Eine Alarmsirene schrillt durch die nächtliche Stille. Von ihrer Wohnung aus sieht Valentina Leuchtspuren am Nachthimmel. Dann ein Knall. Eine Druckwelle lässt ihr Haus erzittern. Diesmal ist der Einschlag näher an ihrem Wohnblock herangekommen. Erst am nächsten Morgen wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: In dem südlichen Vorort von Kyjiw wurden vier Häuser getroffen.
Solche Raketenangriffe hätten in den vergangenen vier Jahren immer wieder stattgefunden, erzählte die 75-jährige Ukrainerin. Gewöhnen könne sie sich daran trotzdem nicht. „Man weiß nicht, ob man selbst oder die eigene Familie morgen noch am Leben sein werden“, sagt sie.
Auch für ihre Bekannte und Nachbarin Karolina ist seit Februar 2022 eine „vertraute Welt zusammengebrochen“. Einfachste Dinge, wie Brot, Milch und Reinigungsmittel, die sie zuvor selbstverständlich genommen hatte, waren auf einmal nicht mehr ausreichend verfügbar. Ohne Strom funktioniert der Alltag nicht mehr und die Sorge um die Sicherheit ihrer Familie wird zum ständigen Begleiter.
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Einsatzkräfte sind am 17. Juni 2025 an einem zerstörten Gebäude in Kiew im Einsatz, das von einer russischen Rakete getroffen wurde.
Foto: ORI AVIRAM/Middle East Images/AFP via Getty Images
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Ein schwer beschädigtes Einkaufszentrum in Kiew nach einem russischen Raketenangriff am 5. August 2026.
Foto: Jane Barlow / POOL / AFP via Getty Images
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Das Leben in Kiew geht weiter.
Foto: HENRY NICHOLLS / AFP via Getty Images
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Menschen verlassen am 10. Juli 2025 einen Schutzraum nahe einem beschädigten Einkaufszentrum in Kiew.
Foto: Tetiana DZHAFAROVA / AFP via Getty Images
Über 6.000 Lebensgeschichten, ein Krisenmodell
Schwere Schicksalsschläge – ob ausgelöst durch einen Krieg, eine schwere Krankheit, eine lebenslange Behinderung oder den Verlust eines geliebten Menschen – können jeden von uns schlagartig treffen. Viele verlieren sich in Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit. Andere finden nach einer schmerzvollen Phase den Weg ins Leben zurück. Wie gelingt ihnen das?
Bestsellerautorin und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Erika Schuchardt beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Frage, wie Menschen Krisen erleben, bewältigen und daraus neue Perspektiven für ihr Leben entwickeln können.
Mehr als 6.000 Lebensgeschichten weltweit hat sie analysiert und stellt fest: Menschen, die eine „Lebensbruchkrise“ erleben – eine Krise, die unerwartet eintritt – durchlaufen im Kern einen vergleichbaren Prozess.
Aus den wiederkehrenden Mustern entwickelte Schuchardt ein Krisenkomplementärmodell mit acht Phasen. Es soll Menschen in Krisen helfen, zu verstehen, was mit ihnen geschieht – und zeigen, wie Betroffene mit einer angemessenen Begleitung Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinden können.
Schuchardt erklärt: Wenn eine Krise schlagartig eintritt, gerät der Betroffene zunächst in einen Schockzustand (Phase 1). Er versucht mit aller Kraft die Krise zu verleugnen.
Lässt sich die Realität nicht mehr verdrängen, folgt die Konfrontation mit der Gewissheit (Phase 2). Der Betroffene scheint auf dem ersten Blick bereit zu sein die Wahrheit anzunehmen, lebt allerdings weiterhin mit der Hoffnung, die Krise sei nur ein Irrtum.
Die Schockmomente und was daraus folgt
Für Karolina reiht sich ein Schockmoment nach dem nächsten. Sie verlor mit Ausbruch des Krieges ihre Arbeit. Innerhalb eines einzigen Morgens sei ihr „Gefühl von Sicherheit zerstört“ gewesen, erzählte sie.
Wenige Wochen später erreichte sie die nächste schlechte Nachricht: Die Region, in der ihre Eltern lebten, wurde von russischen Truppen besetzt. Es gab keine Möglichkeit sie zu kontaktieren.
Zu wissen, dass sie selbst nichts tun und die Situation ihrer Familie nicht habe kontrollieren können, habe bei ihr eine schwere, überwältigende Verzweiflung auslöst, erzählte die 47-Jährige.
In dieser Zeit wurde für Valentina und Karolina die Spiritualität zu einem wichtigen Halt.
Die Ukrainerinnen praktizieren Falun Gong, auch Falun Dafa genannt – eine buddhistische Meditationsschule, die Lehren zur Selbstverbesserung mit meditativen Übungen verbindet. Sie lehrt die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht.
Karolina findet in ihrem Glauben und in den meditativen Übungen von Falun Gong Ruhe und Kraft.
Foto: Privat
Karolina und ihr Mann bei einer meditativen Übung von Falun Gong.
Foto: Privat
Diese Prinzipien und die innere Ruhe, die Karolina in der Meditation findet, haben ihr geholfen Ursache und Wirkung besser zu verstehen. Sie lernt die Dinge so anzunehmen, wie sie kommen und zu akzeptieren, dass sie das, was ihr und ihrer Familie im Krieg widerfährt, nicht kontrollieren kann – und muss.
Glaube als Anker
Dass Spiritualität Menschen gerade in schweren Krisen Halt, Mut und Zuversicht gibt, hat Schuchardt bei der Auswertung der Lebensgeschichten immer wieder beobachtet. Manche fanden in der Krise wieder zurück zu ihrem Glauben – und zu Gott.
Anders könne es bei Menschen aussehen, die keinen Glauben haben, erklärte Schuchardt. Ihnen fehle möglicherweise etwas, worauf sie vertrauen und woran sie festhalten könnten.
Und weiter: „Die Fragen und die Verzweiflung, die in ihm entstehen, müssen irgendwohin. Sie können sich nach außen richten – als Aggression gegenüber Mitmenschen.“ Die Phase der Aggression (Phase 3) sei ihrer Analyse zufolge für den Betroffenen zentral und die Voraussetzung für die Weiterverarbeitung der Krise.
Doch letztlich liege laut Schuchardt die Lösung nicht „im Außen“. „Das allergrößte Problem scheint mir zu sein, dass viele Menschen nicht die Kraft haben, sich selbst die entscheidenden Fragen zu stellen. Sie suchen die Antworten in der Flucht.“
Schuchardt nannte ein Beispiel: So liefen Erkrankte von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, betrieben „Ärzte-Shopping“ oder „Wundershopping“ auf der Suche nach dem einen Weg, der sie endlich gesund machen soll.
Die entscheidenden Fragen
Die entscheidende Wendung könne aus ihrer Sicht mit der folgenden Haltung beginnen: „Ich bin vielleicht nicht gesund – dennoch muss ich innerlich heil werden.“
Das aber bedeute Stille, Einkehr und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Meditationspraktiken, wie sie Karolina und Valentina praktizieren, könnten einen solchen Raum schaffen, erklärte die Krisenexpertin. Aber auch hier gilt laut Schuchardt, sich von der Forderung „Mach mich gesund“ zu lösen.
Die Bestsellerautorin empfiehlt Betroffenen sich mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen: „Wozu habe ich diese Erfahrung gemacht? Was will sie mir sagen? Und wohin will ich mit dieser neuen Erfahrung gehen?“
Wenn Gesund-Sein ansteckt
Eine erfolgreiche Krisenverarbeitung ist nach Schuchardts Komplementärmodell stets eng mit dem sozialen Umfeld und der Gesellschaft verknüpft. „Es gibt ein ansteckendes Gesund-Sein von Krisen betroffener Menschen. Komplementär gibt es ein ansteigendes Kranksein nicht betroffener Menschen“, sagt sie.
Damit ist gemeint, dass Menschen, die eine ernsthafte Krise durchlebt und bewältigt haben, eine besondere Art von Gesund-Sein ausstrahlen. Damit ist nicht die körperliche Gesundheit gemeint, sondern die innere Kraft, Weisheit und Zuversicht, die diese Person im Prozess der Krisenverarbeitung erlangt hat. Dieses „Gesund-Sein“ kann ansteckend wirken: Es inspiriert andere, zeigt Hoffnung und Möglichkeiten auf.
Andersherum könnten das Umfeld, die Angehörigen und Freunde das „Kranksein“ verstärken und so zum Problem für den Betroffenen werden, zum Beispiel durch soziale Ausgrenzung, fehlende Teilnahme oder auch durch Mitleid statt echter Begegnung.
Ein Krieg ist ein kollektives Schicksal, das viele Menschen miteinander teilen und verbinden. In so einer Situation finden Menschen in der „gegenseitigen Unterstützung und in der Gemeinschaft überhaupt die einzige Überlebenschance“, erklärte Schuchardt weiter.
Ein Blick, ein Lächeln
Die Solidarität haben auch Valentina und Karolina im Krieg erlebt. Der Krieg habe die Menschen gezwungen, innezuhalten und einander wirklich anzusehen, erzählte Karolina. Das Miteinander habe sich verändert, Menschen haben sich verändert. Aus Eile und Hektik seiensind mehr Menschlichkeit, Wärme und Hilfsbereitschaft entstanden. Oft brauche es dafür nicht mehr als einen Blick, ein paar Worte oder ein Lächeln.
Die 47-Jährige schlussfolgert: „Die Menschen mögen in diesem Krieg ihre Häuser, ihr früheres Leben und manche ihre Angehörigen verloren haben. Doch viele entdecken den Wert des Lebens neu, der nicht mehr nur an materiellen Dingen gemessen werden kann.“
Das könne Valentina auch bestätigen. „Es gibt Kraft, zu wissen, dass Menschen da sind, die einem zuhören, helfen und in schwierigen Zeiten beistehen“, sagt sie. Die 75-Jährige ist überzeugt, dass Menschen, die einen festen spirituellen Halt und einen moralischen Kompass haben, die Kraft finden, aufrichtig an andere zu denken und sich um die Menschen in ihrem Umfeld zu kümmern.
Von der Krise zur Chance: Eine App
Einen Kompass für Menschen in Krisen möchte Schuchardt mit einem neuen Projekt anbieten. Dafür will sie Lebensgeschichten aus aller Welt aufbereiten, aktualisieren und als App für alle zugänglich machen – sie nennt diese „Schuchardt Navi – Krise: Chance Erfolg-Biografien“. Ihr Ziel: Menschen dabei zu helfen, ihren Weg „von der Krise zur Chance“ zu finden.
Den positiven Blick hat auch Karolina trotz des Krieges und der ungewissen Zukunft nicht verloren. „Wenn ein Mensch erkennt, dass er durch eine schwere Zeit gegangen ist und daran nicht zerbrochen ist, entsteht eine unerschütterliche Ruhe. Er hat nichts mehr zu fürchten und muss sich an nichts verzweifelt festklammern“, sagt die 47-Jährige.
Materieller Verlust könne all das Oberflächliche wegnehmen und einen Menschen mit seinem wahren inneren Wert konfrontieren. In dieser ungewohnten Leere könne aber gleichzeitig eine wichtige Erkenntnis entstehen: „Das Wertvollste in uns bleibt unberührt.“
Seit seiner Kindheit plagten den als unmusikalisch bezeichneten Komponisten gesundheitliche Probleme. Doch aufgeben war für ihn keine Option. - Foto: GeorgiosArt, stefilyn/iStock; Montage: Epoch Times
In Kürze:
Carl Maria von Weber gilt als einer der größten Opernkomponisten Deutschlands.
Seit seiner Kindheit plagten den als unmusikalisch bezeichneten Komponisten gesundheitliche Probleme.
Mit 26 Jahren erkrankte Weber zusätzlich an der damals unheilbaren Tuberkulose, was seinen Ehrgeiz und seine Kreativität nicht minderte.
Bis zu seinem Tod am 5. Juni 1826 komponierte er zwei weltberühmte Opern und revolutionierte die Klassische Musik in der deutschsprachigen Welt.
Der deutsche Komponist Carl Maria von Weber (1786–1826) gilt als Begründer der deutschen Oper während der Romantik, einer im 19. Jahrhundert vorherrschenden musikalischen Stilrichtung.
Zwar war Weber nicht der Erste, der eine Oper in dieser Sprache schrieb (Mozart war schneller), doch griff er wie kein anderer vor ihm speziell auf deutsche kulturelle Themen zurück. Obwohl er früh verstarb, hinterließ er einen unauslöschlichen Eindruck bei seinen musikalischen Kollegen, insbesondere bei Richard Wagner (1813–1883).
„Ein Musiker wirst du niemals sein“
Weber wurde 1786 in der Stadt Eutin, rund 35 Kilometer nördlich von Lübeck in Schleswig-Holstein, geboren. Sein Vater Franz Anton von Weber war ein vielreisender Musiker, sodass der junge Carl das Spielen zahlreicher Instrumente während der Reisen erlernte.
Das Geburtshaus von Carl Maria von Weber (1786–1826) in Eutin, Schleswig-Holstein.
Seinen ersten Musikunterricht erhielt er als Dreijähriger von seinem Onkel Franz Fridolin Weber, dem Schwiegervater von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). Doch sein Onkel soll wenig begeistert gewesen sein und dem Jungen das Instrument aus den kleinen Händen gerissen haben:
„Was auch immer aus dir werden mag, ein Musiker wirst du niemals sein“, so die Worte von Franz Fridolin Weber.
Trotzdem zeigte Carl Maria von Weber schon bald sein musikalisches Genie. Er wuchs in mehreren Bereichen zu einem versierten Künstler heran und legte nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent ein großes Talent an den Tag.
Bildnis des Komponisten Carl Maria von Weber, gemalt von Caroline Bardua (1781–1864) im Jahr 1821.
Lange vor Weber schwenkten Dirigenten aufgerolltes Papier und Geigenbögen in der Luft umher oder schlugen mit Stöcken auf den Boden, um den Takt vorzugeben. Weber brach mit dieser Tradition und schwenkte einen Taktstock, den er in der Mitte hielt – und nicht wie heutige Dirigenten an dessen Ende.
Neben dem Dirigieren war er ein großer Klaviervirtuose. Ob er nun den Taktstock schwang oder die Tasten spielte, er trat mit großer Energie auf und strahlte auf der Bühne ein besonderes Charisma aus.
Er komponierte viele Werke, darunter Stücke für die Klarinette, die noch heute regelmäßig aufgeführt werden. Doch Webers einflussreichste Arbeiten betrafen die Oper. Sein heute bekanntestes Werk dieses Genres ist „Der Freischütz“, uraufgeführt im Jahr 1821.
Bei der Komposition der Oper griff Carl Maria von Weber auf den Stil deutscher Volkslieder zurück. Die Geschichte über einen Jäger, der seine Seele an den Teufel verkauft, um im Gegenzug silberne Kugeln zu erhalten, die niemals ihr Ziel verfehlten, war bei den Besuchern enorm beliebt und wurde zu einer internationalen Sensation.
Illustration von Johann Heinrich Ramberg (1763–1840) zur Oper „Der Freischütz“. Dargestellt sind Caspar und Max beim Gießen von Freikugeln, während das wilde Heer erscheint.
Weber war bereits als Kind häufig von schlechter Gesundheit geplagt. Dies spitzte sich 1812 drastisch zu, als die ersten Symptome einer Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, auftraten. Was als „Rheuma in der Brust“ begann, verschlimmerte sich allmählich.
In einer Zeit, in der die Krankheit noch nicht heilbar war und man noch nicht einmal wusste, dass sie ansteckend war, setzte Weber übermäßiges Vertrauen in die Ärzte. So wechselte er wegen der unterschiedlichen Meinungen der Mediziner oft die Behandlung.
Die Tuberkulose prägte das 19. Jahrhundert so stark, dass sie als „Krankheit der Romantik“ galt. Viele bedeutende Künstler litten an ihr, darunter die Brontë-Schwestern, Friedrich Schiller und Anton Tschechow. Aufgrund dieser Assoziation herrschte die weitverbreitete Vorstellung, dass die Krankheit die Kreativität steigere und als eine Art tödliche Muse fungiere.
Weber machte sich diese Vorstellung zu eigen, fand Gefallen daran, über seine Krankheit zu sprechen, und glaubte sogar, unter dem Einfluss eines „bösen Sterns“ zu stehen. Obwohl es auch bisher keine medizinischen Belege dafür gibt, dass Tuberkulose die kompositorischen Fähigkeiten schärft, kann der Glaube einen starken Einfluss auf die Realität haben. Da er wusste, dass seine Zeit begrenzt ist, überanstrengte sich Weber durch stundenlanges Arbeiten. Dies führte letztlich dazu, dass sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte.
Diejenigen, die Weber begegneten, waren fasziniert von seiner Kombination aus Charisma und Gebrechlichkeit. Der neunjährige Richard Wagner, der Weber in Dresden beim Dirigieren von „Der Freischütz“ beobachtete, hinterließ in seiner Biografie „Mein Leben“ folgende Beschreibung:
„Das schmale feine Gesicht mit den lebhaften und doch häufig umschleierten Augen, bannte mich in Schauern fest; sein stark hinkender Gang, den ich oft vom Fenster aus wahrnahm, wenn der Meister um die Mittagszeit aus den ermüdenden Proben seinen Heimweg an unserem Hause vorbei nahm, kennzeichnete meiner Imagination den grossen Musiker als ein ungewöhnliches, übermenschliches Wesen.“
Richard Wagner (1813–1883) war ein großer Anhänger von Carl Maria von Weber.
„Der Freischütz“ sorgte für so große Furore, dass sich die Londoner in Webers Musik verliebten. Der Theaterdirektor Charles Kemble (1775–1854) lud den Komponisten nach London ein, um eine neue Oper zu schreiben und zu inszenieren.
Als Themen bot Kemble die Wahl zwischen Faust (Goethes Figur, die ihre Seele an den Teufel verkaufte) und Oberon (dem Feenkönig, bekannt aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“). Weber entschied sich für Oberon und nahm Englischunterricht, um sich auf seine Reise nach Großbritannien vorzubereiten.
Ungewöhnlich für ihn war, dass er gegen den Rat seines Arztes handelte und den Auftrag annahm, da er dringend Geld benötigte. Er stürzte sich in die Komposition, und nach seiner Ankunft in London belasteten Proben und Vorbereitungen seine Gesundheit zusätzlich.
Weber wurde in London wie ein Star empfangen, wo er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt die Ouvertüre zu „Der Freischütz“ unter großem Beifall dirigierte. Es folgte die Uraufführung von „Oberon, oder der Schwur des Elfenkönigs“ am 12. April 1826, welche ein durchschlagender Erfolg war. Der Komponist schrieb in einem Brief an seine Frau Caroline, dass ihn die Londoner mit großer Freude empfangen hätten.
„Wie ich ins Orchester trat, erhob sich das ganze über füllte Haus und ein unglaublicher Jubel, Vivat und Hurrah rufen, Hüthe und Tücher schwenken, empfing mich, und war kaum wieder zu stillen.“
Illustration zur Oper „Oberon“, einem mythologischen Elfenkönig.
Foto: gemeinfrei
… und die letzte Oper
Der Jubel war so groß, dass die Ouvertüre wiederholt werden musste und drei Szenen der Oper als Zugaben aufgeführt wurden. Am Ende gab es einen tosenden Applaus – „eine Ehre, die in England noch nie einem Komponisten widerfahren ist“.
In den folgenden zwei Monaten dirigierte Weber mit seinem energiegeladenen Stil weiterhin die ausverkauften Aufführungen seiner Oper. Doch die Anstrengung forderte ihren Tribut und schadete seiner Gesundheit.
Am 26. Mai gab er ein Konzert mit einem neu komponierten Stück, bei dem er eine Sopranistin am Klavier begleitete. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt, bevor er am 5. Juni, einen Tag vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland, der Tuberkulose erlag.
Die Haupthandlung von „Oberon“ war weniger von Shakespeare als vielmehr von Christoph Martin Wielands gleichnamigen Märchenepos aus dem Jahr 1780 inspiriert. Im Gegensatz zur Musik galt der Text der Oper (auch Libretto genannt) als weniger meisterhaft. Geschrieben war dieser von dem britischen Dramatiker James Robinson Planché (1796–1880).
In den Augen von John Warrack, einem Biografen von Carl Maria von Weber, sei der Text voller gekünstelter Dialoge, absurder Handlungsdetails und Figuren, die bloße ausgestopfte Kostüme sind.
In dieser Hinsicht ist Webers „Oberon“ mit Mozarts „Zauberflöte“ vergleichbar, deren Libretto von Emanuel Schikaneder ebenso stark kritisiert wurde. Weber erkannte Planchés Schwächen als Autor. So missfiel ihm unter anderem die Fülle an gesprochenen Szenen, ein Merkmal des englischen Genres der Semi-Oper.
Portrait von Carl Maria von Weber, gemalt von Ferdinand Schimon (1797–1852).
Obwohl Richard Wagner oft die Erfindung wiederkehrender musikalischer Motive und Themen zugeschrieben wird, war es tatsächlich Weber, der damit begann. In „Oberon“ erfüllt das Horn der Titelfigur eine verbindende, dramatische Funktion.
Die Ouvertüre beginnt damit, dass das Waldhorn ein einfaches dreitöniges „Do-Re-Mi“-Motiv in langsamem Tempo spielt. Die Streicher antworten auf diesen Ruf, und die Holzbläser setzen ein, was an ein „Feenlachen“ erinnert. Auf diese Weise wird die übernatürliche Atmosphäre für das Drama erzeugt. Im gesamten Werk erklingt Oberons Horn immer wieder, wenn die Figuren in gefährliche Situationen geraten. Die Verwendung des Leitmotivs hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf den erwachsenen Wagner, der diese Technik weiterentwickelte.
Als Weber starb, hinterließ er einen vierjährigen Sohn, Max Maria von Weber (1822–1881), der später die erste Biografie seines Vaters veröffentlichte. Max wurde Ingenieur statt Komponist, doch sein wissenschaftliches Engagement trug dazu bei, das Andenken an seinen Vater lebendig zu halten.
Webers heldenhafter Kampf gegen seine unheilbare Krankheit ist eine Inspiration für alle Künstler, die bei der Verwirklichung ihrer Kreativität auf Hindernisse stoßen. Und seine Opern sehen viele Menschen als einen Segen für die Welt der Klassischen Musik an.
Ein streunender Hund watet am Stadtrand durch eine überflutete Straße. (Symbolfoto). - Foto: Ishara S. Kodikara/AFP via Getty Images
In Kürze:
Betrüger in Afrika nutzen Bilder von leidenden Tieren in sozialen Netzwerken, um Mitleid, Klicks und Spenden zu generieren.
Sie bringen TierfreundeimWesten dazu, sie bei der vermeintlichen Rettung zu unterstützen.
Eine Aktivistin in England spürt Betrüger im Internet auf und warnt vor ihnen.
Die Bilder sind schwer zu ertragen. Ein Hund, der sich mit gebrochenen Hinterbeinen über die Straße schleppt, ein abgemagertes Pferd, das auf einem Müllberg liegt, ein Kätzchen, das in einem rostigen Eisenrohr gefangen ist.
Fotos oder Filmaufnahmen von verletzten, kranken oder verkrüppelten Tieren fluten die sozialen Netzwerke wie TikTok und Instagram. Manche Videos erreichen dabei Millionen Aufrufe.
Oft mit einem Zweck: Tierfreunde auszunehmen. Denn hinter vielen Konten, auf denen diese Bilder zu sehen sind, stecken Menschen, die das Tierleid ausnutzen, um sich zu bereichern. Sie bitten um Spenden, damit die Tiere angeblich behandelt werden können.
730.000 US-Dollar für ugandische Tierheime
Es geht nicht nur um Hunde oder Pferde. So zeigt eine Dokumentation des ZDF vom August 2025, wie ein vermeintlich bewusstloses Chamäleon mit Mund-zu-Mund-Beatmung angeblich vor dem sicheren Tod gerettet wird.
Fake Rescues – vorgetäuschte Rettungsaktionen – nennt sich die einträgliche Betrügerei. Laut der Tierschutzorganisation VETO werden dadurch weltweit Millionen Euro an Spenden generiert.
Laut „BBC Africa“ spielen dabei Betreiber von provisorischen Tierheimen in Uganda, die Hunde unter erbärmlichen Bedingungen halten, eine zentrale Rolle. Sie „vermieten“ ihre Räumlichkeiten und die Tiere an sogenannte Content-Creator, die sich auf die Produktion rührseliger Videos mit Spendenaufrufen spezialisiert haben.
Eine Datenanalyse der BBC verdeutlicht das Ausmaß dieses Phänomens. Mehr als 730.000 US-Dollar (über 600.000 Euro) wurden in fünf Jahren für ugandische Tierheime gesammelt. Fast 40 Prozent dieser Gelder stehen in direktem Zusammenhang mit der Stadt Mityana, die etwa 70 Kilometer von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, entfernt ist.
Der materielle Erfolg der Betrüger vor Ort soll offensichtlich sein. „Sobald man das Geld von GoFundMe erhält, kann man sich ein Auto kaufen oder ein Haus bauen“, erläutert Charles Lubajja vor versteckter Kamera. Er gehört laut dem BBC-Bericht zu den Akteuren dieses Netzwerks und besitzt ein Tierheim.
Lubajja erklärte gegenüber verdeckten BBC-Reportern, dass einige Content-Creator Hunde absichtlich verletzten, um ihre Videos zu drehen.
„Als ihnen die Inhalte ausgingen, fingen einige an, den Hunden Verletzungen zuzufügen, um Geld zu erpressen“, erklärt er. Er fügt jedoch hinzu, dass sich diese Eskalation gegen sie gewendet habe, als einige Spender den Betrug durchschauten und andere warnten.
Vom Opfer zur Aktivistin
Angesichts dieser Entwicklung formiert sich internationaler Widerstand. Nicola Baird, eine 49-jährige Britin, die laut ihrer Aussage selbst ein Betrugsopfer ist, gründete den Instagram-Account „We Won’t Be Scammed“ (Wir lassen uns nicht betrügen).
Dieses Konto, dem 20.000 Abonnenten folgen, spürt Betrüger auf, um potenzielle Spender zu warnen. „Sie [die Betrüger] verkörpern das Böse in Reinform“, sagte die Aktivistin der BBC.
Die Maßnahmen der lokalen Behörden bleiben jedoch durch rechtliche Hürden eingeschränkt. 2023 rettete die Polizei von Mityana bei einer Großaktion 24 Hunde. Drei Verdächtige kamen wegen Tierquälerei vor Gericht, doch die Richter stellten die Verfahren nach einer einfachen Verwarnung wieder ein.
Derzeit setzt ein internationales Bündnis von Tierschützern auf Zivilklagen, um diesen Finanzkreislauf zu zerschlagen und die Bildung neuer Netzwerke zu verhindern.
Die Welttierschutzgesellschaft mit Sitz in Berlin fasst drei Hauptformen inszenierter Tierrettungen zusammen.
So sind in rund zwei Dritteln der Fälle Tiere in scheinbar akuten Gefahrensituationen zu sehen. Die Tiere sind abgemagert, erkrankt oder nahezu leblos. Manche stecken fest, ertrinken beinahe oder sind verschüttet. Rund 16 Prozent inszenieren unrealistische Angriffe oder Situationen, die in der Realität so kaum vorkommen würden. Etwa 15 Prozent stellen angebliche medizinische Notfälle dar, in denen Tiere nicht sachkundig behandelt, „wiederbelebt“ oder als schwer erkrankt präsentiert werden.
Um sich vor Betrug zu schützen, sollte man einige Dinge beachten, rät VETO auf ihrer Website.
So sollten gemeinnützige Organisationen transparent arbeiten. Ein Blick ins Impressum zeigt Sitz und Kontaktmöglichkeiten – fehlt es, ist Vorsicht geboten. Jede seriöse Organisation verfügt über eine Satzung, die den Zweck und die Gemeinnützigkeit festhält. Vertrauenssiegel wie die Initiative Transparente Zivilgesellschaft geben zusätzliche Sicherheit. Jahresberichte liefern Einblick in Aktivitäten, Einnahmen und Ausgaben und sind für Vereine verpflichtend.