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„Genug gearbeitet“ – Mitarbeiter: Wenn Menschen Systeme spiegeln

„Warum denken die nicht mit?“ Diese Frage klingt nach Ärger. Manchmal ist sie berechtigt. Häufig ist sie unvollständig. Denn Menschen denken nicht im luftleeren Raum mit. Sie denken in Rahmenbedingungen, Rollen, Erlaubnissen, Erfahrungen und Konsequenzen.
Wenn Mitarbeiter passiv wirken, kann das viele Ursachen haben: zu wenig Klarheit, zu viel Kontrolle, schlechte Erfahrungen mit Vorschlägen, fehlende Entscheidungsspielräume oder eine Kultur, in der Fehler schneller bestraft werden als Lernen belohnt wird.
Das bedeutet nicht, dass Verhalten egal ist. Es bedeutet nur: Führung sollte Verhalten nicht zu früh als Charakterfrage behandeln.
Ein Unternehmer beklagte, dass sein Team keine Verantwortung übernehme. Im Gespräch stellte sich heraus: Jede Entscheidung musste am Ende doch noch einmal über seinen Tisch – nicht offiziell, aber praktisch. Das Team hatte gelernt: Selbstständigkeit lohnt sich nur begrenzt. Am Ende entscheidet ohnehin der Chef.
Der Wendepunkt war unbequem. Nicht das Team musste zuerst anders werden, sondern der Rahmen. Es wurden drei Entscheidungsräume definiert:
  • Das entscheidet das Team allein.
  • Hier wird informiert, aber nicht gefragt.
  • Hier braucht es vorher Abstimmung.
Nach wenigen Wochen wurde klar: Die Menschen waren nicht grundsätzlich unselbstständig. Sie waren trainiert auf Rückversicherung.
Genug gearbeitet. Genug daran gearbeitet, Symptome zu korrigieren, ohne das System anzusehen.
Führung bedeutet, die Wechselwirkung ernst zu nehmen. Was erzeugt unser System? Welche Verhaltensweisen belohnen wir unbewusst? Was bestrafen wir, obwohl wir es offiziell wollen?
Wenn Sie mehr Eigenverantwortung wollen, prüfen Sie:
  • Gibt es echte Entscheidungsspielräume?
  • Wird ein guter Versuch anerkannt, auch wenn er nicht perfekt war?
  • Sind Fehler Lernstoff oder Beweismaterial?
  • Wird Verantwortung wirklich übergeben oder nur Arbeit verteilt?
Gerade im Mittelstand ist diese Frage entscheidend. Viele Unternehmen sind aus der Kraft einzelner Personen gewachsen. Das ist eine Stärke. Aber ab einer bestimmten Größe wird dieselbe Stärke zum Engpass. Wenn alles am Inhaber hängt, lernen andere, danebenzustehen.
Der Satz „Die Menschen müssen mehr mitdenken“ ist erst dann fair, wenn das System Mitdenken auch zulässt.
Genug gearbeitet. Welches Verhalten Ihres Teams ist vielleicht weniger Widerstand als eine logische Reaktion auf Ihren Rahmen?
Rolf Hempel | www.b-steps.de/summit | b-steps summit
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„Citizen Vigilante“: Warum die FSK den Film nur fürs Kino freigibt


In Kürze:

  • Die FSK hat „Citizen Vigilante“ für Kinovorführungen ab 18 Jahren freigegeben.
  • Für die Veröffentlichung im Home-Entertainment-Bereich erhielt der Film kein Kennzeichen, da eine Jugendgefährdung nicht ausgeschlossen werden konnte.
  • Regisseur Uwe Boll kritisiert die Entscheidung.

 
Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat dem 2026 erschienenen Film „Citizen Vigilante“ von Uwe Boll ein Kennzeichen für die Kinoauswertung erteilt. Wie das Gremium Anfang der Woche entschied, dürfen deutsche Kinos die Produktion einem Publikum ab 18 Jahren zeigen. Bolls Unternehmen hatte zuvor eine entsprechende Freigabe für die Veröffentlichung im Kino beantragt.

FSK: Jugendgefährdung bei „Citizen Vigilante“ nicht auszuschließen

Wie die FSK mitteilt, hat der Appellationsausschuss für den Bereich Home Entertainment jedoch kein Kennzeichen erteilt. Dafür ist ein separates Prüfverfahren erforderlich. Streaming-Anbieter können Erwachsenen Filme ohne Kennzeichnung auf eigenes rechtliches Risiko zugänglich machen. Erst bei einer möglichen Indizierung durch die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz würden weitergehende Abgabe-, Werbe- und Vertriebsbeschränkungen gelten.
Eine Einstufung für den Home-Entertainment-Bereich erhielt „Citizen Vigilante“ nicht, weil der Appellationsausschuss eine einfache Jugendgefährdung durch den Film nicht ausschließen konnte. Nach Paragraf 14 des Jugendschutzgesetzes wird zwischen einfacher und schwerer Jugendgefährdung unterschieden.
Für Kinofilme ist grundsätzlich nur dann kein Kennzeichen vorgesehen, wenn sie aufgrund entsprechender Fachgutachten als schwer jugendgefährdend eingestuft werden müssten. Im Bereich Home Entertainment gelten aus Sicht des Jugendschutzes strengere Maßstäbe. Da Filme dort leichter in den privaten Bereich gelangen können, reicht bereits eine einfache Jugendgefährdung aus, um kein Kennzeichen zu erhalten.

Produktion könnte „Desensibilisierung oder Desorientierung Jugendlicher“ bewirken

Der Appellationsausschuss der FSK konnte eine einfache Jugendgefährdung nicht ausschließen. Begründet wurde dies damit, dass „Citizen Vigilante“ nach Einschätzung des Gremiums „Gewaltsequenzen eindrücklich bebildert und vertont und Selbstjustiz als probates Mittel gegen kriminelle Gewalt inszeniert“. Dadurch könne eine Desensibilisierung oder Desorientierung Jugendlicher nicht ausgeschlossen werden.
Der in Kroatien gedrehte Film „Citizen Vigilante“ wird vielfach als Adaption bekannter Selbstjustiz-Thriller wie „Death Wish“ eingeordnet. Der US-Verleiher Quiver vertreibt die Produktion in den USA. Der nach Vorwürfen psychischer und sexueller Gewalt öffentlich umstrittene US-Schauspieler Armie Hammer spielt darin einen wohlhabenden Amerikaner. Dieser kommt zu der Überzeugung, dass der Rechtsstaat nicht mehr in der Lage sei, Kriminalität und Korruption ausreichend zu bekämpfen. Daraufhin entscheidet er sich, Selbstjustiz gegen Kriminelle und korrupte Beamte auszuüben.
Auffällig ist, dass schwere Gewaltkriminalität im Film überwiegend Einwanderern zugeschrieben wird. Regisseur Boll erklärte selbst, dass diese Darstellung aus seiner Sicht nicht zufällig sei. In einem offenen Brief an mehrere Selbstkontrollorgane der Filmbranche nahm er Bezug auf einen Vergewaltigungsfall an einer durch Alkohol in ihrer Urteilsfähigkeit beeinträchtigten 15-Jährigen in Hamburg. Im anschließenden Prozess erhielten mehrere Angeklagte, von denen einige keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, Bewährungsstrafen.

Regisseur Boll macht „alte woke Liberale“ für teilweise Freigabe-Verweigerung verantwortlich

Boll betrachtet diesen Fall offenbar als beispielhaft für die Situation in Europa. In einer Einblendung widmet er „Citizen Vigilante“ den „tausenden Opfern von Mord und Vergewaltigung in Europa“, die „von unseren Politikern, unserer Polizei und unseren Gerichten betrogen werden“. Zudem stellt der Regisseur eine mögliche Fortsetzung mit einem Schwerpunkt auf Europa in Aussicht.
Eine Anleitung oder Inspiration für rassistisch motivierte Gewalttaten sieht Boll in seinem Film dennoch nicht. Der Hauptcharakter werde nicht als klassische Identifikationsfigur dargestellt. Stattdessen erscheine er als „ein egoistischer und sehr reicher Geschäftsmann, der quasi aus Langeweile anfängt, die Justiz in die eigenen Hände zu nehmen“.
Der Regisseur zeigt sich trotz der Freigabe für Kinoaufführungen weiterhin unzufrieden. Er kritisiert die Entscheidung der Kommission und macht auf X deren Mitglieder dafür verantwortlich, dass der Film keine Freigabe für den Home-Entertainment-Bereich erhalten hat. Der Weg zu Streaming, Fernsehen und Blu-ray bleibt für „Citizen Vigilante“ in Deutschland damit weiterhin erschwert.
Auf Fachportalen wie „Rotten Tomatoes“ gehen die Einschätzungen weiterhin deutlich auseinander. Unter professionellen Filmkritikern erhielt „Citizen Vigilante“ mit 6 Prozent eine der niedrigsten Bewertungen der dort besprochenen Filme.
Vince Mancini vom „Content Report“ schreibt beispielsweise, den Film als „faschistische Propaganda“ zu bezeichnen, würde eine „Herabwürdigung kompetenter Propagandisten“ darstellen. Historische Werke wie „The Birth of a Nation“ oder „Triumph des Willens“ hätten trotz ihrer problematischen Botschaften einen künstlerischen Anspruch gehabt.

Kritiken von „Citizen Vigilante“ gehen weit auseinander

Demgegenüber erreicht der Film unter mehr als 2.500 Publikumsrezensionen eine Bewertung von 92 Prozent. Viele der positiven Bewertungen beziehen sich vor allem auf die politische Botschaft des Films und weniger auf künstlerische Kriterien. Zudem gibt es keine Rezension aus der sogenannten Verified Audience – also von Nutzern, deren Kinobesuch nachweislich bestätigt wurde. Möglich ist daher, dass sich unter den Rezensenten auch Personen befinden, die den Film über das Angebot Elon Musks 48 Stunden lang auf X ansehen konnten.
Doch auch im rechtskonservativen Spektrum selbst polarisiert „Citizen Vigilante“. Auf X feiern Nutzer den Film, weil er aus ihrer Sicht „die Wahrheit“ ausspreche oder eine realistische Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen liefere. David Boos vom „Leo Magazin“ ordnet den Film hingegen kritisch ein und stellt ihn in eine Reihe mit den „Ausländer raus“-Gesängen von Sylt oder Hitler-Provokationen von Kanye West. Er argumentiert, der Film könne der konservativen Rechten eher schaden. Boos schreibt auf seinem Blog:
„Das Einfache, das Niedrige, das Geschmacklose, das Hässliche – das kommt nicht von Gott. Das alles ist abstoßend, und es kann keinen überraschen, wenn speziell junge Menschen, die nach Sinn und Schönheit im Leben suchen, sich von dieser Rechten in Abscheu abwenden.“
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„Systemsprenger“: Für sie gibt es keine hundertprozentige Lösung

Fünf vor sechs müssen sie aufstehen. Dann gibt es erst mal Frühsport. In erster Linie Liegestützen und Kniebeugen. Die Rede ist von Kindern und Jugendlichen im sogenannten „Trainingscamp“ im hessischen Diemelstadt.
Die Pädagogen dieser stationären Jugendhilfeeinrichtung sagen über die jungen Menschen, die zu ihnen kommen: Sie reagieren „auf Einmischungen von Eltern, Lehrern oder Erziehern misstrauisch, verängstigt, aggressiv und ablehnend“. Sie hätten „eine Richtung eingeschlagen, die sie selbst und andere in große Schwierigkeiten gebracht haben“. Dazu zählen Raubüberfälle, Drogen, Alkoholdelikte, Lügen, Erpressung von Mitschülern, Schule schwänzen und teils schwere Körperverletzungen an anderen.

Wenn alle Versuche scheitern

Für diese Gruppe Kinder und Jugendliche hat sich der Begriff „Systemsprenger“ eingebürgert. Inspiriert hat ihn der Erziehungswissenschaftler Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, der im Jahr 2010 das Buch „Kinder, die Systeme sprengen“ veröffentlichte. Der Untertitel des Buches sagt schon alles über den Inhalt aus: „Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern“.
Es geht um Kinder und Teenager, die „durch keine pädagogische oder therapeutische Maßnahme erreichbar erscheinen“ und die somit das therapeutische System „sprengen“.
Nicht immer richtet sich der Zorn und die Frustration der Jugendlichen gegen andere, sondern auch gegen sich selbst. Baumann schildert in seiner Studie einen besonders extremen Fall der Selbstverletzung, den ihm eine Gruppenleiterin einer Kinder- und Jugendwohngruppe berichtet hat.
Ein Junge hatte sich das Bein gebrochen. „Eines Tages stand er – wir haben da hinten einen Anbau mit einem Flachdach – und da stand er oben auf dem Dach. Und dann haben wir gesagt: ‚Komm runter‘, ne, ‚wir stellen dir jetzt ne Leiter wieder ran, und ich möchte, dass du hier wieder runter kommst,‘ und dann ist er mit einem Doppelsalto mit dem gebrochenen Bein im Gips vom Dach gesprungen. So nach dem Motto: ‚Ihr könnt mir gar nichts!‘“

Foto: mactrunk/iStock

Angststörungen, Depression, Überaktivität

„Puzzle Inklusion“, ein privater pädagogischer Dienstleister in Hannover für Kinder, junge Erwachsene und deren Eltern, erklärt das Phänomen folgendermaßen: „Systemsprenger“ hätten „oft tiefe Bindungsprobleme, geringe Frustrationstoleranz und zeigen Ablehnung gegenüber Autoritäten.“
Als mögliche Gründe und Hintergründe für deren Verhalten führen die Pädagogen an: familiäre Belastungen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder Suchterkrankungen. Hinzu kämen Missbrauch, Trennung von Bezugspersonen, ADHS, Depressionen, geringe Kontakte zu anderen und fehlende Freizeitangebote.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) berichtet in einem Faktenpapier aus dem Jahr 2020 zu „Psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“ davon, dass in dieser Altersgruppe am häufigsten Angststörungen, Depression, Überaktivität sowie dauerhaft aufsässiges und aggressives Verhalten auftrete.
Die BPtK verweist zudem auf eine nicht näher genannte deutsche Studie mit 2.500 Befragten. Diese habe ergeben, dass „fast die Hälfte der Jugendlichen über 14 Jahre ein belastendes Kindheitserlebnis“ gehabt hätten, „zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch in der Familie“. Etwa 10 Prozent der Befragten hätten „von mehr als vier belastenden Erfahrungen in der Kindheit“ berichtet.
Jungen vor dem 15. Lebensjahr seien häufiger psychisch krank als Mädchen. Sie erkrankten „viereinhalbmal so häufig an ADHS, sie neigen stärker zu aggressivem und oppositionellem Verhalten, sie schwänzen häufiger die Schule oder laufen von zu Hause weg. Sie sind auch häufiger suchtkrank“, so die Psychotherapeutenkammer.

Billy the Kid in den Jahren 1879–80.

Foto: Gemeinfrei

„Billy the Kid“ und „Schinderhannes”

Systemsprenger sind keine Erscheinung der Neuzeit. Sie hat es offenbar schon immer gegeben. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die Wildwest-Banditen „Bill the Kid“ und „Sundance Kid“ aus dem 19. Jahrhundert. Alleine der Zusatz „Kid“ verweist schon darauf, dass es sich bei diesen Gesetzlosen um Jugendliche gehandelt hat.
„Billy the Kid“ wurde nach zahlreichen Raubüberfällen und Morden mit rund 21 Jahren aus einem Hinterhalt erschossen. „Sundance Kid“ wurde zwar etwa 40 Jahre alt, verbüßte seine erste Haftstrafe aber bereits mit 20 Jahren.
Als deutsches Beispiel kann Johannes Bückler, besser bekannt unter dem Beinamen „Schinderhannes“, angeführt werden. Er wurde 1803 mit rund 24 Jahren hingerichtet, nachdem er zuvor im Hunsrück mindestens 211 Straftaten – von Diebstählen, Erpressungen bis zu mörderischen Raubüberfällen – begangen hatte. Er wurde mit etwa 16 Jahren erstmals wegen Diebstahls verhaftet.

Psychologischer Support für Pädagogen

Zurück in die Gegenwart. Baumann zufolge stellt die Altersgruppe der 13- bis 16-Jährigen „den mit Abstand größten Block“ unter den Systemsprengern. Er habe aber bereits für seine 2010-Studie mit 11- bis 13-jährigen Jugendlichen zu tun gehabt.
Für den Professor sei der Begriff „Systemsprenger“ keine Bezeichnung für ein Kind oder einen Jugendlichen mit bestimmten Eigenschaften. Sondern es ginge vielmehr um das „Prozessgeschehen“.
„Der Kinder- und Jugendhilfe gelingt es nicht, mit einem jungen Menschen ein Angebotsformat zu finden, das von allen Beteiligten als hilfreich angesehen wird“, so Baumann.
Wenn das System aber das Problem sein soll, was muss sich dann nach Meinung des Experten ändern?
Überraschenderweise nennt Baumann im Gespräch mit LOOP Kinderhilfe nicht an erster Stelle die Betroffenen, sondern die Pädagogen:
„Wir müssen in der Jugendhilfe viel, viel mehr in Mitarbeitersicherung, in emotionalen und psychologischen Support unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren. Das muss der wesentliche Schwerpunkt sein“, so der Pädagoge. Die Fachberatung und das Coaching müssten „anders werden“, damit die Betreuer „in ihrer psychischen Gesundheit und ihrer Belastbarkeit“ erhalten werden.

Yuliia Kaveshnikova/iStock

Kein „Export“ von Problemfällen

Und es bedürfe Baumanns Aussage nach einer „stärkeren Regionalisierung“. Er kritisiert, dass etwa im Jahr 2022 in Schleswig-Holstein für 6.500 Heimplätze 5.500 Kinder aus anderen Bundesländern zugewiesen wurden.
Er sagt: „Lasst uns den Import-/Export-Wahnsinn beenden und lasst uns stärker in die Regionalisierung gehen, zumindest in der Verantwortung. Es kann Sinn machen, ein Kind auch mal weiter weg unterzubringen, aber die Verantwortlichkeit muss in der Region bleiben“, so der Wissenschaftler. Dafür brauche es bessere Strukturen bei Jugendämtern und Jugendhilfeträgern.

Individuelle Betreuung oder Gemeinschaft?

Und er fügt hinzu: „Wir brauchen nicht mehr Spezialangebote, die bestimmte Phänomene bearbeiten.“ Vielmehr würden Pädagogen gebraucht, die bereit seien, „sich auf diesen einen Menschen einzulassen, der da vor ihnen steht. Wir brauchen mehr Individualität für den einzelnen Menschen“, fordert Baumann.
Das privat betriebene „Trainingscamp“ Diemelstadt verfolgt laut ihrer Website einen einzigartigen Ansatz mit jenen Jugendlichen, die oft nur noch die Wahl haben: Gefängnis oder Diemelstadt. Die Einrichtung in Nordhessen befindet sich abseits von größeren Ortschaften und ist umgeben von Wald und landwirtschaftlichen Flächen. „Diese Lage entlastet von vielen negativen Versuchungen und Gelegenheiten größere Städte“, beschreiben die Betreiber ihr Bootcamp.
Zwanzig Therapieplätze gibt es dort, ausschließlich für männliche Jugendliche, die für sechs Monate an dem Trainingsprogramm teilnehmen. Unterricht gibt es nicht, aber ein straffes Sportprogramm, Arbeitsprojekte, Gemeinschaftsleben sowie „Rituale“, mit denen Grenzen gesetzt werden.

Boxen und Mannschaftssport sollen helfen

So sollen etwa mittels Boxen und Mannschaftssportarten Disziplin und Fair Play vermittelt werden. Die „aggressiven Impulse“ der Jugendlichen sollen dadurch abgebaut werden. Als weiteres Ziel wird angegeben, „lernen Regeln einzuhalten, diszipliniert zu trainieren“ und sportliche Gegner zu respektieren.
Und dann? Viele der Jugendlichen hätten am Ende der Zeit im Trainingscamp „das Gefühl, fit und leistungsfähig zu sein. Sie sind motiviert, sich weiteren Herausforderungen zu stellen, ihre Schule wieder aufzunehmen, eine Ausbildung zu machen, die Situation in der Familie wieder zu verbessern“, beschreiben die Betreiber ihre Arbeit.

Foto: Yuliia Kaveshnikova/iStock

„Erfolg ist eine Treppe, keine Tür“

Und dennoch werden laut einem Bericht von „RTL Hessen“ 50 Prozent rückfällig, wenn sie das Camp verlassen haben. Aber eine Rückfallquote von 50 Prozent ließe sich unterschiedlich bewerten: als Erfolg angesichts der Schwere der Fälle, mit denen die Einrichtung arbeitet, oder als Hinweis auf die Grenzen des Ansatzes.
Und in keiner Gesellschaft dieser Welt gelingt es, alle „verhaltensauffälligen“ Kinder und Teenager entsprechend ihren Bedürfnissen erfolgreich zu betreuen oder zu therapieren. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder in der Zukunft.
Wie mit dieser offenbar unlösbaren Situation umgegangen werden kann, dazu hatte etwa die 2007 verstorbene amerikanische Motivationstrainerin Dottie Walters eine klare Meinung: „Erfolg ist eine Treppe, keine Tür.“
Kummertelefon für Eltern:
Unter 0800 111 0550 erhalten Eltern kostenlose Beratung bei Erziehungsfragen.
Kummertelefon für Kinder und Jugendliche:
Unter 116 111 finden Kinder und Jugendliche ein offenes Ohr, wenn sie zu Hause Gewalt erleben oder andere Sorgen haben. Kostenlos und anonym.
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Fliegende Kirschkerne und eine Diesellok am Seil

111 Menschen haben gemeinsam eine Diesellok samt zwei Waggons 111 Meter weit an Seilen gezogen. Der kollektive Kraftakt während des Brezelfests in Speyer hat nach Angaben der Organisatoren unfallfrei geklappt.
Auch andernorts in Deutschland gab es kuriose Veranstaltungen: Im hessischen Witzenhausen spuckten Hunderte Teilnehmer Kirschkerne um die Wette und in Plau am See kämpften 22 Teams um den Titel der kreativsten „Badewanne“.

Muskelkraft gegen Lok

„In gut zwei Minuten war die Lok im Ziel. Jeder war überrascht, wie schnell das Ganze funktioniert hat“, berichtete der Vorsitzende des Verkehrsvereins Speyer, Uwe Wöhlert, dpa.
Mit dabei waren 19 Teams aus der Region, von Gewichthebern und Ringern bis zu Stadtwerken und Verwaltung. Die Lok und die Waggons zusammen wogen den Angaben zufolge 111 Tonnen.
Es gab zwei je 50 Meter lange Seile, die über den Schultern der Teilnehmer lagen. Die 111 Menschen liefen teils im Gleisbett. Es sei niemand gestürzt oder gestolpert, sagte Wöhlert.
Die Organisatoren hatten das Muskelkraft-Event als Weltrekordversuch angemeldet. Geplant ist ein Eintrag beim Rekordinstitut für Deutschland (RID). Ein Notar hat das Geschehen verfolgt.

30 Meter lange Spuckebahn in Hessen gebaut

Ähnlich ambitioniert, aber unter ganz anderen Vorzeichen traten im hessischen Witzenhausen Hunderte Kinder, Frauen und Männer im Kirschsteinweitspucken gegeneinander an. Die Sieger dürfen sich Deutsche Meister in der Disziplin nennen.
Das Reglement sieht vor, dass das Spucken „ausschließlich mit dem bloßen Mund“ erfolgt. „Jegliche Hilfsmittel oder Veränderungen am Kirschstein sind nicht gestattet“, heißt es dort.
Der verwendete Kirschstein muss aus den zur Verfügung gestellten Kirschen stammen. Jeder Teilnehmer hat drei Spuckversuche. Es zählt nicht das erste Aufkommen, sondern der Punkt, an dem der Stein liegenbleibt.
Das Reglement sieht vor, dass das Spucken «ausschließlich mit dem bloßen Mund» erfolgt.

Das Reglement sieht vor, dass das Spucken „ausschließlich mit dem bloßen Mund“ erfolgt.

Foto: Kai Moorschlatt/dpa

Seit 1985 finden die Deutschen Meisterschaften im Kirschsteinweitspucken schon in Witzenhausen im Rahmen der jährlichen Kesperkirmes statt. Den Titel als Deutsche Meisterin beim Kirschsteinweitspucken verteidigte Frederike Brübach – mit mehr als zwölf Metern.

Buntes Badewannen-Rennen in Plau am See

Deutlich bunter ging es in Plau am See (Mecklenburg-Vorpommern) zu, wo sich die Elde wieder in eine Rennstrecke für auffällig geschmückte Boote verwandelte.
Bei sommerlichen Temperaturen bis zu 29 Grad traten 22 Teams mit ihren „Badewannen“, meist schwimmfähigen Plattformen, gegeneinander an und kämpften unter anderem um den Titel der kreativsten Kreation.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der traditionellen Badewannenrallye stellten sich sowohl der Wertung der Besucher als auch einer Jury.

Die Teilnehmer der traditionellen Badewannenrallye stellten sich sowohl der Wertung der Besucher als auch einer Jury.

Foto: Philip Dulian/dpa

Die Teilnehmer der traditionellen Badewannenrallye stellten sich dabei sowohl der Wertung der Besucher als auch einer Jury. Die Rallye fand in diesem Jahr zum 32. Mal statt.
Gepaddelt wurde auf einer Strecke von etwa 500 Metern zwischen der Plauer Schleuse und der historischen Hubbrücke. Am Abend sollten die Teilnehmer dann noch ausgezeichnet werden. (dpa/red)
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Bekennerschreiben: Sabotageverdacht an Bahnstrecke nach Böschungsbrand

Als Ursache des Feuers an der wichtigen Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Köln wird ein Sabotageakt vermutet. Das verlautete aus Sicherheitskreisen. Inzwischen tauchte auf der linken Plattform indymedia.org ein angebliches Bekennerschreiben auf. Die Bahnstrecke ist seit Freitag gesperrt. Noch ist unklar, wann Züge wieder regulär fahren.
Die Gruppe „Kommando Angry Birds“ veröffentlichte das Schreiben. Darin schreibt die Gruppe, dass sie verantwortlich „für die Sabotage der Bahnstrecke nördlich von Leverkusen“ sei. Es seien Brandsätze in einem Kabelschacht deponiert worden.
In Sicherheitskreisen wird davon ausgegangen, dass das Schreiben echt ist, wie die Deutsche-Presse-Agentur erfuhr. Dass ein technischer Defekt den Böschungsbrand an der Bahnstrecke auslösen konnte, gelte als wenig wahrscheinlich. Über das Bekennerschreiben hatte zuerst der WDR berichtet.
Die linksextremistische Gruppe „Kommando Angry Birds“ hatte vor etwa einem Jahr auch einen Anschlag auf die Bahnhauptstrecke zwischen Düsseldorf und Duisburg für sich reklamiert.
Der Staatsschutz der Kölner Polizei hatte bereits am Freitag die Ermittlungen übernommen. Es werde untersucht, ob strafrechtliches Handeln vorliege und das Feuer absichtlich gelegt worden sei, hatte ein Polizeisprecher gesagt.

Strecke weiter gesperrt

Bisher ist noch unklar, wann der gesperrte Abschnitt wieder freigegeben wird. Am Samstagmittag sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn, es könne aktuell keine Prognose abgegeben werden, wann die Strecke wieder befahren werden könne. Im Nah- und Fernverkehr kommt es wegen der Sperrung zu Umleitungen und Verspätungen, Ausfall einzelner Züge.

Was ist passiert?

Laut Bahn hatte am Freitagvormittag an zwei Stellen die Böschung zwischen Langenfeld und Leverkusen gebrannt. Die Feuerwehr habe die Brände zwar gelöscht. Allerdings habe das Feuer Schäden an mehreren Signalkabeln angerichtet, so dass auf dem Streckenabschnitt keine Züge fahren könnten. (dpa/red)
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Deutsche stirbt bei Gleitschirm-Absturz in Österreich

Eine junge Frau aus Hessen ist beim Gleitschirmfliegen in den Tiroler Alpen tödlich verunglückt. Wie die österreichische Polizei am Samstag mitteilte, stürzte die 28-Jährige am Vortag in einen Wald bei Neustift im Stubaital und krachte gegen einen Baum. Dabei erlitt sie tödliche Verletzungen.
Ein Mann, der in dem Wald unterwegs war, bemerkte die leblose Frau, die in rund 40 Meter Höhe in einer Baumkrone hing, und alarmierte die Einsatzkräfte, wie eine Polizeisprecherin der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Zuvor hatte der Sender ORF darüber berichtet. Wieso die Frau aus dem Schwalm-Eder-Kreis abstürzte, war vorerst unklar.
Ein weiterer deutscher Gleitschirmflieger aus Nordrhein-Westfalen wurde am Freitag im österreichischen Tirol verletzt. Wie die Polizei mitteilte, klappte sein Schirm aus ungeklärter Ursache zusammen, und der Mann stürzte aus rund 25 Metern Höhe in den Achensee. Zwei Bootsfahrer beobachteten den Unfall des 24-Jährigen, bargen den Flugsportler und brachten ihn ans Ufer. Der Mann aus dem Rhein-Sieg-Kreis wurde danach mit einem Helikopter in eine Klinik geflogen. (dpa/red)
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Zehntausende Beschwerden über die Post

Aus Frust über verlegte, verlorene oder beschädigte Briefe und Pakete haben Verbraucher Zehntausende Beschwerden bei einer Behörde eingereicht. Wie aus der Website der Bundesnetzagentur hervorgeht, gingen bei ihr im ersten Halbjahr 35.728 kritische Wortmeldungen beim sogenannten Mängelmelder ein. Im Vorjahreszeitraum hatte die Behörde 22.981 Beschwerden gezählt. Die Zahlen sind laut Netzagentur aber nicht vergleichbar, da sich die Methodik geändert hat.
Die Beschwerden richten sich gegen alle Postdienstleister, in 87 Prozent der Fälle geht es um den Marktführer Deutsche Post/DHL, der als einzige Firma sowohl Briefe als auch Pakete austrägt. Den Mängelmelder gibt es erst seit Herbst 2025. Die Website enthält Fragen mit Multiple-Choice-Antworten, bei denen Verbraucher sich einfach durchklicken und ihre Beschwerde nicht mehr in eigenen Worten ausformulieren müssen, wie es im alten System der Fall war.
Raus mit den Paketen und ab zu den Empfängern: ein DHL-Transporter im Einsatz. (Archivbild)

Raus mit den Paketen und ab zu den Empfängern: ein DHL-Transporter im Einsatz. (Archivbild)

Foto: Martin Schutt/dpa

Die Post hält Beschwerdezahlen für „aufgebläht“

Die Post argumentiert, dass durch das neue System die Hemmschwelle sinke und sich manch Verbraucher leichter tue mit der Eingabe subjektiv empfundener Mängel, die sich bei näherer Betrachtung jedoch als unberechtigt erwiesen. Und manch neue Beschwerde wäre über das alte System vielleicht gar nicht eingereicht worden.
„Der neue Mängelmelder bläht die Beschwerdestatistik auf und erweckt den Eindruck, die Postversorgung in Deutschland würde nicht funktionieren“, sagt ein Post-Sprecher. „Das ist falsch – im Gegenteil: Die Post in Deutschland funktioniert sehr gut.“ Der Anteil der Beschwerden, die bei der Post direkt eingehen, liege unverändert bei 0,003 Prozent der Menge an Briefen und Paketen.
Eine andere Entwicklung stützt die Sichtweise der Post, dass die im Vergleich zu 2025 höhere Beschwerdezahl kein Hinweis auf ein größeres Problem ist. Denn es gibt keine „Hotspots“ mehr, also keine gehäuften Beschwerden aus einer Gegend. Solche Hotspots nahm die Netzagentur in der Vergangenheit als Anlass für Prüfverfahren, um die postalische Versorgung vor Ort genauer unter die Lupe zu nehmen.
Die Logik dahinter: Trudelt nur eine Beschwerde aus einem Stadtteil ein, so kann das auch ein miesepetriger Verbraucher gewesen sein, der eine Mücke zum Elefanten macht. Sind es hingegen mehrere Beschwerden unterschiedlicher Menschen aus einem Stadtteil, so kann das ein Hinweis sein, dass wirklich etwas im Argen liegt. In der Vergangenheit räumte die Post nach solchen Anlassprüfungen mitunter ein, dass es vor Ort Personalengpässe gebe und sie diese nun beheben wolle. Im ersten Halbjahr gab es aber keine einzige Anlassprüfung der Netzagentur, im ersten Halbjahr 2025 waren es acht gewesen.
Der Anteil der Beschwerden an den gesamten Sendungsmengen in Deutschland ist verschwindend gering. Im vergangenen Jahr transportierte die Deutsche Post 13,3 Milliarden Briefe und Pakete in Deutschland, hinzu kamen noch die Sendungen der Wettbewerber. Allerdings dürften sich längst nicht alle Menschen, die sich über misslungene Postdienstleistungen ärgern, bei der Bundesnetzagentur beschweren. Der Inhalt einer Beschwerde wird nicht überprüft – sowohl im alten wie im neuen System.

Politiker sieht neues Beschwerdesystem positiv

Die Post weist zudem darauf hin, dass sich manche Beschwerden auf sie bezögen, tatsächlich aber anderen Firmen gelten. So landeten pro Jahr 800.000 Fundbriefe im Netz der Deutschen Post. Das sind Briefe, die Wettbewerber falsch zugestellt haben und anschließend von Privatleuten wieder in einen Briefkasten der Post geworfen werden, damit sich die Post um die verirrte Sendung kümmert.
Die große Menge an Fundbriefen zeige, dass vielen Menschen gar nicht klar sei, dass solche Briefe nicht von der Post kommen, heißt es von dem Bonner Logistiker. Daraus schlussfolgert sie, dass sich auch viele Beschwerden fälschlicherweise auf die Post beziehen.
Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff hat damit gerechnet, dass die Beschwerdezahlen mit Einführung des niedrigschwelligen Mängelmelders steigen. „Es ist gut, dass die vorher bestehende Dunkelziffer nun verkleinert wird und die Bundesnetzagentur schneller erkennt, ob es in bestimmten Regionen zu größeren Problemen kommt“, sagt der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. „Unsere Erwartung bleibt, dass Mängel schnellstmöglich und konsequent abgestellt werden und eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Briefen und Paketen sichergestellt wird.“
Ein Postbote bei der Arbeit: Wie lange waren seine Briefe wohl unterwegs?

Ein Postbote bei der Arbeit: Wie lange waren seine Briefe wohl unterwegs?

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

DPD mit zweitmeisten Beschwerden

In der Beschwerdestatistik fällt auch die Paketfirma DPD negativ auf. Ihr Anteil an allen Beschwerden lag im ersten Halbjahr 2026 bei vier bis fünf Prozent pro Monat. DPD ist deutlich kleiner als Konkurrent DHL/Deutsche Post, zudem transportiert die Firma nur Pakete – würde man Beschwerden zu Briefen, Zeitungen und anderen Themen herausrechnen, so läge der DPD-Beschwerdeanteil wesentlich höher. Auf vergleichbare Paket-Konkurrenten wie Hermes und GLS entfallen weniger Beschwerden als auf DPD.
Als Reaktion auf die Zahlen sagte ein DPD-Sprecher, seine Firma nehme die bei der Bundesnetzagentur eingehenden Beschwerden ernst. Es sei aber eine differenzierte Betrachtung wichtig. So sei der Anteil von Beschwerden, die bei DPD direkt eingehen, von 0,11 Prozent des Sendungsaufkommens 2024 auf 0,09 Prozent 2025 gesunken. „Bei über 370 Millionen beförderten Paketen pro Jahr zeigt dies, dass die überwiegende Mehrheit unserer Zustellungen zuverlässig und zur Zufriedenheit unserer Kundinnen und Kunden erfolgt.“
Kein gutes Licht auf DPD warf unlängst eine TV-Doku des investigativen Reporterteams Wallraff bei RTL. Die Arbeitsbelastung bei den Subunternehmern, die für DPD unterwegs sind, wurde als extrem hoch und als „Knochenjob“ beschrieben. Außerdem verschickte das Reporterteam testweise 50 Pakete mit Tassen, Weingläsern und Weinflaschen quer durch Deutschland, fast die Hälfte davon ging kaputt.
DPD teilte mit, man überprüfe Hinweise auf mögliche Verstöße gegen gesetzliche Vorgaben oder eigene Standards. Sollten Missstände nicht abgestellt werden, werde die Zusammenarbeit mit den Systempartnern beendet. Mit Systempartnern sind Subunternehmer gemeint. Außerdem teilte DPD mit, dass „einige der erhobenen Vorwürfe und Darstellungen“ nicht der Realität entsprächen. Ein Firmensprecher lobte „das Engagement der vielen tausend Menschen bei DPD und unseren Partnerunternehmen, die jeden Tag verantwortungsvoll arbeiten“. (dpa/red)
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BTS vor Deutschland-Konzerten: Was K-Pop so populär macht

Die südkoreanische Erfolgsband BTS feiert nach einer mehrjährigen Pause ihr Konzertcomeback in Deutschland: Am heutigen Samstag sowie morgigen Sonntag spielen die sieben Mitglieder zwei Auftritte in der restlos ausverkauften Allianz-Arena in München. Es sind die einzigen Konzerte in Deutschland während ihrer ausgiebigen Welttournee, die insgesamt fast 90 Auftritte in mehreren Kontinenten umspannt – von Australien bis nach Chile.
Der Andrang auf die Karten ist auch deshalb enorm, weil BTS erstmals nach einer fast vierjährigen Pause wieder in die Öffentlichkeit tritt. Seit Ende 2022 hatten RM, Jin, Suga, J-Hope, Jimin, V und Jungkook nacheinander ihren in Südkorea verpflichtenden Militärdienst absolviert. Ende März läutete die Band schließlich ihr Comeback mit dem Album „Arirang“ ein, das nach dem wohl bekanntesten koreanischen Volkslied benannt ist.
Seit ihrem Debüt 2013 hat BTS einen beachtlichen Weg zurückgelegt – vom einstigen Geheimtipp aus Südkorea zur wohl erfolgreichsten Pop-Band der Gegenwart. Die Gruppe gehört zudem zu den wenigen Musikacts, denen es gelungen ist, die lange Zeit nahezu unangefochtene kulturelle Dominanz westlicher Popmusik zumindest teilweise zu durchbrechen. Anlass genug also, einmal hinter den Hype zu blicken.

Was macht BTS so erfolgreich?

Die Band profitierte zwar vom bereits zuvor geebneten Erfolg der sogenannten koreanischen Welle („Hallyu“), doch im K-Pop-Universum sticht BTS durch mehrere Besonderheiten hervor: So sind die Mitglieder nicht nur an vielen ihrer Musikproduktionen maßgeblich beteiligt, sondern schreiben auch ihre Songs selbst. Inhaltlich sprechen sie zudem viele universelle Themen an, die zuvor von den meisten Bands gemieden wurden: psychische Gesundheit, gesellschaftlicher Leistungsdruck, Selbstakzeptanz und -zweifel.
Eine entscheidende Rolle spielt auch die außergewöhnlich enge Bindung von BTS an ihre Fangemeinde, die sich „Army“ nennt. Seit Beginn ihrer Bandgeschichte nutzt BTS soziale Medien, um eine treue, weltweite Anhängerschaft aufzubauen.
In den letzten Jahren hat BTS etliche Rekorde gebrochen: Ihre 2020 erschienene Hitsingle „Dynamite“ erreichte allein auf YouTube innerhalb von 24 Stunden über 100 Millionen Aufrufe. Zudem ist BTS die erste K-Pop-Band, die den ersten Platz der Billboard Hot 100 erreicht haben. Mittlerweile haben sieben ihrer Singles den Spitzenplatz erreicht, zuletzt der Sommersong „Swim“ vom aktuellen Album „Arirang“.

Wie global ist K-Pop mittlerweile in der globalen Popkultur verankert?

Viele K-Pop-Labels visieren in ihrer Geschäftsstrategie vor allem internationale Märkte außerhalb der eigenen Landesgrenzen an. Dass die Bemühungen mittlerweile Früchte tragen, zeigt sich bereits seit längerem.
Zunächst erfreute sich das Phänomen K-Pop vor allem bei der asiatischen Jugend großer Beliebtheit, allen voran in China und in Südostasien. Mittlerweile ist die Popularität in fast allen Kontinenten riesig, etwa in Lateinamerika oder auch in großen Teilen Europas.
Prominentestes Beispiel der Branche ist zweifelsohne BTS. Bei den in Las Vegas im Mai ausgetragenen American Music Awards (AMA) hat die Boyband sowohl den Preis als Künstler des Jahres sowie den Preis für den besten Sommersong (mit der Hit-Single „Swim“) abgeräumt.
Ein relativ aktueller Trend ist, dass südkoreanische Künstler zunehmend auch in andere kulturelle Sphären vordringen. Auf der Fashion Show in Paris sind regelmäßig K-Pop-Stars auf dem Laufsteg zu sehen. Auch Fernsehserien und Kinofilme werden zunehmend mit ihnen besetzt.
Die Sängerin Lisa der Girlband Blackpink etwa gab 2025 ihr Schauspieldebüt in der erfolgreichen HBO-Serie „The White Lotus“. Die 29-Jährige ist ein Beleg dafür, dass K-Pop-Stars nicht ausschließlich südkoreanisch sein müssen: Lalisa Manobal, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, wurde im thailändischen Buri Ram geboren.
Bald wird die südkoreanische Boyband BTS wieder auf der großen Bühne stehen - wie hier 2019 im King Fahd International Stadion in Saudi-Arabien. (Archivfoto)

Bald wird die südkoreanische Boyband BTS wieder auf der großen Bühne stehen – wie hier 2019 im King Fahd International Stadion in Saudi-Arabien. (Archivfoto)

Foto: -/YNA/dpa

Inwiefern hat auch die südkoreanische Regierung zum Erfolg der K-Pop-Industrie beigetragen?

Seit rund 30 Jahren arbeitet der südkoreanische Staat aktiv daran, die heimische Popkultur als Exportgut zu vermarkten. Ende der 1990er Jahre litt der ostasiatische Tigerstaat unter der sogenannten Asienkrise, woraufhin die Regierung gezielt nach neuen Wirtschaftsmotoren suchte.
In den folgenden Jahren förderte es die aufstrebende K-Pop-Industrie, etwa durch Finanzierungsprogrammen für Labels oder Hilfen bei der internationalen Vermarktung. Doch die kreative Energie stammt keineswegs von den Behörden, sondern von den privat geführten Musiklabels und den individuellen Künstlertalenten.
Das neue Album «Arirang» verkaufte sich am ersten Tag fast vier Millionen Mal.

Das neue Album «Arirang» verkaufte sich am ersten Tag fast vier Millionen Mal.

Foto: Uncredited/Big Hit Music via AP/dpa

Was sind die Schattenseiten des K-Pop?

Die südkoreanische Unterhaltungsindustrie steht trotz seiner beachtlichen Erfolge auch regelmäßig in der Kritik. So beklagen viele junge Sänger den immensen Leistungsdruck innerhalb der K-Pop-Branche, zudem waren Knebelverträge der Musiklabels immer wieder ein Thema. Viele K-Pop-Acts werden über Jahre mit rigidem Training in Gesang und Tanz aufgebaut, ehe sie das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Gleichzeitig stehen die südkoreanischen Stars unter immensen Druck, ihr Privatleben skandalfrei zu halten. Mehrere Suizide von Künstler, etwa nach Online-Stalking und Shitstorms, haben eine öffentliche Debatte darüber ausgelöst, wie die südkoreanische Popindustrie die psychische Gesundheit ihrer Stars besser schützen kann. (dpa/red)
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Geiselnahme in Berliner Supermarkt beendet – Täter überwältigt

Die Geiselnahme in einem Supermarkt in Berlin-Marienfelde ist am Samstagmorgen von Spezialkräften der Polizei beendet worden. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge wurde der Täter überwältigt und die Geisel befreit. Es soll dabei zu keinem Schusswaffeneinsatz gekommen sein.
Am späten Freitagabend hatte ein Mann eine Frau in einem Supermarkt an der Hildburghauser Straße als Geisel genommen. Der Täter soll die Frau mit einem großen Messer bedroht haben. Der Supermarkt befand sich kurz vor der Schließung, als der Mann das Messer zog und die Geisel in seine Gewalt brachte.
Der Supermarkt ist großräumig abgesperrt.

Der Supermarkt ist großräumig abgesperrt.

Foto: Carsten Koall/dpa

Spezialkräfte der Polizei standen in Kontakt mit dem Geiselnehmer, während das Gebiet um den Supermarkt großräumig abgesperrt wurde. Anwohner konnten ihre Wohnungen verlassen, wurden jedoch von Polizisten begleitet, wenn sie durch das abgesperrte Gebiet mussten. Neben dem Spezialeinsatzkommando waren auch Feuerwehr und Schutzpolizei vor Ort, um die Situation zu sichern. (dts/red)
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Debatte um Social-Media-Verbot: Das sind die Möglichkeiten auf EU-Ebene

Social-Media-Verbot ab 13, 15 oder 16 Jahren: Zahlreiche EU-Länder wollen den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu Onlinediensten einschränken. Brüssel bemüht sich um ein einheitliches Vorgehen, am Montag stellt ein Expertengremium seine Empfehlungen vor. Sie sollen die Grundlage für ein EU-weites Gesetz bilden. Der Entwurf für das Gesetz wird für September erwartet.
Kommt das EU-weite Verbot?
Das ist noch unklar. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich zwar dafür ausgesprochen, will aber die Empfehlungen der Experten abwarten. Beobachter verweisen auf die Ergebnisse des deutschen Gremiums, das im Juni ein gesetzliches Mindestalter von 13 Jahren als mögliche Lösung präsentierte. Das entspricht den Geschäftsbedingungen von Plattformen wie Instagram und Snapchat, wird bisher aber nicht durchgesetzt.
Wie würde ein Verbot funktionieren?
Nach EU-Recht ist die Kommission für die Überwachung der großen Digitalkonzerne zuständig. Nur sie kann die Plattformen zu Änderungen zwingen und bei Verstößen Strafen verhängen. Selbst wenn die 27 EU-Länder unterschiedliche Altersgrenzen einführen würden, läge die Umsetzung also in Brüsseler Verantwortung.
Welche Alternativen gibt es?
Die EU-Kommission könnte Beschränkungen für einzelne Dienste je nach Risiko vorschlagen. Brüssel will außerdem erreichen, dass die Plattformen ihre Angebote altersgerecht gestalten – ohne süchtig machende Algorithmen. Personalisierte Werbung ist für Minderjährige bereits verboten.
„Unabhängig von den Entscheidungen über Altersgrenzen – wir müssen auch die Geschäftsmodelle und das Design angehen, die täglich die Online-Erlebnisse von Kindern prägen“, sagte Verbraucherschutzkommissar Michael McGrath der Nachrichtenagentur AFP.
Wie geht die EU gegen Onlinedienste vor?
Gegen fast alle großen Onlinedienste laufen in Brüssel bereits Verfahren wegen mangelnden Jugendschutzes. Die Kommission wies die Videoplattform Tiktok bereits im Februar an, ihre „süchtig machende“ Funktionsweise zu ändern.
Am Freitag folgten ähnliche Aufforderungen an den Meta-Konzern mit seinen Plattformen Instagram und Facebook. Verweigern die Unternehmen die Änderungen, drohen ihnen Bußgelder.
Wo steht Deutschland?
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) arbeitet an einem Gesetzentwurf, der bis zum Jahresende stehen soll. Das deutsche Expertengremium hat jedoch von nationalen Alleingängen abgeraten – Prien will sich deshalb für eine europäische Lösung einsetzen.
Und andere Länder?
Weltweiter Vorreiter ist Australien. Dort trat Ende vergangenen Jahres ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren in Kraft, bei der Umsetzung gibt es jedoch Probleme. Innerhalb der EU gibt es in zahlreichen Staaten ähnliche Pläne, unter anderem in Frankreich, Dänemark, Spanien, Italien und Österreich. (afp/red)
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Feuerinferno in Spanien: Vermissten-Suche „von Haus zu Haus“

Bei dem verheerenden Waldbrand im Süden Spaniens haben sowohl die Löscharbeiten als auch die Suche nach zahlreichen Vermissten die Einsatzkräfte in Atem gehalten. Die Tragödie forderte nach Angaben der Regionalregierung Andalusiens mindestens zwölf Menschenleben – 23 Personen galten am Abend in dem betroffenen Gebiet um die Gemeinden Los Gallardos und Bédar in der Provinz Almería noch als vermisst. Vor dem Anpfiff des WM-Viertelfinalspiels in Los Angeles, bei dem Europameister Spanien Belgien besiegte, wurde eine halbe Schweigeminute für die Opfer abgehalten. Unter den Toten dürften laut Behörden auch Belgier sein.
„Was uns derzeit Sorgen bereitet, sind diese 23 Menschen, die als vermisst gelten. Das bedeutet aber nicht, dass sie tot sind“, sagte Regionalpräsident Juanma Moreno vor Journalisten. Luis Ortega, der Regionalchef der Polizeieinheit Guardia Civil (Zivilgarde), versicherte, man suche die Vermissten „von Haus zu Haus“. Der Beamte gab sich hoffnungsvoll: „Ich glaube nicht, dass wir noch viele Leichen entdecken werden.“
Die Löscharbeiten wurden unterdessen durch hohe Temperaturen, die am frühen Abend noch bei rund 35 Grad lagen, sowie durch einen starken Wind mit Böen von etwa 40 Kilometern pro Stunde erschwert. Mehr als 500 Einsatzkräfte wurden am Abend unter anderem von 30 Löschflugzeugen und -Hubschraubern sowie von Drohnen unterstützt.
Die Einsatzkräfte werden von Löschflugzeugen und Drohnen unterstützt.

Die Einsatzkräfte werden von Löschflugzeugen und Drohnen unterstützt.

Foto: —/Plan Infoca/Europapress/dpa

Briten und Belgier mutmaßlich unter den Todesopfern

Viele der Todesopfer seien in der Nacht zum Freitag in einem Fahrzeug sowie auf den Straßen von den Flammen eingeschlossen worden und verbrannt, hieß es. Es handelt sich laut den Behörden um Personen, die vor den Flammen fliehen wollten, dabei jedoch eine falsche Fluchtroute gewählt hätten. Acht Menschen seien ernster verletzt worden, vier davon schwer, hieß es.
Aufgrund verschiedener Indizien vermute man, dass unter den Toten Ausländer seien, möglicherweise Briten und Belgier, aber man müsse die Identifizierung der Opfer abwarten, erklärte der andalusische Gesundheitsminister Antonio Sanz. Moreno und Bürgermeister betroffener Ortschaften betonten, die Missachtung von Aufrufen zum Verlassen der Häuser vor allem durch Ausländer habe wahrscheinlich zum Ausmaß der Tragödie beigetragen. Das Feuer brannte unweit beliebter Mittelmeerstrände.
Der Brand war am Donnerstagabend in der im Küstenhinterland nordöstlich der Provinzhauptstadt Almería gelegenen 3.000-Einwohner-Gemeinde Los Gallardos ausgebrochen. Als Ursache des Brandes wird der Einsturz einer Stromleitung vermutet. Bis Freitagabend erfassten die Flammen laut Behörden fast 4.000 Hektar. Eine Autobahn und mehrere Landstraßen wurden gesperrt.
Ausgebrannte Autos nach einem Waldbrand in Bei in Los Gallardos in Spanien.

Ausgebrannte Autos nach einem Waldbrand in Bei in Los Gallardos in Spanien.

Foto: Javi Carrión/EUROPA PRESS/dpa

Evakuierungen retteten „viele Menschenleben“

Mehr als 1.400 Menschen mehrerer Ortschaften wurden evakuiert und in Notzelte gebracht. Auch ein Campingplatz, der bislang von den Flammen verschont blieb, wurde vorsorglich geräumt. 400 teils ältere Menschen seien an sichere Orte gebracht worden. „Durch die Evakuierungen wurden viele Menschenleben gerettet“, sagte Gesundheitsminister Sanz.
Auch wenn die betroffene Region nicht zu den bekanntesten Touristen-Hotspots Spaniens zählt: Strände wie die Playa de Mojácar werden im Sommer vorwiegend von Spaniern, nach Behördenangaben aber auch von Zehntausenden ausländischen Touristen vor allem aus Großbritannien, Belgien und Frankreich besucht. Tausende Briten wohnen zudem in Almería.
Spanien, aber auch der iberische Nachbar Portugal und andere europäische Länder werden schon seit Wochen von einer ganzen Serie von Waldbränden heimgesucht. Seit Jahresbeginn haben großflächige Feuer allein in Spanien bereits mehr als 57.000 Hektar Land zerstört, wie Daten des Waldbrand-Informationssystems der Europäischen Kommission (EFFIS) zeigen. (dpa/red)
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Apple verklagt OpenAI wegen Geheimnisdiebstahls

Apple wirft dem ChatGPT-Entwickler OpenAI und zwei ehemaligen Mitarbeitern in einer Klage Diebstahl von Firmengeheimnissen vor. Einer der beiden ist Tang Tan, ein ehemaliger ranghoher Apple-Designer, der heute Hardware-Chef von OpenAI ist. In dieser Funktion spielt er eine zentrale Rolle bei der Arbeit an einem neuartigen Gerät, das die ChatGPT-Firma auf die Nutzung mit Künstlicher Intelligenz ausrichten will.
OpenAI entgegnete in einer Stellungnahme beim Finanzdienst Bloomberg, man habe kein Interesse an Geheimnissen anderer Unternehmen. Die Firma bleibe fokussiert darauf, innovative Technologie zu entwickeln.
Zugang zum neuen KI-Modell von OpenAI bekommt auf Forderung der US-Regierung nur eine kleine Gruppe vertrauenswürdiger Partner. (Archivbild)

Zugang zum neuen KI-Modell von OpenAI bekommt auf Forderung der US-Regierung nur eine kleine Gruppe vertrauenswürdiger Partner. (Archivbild)

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Design-Guru als Türöffner

OpenAI verpflichtete für das Hardware-Projekt auch Jony Ive, den langjährigen Design-Visionär von Apple, der unter anderem maßgeblich die Form von iPhones und MacBook-Laptops geprägt hatte. Das dürfte der ChatGPT-Firma geholfen haben, attraktiver für andere Apple-Beschäftigte zu werden. Der Klage zufolge sind inzwischen mehr als 400 ehemalige Apple-Mitarbeiter bei OpenAI angestellt.
Tan gehört zu den ranghöchsten Überläufern. Er arbeitete mehr als 20 Jahre bei Apple und verantwortete vor seinem Wechsel das Design des iPhones und der Computer-Uhr Apple Watch.

Apple vermutet Strategie von OpenAI dahinter

Der Klage zufolge kam Apple nach Ermittlungen zu dem Schluss, dass Tan vertrauliche Informationen des iPhone-Konzerns zum Vorteil von OpenAI missbraucht habe. Unter anderem habe er Apple-Mitarbeiter aufgefordert, zu Job-Interviews für Arbeitsplätze bei OpenAI Bauteile des Konzerns mitzubringen – darunter Batterien und Geräte-Gehäuse in verschiedenen Farben.
Apple sieht das als Teil einer „Strategie“ von OpenAI, an vertrauliche Informationen des Unternehmens zu kommen. Nach Darstellung von Apple griff die Firma zu „rechtswidrigen Abkürzungen“, um das KI-Gerät zu entwickeln, weil dies sich als schwieriger erwiesen habe als angenommen.
Der andere verklagte Ex-Mitarbeiter von Apple, ein ranghoher Ingenieur, soll dem Konzern zufolge über einen mitgenommenen Firmen-Computer noch als OpenAI-Beschäftigter auf vertrauliche Daten seines früheren Arbeitgebers zugegriffen haben.

Schatten auf Hardware-Projekt von OpenAI

Ive wird in der Klage nicht erwähnt – wohl aber die unter anderem von ihm und Tan mitgegründete Firma io Products, die OpenAI 2025 für rund 6,5 Milliarden Dollar kaufte. Man habe neben OpenAI auch io verklagt, um zu verhindern, dass über das Unternehmen weiter Apple-Geheimnisse verwendet würden, hieß es in der Klage.
Durch die Zusammenarbeit mit OpenAI war Ive dabei, in direkte Konkurrenz zu seinem einstigen Arbeitgeber zu treten. Nun wirft die Apple-Klage einen Schatten auf das ganze Hardware-Projekt von OpenAI. Es sei „bis ins Mark verrottet“, da OpenAI sich dafür auf illegal erworbene Firmengeheimnisse gestützt habe, kritisierte Apple in der Klageschrift.

Apple-Logo (Archiv)

Foto: via dts Nachrichtenagentur

OpenAI ist zugleich ein KI-Partner von Apple

Apple und OpenAI sind seit mehreren Jahren Partner bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz auf iPhones und anderen Geräten des Konzerns. Apple-Kunden können allgemeine Anfragen, die die hauseigene Sprachassistentin Siri nicht beantworten kann, an ChatGPT weiterreichen lassen. Medienberichten zufolge erwog OpenAI vor einigen Monaten eine Klage gegen Apple mit dem Vorwurf des Vertragsbruchs, weil diese Partnerschaft sich schlechter entwickelt habe als von der KI-Firma erwartet. (dpa/red)
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Geiselnahme in Berliner Rewe: Polizei verhandelt stundenlang mit Täter

In einem Supermarkt im Süden Berlins hält ein Mann seit dem späten Freitagabend eine Frau als Geisel. Kurz nach 22 Uhr hatte der Täter die Frau in dem Rewe-Markt im Stadtteil Marienfelde in seine Gewalt gebracht und bedroht, wie Polizeisprecher Stefan Petersen-Schümann der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Der Einsatz dauert an“, sagte er am Samstagmorgen gegen 4.30 Uhr. Der Supermarkt befindet sich in der Hildburghauser Straße, an der Ecke zum Tirschenreuther Ring.
„Wir haben Kontakt zu dem Geiselnehmer, zu dem Mann“, sagte Petersen-Schümann weiter. Es gebe Einsatzkräfte, die für solche Vorfälle entsprechend geschult seien, erklärte er. Über die Hintergründe der Tat war zunächst nichts bekannt.

Supermarkt großräumig abgesperrt

Der Supermarkt ist großräumig abgesperrt, wie ein Reporter vor Ort berichtete. Das Spezialeinsatzkommando (SEK) ist vor dem Gebäude positioniert. Zahlreiche Polizeifahrzeuge, Rettungswagen und die Feuerwehr sind vor Ort. Am frühen Morgen stellten die Beamten eine Leiter ans Gebäude und verschafften sich einen Blick in den Markt, wie ein dpa-Reporter beobachtete.
Hinter der Absperrung, mit Blick auf den Markt, harrten einige Angestellte des Supermarkts aus. Sie hatten dünne Stoffdecken umgelegt, die ihnen der Rettungsdienst bereitgestellt hatte. Nach dpa-Informationen befanden sie sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im Laden.
In der Nacht waren die Straßen rund um den Tatort nahezu menschenleer. Nur vereinzelte Passanten waren unterwegs. Neben dem Supermarkt befindet sich eine Tankstelle.
Marienfelde liegt im Bezirk Tempelhof-Schöneberg am südlichen Rand der Hauptstadt, weit entfernt vom Berliner Stadtgeschehen. Es ist eine ruhige Wohngegend, geprägt von Einfamilienhäusern und mehrstöckigen Wohnbauten. In der Gegend befinden sich mehrere Schulen und Kindertagesstätten. (dpa/red)
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Fenster bricht – Ryanair-Maschine nach München kehrt um

Eine Ryanair-Maschine auf dem Weg von Thessaloniki nach München ist nach einem Zwischenfall kurz nach dem Start zum Flughafen zurückgekehrt. Während des Fluges sei ein Knall zu hören gewesen, dann sei eine Fensterscheibe zerbrochen, sagte eine Passagierin der Deutschen Presse-Agentur. Mitreisende hätten den neben der beschädigten Scheibe sitzenden Passagier festgehalten.
„Sein Kopf und seine Schultern ragten aus dem zerbrochenen Fenster heraus“, sagte eine weitere Augenzeugin im griechischen Rundfunk ERT. Andere Passagiere hätten den Mann zurückziehen können. In der Kabine fielen Sauerstoffmasken herab, wie auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerk zu sehen ist.
Der Pilot habe daraufhin den Flug abgebrochen und sei zum Flughafen Thessaloniki zurückgekehrt, berichtete die Passagierin. Der Rückflug habe nach dem Zwischenfall noch etwa 20 Minuten gedauert.
Der Passagier, der neben der beschädigten Scheibe gesessen haben soll, sei vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus in Thessaloniki gebracht worden, berichtete der griechische Rundfunk. Den Informationen zufolge stammt der Mann aus Serbien.
Eine offizielle Stellungnahme von Ryanair oder den zuständigen Behörden zu dem Vorfall lag zunächst nicht vor. Ermittlungen seien aufgenommen worden, berichtete ERT. (dpa/red)
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Hessen: Mann soll Mutter im Beisein der Großmutter angezündet haben

Im mittelhessischen Hünfelden soll ein Mann nach Polizeiangaben seine 76-jährige Mutter im Rahmen eines Streites angegriffen und angezündet haben. Die Frau sei noch vor Ort an ihren Verletzungen gestorben, teilte die Polizei mit.
Der 45-jährige Tatverdächtige sei zunächst vom Tatort geflüchtet. Im Rahmen einer Fahndung, bei der auch ein Polizeihubschrauber, Polizeihunde sowie eine Einheit des hessischen Polizeipräsidiums zum Einsatz kamen, sei der Mann am Abend gefunden und festgenommen worden.

103-jährige Großmutter muss schwer verletzt ins Krankenhaus

Den Angaben zufolge waren die Beamten zunächst am frühen Abend zu einem Brand in einem Wohnhaus im Hünfeldener Ortsteil Kirberg gerufen worden. Vor Ort sei die leblose 76-jährige Frau aufgefunden worden.
Die 103 Jahre alte Großmutter des Mannes, die sich ebenfalls vor Ort aufhielt, sei zudem mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden. Sie soll bei dem mutmaßlichen Tötungsdelikt auch anwesend gewesen sein.
Die Umstände und Hintergründe der Tat seien noch offen und Gegenstand der Ermittlungen, erklärte die Polizei. Weitere Auskünfte können zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben werden. So blieb zunächst offen, welcher Art die Verletzungen der 103-Jährigen waren.
Vor Ort waren am Abend zahlreiche Beamte im Einsatz. Sie sperrten unter anderem eine Straße ab, an dem Wohnhaus wurden Spuren gesichert. Die Gemeinde Kirberg hat rund 2.400 Einwohner und liegt im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg. (dpa/red)
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Fake-Klimaanlagen: So vermeiden Sie einen teuren Fehlkauf


In Kürze:

  • Billigwaren werden oft als Qualitätsprodukte beworben.
  • Preise können mehr als zehnmal so hoch sein.
  • Käufer können anhand klarer Merkmale dubiose Produkte, aber auch seriöse Händler erkennen.
  • Wer schon einen Fehlkauf getätigt hat, kann unter anderem das Widerrufsrecht nutzen.

Ende Juni erlebte Deutschland eine Hitzewelle mit mancherorts rund 40 Grad Celsius. Mit der Temperatur ist gleichermaßen die Nachfrage nach Kühlung deutlich angestiegen. Auch in den kommenden Tagen und Wochen sind wieder hochsommerliche Temperaturen möglich.
Viele Menschen suchen daher dieser Tage im Internet nach einem passenden Klimagerät.

Warnung vor überteuerten Billigprodukten

Doch hier ist Vorsicht geboten. In vielen Onlineshops tummelt sich eine Flut von Händlern, von denen einige die Gunst der Stunde – und das Bedürfnis der Verbraucher – ausnutzen. Mit überteuerten Produkten wollen sie schnelles Geld verdienen. Gerade wenn die Klimaanlagen der seriösen Händler ausverkauft sind, rücken plötzlich fragwürdige Angebote weiter in den Mittelpunkt.
Die Verbraucherzentrale warnt vor deutlich zu teuren Klimageräten. Billigwaren erwecken durch ihr Auftreten auf seriösen Online-Marktplätzen den Anschein, Qualitätsprodukte zu sein.
Für Klimageräte, die chinesische Händler teils für wenige Euro anbieten, verlangen manche Händler auf seriösen Online-Marktplätzen teilweise Preise im Bereich von 60 bis 70 Euro. Ebenso hat die Verbraucherzentrale ein Klimagerät entdeckt, das im Großhandel für rund 12 Euro zu erwerben ist, im Onlineshop aber knapp 138 Euro kostet.

Wie man dubiose Angebote erkennt

Bei manchen Angeboten gelangt man auf eine eigens für den Vertrieb des Gerätes eingerichtete Webseite. Oftmals klingt die Webseiten-Adresse ähnlich wie die eines seriösen Herstellers, hat mit diesem aber nichts zu tun.
In manchen Fällen enthält der Link bestimmte sogenannte Affiliate- und Tracking-Parameter. Dazu zählen unter anderem Sequenzen wie „?Affid“, „s1–s5“ oder „_ef_transaction_id“. Diese deuten auf möglicherweise aggressive Marketingmethoden oder unter Umständen auch Betrug hin.

Dubiose Werbung für überteuerte Klimageräte ist derzeit häufig im Internet zu sehen.

Besonders verdächtig wird es, wenn die Webseite unrealistische Versprechen wie „minutenschnelle“ Kühlung mitteilt, oder dass „absolut keine Installation“ nötig wäre. Weitere Argumente können ebenso ein vergleichsweise geringerer Strombedarf oder ein äußerst leiser Geräuschpegel sein.
Manche dieser Portale stellen zudem eine emotionale Geschichte des Entwicklers des Wundergerätes dar, um die Verbraucher zum Kauf zu motivieren. Zudem sind einige Top-Rezensionen zum Produkt von angeblichen Kunden aufgelistet. Die vielen Vorteile klingen zu gut, um wahr zu sein.
Die Anbieter haben sogar oft einen Schritt weiter gedacht, um skeptische Verbraucher doch noch zu überzeugen, die das Produkt auf einem Vergleichsportal suchen. So werden die Klimaanlagen auf scheinbaren Verbraucherseiten und über KI-generierte Videos ebenfalls positiv beworben.

Fake-Shop-Finder nutzen

Wer sich weiterhin unsicher ist, ob ein Onlineshop seriös ist, dem bietet die Verbraucherzentrale den sogenannten Fake-Shop-Finder an.
Auf dieser Webseite kann der Verbraucher die kopierte Webadresse (URL) in das mittig positionierte Feld einfügen. Anschließend muss man nur noch auf „Shop-URL prüfen“ klicken. Kurz darauf erscheint die Einschätzung der Verbraucherzentrale in Form einer Ampel.
Manche Geräte, die ein Hersteller als Klimaanlage oder Luftkühler bewirbt, sind in Wirklichkeit nur einfache, aber oftmals teure Ventilatoren. Sie saugen lediglich die Raumluft an und geben sie ungekühlt wieder ab.

Was tun, wenn Sie kürzlich ein Fake-Produkt bestellt haben?

Wer inzwischen in diesen Tagen ein Klimagerät erhalten hat, das die Werbeversprechen nicht erfüllen konnte, sollte schnell handeln. Der Käufer kann hierbei vom gesetzlichen Widerrufsrecht Gebrauch machen. Das bedeutet, dass der Käufer bis 14 Tage nach Erhalt der Ware das Recht hat, von seiner Bestellung zurückzutreten – ohne Angabe von Gründen.
Dabei muss der Käufer dies dem Händler aktiv mitteilen. Ausreichend ist schon die Kontaktaufnahme per E-Mail. Ebenso kann der Käufer auch das vom Händler mitgelieferte Widerrufsformular nutzen.
Bei bereits getätigter Zahlung sollte der Käufer versuchen, die Zahlung rückgängig zu machen. Im Falle einer Zahlung mit Kreditkarte ist ein sogenanntes Chargeback-Verfahren, also eine Rücküberweisung, möglich.

Woran man ein seriöses Angebot erkennt

Ein seriöses Angebot kann man als Verbraucher an realistischen Angaben erkennen, wenn der Anbieter technische Daten angibt. Dazu zählen unter anderem die Kühlleistung in Kilowatt (kW), die Energieeffizienzklasse – möglichst A+ oder besser –, oder der Schallpegel in Dezibel (dB).
Positiv sind zudem die Angabe der für die Anlage geeigneten Raumgröße sowie der SEER-Wert. Dieser beschreibt das Energieeffizienzverhältnis und gibt an, wie effizient eine Klimaanlage im Kühlbetrieb arbeitet. Hat eine Klimaanlage auch eine Heizfunktion, ist die Angabe des sogenannten SCOP-Wertes seriös. Dieser steht für die Effizienz der Klimaanlage im Heizbetrieb.
Neben den Angaben zum Produkt sollte auch der Onlineshop seriös auftreten. Hierzu gehört zunächst ein vollständiges Impressum mit deutscher Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse.
Sind auf der Webseite Kundenrezensionen aufgeführt, sollten nicht alle das Produkt überschwänglich loben. Manche sollten auch schlicht sein oder eine kritische Betrachtungsweise beinhalten. Ebenso wirkt ein direkter Verweis auf eine allgemein bekannte Bewertungsplattform wie Trustpilot seriös.
Die Preise sollten transparent sein und keine versteckten Gebühren enthalten. Bei der Zahlungsart sollte Vorkasse per Überweisung vermieden werden. Sichere Zahlungen erfolgen per Rechnung, PayPal, Kreditkarte oder einer Ratenzahlung mit Käuferschutz.

Was ist beim Fachbetrieb zu beachten?

Wenn die Installation der Klimaanlage aufwendiger ist und dies ein Fachbetrieb übernimmt, sollte dieser eine zulässige Zertifizierung besitzen. Das gibt gleichzeitig die Sicherheit, dass die Anlage optimal funktioniert.
Ebenso hat man jemanden an der Hand, wenn die Klimaanlage im Laufe der Jahre mal streikt. Der Betrieb sollte sich jedoch in der nahen Umgebung befinden. Manche Fachbetriebe bieten gleich einen Wartungsvertrag an. Das kann die Lebensdauer der Anlage deutlich erhöhen.
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Kreißsäle vor dem Aus: Warum immer mehr Geburtskliniken schließen


In Kürze:

  • Die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtsstationen hat sich in Deutschland seit 1991 mehr als halbiert.
  • Fast 40 Prozent aller Kliniken mit Hebammenbelegsystemen könnten ihre Geburtshilfe bald schließen.
  • 66 Prozent der Krankenhäuser machen Verluste.
  • Unrentable Bereiche schließen vielerorts: hauptsächlich Gynäkologie, Geburtshilfe und Gefäßchirurgie.

Julia Jansen, Sprecherin des Heinsberger Hebammenteams, betont:

„

„Wir stehen am Anfang des Lebens.“

Damit unterstreichen sie und ihr Team die fundamentale Bedeutung ihrer Arbeit für die Gesellschaft. Doch bald werden im Städtischen Krankenhaus Heinsberg keine Kinder mehr geboren.

Trotz einer kürzlich abgeschlossenen aufwendigen Modernisierung der gynäkologischen Station ist das endgültige Aus der Geburtshilfe per 30. September 2026 nun beschlossene Sache.

Laut einer schriftlichen Stellungnahme der Klinikleitung ist die anhaltende finanzielle Defizitsituation der Station vor allem strukturell bedingt. Aufgrund ihrer geringen Fallzahlen konnten kleinere Geburtshilfen bereits in der Vergangenheit nur schwer kostendeckend arbeiten. Im aktuellen Vergütungssystem können diese auch nicht auskömmlich refinanziert werden.

Das Krankenhaus hatte bisher einen Teil der Verluste aus der Geburtshilfe mit anderen gewinnbringenden Bereichen ausgeglichen. So konnten etwa chirurgische Behandlungen mehr abwerfen als ihre Kosten. Dieser Überschuss half, andere Bereiche mitzufinanzieren.

Das funktioniert jetzt nicht mehr. Der Landesgesundheitsplan von Nordrhein-Westfalen hat festgelegt, welche medizinischen Leistungen das Krankenhaus genau anbieten darf und welche nicht. Einige dieser Ausgleichsmittel fallen jetzt weg.

Dazu kommt neuer Druck durch ein neues Bundesgesetz, das Krankenkassenbeiträge stabilisieren soll (GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz). Anke Thelen und Vanessa Busch, die beiden Geschäftsführerinnen des Krankenhauses Heinsberg, sehen dadurch zusätzliche Mehrkosten im einstelligen Millionenbereich auf Kliniken zukommen.

Geburtshilfe ist „Verlustgeschäft“

Das Städtische Krankenhaus Heinsberg muss sich neu orientieren. Auftraggeber war das Land NRW, das die Entwicklung eines gemeinsamen Zukunftskonzepts für alle Krankenhäuser anordnete. Ergebnis: Das Haus soll sich auf medizinische Kernkompetenzen konzentrieren und damit die Versorgung in der Region sicherstellen.

Abteilungen mit hohen Kosten und wenigen Patientenfällen werden gestrichen, da sie wirtschaftlich nicht tragbar sind. Geschlossen werden damit Gefäßchirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe und die HNO-Belegabteilung. Hebamme Julia Jansen drückt es so aus:

„
„Alles wird nur noch an Zahlen gemessen und nicht an der Qualität.“

Stattdessen soll der Bereich Innere Medizin ausgebaut werden, inklusive weiterer Palliativmedizin und einer neuen geriatrischen Abteilung vor Ort. Ob es in Heinsberg tatsächlich eine Ausweitung der Altersmedizin geben wird, ist bislang nicht klar. Geriater, Physiotherapeuten, Krankengymnasten und Pflegekräfte werden mit Hochdruck gesucht.

Bürgermeister Kai Louis (CDU) hat bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme abgegeben.

Im Städtischen Krankenhaus Heinsberg kommen bald keine Kinder mehr auf die Welt.

Foto: Bildschirmfoto Website des Krankenhauses

In 40 Pkw-Minuten zum Kreißsaal

Die Klinik Heinsberg hat erklärt, dass die stationäre geburtshilfliche Versorgung im Kreis Heinsberg auch nach der Schließung der Geburtsstation sichergestellt bleibt. Das Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz verfügt demnach über ausreichende Kapazitäten zur Aufnahme zusätzlicher Geburten und zur Behandlung gynäkologischer Patientinnen.

Nach Vorgaben des Landes muss jede Frau in Nordrhein-Westfalen innerhalb von 40 Pkw-Minuten einen Kreißsaal erreichen können. Doch schon jetzt dürften Frauen mit Risikofaktoren wie Mehrlingsgeburten und Schwangerschaftsdiabetes oder ältere Risikoschwangere weder in Heinsberg noch in Erkelenz aufgenommen werden.

Bereits im Status quo müssen diese zur Geburt nach Aachen oder Rheydt fahren. Von Selfkant, der westlichsten Gemeinde Deutschlands an der niederländischen Grenze, ist der Weg zu einem Kreißsaal innerhalb von 40 Minuten gerade noch machbar – bei Normalverkehr auf der A 46.

 Zukunft für Hebammenpraxen?

Die Hebammen im Krankenhaus Heinsberg arbeiten schon jetzt als selbstständige Beleghebammen; sie sind also nicht angestellt. Die Sprecherin des Teams, Julia Jansen, erklärt, die Hebammen richteten sich jetzt positiv neu aus.

Viele von ihnen betreiben bereits eigene Hebammenpraxen und ambulante Geburtshäuser oder überlegen, diese zu gründen. Eine weitere gangbare Lösung sieht Jansen in einem Begleithebammensystem. Bei diesem „bucht“ die Schwangere eine Hebamme aus einem festen Pool und beide gehen dann gemeinsam zur Geburt ins Krankenhaus, beispielsweise nach Erkelenz.

Die Geschäftsführung betont, dass keine der angestellten Pflegekräfte und Medizinischen Fachangestellten gehen müssen. Neue Einsatzbereiche in der geplanten Geriatrie, auf anderen Stationen und in verschiedenen Funktionsbereichen seien möglich. Hingegen sind betriebsbedingte Kündigungen ausschließlich an Ärztinnen und Ärzte der Gynäkologie erfolgt, da für sie im Haus keine weitere Beschäftigungsmöglichkeit mehr besteht.

Betriebswirtschaftlicher Mechanismus

Die Gewerkschaft ver.di beklagt das scheibchenweise Schließen von Teilbereichen in Krankenhäusern. Sie bezeichnet dieses Vorgehen als Salamitaktik. Auf dem Branchenportal myDRG beklagen darüber hinaus auch Lokalpolitiker diese Methodik.

Der jährlich erscheinende Krankenhaus Rating Report, herausgegeben vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, spricht zwar offiziell nicht von einer Salamitaktik, beschreibt allerdings genau den betriebswirtschaftlichen Mechanismus dahinter: ein „Verlustgeschäft“.

Krankenhäuser sind aufgrund massiver Unterfinanzierung gezwungen, unproduktive Ressourcen abzubauen, Investitionen aufzuschieben oder Abteilungen zu schließen. Damit sichern sie kurzfristig ihre Liquidität und vermeiden somit eine Überschuldung in der Bilanz. Abteilungen, die im starren linearen System der Fallpauschalen – feste Geldbeträge, die ein Krankenhaus für die Behandlung bestimmter Krankheiten erhält – keine Gewinne abwerfen, werden abgestoßen.

Die Streichliste wird angeführt von der Gynäkologie und Geburtshilfe, gefolgt von der zeitintensiven Gefäßchirurgie und nicht selten auch von der Geriatrie. Da eine Geburt keinem zeitlich getakteten Zeitfenster folgt und eine teure permanente Rufbereitschaft erfordert, gilt sie in der betriebswirtschaftlichen Logik der Kliniken als Verlustgeschäft.

Der Dominoeffekt

Zahlen belegen, dass dieses Vorgehen System hat. Eine repräsentative Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag des Deutschen Hebammenverbandes zeigt, dass fast 40 Prozent aller Kliniken mit Belegsystemen mit einer baldigen Schließung ihrer Geburtshilfe rechnen.

Der Wegfall wichtiger Fachbereiche führt zu einem Dominoeffekt. Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) hat dazu schon vor drei Jahren eine viel beachtete öffentliche Kampagne gestartet.

Die NKG warnt, dass der Wegfall von Abteilungen wie der Geburtshilfe oder Notfallversorgung eine Kettenreaktion auslöst. Der Wegfall einer Abteilung könnte die umliegenden Kliniken überlasten. Zeitgleich können Fachkräfte verloren gehen, mahnt Dr. Hans-Heinrich Aldag, Geschäftsführer der NKG:

„Wir befürchten, dass ein großer Teil dieser Mitarbeitenden sich eine andere Beschäftigung suchen oder in den Vorruhestand gehen wird. Die Belegschaft eines Krankenhauses ist kein Wanderzirkus, der einfach weiterzieht, wenn ein Standort geschlossen wird.“

Geburtshilfe seit 1991 halbiert

Die Gesamtsituation auf Bundesebene offenbart das Ausmaß dieser systemischen Krise. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich in Deutschland die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsstationen seit 1991 mehr als halbiert. Gab es damals bundesweit noch 1.186 Standorte, blickt das Land heute auf einen historischen Tiefstand von unter 580 Kliniken.

Gleichzeitig brennt es an allen Ecken des gesamten Kliniksektors. Das Niveau der Klinikinsolvenzen verharrt ebenfalls auf einem historischen Rekordhoch.

Das Krankenhausbarometer des DKI ist die wichtigste jährliche Erhebung des Instituts. In der aktuellen Auswertung zeigt sich die gegenwärtige wirtschaftliche Situation. Demnach schreiben 66 Prozent der Krankenhäuser Verluste. Für die Folgezeit erwarten sogar 71 Prozent der Kliniken ein negatives Jahresergebnis.

Die Gewerkschaft ver.di warnt in ihren Analysen davor, dass Interessen privater Investoren das Gesundheitssystem deutlich verändern. Der Gedanke und die Ausrichtung der Kliniken auf eine soziale Daseinsfürsorge gehen dabei verloren. Ziel dieser Investoren ist es, durch sogenannte Asset Deals an Lizenzen für lukrative ambulante Praxen und Medizinische Versorgungszentren zu gelangen, um hohe Renditen zu erzielen.

Unrentable Abteilungen wie die Notfallmedizin oder die Geburtshilfe werden aus dem Programm gestrichen, da sie hohe Vorhaltekosten verursachen.

Personalabbau mit Folgen

Um die Gewinne schnell zu steigern, wird beim Personal der Rotstift angesetzt. Der britische Ärzteverband schlug dazu im Fachmagazin „BMJ“ Alarm und gab an, dass die Versorgungsqualität nach Investorenübernahmen systematisch sinkt.

Eine groß angelegte Studie im Journal „JAMA“ der American Medical Association untermauerte dies. Nach dem Einstieg von Private-Equity-Investoren – Kapitalgebern, die sich außerbörslich an Unternehmen beteiligen – stieg die Anzahl der im Krankenhaus erworbenen Komplikationen bei Patienten um 25,4 Prozent. Die Reduzierung des Personals führte zu einer Zunahme von Stürzen der Patienten um 27,3 Prozent. Schwere Blutbahninfektionen (Blutvergiftung/Sepsis) mehrten sich um 37,7 Prozent.

Personalmangel kostet Leben. Das zeigt zudem eine deutsche Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsförderung. Die Studie belegt, dass der Mangel an Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern zu einer höheren Patientensterblichkeit führt, insbesondere bei Notfällen wie Herzinfarkt und Sepsis.

Ketteninsolvenzen

Investoren planen in den meisten Fällen nicht für Jahrzehnte. Ihr Ziel ist es vornehmlich, Krankenhäuser nach wenigen Jahren mit Gewinn weiterzuverkaufen. Werden die Renditeziele nicht erreicht, beginnt das Filetieren. Wertvolle Immobilien wie das Klinikgelände werden separat verkauft und die Klinik muss fortan kostspielige Mieten an die Investoren zahlen. Folgt die Schließung, ist die medizinische Infrastruktur für immer verloren.

Am Beispiel Heinsberg zeigt sich, welche Hürden auch zukünftig noch zu nehmen sind, auch für ein Krankenhaus in kommunaler Trägerschaft. Denn alleinige Gesellschafterin ist die Stadt Heinsberg. Die Zukunft wird zeigen, ob der eingeschlagene Weg zum Erfolg und damit zum Erhalt des Krankenhauses führen wird.

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Alles wegen einer Fahrkarte: Urteil nach Tod von Schaffner

Regungslos und mit gesenktem Blick nimmt der Angeklagte das Urteil zur Kenntnis. Zehn Jahre Gefängnis, weil er Anfang Februar einen Schaffner bei einer Ticketkontrolle totgeprügelt hat.
Der Anlass: Der 26-Jährige hatte keinen Fahrschein. Die Tat in Rheinland-Pfalz sorgte bundesweit für Entsetzen und löste eine Debatte über Sicherheit in Zügen aus.
Fünf Monate später spricht das Landgericht Zweibrücken den Mann schuldig – wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Nicht wegen Totschlags oder Mordes, wie es die Hinterbliebenen vehement gefordert hatten.
Warum? Nach Überzeugung der ersten Strafkammer hatte der Grieche den 36 Jahre alten Zugbegleiter nicht töten wollen – und sieht somit keinen Tötungsvorsatz.

„Don’t touch me“

Ioanni V. habe „die Gefährlichkeit seines Handels“ nicht erkannt, sagte Richter Andreas Herzog in seiner nur knapp 20 Minuten dauernden Begründung. Das Opfer hatte keine äußeren Verletzungen – auch andere Passagiere seien nicht davon ausgegangen, dass die Auseinandersetzung tödlich ende.
Serkan Calar aus Ludwigshafen, alleinerziehender Vater von zwei Söhnen, stirbt zwei Tage später im Krankenhaus an einer Hirnblutung.
Der Angeklagte habe nach der Tat gesagt: „That will teach him not to touch strange people“ (Das wird ihm eine Lehre sein, dass er keine fremden Menschen anfasst), so der Richter. Diese Aussage zeige, dass er davon ausging, dass der Schaffner überleben werde.
Der Grieche mit Wohnsitz in Luxemburg habe am 2. Februar „aus einer situativen Missstimmung, spontan und aufgeladen“ gehandelt.
Er hatte seinen Job verloren, anders als erwartet kein Geld bei der Bank bekommen und am Vormittag schon Stress in einem anderen Zug gehabt, weil er ohne Ticket fuhr.

„Er rechnete nicht mit dem Ableben des Opfers“

Als Serkan Calar ihn dann bei der Fahrscheinkontrolle im Regionalexpress von Landstuhl nach Homburg (Saarland) angetippt habe, sei er schnell aggressiv geworden. Ihm habe nicht gefallen, dass der Schaffner Deutsch redete – und er reagierte: „Don`t touch me“ (Fass mich nicht an).
Durch Überwachungskameras ist das Geschehen – tonlos – dokumentiert. Der Angeklagte habe sich vor dem Schaffner aufgebaut, und Calar habe versucht, ihn auf Abstand zu halten, ihn leicht zurückgetippt – dann schlug der Angeklagte zu.
Mit beiden Fäusten und mit Wucht – gegen Kopf und Schläfen. Auch als der Mann in Uniform auf einen Sitz sackte, schlug er weiter.
Dennoch: „Er rechnete nicht mit dem Ableben des Opfers“, sagt der Richter. Es gebe keine Hinweise, dass der Angeklagte professionelle Boxerfahrung habe. Er habe aber eine Abneigung gegen Berührungen von Fremden und gegen Anweisungen von Amtsträgern.

Nebenklage will Urteil anfechten

Mit dem Richterspruch endet vorerst ein Verfahren, das über Rheinland-Pfalz hinaus Aufmerksamkeit erregt hat.
Doch während die Justiz ein Urteil fällt, kämpfen Hinterbliebene mit einer Frage: Wie lebt man weiter, wenn ein Vater, Ehemann, Sohn oder Kollege zur Arbeit geht und nicht wiederkommt?
Für viele Zugbegleiter hat der Fall bedrückende Symbolkraft. Wer heute Fahrgäste anspreche, sagen sie, denke daran, dass eine Situation kippen könne. Freundlichkeit sei selbstverständlich geblieben – Sorglosigkeit nicht.
Im Gegensatz zum Angeklagten regieren die Angehörigen des Opfers mit massiver Enttäuschung sowie viel Wut und Ärger.
Familie und Freude kritisieren, dass das Gericht nicht Totschlag oder Mord in Betracht gezogen hat. Keiner von ihnen erscheint zur Urteilsverkündung im Saal – demonstrativ.

Großer Frust bei der Opferfamilie

„Die Familie muss nun ein Leben lang mit dem Tod von Serkan leben, während der Angeklagte bei guter Führung seinen 30. Geburtstag möglicherweise schon in Freiheit feiern kann“, sagt Yalcin Tekinoglu, der Anwalt der Familie.
Den beiden Kindern, zehn und zwölf Jahre alt, werde man vorerst nichts von dem Urteil erzählen. „Sie sollen sich jetzt in den Schulferien erst einmal zumindest ein wenig erholen können. Ihnen fehlt der Vater schmerzhaft.“
Die Familie kündigte Revision beim Bundesgerichtshof an. „Das Urteil ist für die Angehörigen und für alle Menschen, die für das Gemeinwesen arbeiten und sich jeden Tag in Gefahr begeben, ein weiterer Schlag ins Gesicht“, sagt Tekinoglu. Der Richterspruch sei ein „Fehlurteil“.
Das Gericht habe zu Unrecht angenommen, dass der Täter kein trainierter Kampfsportler gewesen sei.
Tekinoglu betont, der Familie gehe es nicht allein um ein höheres Strafmaß. Vielmehr müsse von dem Urteil ein klares Signal gegen die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr ausgehen. Auch die Verteidigung erwägt eine Überprüfung des Urteils.

Unverständnis bei Zuschauern

Dauernd gebe es Übergriffe auf öffentliche Bedienstete, sagt eine Zuschauerin aus dem Saarland. „Wenn so ein Urteil dann so ausfällt, braucht ja kein Täter mehr Angst zu haben.“
Für sie sei die Tat nicht nur ein Totschlag. „Der Schaffner ist ermordet worden.“ Eine andere sagt: „Es war so unnötig. Alles wegen einer Fahrkarte.“ Und: Wer so zuschlage wie der Angeklagte, müsse doch damit rechnen, dass das Opfer sterbe.

Für Serkan Calar entsteht Gedenkort

Klar ist, die Erinnerung an Serkan Calar wird wachgehalten – auch sichtbar. Für den Zugbegleiter soll es einen Mahn- und Gedenkort am Mannheimer Hauptbahnhof geben, seinem Dienstort.
Die Bahn ist dazu nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Familie des Getöteten in der Planung. Der Ort solle „die Erinnerung an unseren geschätzten Kollegen und lieben Menschen, aber auch an die schreckliche Tat im Bewusstsein halten“. (dpa/red)
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Was sind Tomahawk Marschflugkörper?

Deutschland soll doch US-Marschflugkörper des Typs Tomahawk erhalten. Laut Bundeskanzler Friedrich Merz stimmten die USA dem Verkauf und der Stationierung in Deutschland zu. Damit würde eine wichtige Lücke bei der deutschen und europäischen Verteidigung geschlossen. Worum es geht:

Für Präzisionsangriffe aus großer Entfernung

Der Tomahawk ist ein Marschflugkörper, also eine Lenkwaffe, die von den US-Streitkräften vor 43 Jahren in den Dienst gestellt wurde. Das Waffensystem kam erstmals bei der „Operation Desert Storm“ („Wüstensturm“) 1991 im Irak zum Einsatz und zuletzt auch im Irankrieg.
Tomahawk-Marschflugkörper können damit für Präzisionsangriffe aus großer Entfernung genutzt werden. Die 1,5 Tonnen schweren Flugkörper können Sprengköpfe mit einem Gewicht von 450 Kilogramm transportieren und stark befestigte Ziele wie Flugabwehrsysteme, Kommandozentralen und Militärflugplätze angreifen.
Tomahawks können von Schiffen, U-Booten und vom Boden aus abgefeuert werden und treffen ihre Ziele in der Regel mit einer Genauigkeit von wenigen Metern.
Die Ausführung BGM-109 kann mit einer Geschwindigkeit von 880 Stundenkilometern Ziele in 1.600 Kilometern Entfernung erreichen und dabei lediglich in einer Höhe von einigen Dutzend Metern fliegen, sodass sie nur schwer geortet und bekämpft werden kann.
Eine Ausführung des Tomahawk, die mit einem Atomsprengkopf bestückt werden konnte, wurde 2013 außer Dienst gestellt. Die Kosten für einen Tomahawk der fünften Generation belaufen sich Dokumenten der US-Marine zufolge auf 2,5 Millionen Dollar (gut 2,1 Millionen Euro).

Mittelstreckenwaffen nach Ende des Kalten Krieges

Seit Beginn des Ukrainekrieges wird die Aufstellung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland wieder von vielen Fachleuten als nötig erachtet. Die Europäer verfügen selbst nicht über Fähigkeiten dieser Art und sind daher auf die USA angewiesen.
Zu Zeiten des Kalten Krieges hatten die USA bereits Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationiert. Nach dem Ende des Kalten Kriegs bauten die USA und die Sowjetunion sowie ihre Nachfolgestaaten die Raketenarsenale in Europa deutlich ab.
Für die Bundeswehr steht nach vielen Jahren wieder die Landes- und Bündnisverteidigung an erster Stelle. Dafür fehlen der Armee Waffensysteme wie weitreichende Marschflugkörper, die vom Boden aus abgefeuert werden können. Die deutschen Taurus-Marschflugkörper können nur von Flugzeugen aus der Luft gestartet werden.

Pistorius: „Fähigkeitslücke“ in Europa

Dafür kündigten die USA unter Präsident Joe Biden 2024 an, ab diesem Jahr wieder weitreichende Waffen in Deutschland zu stationieren.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sprach von einer „Fähigkeitslücke“ in Europa. Langfristig sollen nicht mehr die USA für die Entwicklung und Ausstattung mit Mittelstreckenwaffen auf dem europäischen Kontinent sorgen, sondern die Europäer selbst. Die wurde von Merz nun noch einmal bekräftigt.
Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hatte Anfang Mai eine Verringerung der Truppenpräsenz in Europa angekündigt. Dabei stoppte Washington auch die geplante Stationierung eines Fernfeuerbataillons mit den Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland.
Merz hatte dies damals auf einen Mangel an Marschflugkörpern in den USA selbst wegen des Irankrieges zurückgeführt, sich jedoch optimistisch geäußert, dass dies nicht das letzte Wort sei. (afp/red)
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Hymnen für die Ewigkeit: Popstar Bonnie Tyler ist tot

Mit „Holding out for a Hero“ und „Total Eclipse of the Heart“ sang Bonnie Tyler zwei Hymnen für die Ewigkeit. In ihrer langen Karriere hatte sie noch viele weitere Hits. Sie war das, was man eine Rockröhre nannte.
Nun ist die Sängerin mit der markanten rauchigen Stimme gestorben. Tyler, die zuletzt an der Algarve in Portugal lebte, wurde 75 Jahre alt.
Mehr als 80 Singles und 18 Studioalben hat die Waliserin mit den blonden Haaren während ihrer langen Karriere veröffentlicht. Ihr letztes Album, „The Best Is Yet To Come“, erschien 2021.
Mit eingängigen Melodien und markanten Gitarren- und Synthesizer-Sounds erinnerte es an die Musik der 80er Jahre. In dem Jahrzehnt feierte Tyler ihre größten Erfolge.

Unerwarteter Tod

Einem Statement auf ihrer offiziellen Webseite zufolge kam Tylers Tod unvermittelt. „Bonnie Tylers Familie und ihr Team sind zutiefst erschüttert, mitteilen zu müssen, dass Bonnie gestern Abend unerwartet in einem Krankenhaus in Portugal an den Folgen der Krankheit verstorben ist, wegen der sie behandelt wurde“, heißt es darin.
Zuletzt lag die walisische Sängerin über Wochen im künstlichen Koma, zwischenzeitlich wurde sie wieder wach. Ende April musste Tyler im portugiesischen Faro am Darm operiert werden.
Bis in die 90er Jahre hatte Bonnie Tyler eine wilde Lockenmähne. (Archivbild)

Bis in die 90er Jahre hatte Bonnie Tyler eine wilde Lockenmähne. (Archivbild)

Foto: picture alliance / dpa

Karrierestart dank Irrtum eines Talentsuchers

Den Beginn ihrer Karriere verdankte Tyler, die eigentlich Gaynor Hopkins hieß, einem Irrtum des Londoner Talentsuchers Roger Bell. Der hatte sich auf den Weg nach Südwales gemacht.
„Er kam in diesen Club, in dem ich aufgetreten bin, weil er von einem Jungen gehört hatte, der im Obergeschoss mit seiner Band spielt“, erzählte Tyler 2021 im dpa-Interview in London. „Aber er kam im falschen Stockwerk rein und hat mich singen gehört.“
Kurz darauf wurde sie nach London eingeladen, um eine Single aufzunehmen. „Lost In France“ wurde 1976 veröffentlicht und war der Beginn einer Weltkarriere. Ein Jahr später wurde „It’s A Heartache“ ein noch größerer Hit und toppte in mehreren Ländern die Charts.

„Viele Leute dachten, ich sei Amerikanerin“

Tyler stammt aus einer musikalischen Familie mit drei Schwestern und zwei Brüdern. Sie verbrachte ihre Kindheit in der walisischen Kleinstadt Skewen. In der Familie wurde viel gesungen. „Mein Vater hat sonntags „Top Of The Pops“ für mich aufgenommen, die Top 40“, sagte sie. „Ich habe die Texte aufgeschrieben, um mitzusingen. In meine Haarbürste, kein Mikrofon.“
Bei einem Gesangswettbewerb im örtlichen Rugbyclub wurde sie Zweite. Ihre Tante hatte sie angemeldet. „Ich war damals sehr, sehr schüchtern, das glaubt man kaum.“ Als Background-Sängerin für lokale Musiker lernte sie dazu, bevor sie mit ihrer eigenen Band in den Pubs auftrat.
Ihren Geburtsnamen Gaynor Hopkins legte sie ab, um Verwechslungen mit Sängerin Mary Hopkin zu vermeiden.
„Ich bin die Zeitung durchgegangen und habe alle Vornamen und alle Nachnamen aufgeschrieben. Dann habe ich probiert, welche Kombination gut klingt“, erzählte sie. „Es gab damals nicht viele Tylers in der Gegend. Lange Zeit dachten viele Leute, ich sei Amerikanerin. Aber ich bin definitiv Waliserin.“
Ihre Markenzeichen waren die markante rauchige Stimme und die blonden Haare. (Archivbild)

Ihre Markenzeichen waren die markante rauchige Stimme und die blonden Haare. (Archivbild)

Foto: Vít Èerný/CTK/dpa

Welterfolge mit Rockproduzent Jim Steinman

Mit den großen Erfolgen und den Hitsingles der frühen Jahre konnten das dritte und vierte Album nicht mithalten. Als Bonnie Tylers erster Plattenvertrag Anfang der 80er auslief, lehnte sie einen neuen ab. „Ich hatte keine Lust mehr, diese Country-Rock-Musik zu machen“, sagte sie. „Ich wollte mehr in Richtung Rock gehen.“
Bei ihrem neuen Plattenlabel beharrte sie darauf, mit Jim Steinman zu arbeiten, der sich als Songwriter von Rocksänger Meat Loaf („Bat Out Of Hell“) einen Namen gemacht hatte. „Und der Rest ist Geschichte!“, sagte sie der dpa über die erfolgreiche Zusammenarbeit.
Die von Steinman geschriebene und produzierte Powerballade „Total Eclipse Of The Heart“ wurde ihr größter Hit, erreichte Platz 1 in Großbritannien und den USA und brachte ihr eine Grammy-Nominierung ein. Das Album „Faster Than The Speed of Night“, das überwiegend aus wuchtigen Coverversionen bestand, wurde ebenfalls ein großer Erfolg.
Von Steinman stammt auch die Kulthymne „Holding Out For A Hero“. Der theatralische Rocksong war 1984 im Kinofilm „Footloose“ zu hören. Die Szene, in der Kevin Bacon eine Mutprobe auf einem Traktor ablegt, wirkt heute unfreiwillig komisch, aber Tylers bombastisches Lied ist ein Klassiker. Natürlich durfte „Holding out for a Hero“ bei keinem ihrer Konzerte fehlen.
Ab Sommer hatte Bonnie Tyler wieder auf große Tournee gehen wollen. (Archivbild)

Ab Sommer hatte Bonnie Tyler wieder auf große Tournee gehen wollen. (Archivbild)

Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Ein rätselhafter Misserfolg und drei Alben mit Dieter Bohlen

Warum ihr 1988 erschienenes Album „Hide Your Heart“ kein Erfolg wurde, ist eines der großen Rätsel der Musikgeschichte. Starproduzent Desmond Child (Kiss, Bon Jovi) schrieb für Tyler „Save Up All Your Tears“, das aber erst als Coverversion von Robin Beck und dann von Cher erfolgreich wurde. Ihre kaum beachtete Single „The Best“ wurde ein Jahr später ein Welthit für Tina Turner.
In den 90ern konzentrierte sich Tyler zeitweise auf den europäischen Markt. Die Britin unterschrieb beim deutschen Label Hansa Records. Dieter Bohlen produzierte für sie drei Alben. „Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten“, sagte sie.
2013 nahm Tyler für Großbritannien am Eurovision Song Contest teil. Mit ihrem Song „Believe in Me“ belegte sie zwar nur den 19. Platz, fand das Erlebnis aber trotzdem „wundervoll“.

Tyler plante eine große Europa-Tournee

Tyler hinterlässt ihren Ehemann Robert Sullivan. Mit dem britischen Judoka und früheren Olympia-Teilnehmer war sie seit 1973 verheiratet. „Wir reisen überall zusammen hin“, sagte Tyler über das Geheimnis ihrer langen Ehe. „Er liebt das Reisen wahrscheinlich noch mehr als ich. Er steht gern an der Seite der Bühne und singt mit.“ Das Paar lebte abwechselnd an der Südküste von Wales und an der Algarve. Kinder hatten sie nicht.
In über vier Jahrzehnten als Künstlerin hatte sich ihre rauchige Stimme kaum verändert. Dreimal pro Woche arbeitete die Nichtraucherin mit einem Stimmtrainer. Und vor jedem Auftritt gönnte sich Tyler einen Schluck Jack-Daniel’s-Whisky mit Red Bull. „Nur ein kleiner Schuss, das ist alles“, betonte sie im dpa-Interview. „Aber wenn ich von der Bühne komme und meine Show vorbei ist, dann mag ich gern Rotwein.“
Im März 2026 stand Bonnie Tyler zuletzt auf der Bühne. Ab Mai hatte sie eigentlich auf ausgedehnte Europa-Tournee gehen und insgesamt 18 Konzerte in Deutschland geben wollen. „Ich liebe es auf der Bühne zu stehen.“ (dpa/red)