Der Menschheit werden heute elementare Fähigkeiten wie die Schaffung von Kunst und der Bau von Siedlungen zugeschrieben.
Archäologische Funde wie die Flöten aus der Schwäbischen Alb zeigen, dass sich diese Fähigkeiten bereits vor zehntausenden Jahren entwickelten.
Während diese allgemein anerkannt sind, treten immer mehr Artefakte zutage, die weit älter und mitunter umstritten sind.
Die Arbeit von Archäologen ist eine Mammutaufgabe: Sie müssen anhand äußerst begrenzter Informationen herausfinden, wo und wie unsere Vorfahren einst gelebt haben. Historiker haben es da etwas leichter: Um ein genaues Verständnis jahrhunderte- oder jahrtausendealter Zivilisationen zu erlangen, konsultieren sie umfangreich die hinterbliebenen antiken Schriftquellen.
Archäologen hingegen versuchen, noch weiter zurückliegende Epochen zu verstehen – vor Zehntausenden, Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich weniger Material, auf das sie ihre Schlussfolgerungen stützen können. Ihre Aufgabe gleicht dem Zusammensetzen eines großen Puzzles mit nur einer Handvoll Teilen oder dem Verstehen der Handlung eines Romans, von dem nur wenige Seiten erhalten geblieben sind.
Obwohl die Archäologie auf greifbaren Beweisen aus wissenschaftlichen Untersuchungen gefundener Artefakte basiert, beinhaltet sie zwangsläufig auch einiges an Spekulation, Vermutung und Vorstellungskraft. Wenn neue Erkenntnisse zu früheren Entdeckungen auftauchen, können dadurch bisherige Theorien untermauert, verfeinert oder revidiert werden.
Technologische Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten haben zusätzlich große Veränderungen in der Archäologie bewirkt. Moderne Entwicklungen wie die Radartechnologie haben es den Archäologen ermöglicht, neue Spuren an zuvor unzugänglichen Orten ausfindig zu machen. Verbesserungen bei der Altersbestimmung von Funden – etwa der Radiokarbondatierung – liefern zudem ein immer klareres Bild der Vergangenheit.
Von alten Höhlenmalereien und kreativen Artefakten bis hin zu lange verschütteten antiken Bauwerken bieten viele moderne Entdeckungen spannende Einblicke in das große Rätsel der Menschheit.
Die älteste bekannte Höhlenkunst
Im Januar 2026 ließen Archäologen um Adhi Agus Oktaviana von der australischen Griffith University die Entdeckung der weltweit ältesten Höhlenmalerei verlauten. Die auf Sulawesi, Indonesien, entdeckte Kunst aus Menschenhand sei mindestens 67.800 Jahre alt, wie eine Urandatierung ergab.
Beispiel der Höhlenmalerei von Sulawesi, Indonesien.
Die Malereien, zu denen eine Vielzahl von Handabdrücken, Tieren und die älteste bekannte Darstellung eines Menschen gehören, entstanden zudem über mindestens 45.000 Jahre hinweg. Dies zeigt, dass die frühen Menschen über einen unglaublich langen Zeitraum das Gebiet regelmäßig aufsuchten.
Weiterhin nehmen die Archäologen an, dass die frühen Menschen vor 68.000 Jahren mittels Booten in die Inselwelt einwanderten, was für frühe Fähigkeiten und Kenntnisse im Bootsbau und der Navigation spricht.
Letztlich führte die Entdeckung der indonesischen Höhlenmalereien zur Umschreibung der Menschheitsgeschichte. Zuvor galt die umstrittene Malerei aus den spanischen Maltravieso-Höhlen mit 64.000 Jahren als älteste Kunst der Welt. Die schwarzen und roten Zeichnungen zeigen ähnlich wie in Sulawesi Tiere und Handabdrücke, aber auch Punkte und Muster.²
Wenn wir von Höhlenkunst sprechen, gehören die Malereien aus der Chauvet-Höhle zu den beeindruckendsten Beispielen. Diese 1994 in Frankreich entdeckten Zeichnungen sind 36.000 Jahre alt und zeugen von einem hohen Maß an künstlerischer Raffinesse. So zeigen sie detailliert und maßstabsgetreu mindestens 14 verschiedene Tierarten wie Bären, Höhlenlöwen, Mammuts und Wollnashörner und sind ein Beweis dafür, wie früh sich menschliche Kreativität und Kunstfertigkeit entwickelten.
Höhlenmalerei aus der Chauvet-Höhle in Frankreich.
Foto: Jeff Pachoud/AFP via Getty Images
Musische Fähigkeiten
Doch unsere alten Vorfahren drückten sich nicht nur durch das Zeichnen künstlerisch aus. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Musikinstrumente entdeckt, vor allem Flöten aus Tierknochen, von denen einige mehrere Zehntausend Jahre alt sind.
Als derzeit ältestes Musikinstrument gilt eine Flöte aus dem Oberschenkelknochen eines Bären, die 1995 in einer Höhle bei Cerkno in Slowenien entdeckt wurde. Archäologen schätzen ihr Alter auf 50.000 bis 60.000 Jahre. Dabei ist jedoch fraglich, ob frühe Menschen die Löcher bewusst in den Knochen bohrten oder ob Raubtiere an dem Knochen nagten.³
Die unvollständig erhaltene Flöte aus Bärenknochen ist etwa 13 Zentimeter lang.
Sollte die slowenische Flöte aus Bärenknochen nicht von Menschenhand gemacht sein, muss dennoch nicht am musischen Wissen der frühen Menschen gezweifelt werden. Die zweitälteste Flöte aus einem Schwanenknochen ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und stammt aus Geißenklösterle in Baden-Württemberg, Deutschland. Hier und aus zwei benachbarten Fundstellen stammen fünf weitere Flöten, die eine zufällige Entstehung der Instrumente durch Wildtiere unwahrscheinlich erscheinen lassen.
Replikat einer der Flöten aus Geißenklösterle in der Schwäbischen Alb.
Heute gilt es aufgrund zahlreicher Funde als allgemein anerkannt, dass die Menschheit ihre Kreativität und künstlerische Ausdruckskraft im Laufe von zehntausenden Jahren entwickelte. Doch ebenso gibt es vermehrt Belege, die darauf hindeuten, dass sie sogar noch älter sein könnten.
Konkret wurden 1891 auf Java, Indonesien, Muschelschalen gefunden, in die die frühen Menschen geometrische Muster in Form von Zickzack-Linien geritzt haben sollen. Statt der bereiten Öffentlichkeit gezeigt zu werden, landeten die Funde für über 100 Jahre in einer Museumsschublade.
Erst in den 2010er-Jahren wurden die Muschelschalen wieder Gegenstand der Forschung. Die Archäologin Josephine Joordens von der niederländischen Universität Leiden und ihre Kollegen führten wissenschaftliche Untersuchungen durch und kamen zu dem Schluss, dass „die Herstellung geometrischer Muster im Allgemeinen als Hinweis auf Kognition und modernes Verhalten interpretiert werden muss“. Diese Fähigkeiten sollen die frühen Menschen laut Altersbestimmung bereits vor rund 500.000 Jahren gehabt haben.⁴
Im Jahr 2019 entdeckten Archäologen an den Kalambo-Wasserfällen im südafrikanischen Sambia die älteste künstliche Holzkonstruktion der Welt. Da die ineinandergreifenden Baumstämme vor etwa 475.000 Jahren durch absichtlich geschnittene Kerben miteinander verbunden waren, gehen die Forscher von einer frühen Ingenieursleistung aus.⁵ Welchem Zweck die Konstruktion diente, ist nicht eindeutig geklärt. Die Vermutungen gehen von erhöhten Plattformen zum Arbeiten bis zu Wegen und Fundamenten für Wohnstätten.
Aufnahmen von der Entdeckung der bearbeiteten Baumstämme nahe der Kalambo-Wasserfälle.
Umstrittener ist hingegen die Entdeckung des Nationalen Instituts für Meerestechnologie in Indien. So fanden die Forscher geometrische Strukturen auf dem Meeresboden im Golf von Khambhat, die sie als prähistorische Stadt bezeichnen. Zu den dort geborgenen Artefakten gehören Töpferwaren, Perlen, Statuen, Mauerreste und menschliche Knochen. Mit etwa 9.500 Jahren wäre diese Fundstelle älter als die anerkannten Siedlungen in Mesopotamien und Afrika.⁶
Einige Wissenschaftler zweifeln an dieser Theorie und äußern die Bedenken, dass die datierten Artefakte auch durch Meeresströmungen an diesen Ort gespült worden und die geometrische Form der Stätte natürlich entstanden sein könnten. Ähnliche Funde und Kritik gibt es für versunkene Strukturen vor den Küsten Kubas und Japans.
Nahe der japanischen Insel Yonaguni im Ostchinesischen Meer liegt ein umstrittenes Monument aus Stein. Während einige Forscher eine natürliche Gesteinsformation sehen, deuten andere die Stätte als Unterwasserpyramiden.
Zwar liefert jede neue Entdeckung ein weiteres Stück für das komplexe Puzzle der Menschheit, doch verfügen wir noch immer über zu wenige Teile, um das Gesamtbild klar zu erkennen. Dennoch wissen wir heute bereits viel mehr und können uns vorstellen, wie unsere Vorfahren Malereien schufen, Musik spielten oder Holzkonstruktionen bauten.
Da moderne Technologie stetig den Umfang unserer Entdeckungen und die Genauigkeit unserer Analysen erweitert, werden Archäologen zukünftig vielleicht noch erstaunlichere Hinweise entdecken, die zusätzliche Einblicke in die uralten Geheimnisse der Menschheit gewähren.
Das 1870 gegründete Metropolitan Museum in Manhattan zeigt Kunst von der Antike bis zur Moderne und zählt jährlich rund sechs Millionen Besucher. (Archivbild) - Foto: diegograndi / iStock
Das renommierte New Yorker Metropolitan Museum und die für ihre Sammlung deutscher und österreichischer Kunst berühmte Neue Galerie fusionieren.
Ab 2028 werde die Neue Galerie als eine Art Außenstelle des schräg gegenüberliegenden Metropolitan Museums betrieben, sagte Museumsdirektor Max Hollein der Deutschen Presse-Agentur.
Die 2001 vom Kosmetikunternehmer und Kunstsammler Ronald Lauder gegründete Neue Galerie werde dann offiziell „The Met Ronald S. Lauder Neue Galerie“ heißen.
„Für die Kunstwelt bedeutet es, dass eine der wirklich besonders geliebten und besonderen kulturellen Institutionen in New York – die Neue Galerie, die Ronald Lauder aufgebaut hat – nicht nur erhalten wird, sondern dass das weiterlebt als genau das Museum, als die Idee, wie es geboren wurde“, sagte Hollein.
Der 56 Jahre alte Österreicher ist seit 2018 Direktor des Metropolitan Museums.
Metropolitan Museum bekommt „Ikonen der Kunstgeschichte“
Zudem bekomme das Metropolitan Museum damit eine Sammlung von „Ikonen der Kunstgeschichte“, sagte Hollein weiter – mit Werken von Künstlern wie Egon Schiele, Gabriele Münter, Oskar Kokoschka, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee.
Damit werde „in einer unglaublich eindrucksvollen Form eine gewisse Lücke auch in der Sammlung des Metropolitan Museums“ geschlossen.
Das 1870 gegründete Metropolitan Museum am Central Park in Manhattan hat eine umfassende Sammlung aus aller Welt von der Antike bis in die Moderne, rund sechs Millionen Besucher pro Jahr und gehört zu den berühmtesten und renommiertesten Museen der Welt.
Mit den Cloisters im Norden Manhattans hat es bereits eine Außenstelle, wo hauptsächlich mittelalterliche Kunst gezeigt wird. Eine weitere Außenstelle für moderne und zeitgenössische Kunst – das unweit des Hauptgebäudes gelegene sogenannte „MetBreuer“ – wurde 2020 nach wenigen Jahren wieder aufgegeben.
„Goldene Adele“ ist Star der Neuen Galerie
Star der Neuen Galerie ist das Gemälde „Adele Bloch-Bauer I“ des österreichischen Jugendstilkünstlers Gustav Klimt (1862-1918), das Lauder 2006 zum damaligen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar ersteigerte.
„Star der Neuen Galerie: Klimts ‚Adele Bloch-Bauer I‘, 2006 von Lauder für 135 Mio. Dollar erworben.“ (Archivbild).
Foto: DIETER NAGL/AFP / Getty Images
Die „Goldene Adele“ wurde zum Zuschauer-Magnet, zeitweise standen hunderte Menschen Schlange und bezahlten bis zu 50 Dollar, um das Werk aus der Nähe zu sehen.
Der Zusammenschluss mit dem Metropolitan Museum werde das Vermächtnis seiner Neuen Galerie nun „für die Ewigkeit erhalten und stärken“, sagte der 82 Jahre alte Lauder, der unter anderem auch Präsident des Jüdischen Weltkongresses ist.
Neben dem Gebäude – einem Jahrhundertwendebau an der noblen Fifth Avenue – und der aktuellen Sammlung wollen Lauder und sein Tochter Aerin dem Metropolitan Museum auch noch 13 Werke aus ihrer Privatsammlung schenken, darunter berühmte Gemälde von Klimt, Kirchner und Beckmann.
Für den laufenden Betrieb der „Met Ronald S. Lauder Neuen Galerie“ werde zudem ein Vermögensstock aufgesetzt, der bereits zu einem großen Teil finanziert sei, sagte Hollein.
Als Wiener sei er „etwas vorbelastet für die Begeisterung für diese Kunst“, sagte Hollein. Es fasziniere ihn aber jetzt schon, welche Möglichkeiten für Ausstellungen sich aus dem Zusammenschluss der Sammlungen des Metropolitan Museums und der Neuen Galerie ergeben. „Ich glaube, dadurch entstehen natürlich ganz neue Perspektiven, Blickfelder und natürlich auch Kontext.“ (dpa/red)
2022 und 2024 wurde der Pavillon von Russland nicht genutzt. Nun wird er wieder genutzt - wenn auch unter besonderen Bedingungen. - Foto: Felix Hörhager/dpa
Nach Tagen voller Kontroversen und Proteste um die Teilnahme Russlands und Israels ist die 61. Kunstbiennale in Venedig ohne Zeremoniell gestartet. Anders als üblich öffnete eine der wichtigsten internationalen Kunstveranstaltungen um 11 Uhr ihre Tore für ein breites Publikum ohne Eröffnungsfeier. Da die Jury im Streit zurückgetreten ist, wird es Preise erst zum Abschluss im November geben, dann vergeben durch das Publikum.
Kulturminister: Putin hat gewonnen
„Bei der Biennale hat Putin gewonnen“, stellte Italiens Kulturminister Alessandro Giuli in der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ bitter fest. Das sehen nicht alle so: Italiens rechter Vize-Regierungschef Matteo Salvini besuchte bei einem Besuch in Venedig am Vorabend des Biennale-Starts den russischen Pavillon, stellte sich an die Seite von Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco und warnte vor Zensur.
Buttafuoco äußert sich ähnlich, beklagt Intoleranz und Zensurvorwürfe. Die Biennale sei kein Gericht. „Dies ist ein Garten des Friedens, ein Ort, an dem ausgestellt wird, ein Ort, an dem diskutiert wird, ein Ort, wo man sich zuhört“, sagte er.
Russischer Pavillon bleibt geschlossen
Russland, das am Samstag den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg feierte, sieht die erste Teilnahme seit Beginn seiner Invasion in der Ukraine als Ende seiner kulturellen Isolation im Westen. Rund 50 vom russischen Staat handverlesene Künstler, darunter Musiker, Dichter und Philosophen, arbeiteten an dem Musik- und Performanceprojekt „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“.
Zwar bleibt der Pavillon, der Eigentum des russischen Staates ist, für ein breites Publikum geschlossen. Besucher sehen aber draußen die Installation auf einem großen Bildschirm. Das sei von Anfang an so geplant gewesen, sagt die umstrittene Kuratorin Anastassija Karnejewa, Tochter eines beim Staatskonzern Rostec tätigen Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals.
Ukraine protestiert gegen Russlands Rückkehr
Kritiker verurteilen die russische Kulturoffensive als Teil von Moskaus „hybrider Kriegsführung“. Während Russland töte, öffne die Biennale ihre Türen für Funktionäre und Propagandisten von Kremlchef Wladimir Putin, sagt Nadja Tolokonnikowa, Frontfrau der in Russland verbotenen Punkband Pussy Riot. Auch am Tag der Eröffnung gab es Protest gegen Russlands Teilnahme. Auf einem Video der Nachrichtenagentur ANSA aus Venedig skandierten Aktivisten mit ukrainischen und Europa-Flaggen „russische Mörder“.
Die Ukraine protestierte gegen Russlands Rückkehr zur Biennale, auch weil im Zuge des Moskauer Krieges nach offiziellen Angaben Kiews mittlerweile Tausende Kulturdenkmäler und andere kulturelle Einrichtungen zerstört oder beschädigt wurden. Das von Russlands Krieg geschundene Land bringt das Projekt „Sicherheitsgarantien“ nach Venedig. Dazu bildet die ukrainische Künstlerin Schanna Kadyrowa ihre Skulptur „Origami-Hirsch“ aus Papier nach – das Kunstwerk wurde 2024 in den Kriegswirren aus der Stadt Pokrowsk im Gebiet Donezk in Sicherheit gebracht.
Demonstration gegen Teilnahme Israels
Und Israel? Immerhin wollte die Jury das Land gemeinsam mit Russland von der Preisvergabe ausschließen, bevor sie geschlossen zurücktrat. Über diesen Rücktritt habe er sich gefreut, sagte der rumänisch-israelische Bildhauer Belu-Simion Fainaru der Zeitung „Welt“. Doch in Venedig sei er „völlig isoliert“, berichtete der Gestalter des israelischen Pavillons. „Mit keinem einzigen Künstler und Kurator auf der Biennale gibt es Interaktion.“
Demonstranten ruft die Teilnahme Israels dennoch auf den Plan: Am Freitagabend gingen in Venedig etwa 2.000 Menschen auf die Straße. Die Polizei drängte sie mit Schildern und Schlagstöcken zurück. 20 nationale Pavillons waren am Freitag nach Berichten italienischer Medien geschlossen geblieben, weil Personal gegen Israels Teilnahme streikte. Die Biennale war bereits vor der offiziellen Eröffnung einige Tage für Journalisten und ein Fachpublikum zugänglich.
Todesfälle überschatten Biennale
Doch nicht nur politische Kontroversen, auch Todesfälle überschatten die Biennale. Vergangenes Jahr starb die Kuratorin der Ausstellung, Koyo Kouoh, mit 57 Jahren an Krebs. Im Februar erlag die Installationskünstlerin Henrike Naumann, die Deutschland vertreten sollte, mit erst 41 Jahren ebenfalls einem Krebsleiden. Der deutsche Pavillon wurde trotzdem nach den Ideen Naumanns und der Deutsch-Vietnamesin Sung Tieu gestaltet.
Erstmals habe man mit den beiden Künstlerinnen ostdeutsche und ostdeutsch-migrantische Stimmen in dieser Tiefe und Vehemenz im Pavillon, erklärte Kuratorin Kathleen Reinhardt. Tieu überdecke das Gebäude von 1938 – „die faschistische Architektur, an der sich ja schon sehr viele abgearbeitet haben“ – mit dem Bild eines Berliner Plattenbaus, in dem sie als Kind in den 1990ern lebte. Sie nutzt dafür mehr als drei Millionen Mosaiksteine. (dpa/red)
Der Zug rollte gerade in den Berliner Hauptbahnhof ein, als das Handy von Chan Wai Man* vibrierte. Nummer: unbekannt. Er nahm ab. Eine weibliche Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung – erst auf Englisch, dann auf Chinesisch, gleichmäßig, maschinenartig, als kämen die Worte von einem Tonband: „Es liegt ein wichtiges Dokument in der chinesischen Botschaft in Berlin für Sie bereit. Kommen Sie es abholen.“
Chan verstand sofort, dass dies keine freundliche Einladung war. Es war vielmehr eine Erinnerung: Man weiß, wo er sich aufhält. Chan informierte umgehend die Polizei.
„Ich bin auf der schwarzen Liste der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)“, erklärte der chinesische Dissident in einem Gespräch mit Epoch Times. Seit über 20 Jahren lebt Chan in Deutschland unter ständiger Bedrohung durch die KPCh. Gegen ihn soll ein Kopfgeld ausgesetzt worden sein.
Was Chan erlebt, ist kein Einzelfall.
Transnationale Repression folgt einem System
Eine Analyse der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung des in Deutschland lebenden oppositionellen Aktivisten Ray Wong Toi-yeung aus Hongkong zeigt: Chinas transnationale Repression in Deutschland folgt einem strategischen System. Hinter den Übergriffen steht ein komplexes Zusammenspiel staatlicher und nicht staatlicher Akteure. Chinesische Dissidenten würden demnach innerhalb Deutschlands systematisch eingeschüchtert, bestraft und zum Schweigen gebracht.
Die Organisation Freedom House mit Sitz in Washington, D.C. dokumentiert hierzu eine Bandbreite an illegalen Praktiken: von Morddrohungen über Entführungen bis hin zu illegalen Rückführungen.
Darüber hinaus nutzt die KPCh ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss, um Regierungen dazu zu bewegen, Zielpersonen festzunehmen, Aufenthaltsrechte zu entziehen oder Auslieferungen zu ermöglichen.
Häufig werden auch Angehörige in China unter Druck gesetzt. Hinzu kommen physische Gewalt und Einschüchterungen durch verdeckte Akteure im Ausland.
Eine Frage des Machterhalts
Doch warum betreibt die KPCh diesen Aufwand, um Kritiker im Ausland zu verfolgen?
Der Hongkong-Aktivist Wong sieht darin vor allem ein Ziel: den Machterhalt. Die transnationale Repression diene dem chinesischen Regime, die Kontrolle über den politischen Diskurs zu sichern – weltweit.
„Die KP Chinas sieht abweichende Meinungen, egal ob sie in China oder im Ausland geäußert werden, als einen direkten Angriff auf ihre Legitimität und politischen Ambitionen an“, schreibt Wong.
Solche „abweichenden Meinungen“ können auch den persönlichen Glauben betreffen, wie im Fall von Chan. Der Hongkonger praktiziert Falun Gong, auch Falun Dafa genannt – eine traditionelle, buddhistisch geprägte spirituelle Disziplin.
In den 1990er-Jahren war Falun Gong in China sehr beliebt. Schätzungen zufolge praktizierten es bis zu 100 Millionen Menschen. Der damalige Parteichef Jiang Zemin sah in der Popularität der spirituellen Bewegung eine Bedrohung für seine Autorität und ordnete 1999 ihre Ausrottung an. Diese bis heute andauernde Verfolgung schließt Verhaftungen, Folter bis hin zu Tötungen ein.
Chan engagiert sich in Europa seither gegen diese anhaltende Verfolgung in China. „Die KPCh glaubt, wenn sie mich beseitigt, könnte sie Falun Gong ein Stück weit beseitigen“, erklärte er. Dies sei ein „großer Irrtum“. Die KPCh habe nicht verstanden, was Falun Gong eigentlich ist.
Menschen, die Falun Gong praktizieren, beschreiben die Disziplin als einen Weg der Selbstkultivierung. Dieser basiert auf meditativen Übungen sowie auf den Grundsätzen Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht. Ziel sei es, sich diesen universellen Werten im eigenen Leben anzunähern – für viele ein persönlicher Glaubensweg.
Deutsche Theater im Visier
Die Repression der KPCh im Ausland trifft längst nicht mehr nur einzelne Dissidenten. Auch kulturelle Veranstaltungen in Deutschland geraten ins Visier, wie mehrere Vorfälle zeigen. Dahinter steht der Versuch, Einfluss darauf zu nehmen, was Menschen in Deutschland sehen können und was nicht.
Seit 2025 berichten mehrere Theater in Deutschland von Drohbotschaften im Zusammenhang mit Gastspielen von Shen Yun Performing Arts. Das New Yorker Tanzensemble wurde 2006 von Falun-Gong-Praktizierenden gegründet.
Die Künstler bringen mit Tanz und Musik die traditionelle chinesische Kultur auf die Bühne – ein „China vor dem Kommunismus“. Gleichzeitig machen die Aufführungen auf die Verfolgung von Falun Gong aufmerksam.
Vor den geplanten Aufführungen Anfang 2026 erhielten deutsche Theater E-Mails mit offenen Drohungen. In einer davon hieß es auf Deutsch:
„Das Bundeskanzleramt und der Konzertsaal an der Spree im Bezirk Mitte wurden mit Sprengstoff und improvisierten Zündern präpariert. Um eine Explosion zu verhindern, stellen Sie bitte umgehend die Aufführungen von Shen Yun ein und kündigen Sie sämtliche Verträge und Kooperationen mit Shen Yun Performing Arts.“
In einer Drohmail wird das Bundeskanzleramt als angeblicher Anschlagsort genannt, um die Absage von Shen-Yun-Aufführungen zu erzwingen. Bildschirmfoto.
Foto: Deutscher Falun Dafa Verein
In einer weiteren Nachricht auf Englisch wurden auch Mitarbeiter des Theaters bedroht:
„Sollten die Shen-Yun-Aufführungen stattfinden, wären die Mitarbeiter des Theaters, einschließlich ihrer Familien, in Gefahr; sie könnten entführt oder in Autounfälle verwickelt werden! Natürlich würden Frauen mit Sicherheit vergewaltigt und ermordet werden! Bitte überlegen Sie sich das gut.“
Auch die Theatermitarbeiter und ihre Familien wurden bedroht. Bildschirmfoto.
Foto: Deutscher Falun Dafa Verein
Auch im vergangenen Jahr kam es in Deutschland zu vergleichbaren Drohungen gegen Theater:
„Ich schwöre auf Jesus! Eine große Menge Sprengstoff wurde im Theater deponiert. Wenn Shen Yun Art Troupe auftritt, werden die Bomben explodieren!“
Mehrere Theatermitarbeiter erhielten 2025 Drohmails in schwedischer Sprache. Bildschirmfoto.
Foto: Deutscher Falun Dafa Verein
In allen bislang untersuchten Fällen kam die deutsche Polizei zu dem Ergebnis, dass sich die Drohungen nicht als konkrete Gefährdung bestätigten.
Welttournee im Schatten anhaltender Bedrohungen
Nach Angaben des Falun Dafa Information Center war Shen Yun seit 2006 weltweit von fast 350 Vorfällen betroffen – teilweise täglich.
Dies umfasst unter anderem Drohungen mit angeblichen Massenschießereien, Vergewaltigungen von Tänzerinnen, Brandstiftung sowie Gewaltdrohungen gegen Kinder der Künstler.
Die Bundesregierung räumte in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage Anfang des Monats ein, dass die Bedrohung Deutschlands durch Aktivitäten chinesischer Nachrichtendienste in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen habe.
Wie konkret diese Bedrohung ist, zeigt ein jüngster Fall: Jian G., ein deutscher Staatsbürger mit chinesischer Herkunft, wurde Ende September 2025 zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Das Dresdner Gericht sah es als erwiesen an, dass er für einen chinesischen Geheimdienst gearbeitet und gezielt Oppositionelle in Deutschland ausgespäht hatte.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung kürzlich eine Gesetzesverschärfung auf den Weg gebracht. Wer im Auftrag einer fremden Macht eine „vorsätzliche rechtswidrige Tat“ begeht, muss seit Anfang April mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe rechnen.
Darüber hinaus soll auch die Erfassung und Auswertung entsprechender Vorfälle verbessert werden. Dazu zählen Anpassungen im polizeilichen Meldesystem sowie der Ausbau systematischer Lagebilder, um das bislang lückenhafte Gesamtbild zu transnationaler Repression schrittweise zu vervollständigen.
Für Chan bleibt das Thema Sicherheit derweil Teil seines Alltags, weshalb er zusätzliche Schutzmaßnahmen treffen muss. Gleichzeitig erinnert er sich an einen Satz seiner Großmutter: „Wenn man nichts Böses tut, braucht man keine Angst zu haben, auch wenn jemand nachts an die Tür klopft.“
*Anm. d. Red.: Da die Kommunistische Partei Chinas Falun-Gong-Praktizierende bis heute auch außerhalb Chinas verfolgt, wurde der Name der betroffenen Person zum Schutz anonymisiert.