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Richter an Fabians Vater gerichtet: „Ich flehe Sie fast an“

Mit verschränkten Armen dreht sich die Angeklagte im Gerichtssaal 2.002 des Landgerichts Rostock auf ihrem Drehstuhl hin und her. Gerade gibt das Gericht Einblick in die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Rostock, die sie beschuldigt den achtjährigen Fabian aus Güstrow ermordet zu haben.
Da ist das Video einer Überwachungskamera, das während der Verhandlung abgespielt wird. Es zeigt den Wagen der Angeklagten binnen weniger Minuten zweimal unweit Fabians Adresse am Vormittag des 10. Oktobers 2025.
Im entsprechenden Zeitraum wurde Auswertungen zufolge nach zuvor permanenter Aktivität das Display von Fabians Handy deaktiviert. Es wurde demnach erst wieder am Nachmittag angeschaltet, als seine Mutter nach Hause kam, dort das Handy, aber nicht den Jungen auffand.
Außerdem wird das Foto eines Waldweges gezeigt, das am Vormittag des mutmaßlichen Tattages mit dem Handy der 30-Jährigen gemacht wurde und auch ihren Hund zeigt. Laut Ermittlern befindet sich der Weg unweit des späteren Fundortes von Fabians Leiche.

Auffällige Internet-Suchen

Die Angeklagte schweigt vor Gericht bislang zu den Vorwürfen. Ihr wird vorgeworfen, den Jungen am 10. Oktober vergangenen Jahres mit einem Messer getötet zu haben.
Das Tatmotiv soll mit dem Ende der mehrjährigen Beziehung zusammenhängen, die sie zu Fabians Vater hatte, und die er im August 2025 beendete.
Den Ermittlungen zufolge wurde mit dem Account der Angeklagten am Tag des Verschwindens frühzeitig nach Stichworten wie „Polizei“ oder auch „Person vermisst“ im Internet gesucht.
Den Ausführungen des Gerichts zufolge passierte dies schon, bevor Fabians Vater ihr mitteilte, dass sein Sohn vermisst wird.
Über den Account der 30-jährigen Beschuldigten wurde demnach ferner am Tag nach Verschwinden des Jungen mit Stichworten gesucht wie „fressen Wildschweine tote Menschen“.

Vater glaubt an Unschuld der Angeklagten

Mittlerweile sind beide nach Aussage des Vaters wieder ein Paar. Er habe die Frau, für die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt, regelmäßig in der Untersuchungshaft besucht. Und er sagt: „Ich glaub‘ an ihre Unschuld.“
Im Gericht werden auch Audionachrichten der Angeklagten abgespielt, in denen sie einem Bekannten vorschlägt, unter anderem bei Klein Upahl südwestlich von Güstrow nach dem damals noch vermissten Jungen zu suchen. Schlussendlich wurde die Leiche unweit des Ortes gefunden. Den Fund hatte die Beschuldigte der Polizei gemeldet.
Der dritte Verhandlungstag im Prozess um Fabians Tod ist eine Marathonsitzung – einziger Zeuge: der Vater des Jungen. Seine Befragung hatte bereits am zweiten Verhandlungstag vergangene Woche begonnen.
Anhand der im Prozess präsentierten Nachrichten wird deutlich, wie der Vater und die Angeklagte auch nach der Trennung vom Sommer 2025 ausgiebig die Probleme der Beziehung diskutierten. „Sie drehen die Beziehung hin und her“, sagt der Vorsitzende Richter Holger Schütt.

„Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?“

Dabei ging es wiederholt auch um das angespannte Verhältnis der Beschuldigten zur Familie von Fabians Vater. Demnach störte sie, dass er für Absprachen den Sohn betreffend Kontakt mit der Mutter hielt.
Bereits kurz vor Fabians Verschwinden hatten sich der Vater und die Angeklagte zeitweise wieder angenähert.
Der Vater relativiert auf Nachfrage Chat- und Audionachrichten oder auch eigene vorhergehende Aussagen, die zuungunsten der Beschuldigten ausgelegt werden könnten.
Oberstaatsanwalt Harald Nowack zeigt sich vom zurückhaltenden Engagement des Vaters im Verfahren irritiert, der sich anders als Fabians Mutter nicht als Nebenkläger anwaltlich vertreten lässt.
Er hatte bislang nach eigener Aussage keine direkte Akteneinsicht und bezieht seine Informationen nur aus den Medien oder von Dritten. „Haben Sie Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?“, fragt Nowack ihn.
Auch Richter Schütt wird angesichts der teilweisen zurückhaltenden Aussagen des Zeugen deutlich: „Ich flehe Sie fast an, das ist Ihr Sohn, nicht meiner.“

Trauerrede per ChatGPT

Deutliche Emotionen zeigt die Beschuldigte kaum. Auch Fabians Mutter gibt sich bewusst gefasst, aufrecht sitzend den Blick nach vorn gerichtet mit den Händen auf dem Tisch.
Tränen fließen bei der Beschuldigten, als es um den Tod eines Pferdes vor wenigen Jahren geht. Dieses kannte sie laut Fabians Vater seit ihrer Jugend und bestritt mit ihm erfolgreich Turniere. Bei den entsprechenden Schilderungen muss die Angeklagte zum Taschentuch greifen.
Gegen Ende des langen Prozesstages liest Rechtsanwalt Thomas Löcker eine berührende Trauerrede für Fabian vor, wohl in dem Versuch, die Beschuldigte als einfühlsamen Menschen darzustellen.
Sie hatte die Rede für den Vater verfasst, nachdem dieser vor der Beerdigung um Hilfe gebeten hatte. Allerdings verweist Richter Schütt später auf die Auswertung des Handys der Frau.
Demnach stammten die Formulierungen nur zum Teil von ihr. Sie fütterte damit die Künstliche Intelligenz von ChatGPT, die letztlich die Rede verfasste. (dpa/red)
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„Leipzig steht zusammen“ – Gedenkandacht nach Amokfahrt

Einen Tag nach der Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt haben mehrere Hundert Menschen in einer ökumenischen Andacht der Opfer gedacht. „Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen“, sagte der Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) in der Nikolaikirche. Auch Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer war bei der Andacht dabei.
„Wir suchen Worte. Wir suchen Erklärungen. Ich glaube, die richtigen Worte gibt es nicht“, sagte Jung. Mit Blick auf die Sicherheitsdiskussion nach der tödlichen Autofahrt durch Leipzigs Fußgängerzone betonte er erneut: „Wir können unsere Städte nicht zu Festungen umbauen.“

Helfer und Mitarbeiter von Geschäften schildern Eindrücke

Bei der Andacht kamen auch Helfer des Kriseninterventionsteams und Mitarbeiter von Geschäften zu Wort, vor deren Tür sich das schreckliche Geschehen ereignet. Der gestrige Nachmittag habe einen dunklen Schatten über die Innenstadt geworfen, sagte eine Apothekerin.
Ein Krisenhelfer sagte, dass seit Montagnachmittag rund 30 Ehrenamtliche im Einsatz seien, um zuzuhören und da zu sein. „Wir ordnen Emotionen ein – als normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis.“
Am Montag war ein 33 Jahre alter Mann in einem Auto mit hoher Geschwindigkeit durch die Grimmaische Straße gefahren. Es ist eine der zentralen Einkaufsstraßen der Stadt. Das Fahrzeug erfasste mehrere Passanten. Zwei Menschen kamen ums Leben, mehrere weitere wurden verletzt.

Blumen und Kerzen – viele Menschen trauern um die Opfer

Die Trauer und Anteilnahme in Leipzig sind immens. Vor dem Uni-Gebäude Paulinum, das sich zu einem zentralen Gedenkort entwickelt hat, legten Menschen Blumen und Kerzen nieder. Sachsens Staatsregierung ordnete Trauerbeflaggung an allen Gebäuden von Behörden und Dienststellen des Freistaates an.
„Unser Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Opfer“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). „In Gedanken sind wir bei ihnen und allen, die von diesem schrecklichen Ereignis betroffen sind.“

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer legte am 5. Mai 2026 in Leipzig an einer provisorischen Gedenkstätte in der Nähe des Unfallorts Blumen nieder.

Foto: Nadja Wohlleben/Getty Images

In der Leipziger Nikolaikirche – bekannt als wichtiges Symbol der Friedlichen Revolution 1989 – wurde am Dienstag eine ökumenische Andacht gehalten. „Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen“, sagte Oberbürgermeister Jung zu den mehreren Hundert Menschen in der Kirche. „Wir suchen Worte. Wir suchen Erklärungen. Ich glaube, die richtigen Worte gibt es nicht.“
Auch die Thomaskirche war für Trauernde geöffnet. Bereits am Mittag fand im Paulinum der Universität eine Andacht statt. Die Veranstaltung richtete sich an Studierende und die Öffentlichkeit. Mehr als 1.000 Menschen nahmen daran teil, darunter hunderte vor den geöffneten Türen der Kirche.
Im Neuen Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus, in das sich Bürgerinnen und Bürger eintragen können. Jung zeigte sich dankbar für die große Anteilnahme und die Hilfe vieler Menschen unmittelbar nach der Tat. (dpa/red)
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Vilsecks Bürgermeister: US-Truppenabzug wäre dramatisch

Wer die Region rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern besucht, betritt ein wenig eine eigene Welt: Hier sind oberpfälzische und amerikanische Lebensart, Kultur, Sprache miteinander verwachsen.
Umso mehr beunruhigt die Nachricht von einem möglichen Truppenabzug aus der Kleinstadt Vilseck die Menschen – und auch den neuen Bürgermeister Thorsten Grädler. Sollten tatsächlich mehrere tausend Soldaten abgezogen werden, würde das „dramatische Auswirkungen“ haben, sagt der Kommunalpolitiker.
Die US-Regierung hat einen Teilabzug angeordnet, von 5000 Soldaten ist die Rede. Dass es Vilseck treffen solle, wisse er lediglich aus Medienberichten, so Grädler.
Offiziell bekannt sei dazu noch nichts. Es ist nicht das erste Mal, dass US-Präsident Donald Trump Truppen aus der Oberpfalz abziehen will. Die erneute Debatte treibt die Bürger um – ob im Café oder auf dem Supermarkt-Parkplatz ist die Ankündigung Thema.
Bürgermeister Grädler ist erst seit Freitag im Amt, und schon überschlagen sich die Ereignisse. Auch die mediale Aufmerksamkeit ist groß. Kamerateams sind in der Stadt unterwegs, der Rathaus-Chef gibt ein Interview nach dem anderen.
Der Abzug von so vielen Soldaten scheint hier unvorstellbar. Denn der Truppenübungsplatz Grafenwöhr, an dem Vilseck liegt, sei nicht nur der größte außerhalb der USA, sondern auch der modernste, sagt Grädler.
Er hofft, dass auf landes- und bundespolitischer Ebene alles getan wird, um den geplanten Abzug zu verhindern.

Wirtschaftliche Bedeutung

Für die Region habe die Präsenz des US-Militärs wirtschaftlich und gesellschaftlich eine enorme Bedeutung. Grädler spricht von einer Wirtschaftskraft in Höhe von ungefähr 650 bis 700 Millionen Euro pro Jahr.
Regionale Betriebe wie Baufirmen profitierten von dem Standort. Es gebe dort zudem rund 3.000 zivile Arbeitsplätze. Auch die Gastronomie, die Kfz-Werkstätten, die Einkaufsmärkte – alle seien ein Stück weit von den Amerikanern abhängig.
In der Kasernenanlage, den Rose Barracks, sind nach Angaben der Stadt rund 8.000 Soldaten stationiert, hinzu kommen etwa 12.000 Familienangehörige.
Insgesamt sind in Vilseck und Grafenwöhr samt Umland etwa 30.000 Soldaten und Familienangehörige angesiedelt. Der Wegfall von etwa der Hälfte der Menschen hätte gravierende Folgen.
Nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern auch zwischenmenschliche: „Das ist der dritte und mir persönlich der wichtigste Aspekt“, sagt Grädler. Die Amerikaner seien seit mehr als 80 Jahren in der Region.
„Und ich glaube, das kann ich behaupten, dass sich die Amerikaner bei uns immer sehr wohlgefühlt haben.“ Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr sei für die Soldaten ein „home away from home“.

Freundschaften und Vereinsleben

Die Amerikaner sind in der Region fest integriert. Es sind Freundschaften und Ehen entstanden. Beim Bäcker oder im Supermarkt hört man Englisch genauso selbstverständlich wie Oberpfälzer Dialekt.
„Die amerikanischen Kinder spielen in deutschen Fußballvereinen, die Amerikaner besuchen unsere Feste. Die Kirchweih beispielsweise oder das Ritterlager, das alle zwei Jahre auf der Burg stattfindet.“
Wirklich vorstellen können sich die Menschen nicht, dass Tausende Soldaten samt ihren Familien die Stadt verlassen müssen. „Wo sollen die denn hin“, fragt eine Anwohnerin. Das sei doch gar nicht so einfach, so viele Menschen umzusiedeln.
Der Bürgermeister dagegen fürchtet, dass es eben doch schnell gehen könne. Im Gespräch ist der Abzug des 2. Kavallerieregiments, der sogenannten Stryker-Brigade.
Die Stryker, also Radpanzer, könnten auf Züge verladen und abtransportiert werden. Die Truppen würden verlegt. Das könnte sehr schnell gehen, fürchtet Grädler. „Und das macht mir ein Stück weit Angst.“ Umso mehr hofft er, dass dieser Schritt abgewendet werden kann. (dpa/red)
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Amokfahrt in Leipzig: Was wir wissen – und was nicht

Nach der Amokfahrt in Leipzig mit zwei Todesopfern und drei Schwerverletzten soll der Fahrer des Autos heute einem Haftrichter vorgeführt werden. Der 33-Jährige deutsche Staatsbürger war am Montagabend unmittelbar nach der Tat festgenommen worden. Das Motiv des Mannes ist noch unklar.

Was wir wissen

• Die Tat: Der Täter fuhr nach Polizeiangaben mit dem Fahrzeug gegen 16.45 Uhr am Montag über den Augustusplatz in die Grimmaische Straße und dort weiter bis über den Markt hinaus. Dabei erfasste er mehrere Menschen mit seinem Wagen. Der Fahrer brachte das Auto anschließend selbst zum Stillstand. Er ließ sich laut Polizei widerstandslos festnehmen.
• Die Opfer: Bei den beiden Todesopfern handelt es sich laut Polizei um eine 63-jährige Frau und einen 77-jährigen Mann. Beide seien deutsche Staatsangehörige gewesen. Sechs Menschen im Alter von 21 bis 87 Jahren wurden verletzt, darunter mit einem 75 Jahre alten Mann und einer 84 Jahre alten Frau zwei Schwerverletzte.
• Der Täter: Der Mann wohnt in der Region Leipzig. Er ist nur wenige Tage zuvor in stationärer Behandlung in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen. Wie das Sozialministerium in Dresden bestätigte, hielt sich der 33-Jährige auf eigenen Wunsch freiwillig in der Klinik auf. Nach Ministeriumsangaben war er Ende April entlassen worden. Nach dpa-Informationen war der Mann vor der Tat polizeibekannt, unter anderem wegen Bedrohung und ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld. Dabei handelt es sich um Vorfälle ohne körperliche Gewalt, etwa Beleidigungen oder Herabwürdigungen. Ermittlungs- oder Strafverfahren waren daraus bislang nicht hervorgegangen.
• Das Motiv: Die Polizei geht nach bisherigen Erkenntnissen nicht von einem politischen oder religiösen Motiv des Täters aus. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) hatte bereits am Abend von einem mutmaßlichen Einzeltäter gesprochen. „Wenn wir von einer Amokfahrt sprechen, dann spricht das für eine Tat, die in wütendem, rasendem Zustand geschieht und oft auch mit einer psychischen Labilität. Ob das in diesem Fall zutrifft, werden Polizei und Staatsanwaltschaft klären“, sagte er.
• Die Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes in zwei Fällen und mehrfachen Mordversuchs. Ein Ermittlungsrichter ordnete die Unterbringung des 33-jährigen Deutschen in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Es gibt dringende Gründe dafür, dass der Beschuldigte die Tat „im Zustand der zumindest erheblich verminderten Schuldfähigkeit“ begangen habe, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Nach bisherigen Erkenntnissen sei es wahrscheinlich, „dass der Beschuldigte aufgrund seines Zustandes weitere erhebliche rechtswidrige Taten vergleichbarer Schwere begehen wird“.

Was wir nicht wissen

• Das Motiv: Das Motiv des 33 Jahre alten Mannes ist unbekannt.
• Die weiteren Hintergründe: Es liegen weiterhin keine gesicherten Informationen über persönliche Hintergründe oder mögliche Auslöser der Tat vor. (dpa/red)
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Die Ehre der Ritter im Zeitalter der Algorithmen

Im Jahr 1960 eroberte Alan Jay Lerners und Frederick Loewes „Camelot“ den Broadway im Sturm. In diesem Stück besingt Lancelot auf seinem Weg zum Hofe von König Artus die Eigenschaften und Tugenden eines perfekten Ritters.
Er singt von Stärke, Mut, Kampfgeschick und Reinheit, gepaart „mit einem Willen und einer Selbstbeherrschung, um die ihn jeder Heilige beneiden würde“. Er fragt: „Aber wo auf der Welt gibt es einen Mann, der so außergewöhnlich ist?“, um dann mutig und humorvoll zu antworten: „Das bin ich!“.
Der Lancelot des Broadway verkörpert einen ritterlichen Kodex, der vor Hunderten von Jahren konzipiert wurde. Es war ein Modell für Tugend, Ehre und korrektes Verhalten, das lange Zeit als fester Bestandteil der westlichen Männlichkeit diente.
Ritterliche Ideale beeinflussten das soziale Verhalten der amerikanischen Gründerväter und halfen, den viktorianischen Gentleman zu definieren. Selbst heute noch geistert der Ritter durch unsere postmodernen Empfindungen, ein Geist in unserem algorithmischen Zeitalter, der immer noch die Macht hat, Jungen und Männer unter seinem Banner zu versammeln.
Um den Kodex der Ritterschaft und seine Bedeutung für Männer besser zu verstehen, betrachten wir einen der größten Ritter des Mittelalters, den Engländer William Marshal (ca. 1146–1219) – und die Einflüsse, die ihn geprägt haben.

Mentoren, Gleichaltrige … und ein Beruf

Da er ein jüngerer Sohn war, gab es für William keine Hoffnung, von seinem Vater, einem niederen Adligen, zu erben. Nach rauer Kindheit inmitten der Umbrüche Englands wurde er als junger Teenager in die Normandie geschickt. Dort, im Haushalt eines Verwandten, wurde er zum Ritter ausgebildet. Er zeichnete sich im Reiten und beim Einzelkampf aus. Gleichzeitig schulte man ihn in den Manieren und der Höflichkeit, die seines Standes geziemten.
Mit etwa 20 Jahren wurde er zum Ritter geschlagen. Anschließend verbrachte William Jahre damit, in Schlachten und Scharmützeln sowie bei Turnieren zu kämpfen. Diese Wettkämpfe waren jedoch keine geordneten Spektakel, wie wir sie heute aus Filmen kennen. Es waren nicht einfach zwei Ritter auf Pferden, die mit Lanzen aufeinander losstürmten.
Es waren wilde Schlägereien – brutale Kämpfe gegnerischer Mannschaften. Gebrochene Knochen und ausgeschlagene Zähne waren an der Tagesordnung. Die Sieger töteten ihre Gegner nicht, sondern nahmen sie gefangen und verlangten Lösegeld.
William war in diesen Kämpfen ein Champion der Champions. Mit seinem Pferd und seiner Lanze machte er sein erstes Vermögen und erlangte großen Ruhm.
Solches Kampfgeschick, Stärke und Mut waren das Herzstück des ritterlichen Kodex. Von seinen Lehrmeistern erlernte Wilhelm ein Handwerk; durch die Zusammenarbeit mit seinen Standesgenossen wurde er zum Profi. In beiden Konstellationen vertiefte er sein Verständnis über ritterliches Verhalten und Männlichkeit.
Mit Ausnahme von Rugbyspielern nehmen junge Männer heutzutage nicht mehr an Handgemengen auf einem Spielfeld teil. Sie verbringen auch nicht ihre Teenagerjahre damit, das Kämpfen mit Schild und Lanze zu erlernen. Doch die Grundlagen – eine Fähigkeit zu erlernen, Rückgrat und Entschlossenheit zu entwickeln – bleiben für das Wachstum unerlässlich. Ebenso wichtig ist die Auswahl von Mentoren und Freunden. Sie werden ein Teil von uns, daher müssen wir lernen, sie mit Bedacht zu wählen.
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Ritterliche Frömmigkeit

Was heute manche als „toxische Männlichkeit“ bezeichnen, wäre für die rauen Männer von damals ein Witz gewesen. Also für jene, die damals das Handwerk des Rittertums ausübten und die Werkzeuge des Ritters handhabten. Doch es gab auch Entwicklungen, ihr raues Wesen zu beruhigen und die Bedeutung von Ritterlichkeit zu erweitern.
Die katholische Kirche sah die Gewalt von Kriegen und Turnieren oft mit Skepsis – außer bei Kreuzzügen. Sie ermutigte Könige, Adelige und Ritter, Gewalt zu vermeiden. Da, wo das nicht möglich war, solle man aber Gnade gegenüber dem Feind zeigen. Sie sollten auch Frauen, Kinder, Witwen und Schwache beschützen.
Zygmunt Ajdukiewicz, gemeinfrei, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”487″>
Letztlich griffen diese Lehren, wie im Fall des französischen Königs Ludwig IX. (1214–1270). Als Zeitgenosse von William erlangte Ludwig einen hervorragenden Ruf als christlicher Monarch. Er wurde nach seinem Tod sogar heiliggesprochen – und ist heute auch als Saint-Louis bekannt.
Er reformierte die Regierung und die Gerichte seines Landes, gründete Krankenhäuser, speiste die Hungernden und besuchte die Kranken. Und er folgte sogar dem Beispiel des heiligen Franziskus, indem er Aussätzige pflegte.

Die übernommene Pilgerreise

Die Lehren der Kirche prägten Wilhelm und zahllose andere Ritter. Im Jahr 1183 beispielsweise erkrankte der junge König Heinrich, dem Wilhelm widerwillig als Berater diente, während er einen Aufstand gegen seinen Vater, Heinrich II., anführte.
Der junge König, der ursprünglich einen Kreuzzug ins Heilige Land geplant hatte und nun tiefe Reue empfand, bat Wilhelm auf dem Sterbebett, an seiner Stelle die Pilgerreise anzutreten. Wenige Monate später machte sich Wilhelm auf diese Reise. In Jerusalem gelobte er den Tempelrittern, dass er auf seinem Sterbebett ihrem Orden beitreten werde – ein Versprechen, das er eingehalten hat.
Der Literaturhistoriker und Kritiker Léon Gautier listete in seinem Werk „La Chevalerie“ von 1883 „zehn Gebote der Ritterschaft“ auf, von denen zwei lauteten, an die Lehren der Kirche zu glauben und sie bei Bedarf zu verteidigen. Frömmigkeit wurde ein Teil des Kodex und schliff die rauen Kanten der Krieger zu Ross ab.
Unabhängig von ihrem religiösen Glauben könnten heutige junge Männer viel von der ritterlichen Frömmigkeit von damals lernen, etwa, die geliebten und heiligen Dinge und Prinzipien in ihrem eigenen Leben zu erkennen und zu ehren.

Die feminine Nuance

Im Jahr 1168 war Eleonore von Aquitanien, die Ehefrau des anglo-normannischen Königs Heinrich II., mit ihrem Onkel und ihren Söhnen zu Pferd unterwegs. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt.
Die Gruppe wurde von einem rebellischen Lehnsmann und seinen Männern angegriffen. Eleonores Onkel wurde getötet, aber die Königin konnte entkommen, was auch dem beherzten Kämpfen des noch jungen William Marshal aus ihrer Eskorte zu verdanken war. Er wurde verwundet und gefangen genommen.
Seine Tapferkeit und Selbstaufopferung hatten die Königin aber derart beeindruckt, dass sie das Lösegeld für ihn bezahlte und ihn zwei Jahre lang durch ihren Haushalt finanzierte. Dort diente er in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Tutor in den ritterlichen Künsten für den bereits erwähnten Heinrich.
Dies waren die Glanzjahre, in denen Eleonore und ihre Tochter Marie die sogenannte „höfische Liebe“ (Minne) förderten, was dem ritterlichen Kodex einen weiteren Feinschliff verlieh. Obwohl der „Hof der Liebe“, der Eleonore zugeschrieben wird, wahrscheinlich fiktiv ist, waren diese beiden Frauen maßgeblich daran beteiligt, die Ritterlichkeit so zu gestalten, wie wir sie heute verstehen.
Als Mäzeninnen von Kunst, Dichtung und Musik hießen sie Troubadoure und Dichter willkommen, die ihre Liebesballaden mit Kriegsliedern verbanden und so der Kriegerethik Romantik hinzufügten. Marie beispielsweise unterstützte Chrétien de Troyes, den Verfasser verschiedener Werke, die die Ideen der höfischen Liebe mit den Artussagen verknüpfte.

Die weibliche Note

Da Wilhelm diese Zeit der Frauenverherrlichung, der höfischen Liebe und der guten Sitten miterlebte, konnte er sich der Dichtung und den Balladen über Ritter und Damen kaum entziehen. Ähnlich wie die Kirche milderte die Philosophie der höfischen Liebe – man könnte sie besser als höfische Sitten bezeichnen – das raue Wesen der Ritter, hob den Status der Frauen und gebar die Idee des ritterlichen beziehungsweise gentlemanhaften Verhaltens.
Diese Troubadoure, Dichter und Geschichtenerzähler verbreiteten die ritterlichen Ideale in ganz Europa – Lieder und Geschichten, in denen ein Ritter den von einer höfischen Dame gesetzten Maßstäben gerecht wurde. Wie der anonyme Autor auf der Website „Chivalry“ (Ritterlichkeit) schreibt: „Im Grunde waren Frauen die intellektuellen Hüterinnen der ritterlichen Tugenden und für die Bewahrung und Förderung des ritterlichen Ehrenkodex verantwortlich.“
Zusammenfassend kann gesagt werden: Es waren die Frauen, die die Messlatte für das Verhalten der Männer höher legten.
Hier wächst bei heutigen jungen Männern – und übrigens auch bei den jungen Frauen – die Verwirrung. In einer Zeit wie der unseren, in der viele Männer und Frauen in der Firma gemeinsam arbeiten, in der Unabhängigkeit von beiden großgeschrieben wird und in der die Traditionen der Höflichkeit und des Werbens fast in Vergessenheit geraten sind, mag ein ritterlicher Ehrenkodex der Romantik so antiquiert wirken wie Hutnadeln und Gamaschen.

Ideale, die es anzustreben gilt

Vielleicht gibt es jedoch einen Ausweg aus diesem Chaos.
In dem Aufsatz „The Mirror of Honour and Love“ (Spiegel der Ehre und der Liebe) weist Sophie Masson darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen davon profitieren könnten, ritterliche Ideale und Manieren zu verinnerlichen.
Bei der Diskussion der Werke von Christine de Pizan, die hundert Jahre nach William lebte und sich für Frauen einsetzte, stellt Masson fest, dass das von Männern und Frauen praktizierte Rittertum „ein Weg war, das eigene volle Potenzial zu erreichen … aber immer verbunden mit der Präsenz, den Bedürfnissen und dem Wert anderer Menschen“.
„Ritterlichkeit, ob männlich oder weiblich, erkannte an, dass jeder von uns tatsächlich des anderen Hüter ist – aber auch mutig Verantwortung tragen muss für das eigene Handeln. Es ist ein Ideal, das in der Welt, in der wir heute leben, von zunehmender und dringender Relevanz ist“, schreibt Masson.
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Williams letzter Moment war sanft

Was William betrifft, so starb er so tapfer, wie er gelebt hatte. Nachdem er erkrankt war und seine Ärzte ihm gesagt hatten, dass er bald sterben würde, stellte er als Regent von England sicher, den heranwachsenden König Heinrich III. in guten Händen zu hinterlassen. Als seine Kräfte schwanden, verabschiedete er sich von Familie und Freunden, die ihn in seinen Gemächern besuchten.
Elizabeth Chadwick, Autorin einer Bestseller-Reihe von Romanen über William, erzählte die bewegende Szene zwischen William und seiner Frau Isabel de Clare, die in vielerlei Hinsicht den Charakter des Mannes zusammenfasst. Die Szene findet sich erstmals in „L’Histoire de Guillaume le Maréchal“, einer Versbiografie mit 19.000 Zeilen, die kurz nach Williams Tod in Auftrag gegeben wurde.
„Er legte pflichtbewusst den Eid der Templer ab, was bedeutete, dass er die Umarmung einer Frau nicht mehr annehmen durfte. Isabel konnte ihn nicht mehr mit ihrer Berührung trösten. In der ‚Histoire‘ gibt es eine ungemein bewegende Abschiedsszene zwischen Isabel und William, in der er ihr sagt, sie solle ihn ein letztes Mal küssen, da sie es nie wieder tun könne. ‚Der Graf, der großzügig, sanft und gütig zu seiner Frau, der Gräfin, war, sagte zu ihr: ‚Schöne Dame, küsst mich jetzt, denn Ihr werdet es nie wieder tun können.‘ Sie trat vor und küsste ihn, und beide weinten.‘“
Hier war Geoffrey Chaucers „wahrhaft perfekter, sanfter Ritter“.
Ein Mann, der es wert war und ist, nachgeahmt zu werden.
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „Chivalry in an Age of Algorithms“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)