Categories
etplus meinung ticker

Deutschland kein einig Vaterland?

Von „Deutschland, einig Vaterland“ war prominent in der ersten Strophe der einstigen DDR-Nationalhymne die Rede. Die Nationalhymne des vereinigten Deutschlands beginnt sogar mit dem Wort „Einigkeit“. Dieses Einssein scheint also für die Deutschen ein wesentliches Element ihrer Selbstdefinition zu sein. Und dennoch gibt es immer wieder Zweifel und Selbstzweifel daran, wie es um die deutsche Einheit wirklich bestellt ist.
So gibt es Medien wie etwa den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), der in einer Dokumentation von einem „Blauen Land“ spricht. Gemeint ist damit unter Bezug auf die blaue Parteifarbe der AfD, dass diese in den fünf ostdeutschen Bundesländern besonders gut abschneidet. Richtig ist: In keinem einzigen westdeutschen Bundesland erreicht die AfD einen so deutlichen Zuspruch wie im Osten. An diesen Wahlergebnissen wird dann oft vereinfachend auf politischer und medialer Ebene eine vermeintliche Teilung der Deutschen ausgemacht. Doch kann man vom Wahlverhalten tatsächlich auf das Gesamtbild der Deutschen schließen?

Im Alltag kaum Ost-West-Denken

Im „persönlichen Alltag“ spielen Ost oder West für viele Teilnehmer der jüngsten Umfrage zur Wahrnehmung der deutschen Einheit eine „deutlich geringere Rolle als in den gesellschaftlichen Debatten darüber“. Zu diesem Ergebnis kam vor Kurzem Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Kritik an fortbestehenden Unterschieden und Stolz auf das seit 1990 Erreichte schließen sich also keineswegs aus“, fügte Kaminsky hinzu.
Die Online-Umfrage wurde vor einem Jahr gemeinsam mit dem Leipziger Unternehmen Hoferichter & Jacobs gestartet und hatte bis zum Tag der Veröffentlichung am Dienstag, 29. September, insgesamt 2.560 Teilnehmer. Die Initiatoren nehmen für ihre Umfrage nicht in Anspruch, dass diese repräsentativ sei, jedoch gebe das Ergebnis ein „Meinungsbild von Menschen wieder, die mit ihrem Besuch der Website ein besonderes Interesse an den behandelten Themen erkennen“ ließen, heißt es in der Pressemitteilung der Stiftung. Dabei stellte sich heraus, dass die Aufmerksamkeit für die Befragung in Ostdeutschland deutlich höher lag als im Westen. Rund 64 Prozent der Teilnehmer seien in Ostdeutschland aufgewachsen. Von ihnen lebten heute 23 Prozent im Westen. Von den 34 Prozent der im Westen aufgewachsenen Teilnehmer seien inzwischen 36 Prozent in den Osten gezogen.
Für 77 Prozent der Umfrageteilnehmer sei „die Zugehörigkeit zu ihrem Ort oder ihrer Region wichtiger als die Einordnung in Ost oder West“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Allerdings sähen 92 Prozent „weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Ost und West“. Zugleich fänden 87 Prozent der Befragten, „dass die Ostdeutschen auf das seit 1990 Erreichte stolz sein können“.
Die Zusammenführung der beiden ehemaligen deutschen Teilstaaten ging maßgeblich von den Bürgern der DDR aus. Denn: Aufgrund von Bürgerprotesten und Massenflucht in Ostdeutschland brach im Herbst 1989 die DDR zusammen und öffnete am 9. November die Grenzen zum Westen. In den Folgemonaten wurde zwischen beiden deutschen Staaten und den vier Alliierten des Zweiten Weltkrieges – USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich – die Vereinigung ausgehandelt und am 3. Oktober 1990 formal vollzogen. Seither ist dieses Datum Nationalfeiertag und heißt Tag der Deutschen Einheit.
Zudem sind 84 Prozent der Umfrageteilnehmer davon überzeugt, dass „der Blick auf Ostdeutschland“ auch vom Alter abhänge. Die Frage „Wird Ostdeutschland in den Medien angemessen dargestellt?“ verneinten 77 Prozent der Teilnehmer.

Osten in der „Tagesschau“ ein „politisches Konfliktfeld“

Diese subjektive Wahrnehmung der Umfrageteilnehmer decke sich mit einer wissenschaftlichen Auswertung der journalistischen Beiträge der ARD-Sendung „Tagesschau“, gab Professor Olaf Jacobs, Geschäftsführer von Hoferichter & Jacobs, bekannt. Untersucht wurde, wie häufig Ost- und Westdeutschland in den 20-Uhr-Nachrichten vorkommen und mit welchen Themen sie verbunden werden.
„Ostdeutschland ist in der Tagesschau gemessen an der Bevölkerungsgröße quantitativ deutlich stärker präsent als Westdeutschland“, sagte Jacobs. „Westdeutschland erscheint eher als Wirtschaftsregion, Ostdeutschland eher als politisches Konfliktfeld.“
Und weiter: Werde ein ostdeutsches Bundesland genannt, stehe „in 24 Prozent der untersuchten Nachrichtenpassagen ein Thema der Kategorie ‚rechte Ideologie‘ im Fokus des Beitrags“. Bei westdeutschen Ländern liege dieser Anteil nur bei 5 Prozent, so Jacobs.

Nur jeder Zehnte hält Deutschland für geeint

Bundesweit halten laut einer weiteren Befragung nur 10,7 Prozent Deutschland für ein geeintes Land. Im Westen glauben 50,5 Prozent, Deutschland sei nicht geeint, im Osten sind es 50,3 Prozent. Zu diesem Ergebnis kam vor Kurzem das Bremer Marktforschungsunternehmen smart insights. Die Ergebnisse wurden am Montag, 28. September, als Pressemitteilung auf dem Portal „businessportal24“ veröffentlicht. An der Online-Befragung zur deutschen Einheit hätten im Zeitraum vom 3. bis 9. September insgesamt 1.044 Personen im Alter von 16 bis 75 Jahren aus ganz Deutschland teilgenommen.
Die stärksten wahrgenommenen Unterschiede verliefen jedoch „nicht geografisch“, sondern entlang von Einstellungen. Bei den Themen Migration und Integration hätten 50,6 Prozent der Teilnehmer Unterschiede wahrgenommen, fast ebenso viele, 50,5 Prozent, bei „politischen Gegensätzen“. 32,2 Prozent fühlen sich in erster Linie als Bundesbürger, 22 Prozent in erster Linie als Europäer. Explizit als Ostdeutsche sehen sich im Osten 19,7 Prozent, als Westdeutsche im Westen nur 2,5 Prozent.
Deutschland lasse sich „nicht auf eine einfache Ost-West-Erzählung reduzieren“, schlussfolgert Tobias Recke, Geschäftsführer von smart insights. Bei der Frage, was den Menschen wichtiger sei – etwa Freiheit oder innere Sicherheit, Tradition oder Veränderung, Wohlstand oder Nachhaltigkeit –, „liegen Ost und West erstaunlich nah beieinander“, so Recke.

Wenig Bereitschaft zum Feiern

Der Politikwissenschaftler Professor Werner Patzelt, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich an der Technischen Universität Dresden, sieht derzeit wenig Bereitschaft der Deutschen zum Feiern.
In einem Statement für Epoch Times schreibt er: „Die deutsche Einheit ließ sich selten als etwas fraglos Bestehendes feiern. Doch feiern ließ sich immer wieder eine Bereitschaft, sich als zusammengehörende Deutsche zu empfinden sowie das dennoch Trennende gerade nicht zu betonen. An solcher Bereitschaft fehlt es derzeit sehr.“
Er meint, dass nach Meinung vieler „die angeblich gar nicht bestehende deutsche Kultur“ durch eine multikulturelle sowie multiethnische Gesellschaft ersetzt werden solle, wozu am besten eine bedingungslose Zuwanderung beitrage.
„Zudem ziehen Deutsche eine strenge Grenze zwischen den sogenannten Anständigen unter ihnen, also den Grünlinken und allenfalls gerade noch Mittigen, sowie den ‚Rechten‘, denen unterstellt wird, dass sie zwischen Populismus und Extremismus schillerten“, sagt Patzelt und kommt zu dem Schluss: „Unter solchen Umständen ist allenfalls der Besitz eines gemeinsamen Passes samt Diversität deutscher Lebensstile zu feiern, nie aber aufrichtig empfundene Liebe zum eigenen Land und zu dessen Leuten. Der Tag der Deutschen Einheit wird deshalb erneut zu einem der innerdeutschen Antipathie.“

Weidel: Einheit eine „Erfolgsgeschichte“

Epoch Times hat im Vorfeld alle Spitzen der im Bundestag vertretenen Parteien um ein Statement zum Tag der Deutschen Einheit gebeten.
Einzig die AfD-Bundessprecherin Alice Weidel hat geantwortet: „Die Deutsche Einheit ist und bleibt eine echte Erfolgsgeschichte der Demokratie. Die Einigkeit der Nation muss stets die Freiheit als grundlegendes Narrativ haben“, schreibt Weidel. Die AfD sei die gesamtdeutsche Partei, die sich für die Einheit und Freiheit aller Deutschen einsetze. Gerade in Zeiten, in denen „eine Brandmauer seitens der Union eine fürs deutsche Volk beste Politik verhindert, wird der Souverän, das deutsche Volk, eine weitere Mauer einreißen“, so die AfD-Spitzenpolitikerin.

„Armutszeugnis“ über Festreden

Zum Tag der Deutschen Einheit gibt es traditionell zahlreiche Festreden aus der Politik. Reihum richtet jedes Jahr jenes Bundesland, das im Bundesrat den Vorsitz führt, die zentralen Feierlichkeiten aus. Dieses Jahr ist es Bremen. Eine Anfrage von Epoch Times, was das Land Bremen genau zur deutschen Einheit beitragen wolle oder könne, ließ Andreas Bovenschulte (SPD), Bürgermeister und Präsident des Senats, unbeantwortet.
In den vergangenen Jahren gab es in den Medien des Öfteren Kritik an Politikerreden. Der Neubrandenburger „Nordkurier“ etwa titelte 2025 über die Reden beim zentralen Festakt im Saarland: „Ein erbärmliches Armutszeugnis, über das Ostdeutsche nur den Kopf schütteln“. Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ titelte im Jahr 2023 gar: „Der verlogenste Tag der deutschen Einheit“.

Kritik an mangelnder Neutralität des Bundespräsidenten

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), der noch bis zum 18. März 2027 im Amt sein wird, stand in den vergangenen beiden Jahren besonders in der Kritik, vor allem aufgrund seiner Äußerungen zum Wahlverhalten in Ostdeutschland. Steinmeier hatte sich mehrfach kritisch über das Wahlverhalten in Ostdeutschland geäußert, ohne die AfD explizit zu nennen. Kritiker werfen ihm vor, damit seine verfassungsmäßige Neutralitätspflicht zu verletzen. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki etwa urteilte im Jahr 2025 über Steinmeiers Aussagen im Vorfeld von Wahlen, diese seien „historisch falsch“ und eine „Frechheit“.
Kurz vor der diesjährigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag, 6. September, bei der die AfD stärkste Kraft wurde, hatte Steinmeier erneut gewarnt: „Völkisches Denken und nationalistische Abschottung sind keine Antwort auf globale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.“ Dies berichtete die „WELT“. Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie müssten vor jenen geschützt werden, „die all das verachten und mit Füßen treten“, sagte das Staatsoberhaupt demnach, ohne die AfD beim Namen zu nennen.
Dazu Professor Patzelt: „Hilfreich wäre ein Bundespräsident, der versöhnen kann und nicht zur Spaltung beiträgt.“
Categories
gesellschaft meinung ticker

Fremdbetreut – ein Auszug aus dem Buch „Die Wochenkinder“

Ein Auszug aus dem Buch „Die Wochenkinder: Frühe Trennung, späte Folgen“ von Alexander Teske:

Kuscheln verboten

Noch heute, nach 55 Jahren, kennt Ruth die Namen vieler Kinder, die sie damals betreut hat. Auch die Gesichter stehen ihr noch immer vor Augen.
Zum Beispiel das von Heiko. Er hat eine dunkle Hautfarbe. Ruth vermutet, dass er einen ausländischen Vater hat. Heiko hat viele dunkle Haare, bewegt sich ungern, ist sehr kräftig und schwer. Seine Mutter kommt fast jeden Tag vorbei. Sie ist alleinerziehend, hat zwei weitere Kinder. Ruth glaubt, dass sie Heiko nicht freiwillig in die Wochenkrippe gibt.
Die Mutter schaut oft durch die Fenster im Garten in die Krippe, um ihren Sohn kurz sehen zu können. Wenn Heiko sie sieht, beginnt er vor Sehnsucht zu weinen. Daraufhin wird der Mutter verboten, zwischendurch zur Krippe zu kommen. Ihr wird gesagt: „Wir können uns besser um dein Kind kümmern.“ In Wahrheit erhält Heiko wenig Aufmerksamkeit, hinkt in seiner Entwicklung deutlich hinterher. Die Erzieherinnen haben Lieblingskinder, um die sie sich gern und oft kümmern. Heiko gehört nicht dazu. Er ist eines der stillen Kinder, die wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dabei ist Heiko ein fröhliches Kind. Ruth fragt sich, was aus Heiko und den anderen Kindern geworden ist. Manchmal träumt sie von damals.
Ruth wollte nach der zehnten Klasse etwas mit kleinen Kindern machen. Sie hat rosarote Vorstellungen, stellt sich die Arbeit schön vor. Nun ist sie unverhofft in der Wochenkrippe gelandet. Bei der dreijährigen Ausbildung an der Medizinischen Fachschule wird den Lehrlingen die Betriebsstätte zugeteilt. Ruth findet die Atmosphäre bedrückend. Die Säuglinge liegen vor allem in ihren Betten. Viele Kinder in einem Raum. Das jüngste ist 20 Wochen alt. Es war für sie vorher unvorstellbar, dass ein Kind in diesem Alter so lange in der Krippe bleibt. Die Kinder tun ihr leid.
Wenn sie sich heute das Foto eines Schlafsaals ansieht, denkt Ruth: „Wie furchtbar!“ Wie früher auf der Isolierstation im Krankenhaus. Auch hier dürfen die Eltern nicht hinein. Im Vergleich zu heute fällt Ruth die kalte Nüchternheit der Räume auf, das Sterile. „Da war nichts Buntes, wie es heute in Kindergärten üblich ist. Selbst in den Tageskrippen gab es mehr Spielzeug“, sagt sie. Ruth ist damals 16 Jahre alt. 1970 beginnt sie im Leipziger Stadtteil Stötteritz ihre praktische Ausbildung als Krippenerzieherin. Die Krippe ist der Karl-Marx-Universität angeschlossen, hier geben Studenten und Dozenten, aber auch Journalisten ihre Kinder ab. Sie müssen am Eingang klingeln und warten. Dann kommt eine Erzieherin, nimmt ihnen das Kind an der Eingangstür ab und schließt die große Glastür wieder. Manche Kinder klammern sich vor der Tür an ihre Eltern, müssen gewaltsam getrennt werden.
Die Erzieherin entkleidet das Kind, verstaut die privaten Sachen in einer Kiste und zieht ihm die Einheitssachen der Krippe an. Persönliche Gegenstände wie einen Teddy, eine Puppe, eine Rassel oder einen Beißring haben die Kinder nicht. Am Freitag wiederholt sich das Ritual – in umgekehrter Reihenfolge. Das Kind erhält seine privaten Sachen zurück und wird an der Tür den Eltern oder Großeltern übergeben. Manchmal werden Kinder auch nicht abgeholt. Dann nimmt eine Erzieherin sie mit nach Hause. Sind es mehrere Kinder, wird ein Notdienst in der Krippe eingerichtet.
In der Fachschule stehen für Ruth Fächer wie Deutsch, Staatsbürgerkunde, Russisch, Psychologie, Gesundheitslehre, Hygiene und Pädagogik auf dem Lehrplan. Nach zehn Tagen Theorie arbeitet sie als Lehrling vier Tage in der Wochenkrippe. In den Ferien jeden Tag. Jedes Mal tauscht sie ihre zivile Kleidung gegen einen weißen Kittel. Sie wird für das Erdgeschoss eingeteilt, wo die Säuglinge und die Krabbler betreut werden. Als Krabbler werden Babys bezeichnet, die bereits krabbeln können und mindestens neun Monate alt sind.
Sie erinnert sich, dass sich die älteren Erzieherinnen oft untereinander unterhalten. Was sie abends gemacht haben oder was es gerade wieder nicht in den Geschäften zu kaufen gibt. Aber keine Pflegerin spricht ein Baby direkt an oder beschäftigt sich intensiv mit ihm. Auch erhalten sie keine persönliche Zuneigung. Die Babys scheinen daran gewöhnt, nur selten weint eines. Meist liegen sie stumm in ihren Betten und starren vor sich hin.
Wenn Ruth ein Baby aus Mitleid hochnimmt und umarmt, sagen die Ausbilderinnen, sie solle das bleiben lassen. Sonst würden sich die Babys noch daran gewöhnen. Sie nehmen ihr den Säugling aus den Armen und legen ihn zurück ins Gitterbett oder in die Spielebox. Auch beim Spielen soll sie sich nicht zu lange oder zu aufmerksam mit einem Kind beschäftigen. Ruth gehorcht.
Ruth erzählt das heute alles in einem schnellen Gedankenfluss. Das Erlebte möchte endlich ins Freie. Ihre Hand unterstützt sie dabei. Ohne Pause wirbelt sie durch die Luft, während die ehemalige Erzieherin ruhig im Sessel sitzt. Sie hat kurze braune Haare und eine dicke, große Brille mit Ecken. Ihre Augen schauen mich immer direkt an. Auf ihrem beigen Oberteil sind weiße und schwarze Blumen gedruckt. Ruth redet im sächsischen Dialekt, diesem weichen, melodischen Singsang. Nur manchmal macht sie eine kurze Pause, weil sie schlucken muss.
Die Kinder, mit denen sie es damals mehrfach zu tun hat, bauen im Laufe der Zeit eine persönliche Bindung zu ihr auf. Bereits wenn sie Ruth sehen, strahlen und zappeln sie. Aber sobald das den anderen älteren Erzieherinnen auffällt, wird es unterbunden. Es werden ihr andere Kinder zur Beschäftigung, zur Hilfe beim Essen und zum Windelwechseln zugewiesen.
Die Auszubildende beobachtet, wie ein Kind immer wieder versucht, aufzustehen und zu laufen. Wiederholt fällt Annette hin. Schließlich hilft Ruth ihr und übt mit dem Kind das Laufen. Bis sie wieder ermahnt wird, dies zu unterlassen. Am Freitag wird Annette schließlich von ihrer Mutter abgeholt und läuft ihr entgegen. Erst heute realisiert Ruth, wie merkwürdig es ist, die ersten Schritte des Kindes nicht mitzuerleben, wie es sich für eine Mutter anfühlt, wenn eine Erzieherin sagt: „In dieser Woche hat Annette Laufen gelernt.“
In ihrer Erinnerung liegen die Säuglinge fast den ganzen Tag in ihren Gitterbetten. Nur ab und zu werden sie gewindelt, gewaschen, gefüttert oder kommen kurz in die Spielebox. Wenn sie nicht schlafen, dösen sie vor sich hin. Die älteren Kinder erhalten mehr Anregung, werden aber zu einem langen Mittagsschlaf hingelegt. Zum Einschlafen wird weder ein Lied vorgesungen noch ein Bilderbuch angesehen. Nur selten protestieren die Kinder oder weinen.
Weil sie zu oft querschießt, wird Ruth bald gemaßregelt. Zur Strafe muss sie im kalten Keller Stoffwindeln ausbürsten. Diese werden damals noch per Hand vorgereinigt, ehe sie eingeweicht und gekocht werden.
Der Grund für die Bestrafung: Ruth hat kritisiert, dass einige Erzieherinnen sich das pürierte Obst aus der Küche in mitgebrachte Gläser abfüllen und mit nach Hause nehmen. Dabei ist das Obst für die Kinder gedacht. Es soll ihrem Brei beigemischt werden, damit sie Vitamine bekommen. Doch manche Obstsorten sind vor allem in den Städten der DDR Mangelware und dementsprechend begehrt.
In der Waschküche tauscht sie sich mit einem älteren Lehrling aus. Auch diese berichtet, mit einem Kind das Malen geübt zu haben. Auch sie wird deutlich ermahnt, dies nicht zu tun. „Die hatten vermutlich Angst, dass man zu viel Nähe aufbaut. Die Devise war: satt, trocken und sauber“, sagt Ruth.
Alexander Teske
Langen Müller Verlag
21. September 2026
Taschenbuch
272 Seiten

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Categories
etplus gesellschaft ticker

DDR-Wochenkrippen: „Das Kollektiv stand über dem Individuum“

In der DDR wurden Millionen Kinder kurz nach der Geburt in Krippen zur Tagesbetreuung gegeben. In sogenannten Wochenkrippen und -heimen waren Kleinkinder von Montag bis Freitag untergebracht, um den Müttern eine Berufstätigkeit im sozialistischen Staat zu ermöglichen. Epoch Times sprach mit dem Bestsellerautor und Journalisten Alexander Teske, der selbst in einer solchen Einrichtung untergebracht war, über sein neues Buch „Die Wochenkinder: Frühe Trennung, späte Folgen”.

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

Manche Stimmen, so schreiben Sie selbst in Ihrem Buch, wollten Sie davon abhalten. Warum haben Sie es trotzdem geschrieben?
Dieses Thema ist mir ein absolutes Herzensanliegen. Natürlich glaube ich nicht, dass alles Unglück in meinem Leben auf die DDR-Wochenkrippe zurückzuführen ist. Aber natürlich hat sie uns geprägt. Im Laufe der Zeit habe ich sehr viele andere Wochenkinder kennengelernt und gemerkt, wie schwer traumatisiert sie teilweise sind und dass sie nicht gehört werden. Mit dem Buch wollte ich ihnen eine Stimme geben.
Ich möchte, dass sich die Menschen mit den Lebensgeschichten auseinandersetzen. Therapeuten sollen davon erfahren, denn viele Betroffene waren zum Beispiel 20 Jahre in Therapie, ohne dass das Thema je angesprochen wurde, weil der Therapeut es nicht kannte. Ich möchte auch erreichen, dass Gelder für die Forschung in diesem Bereich bereitgestellt werden. Das gibt es eben auch nur, wenn ein Thema gesellschaftlich relevant ist. Außerdem wollte ich, dass das Thema in den Medien breit diskutiert wird, damit das Verständnis füreinander wächst – auch zwischen Ost und West. Denn es gibt noch sehr viel Unverständnis füreinander.
Studien zeigten früh die Nachteile. Warum hielten die Entscheidungsträger trotzdem am System fest?
Es gab damals recht schnell Studien zum Zustand der Kinder in Wochenkrippen. Sie zeigten, dass Kinder dort nicht gut aufgehoben waren. Im Vergleich zu Tageskrippen und noch mehr im Vergleich zu Kindern, die zu Hause aufwuchsen, entwickelten sie sich motorisch und verbal schlechter. Zudem waren die Kinder viel häufiger krank.
Ich erkläre mir das zum einen mit einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die sowjetisch besetzte Zone, später DDR, war viel stärker von Reparationen betroffen als die Westzonen. Millionen gut ausgebildeter Menschen wanderten daraufhin nach Westdeutschland aus – bis zum Mauerbau. Die DDR wollte das ökonomisch auffangen, indem sie die Arbeitskraft der Frauen nutzte. Dies wurde als Gleichberechtigung dargestellt. In Wirklichkeit mussten sich die Frauen zusätzlich um die Hausarbeit und die Kindererziehung kümmern und besetzten trotzdem keine Entscheiderpositionen. Schließlich arbeiteten 90 Prozent der Frauen in der DDR.
Daher mussten Betreuungsplätze geschaffen werden. Anfangs schaffte es die DDR jedoch nicht, allen einen Tageskrippenplatz anzubieten. Wochenkrippen sollten dies ausgleichen und dienten der Kinderbetreuung für Schichtarbeiterinnen, aber auch für die privilegierte Führungsschicht aus Partei- und Staatsfunktionären sowie für Kulturschaffende. Sie sollten sich auf den Aufbau des Sozialismus konzentrieren können, ohne sich um die Kindererziehung kümmern zu müssen.
Es gab auch sehr kritische Stimmen innerhalb der DDR. So schlugen DDR-Forscherinnen Alarm. Sie wurden jedoch mundtot gemacht. Ihre Studien verschwanden in der Schublade und ihnen wurde mit einem Karriereende gedroht. Dann fügten sie sich.
Zum anderen gab es natürlich auch ideologische Gründe. Das kann man bei Karl Marx und den Vordenkern des Sozialismus nachlesen. Die Familie galt als bürgerliche Keimzelle, die es zu überwinden und zu zerschlagen galt. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, war, die Kinder in Institutionen zu geben, sie dort fremdbetreuen zu lassen und auch ideologisch zu beeinflussen. Das begann in der Wochenkrippe und setzte sich in Sportinternaten bis hin zu perfiden Einrichtungen wie dem Jugendwerkhof fort.
Wie muss man sich einen typischen Tagesablauf in einer Wochenkrippe vorstellen?
Es gab strenge Pläne des Gesundheitsministeriums, später dann des Bildungsministeriums. Die Pläne wurden sklavisch eingehalten. Um 6 Uhr wurden die Kinder geweckt, um 06:20 Uhr gefüttert und um 06:40 Uhr gewickelt. Danach ging es in das Laufgitter. Den Erzieherinnen blieb nur wenig Zeit, um sich um die Kinder zu kümmern, eine individuelle Betreuung war nicht möglich. Zunächst kümmerte man sich um die Kinder, die am lautesten waren.
Es war praktisch Akkordarbeit. Wenn ein Kind in die Hose machte, musste es warten, bis wieder Wickelzeit war. Wenn es Hunger hatte, musste es warten, bis es etwas zu essen gab. Und umgekehrt: Wenn ein Kind noch keinen Hunger hatte, musste es trotzdem essen.
Offiziell war der Betreuungsschlüssel eins zu vier, also vier Säuglinge auf eine Betreuerin. Aus den Akten wissen wir jedoch, dass dieser Betreuungsschlüssel häufig nicht eingehalten werden konnte. Die Einrichtungen waren überbelegt, da es zu wenige Plätze und zu viele Kinder gab. Auf dem Papier sollte jedes Kind nur eine Bezugsperson haben, doch 90 Prozent der Kinder hatten ständig wechselnde Bezugspersonen.

In den DDR-Wochenkrippen herrschte ein strenger Ablauf. Eine individuelle Betreuung gab es nicht.

Foto: BVG Archiv

Welche konkreten Nachwirkungen zeigen sich bei den Betroffenen aufgrund der Zeit in der Wochenkrippe?
Dazu gibt es nur eine einzige Studie der Universität Rostock. Diese hat ergeben, dass 92 Prozent der Betroffenen mindestens eine psychische Diagnose im Laufe ihres Lebens hatten – also etwa doppelt so viele wie in der Normalbevölkerung.
Ehemalige Wochenkinder gehören überproportional oft zu den Menschen mit unsicherer Bindung. Sie haben doppelt so häufig Probleme, langfristige, gesunde Beziehungen zu führen. Einige von ihnen haben vier oder mehr psychische Diagnosen im Laufe ihres Lebens, darunter schwere Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Angststörungen. Vieles blieb jedoch im Dunkeln. Denn an dieser Studie haben nur Betroffene teilgenommen, die sich freiwillig gemeldet haben.
Viele Betroffene haben ein sehr normales Leben geführt und waren durchaus leistungsbereit. Deshalb hört man oft den Spruch: „Aus euch ist ja was geworden, es hat euch nicht geschadet.“ Doch nach 50 oder 60 Lebensjahren holt die eigene Biografie diese Menschen dann ein und die damaligen Erlebnisse beschäftigen sie stark. Dann versuchen sie, mit ihren Eltern, soweit das noch möglich ist, darüber ins Gespräch zu kommen, und sie fragen sich auch: Was habe ich möglicherweise an meine eigenen Kinder weitergegeben?
Sowohl im Nationalsozialismus als auch im Sozialismus wurde das Kind primär als künftiges Werkzeug des Staates und nicht als eigenständiges Subjekt betrachtet. Sehen Sie dadurch Nachwirkungen in unserer Gesellschaft?
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Töpfchendebatte von Herrn Pfeiffer. Der Kriminologe Christian Pfeiffer hatte in den 1990er-Jahren behauptet, im Osten seien viele rechtsradikal, weil sie alle zur gleichen Zeit kollektiv aufs Töpfchen hätten gehen müssen. Das war natürlich stark verkürzt und hat viel kaputtgemacht, weil es in dieser Einfachheit schlichtweg falsch ist. Aber ein Körnchen Wahrheit ist natürlich dran, denn das Aufwachsen in einer Diktatur hat uns geprägt und ist nicht spurlos an uns vorübergegangen.
Darum gibt es im Osten starke Abwehrreflexe gegen Kritik und Aufarbeitung. Dann heißt es schnell: „Jetzt willst du die DDR wieder schlechtmachen.“ Das ist überhaupt nicht mein Anliegen. Wir sollten einfach darüber sprechen und das Verständnis füreinander erhöhen.
Im Westen gibt es ein großes Unverständnis, wenn man in den Osten schaut, beispielsweise über die aktuellen Wahlergebnisse. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir nicht in einer Demokratie aufgewachsen sind. Das Familienbild war ein anderes, die Kirchen hatten weniger Einfluss und vieles mehr. Ein Mosaiksteinchen ist dabei auch die Kinderbetreuung und das dabei vermittelte Bild. Die DDR wollte Menschen, die funktionieren. Das Kollektiv stand über dem Individuum. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen.
Wie erklären Sie sich den unterschiedlichen Blick auf die Wochenkrippen bei Menschen mit Ostbiografie? 
Das hängt natürlich immer damit zusammen, wie sehr man sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Habe ich Therapieerfahrung? Wie sehr bin ich bereit, mein Leben aufzuarbeiten? Ich war ja auch bei prominenten Wochenkindern, zum Beispiel bei dem Schauspieler Jan Josef Liefers. Er nennt es, in die „Dreckecken seiner Seele“ zu schauen.
Oder bin ich eher der Typ „Verdrängung“? Ich möchte auch niemandem ein Trauma einreden. Das gleiche Erlebnis prägt Kinder unterschiedlich. Manche hatten wenigstens am Wochenende ein liebevolles Umfeld zu Hause, andere nicht. Letztere waren in der Krippe vielleicht sogar besser aufgehoben. Für die meisten Kinder wäre es aber natürlich besser gewesen, wenn sie zu Hause aufgewachsen wären.
Die Abwehrreflexe hängen vermutlich damit zusammen, wie nah ich dem SED-System gestanden habe, ob ich beispielsweise selbst Erzieherin war und jetzt meine Lebensleistung angegriffen sehe. Auch Mütter von damals fühlen sich natürlich angegriffen. Wenn ich mein Kind früh in die Krippe gegeben habe, neige ich natürlich dazu, zu sagen: „Es ging nicht anders, das war normal, das haben alle gemacht.“
Denn es ist sehr schmerzhaft, sich Fehler einzugestehen. Ich wünsche allen, dass sie darüber ins Gespräch kommen können, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Leider ist es so, dass man bestimmte Dinge nicht wiedergutmachen kann. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist häufig zerbrochen. Es fehlt das liebevolle, herzliche Verhältnis.
Gibt es nach dem Prozess der Aufarbeitung und Auseinandersetzung etwas Wertvolles, für das Sie dankbar sind?
Es gibt den bekannten Spruch: „Was dich nicht umbringt, macht dich stark.“ Tatsächlich kann das Aufwachsen in einer Diktatur einen natürlich auch sehr stark und sehr resilient machen. Es hat mich dazu angeregt, über verschiedene Dinge intensiv nachzudenken und natürlich dankbar zu sein für das, was funktioniert. Ich bin sehr dankbar, dass es mir trotz allem gelungen ist, ein relativ glückliches Leben zu führen. Und ich wünsche allen Betroffenen, dass ihnen das auch gelingt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Erik Rusch.

Foto: Langen Müller Verlag, Canva; Montage: Epoch Times

Alexander Teske
Langen Müller Verlag
21. September 2026
Paperback
272 Seiten
Categories
deutschland gesellschaft ticker

Vorwürfe aus Zeit als DDR-Grenzoffizier: Polizeigewerkschafter Hüber tritt zurück

Der wegen Vorwürfen aus seiner Zeit als Offizier der DDR-Grenztruppen in der Kritik stehende stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Sven Hüber, ist zurückgetreten.
Hüber begründete seinen Schritt in einer am Mittwoch, den 26. August, von der GdP verbreiteten Erklärung damit, die Anschuldigungen von der Gewerkschaft abwenden zu wollen. Die Vorwürfe wies er zurück und bezeichnete sie als rufmordähnlich.
„Ich trete mit sofortiger Wirkung von meinem Amt zurück, weil es derzeit mehrere von mir angestrengte rechtliche und gerichtliche Prüfungen gegen erhobene mediale verunglimpfende und rufmordähnliche Vorwürfe vor meinem Dienst in der Bundespolizei und vor der GdP gibt“, hieß es in der Erklärung.
Während der gerichtlichen Auseinandersetzung über die Anschuldigungen wolle er die GdP davon fernhalten.

GdP kündigt rechtliche Schritte an

Der Rücktritt erfolgte mit sofortiger Wirkung. Die GdP erklärte, „weiterhin im Zusammenhang mit Falschbehauptungen, Bedrohungen und verzerrten Veröffentlichungen“ straf- und zivilrechtlich gegen die Urheber der Beiträge vorgehen zu wollen.

Vorwürfe aus DDR-Zeit

Das rechtsgerichtete Portal Apollo News hatte unter Berufung auf die eidesstattliche Versicherung eines Zeugen berichtet, dass Hüber Ende der 80er Jahre als DDR-Grenzoffizier einen Gefangenen misshandelt habe. Außerdem habe er die Durchsetzung des Schießbefehls an der Grenze zu Westdeutschland aktiv propagiert.

Ostdeutscher Grenzsoldat (Symbolbild)

Foto: Aliaksandr Litviniuk / iStock

Hüber bereits zuvor in der Kritik

Hüber war zuvor innerhalb der GdP wegen eines Artikels zu den Folgen einer möglichen AfD-Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt in die Kritik geraten.
Im Mitgliedermagazin der Gewerkschaft diskutierte er die Frage, was im Fall einer Übernahme des für die Polizei zuständigen Innenministeriums in Sachsen-Anhalt durch die AfD passieren könne.
Dabei schrieb Hüber in seiner Funktion als GdP-Vizechef mit Blick auf die in dem Bundesland vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD, Polizisten könnten kraft ihres Eids keine solche Partei wählen oder diese unterstützen. Außerdem rief er dazu auf, dass Polizisten unter Umständen Widerstand gegen eine AfD-Regierung leisten müssten.
Mehrere GdP-Landesverbände distanzierten sich anschließend von Hüber. Die Vorwürfe aus seiner Zeit als Grenzoffizier der DDR wurden nach der Kontroverse um seinen Artikel erhoben. (afp/red)
Categories
deutschland ticker

13. August: 65 Jahre Mauerbau | Problematik mit Niedrigwasser | Wagenknecht lehnt Höcke-Angebot ab

An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. Bitte akzeptieren Sie mit einem Klick auf den folgenden Button die Marketing-Cookies, um das Video anzusehen.

65 Jahre Mauerbau

Heute jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 65. Mal. 28 Jahre lang teilte sie die Stadt. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt warnte vor einer Verharmlosung und Romantisierung der DDR. Evelyn Zupke, SED-Opferbeauftragte des Bundestages, forderte eine dauerhafte finanzielle Unterstützung für Opfer des DDR-Zwangsdopings. Im Interview mit Epoch Times schildert einer der erfolgreichsten Fluchthelfer, wie er mindestens 950 Menschen zur Flucht nach West-Berlin verhalf.

Problematik mit Niedrigwasser

Rumänien schaltet das Kernkraftwerk Cernavoda komplett ab, da der Wasserstand für die Kühlung nicht ausreicht. Dadurch sind 20 Prozent des rumänischen Stroms betroffen. Im Interview mit Epoch Times schildert ein Kapitän direkt vom Rhein die Situation vor Ort und warum die Probleme in Deutschland teilweise hausgemacht seien.
Zum Artikel

Wagenknecht lehnt Höcke-Angebot ab

AfD-Fraktionschef Björn Höcke hat Sahra Wagenknecht angeboten, sie zur Ministerpräsidentin von Thüringen zu wählen. Wagenknecht wies das Angebot als unseriös zurück. Sie betonte aber zugleich, dass Mario Voigt als Ministerpräsident das Vertrauen aufgrund der Aberkennung des Doktorentitels verloren habe.

Pleitewelle und Konjunktur

Im ersten Halbjahr 2026 gab es laut Creditreform 12.900 Firmeninsolvenzen. Bis 2027 erwarten Analysten einen weiteren Anstieg. Das Wirtschaftsministeriums meldete hingegen, die Wirtschaft habe sich „günstiger entwickelt, als zu erwarten war“. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im Juni um 0,2 Prozent.

Waldbrände in Deutschland

Nahe Düsseldorf läuft seit gestern ein Großeinsatz der Feuerwehr. 150 Menschen wurden bei Kaarst aus einem Zug evakuiert. Auch im Sauerland, Hessen und bei Plauen bestehen Waldbrände. Berlin, Brandenburg und Niedersachsen melden derweil steigende Waldbrandgefahr.
 
Categories
deutschland ticker

SED-Opferbeauftragte fordert dauerhafte Hilfe für Zwangsdoping-Opfer

Die SED-Opferbeauftragte des Bundestags, Evelyn Zupke, fordert eine dauerhafte finanzielle Unterstützung für Opfer des DDR-Zwangsdopings. Sie sagte, „es wäre gut, wenn dazu noch dieses Jahr ein Gesetzentwurf vorgelegt würde.“
„Dabei geht es um Menschen, die als Minderjährige vom Staat für den Leistungssport missbraucht wurden und bis heute unter schweren gesundheitlichen Folgen leiden. Aus meiner Sicht braucht es für sie endlich eine klare gesetzliche Regelung und eine dauerhafte monatliche Unterstützung“, sagte Zupke der „Rheinischen Post“ anlässlich des 65. Jahrestags des Mauerbaus.

Unrecht nicht in Vergessenheit geraten lassen

Zudem forderte Zupke mehr Beachtung für Gruppen, „die bislang nur wenig Aufmerksamkeit erhalten und die mehr Unterstützung bekommen sollten“.
Zu ihnen zählt Zupke Menschen, die in der DDR „über den sogenannten Asozialen-Paragrafen verfolgt wurden, oder Frauen und Mädchen, die unter dem Vorwand gynäkologischer Behandlungen weggesperrt und misshandelt wurden“.
Es müsse darum gehen, das „erlittene Unrecht genauer aufzuarbeiten und zu klären, wie betroffenen Menschen heute besser geholfen werden kann“.
Neben dem Gesetzgeber sieht Zupke auch Unternehmen in der Pflicht, die von der Zwangsarbeit politischer Gefangener in der DDR profitierten.
„Manche erzählen von gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten unter unmenschlichen Bedingungen“, sagte Zupke mit Blick auf die Opfer.
„Ich finde deshalb, dass sich gerade große Konzerne diesem Teil ihrer Geschichte stellen sollten. Sie könnten dazu beitragen, dass dieses Unrecht nicht in Vergessenheit gerät“, so die SED-Opferbeauftragte. Derzeit sei sie mit dem Unternehmen Otto im Gespräch. „Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Zupke. (dts/red)
Categories
deutschland ticker

Göring-Eckardt: Verharmlosung der DDR ist gefährlich

Die ehemalige Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion und spätere Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sieht in den fortbestehenden materiellen Ost-West-Unterschieden und einer Verharmlosung der DDR eine Gefahr für die Demokratie.
„Mit dem Mauerbau-Jubiläum verbindet sich mehr als nur Geschichte“, sagte die aus Thüringen stammende Grünen-Politikerin dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ zum 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. „Denn auf verschiedenen Karten von heute kann man anhand von sozio-ökonomischen Daten immer noch den alten Mauerverlauf erkennen.“

Unterschiede von Ost und West

So habe Westdeutschland weiterhin ein enormes Übergewicht beim Eigentum, bei Löhnen und Gehältern, bei Erbschaften oder auch bei Stiftungsgeldern. „Zugleich bestehen die Verharmlosung und Romantisierung der DDR fort. Das ist gefährlich.“
Überdies sei die Mauer 1989 zwar „zum Einsturz gebracht worden“, so Göring-Eckardt. „Wir erleben aber, dass diese Selbstbefreiung in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielt. Deshalb kann die AfD behaupten, dass es in der DDR doch eigentlich ganz schön war – und heute eine Diktatur herrsche, in der man nicht mehr sagen kann, was man will.“
Sie mahnte deshalb: „Wir müssen uns mit der Diktaturgeschichte auseinandersetzen – und uns klarmachen, dass die strukturellen Unterschiede fortbestehen und sich politisch auswirken.“
Allerdings dürfe man AfD-Wähler „auch nicht in Schutz nehmen. Denn sie können wissen, was Diktatur bedeutet und wie sich Faschismus für jeden Einzelnen und am Ende für sie selbst auswirkt.“

Operbeauftragte des Bundes: „Schmerzhafte Erfahrungen“

Auch die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke warnt vor einer zunehmenden Verklärung der DDR. „Einigen erscheint die DDR zunehmend schöner, je länger sie zurückliegt“, sagte Zupke der „Rheinischen Post“. „Dabei wird ausgeblendet, wie das Leben in der DDR tatsächlich war.“
In der DDR hätten Menschen, „die Widerspruch geäußert oder sich nicht angepasst haben“, sehr gelitten, sagte Zupke. „Bei den Opfern wirken diese Erfahrungen bis heute nach.“
Der Opferbeauftragten des Bundestages zufolge wurde die Übergangszeit nach der Wiedervereinigung für einige frühere DDR-Bürger von „schmerzhaften Erfahrungen“ überlagert. „Diesen Erfahrungen wurde oft nicht genug Raum gegeben. Und vieles davon wird bis heute über Generationen weitergegeben.“
„Wenn dann kein Korrektiv dazukommt – etwa durch Schule oder Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – bleibt oft nur eine einseitige und nostalgische Erzählung hängen, während die Realität der Diktatur verschwimmt“, warnte Zupke.
Mit dem Bau der Berliner Mauer war am 13. August 1961 begonnen worden. Das Bauwerk und weitere Sperranlagen entlang der innerdeutschen Grenze trennten die Bundesrepublik Deutschland und die DDR 28 Jahre lang. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, ein knappes Jahr später folgte die Wiedervereinigung. (dts/afp/red)
Categories
deutschland ticker

DDR-Fluchthelfer: „Menschen Freiheit zu schenken ist was ganz Besonderes“

Dr. Burkhart Veigel (88) war einer der erfolgreichsten Helfer bei der Flucht aus der DDR. Er verhalf mindestens 950 Menschen vor allem mit präparierten Autos und gefälschten Pässen, die DDR zu verlassen. Dabei war ihm die Stasi manchmal dicht auf den Fersen und zwei Entführungsversuche scheiterten nur knapp. Die Epoch Times sprach mit dem rüstigen Pensionär über seine bewegendsten Jahre.
Categories
deutschland etplus ticker

Fluchthelfer aus der DDR: „Menschen Freiheit zu schenken ist was ganz Besonderes“

Dr. Burkhart Veigel (88) gilt als einer der erfolgreichsten Helfer bei der Flucht aus der DDR. Er verhalf mindestens 950 Menschen mit Fluchtautos, gefälschten Pässen oder Fluchttunneln zur Flucht aus der DDR. Dabei war ihm die Stasi manchmal dicht auf den Fersen, und zwei Entführungsversuche scheiterten auch mit ein bisschen Glück.
Die Menschen in der DDR waren sehr kreativ, wenn es um ihre Flucht aus dem Sozialismus ging: Fesselballons, Planierraupen, Surfbretter oder entführte Schiffe. Warum haben Sie sich auf gefälschte Pässe und zu Fluchtfahrzeuegen umgebaute Kraftfahrzeuge konzentriert?
Weil das die einzigen Möglichkeiten waren, die damals funktionierten. Anders als bei der privaten Fluchthilfe mussten wir schauen, dass wir nicht nur einen, sondern vielleicht 100 Flüchtlinge rüberholen. Dazu mussten wir herausfinden, welche Lücken wir bei den Grenzkontrollen nutzen konnten. Die Flucht mit gefälschten Pässen war dabei die erfolgreichste Methode. Das funktionierte allerdings nur bis zum 5. Januar 1962, denn ab diesem Zeitpunkt wurden die Kontrollen so verschärft, dass Fluchten mit Pässen praktisch unmöglich wurden.
Wie muss man sich eine Flucht mit gefälschten Pässen vorstellen?
Zunächst wurden sogenannte „behelfsmäßige Personalausweise“ der West-Berliner genutzt, um DDR-Flüchtlinge nach West-Berlin zu bringen. So konnten in den neun Tagen nach dem 13. August, bis zur Schließung des Grenzverkehrs für West-Berliner, rund 6.100 Menschen die DDR verlassen. Danach setzten wir Pässe von Westdeutschen und Ausländern für Fluchten ein. Später ging auch das nicht mehr, denn die DDR-Grenzer begannen, jeden Pass, mit dem jemand eingereist war, zu registrieren, und es konnte nur ausreisen, wer zuvor eingereist war. Die einzige Ausnahme waren die Transitstrecken nach Dänemark und Schweden. Von diesem Zeitpunkt an konzentrierten wir uns hauptsächlich auf Fluchten über Tunnel oder mithilfe umgebauter Autos. So richtete ich beispielsweise hinter dem Armaturenbrett eines Cadillacs ein Versteck für jeweils eine Person ein, über das in drei Jahren insgesamt 200 Menschen die Flucht gelang. Das waren natürlich keine Massenfluchten wie in der ersten Zeit über die Kanalisation.

Ein umgebauter Cadillac der als Fahrzeug für Fluchten aus der DDR eingesetzt wurde.

Foto: privat, Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Burkhart Veigel

Später bauten wir einen kleinen französischen Lkw in ein Versteck um, sodass bis zu 14 Personen gleichzeitig Platz fanden. Von einem französischen Soldaten gefahren, konnten wir mit diesem Fahrzeug sehr effizient und in kurzer Zeit viele Flüchtlinge zu uns holen.
Die DDR-Grenzer setzten alles Mögliche ein, um versteckte Personen zu finden. Sie klopften alles ab, setzten verschiedene Spiegel und sogar Hunde ein, die menschlichen Geruch wittern konnten. Es wurden sogar Röntgenaufnahmen vom Kofferraum gemacht. Die Durchsuchungen dauerten teilweise mehrere Stunden.

DDR-Fluchthelfer Dr. Eberhard Veigel mit verschiedenen umgebauten Fluchtautos die er einsetzte.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Burkhart Veigel

Wie muss man sich die Fälschung von Pässen damals vorstellen?
Es gab zwei Methoden. Entweder suchten wir einen Passgeber, der dem Fluchtwilligen stark ähnelte, oder wir tauschten das Lichtbild aus. Dabei achteten wir darauf, dass der Stempelaufdruck auf dem eingesetzten Passfoto genau wie beim Original aussah. Das gelang uns nur, indem wir die Stempel von 600 Städten im Ausland und 60 Städten in der Bundesrepublik originalgetreu selber herstellten.
Wie sind Sie überhaupt an Originalpässe gekommen?
Wir haben immer gedacht, den Ausländern sei unsere Mauer doch egal. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Hilfsbereitschaft unter den Ausländern war viel größer als die der Westdeutschen. So erhielten wir beispielsweise drei Wochen nach dem Mauerbau 200 Schweizer Pässe, vor allem von jungen Männern. Später fand ich heraus, dass uns ein Schweizer General die Pässe aller seiner Rekruten zugeschickt hatte. Die Rekruten selbst wussten davon nichts. Ein Vertreter einer Gemeinde im deutschsprachigen Teil Belgiens reiste mit zwei Koffern zu uns. Diese waren gefüllt mit belgischen Blankopässen und den entsprechenden amtlichen Stempeln, um Pässe für Fluchtwillige erstellen zu können. Die Westdeutschen hatten hingegen Angst vor Ärger mit den Russen und den deutschen Behörden. Die West-Berliner halfen jedoch genau wie die Ausländer, wo sie nur konnten.
Wie muss man sich das Anlegen von Fluchttunneln vorstellen?
Es ist sehr anstrengend, einen Tunnel zu graben. Die Männer, die den Tunnel bauten, kamen drei bis sechs Wochen lang nicht aus dem Keller beziehungsweise dem Tunnel heraus, damit sie nicht aufflogen. Insgesamt gab es in Berlin 77 Versuche, Tunnel zu graben, meist von West- nach Ost-Berlin. Nur 19 Tunnel wurden fertiggestellt, durch die rund 320 Menschen in die Freiheit gelangten. Zum Vergleich: Allein durch die Kanalisation gelang rund 800 Menschen die Flucht. Mit gefälschten Pässen waren es rund 10.000 Personen.
Die Tunnel waren also nicht sehr effektiv. Sie waren nur 50 Zentimeter hoch. Man sah nichts und musste genau messen, um zu wissen, wie weit man graben musste. Am Ende des Tunnels, irgendwo in einem Keller eines Hauses in Ost-Berlin, konnte zudem die Stasi bewaffnet sitzen und bereits warten. Mehrere Fluchthelfer wurden erschossen, als sie aus dem Loch im Kellerboden auf der Ostseite herauskamen.
Die Stasi fand oft durch Spitzel heraus, wo ein Tunnel entstand. Sie schickte ihre Leute zu den Fluchthelfern, die vorgaben, ihre Verlobte aus der DDR holen zu wollen, oder sie schleuste Spitzel in die Gruppe ein. Diese halfen zunächst mit, gewannen dadurch unser Vertrauen, verrieten dann aber die Gruppe. So gut wie alle Fluchtgruppen waren von der Stasi unterwandert. Daher scheiterten die meisten Tunnel an Verrat.
Wie viel wusste die Stasi von den Aktivitäten der Fluchthelfer?
Die Stasi hatte mich auf dem Kieker. Als der sehr erfolgreiche Berliner Tunnelgräber Harry Seidel am 14. November 1962 in einem Tunnel geschnappt wurde, wollte die damalige DDR-Justizministerin Hilde Benjamin, dass er zum Tode verurteilt wird, um ein Exempel zu statuieren. Der DDR-Generalstaatsanwalt Josef Streit stellte sich jedoch dagegen. Er fürchtete einen weiteren Ansehensverlust der DDR. Denn bis dahin waren bereits mehrere Menschen auf ihrer Flucht über die Mauer von DDR-Grenzern erschossen worden. Harry Seidel erhielt daher statt der Todesstrafe eine lebenslange Haftstrafe. Vier Jahre später wurde er von der BRD freigekauft.
An seine Stelle sollten dann vier andere Fluchthelfer geschnappt und zum Tode verurteilt werden. Ich war eine der gesuchten Personen. Das erfuhr ich am 3. Januar 1963 durch eine Warnung, die mich auf verschlungenen Wegen erreichte. Zweimal versuchten sie, mich zu entführen: einmal in West-Berlin und einmal in Wien. Beide Male konnte ich meinen Verfolgern entkommen. Da war natürlich auch Glück im Spiel.
Wie lange waren Sie als Fluchthelfer aktiv und wie vielen Menschen haben Sie insgesamt zur Flucht verholfen?
Neun Jahre lang habe ich praktisch nichts anderes gemacht und dabei mehr als 950 Menschen zur Freiheit verholfen. Mein Studium war mir in dieser Zeit völlig egal – später habe ich es beendet. Mit Hilfe des französischen Soldaten und dem Lkw konnte ich 400 Menschen über die Grenze bringen. Weil die Methode logistisch nicht so schwierig war, konnte ich nebenbei mein medizinisches Staatsexamen machen, heiraten und eine Familie gründen. Das war auch der Grund, warum ich die Fluchthilfe einstellte. Meine Frau hatte Angst, dass man sie oder unser Kind entführen könnte. Daher verließen wir Berlin 1969 in Richtung Hannover. Doch bevor ich wegging, hatte ich Strohleute eingearbeitet, die meine Arbeit fortführten, sodass ich kein schlechtes Gewissen haben musste. Meine Freunde führten meine Fluchthilfearbeit weiter.
Was war ihre Motivation für die Fluchthilfe? Denn sie war ja alles andere als ungefährlich.
Ich bin einfach total darauf gepolt, anderen Menschen zu helfen. Warum ich das neun Jahre lang so besessen gemacht habe, dafür gab es viele Gründe. Ein Grund war beispielsweise, dass ich direkt nach dem Abitur zur Bundeswehr einberufen wurde. Der Wehrdienst hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, anderen Menschen helfen zu können, ohne an mich zu denken, ohne darüber nachzudenken, was mir entgeht oder welcher Gefahr ich mich aussetze. Wenn ich verhaftet worden wäre, dann wäre ich halt verhaftet worden. Später bin ich Arzt für Orthopädie und Unfallchirurgie geworden. Auch hier kann ich stolz darauf sein, dass ich Menschen geholfen habe. Aber eine Wirbelsäule einzurenken oder ein Knie wiederherzustellen, das können viele. Aber einem Menschen die Freiheit zu schenken, das ist etwas ganz Besonderes.
Wie haben Sie damals auf die DDR und den Mauerbau geschaut?
Ich habe die DDR und den Sozialismus gehasst. Nicht nur, weil die Mauer gebaut wurde, um die eigene Bevölkerung einzusperren. Für mich war es auch völlig absurd, dass die DDR sich als demokratischer Staat ausgab, obwohl sie eine Diktatur war. Ich wollte, dass alle Menschen so aufwachsen können, wie ich es getan habe. Sie sollten sich frei äußern können. Sie sollten ihre Persönlichkeit frei entfalten und selbstbestimmt leben können, statt so zu leben, wie es ihnen ein Parteifunktionär befohlen hat. Noch heute habe ich Kontakt zu DDR-Flüchtlingen, denen ich damals half.
Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass junge Menschen in Deutschland die Zeit der deutschen Teilung verstehen und sich mit dem Thema Flucht aus der DDR auseinandersetzen?
Ich finde es sehr wichtig, dass sich die heutige Jugend mit der DDR auseinandersetzt und versucht zu verstehen, warum junge DDR-Bürger bewusst das Risiko eingingen, für die Weitergabe verbotener Literatur zwei Jahre ins Gefängnis zu kommen. Ich wünsche mir, dass junge Menschen bereit sind, die Werte, die wir hier haben, zu verteidigen, und dass es ihnen nicht egal ist, wenn aufgrund des Einflusses fremder Mächte in Deutschland eine kommunistische Gesellschaft entsteht. Man kann sein Leben nicht ohne Werte leben. Ein Leben ohne Werte ist sinnlos. Denn dann weiß man gar nicht, wofür es sich lohnt zu leben und zu kämpfen.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Erik Rusch.
Categories
deutschland ticker

65 Jahre Mauerbau: Klöckner warnt vor Gleichgültigkeit gegenüber Geschichte

Zum 65. Jahr des Mauerbaus hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) vor Gefahren für die Demokratie gewarnt. „Gerade für junge Menschen, für die die DDR immer weiter in die Geschichte rückt, müssen wir diese Erinnerung wachhalten“, erklärte die CDU-Politikerin am Mittwoch.
Die „Freiheitsideen“, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer führten, seien „in Gefahr – nicht durch Stacheldraht, sondern durch Gleichgültigkeit und Desinteresse.“
„Die Entscheidung für Freiheit und Demokratie muss jede Generation neu treffen“, mahnte Klöckner. „Es sind keine gegebenen Zustände. Dafür entscheidet man sich, für die Unfreiheit nicht.“
Die Bundestagspräsidentin rief dazu auf, die besonderen Erfahrungen der Ostdeutschen mit der deutschen Teilung und der darauf folgenden Vereinigung zu respektieren. „Für Ostdeutsche änderte sich mit der Einheit alles“, erklärte sie. „Manche Erfahrungen wirken bis heute nach. Wer sie verstehen will, muss bereit sein, zuzuhören.“
Der Mauerbau durch die damalige DDR-Führung sei „das Ergebnis eines Staates“ gewesen, „in dem ein totalitärer Herrschaftsanspruch größer wurde als die Menschen“. Die Mauer sei „zum Sinnbild der Unmenschlichkeit geworden, in dem der einzelne Mensch seinen Wert verloren hatte“.
Klöckner sprach vom „staatlichen Terror des SED-Regimes“, der nach dem Mauerbau „immer effizienter und menschenfeindlicher“ geworden sei. „Misstrauen wurde zur Staatsdoktrin – die Zersetzung politischer Gegner zum Herrschaftsinstrument.“
Mit dem Bau der Berliner Mauer war am 13. August 1961 begonnen worden. Das Bauwerk und weitere Sperranlagen entlang der innerdeutschen Grenze trennten die Bundesrepublik Deutschland und die DDR 28 Jahre lang. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, ein knappes Jahr später folgte die Wiedervereinigung. (afp/red)
Categories
vital wissen

Papageikuchen: Süßer, bunter Blickfang nicht nur zum Kindertag

Ameisenkuchen, Leopardenkuchen, Kalter Hund … auf der Suche nach Namen für ihre süßen Kreationen haben Bäcker auch vor der Tierwelt nicht Halt gemacht. Einer der farbenfrohsten ist jedoch der Papageikuchen.
Wie bei den anderen Süßspeisen sorgten zum Glück nicht die Zutaten, sondern das Aussehen für die Namensgebung. Erzeugt werden die Farben des Papageikuchens durch verschiedenfarbige Grütze in Pulverform. Der praktische Nebeneffekt: Die Grütze bringt nicht nur Farbe, sondern gleichzeitig auch unterschiedliche Geschmacksrichtungen mit sich.
Besonders für Kinder ist der bunte Kuchen bestens geeignet – auch ich war in meiner Kindheit verrückt danach. Noch heute ist der tierisch leckere Kuchen bei mir mit zahlreichen Familienfesten und kulinarischen Erinnerungen an die DDR verbunden. Letzteres spiegelt sich in seinen wenigen Zutaten und der einfachen, schnellen Zubereitung wider.

Zutaten

Für eine Gugelhupfform benötigen Sie:
  • 300 g Mehl
  • 300 g Zucker
  • 250 g Butter
  • 4 Eier
  • 400 ml saure Sahne
  • 1 Päckchen Backpulver
  • 2 EL Kakao
  • 1 Päckchen Vanillepuddingpulver
  • 1 Päckchen Rote-Grütze-Pulver (Geschmack Kirsche oder Himbeere)
  • 1 Päckchen Grüne-Grütze-Pulver (Geschmacksrichtung Apfel)
  • 1 Päckchen Blaue-Grütze-Pulver (Geschmack Blaubeere)

Zubereitung

  1. Butter auf niedrigster Stufe in einem Topf schmelzen.
  2. Mehl, Zucker und Backpulver in einer Schüssel mischen. Anschließend Eier, flüssige Butter und saure Sahne zugeben und alles miteinander verrühren, bis ein glatter Teig entsteht.
  3. Den Grundteig in fünf gleichgroße Portionen teilen. In je eine Schüssel den Kakao, den Vanillepudding und die drei verschiedenen Grützen unterrühren.
  4. Backform fetten und die verschiedenfarbigen Teige klecksweise in die Form geben.
  5. Im vorgeheizten Ofen bei 160 Grad Celsius Ober-/Unterhitze 45 Minuten lang backen. Stäbchenprobe machen.
  6. Den noch heißen Kuchen mit etwas Butter bestreichen. Danach vollständig abkühlen lassen und aus der Form nehmen.
Guten Appetit!