen. Doch unter den Überlebenden seiner als glorreich gefeierten Generation ist er wohl derjenige, der sich am wenigsten um den Ruhm früherer Tage schert. Seine Konzerte gleichen noch heute einer Wundertüte. Wenn er seine alten Hits spielt, dann abgewandelt.
„Meine Songs sind meine persönliche Musik – es sind keine gemeinschaftlichen Veranstaltungen“, sagte er einmal dem Magazin „Rolling Stone“. „Ich schreibe keine Songs fürs Lagerfeuer.“
Für einen Musiker, dessen Songs bis heute zum Grillabend-Repertoire gehören, mag die Aussage verblüffen. Doch Dylan war schon immer ein Künstler, der mit Brüchen und Wendungen auffiel.
Bob Dylan wurde am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman im Bundesstaat Minnesota im Mittleren Westen in eine jüdische Familie geboren. Anfang der 1960er Jahre ging er nach New York und mischte mit schnarrender Stimme, Gitarre und Mundharmonika die Folkszene auf.
Mit Songs wie „Blowin‘ In The Wind“ und „The Times They Are A-Changin’“ stieg er zu einer Ikone der Bürgerrechts- und Friedensbewegung auf. Zugleich bestritt er, Sprecher seiner Generation zu sein.
Dann leistete sich Dylan das Unerhörte: Beim Newport-Folkfestival 1965 zückte er eine elektrische Gitarre und wurde von seinen Fans ausgebuht. Dem Pionier war’s egal – er war in die Dimension des Folk-Rock vorgestoßen. Sein Song „Like A Rolling Stone“ gilt als ein Meisterwerk aus dieser Zeit.
Ein schwerer Motorradunfall zwang Dylan ab 1966 zu einer Schaffenspause. Nicht alle seine Alben in den Folgejahren erreichten früheres Niveau. Dennoch schrieb er Klassiker wie „Knockin‘ On Heaven’s Door“ oder „All Along the Watchtower“, die vielfach gecovert wurden.
Ende der 70er Jahre verstörte er erneut. Er bezeichnete sich als „wiedergeborener Christ“ und brachte entsprechende Alben heraus. An diese Zeit erinnert unter anderem sein Gospelsong „Gotta Serve Somebody“, für den er 1980 einen seiner zehn Grammys erhielt. Im Jahr 2001 heimste er für „Things Have Changed“ zudem einen Oscar ein.
Im Jahr 2016 wurde Dylan als erster Musiker überhaupt mit dem Literatur-Nobelpreis geadelt, weil er laut Jury „innerhalb der großen amerikanischen Liedtradition neue poetische Ausdrucksformen geschaffen hat“.
Er reagierte zunächst mit Schweigen und nahm die Auszeichnung schließlich sechs Monate später unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Empfang.
Von Dylans mysteriöser Art handelt auch der biographische Film „A Complete Unknown“ von 2024, in dem Schauspieler Timothée Chalamet den Musiker gibt. Darin wird seine Beziehung zu Folk-Legende Joan Baez beleuchtet, die unter den Zurückweisungen litt.
Statt Baez heiratete Dylan nacheinander zwei andere Frauen und hatte mit ihnen sechs Kinder. Sein 1969 geborener Sohn Jakob Dylan ist selbst Musiker und brachte es zu einigem Erfolg.
In vielen Songs hat sich Bob Dylan mit der Vergänglichkeit befasst. „Ich schlafe mit dem Leben und dem Tod im selben Bett“, singt er in „I Contain Multitudes“. „Jedes menschliche Wesen, egal wie stark oder mächtig, ist schwach, wenn es um den Tod geht“, sagte er vor einigen Jahren in einem Interview.
Als Musiklegende ist Dylan ohnehin unsterblich. Das lässt sich auch finanziell messen: Sein Wert wird auf 500 Millionen Dollar geschätzt. Damit ist er einer der reichsten Musiker weltweit. (afp/red)
Für das Theatertreffen werden jährlich die „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ nach Berlin eingeladen. (Archivbild) - Foto: Jens Kalaene/dpa
Das Berliner Theatertreffen verzichtet in den nächsten beiden Jahren auf die Frauenquote. Für das Bühnenfestival werden die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt. Seit 2020 galt dabei, dass mindestens die Hälfte von Frauen oder überwiegend weiblichen Kollektiven stammen muss.
„Die neue Jury hat sich nach ausgiebiger Beratung entschieden, für die Festivalausgaben 2027 und 2028 ohne Frauenquote zu sichten und einzuladen“, teilte das Festival zum Abschluss des diesjährigen Theatertreffens am Sonntagabend mit. Mehrere Medien berichteten darüber.
Zwei Jurymitglieder erklärten in der Zeitung „Welt“ und auf dem Kritikerportal „Nachtkritik“, was ihrer Meinung nach für die Entscheidung spricht. Der Anteil von Regisseurinnen im Theater sei zum Beispiel gestiegen, außerdem gebe es non-binäre Regieführende. Eine Quote bedeute immer auch, dass bei der Juryauswahl eben doch ein weiteres Kriterium zähle. Und brauche es dann nicht auch Quoten für andere Eigenschaften?
Jurymitglied: „Uneingeschränkt das künstlerisch Bemerkenswerte“
„Es wird im nächsten Jahr wieder uneingeschränkt um das künstlerisch Bemerkenswerte gehen, egal von wem“, schrieb Jurymitglied Jakob Hayner in der „Welt“. „Und es wird darum gehen, genauer hinzuschauen, was aus Sicht der Kritik im Betrieb für wen gut oder schlecht läuft.“
Denn beim nächsten Theatertreffen werde die Jury „ihre Beobachtungen und Sichtungserfahrungen zu strukturellen Ungleichheiten“ mit der Öffentlichkeit teilen, teilte das Festival mit.
Die Frauenquote war 2019 eingeführt worden für die Festivalausgaben 2020 und 2021. Für jedes weitere Jahr sei sie dann von der jeweils amtierenden Jury neu beraten und beschlossen worden. (dpa/red)