Thomas Oellers kaufte 2023 das Kirchengebäude und eröffnete sein Geschäft „Toms Bike Center“. - Foto: Tom Goeller
Jülich ist eine 35.000 Einwohner zählende Kleinstadt im westlichen Nordrhein-Westfalen. Allein an den vielen Neubauten kann man erkennen: Die Gemeinde erlebt als Standort eines Energieforschungszentrums stetigen Zuzug – allerdings nicht von gläubigen Christen. Diese nehmen kontinuierlich ab.
Deshalb hat das katholische Bistum Aachen im Jahr 2022 beschlossen, eine der vier katholischen Kirchen des Ortes aufzugeben.
Unauffälliger Waschbetonbau
Die Wahl fiel auf die im Jahr 1961 errichtete St.-Rochus-Kirche. Sie liegt im Stadtteil Heckfeld in einem Wohngebiet. Nähert man sich ihr von außen, kommt man nicht auf die Idee, dass das Gotteshaus nicht mehr im Dienst der Kirche steht.
Die ehemalige St.-Rochus-Kirche in Jülich, Nordrhein-Westfalen.
Foto: Tom Goeller
Weithin sichtbar ist der hohe, vom Kirchengebäude abgesetzte Glockenturm. Auch auf dem ehemaligen Kirchenvorplatz sieht alles nach Kirche aus. Man muss schon sehr genau hinsehen, um herauszufinden, dass sich hier keine Gläubigen mehr versammeln.
Im Glaskasten rechts neben dem Eingang, in dem früher Gemeindenachrichten ausgehängt wurden, steht nun in schwarzer Schrift auf weißem Papier unauffällig: „Toms Bike Center“. Dazu die Öffnungszeiten.
Das schmucklose, funktionale Stahl-Glas-Portal hätte schon immer auch der Eingang zu einem Fabrikgebäude sein können. Betritt man es heute, bietet sich dem Betrachter aufgrund der Waschbeton- und Ziegelsteinarchitektur eher der Eindruck einer Turnhalle, vollgestellt mit Fahrrädern, soweit das Auge reicht.
Thomas Oellers hat 2023 sein Geschäft „Toms Bike Center“ in dem Kirchengebäude eröffnet.
Foto: Tom Goeller
Dazwischen bewegen sich ein paar Kunden mit Schutzhelmen auf dem Kopf. Andreas L. (62) ist gläubiger Christ, sagt aber: „Für mich ist das Fahrradgeschäft hier ein ganz normaler Raum.“ Er kommt, um sein Bike reparieren zu lassen. „Irgendwo knackt es und ich finde den Fehler nicht“, sagt er.
Im Eingangsbereich steht eine Mutter mit einem Kind auf einem Fahrradsitz. Sie sucht nach einem Anhänger mit Netzverdeck. Beraten wird sie von einem jungen Mann, ganz in schwarz gekleidet. Er ist der Sohn des Bike-Center-Besitzers. Er zeigt mir, wo ich seinen Vater finde, mit dem ich verabredet bin.
Im linken vorderen Eck der Halle ist eine kleine Glaskastenkonstruktion eingebaut. Das Büro von Tom Oellers. Er telefoniert gerade, als ich eintrete.
Bevor wir das Gespräch beginnen können, platzt noch ein Kunde ins Büro. Er kommt vom Forschungszentrum in Jülich. Der Mann braucht ein Lasten-E-Bike. Das ist ein Dreirad mit einem vorne auf zwei Rädern befestigten Kasten, präzise „CB1“ genannt. Die Besonderheit daran: Das Bike verfügt über eine Neigungslenkung. Bei dem bisherigen Lasten-Bike sind einige Speichen der Räder gebrochen.
Diese Speichen hat Oellers aber gerade nicht vorrätig. Die Reparatur wird etwas dauern. Für die Zwischenzeit braucht das Forschungszentrum einen Ersatz. Oellers kann ein solches Rad sofort zur Verfügung stellen. Laut Auskunft eines Mitarbeiters des Forschungszentrums verfüge dieses über „etwa tausend Fahrräder“. Jetzt verstehe ich, warum sich in dem kleinen Ort Jülich ein großes Fahrradgeschäft mit Werkstatt lohnt.
„Ich habe nicht im Internet geguckt“
Endlich kommen Oellers und ich ins Gespräch. Warum hat er als Fahrradtechniker eine Kirche gekauft? Oellers berichtigt:
„Die erste Frage, die man stellen muss, ist: ‚Wie kommt man überhaupt an ein Kirchengebäude?‘ Ich habe nicht im Internet geguckt, sondern die Kirchengemeinde ist damals zu mir gekommen und hat mich gefragt. Es war ein Bekannter, der Mitglied des Kirchenvorstands war.“
Dieser habe über die Platzprobleme von Oellers bisherigem Geschäft Bescheid gewusst und sich gedacht, dass das große Kirchengebäude „etwas“ für ihn sei.
Tom Oellers, der Inhaber des Fahrradgeschäftes.
Foto: Tom Goeller
Auch die Lage habe gepasst. Bei der Kauferwägung sei ihm außerdem wichtig gewesen, dass es genügend Parkplätze gibt. Es kämen viele Kunden mit dem Auto, an dem sie Fahrräder mit Heckträgern befestigt haben. Sein Standort würde solchen Kunden, denen es um Reparaturen gehe, den Besuch der Werkstatt erleichtern. Auch zur Innenstadt sei es nicht weit.
Erscheinungsbild erhalten
Wie aber finden Kunden den Weg zum Fahrradshop? Nirgends gibt es ein Hinweisschild. Selbst das typische Firmenschild über der Eingangstür fehlt. Keine Werbung weit und breit. Oellers sagt, die Kunden würden ihn entweder kennen oder übers Internet finden. Beim Erwerb der Kirche habe er sich selbst ein paar Auflagen gestellt.
Er findet Werbeposter an dem ehemaligen Kirchengebäude unpassend. Er möchte den Gesamteindruck und das äußere Erscheinungsbild von vorher bewahren. Deshalb habe er auch keine Container für die Müllentsorgung aufgestellt. Allein durch die Anlieferung neuer Fahrräder entstehe eine große Menge an Papp- und Folienmüll. Diesen entsorge er über sein altes Ladengeschäft. Auch innerhalb seines Geschäfts verzichte er „bewusst“ auf Werbung.
Im Laden befindet sich weiterhin ein großes Orgelprospekt. Funktioniert die Orgel noch? Oellers: „Die Orgel kann nach wie vor gespielt werden.“ Im Kaufvertrag sei vereinbart gewesen, dass die ehemalige Gemeinde ein Jahr Zeit hatte, die Orgel an einen Interessenten zu übergeben. Als dieser das Kircheninstrument abbauen wollte, war der Zeitpunkt aber für das Fahrradgeschäft ungünstig. Ein neuer Termin sei nicht zustande gekommen.
„Hier habe ich geheiratet“
Wie fühlt er sich selbst damit, in einer ehemaligen Kirche seine Räder auszustellen und zu verkaufen? Oellers: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je häufiger ich hierherkomme, desto normaler empfinde ich das. Die Ehrfurcht der ersten Tage und Monate ist teilweise gewichen.“
Seine Erfahrung mit seinen Kunden sei, dass diejenigen, die zum ersten Mal sein Geschäft betreten, erstaunt seien. „Für die, die öfter kommen, sind das Geschäft und die Werkstatt total normal“, sagt er. Allerdings gebe es auch eine Reihe von Kunden, die sich daran erinnern, wie sie als Kinder hier zur Kirche gegangen sind oder in dem Raum geheiratet haben und die darüber sprechen.
„Für mich war das Ergreifendste, als die Mutter eines einstigen Klassenkameraden ins Geschäft kam, um ein Fahrrad zu erwerben. Wir standen hier vorne auf dem Podest, wo früher die Heilige Messe zelebriert wurde und sie sagte plötzlich auf Jülicher Platt:
„‚Hör mal Tom, kannste Dir det fürstelln, hier hob ich jehürot – hier habe ich geheiratet.‘ Die war mit ihren Gedanken mehr bei ihrer Hochzeit als beim Kauf.“
Andere erzählten davon, dass sie hier getauft worden oder zur ersten heiligen Kommunion gegangen seien, genauso, wie er selbst. In seiner Wahrnehmung fallen solche Äußerungen jedoch nicht in einem bedauernden Ton. Es seien zumeist einfach Feststellungen.
Respektvoller Umgang mit dem Gebäude
Grundsätzlich gestattet Oellers, dass sich Gläubige in einem Nebenraum, einer ehemaligen Kapelle, treffen und beten können, wenn sie das möchten. Im Verkaufsraum befinden sich auch nach wie vor einige alte Kirchenbänke. Oellers sagt: „Wem danach ist, der kann sich gerne hier hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.“
Aufgrund seines Gesamtumgangs bei der Übernahme des Gebäudes sei der „Aufschrei in der Bevölkerung weitgehend ausgeblieben“. In den sozialen Netzwerken habe es zwar einige negative Kommentare gegeben, da man ihn aber im Ort kenne – schließlich sei er hier geboren und aufgewachsen –, habe sich die Kritik in Grenzen gehalten. Er habe den Eindruck, dass viele Menschen verstehen, dass der Verkauf an ihn „das Beste für dieses Kirchengebäude“ gewesen sei, da er nachweislich respektvoll damit umgehe.
Auch im Innenraum hat Oellers von massiven Umbaumaßnahmen Abstand genommen. Die Werkzeuge sind entlang der Außenmauern in nicht fest installierten Schränken untergebracht. Deshalb könne „rein theoretisch das Fahrradgeschäft ohne großen Aufwand jederzeit wieder in eine Kirche umgewandelt werden“, sagt er.
Heiztechnisch stellt das ehemalige, hohe Kirchengebäude in den Wintermonaten ein Problem dar. „Dann frieren wir“, sagt Oellers grinsend. Denn wenn er dauerhaft eine Temperatur von 18 Grad plus erreichen wollte, könnte er sich dies finanziell nicht leisten.
„Am Anfang haben wir nur geflüstert“
In der kleinen Werkstatt in der ehemaligen Sakristei sind drei Mitarbeiter mit der Reparatur von Fahrrädern beschäftigt. Alen (42) arbeitet schon seit fast 20 Jahren für Oellers. „Die Arbeit hier macht mir sehr viel Spaß.“ Nach dem Einzug in die Kirche sei es am Anfang „spannend und aufregend“ gewesen.
„Wir haben in den ersten Wochen nur geflüstert.“
Alen (42) arbeitet für Oellers schon seit fast 20 Jahren.
Foto: Tom Goeller
Und wenn er im privaten Umfeld von seiner Arbeitsstätte spricht, dann nennt er das Geschäft nach wie vor „Kirche“. Freunde und Verwandte fänden die Umwidmung des Gebäudes „alle ganz gut“.
In einem anderen Teil der Werkstatt setzt Amr gerade ein Fahrrad instand. Er stammt aus Syrien und ist Muslim. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass in seinem Herkunftsland eine Moschee in eine Werkstatt umgewandelt würde, antwortet Amr: „Eigentlich nicht.“ Denn eine Moschee sei ein „Haus von Gott“.
Amr setzt in der Werkstatt ein Fahrrad instand.
Foto: Tom Goeller
„Eine besondere Fügung“
Bevor wir auseinandergehen, erzählt mir Oellers noch zwei besondere Begebenheiten aus der Zeit, als es um den Kauf des Gebäudes ging, die ihn bis heute bewegen: Seine Bank hatte zunächst der Finanzierung des Kredits für den Kauf zugestimmt. Einen Tag vor dem Notartermin habe der Vorstand der Bank seine Meinung jedoch geändert, obwohl die Finanzierung zuvor über den Bodenrichtwert als Sicherheit errechnet worden sei.
Er habe sich daraufhin dennoch entschieden, den Kaufvertrag zu unterschreiben – mit allen Konsequenzen, die dieser Schritt für ihn hätte nach sich ziehen können. Wenig später habe ein Freund eine andere Bank für ihn ausfindig gemacht, die ihm den Kredit zur Verfügung stellte.
Ob dabei Gott im Spiel gewesen sein könnte, so weit will Oellers nicht gehen, obwohl er nach seinen eigenen Worten „sehr gläubig“ sei. Er sagt aber, er empfinde das Zustandekommen der Finanzierung nach dem Kauf als „Fügung“, also als ein schicksalhaftes Ereignis, bei dem Umstände auf wundersame Weise zusammenwirkten.
Daumenschrauben von Behörden
Und er weist auf ein weiteres damaliges Problem hin: „Wenn ein solches Gebäude wie dieses eine Umwidmung erfährt, dann legen einem die Behörden gewisse Daumenschrauben an“, sagt er. So hätte beispielsweise ein Brandschutzkonzept vorgelegt werden müssen. Die Behörden verlangten, dass eine Rauchabzugsanlage installiert werden müsse. Diese wäre zum einen „sehr teuer geworden“, zum anderen hätte sie den Raum optisch verunstaltet.
Seinem Architekten, der ihn bei der Umwidmung begleitet habe, sei indes aufgefallen, dass die vorhandenen Kirchenfenster „genau zu dem Luftvolumen passten“. Deshalb habe die Anlage nicht installiert werden müssen. Oellers mokiert sich nun darüber:
Vor dem Verkauf der Kirche habe es im Kirchenraum aufgrund der vielen Kerzen zahlreiche offene Flammen gegeben, ohne dass die Behörden auf eine Rauchabzugsanlage bestanden hätten. Sobald man aber gewerblich tätig werde, gebe es plötzlich „wahnsinnige Auflagen“.
Ein Blick auf die Kirchenfenster.
Foto: Tom Goeller
Hohes Maß an Wertschätzung
Wieder im Freien, geht mir durch den Kopf, was aus anderen aufgegebenen Kirchen geworden ist: im besten Fall eine Bibliothek, in anderen Fällen aber ein Restaurant, ein Freizeitzentrum, in dem man Skateboard fahren kann, oder gar eine Urnenbegräbnisstätte.
Der Innenarchitekt Felix Hemmers betreut seit 2025 für den Verein „Baukultur Nordrhein-Westfalen“ das Projekt „Zukunft-Kirchenräume“, das sich mit der Umwidmung von Kirchen in profane Räume befasst. Er bescheinigt der neuen Nutzung in Jülich: „Durch die Biografie des Unternehmers wurde dem Gebäude […] trotz der kommerziellen Nutzung ein hohes Maß an Wertschätzung entgegengebracht.“ Diese Einschätzung teile ich.
Santa Maria Novella, Fassade vollendet von Alberti, 1470. - Foto: undefined/iStock
Um die perfekte Kuppel für die neue Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz zu entwerfen, reiste der berühmte Ingenieur Filippo Brunelleschi (1377–1446) nach Rom. Das antike Bauwerk, das seine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war das Pantheon: ein Tempel mit einer rund 43 Meter hohen Kuppel, deren charakteristische Kassettierung in den römischen Beton (Opus caementicium) eingearbeitet wurde – eine Mischung aus Kalkmörtel, Vulkanasche (Pozzolana), Wasser und Gesteinszuschlägen.
Brunelleschi fertigte zahlreiche Skizzen dieser beeindruckenden Konstruktion an, die bis heute die größte Kuppel aus unbewehrtem Beton ist. Diese Zeichnungen erwiesen sich später als entscheidend für die ingenieurtechnischen Meisterleistungen, die Brunelleschi den Ruf eines der bedeutendsten Architekten der Geschichte einbrachten.
Zu den vielen anderen, die Brunelleschis Beispiel folgten, gehörte auch der jüngere Leon Battista Alberti (1404–1472). Er war ein vielseitiger und geschichtsbegeisterter Universalgelehrter, dessen wegweisende Werke die italienische Renaissance maßgeblich beflügelten.
Das Pantheon verfügt über eine klassische Tempelfassade mit einem dreieckigen Giebel, der sich über einer Reihe von acht Säulen befindet und den Portikus bildet. Hinter dem Portikus erhebt sich die massive Betonkuppel, die von dicken, trommelförmigen Ziegel- und Betonmauern gestützt wird.
Foto: TomasSereda/iStock
Die Humanisten und die Renaissance
Laut dem bedeutenden Florentiner Gelehrten und Dichter Angelo Poliziano (1454–1494) war Alberti „ein Mann von außergewöhnlicher Brillanz, scharfem Urteilsvermögen und umfangreichem Wissen“.
Die Informationen über Albertis Leben stammen größtenteils aus dem bekannten Werk „Leben der berühmtesten Maler, Bildhauer und Baumeister“ von Giorgio Vasari (1511–1574). Als versierter Künstler beschloss Vasari, diese Biografien zu verfassen, um „jenen“ Tribut zu zollen, „welche jede der einst erloschenen Künste zuerst wieder erweckt, darauf allmählich vervollkommnet und bereichert, und endlich zu der Stufe der Herrlichkeit und Hoheit gebracht haben“, wie er sie in seiner Heimat Italien verwirklicht sah.
„Broadside of Humanist Cosmography“, 1585, von Gerard de Jode. Diese Darstellung der humanistischen Perspektive der Renaissance untersucht, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und wie das Universum – einschließlich der Planeten und Elemente – den Menschen prägt.
Foto: gemeinfrei
Dieses Streben danach, außergewöhnliche Persönlichkeiten zu feiern und ihrem Beispiel nachzueifern, prägte die italienische Renaissance. In der Epoche zwischen 1300 und 1550 entstanden zahllose bahnbrechende Leistungen in Kunst, Literatur und Politik. Ihre führenden Denker und Künstler würdigten die schöpferische Kraft des Menschen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß.
Daraus erklärt sich auch ihre Begeisterung für die Geschichte, aus der sie Erkenntnisse über herausragende Leistungen und bedeutende Persönlichkeiten gewannen. Sie wurden als „Humanisten“ bekannt – ein Ideal, das Alberti mit ganzer Überzeugung verkörperte.
Alberti wurde 1404 in Genua geboren, nachdem seine wohlhabenden Eltern aus politischen Gründen aus Florenz fliehen mussten und sich dort niedergelassen hatten. Trotz der schwierigen Lage seiner Familie erhielt er eine erstklassige Ausbildung. Als Jugendlicher wurde er auf ein Internat in Padua geschickt, wo er Latein und Literatur studierte. Das 15. Jahrhundert erlebte die Wiederentdeckung verloren gegangener Schriften von Cicero, Platon und anderen antiken Autoren. Dadurch erweiterte sich das Literaturstudium um diese lang vergessenen Quellen, die damit eine neue Generation historisch denkender Intellektueller prägten.
Wie andere Wunderkinder war auch Alberti äußerst lernbegierig. Er meisterte seine Fächer mit beneidenswerter Leichtigkeit und begeisterte sich besonders für das Schreiben. Im Alter von 20 Jahren verfasste er eine Komödie in lateinischer Sprache. Sein Stil war so ausgefeilt, dass das Werk über ein Jahrhundert lang fälschlicherweise für ein Original eines römischen Dramatikers gehalten wurde.
Porträtstatue des Leon Battista Alberti (Giovanni Lusini, 19. Jh.) im Hof der Uffizien in Florenz.
Foto: AndreyUshakov/iStock
Alberti absolvierte seinen akademischen Werdegang schließlich in Bologna, wo er an der damals renommiertesten Universität Jura studierte. Doch das Rechtswesen war nichts für ihn. Nachdem er die Priesterweihe in der katholischen Kirche empfangen hatte, nahm er eine Stelle als literarischer Sekretär am päpstlichen Hof an. Diese neue Anstellung führte ihn nach Rom, wo er in einer turbulenten Epoche als Berater mehrerer Päpste tätig war.
Sein ganzes Leben lang war es Albertis Ziel, die Welt zu verschönern. Sein Streben nach Schönheit inspirierte ihn zu unzähligen Werken. Er verfasste wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Abhandlungen, darunter das erste Buch über italienische Grammatik sowie einen Aufsatz über Kryptografie, die Wissenschaft der Verschlüsselung vertraulicher Informationen. Brunelleschi und andere Erfinder nutzten diese Methode häufig, um ihre nicht patentierten Erfindungen zu schützen.
Von Albertis Werken waren insbesondere drei Schriften über die bildenden Künste von großer Bedeutung. Die erste erschien 1450 und beschrieb die Malerei als mathematische Kunst. „De pictura“ (Über die Malkunst) enthielt zudem die erste ausführliche Erklärung der Linearperspektive – einer Technik, mit der auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion von Räumlichkeit erzeugt wird.
Alberti schrieb diese Methode Brunelleschi zu, der sie bei seinen Überlegungen zur Kuppel von Santa Maria del Fiore entwickelt hatte. Alberti machte sie jedoch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und begründete damit ihren festen Platz in der künstlerischen Praxis – damals wie heute.
In „Über die Malkunst“ beschrieb Alberti künstlerische Konzepte wie den „Fluchtpunkt“, der auf einer ebenen Fläche einen dreidimensionalen Effekt erzeugte.
Foto: gemeinfrei
Zwar war Albertis Abhandlung über die Bildhauerei weniger einflussreich, sie erläuterte jedoch einige der gleichen Grundprinzipien. In beiden Werken betonte er die Notwendigkeit, von der Natur zu lernen, da er sie als die vollkommenste Quelle von Symmetrie und Harmonie betrachtete. Seiner Meinung nach sollte das übergeordnete Ziel von Malern und Bildhauern darin bestehen, die Natur so genau wie möglich nachzuahmen. Dieses Interesse am naturalistischen Realismus fand bereits bei den antiken Griechen seinen ersten Ausdruck, die mit Vorliebe Geschichten über die täuschende Wirkung der makellosen Nachahmung in Malerei und Skulptur erzählten.
Obwohl sich Alberti auch in Malerei und Bildhauerei versuchte, war seine größte Begabung zweifellos das Schreiben. Er befasste sich mit zeitgenössischen Theorien und studierte so viele Werke aus der Vergangenheit wie möglich. Wie Vasari feststellte, erstrebte er, „nicht nur die Welt zu sehen und Maaß und Verhältnis der alten Bauwerke zu erkennen, sondern sein Sinn trieb ihn mehr noch zur Schriftstellerei als zur Kunstthätigkeit“.
Zwar räumte Vasari ein, dass viele Alberti in puncto technisches Know-how übertrafen, doch „keiner der späteren Meister in schriftlicher Darstellung weiter zu gehen vermochte“ als er. Das Lieblingswerkzeug des Universalgelehrten war die Feder, die weit mächtiger zu sein schien als Meißel, Pinsel oder Schwert.
„Über das Bauwesen“
In seiner Abhandlung über die Architektur, die er als eine Synthese aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie betrachtete, legte Alberti einen ähnlichen Schwerpunkt auf Natur und Harmonie.
Sein in Latein verfasstes Werk „De re aedificatoria“ (Über das Bauwesen) griff Konzepte des berühmten römischen Architekten Vitruv (circa 80 v. Chr. bis 15 v. Chr.) auf, der ein ähnliches Werk in zehn Büchern verfasst hatte. Vitruv wiederum ließ sich von seinen antiken griechischen Vorgängern inspirieren, deren Streben nach Harmonie beeindruckende Bauwerke wie den Parthenon prägte.
Der Prolog der Abhandlung „De re aedificatoria“ in der Handschrift Olomouc, Státní Archiv, Domské i Kapitolní Knihovna, Cod. Lat. C. O. 330.
Foto: gemeinfrei
„Über das Bauwesen“ war die erste systematische Abhandlung über Architektur in lateinischer Sprache seit fast einem Jahrtausend. Alberti schrieb sein Werk „nicht nur für die Baumeister, sondern auch für die, welche ihre Kenntnisse mit Wissenswertem bereichern wollen“. In seinen weitreichenden Ausführungen behandelt er technische Aspekte wie Materialbeschaffung und Baupraktiken ebenso wie allgemeinere Themen, beispielsweise die gesellschaftliche Bedeutung der Architektur, die Geschichte der Stadtplanung und die Philosophie der Schönheit.
Alberti definierte Schönheit als „eine bestimmte gesetzmäßige Übereinstimmung aller Teile, was immer für eine Sache, die darin besteht, dass man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen“. Mit anderen Worten ist Schönheit demnach die Harmonie aller Teile im Verhältnis zueinander und zu dem Ganzen, das sie bilden.
Harmonische Formen aus Kreisen, Rechtecken und Quadraten zu schaffen, war für Alberti von zentraler Bedeutung. In einer Ausgabe von „Über das Bauwesen“ aus dem Jahr 1565 illustrierte er eine für eine Basilika empfohlene Form.
Foto: gemeinfrei
Für Alberti war der Kreis die harmonischste Form. In einem Abschnitt über sakrale Räume beschrieb er ihn als die am besten geeignete geometrische Form für Kirchen, Taufkapellen und andere religiöse Gebäude, die die Einheit des göttlichen Kosmos widerspiegeln sollten.
Der Architekt erörterte auch das Quadrat, das Sechseck, das Achteck, das Zehneck, das Zwölfeck und drei Varianten des Rechtecks. All diese Formen sind vom Kreis abgeleitet und daher spirituell bedeutsam. Seiner Meinung nach sollte jedes Bauwerk, ob religiös oder anderweitig, diese idealen Formen integrieren.
Albertis Projekte
Über das architektonische Schaffen Albertis ist nur wenig bekannt. Dennoch lassen die wenigen Projekte, die unter seiner Leitung entstanden, seine Philosophie in der praktischen Umsetzung erkennen.
Der erste dokumentierte Auftrag kam im Jahr 1446, als er gebeten wurde, die Fassade des Palazzo Rucellai in Florenz zu entwerfen – eines der ersten Gebäude, das die architektonischen Prinzipien der Renaissance verkörperte. Neben der Unterteilung der Fassade in proportionale Abschnitte führte er auch zwei griechisch-römische Elemente – Pilaster und Gebälk – ein, die er symmetrisch an der Außenfassade des Palazzo anordnete.
Vier Jahre später wurde er mit der Renovierung des Tempio Malatestiano beauftragt, einer gotischen Kirche in Rimini, Italien. Die Fassade wurde nie fertiggestellt, zeigt jedoch ebenfalls die Integration idealer Formen, diesmal in Form von Rundbögen und dreieckigen Giebeln.
Versteckt in der Landschaft der Toskana liegt Pienza, eine von Alberti entworfene Planstadt. Die Piazza Pio II ist der zentrale Platz.
Foto: Rimbalzino/iStock
In Rom beauftragte Papst Nikolaus V. (1397–1455) Alberti mit dem Entwurf eines städtischen Wasserbeckens für ein großes römisches Aquädukt. Jahrzehnte später wurde Albertis’ schlichter Entwurf durch die monumentale Fontana di Trevi ersetzt.
Um das Jahr 1459 wurde Alberti beauftragt, die Neugestaltung der beschaulichen toskanischen Stadt Pienza, der Heimat des Papstes Pius II. (1405–1464), zu leiten. Mit ihren zahlreichen neuen oder renovierten Gebäuden war Pienza die erste Stadt, die vollständig nach den Idealen der Renaissance geplant und neu erbaut wurde.
Santa Maria Novella
Das berühmteste Gebäude, das Albertis’ Handschrift trägt, ist die Florentiner Kirche Santa Maria Novella. Nach wie vor zieht sie Besucher in ihren Bann, die sich vom gleichnamigen Bahnhof auf den Weg ins Stadtzentrum machen.
Sein Hauptbeitrag bezog sich erneut auf die Fassade der Kirche. Die untere Ebene wies drei Portale und sechs gotische Nischen auf, die aus demselben grünlichen Marmor gefertigt waren, der auch in einigen der berühmtesten Kirchen von Florenz zu finden ist. Die gotische Struktur umfasste zudem ein zentral angeordnetes Rundfenster.
Die Fassade der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, Italien. Leon Battista Alberti vollendete sie im Jahr 1470.
Foto: Vladislav Zolotov/iStock
Alberti verzierte diese ursprünglichen Elemente mit klassischen Ornamenten. So fügte er der unteren Fassade zunächst vier Säulen mit korinthischen Kapitellen hinzu. Korinthische Kapitelle waren ein Markenzeichen der Römer. Ihre kunstvollen Krönungen symbolisierten Tapferkeit und Wohlstand.
Als Nächstes fügte er einen Fries hinzu, einen breiten, horizontalen Abschnitt, der von Säulen getragen wird. Friese finden sich am Parthenon in Athen und an praktisch jedem bedeutenden griechischen oder römischen Tempel. Während die Griechen ihre Friese mit Flachreliefs verzierten, wählte Alberti ein sich wiederholendes Muster aus kachelartigen Quadraten, in die er den Namen des Kirchenstifters Giovanni Rucellai einfügte.
Detailansicht der Fassade von Santa Maria Novella, Florenz.
Der Architekt krönte den Fries mit einem Giebel, genauer gesagt mit einem dreieckigen Giebel, wie er für griechisch-römische Bauwerke typisch ist. Dieser wurde um das zentrale Fenster herum errichtet, das weiterhin den Mittelpunkt der Oberfassade bildete. An den beiden Ecken des Giebels fügte Alberti zwei s-förmige Voluten hinzu, welche zuvor noch nie verwendet worden waren. Durch die schrägen Voluten wurde der obere Teil verbreitert und es wurden optische Unstimmigkeiten zwischen diesem und dem breiten Sockel vermieden. Zudem verdeutlichten sie Albertis Faszination für die harmonische Ausgewogenheit zwischen gegensätzlichen Elementen.
Den krönenden Abschluss bildete ein von dem Architekten entworfenes, ornamentales Sonnenmotiv aus Fliesen. Ornamente wurden gewöhnlich plastisch gestaltet. Indem Alberti jedoch flache Fliesen verwendete, verzichtete er zugunsten der Farbvielfalt auf Tiefe und Struktur. Das schillernde Ornament zählt bis heute zu den reizvollsten Details der Fassade.
Einheit und Schönheit
Alberti war nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu kopieren. Zwar schätzte er den Wert der griechisch-römischen Architektur, doch er wusste auch, dass seine Zeit nach Innovation verlangte. Das Gleiche galt für Brunelleschi und Leonardo da Vinci (1452–1519) sowie die vielen anderen Meister, die seit der Renaissance die Fantasie der Künstler beflügeln.
Bis heute berufen sich klassisch orientierte Architekten auf Alberti als Vorbild – nicht zuletzt wegen seiner leidenschaftlichen Aussagen über die Schönheit. In seinen Worten:
„Nichts ist edler als die Schönheit […] und jeder, der nicht möchte, dass das, was ihm gehört, geschmacklos erscheint, sollte sie mit größtem Eifer anstreben. Welch’ außerordentliche Bedeutung unsere Vorfahren, Männer von großer Klugheit, ihr beimaßen, zeigt sich in der Sorgfalt, mit der sie ihre rechtlichen, militärischen und religiösen Einrichtungen – ja den gesamten Staat – reich ausschmückten.“
Für den Architekten war Schönheit mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft. Sie war für ihn Ausdruck göttlicher Schöpfung, kosmischer Einheit und des Potenzials der Menschheit zur Tugendhaftigkeit. Selbst sieben Jahrhunderte später inspirieren seine Ideen noch immer.
Fassade der Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona, Spanien. Die berühmte Kathedrale von Antonio Gaudí. - Foto: MaxOzerov/iStock
Am 100. Todestag von Antoni Gaudí feiert Papst Leo XIV. am 10. Juni eine Messe im Meisterwerk des katalanischen Architekten – der weltberühmten Sagrada Família in Barcelona.
Leo XIV. wird auch den 172,5 Meter hohen Christus-Turm weihen. Dieser wurde in diesem Jahr fertiggestellt und macht die Basilika zur höchsten Kirche der Welt.
Die Sagrada Família – Wahrzeichen und Touristenmagnet
Schon seit mehr als 140 Jahren wird an der Sagrada Família gebaut. Ein Ende der Bauarbeiten ist noch nicht in Sicht. Doch die Basilika ist schon seit langer Zeit in Barcelona Wahrzeichen und Touristenmagnet gleichermaßen.
Im vergangenen Jahr besuchten fast fünf Millionen Menschen die Kirche, die damit das meistbesuchte kostenpflichtige Monument Spaniens ist.
Das Bauwerk im Stile des Modernisme – der katalanischen Variante des Jugendstil – begeistert mit seiner ebenso kühnen wie organischen Architektur und den von der Natur inspirierten Verzierungen. 2005 wurden die Geburtsfassade und die Krypta der Sagrada Família in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen.
Gaudí hat Barcelona noch weitere bedeutende Werke hinterlassen, darunter den Park Güell und die Gebäude Casa Batlló und Casa Milà.
An die Sagrada Família reicht aber keines heran – auch wenn manche Einheimische sich an den Touristenmassen rund um die Basilika stören.
Ein gläubiger Architekt als Baumeister
Gaudí hatte das Bauprojekt der Sagrada Família 1883 ein Jahr nach der Grundsteinlegung übernommen. Der 1852 geborene Architekt entstammte einer sehr gläubigen katholischen Familie. Nach dem Tod mehrerer Menschen aus seinem Umfeld unterzog er sich 1894 einer sehr strengen Fastenzeit, die seine Religiosität noch verstärkt haben soll.
Gaudí – bekannt auch als „Architekt Gottes“ – starb am 10. Juni 1926 im Alter von 73 Jahren. Er war Tage vorher in Barcelona von einer Straßenbahn erfasst worden, als er zum Beten in eine Kirche gehen wollte. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Sagrada Família.
Im April 2025 erkannte der Vatikan Gaudí als „ehrwürdigen Diener Gottes“ an. Dies ist eine Vorstufe zur Seligsprechung. Derzeit prüft eine Vatikan-Kommission eine Kindesheilung als mögliches Wunder – denn ein Wunder ist eine notwendige Voraussetzung für eine Seligsprechung.
Die höchste Kirche der Welt
Zum 100. Todestag Gaudís wird Leo XIV. am Mittwochabend eine Messe in der Sagrada Família halten, es ist einer der Höhepunkte der einwöchigen Spanien-Reise des Papstes. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wird dann auch den im Februar vollendeten Christus-Turm weihen.
Der 172,5 Meter hohe Turm macht die Sagrada Família zur höchsten Kirche der Welt – ein Titel, den zuvor das Ulmer Münster innehatte.
Die Sagrada Família hatte das Ulmer Münster im vergangenen Oktober als höchstes Kirchengebäude abgelöst. Damals wurde auf dem Christus-Turm ein Kreuzelement angebracht, mit dem die Sagrada Família den knapp 162 Meter hohen Kirchturm des Ulmer Münster übertraf.
Das fast 100 Tonnen schwere Kreuz auf der Spitze des Christus-Turms wurde von der deutschen Firma Gartner aus Gundelfingen gefertigt. (afp/red)
Auf seiner einwöchigen Spanien-Reise hat Papst Leo XIV. die Metropole Barcelona erreicht. Dort plant er, am kommenden Mittwoch einen Gottesdienst in der weltberühmten Basilika Sagrada Família zu feiern.
Bereits bei seiner Ankunft am Dienstag, dem 9. Juni, bereiteten ihm zahlreiche Gläubige in der gotischen Kathedrale der Stadt einen begeisterten Empfang – viele von ihnen hatten dort bereits stundenlang gewartet.
Für den späteren Tagesverlauf steht zudem eine vom Kirchenoberhaupt geleitete Gebetswache im Olympiastadion auf dem Programm.
Weihe der höchsten Kirche am Gaudí-Gedenktag
Neben der Messe in der Sagrada Família will Leo XIV. am Mittwoch den kürzlich vollendeten 172,5 Meter hohen Jesus-Christus-Turm weihen, der das Gotteshaus zur höchsten Kirche der Welt macht.
Die höchste Kirche der Welt: Mit der Weihe des 172,5 Meter hohen Christus-Turms durch den Papst erreicht die Sagrada Família ihren historischen Höchstpunkt.
Foto: Dan Kitwood/Getty Images
Die Zeremonie findet am 100. Todestag des katalanischen Architekten Antoni Gaudí statt, dem Baumeister der noch immer unvollendeten Basilika. Im vergangenen Jahr besuchten fast fünf Millionen Menschen die Kirche, die damit das meistbesuchte kostenpflichtige Monument Spaniens ist.
Vor der Feier steht für den Papst in Barcelona noch ein Gespräch mit Häftlingen an sowie der Besuch einer Abtei auf dem Berg Montserrat unweit der Stadt. Am Montag hatte Leo XIV. in der Hauptstadt Madrid als erster Papst der Geschichte vor dem spanischen Parlament eine Rede gehalten.
Friedensappell vor Millionen Kulisse
Vor den versammelten Abgeordneten und Senatoren forderte er angesichts der kriegerischen Konflikte in der Welt, Staaten müssten Differenzen auf „friedlichen Wegen“ beilegen, „die das Völkerrecht bereitstellt“.
Spanien ist eine historische Bastion des Katholizismus in Europa, auch wenn die Zahl der Katholiken in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft ist. An einer Freiluft-Messe mit dem Papst hatten am Sonntag in Madrid 1,5 Millionen Menschen teilgenommen. (afp/red)
Der Name Trump muss wieder verschwinden (Archivbild). - Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa
Im Konflikt um das Kennedy Center in Washington hat ein Gericht die Umbenennung der Kulturinstitution in „Trump Kennedy Center“ vorläufig gestoppt und die Entfernung von Donald Trumps Namen von der Fassade angeordnet. Nach Auffassung des Gerichts ist der US-Kongress für die Benennung der Einrichtung zuständig, da dieser auch den ursprünglichen Namen festgelegt hatte.
Kennedy Center steht damit erneut im Zentrum einer politischen und juristischen Auseinandersetzung um Einfluss und Zuständigkeiten bei einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der USA.
Die Kultureinrichtung soll für einen Umbau rund zwei Jahre lang geschlossen bleiben. (Archivbild)
Foto: Andrej Sokolow/dpa
Schließungspläne vorerst ausgesetzt
Auch die geplante vorübergehende Schließung des Hauses für umfangreiche Renovierungsarbeiten wurde gestoppt. Das Gericht begründete dies damit, dass keine ausreichende und ergebnisoffene Prüfung der Entscheidung vorgelegen habe.
Die laufenden Instandsetzungsarbeiten dürfen jedoch weitergeführt werden. Eine Schließung bleibt grundsätzlich möglich, sofern sie rechtlich korrekt begründet und beschlossen wird.
Präsident Trump reagierte deutlich auf die Entscheidung und kritisierte die Justiz in einem Beitrag in sozialen Medien. Er erklärte, er sei im Vergleich zu früheren Präsidenten besonders ungerecht behandelt worden.
Gleichzeitig kündigte er an, sich nicht weiter aktiv an der geplanten Renovierung des Kennedy Centers zu beteiligen und die Verantwortung vollständig an den Kongress abzugeben. Ob er seine Funktion im Leitungsgremium der Einrichtung weiter wahrnimmt, blieb zunächst offen.
US-Präsident Donald Trump im Wießen Haus.
Foto: Matt Rourke/AP/dpa
Politische Vorgeschichte der Umbauten
Die aktuellen Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit einer umfassenden Neuausrichtung der Institution nach Trumps Amtsantritt 2025. Dabei wurden Teile der Leitung neu besetzt und die kulturpolitische Ausrichtung verändert.
Eine zentrale Rolle spielte dabei auch Richard Grenell, der zeitweise mit der organisatorischen Umgestaltung betraut war.
Im Dezember wurde das Kennedy Center zwischenzeitlich in „Trump Kennedy Center“ umbenannt, was in der Kulturszene auf deutlichen Widerstand stieß und zu einzelnen Absagen von Veranstaltungen führte.
Das Kennedy Center ist eines der zentralen Kulturhäuser der Vereinigten Staaten und präsentiert regelmäßig Aufführungen aus Theater, Tanz und Musik. Benannt ist es nach dem früheren US-Präsidenten John F. Kennedy.
In Washington wird der Streit unterschiedlich bewertet. Befürworter der Umbauten verweisen auf Modernisierung und strukturelle Erneuerung. Kritiker sehen dagegen eine starke politische Einflussnahme auf eine kulturell unabhängige Institution und verweisen auf eine zunehmende Personalisierung staatlicher Projekte.
Die Entscheidung des Gerichts könnte weitere politische und juristische Schritte nach sich ziehen. Auch eine erneute Befassung des Parlaments mit der Namensfrage gilt als möglich. (dpa/red)
Die Sagrada Família in Barcelona. Stand: Ende Oktober 2025. - Foto: Jui-Chi Chan/iStock
Es ist der Traum des katholischen Verlegers, Buchhändlers und christlichen Autors José María Bocabella, der am Anfang dieses faszinierenden sakralen Bauprojektes steht, dessen geduldige Realisierung sich bis in unsere Gegenwart erstreckt.
1866 gründet der gläubige Barceloner eine Gebetsgemeinschaft, um die Verehrung des Heiligen Josef, des Schutzpatrons der Arbeiter und Familien, zu fördern. Der Asociación Espiritual de Devotos de San José schließen sich bald mehrere Hunderttausend Gläubige an.
Eine Vision und ihre Anfänge
Neben Gebet und Glaubensvermittlung rückt auch Bocabellas Idee, der Heiligen Familie eine Kirche zu erbauen, immer mehr in den Fokus der Vereinigung. 1881 machen schließlich Spenden den Kauf eines etwa 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks möglich, welches im noch kaum besiedelten Neubauviertel „Eixample“, unweit der Altstadt Barcelonas, liegt. 172.000 Pesetas, umgerechnet etwa 1.000 Euro, ebnen den Weg zum Bauprojekt, welches jedoch nur holprig in Gang kommt.
Denn: José María Bocabellas anfänglicher Gedanke, eine Replik der Basilica della Santa Casa zu errichten, die im italienischen Loreto steht und – der Überlieferung nach – das aus Nazareth gerettete Haus der Heiligen Familie beherbergt, scheitert.
Der Architekt der Diözese Barcelona, Francisco de Paula del Villar y Lozano, legt vielmehr Pläne im damals üblichen neugotischen Stil vor, und im Jahr 1882 beginnen die Arbeiten an der Krypta.
Zwischen Architekt und Bauherren werden im Laufe der Zeit immer größere stilistische und inhaltliche Spannungen deutlich.
Es kommt zum Bruch und auch ein renommierter Berufskollege Lozanos, Joan Martorell, will das schwierige Projekt nicht übernehmen. Er winkt ab, empfiehlt aber einen ehemaligen Mitarbeiter seines Architekturbüros, den gerade einmal 31 Jahre alten Antoni Gaudí – nicht ahnend, welch gewaltige Wendung das Projekt mit diesem neuen, jungen Baumeister nehmen wird.
„Verrückter oder Genie“
Nur fünf Jahre zuvor hat Antoni Gaudí sein Architekturdiplom an der Universität Barcelona erhalten. Niemand wisse, so einer seiner Lehrer, ob man das Diplom „einem Verrückten oder einem Genie“ verliehen habe, und ergänzt fast prophetisch: „Nur die Zeit wird es uns sagen.“
Und tatsächlich zeigt Antoni Gaudí nun, wozu er imstande ist. Nicht nur sein immenses, bautechnisches Wissen und seine lebhafte schöpferische Imagination revolutionieren das Projekt der Basilika grundlegend. Mit Antoni Gaudí wird auch ein glühend frommer Katholik zum maßgeblichen Planer der Sagrada Família.
In ihm finden die Asociación Espiritual de Devotos de San José und ihr Gründer Bocabella ein Gegenüber, das die religiöse Intention des Bauprojektes nicht nur architektonisch aufgreift, sondern auch inhaltlich und spirituell durchdringt.
Ohne zu zaudern, beginnt Gaudí mit einer Neuplanung, die eine faszinierend neuartige, von der Natur inspirierte organische Formensprache mit großem Glaubenswissen und theologischer Tiefe verbindet.
Für Gaudí ist die Natur mehr als eine bloße Vorlage. Sie stellt für ihn den Ausdruck göttlicher Ordnung dar, die er „das große, stets geöffnete Buch“ nennt, aus dem der Mensch lesen und lernen könne. Von der Lektüre in diesem Buch der Schöpfung inspiriert, leitet er Formen, Baukörper, Lichtführung, Proportionen und Strukturen ab, die er in Zeichnungen, Plänen und Gipsmodellen visualisiert.
Extrem komplexe Statik
Die äußerst komplexen Anforderungen an die statische Belastbarkeit der so entwickelten Gebilde überprüft Gaudí wiederum mithilfe innovativer Hängemodelle. Netzwerke aus Schnüren beschwert er hierbei mit präzise abgewogenen Bleisäckchen. Durch das pure Wirken der Schwerkraft entstehen perfekte mathematische Kurven, die auf Fotografien oder im Spiegel unter dem hängenden Modell die statisch optimalen Linienführungen sichtbar machen.
Blick in das Gewölbe der Sagrada Família.
Foto: SBA73 from Sabadell, Catalunya – Tot conflueix/All’s conected, CC BY-SA 2.0
Über vier Jahrzehnte widmet sich Antoni Gaudí dieser Entwurfsarbeit und ist gleichzeitig verantwortlicher Bauleiter vor Ort. Von 1914 an konzentriert er sich ausschließlich auf die Arbeit an der Sagrada Família und lehnt jeden anderen Architekturauftrag kategorisch ab.
Finanziert werden die komplexe Baustelle, alle ihre Gewerke und Materialien von Beginn an ausschließlich durch private Spenden, die der Verein des Heiligen Josef landesweit und unermüdlich sammelt. Staatliche oder kirchliche Gelder werden dagegen weder erbeten noch angenommen, um größtmögliche ideelle Unabhängigkeit zu wahren.
Wirtschaftskrisen und der Erste Weltkrieg lassen die Spendenbereitschaft zwar sinken und der Bau kommt fast völlig zum Erliegen, doch der Glaube an die Zukunft des Projektes bleibt.
Tiefgründige Gelassenheit
Fast schelmisch und doch tiefgründig vieldeutig begegnet Antoni Gaudí der immer wieder aufkeimenden Kritik am oft schneckenhaft langsamen Baufortschritt mit den Worten „Mein Auftraggeber hat keine Eile“.
Im Jahr 1925 zieht der inzwischen 73-jährige Gaudí ganz auf die Baustelle, die schon seit Jahrzehnten sein Lebensmittelpunkt ist. Von seiner dortigen Werkstatt wird ein kleiner Raum provisorisch abgetrennt und einfach möbliert.
Erst ein Viertel seiner Pläne ist zu diesem Zeitpunkt zu Stein geronnen und Gaudí weiß, dass er die Vollendung der Kirche mit Sicherheit nicht erleben wird. In großer Seelenruhe sieht er seine Arbeit jedoch ganz in der Tradition gotischer Kathedralen, die von Generationen über Jahrhunderte hinweg Gestalt angenommen haben.
Tragischer Unfall und Bürgerkrieg
Am 7. Juni 1926 bricht Gaudí, wie jeden Abend, von der Sagrada Família auf, um in der Kirche Sant Felip Neri zu beten. Vermutlich ist er so in Gedanken versunken, dass er die herannahende Straßenbahn nicht bemerkt, als er die „Gran Via de les Corts Catalanes“ überquert.
Der Schwerverletzte wird wegen seiner zerschlissenen Kleidung für einen Bettler gehalten und in ein Armenkrankenhaus gebracht. Freunde und Mitarbeiter finden ihn dort kurz bevor er am 10. Juni 1926 seinen Verletzungen erliegt.
Die Nachricht vom Tod des in der Bevölkerung hoch verehrten Baumeisters verbreitet sich nun wie ein Lauffeuer in Barcelona. Tausende geben Antoni Gaudí die letzte Ehre, als er in der Krypta der unvollendeten Basilika beigesetzt wird, für die er so viel Herzblut, Lebenszeit, Wissen, Können und Kreativität gegehen hat.
Nur zehn Jahre später wütet der Spanische Bürgerkrieg – auch in Barcelona. Katalanische Anarchisten und antiklerikale Revolutionäre stürmen die Baustelle der Sagrada Família und dringen in Gaudís ehemalige Werkstatt ein. Dort brandschatzen und zertrümmern sie alles, was ihnen in die Hände kommt.
Rettung, mühevolle Rekonstruktionen und erbitterte Gegner
Dem Mut Domènec Sugrañes, Gaudís engstem Mitarbeiter und Nachfolger als Bauleiter, ist es zu verdanken, dass die Zerstörer von einer geplanten Sprengung ablassen. Das Ende des einzigartigen Bauprojektes scheint nun dennoch gekommen.
Die Asociación Espiritual de Devotos de San José gibt jedoch nicht auf.
Fragmente von Plänen und zerschlagenen Gipsmodellen werden unter großen Mühen geborgen und jahrelang von engagierten Architekten akribisch zusammengefügt, um die Intentionen des genialen Baumeisters zu rekonstruieren und den Bau fortführen zu können.
Es gibt aber nicht nur Bewunderer, Helfer und Befürworter des Projektes. So organisiert der Barceloner Architekt und spätere einflussreiche Stadtbaurat Oriol Bohigas im Jahr 1964 eine viel beachtete Unterschriftenaktion mit dem Ziel, den Bau endgültig zu stoppen.
Vor allem Vertreter des architektonischen Modernismus wie die Architekten Le Corbusier und Walter Gropius unterstützen den Aufruf. Doch auch bildende Künstler der Moderne wie Joan Miró und Antoni Tàpies schließen sich an.
In einem offenen Brief werfen die Unterzeichner dem Projekt künstlerische Wertlosigkeit und Rückwärtsgewandtheit vor. Im 20. Jahrhundert sei vielmehr moderne Architektur und Stadtplanung nötig und richtig. Pablo Picasso, kein Unterzeichner, aber Sympathisant der Aktion, fasst die ablehnende Haltung der Modernisten mit den derben Worten „Gaudí und die Sagrada Família“ solle man „zur Hölle schicken“, zusammen.
Auch 2008 wiederholt sich der Versuch, das Bauprojekt durch einen Brief, diesmal mit 400 prominenten Unterzeichnern, zu beenden. Wieder erfolglos.
Gaudí, der „Ehrwürdige Diener Gottes“
Heute weisen 12 Türme der Sagrada Família in den Himmel über Barcelona.
Eines Tages werden es 18 sein: die zwölf Aposteltürme, die vier Evangelistentürme, der Turm Mariens und der Jesus-Turm, der jetzt schon alle anderen mit einer Höhe von 172,5 Metern überragt.
Am 10. Juni 2026, dem hundertsten Todestag Antoni Gaudís, wird das große dreidimensionale Kreuz auf seiner Spitze, das von einer bayerischen Spezialfirma gebaut und installiert wurde, feierlich eingeweiht werden.
Wann das Bauprojekt des „Ehrwürdigen Dieners Gottes“ – wie Antoni Gaudí, dessen Seligsprechungsverfahren 2003 begann, nun genannt werden darf – ganz vollendet sein wird, weiß jedoch nur der Himmel.
Baustand im Jahr 2023.
Foto: William John Gauthier from Denmark, CC BY-SA 2.0
Rekordpreise für Eiffelturm-Treppen: Bis zu 553.000 Euro (2008) und 524.000 Euro (2016). (Archivbild). - Foto: THOMAS SAMSON/AFP via Getty Images
Ein Teil der Original-Wendeltreppe des Eiffelturms ist in Paris für rund 450.000 Euro versteigert worden. Der knapp drei Meter hohe Treppenabschnitt mit 14 Stufen sei von einem französischen Sammler ersteigert worden, teilte das Auktionshaus Artcurial am Donnerstag mit. Sein Wert war zuvor auf 120.000 bis 150.000 Euro geschätzt worden.
Die Stufen gehörten zu der Wendeltreppe, welche die zweite und dritte Etage des Pariser Wahrzeichens verband. Als 1983 ein Aufzug eingebaut wurde, wurde die Wendeltreppe in 24 unterschiedlich große Teile zerlegt.
Die Treppenabschnitte wurden zu begehrten Sammlerstücken und befinden sich heute in aller Welt, etwa an der Freiheitsstatue in New York oder in den Gärten der Yoishii-Stiftung in Japan. Andere befinden sich in Privatbesitz.
Im Jahr 2016 hatte Artcurial einen Treppenabschnitt mit 14 Stufen für etwa 524.000 Euro an einen Käufer aus Asien versteigert. 2008 hatte ein US-Sammler für ein Treppenstück die bisherige Höchstsumme von 553.000 Euro ausgegeben.
Der vom Ingenieur Gustave Eiffel für die Pariser Weltausstellung von 1889 geschaffene Eiffelturm zählt zu den größten Touristenattraktionen weltweit. Der 324 Meter hohe Turm ist das meistbesuchte Bauwerk Frankreichs. (afp/red)