Im Jahr 1960 eroberte Alan Jay Lerners und Frederick Loewes „Camelot“ den Broadway im Sturm. In diesem Stück besingt Lancelot auf seinem Weg zum Hofe von König Artus die Eigenschaften und Tugenden eines perfekten Ritters.
Er singt von Stärke, Mut, Kampfgeschick und Reinheit, gepaart „mit einem Willen und einer Selbstbeherrschung, um die ihn jeder Heilige beneiden würde“. Er fragt: „Aber wo auf der Welt gibt es einen Mann, der so außergewöhnlich ist?“, um dann mutig und humorvoll zu antworten: „Das bin ich!“.
Der Lancelot des Broadway verkörpert einen ritterlichen Kodex, der vor Hunderten von Jahren konzipiert wurde. Es war ein Modell für Tugend, Ehre und korrektes Verhalten, das lange Zeit als fester Bestandteil der westlichen Männlichkeit diente.
Ritterliche Ideale beeinflussten das soziale Verhalten der amerikanischen Gründerväter und halfen, den viktorianischen Gentleman zu definieren. Selbst heute noch geistert der Ritter durch unsere postmodernen Empfindungen, ein Geist in unserem algorithmischen Zeitalter, der immer noch die Macht hat, Jungen und Männer unter seinem Banner zu versammeln.
Um den Kodex der Ritterschaft und seine Bedeutung für Männer besser zu verstehen, betrachten wir einen der größten Ritter des Mittelalters, den Engländer William Marshal (ca. 1146–1219) – und die Einflüsse, die ihn geprägt haben.
Mentoren, Gleichaltrige … und ein Beruf
Da er ein jüngerer Sohn war, gab es für William keine Hoffnung, von seinem Vater, einem niederen Adligen, zu erben. Nach rauer Kindheit inmitten der Umbrüche Englands wurde er als junger Teenager in die Normandie geschickt. Dort, im Haushalt eines Verwandten, wurde er zum Ritter ausgebildet. Er zeichnete sich im Reiten und beim Einzelkampf aus. Gleichzeitig schulte man ihn in den Manieren und der Höflichkeit, die seines Standes geziemten.
Mit etwa 20 Jahren wurde er zum Ritter geschlagen. Anschließend verbrachte William Jahre damit, in Schlachten und Scharmützeln sowie bei Turnieren zu kämpfen. Diese Wettkämpfe waren jedoch keine geordneten Spektakel, wie wir sie heute aus Filmen kennen. Es waren nicht einfach zwei Ritter auf Pferden, die mit Lanzen aufeinander losstürmten.
Es waren wilde Schlägereien – brutale Kämpfe gegnerischer Mannschaften. Gebrochene Knochen und ausgeschlagene Zähne waren an der Tagesordnung. Die Sieger töteten ihre Gegner nicht, sondern nahmen sie gefangen und verlangten Lösegeld.
William war in diesen Kämpfen ein Champion der Champions. Mit seinem Pferd und seiner Lanze machte er sein erstes Vermögen und erlangte großen Ruhm.
Solches Kampfgeschick, Stärke und Mut waren das Herzstück des ritterlichen Kodex. Von seinen Lehrmeistern erlernte Wilhelm ein Handwerk; durch die Zusammenarbeit mit seinen Standesgenossen wurde er zum Profi. In beiden Konstellationen vertiefte er sein Verständnis über ritterliches Verhalten und Männlichkeit.
Mit Ausnahme von Rugbyspielern nehmen junge Männer heutzutage nicht mehr an Handgemengen auf einem Spielfeld teil. Sie verbringen auch nicht ihre Teenagerjahre damit, das Kämpfen mit Schild und Lanze zu erlernen. Doch die Grundlagen – eine Fähigkeit zu erlernen, Rückgrat und Entschlossenheit zu entwickeln – bleiben für das Wachstum unerlässlich. Ebenso wichtig ist die Auswahl von Mentoren und Freunden. Sie werden ein Teil von uns, daher müssen wir lernen, sie mit Bedacht zu wählen.
Poupipouw, CC0, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”605″>
Ritterliche Frömmigkeit
Was heute manche als
„toxische Männlichkeit“ bezeichnen, wäre für die rauen Männer von damals ein Witz gewesen. Also für jene, die damals das Handwerk des Rittertums ausübten und die Werkzeuge des Ritters handhabten. Doch es gab auch Entwicklungen, ihr raues Wesen zu beruhigen und die Bedeutung von Ritterlichkeit zu erweitern.
Die katholische Kirche sah die Gewalt von Kriegen und Turnieren oft mit Skepsis – außer bei Kreuzzügen. Sie ermutigte Könige, Adelige und Ritter, Gewalt zu vermeiden. Da, wo das nicht möglich war, solle man aber Gnade gegenüber dem Feind zeigen. Sie sollten auch Frauen, Kinder, Witwen und Schwache beschützen.
Zygmunt Ajdukiewicz, gemeinfrei, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”487″>
Letztlich griffen diese Lehren, wie im Fall des französischen
Königs Ludwig IX. (1214–1270). Als Zeitgenosse von William erlangte Ludwig einen hervorragenden Ruf als christlicher Monarch. Er wurde nach seinem Tod sogar heiliggesprochen – und ist heute auch als Saint-Louis bekannt.
Er reformierte die Regierung und die Gerichte seines Landes, gründete Krankenhäuser, speiste die Hungernden und besuchte die Kranken. Und er folgte sogar dem Beispiel des heiligen Franziskus, indem er Aussätzige pflegte.
Die übernommene Pilgerreise
Die Lehren der Kirche prägten Wilhelm und zahllose andere Ritter. Im Jahr 1183 beispielsweise erkrankte der junge König Heinrich, dem Wilhelm widerwillig als Berater diente, während er einen Aufstand gegen seinen Vater, Heinrich II., anführte.
Der junge König, der ursprünglich einen Kreuzzug ins Heilige Land geplant hatte und nun tiefe Reue empfand, bat Wilhelm auf dem Sterbebett, an seiner Stelle die Pilgerreise anzutreten. Wenige Monate später machte sich Wilhelm auf diese Reise. In Jerusalem gelobte er den Tempelrittern, dass er auf seinem Sterbebett ihrem Orden beitreten werde – ein Versprechen, das er eingehalten hat.
Der Literaturhistoriker und Kritiker Léon Gautier listete in seinem Werk „La Chevalerie“ von 1883 „zehn Gebote der Ritterschaft“ auf, von denen zwei lauteten, an die Lehren der Kirche zu glauben und sie bei Bedarf zu verteidigen. Frömmigkeit wurde ein Teil des Kodex und schliff die rauen Kanten der Krieger zu Ross ab.
Unabhängig von ihrem religiösen Glauben könnten heutige junge Männer viel von der ritterlichen Frömmigkeit von damals lernen, etwa, die geliebten und heiligen Dinge und Prinzipien in ihrem eigenen Leben zu erkennen und zu ehren.
Die feminine Nuance
Im Jahr 1168 war Eleonore von Aquitanien, die Ehefrau des anglo-normannischen Königs Heinrich II., mit ihrem Onkel und ihren Söhnen zu Pferd unterwegs. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt.
Die Gruppe wurde von einem rebellischen Lehnsmann und seinen Männern angegriffen. Eleonores Onkel wurde getötet, aber die Königin konnte entkommen, was auch dem beherzten Kämpfen des noch jungen William Marshal aus ihrer Eskorte zu verdanken war. Er wurde verwundet und gefangen genommen.
Seine Tapferkeit und Selbstaufopferung hatten die Königin aber derart beeindruckt, dass sie das Lösegeld für ihn bezahlte und ihn zwei Jahre lang durch ihren Haushalt finanzierte. Dort diente er in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Tutor in den ritterlichen Künsten für den bereits erwähnten Heinrich.
Dies waren die Glanzjahre, in denen Eleonore und ihre Tochter Marie die sogenannte „höfische Liebe“ (Minne) förderten, was dem ritterlichen Kodex einen weiteren Feinschliff verlieh. Obwohl der „Hof der Liebe“, der Eleonore zugeschrieben wird, wahrscheinlich fiktiv ist, waren diese beiden Frauen maßgeblich daran beteiligt, die Ritterlichkeit so zu gestalten, wie wir sie heute verstehen.
Als Mäzeninnen von Kunst, Dichtung und Musik hießen sie Troubadoure und Dichter willkommen, die ihre Liebesballaden mit Kriegsliedern verbanden und so der Kriegerethik Romantik hinzufügten. Marie beispielsweise unterstützte Chrétien de Troyes, den Verfasser verschiedener Werke, die die Ideen der höfischen Liebe mit den Artussagen verknüpfte.
Die weibliche Note
Da Wilhelm diese Zeit der Frauenverherrlichung, der höfischen Liebe und der guten Sitten miterlebte, konnte er sich der Dichtung und den Balladen über Ritter und Damen kaum entziehen. Ähnlich wie die Kirche milderte die Philosophie der höfischen Liebe – man könnte sie besser als höfische Sitten bezeichnen – das raue Wesen der Ritter, hob den Status der Frauen und gebar die Idee des ritterlichen beziehungsweise gentlemanhaften Verhaltens.
Diese Troubadoure, Dichter und Geschichtenerzähler verbreiteten die ritterlichen Ideale in ganz Europa – Lieder und Geschichten, in denen ein Ritter den von einer höfischen Dame gesetzten Maßstäben gerecht wurde. Wie der anonyme Autor auf der Website „Chivalry“ (Ritterlichkeit) schreibt: „Im Grunde waren Frauen die intellektuellen Hüterinnen der ritterlichen Tugenden und für die Bewahrung und Förderung des ritterlichen Ehrenkodex verantwortlich.“
Zusammenfassend kann gesagt werden: Es waren die Frauen, die die Messlatte für das Verhalten der Männer höher legten.
Hier wächst bei heutigen jungen Männern – und übrigens auch bei den jungen Frauen – die Verwirrung. In einer Zeit wie der unseren, in der viele Männer und Frauen in der Firma gemeinsam arbeiten, in der Unabhängigkeit von beiden großgeschrieben wird und in der die Traditionen der Höflichkeit und des Werbens fast in Vergessenheit geraten sind, mag ein ritterlicher Ehrenkodex der Romantik so antiquiert wirken wie Hutnadeln und Gamaschen.
Ideale, die es anzustreben gilt
Vielleicht gibt es jedoch einen Ausweg aus diesem Chaos.
In dem Aufsatz
„The Mirror of Honour and Love“ (
Spiegel der Ehre und der Liebe) weist Sophie Masson darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen davon profitieren könnten, ritterliche Ideale und Manieren zu verinnerlichen.
Bei der Diskussion der Werke von Christine de Pizan, die hundert Jahre nach William lebte und sich für Frauen einsetzte, stellt Masson fest, dass das von Männern und Frauen praktizierte Rittertum „ein Weg war, das eigene volle Potenzial zu erreichen … aber immer verbunden mit der Präsenz, den Bedürfnissen und dem Wert anderer Menschen“.
„Ritterlichkeit, ob männlich oder weiblich, erkannte an, dass jeder von uns tatsächlich des anderen Hüter ist – aber auch mutig Verantwortung tragen muss für das eigene Handeln. Es ist ein Ideal, das in der Welt, in der wir heute leben, von zunehmender und dringender Relevanz ist“, schreibt Masson.
Edmund Blair Leighton, gemeinfrei, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”963″>
Williams letzter Moment war sanft
Was William betrifft, so starb er so tapfer, wie er gelebt hatte. Nachdem er erkrankt war und seine Ärzte ihm gesagt hatten, dass er bald sterben würde, stellte er als Regent von England sicher, den heranwachsenden König Heinrich III. in guten Händen zu hinterlassen. Als seine Kräfte schwanden, verabschiedete er sich von Familie und Freunden, die ihn in seinen Gemächern besuchten.
Elizabeth Chadwick, Autorin einer Bestseller-Reihe von Romanen über William, erzählte die bewegende Szene zwischen William und seiner Frau Isabel de Clare, die in vielerlei Hinsicht den Charakter des Mannes zusammenfasst. Die Szene findet sich erstmals in
„L’Histoire de Guillaume le Maréchal“, einer Versbiografie mit 19.000 Zeilen, die kurz nach Williams Tod in Auftrag gegeben wurde.
„Er legte pflichtbewusst den Eid der Templer ab, was bedeutete, dass er die Umarmung einer Frau nicht mehr annehmen durfte. Isabel konnte ihn nicht mehr mit ihrer Berührung trösten. In der ‚Histoire‘ gibt es eine ungemein bewegende Abschiedsszene zwischen Isabel und William, in der er ihr sagt, sie solle ihn ein letztes Mal küssen, da sie es nie wieder tun könne. ‚Der Graf, der großzügig, sanft und gütig zu seiner Frau, der Gräfin, war, sagte zu ihr: ‚Schöne Dame, küsst mich jetzt, denn Ihr werdet es nie wieder tun können.‘ Sie trat vor und küsste ihn, und beide weinten.‘“
Hier war Geoffrey Chaucers „wahrhaft perfekter, sanfter Ritter“.
Ein Mann, der es wert war und ist, nachgeahmt zu werden.