Categories
gesellschaft ticker

Emotionale Debatte im Bundestag: Neuer Anlauf für Widerspruchsregelung zur Organspende

Kann man Schweigen als Zustimmung zur Organspende zählen? Kann man Menschen verpflichten, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen?
Das sind Fragen, die momentan die Politik beschäftigen. Am Donnerstag, 24. September, wurde in erster Lesung im Bundestag über einen neuen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf zur Einführung einer sogenannten Widerspruchsregelung debattiert.
Demnach würde künftig in Deutschland jede volljährige und einwilligungsfähige Person als Organspender gelten, die einer Organspende nicht ausdrücklich widersprochen hat – ein Weg, der im Jahr 2020 nicht die notwendige Mehrheit im Bundestag fand und von Patientenschützern abgelehnt wird.
Ein weiterer diskutierter Antrag setzt auf die Freiwilligkeit der Organspende und vermehrte Aufklärung. Im Ziel sind sich beide fraktionsübergreifende Gruppen von Abgeordneten einig: Die Anzahl der benötigten Organspenden soll erhöht werden.

Das Dilemma

Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen und Vertreter des Bundesrates, verwies in der Debatte auf ein Dilemma: Es würden einfach zu wenig Menschen ihre Einstellung zur Organspende dokumentieren. Und daher begrüße es der Bundesrat, dass sich der Bundestag auch in dieser Wahlperiode mit dem Thema Organspende befasse. Eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende sei zumutbar, so Laumann.
Auch andere Befürworter der Widerspruchsregelung argumentierten, dass sich jeder Mensch, der entscheidungsfähig sei, zumindest einmal in seinem Leben mit der Frage auseinandersetzen und seinen Willen dokumentieren solle, ob er seine Organe spenden will oder nicht.
Konsens unter den Befürwortern der Widerspruchslösung herrschte in dem Punkt, dass diese allein nicht ausreiche, um die Anzahl der Organspenden zu erhöhen. Auch die Strukturen in Krankenhäusern, Personal und Aufklärung müssten entsprechend ausgebaut werden.
Es gehe darum, an „Stellschrauben“ zu drehen, wie Sabine Dittmar (SPD) es zur Eröffnung der Debatte nannte.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Transplantationsorgane aus Nachbarländern

Während der Debatte führten gleich mehrere Politiker Einzelschicksale an, die untermauern sollten, warum sie sich für oder gegen die Widerspruchsregelung positionieren.
Der Abgeordnete Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen) sprach von seiner Freundin Anke, deren Leben durch eine Spenderleber um 17 Jahre verlängert worden sei. In vielen europäischen Nachbarländern gelte bereits die Widerspruchsregelung. „Deutschland geht einen Sonderweg, profitiert aber überdurchschnittlich von Organspenden aus dem Ausland. Das ist für mich ethisch schwer zu rechtfertigen“, sagte Kellner.
Ähnlich sieht es Stefan Schwartze (SPD), Patientenbeauftragter der Bundesregierung.
„Wir beziehen die Organe aus Ländern, die dort nach den Regeln einer Widerspruchsregelung entnommen wurden. Ein System, wie wir es bei uns selber scheuen“, so Schwartze.
Er erzählte von der 16-jährigen Lilly, die ebenfalls dringend eine neue Leber benötigte und am Tag der Debatte ihren „zweiten Geburtstag“ feierte. Die Widerspruchsregelung sei „kein Allheilmittel“, aber eine zentrale Maßnahme, um Spenden zu erhöhen.

Menschenleben retten

Alexis Giersch (AfD) weiß aus seiner Erfahrung als Rettungsassistent, dass das Thema Organspende für Betroffene „keine abstrakte politische Debatte“ sei. Für ihn steht im Vordergrund, Menschenleben zu retten.
„Die Argumente für die Beibehaltung der Zustimmungslösung kann ich zwar nachvollziehen, aber nach intensiver Abwägung und intensivem Nachdenken sind die Argumente für die Einführung der Widerspruchslösung für mich überzeugender“, so der AfD-Politiker.

Keine Stigmatisierung

Bodo Ramelow (Die Linke) musste sich nach eigenen Angaben selbst als Vater seines schwer kranken Sohnes mit der Frage der Knochenmarkspende auseinandersetzen. Er warb nicht nur dafür, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, sondern auch, über eine Knochenmarkspende nachzudenken und sich registrieren zu lassen.
Aber auch ein „Nein“ zu einer Blut- oder Organentnahme müsse respektiert werden. „Es darf nicht zu einer Stigmatisierung führen“, so Ramelow.

Eine „lästige“ Entscheidung

Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) vertrat die Auffassung, dass die Freiwilligkeit der Spende „absolut gewahrt und unangetastet“ bleibe.
„Und deshalb beschränkt sich der Eingriff in eine vielleicht lästige, aber letztlich wenig aufwendige Obliegenheit, sich zu entscheiden und sich zu erklären“, so Winkelmeier-Becker.
Wer diese Entscheidung zur Organspende zu Lebzeiten nicht treffe, fordere viel von den Angehörigen, die dann die Entscheidung übernehmen müssten. Hirntote, die nicht als Spender freigegeben werden, würden mit ihren Organen verbrannt – dabei könne man damit noch Leben retten.

Fachgesellschaften für Widerspruchsregelung

Der CSU-Politiker und Intensivmediziner Prof. Dr. Hans Theiss verwies auf die Sicht diverser medizinischer Fachgesellschaften.
Die Widerspruchsregelung sei „der entscheidende Mosaikstein“, der in Deutschland fehle. Aber erst bei einem „Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen, wie intensiver Aufklärung, Optimierung der Klinikstrukturen und einer guten Transplantationskoordination“ entfalte sie ihre volle Wirkung.
Zusätzlich verwies Theiss darauf, dass im Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung keine Organentnahme nach dem Herztod vorgesehen sei, wie sie etwa in einem Positionspapier der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin angeregt wurde. „Nein, unser Antrag hält am Hirntodkonzept fest.“

Recht auf körperliche Unversehrtheit

Martin Sichert und Dr. Christina Baum (beide AfD) hingegen plädierten für eine freiwillige, bewusste Entscheidung der Menschen. In der Debatte stellten sie die zentrale Voraussetzung für die Organspende infrage: die aus ihrer Sicht fragwürdige Hirntoddefinition. „Niemand weiß, was mit der Seele beim Hirntod passiert oder was der Mensch mitbekommt“, so Sichert.
Dazu führte er das Schicksal des 1991 geborenen Max Siegel an. Seine Mutter war elf Wochen vor seiner Geburt für hirntot erklärt worden – und trotzdem kam ihr Sohn unter Wehen per Kaiserschnitt zur Welt. In diesen Tagen feiert Siegel seinen 35. Geburtstag.
Baum bezeichnete unter Verweis auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf körperliche Unversehrtheit die Widerspruchsregelung als „einen gezielten Übergriff auf die körperliche Selbstbestimmung des Menschen“.
„Wer das Individuum dem Kollektiv unterordnet und sein Schweigen gegen ihn verwendet, folgt der Handschrift kommunistischer Systeme, nicht der eines freien Rechtsstaates“, argumentierte sie.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Menschenwürde über den Tod hinaus

Sven Lehmann (Grüne) warnte vor einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung. „Ein Mensch sollte nur selbst über seinen Körper verfügen. Die Widerspruchsregelung hingegen bedeutet im Kern nichts anderes als eine Vergesellschaftung des Körpers“, so Lehmann.
Es sei legitim, wenn man sich nicht mit dem Tod und der Frage nach der Organspende beschäftigen wolle.
Ebenso habe der Mensch „postmortale Persönlichkeitsrechte“. Die Menschenwürde ende nicht mit dem Tod – sonst bräuchte es auch keine Gesetze gegen die Störung der Totenruhe.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Vertrauen stärken

Michael Brand (CDU) verwies auf Menschen in schwierigen Lebenslagen, etwa Obdachlose oder Menschen mit Sprach- oder Leseproblemen, die zwar entscheidungsfähig seien, aber sich nicht melden und so unfreiwillig per Gesetz zum Organspender erklärt werden würden. Er selbst habe versucht, sich im Onlineregister anzumelden. Erst beim dritten Versuch habe es geklappt.
In Zeiten, in denen man selbst bei Internetnutzung ständig seine Zustimmung erklären müsse, bei so einem wichtigen Punkt wie der Organspende den Spieß plötzlich umdrehe, könne er nicht nachvollziehen.
Wer mehr Organe wolle, müsse Vertrauen stärken, nicht Zweifel säen. „Vertrauen ist der Rohstoff der Organspende und sie ist eine höchstpersönliche Entscheidung“, so Brand.
Mit „vernünftigen Onlinekampagnen“ zur Information könne man mehr Menschen erreichen, vorrangig die jüngere Generation.
In den nächsten Wochen soll nun  im federführenden Gesundheitsausschuss über die Vorlagen beraten werden. Wann es zu einer endgültigen Abstimmung im Plenum kommt, steht bislang nicht fest.
Der Gesetzentwurf für die Widerspruchsregelung wurde von 254 Abgeordneten eingebracht. Welches Mehrheitsverhältnis sich am Ende im Bundestag mit seinen insgesamt 630 Abgeordneten zeigt, bleibt abzuwarten.
Mit Material der Nachrichtenagenturen
Categories
deutschland ticker

Dauerthema Organspende: Neuer Anlauf für Widerspruchsregelung

Tausende schwer kranke Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. Um den Bedarf an Organspenden zu decken, wird seit Jahren in der Politik nach Lösungen gesucht.
Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Bundestagsabgeordneten wirbt für die Einführung der sogenannten Widerspruchsregelung. Ein entsprechender Gesetzentwurf wird am Donnerstag (24.9.) erstmals im Bundestag diskutiert werden.

Wie sieht die derzeitige Rechtslage aus?

Organe dürfen nur entnommen werden, wenn die betroffene Person zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat – etwa durch die Eintragung im Organspende-Register, durch einen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung.
Liegt ein solches Dokument nicht vor, werden die Hinterbliebenen gebeten, eine Entscheidung im Sinne der oder des Verstorbenen zu treffen. Diese Entscheidung ist für die Angehörigen oftmals emotional sehr belastend.

Warum soll daran etwas geändert werden?

Aktuell stehen in Deutschland mehr als 8.000 Patientinnen und Patienten auf der Warteliste für eine Organtransplantation. Dagegen werden seit Jahren jeweils nur weniger als 1.000 Menschen hierzulande nach ihrem Tod zu Organspendern.
In den vergangenen Jahren setzte die Politik immer wieder Anreize, um mehr Menschen dazu zu bringen, sich als Organspender registrieren zu lassen. Der erwünschte Erfolg blieb aber weitgehend aus.

Wie sieht die geplante Neuregelung aus?

Das nun vorgelegte Modell sieht eine Umkehr vor: Künftig soll grundsätzlich jeder geschäftsfähige Erwachsene als Organspender gelten. Wer das nicht will, muss seinen Widerspruch dokumentieren – etwa im Organspenderegister.
Deswegen bezeichnen die Initiatoren des Bundestagsantrags von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linke das Modell als Widerspruchsregelung. Der Kreis der potenziellen Spender würde damit deutlich vergrößert. Die Initiatoren verweisen auf Umfragen, denen zufolge die meisten Menschen zu einer Organspende bereit wären; den Schritt, sich als spendenbereit registrieren zu lassen, gehen viele aber nicht.

Wie geht es nun weiter?

Nach der Diskussion über die sogenannte Widerspruchsregelung im Plenum des Bundestags am 24. September erfolgen weitere Beratung in den Ausschüssen, ehe er dann voraussichtlich in einigen Wochen zur finalen Abstimmung zurück ins Plenum kommt.
Bislang haben 254 Abgeordnete den Antrag unterzeichnet – mehr als ein Drittel der 630 Abgeordneten. Die Schlussabstimmung wird voraussichtlich ohne Fraktionszwang erfolgen, als Gewissensentscheidung, wie das bei medizinethischen Themen oft der Fall ist. In Kraft treten soll die Neuregelung – nach einer längeren Übergangsfrist – Anfang 2030.
Bei einer Abstimmung 2020 hatte das Widerspruchsmodell im Bundestag allerdings keine Mehrheit gefunden. Die Initiatoren rechnen sich für eine neue Abstimmung bessere Chancen aus.

Was monieren Kritiker?

Das Widerspruchsmodell wirft schwierige ethische und rechtliche Fragen auf: Kann das Fehlen eines Widerspruchs gegen die Organspende wirklich als eine Art stillschweigende Zustimmung gewertet werden? Dem Bundestag liegt auch ein Antrag von Gegnern der Widerspruchsregelung vor, dem sich knapp 60 Abgeordnete von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken angeschlossen haben.
Sie betonen, es gebe eine große Spendenbereitschaft in der Bevölkerung, die sich aber noch nicht in den Zahlen des Spendenregisters widerspiegle. Es bestehe kein Problem in der Bereitschaft der Bevölkerung, sondern bei der praktischen Umsetzung.
Mehr Information und bessere Aufklärung über die Organspende seien nun nötig, damit Menschen eine freiwillige Entscheidung treffen und diese Entscheidung dokumentieren könnten.  (afp/red)
Categories
ausland ticker

Organspende-Diskussion: CSU-Gesundheitsexperte zieht Vergleich zu Corona

In der Diskussion um neue Wege bei der Organspende hat der CSU-Gesundheitsexperte Stephan Pilsinger Vergleiche zur Corona-Krise gezogen. „Mich erinnert die Debatte teilweise an die Impfpflichtdiskussion während Corona“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses der „Augsburger Allgemeinen“ (Dienstagsausgabe). Der CSU-Politiker hat zusammen mit dem SPD-Abgeordneten Lars Castellucci eine Gegeninitiative zum fraktionsübergreifenden Gruppenantrag für eine Widerspruchslösung bei der Organspende eingebracht.
„Man suggeriert mit einem weitreichenden Eingriff in die individuelle Freiheit eine einfache Lösung für ein komplexes Problem, ohne sicher belegen zu können, dass dieser Eingriff das versprochene Ergebnis überhaupt erzielt“, begründete Pilsinger seinen Vergleich mit der Debatte um die Corona-Impfpflicht. Er äußerte zudem verfassungsrechtliche Zweifel bei einer Widerspruchslösung. „Nicht zu widersprechen kann niemals dasselbe sein wie zuzustimmen.“
„Nicht jeder Mensch ist aufgrund seiner persönlichen, intellektuellen oder psychischen Situation gleichermaßen in der Lage, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und aktiv zu widersprechen“, sagte der CSU-Politiker weiter. „Gerade bei einem so höchstpersönlichen Eingriff darf der Staat Schweigen nicht als Zustimmung interpretieren.“
Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten hatte in der vergangenen Woche einen Gesetzentwurf für die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende im Bundestag eingebracht. Jeder, der nicht aktiv widerspricht, würde damit zum Organspender. Bisher ist es andersherum: Nur wer ausdrücklich zugestimmt hat oder wessen Angehörige zustimmen, wird zum Organspender.
Den eingebrachten Gesetzentwurf für die Widerspruchslösung haben fast 250 Abgeordnete von Union, SPD, Grünen und Linke unterzeichnet. Ein erste Lesung könnte nach der parlamentarischen Sommerpause im September stattfinden. Es gibt aber auch Widerstand im Parlament, unter anderem von Pilsinger.
AFP
Categories
gesellschaft ticker

Bundestag ringt erneut um Widerspruchslösung bei Organspende


In Kürze:

  • Der Bundestag debattiert erneut über die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende.
  • Befürworter und Gegner der Reform finden sich quer durch nahezu alle Fraktionen.
  • Der Streitpunkt ist in erster Linie das Verhältnis zwischen Lebensrettung und Selbstbestimmungsrecht.
  • Mehrere Redner sehen die eigentlichen Defizite in der Organisation der Transplantationsmedizin.
  • Ein früherer Anlauf zur Einführung der Widerspruchslösung war 2020 gescheitert.

 
Redner unterschiedlicher Fraktionen haben am Donnerstag, 25. Juni, im Bundestag für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende geworben. Andere Abgeordnete widersetzten sich dem Vorstoß und sehen darin einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff.
Das Thema Organspende war zuletzt aufgrund der Lungentransplantation der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. In Deutschland stehen derzeit mehr als 8.000 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan.
Die Debatte verlief sachlich. Es zeichnete sich ab, dass es in fast allen Fraktionen sowohl Befürworter als auch Gegner einer möglichen Einführung der Widerspruchslösung gibt. Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass die Zahl der verfügbaren Spenderorgane deutlich erhöht werden müsse. Die Zahl der Patienten auf den Wartelisten sei zu hoch und ihre Situation unbefriedigend.

Neuregelung zur Organspende 2020 im Bundestag gescheitert

Derzeit gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Eine Organentnahme bei Verstorbenen – wobei der Hirntod den relevanten Anknüpfungspunkt darstellt – ist nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. So muss der Verstorbene einer solchen schon zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben. Oder Angehörige müssen erklären, dass ein mutmaßlicher Wille des Verstorbenen auf eine Organspende gerichtet gewesen wäre.
Im Jahr 2020 war ein fraktionsübergreifender Gesetzesentwurf zur Einführung einer Widerspruchslösung gescheitert. Unterstützt hatten diesen damals sowohl Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als auch dessen späterer Nachfolger Karl Lauterbach (SPD). Der Bundestag beschloss stattdessen die Einführung eines Online-Organspenderegisters sowie Maßnahmen, um die Bevölkerung besser mit Informationen über die Organspende zu erreichen.
Kritiker der Regelung halten diese jedoch nicht für erfolgreich und nicht annähernd für ausreichend, um das Problem fehlender Spenderorgane für Patienten auf Wartelisten zu ändern. Dies wurde auch in der Debatte am Donnerstag wieder deutlich.

Befürworter sehen Widerspruchslösung als notwendigen Schritt

Befürworter der Widerspruchslösung wie Thomas Gebhart (CDU) argumentierten vor allem mit der Verantwortung gegenüber schwer kranken Menschen auf den Wartelisten. Angesichts der anhaltend niedrigen Spenderzahlen müsse Deutschland hier einen „neuen Weg“ einschlagen. Die Organspende bleibe auch bei einer Widerspruchslösung eine freie Entscheidung. Es bleibe jederzeit möglich, ihr zu widersprechen oder eine Zustimmung zurückzuziehen.
Ähnlich argumentierte  Lauterbach. Er verwies auf Menschen, die während der Wartezeit auf ein Spenderorgan gestorben seien. Die Widerspruchslösung könne die Zahl der verfügbaren Organe deutlich erhöhen und Wartezeiten verkürzen. Lauterbach vertrat den Standpunkt, dass es jedermann zumutbar sei, eine aktive Entscheidung über seine Spendenbereitschaft zu treffen.
Die frühere Bundessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Ricarda Lang, warb ebenfalls für das Modell. Freiheit sei, so Lang, sei stets in gesellschaftliche Verantwortung eingebettet. Die Widerspruchslösung nehme niemandem das Recht, eine Organspende abzulehnen, sie beseitige lediglich das „Recht auf Nichtentscheidung“. Dadurch würden auch Angehörige entlastet, die heute häufig in einer emotionalen Ausnahmesituation über den mutmaßlichen Willen eines Verstorbenen entscheiden müssten.

Gegner warnen vor Eingriff in Selbstbestimmung

In einer ähnlichen Richtung argumentierten weitere Befürworter wie Kerstin Griese (SPD) oder Tijen Ataoğlu und Stefan Glaser (beide CDU). Sie hielten es für zumutbar, dass sich jeder Mensch zumindest einmal im Leben mit der Frage der Organspende auseinandersetzt. Zugleich betonten sie, ein Widerspruch müsse jederzeit möglich bleiben.
Demgegenüber stellten die Gegner der Widerspruchslösung die Selbstbestimmung und den Grundrechtsschutz in den Mittelpunkt. Michael Brand (CDU) betonte, dass der Staat nicht ohne ausdrückliche Zustimmung Menschen zu Organspendern erklären dürfe. Im deutschen Rechtsverständnis könne Schweigen grundsätzlich nicht als Zustimmung gewertet werden. Statt das Gesetz zu ändern, müssten bestehende freiwillige Spendenpotenziale besser genutzt und bürokratische Hürden abgebaut werden.
Helge Lindh (SPD) nannte die Widerspruchslösung einen „massiven Grundrechtseingriff“. Das Prinzip „Wer schweigt, stimmt zu“ sei der deutschen Rechtsordnung fremd. Es gelte das Prinzip der „informierten Entscheidung“.
Zudem gebe es auch ein Recht, sich nicht entscheiden zu müssen. Dies müsse beispielsweise für Menschen gelten, denen eine solche Entscheidung schwerfalle. Dies gelte insbesondere für Menschen mit Sprachbarrieren, kognitiven Einschränkungen oder andere vulnerable Gruppen.

Spanien als Vorbild bei der Organspende – aber warum?

Für eine Beibehaltung der Zustimmungslösung sprachen sich auch Susanne Hierl (CSU), Thomas Rachel (CDU) und Klaus-Peter Willsch (CDU) aus. Sie verwiesen darauf, dass die Bereitschaft zur Organspende als solche grundsätzlich hoch sei. Entscheidend sei, dass mehr Menschen ihre Entscheidung auch dokumentierten. Hierzu müsste das Organspenderegister bekannter gemacht und die Aufklärung intensiviert werden.
Mehrere Redner bezweifelten zudem, dass die Widerspruchslösung allein eine deutlich höhere Zahl an Organspenden bewirken würde. Joachim Bloch (AfD), Ates Gürpinar (Linke), Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Stella Merendino (Linke) und Lars Castellucci (SPD) verwiesen auf organisatorische Defizite in den Krankenhäusern. Das eigentliche Problem, so ihre Einschätzung, bestehe in der Erkennung potenzieller Spender, der personellen Ausstattung der Kliniken und der Organisation der Transplantationsmedizin.
Die Befürworter der Widerspruchslösung nannten Spanien als Vorbild. Demgegenüber hieß es vonseiten der Gegner, dass die dortige hohe Spenderzahl vor allem auf eine gut ausgebaute Infrastruktur zurückzuführen sei. Die Widerspruchslösung gebe es schon länger, und sie allein habe wenig bewegt.

Verfassungsrechtliche und ethische Einwände gegenüber Widerspruchslösung in Nachbarländern

Teilweise wurden auch verfassungsrechtliche und ethische Bedenken vorgetragen. Beatrix von Storch, Nicole Höchst und Martina Kempf (alle AfD) lehnten die Widerspruchslösung mit Verweis auf Menschenwürde, Selbstbestimmung und den Hirntodbegriff grundsätzlich ab. Von Storch erklärte, die Widerspruchslösung setze Bürger unter Rechtsfertigungsdruck. In einer freien Demokratie müsse es aber auch ein Recht geben, sich nicht zu entscheiden.
Demgegenüber verwiesen Befürworter wie Hans Theiss (CSU) darauf, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Nachbarstaaten bereits eine Widerspruchslösung eingeführt habe und diese funktioniere. Deutschland hinke im europäischen Vergleich bei der Zahl der Organspender seit Jahren hinterher. Im gemeinsamen Eurotransplant-System sei Deutschland Nettoempfänger – und damit „Trittbrettfahrer“.
Categories
etplus gesellschaft

Nach Transplantation von Kronprinzessin Mette-Marit: Organspende wieder im Fokus


In Kürze:

  • Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen erhielt am 17. Juni 2026 erfolgreich eine Spenderlunge.
  • Die kurze Wartezeit auf ein Spenderorgan löste Spekulationen über eine mögliche Bevorzugung aus.
  • Fachleute betonen, dass die Organvergabe nach medizinischen Kriterien und nicht nach Reihenfolge erfolgt.
  • Die Transplantation könnte auch in Deutschland die Debatte über die Widerspruchslösung erneut in den Fokus rücken.

 
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit hat sich am Mittwoch, 17. Juni, einer Lungentransplantation unterzogen. Dies teilte das Königshaus in einer Presseerklärung mit. Dem verantwortlichen Leiter der Thoraxchirurgie am Rikshospitalet in Oslo, Arnt Fiane, zufolge war der Eingriff „bisher erfolgreich“. Mette-Marit wird allerdings für mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben müssen.
Im Jahr 2018 hatten Ärzte bei der Monarchin in spe eine Lungenfibrose diagnostiziert. Die unheilbare Krankheit führt zu Narbenbildung in der Lunge und dadurch zu Atemnot.
Zuletzt hatte sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Mette-Marit musste wegen ihres Gesundheitszustands schon seit Jahren ihr Programm stark zurückfahren und mehrfach Auszeiten nehmen. Zuletzt musste sie bei öffentlichen Terminen ein mobiles Sauerstoffgerät tragen.

Fachleute weisen Vorwurf der Bevorzugung zurück

Der Umstand, dass der Hof erst Anfang Juni mitgeteilt hatte, dass die Kronprinzessin auf die Warteliste für eine Organtransplantation gekommen war, nachdem sich ihr Gesundheitszustand stark verschlechtert hatte, hat für Diskussionen gesorgt.
Bereits am 17. Juni – zwölf Tage später – hatte sie eine neue Lunge. Dies hatte unter anderem für Debatten über eine mögliche Bevorzugung der königlichen Familie gesorgt.
Dieser Einschätzung traten Fachärzte wie Olav Kåre Refvem, Lungenspezialist und Berater bei der norwegischen Herz- und Lungenorganisation LHL, entgegen. Gegenüber der Tageszeitung „Verdens Gang“ äußerte dieser:
„Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich jemand in der Warteschlange vorgedrängelt hat. Das glaube ich absolut nicht.“

Der Chefarzt und Lungenfacharzt Are Holm steht vor einer Abbildung einer Lungenfibrose, als er am 5. Juni 2026 im Universitätsklinikum Oslo – Rikshospitalet in Oslo – vor der Presse spricht, nachdem bekannt gegeben wurde, dass die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit auf die Warteliste für eine Lungentransplantation gesetzt wurde.

Foto: Lise Åserud/NTB/AFP via Getty Images/Norway OUT

Zudem sei der Zeitpunkt der Registrierung auf der Liste nicht der einzige Faktor, der darüber entscheide, bei wem der Eingriff zuerst vorgenommen werde, sagte Marthe Gundersen, gesundheitliche Fachberaterin bei LHL, gegenüber dem Medium. Stattdessen gehe es auch um Faktoren wie Blutgruppe, Körpergröße, Vorerkrankungen, den Schweregrad der Erkrankung und die Verfügbarkeit passender Spenderlungen.
Norwegen ist zudem Mitglied im Organpool Scandiatransplant. Diesem gehören auch noch Schweden, Finnland, Dänemark, Island und Estland an. Der größere Pool an verfügbaren Organen innerhalb dieses Verbunds macht in vielen Fällen Eingriffe schneller durchführbar.
Die Operation wird normalerweise nur als letztes Mittel in Betracht gezogen, wenn die Lebenserwartung der Patientin oder des Patienten ohne Transplantation auf nur noch ein bis zwei Jahre geschätzt wird.

Lauterbach will nicht, dass Organe „verloren gehen“

Die Nachrichten aus Norwegen könnten auch die Debatte über Organspenden in Deutschland wieder aufflammen lassen. Derzeit warten hier etwa 8.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Generell gilt die Zahl der verfügbaren Organe als zu niedrig. Daher gerät die derzeit geltende Zustimmungslösung bei manchen Gesundheitspolitikern in die Kritik.
Derzeit gilt nur derjenige als Organspender, der bereits zu Lebzeiten im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte einer Organentnahme zugestimmt hat. Dokumentieren lässt sich dieser Wille unter anderem über einen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung. Möglich ist auch, dass eine andere Person benannt wird, die diese Entscheidung dann treffen soll.
Die derzeitige Regelung gilt seit 2020, da die Alternative einer Widerspruchslösung keine parlamentarische Mehrheit gefunden hat.
Einer der vehementesten Verfechter einer solchen Lösung ist der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).
Es gebe eine „hohe Spendenbereitschaft in Deutschland“. Das zeige die Zustimmung von fast 90 Prozent der zuletzt Registrierten, sagte Lauterbach der „Rheinischen Post“ (Mittwochsausgabe), als er seine langjährige Forderung erneuerte. Diese hohe Bereitschaft werde aber „nicht realisiert, die Organe gehen verloren“.
Bei einer Widerspruchslösung gelten Erwachsene so lange als potenzielle Organspender, bis sie dem aktiv widersprechen. Um die derzeit geltende Regelung zu flankieren, tritt Lauterbach dafür ein, Bürger in regelmäßigen Abständen auf die Möglichkeit anzusprechen, sich als Organspender eintragen zu lassen.

Kirchen und Stiftung Patientenschutz lehnen Widerspruchslösung ab

Kritiker hingegen betrachten die Idee einer Widerspruchslösung als Verletzung des Selbstbestimmungsrechts. Sie betonen, die Entscheidung über Organspenden müsse eine ausdrücklich erklärte persönliche Zustimmung bleiben. Ein Automatismus wäre damit nicht vereinbar.
Gegen eine Widerspruchslösung spricht sich etwa die Deutsche Stiftung Patientenschutz aus. Sie drängt unter anderem darauf, die im Jahr 2020 beschlossenen Vorhaben wie die Schaffung eines bundesweiten Onlinespenderregisters, das alle freiwilligen Spender umfasst, umzusetzen.
Die Evangelische und die Katholische Kirche lehnen die Widerspruchslösung auch ausdrücklich ab.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Bundestagsabgeordneten aus Union, SPD, Grünen und Linken hatte Anfang Mai einen neuen Anlauf gestartet, die Widerspruchslösung bei der Organspende zu verankern.
(Mit Material der Nachrichtenagenturen)
Categories
gesellschaft

Deutschland ringt um die Widerspruchslösung bei der Organspende


In Kürze:

  • 6. und 7. Juni 2026: Tag der Organspende in Leipzig.
  • Gut zwei Dutzend Politiker im Bundestag machen sich für eine neue Widerspruchslösung anstelle der geltenden Entscheidungslösung stark.
  • Skepsis kommt von mehreren Politikern in allen Fraktionen und der Stiftung Patientenschutz.

 
Der jährlich stattfindende Tag der Organspende findet dieses Jahr in Leipzig statt.
Das Stadtfest Leipzig bietet am 6. und 7. Juni den Rahmen für die zentralen Informationsveranstaltungen und Feierlichkeiten. Neben Informationsständen, einem ökumenischen Dankgottesdienst in der Thomaskirche sowie einer Ausstellung im Apothekenmuseum gibt es die traditionelle Aktion „Geschenkte Lebensjahre“.
Der seit 1983 bundesweit stattfindende Tag soll laut der „Stiftung Über Leben – Initiative Organspende“ dazu beitragen, „aufzuklären und […] an die Bevölkerung zu appellieren, eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung zur Organspende zu treffen“.

Knapp 1.000 postmortale Organspender im Jahr

Laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2024 standen rund 85 Prozent dem Thema Organ- oder Gewebespende eher positiv gegenüber. 62 Prozent der 4.001 Befragten gaben an, schon eine persönliche Entscheidung getroffen zu haben. Doch nur 45 Prozent hätten diese Entscheidung auch klar dokumentiert – die meisten von ihnen (41 Prozent) über einen Organspendeausweis.
Laut Daten des Statistischen Bundesamts bewegt sich die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland seit 2013 zwischen knapp 800 und knapp 1.000 pro Jahr. Es handelt sich häufig um schwer verletzte Unfallopfer, die ihre Bereitschaft zur Organspende zuvor dokumentiert hatten.
Die Grafik zeigt die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2024. Foto: Bildschirmfoto/Statista

Die Grafik zeigt die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2024.

Foto: Bildschirmfoto/„Statista“

Bis 2012 hatte die Zahl teils deutlich höher gelegen, 2007 beispielsweise bei gut 1.300. In der Regel werden jedem Spender nach dem Hirntod mehrere Organe entnommen, sodass normalerweise nicht nur einem Bedürftigen geholfen werden kann.
Nach Angaben von „Swisstransplant“ kann ein Organspender „im besten Fall bis zu neun Menschen das Leben retten oder deren Lebensqualität deutlich erhöhen“. Der Mittelwert der transplantierten Organe in der Schweiz lag 2021 bei 2,9 Organen pro spendender verstorbener Person.

Über 3.500 Organtransplantationen im Jahr

Zuständig für die Vermittlung der Organe in Deutschland, Österreich, Benelux, Kroatien, Ungarn und Slowenien ist die Organisation Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden.
Die Grafik zeigt die Gesamtzahl der in Deutschland durchgeführten Organtransplantationen nach Organ in den Jahren 2013 bis 2024. Foto: Bildschrimfoto/Statista

Die Grafik zeigt die Gesamtzahl der in Deutschland durchgeführten Organtransplantationen nach Organ in den Jahren 2013 bis 2024.

Foto: Bildschirmfoto/„Statista“

Laut Statistischem Bundesamt hatte es im Jahr 2024 in Deutschland genau 3.701 Organtransplantationen gegeben, darunter auch 688 Lebendspenden. Die meisten Transplantationen betrafen mit 2.075 Fällen Nieren, gefolgt von 890 Leberverpflanzungen. Lungen und Herzen wurden jeweils über 300 Mal ersetzt.

Neuer Anlauf für Widerspruchslösung im Bundestag

Da es nicht genügend Ersatzorgane gibt, sterben nach Angaben der SPD-Bundestagsabgeordneten und Ärztin Dr. Sabine Dittmar jeden Tag deutschlandweit zwei bis drei Patienten. Das erklärte Dittmar Anfang Mai anlässlich der Präsentation eines neuen Gesetzentwurfs, nach dem Deutschland dem Vorbild anderer europäischer Staaten folgen und ab dem Jahr 2030 eine Widerspruchslösung zur Organentnahme einführen soll.
Jeder Bürger würde dann automatisch als Organspender infrage kommen, solange er diesem Status nicht vorher aktiv widerspricht. Diesen Ansatz unterstützten gut zwei Dutzend Abgeordnete aus den Reihen der CDU, der SPD, der Grünen und der Linken, darunter prominente Köpfe wie Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, dessen Vorgänger Jens Spahn, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Virologe Dr. Hendrik Streek oder die Grünen-Parteichefin Franziska Brantner.
Dittmar zufolge standen Ende 2025 rund 8.200 Menschen aus Deutschland auf der Warteliste der Organbedürftigen. Ihnen hätten 2025 nur 985 Organspender gegenübergestanden.

Skepsis bei Patientenschützern und Politikern

Innerhalb der Bundestagsfraktionen herrscht allerdings keine Einigkeit zu Dittmars Vorstoß. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Lars Castellucci (SPD) und Stephan Pilsinger (CSU) sehen etwa eine Widerspruchslösung skeptisch.
Auch Martin Sichert, der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, hält den neuen Vorschlag für verfassungsrechtlich „höchst bedenklich“. Eine Widerspruchslösung drücke „den Geist, dass der Körper des Menschen der Allgemeinheit“ aus, so Sichert gegenüber Epoch Times.
Bedenken äußerte auch die Stiftung Patientenschutz: „Wer schweigt, stimmt nicht automatisch zu“, sagte deren Vorsitzender Eugen Brysch anlässlich der Vorstellung der Gesetzesinitiative.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Hirntod und Einwilligung als zwingende Voraussetzung für Organentnahme

Derzeit gilt in Deutschland die Entscheidungslösung: „Demnach ist der zu Lebzeiten erklärte Wille für oder gegen eine Organspende maßgebend und strikt zu beachten“, wie es in den Fragen und Antworten zum Thema auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) heißt.
Die Entscheidung pro oder kontra Organspende muss demnach über einen Organspendeausweis, einen Organspenderegistereintrag oder eine Patientenverfügung klar nachvollziehbar sein.
Falls zu Lebzeiten kein Wunsch schriftlich dokumentiert wurde, liegt es laut BMG bei den nächsten Angehörigen, im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden.

Das Foto zeigt einen Organspendeausweis.

Foto: via dts Nachrichtenagentur

Das Transplantationsgesetz schreibt für die Organentnahme darüber hinaus zwingend einen zweifelsfrei irreversiblen Hirnfunktionsausfall vor. Dabei kann der Körper weiterhin Funktionen wie Herzschlag und Infektionsabwehr aufrechterhalten, was wiederum eine Grundvoraussetzung für die weitere Verwendbarkeit der Organe eines Sterbenden ist.
Im Herbst 2024 hatte die FDP-Fraktion im Bundestag einen alternativen Zeitpunkt zur Organfreigabe angeregt. Demnach sollte potenziellen Spendern die Möglichkeit zugestanden werden, ihre Organe bereits bei Stillstand ihres Herz-Kreislauf-Systems entnehmen zu lassen. Die Idee stieß im Bundestag jedoch vielfach auf Ablehnung.
Der Zeitpunkt einer Organentnahme wirft ethische Fragen auf – ganz zu schweigen von den möglicherweise kriminellen Entnahmepraktiken in anderen Ländern.
Ein wenige Monate zuvor vorgelegter Gesetzentwurf des Bundesrats, der ähnlich wie der aktuelle Entwurf von Dettmer und Kollegen auf eine Widerspruchslösung abzielte, brachte es wegen des vorzeitigen Aus der Ampelregierung im Herbst 2024 ebenfalls nie zur Gesetzesreife.
Categories
gesellschaft

Der Tag der Organspende 2026


In Kürze:

  • 6. und 7. Juni 2026: Tag der Organspende in Leipzig.
  • Gut zwei Dutzend Politiker im Bundestag machen sich für eine neue Widerspruchslösung anstelle der geltenden Entscheidungslösung stark.
  • Skepsis kommt von mehreren Politikern in allen Fraktionen und der Stiftung Patientenschutz.

 
Der jährlich stattfindende Tag der Organspende findet dieses Jahr in Leipzig statt.
Das Stadtfest Leipzig bietet am 6. und 7. Juni den Rahmen für die zentralen Informationsveranstaltungen und Feierlichkeiten. Neben Informationsständen, einem ökumenischen Dankgottesdienst in der Thomaskirche sowie einer Ausstellung im Apothekenmuseum gibt es die traditionelle Aktion „Geschenkte Lebensjahre“.
Der seit 1983 bundesweit stattfindende Tag soll laut der „Stiftung Über Leben – Initiative Organspende“ dazu beitragen, „aufzuklären und […] an die Bevölkerung zu appellieren, eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung zur Organspende zu treffen“.

Knapp 1.000 postmortale Organspender im Jahr

Laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2024 standen rund 85 Prozent dem Thema Organ- oder Gewebespende eher positiv gegenüber. 62 Prozent der 4.001 Befragten gaben an, schon eine persönliche Entscheidung getroffen zu haben. Doch nur 45 Prozent hätten diese Entscheidung auch klar dokumentiert – die meisten von ihnen (41 Prozent) über einen Organspendeausweis.
Laut Daten des Statistischen Bundesamts bewegt sich die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland seit 2013 zwischen knapp 800 und knapp 1.000 pro Jahr. Es handelt sich häufig um schwer verletzte Unfallopfer, die ihre Bereitschaft zur Organspende zuvor dokumentiert hatten.
Die Grafik zeigt die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2024. Foto: Bildschirmfoto/Statista

Die Grafik zeigt die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2024.

Foto: Bildschirmfoto/„Statista“

Bis 2012 hatte die Zahl teils deutlich höher gelegen, 2007 beispielsweise bei gut 1.300. In der Regel werden jedem Spender nach dem Hirntod mehrere Organe entnommen, sodass normalerweise nicht nur einem Bedürftigen geholfen werden kann.
Nach Angaben von „Swisstransplant“ kann ein Organspender „im besten Fall bis zu neun Menschen das Leben retten oder deren Lebensqualität deutlich erhöhen“. Der Mittelwert der transplantierten Organe in der Schweiz lag 2021 bei 2,9 Organen pro spendender verstorbener Person.

Über 3.500 Organtransplantationen im Jahr

Zuständig für die Vermittlung der Organe in Deutschland, Österreich, Benelux, Kroatien, Ungarn und Slowenien ist die Organisation Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden.
Die Grafik zeigt die Gesamtzahl der in Deutschland durchgeführten Organtransplantationen nach Organ in den Jahren 2013 bis 2024. Foto: Bildschrimfoto/Statista

Die Grafik zeigt die Gesamtzahl der in Deutschland durchgeführten Organtransplantationen nach Organ in den Jahren 2013 bis 2024.

Foto: Bildschirmfoto/„Statista“

Laut Statistischem Bundesamt hatte es im Jahr 2024 in Deutschland genau 3.701 Organtransplantationen gegeben, darunter auch 688 Lebendspenden. Die meisten Transplantationen betrafen mit 2.075 Fällen Nieren, gefolgt von 890 Leberverpflanzungen. Lungen und Herzen wurden jeweils über 300 Mal ersetzt.

Neuer Anlauf für Widerspruchslösung im Bundestag

Da es nicht genügend Ersatzorgane gibt, sterben nach Angaben der SPD-Bundestagsabgeordneten und Ärztin Dr. Sabine Dittmar jeden Tag deutschlandweit zwei bis drei Patienten. Das erklärte Dittmar Anfang Mai anlässlich der Präsentation eines neuen Gesetzentwurfs, nach dem Deutschland dem Vorbild anderer europäischer Staaten folgen und ab dem Jahr 2030 eine Widerspruchslösung zur Organentnahme einführen soll.
Jeder Bürger würde dann automatisch als Organspender infrage kommen, solange er diesem Status nicht vorher aktiv widerspricht. Diesen Ansatz unterstützten gut zwei Dutzend Abgeordnete aus den Reihen der CDU, der SPD, der Grünen und der Linken, darunter prominente Köpfe wie Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, dessen Vorgänger Jens Spahn, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Virologe Dr. Hendrik Streek oder die Grünen-Parteichefin Franziska Brantner.
Dittmar zufolge standen Ende 2025 rund 8.200 Menschen aus Deutschland auf der Warteliste der Organbedürftigen. Ihnen hätten 2025 nur 985 Organspender gegenübergestanden.

Skepsis bei Patientenschützern und Politikern

Innerhalb der Bundestagsfraktionen herrscht allerdings keine Einigkeit zu Dittmars Vorstoß. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Lars Castellucci (SPD) und Stephan Pilsinger (CSU) sehen etwa eine Widerspruchslösung skeptisch.
Bedenken äußerte auch die Stiftung Patientenschutz: „Wer schweigt, stimmt nicht automatisch zu“, sagte deren Vorsitzender Eugen Brysch anlässlich der Vorstellung der Gesetzesinitiative.

Hirntod und Einwilligung als zwingende Voraussetzung für Organentnahme

Derzeit gilt in Deutschland die Entscheidungslösung: „Demnach ist der zu Lebzeiten erklärte Wille für oder gegen eine Organspende maßgebend und strikt zu beachten“, wie es in den Fragen und Antworten zum Thema auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) heißt.
Die Entscheidung pro oder kontra Organspende muss demnach über einen Organspendeausweis, einen Organspenderegistereintrag oder eine Patientenverfügung klar nachvollziehbar sein.
Falls zu Lebzeiten kein Wunsch schriftlich dokumentiert wurde, liegt es laut BMG bei den nächsten Angehörigen, im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden.

Das Foto zeigt einen Organspendeausweis.

Foto: via dts Nachrichtenagentur

Das Transplantationsgesetz schreibt für die Organentnahme darüber hinaus zwingend einen zweifelsfrei irreversiblen Hirnfunktionsausfall vor. Dabei kann der Körper weiterhin Funktionen wie Herzschlag und Infektionsabwehr aufrechterhalten, was wiederum eine Grundvoraussetzung für die weitere Verwendbarkeit der Organe eines Sterbenden ist.
Im Herbst 2024 hatte die FDP-Fraktion im Bundestag einen alternativen Zeitpunkt zur Organfreigabe angeregt. Demnach sollte potenziellen Spendern die Möglichkeit zugestanden werden, ihre Organe bereits bei Stillstand ihres Herz-Kreislauf-Systems entnehmen zu lassen. Die Idee stieß im Bundestag jedoch vielfach auf Ablehnung.
Der Zeitpunkt einer Organentnahme wirft ethische Fragen auf – ganz zu schweigen von den möglicherweise kriminellen Entnahmepraktiken in anderen Ländern.
Ein wenige Monate zuvor vorgelegter Gesetzentwurf des Bundesrats, der ähnlich wie der aktuelle Entwurf von Dettmer und Kollegen auf eine Widerspruchslösung abzielte, brachte es wegen des vorzeitigen Aus der Ampelregierung im Herbst 2024 ebenfalls nie zur Gesetzesreife.
Categories
ausland china gesellschaft

Warum 28-Jährige in Chinas Lagern verschwinden

Wer in Deutschland ein Spenderorgan benötigt, muss oft lange warten. Bei einer Niere beträgt die durchschnittliche Wartezeit bis zu acht Jahre.
Ganz anders in China: Ein passendes Organ soll dort in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen verfügbar sein. Chinesische Kliniken warben in der Vergangenheit sogar offen mit diesem ungewöhnlich schnellen Transplantationsangebot.
Wie ist das möglich? Und woher stammen die Organe?
Diese Fragen beschäftigen seit Jahren mehrere unabhängige Anwälte, Journalisten und Mediziner. Der US-amerikanische Investigativjournalist Ethan Gutmann ist einer von ihnen. Epoch Times traf ihn in Zürich zum Gespräch.
Gutmanns Schätzungen zufolge werden in China jährlich mindestens 60.000 Organtransplantationen durchgeführt. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 2025 rund 3.250 Transplantationen.
Gutmann gelangte auf Basis umfangreicher Recherche und zahlreicher Interviews mit Ärzten und Zeugen zu dem Schluss, dass die Kommunistische Partei Chinas politische Gefangene bis heute als lebende Organbank nutzt. Zu den häufig genannten Opfern zählen Falun-Gong-Praktizierende, Tibeter, Haus-Christen und Uiguren sowie weitere verfolgte Minderheiten im Nordwesten Chinas.
Für sein neues Buch „The Xinjiang Procedure“ reiste Gutmann undercover mit dem Auto von Deutschland bis nach Kasachstan. Dort traf er Zeugen, die aus chinesischen Arbeitslagern in der benachbarten chinesischen Provinz Xinjiang entkommen waren.
Herr Gutmann, wie viele Zeugen haben Sie für Ihr neues Buch interviewt und wie sind Sie an diese Personen gekommen?
Ich wusste, dass es eine Gruppe von Menschen gab, die den chinesischen Lagern entkommen waren. Sie befinden sich an einem Ort: in Kasachstan.
Das waren also in erster Linie Kasachen. Sie sind nicht in gleichem Maße Ziel wie die Uiguren. Viele von ihnen haben Familien in Kasachstan, die einflussreich sind. Sie bestechen die chinesischen Behörden, um ihre Angehörigen über die Grenze [von China nach Kasachstan] zu bringen. Manche überquerten die Grenze auch illegal. Es gibt also ganz unterschiedliche Wege.
Insgesamt gibt es vermutlich einige tausend von ihnen. Ich habe nur 20 erreicht. Sie kamen alle aus unterschiedlichen Gefangenenlagern. Es ist sehr schwer, Zeugen zu finden.
Dann kam COVID. Wir hatten Sorge, in [der kasachischen Großstadt] Almaty festzusitzen. Wir hätten nicht mehr nach Europa zurückkehren können, weil wir mit dem Auto unterwegs waren. Und dann hätten die Behörden möglicherweise alle unsere Unterlagen überprüft – und alle Menschen, die wir interviewt hatten, wären in Gefahr.
Wie sind Sie aufgrund der Interviews zu dem Schluss gekommen, dass chinesische Ärzte und Funktionäre Uiguren in den Gefangenenlagern gezielt für Zwangsorganentnahme auswählen?
Es gibt zwei Muster, die ich in den Interviews überprüfen wollte. Das erste war, dass es Bluttests oder medizinische Untersuchungen gegeben haben musste – meist etwa sieben bis zehn Tage im Voraus.
Das zweite Muster war, dass die „Ausgewählten“ häufig Ende 20 waren. Vor einigen Jahren gelangten einige medizinische Forscher aus dem Umfeld von Falun Gong an einen großen Datensatz mit chinesischen Unterlagen zur Organentnahme und zu Transplantationen – möglicherweise durch einen Leak oder Hack.
Die Dokumente zeigten: Diesem oder jenem „Spender“ seien diese oder jene Organe entnommen worden. Mal handelte es sich um einen männlichen, mal um einen weiblichen Spender. Doch immer und immer wieder tauchte dieselbe Angabe auf: Die Spender waren etwa 28 Jahre alt.
Mit etwa 28 oder 29 Jahren sind die Organe überwiegend sehr gesund; sie wachsen auch nicht mehr.
Ich habe in den Interviews bewusst nichts über Organraub gefragt, außer jemand spricht von sich aus darüber. Wenn jemand allerdings über plötzlich verschwundene Gefangene berichtete, habe ich nach dem Alter gefragt und ob es vor dem Verschwinden medizinische Untersuchungen gegeben hat.
Beide Muster wurden in den Interviews mehrfach bestätigt.
Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, dass staatlich organisierter Organraub in diesem Ausmaß möglich ist. Was entgegnen Sie diesem Zweifel?
Genau deshalb habe ich mein neues Buch so geschrieben, wie es geschrieben ist. Warum beginne ich mit der Geschichte von Rukiye? Weil daran absolut kein Zweifel besteht. Sie ist nicht erfunden. Sie ist schockierend – wie ein Schlag ins Gesicht. Sie zeigt: Das ist real.
Wenn Menschen trotzdem so tun wollen, als würde das alles nicht stattfinden, hat das auch einen Grund: Es fällt uns unglaublich schwer, Ärzte mit solchen Verbrechen in Verbindung zu bringen. Gerade im Westen gelten Ärzte als die vertrauenswürdigsten Menschen. Sie genießen mehr Vertrauen als Politiker oder Geschäftsleute – wahrscheinlich mehr als jede andere Berufsgruppe. Selbst Geistliche genießen oft nicht dieses Maß an Vertrauen.
Genau deshalb ist der Gedanke so schockierend. Er zwingt uns dazu, gewisse Dinge im medizinischen Bereich zu hinterfragen.
Kommen wir zurück zu Rukiye. Was ist ihre Geschichte?
Rukiye ist eine der Überlebenden eines möglichen Organraubs in China. Sie ist eine uigurische Nationalistin, eine tiefgläubige Muslimin. Menschen in ihrem Umfeld wurden getötet. Ein Großteil ihrer Familie wurde vor ihren Augen hingerichtet. Es ist eine furchtbare und zutiefst bewegende Geschichte.
Sie war noch sehr jung, als sie ins [chinesische] Gefangenenlager kam. Dort wurde sie sowohl auf ihre Organe hin medizinisch untersucht als auch schwer sexuell missbraucht.
Wie verifizieren Sie, ob das, was Ihre Zeugen Ihnen erzählt haben, wahr oder nur erfunden ist?
Ich kann nur eines bestätigen, und zwar dass ich sehr lange Interviews führe, manchmal über Stunden oder Tage.
Im Fall von Rukiye: Ich habe lange mit ihr über ihre Kindheit und ihr Leben gesprochen und ihr Vertrauen gewonnen. Am Ende sagte ich offen zu ihr: „Ich bin ein jüdisch-amerikanischer Mann, Sie sind eine streng religiöse muslimische Frau. Es gibt Fragen, die ich selbst nicht stellen kann und bei denen ich auch weiß, dass Sie sie mir gegenüber nicht beantworten würden.“
Dann erklärte ich, dass eine Kollegin, zu der sie inzwischen auch Vertrauen aufgebaut hatte, das Gespräch fortsetzen würde. Ich selbst ging auf einen langen Spaziergang, um ihr den Raum zu geben, alle Ereignisse vollständig zu schildern, einschließlich der Vergewaltigungen.
Es gibt Details, die sie unmöglich hätte erfinden können.
Gab es auch zweifelhafte Zeugenaussagen?
Manche berichteten etwa, sie hätten in ihrem Lager keine Fälle von plötzlichem Verschwinden von Gefangenen bemerkt. Auch solche Aussagen gibt es. Das habe ich so auch im Buch aufgenommen, weil das Teil der Untersuchung war.
In einigen Fällen stellte sich jedoch später heraus, dass die Personen zum Zeitpunkt der Ereignisse unter dem Einfluss von Drogen gestanden hatten. Es gibt also verschiedene Herausforderungen im Zusammenhang mit der Zuverlässigkeit der Aussagen.
Es gibt aber auch sehr konkrete Fakten, die ich in dem Buch aufgeführt habe.
Können Sie einige Beispiele nennen?
Die Wartezeit für ein Organ ist ein Beispiel. In China beträgt diese circa zwei Wochen. Einige Krankenhäuser können ein passendes Organ sogar innerhalb von 4 Stunden organisieren. Das ist nur möglich, wenn sämtliche Gewebemerkmale und Gewebetypen bereits vollständig erfasst wurden.
Dann gibt es noch die Zeugenaussagen von Dr. Enver Tohti, einem uigurischen Chirurgen. Er bestätigte öffentlich eine im Jahr 1995 durchgeführte Entnahme beider Nieren und der Leber eines lebenden Gefangenen mit den Worten: „Ich habe es mit meinen eigenen Händen getan.“
Ich habe auch über den Fall von Dr. Ko Wen-je berichtet, einem Chirurgen und ehemaligen Bürgermeister von Taipeh. Er ist wahrscheinlich der beste Zeuge, den wir haben.
Er wusste, dass alle Organe, die seine Patienten [in China] erhielten, von Falun-Gong-Praktizierenden stammen. Ihm wurde das so mitgeteilt. Die Richtigkeit dieser Aussage hat er mir in einer E-Mail schriftlich bestätigt.
Dr. Ko hat chinesischen Chirurgen beigebracht, wie man Organentnahme an Lebenden durchführt. Er hat ihnen beigebracht, wie man ECMO verwendet.
Er wurde später wegen Korruption zu 17 Jahren Haft verurteilt.
Was ist ECMO?
ECMO [extrakorporale Membranoxygenierung] ist eine technische Methode, mit der Organe mit Sauerstoff versorgt werden, sodass diese außerhalb des Körpers länger am Leben erhalten werden können. Dies ist vor allem bei Herz- und Lungentransplantationen wichtig. Alle diese Maschinen kamen zwischen 2016 und 2018 aus Deutschland. Schließlich wurde das deutsche Unternehmen an die Chinesen verkauft.
Gibt es Organraub nur in China oder auch in anderen Ländern?
Es gibt Hinweise darauf, dass es sich ausgebreitet hat. Das ist etwas, das [der kanadische Menschenrechtsanwalt] David Matas immer wieder vorhergesagt hat. Er sagt: Der Organraub sei wie ein Virus innerhalb Chinas – und wenn man ihn nicht stoppt, wird er sich international weiter ausbreiten.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Diep Le.
Categories
deutschland

Organspende: Patientenschützer lehnen Widerspruchslösung ab

Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hat sich gegen die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. „Wer schweigt, stimmt nicht automatisch zu“, sagte Brysch . „Eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen die Organspende ermöglicht nur eine neutrale, ergebnisoffene und umfassende Aufklärung“, fügte er hinzu.
Derzeit kann eine Organspende nur erfolgen, wenn jemand dies vor dem Tod ausdrücklich erlaubt hat – etwa über einen Eintrag in den Organspendeausweis.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Möglich ist die Organspende auch, wenn die Angehörigen zustimmen. Weil es zu wenige Spenderorgane gibt, werden immer wieder Forderungen nach einer Umstellung auf eine Widerspruchslösung laut. Damit würde jeder Mensch als Organspender gelten, sofern er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat.

Brysch: „Therapie ohne Zustimmung des Betroffenen ist Körperverletzung“

Die Widerspruchslösung greift Brysch zufolge jedoch „erheblich in die körperliche Unversehrtheit ein“.
Vor der Feststellung des Hirntods müssten schließlich medizinische Maßnahmen ergriffen werden, um eine mögliche Organentnahme nicht zu gefährden. „Therapie ohne Zustimmung des Betroffenen ist Körperverletzung“, sagte der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz.
Brysch bezeichnete zudem die Annahme, dass eine Einführung der Widerspruchslösung zu mehr Spenderorganen führen würden, als „Irrglauben“. Außerdem schließe eine solche Regelung die Beteiligung der Angehörigen grundsätzlich aus und sei „ohnehin verfassungswidrig“.
Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz forderte stattdessen Bund und Länder auf, „unverzüglich die Hürden zur Eintragung in das Organspende-Register“ zu senken. „Es braucht hier endlich ein niederschwelliges, barrierefreies Angebot“, sagte er AFP.

Neue Pläne für Organspende-Reform

Hintergrund der Äußerungen Bryschs ist eine parteiübergreifende Initiative von Bundestagsabgeordneten, die heute ihre Pläne für eine Reform bei der Organspende vorstellen. Sie werben für die Widerspruchsregelung.
Eine fraktionsübergreifende Gruppe um die SPD-Abgeordnete Sabine Dittmar hat in Berlin einen Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchsregelung vorgestellt. Zu der Gruppe gehören unter anderem Armin Grau (Grüne), Gitta Connemann (CDU), Peter Aumer (CSU) und Julia-Christina Stange (Linke).
Dittmar sagte in Berlin, dass dieses Verfahren in etlichen europäischen Ländern bereits Praxis sei. Es gehe darum, dass sich nicht mehr die Mehrheit, die offen für eine Organspende sei, „bewegen“ müsse, um aktiv zuzustimmen. Stattdessen solle die ablehnende Minderheit die Initiative ergreifen müssen, so Dittmar.

Widerstand kommt auch fraktionsübergreifend

Widerstand formiert sich ebenfalls fraktionsübergreifend durch Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Lars Castellucci (SPD) und Stephan Pilsinger (CSU). Kappert-Gonther bezeichnete die Widerspruchsregelung als Scheinlösung, die erhebliche ethische Fragen aufwerfe.
Es fehle im internationalen Vergleich der Beleg, dass sie die Organspendezahlen tatsächlich erhöhe. Erfolgreich seien vielmehr gute Strukturen in Entnahmekrankenhäusern, Aufklärung, transparente Verfahren und einfache Dokumentation. Schweigen sei keine Zustimmung, und Selbstbestimmung umfasse auch das Recht, keine Entscheidung zu treffen.
Patientenschützer Brysch verwies darauf, dass der Bundestag bereits vor sechs Jahren einen ähnlichen Vorstoß abgelehnt hatte. „Deshalb ist schon heute absehbar, dass die Widerspruchslösung auch dieses Mal keine Mehrheit im Parlament erreichen wird“, sagte er AFP.
Der Bundestag hatte 2020 den Vorstoß mehrerer Abgeordneter zur Einführung einer Widerspruchslösung abgelehnt, jedoch gleichzeitig die Einrichtung eines Organspende-Zentralregisters beschlossen.
Später forderten die Gesundheitsminister der Länder den Bund auf, die beschlossene Möglichkeit zur Eintragung auf den Ausweisstellen wieder zu streichen. In die Organspende-Datenbank haben sich seit der Einführung im März 2024 eine halbe Million Menschen eingetragen. (afp/red)
Categories
china

Erzwungener Organraub in China – Dr. Phil: Es ist Politik, kein Mythos


In Kürze:

  • China hat eine Organindustrie aufgebaut
  • Hauptopfer sind gläubige Menschen wie Falun-Dafa-Praktizierende und Uiguren
  • Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen liegen vor
  • Ein neues Buch „Killed to Order“ fasst diese chinesische Politik zusammen

 
Ein neues Buch dokumentiert, dass die Kommunistische Partei Chinas religiöse Menschen systematisch verfolgt und ihre Organe für den Verkauf nutzt. Das Thema wurde auch in der Sendung „The Dr. Phil Podcast“ aufgegriffen, in der der Journalist Jan Jekielek, Autor von „Killed to Order“, über das in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaute System berichtete.
„Es gibt Menschen auf der anderen Seite der Welt, die leben, atmen, denken und vielleicht sogar beten – und die bereits einem Käufer für ihre Organe zugeordnet wurden: Augen, Herz, Lunge, Leber und Nieren“, so Dr. Phil McGraw. „Ihre Blutgruppe wurde erfasst, die Organe untersucht, und sobald eine Bestellung eingeht, werden sie getötet.“
„Nach 20 Jahren Untersuchungen ist dies gut dokumentiert. Es handelt sich nicht um Fiktion, sondern um reale Politik und einen Wirtschaftszweig. Tatsächlich ist diese Industrie, betrieben von der Kommunistischen Partei Chinas, heute rund 8,9 Milliarden US-Dollar (7,7 Milliarden Euro) pro Jahr wert.“

Wer sind die Opfer?

Die Hauptopfer der erzwungenen Organentnahmen sind Falun-Gong-Praktizierende und Uiguren in Xinjiang.
Falun Gong – auch Falun Dafa genannt – ist eine spirituelle Praxis, die auf Meditation und den Werten Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht basiert. In den 1990er-Jahren verbreitete sie sich rasch in China; 1999 schätzten Behörden, dass zwischen 70 und 100 Millionen Menschen sie praktizierten. Zu diesem Zeitpunkt begann die KP Chinas eine gewaltsame Verfolgung, die bis heute anhält.
Parallel stiegen ab 2000 die Zahlen der Organtransplantationen rapide an, obwohl China damals noch kein offizielles Organspendeprogramm hatte, wie Jan Jekielek in seinem Buch „Killed to Order“ schildert. Bis etwa 2015 wuchs die Zahl der Transplantationskliniken auf über 100. Hinweise deuteten darauf hin, dass bald auch uigurische Muslime ausgebeutet wurden, eine Bevölkerungsgruppe von etwa 12 Millionen Menschen, vorwiegend in Xinjiang.
„Wir sprechen hier von Menschen, deren einziges Verbrechen ihr Glaube ist“, erklärte Dr. Phil McGraw. Verdeckte Ermittler riefen chinesische Krankenhäuser an, um Organe anzufordern, und erhielten die Antwort, dass diese von Falun-Gong-Praktizierenden stammen würden.
In einigen Aufnahmen wurden Wartezeiten von nur ein bis vier Wochen genannt. Um diese kurzen Fristen einhalten zu können, müssen die Krankenhäuser eine umfangreiche Datenbank mit Blutgruppen und Testergebnissen der „Spender“ führen.
„Man muss passende Spender finden und sehr vorsichtig vorgehen, um Abstoßungen zu vermeiden“, erklärte McGraw. „Das funktioniert nicht eins zu eins, sondern erfordert einen großen Pool, aus dem ausgewählt werden kann.“

Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen liegen vor

„Killed to Order“ stützt sich auf Beweise aus zahlreichen unabhängigen Untersuchungen, die über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten durchgeführt wurden.
Dazu gehören Preislisten chinesischer Krankenhäuser, die Organe auf Anfrage anbieten und Wartezeiten von nur zwei Wochen angeben, Aussagen von Chirurgen, die zu Transplantationen gezwungen wurden, sowie Berichte von Falun-Gong-Praktizierenden, die nach willkürlicher Inhaftierung zwangsweise Blut- und medizinische Tests durchlaufen mussten.
„Das geschieht sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern“, erklärte Dr. Phil McGraw, nachdem er eine Organpreisliste auf der Website eines chinesischen Krankenhauses geprüft hatte, die separate Preise für Erwachsene und Kinder auswies.
„Noch schlimmer: Whistleblower berichten, dass in vielen Fällen keine Anästhesie eingesetzt wird, um die Qualität der Organe nicht zu beeinträchtigen.“

Wer bildet die Transplantationschirurgen aus?

Auch chinesische Transplantationschirurgen werden weiterhin in den USA ausgebildet. „Sollten wir Ärzte ausbilden, wenn wir wissen, dass sie nach China zurückkehren und dort von der Kommunistischen Partei zu solchen Handlungen gedrängt werden könnten?“, fragte Dr. Phil McGraw.
„Sie lernen hier den hippokratischen Eid ‚Keinen Schaden zufügen‘. Wenn sie jedoch nach China zurückkehren, werden sie – selbst gegen ihren Willen – unter Druck gesetzt und aus Angst gezwungen, solche Eingriffe durchzuführen.“
Einige Forscher berichten, dass die Entnahme von Organen bei lebenden Menschen in China inzwischen so verbreitet ist, dass Ärzte diese Methoden offen in Forschungsarbeiten beschreiben. Jan Jekielek weist darauf hin, dass eine 2022 im American Journal of Transplantation veröffentlichte Studie 71 solcher Arbeiten identifizierte.
Zugleich wächst die Sorge, dass US-Institutionen wegschauen, da die Vereinigten Staaten in vielen Bereichen, etwa bei wichtigen Wirkstofflieferungen, von China abhängig sind.
Für Jekielek zeigt dieses System der erzwungenen Organentnahme die wahre Natur des Regimes der KP Chinas: „Diese Industrie ist eine logische Konsequenz dieses Systems. Sie macht Menschen zu Komplizen, vereinnahmt sie und zwingt sie dazu, schreckliche Dinge zu tun, die in einer normalen Gesellschaft niemals möglich wären.“
 
Das Buch „Killed to Order: China’s Organ Harvesting Industry and the True Nature of America’s Biggest Adversary“ (Auf Bestellung getötet: Chinas Organraubindustrie und das wahre Wesen von Amerikas größtem Gegner) ist u.a. bei Amazon erhältlich. ISBN-13: ‎ 978-1510786509
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „CCP’s Forced Organ Harvesting ‘Is Not Fiction, It’s Policy,’ Says Dr. Phil“. (deutsche Bearbeitung ks)
Categories
china

Aus Angst vor Organraub: Chinas Eltern nehmen ihre Kinder von der Schule


In Kürze:

  • In China kursieren online Anschuldigungen über illegalen Organraub an Minderjährigen.
  • Eltern nehmen Kinder von den Schulen aus Sorge um deren Leben.
  • Die Behörden veröffentlichten standardisierte Richtlinien für Gebühren bei Organtransplantationen.
  • Chinesische Eltern stellen medizinische Untersuchungen an Schulen, die Blutentnahmen beinhalten, in den sozialen Medien infrage.

 
In mehreren Regionen Chinas nehmen Eltern ihre Kinder aus der Schule, nachdem im Internet weitverbreitete Anschuldigungen über illegalen Organraub an Minderjährigen aufgekommen sind. Dies löste eine tiefe Verunsicherung über die Sicherheit von Kindern unter der Kontrolle des kommunistischen Regimes aus.
Chinesische Social-Media-Plattformen wie WeChat, Douyin und RedNote werden mit Beiträgen von Eltern überschwemmt, die berichten, dass sie ihre Kinder aus Sorge um deren Leben nicht mehr zur Schule schicken. Internetnutzer bezeichnen diese Entwicklung als „von der Schule abmelden, um am Leben zu bleiben“.
Bereits in den vergangenen Jahren kursierten online zahlreiche Berichte über vermisste Jugendliche in China, oft begleitet von Gerüchten, dass den gefundenen Leichen Organe fehlten. Trotz des umfassenden Überwachungssystems Chinas sollen viele dieser Jugendlichen spurlos und ohne Erklärung verschwunden sein. Oft sollen auch Angaben darüber fehlen, was vor der Rückgabe ihrer Körper mit ihnen geschehen war.
Onlinebeiträge, in denen solche Fälle diskutiert werden, werden häufig zensiert, was das Misstrauen und die Angst unter den Eltern noch weiter schürt.
China ist als globales Transplantationszentrum bekannt. Das kommunistische Regime veröffentlichte jetzt eine Gebührenrichtlinie für Organtransplantationen. Dies rief Kritik bei den Menschenrechtsaktivisten hervor, da dadurch der Missbrauch schutzbedürftiger Gruppen wie Minderjähriger und politischer Gefangener begünstigt werden könnte.
Kinder sausen in Panzer-Schneekarts durch den Longtan Park zum Mondneujahr

Kinder fahren in Panzerschneekarts durch den Longtan-Park zum Mondneujahr.

Foto: Aaron Favila/AP/dpa

Eltern nehmen Kinder von der Schule

Am 22. Januar erklärte ein Douyin-Nutzer mit dem Namen „Zhugege“ in einem Video, dass er seine 14-jährige Tochter aus der Schule nehmen werde – trotz des hohen Drucks in der chinesischen Gesellschaft, im wettbewerbsorientierten Bildungssystem hervorragende Leistungen zu erbringen.
„Ob sie akademisch erfolgreich ist, spielt keine Rolle mehr“, sagte der Nutzer. „Solange sie sicher, gesund und glücklich aufwächst, ist das genug.“
Das Video rief sofort Hunderte Reaktionen hervor. Eine Person schrieb in einem Kommentar, dass ihr 16-jähriger Sohn zu Hause bleibe, „solange er sicher und gesund ist“. Eine andere Person sagte, ihr 15-jähriges Kind habe die Schule bereits verlassen, um zu arbeiten, und fügte hinzu: „Solange sie am Leben ist, ist alles andere egal.“ Viele dieser Kommentare erhielten eine große Anzahl von Likes.
Zhang, ein Anwalt aus der chinesischen Provinz Hubei, der aus Sicherheitsgründen nur seinen Nachnamen nannte, sagte gegenüber Epoch Times, dass die Reaktion eher einen allgemeinen Vertrauensverlust der Öffentlichkeit widerspiegele als eine Reaktion auf einen einzelnen Vorfall.
„In einem System, in dem Informationen undurchsichtig sind und es keine wirksame Kontrolle der Macht gibt, hat die Öffentlichkeit keine Möglichkeit, die Wahrheit zu überprüfen oder Rechenschaft einzufordern“, sagte er. „Es gibt eine große Kluft zwischen den offiziellen Darstellungen und dem, was die Menschen empfinden und erleben.“
Zhang sagte, Eltern stützten sich zunehmend auf fragmentierte Informationen aus den sozialen Medien, um Risiken einzuschätzen. Er verwies dabei auf Onlineberichte über Schüler, die angeblich in der Schule gestorben, verschwunden oder kurz nach ihrer Einweisung ins Krankenhaus gestorben seien.
„Wenn Eltern das Gefühl haben, dass sie nicht einmal sicher sein können, dass ihr Kind in der Schule sicher ist, wird die Abmeldung von der Schule zu einer Form des Selbstschutzes“, sagte er.

Gesundheitsuntersuchungen in den Schulen

Die Sorgen konzentrieren sich auch auf die verpflichtenden Gesundheitsuntersuchungen in der Schule. Chinesische Eltern stellten in den sozialen Medien routinemäßige medizinische Untersuchungen, die Blutentnahmen beinhalten, infrage. Viele wiesen darauf hin, dass solche Untersuchungen zu ihrer eigenen Schulzeit nicht erforderlich gewesen waren.
Die Angst verstärkte sich weiter, als chinesische Internetnutzer darauf hinwiesen, dass Bluttests für das Auffinden von passenden Organen verwendet werden könnten. Viele warnten die Eltern, „ihre Kinder sofort nach Hause zu holen, um ihr Leben zu retten“.
Die Verunsicherung der Eltern wurde auch durch die jüngste offizielle Werbung für Organspenden angeheizt.
Am 20. Januar veröffentlichte der WeChat-Account „China Organ Donation“ ein Video, das einen 18-Jährigen zeigte, der nach seinem Tod Organe gespendet hatte – einschließlich Aufnahmen von medizinischem Personal, das sich in Ehrerbietung verbeugte, sowie Bilder einer Geburtstagstorte und einer Spendenurkunde. Die Werbung für „freiwillige Organspenden“ löste eine breite Diskussion im Internet aus.
Unabhängig davon sind Bildschirmfotos von Schulveranstaltungen wieder aufgetaucht, auf denen Schüler Plakate mit Aufschriften wie „Organspende“ und „Sein Leben opfern“ hochhalten.
Wang, ein Vater aus Wuhan, der aus Sicherheitsgründen ebenfalls nur seinen Nachnamen nannte, erklärte gegenüber der chinesischsprachigen Ausgabe von Epoch Times, dass er und seine Frau beschlossen hätten, auf Heimunterricht umzusteigen. Sie befürchteten, ihr Kind könnte unter Druck gesetzt werden, Dokumente zur Organspende zu unterschreiben, ohne vollständig zu verstehen, was dies bedeute.
Die chinesischen Behörden reagierten öffentlich weder auf die Panik im Internet, noch äußerten sie sich bisher zu den konkreten Behauptungen, die in den sozialen Medien kursieren.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Chinese Parents Pull Children From School as Fears of Organ Harvesting Spread Online“. (deutsche Bearbeitung ks)

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.