Die Mannschaftskapitäne Gustavo Gomez (#15, Paraguay) und Joshua Kimmich (#6, Deutschland) sind im bisherigen Turnierverlauf torlos, aber relevant auf dem Rasen. Fotos (l/r): Stu Forster/Christian Kaspar-Bartke via Getty Images
In Kürze:
Für Deutschland geht es am Montagabend um 22:30 Uhr deutscher Zeit in Boston gegen Paraguay. Das ZDF überträgt live.
Erstmals findet im Rahmen einer Fußball-WM ein Sechzehntelfinale statt. Dadurch umfasst die K.-o.-Phase maximal 5 statt 4 Spiele.
Die DFB-Elf kommt mit 6 Punkten als Gruppenerster aus der Vorrunde, schwächelte jedoch zuletzt gegen Ecuador. (1:2).
Paraguay schloss die Gruppe D mit 4 Punkten aus je einem Sieg, einem Unentschieden und einer Niederlage als Gruppendritter ab.
Laut Rudi Völler „müssen [wir] uns keine Sorgen machen“. Andere Fußballexperten warnen vor den „Weiß-Roten“ aus Südamerika.
82.500 Zuschauer fasst das für Fußball umgebaute Stadion der NFL-„Boston Gunners“ in Foxborough, einem Vorort von Boston im US-Bundesstaat Massachusetts. Damit ist es genauso groß wie das Westfalenstadion in Dortmund. Hier treffen am Montag um 22:30 Uhr deutscher Zeit – das ist 16:30 Uhr Ortszeit – Paraguay und Deutschland aufeinander.
Spielbaum der WM 2026 nach Ende der Gruppenphase: Gewinnt Deutschland gegen Paraguay, kommt der nächste Gegner aus einem Nachbarland.
Foto: ts/Epoch Times mit Material von iStock
Um es gleich vorwegzusagen: „La Albirroja“ – die Nationalelf von Paraguay – ist keine Top-Mannschaft und gilt als chancenlos für den Titel der Fußball-WM. Für ihre Verhältnisse sind die „Weiß-Roten“ genannten Nationalspieler des kleinen südamerikanischen Landes mit dem Einzug ins Sechzehntelfinale schon weit gekommen.
Wenn dennoch namhafte deutsche Fußballreporter und Fußballexperten vor diesem Team warnen, dann sagt das mehr über den Zustand der deutschen Mannschaft aus als über die Südamerikaner.
Harte Erinnerung, zarte Gegenwart
Dass die DFB-Elf Probleme hat, zeigt sich in Aussagen, die man so gar nicht über eine deutsche Nationalmannschaft kennt. So berichtete etwa die BILD, „Ein Großteil der Mannschaft habe große Probleme, gegen physisch starke Spieler in den Zweikämpfen zu bestehen“.
Doch auch international treibt die Spielweise von Kimmich und Co. ungewohnte Blüten: Die Deutsche Nationalelf wird in anderen Sprachen auch „Panzer“ – auf Deutsch – genannt, in Anlehnung an die stumpfe Wirksamkeit eines Panzers, der stur geradeaus über ein Schlachtfeld fährt, ohne sich unterwegs aufhalten zu lassen. Damit sind wir namenstechnisch nicht weit entfernt von der schottischen „Tartan Army“, der haitianischen „Grenadiere“ und den „Blauen Samurai“ aus Japan. Anders als in diesen Ländern kennt hierzulande jedoch kaum einer den Spitznamen, geschweige denn verwendet ihn.
Auf den Fußball übertragen heißt dies: Die deutschen Spieler haben generell den Ruf, mit überlegener Kraft, technischer Effizienz und hoher Disziplin auch überlegene Gegner bezwingen zu können.
Unvergessen in der Fußballgeschichte bleibt die Szene, in der Bastian „Schweini“ Schweinsteiger im WM-Finale 2014 eine blutende Platzwunde unter dem rechten Auge erlitt, am Spielfeldrand notdürftig genäht wurde, auf das Feld zurückkehrte und Deutschland zum Weltmeistertitel führte. „Schweinis“ unermüdlicher Kampfgeist mit dem blutenden Gesicht im Finale gilt bis heute als symbolisch für die Stärke deutscher Nationalmannschaften schlechthin.
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Bastian Schweinsteiger blutet unter dem rechten Auge nach einem Zusammenstoß mit Argentiniens Stürmer Sergio Aguero (nicht im Bild) im WM-Finale 2014 …
Foto: Odd Andersen/AFP via Getty Images
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… Nachdem die Wunde am Feldrand notdürftig genäht wurde, ging es für Schweini wieder aufs Feld …
Foto: Fabrice Coffrini/AFP via Getty Images
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… Und für Deutschland zum Weltmeistertitel. Der verletzte Schweinsteiger prägte das internationle Bild der Deutschen Nationalmannschaft maßgeblich.
Foto: Robert Michael/AFP via Getty Images
Und jetzt? Der Bundestrainer Julian Nagelsmann jammerte nach dem verlorenen Gruppenspiel gegen Ecuador: „Körperlichkeit ist schwer zu trainieren. Wir müssen den Ball früher spielen, um Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen.“ Ungeachtet der Vieldeutigkeit von „Körperlichkeit“ meint Nagelsmann damit wohl: Die Jungs sind nicht fit genug und physisch anderen Mannschaften unterlegen. Die Zahlen unterstützen dies. Laut dem Fußballportal „90min“ hatten gegen Ecuador sieben Feldspieler eine negative Zweikampfbilanz.
„Kinder-Fußball“ statt unbändiger Siegeswille gegen Ecuador
Woran mangelt es – etwa im Vergleich zur Mannschaft von 2014? Toni Kroos, einer der Helden von damals, bemängelt: „Es muss eklig sein, gegen uns zu spielen, dass wir in der Lage sind, gut und eklig zu verteidigen. Das machen wir noch nicht.“ Und weiter: „Wir brauchen [Stürmer Jamal] Musiala und [Mittelfeldspieler Florian] Wirtz in Topform – Das haben wir nicht.“ Wenn sich nicht beides ändere, gehe es nicht mehr lange gut, ist Kroos überzeugt, der Kraft und Kampfgeist vermisst.
Der langjährige Bundesliga-Reporter Carlos Ubina stellte in einem Beitrag „Schwächen in allen Mannschaftsteilen“ fest. „Torwart, Abwehr, Mittelfeld, Angriff – überall haperte es.“ Und er ist mit dieser Einschätzung nicht allein:
Nationalspieler Deniz Undav, Profispieler beim VfB-Stuttgart, gab nach dem verlorenen Spiel gegen Ecuador zu, dass die deutsche Mannschaft auch ein mentales Problem habe: „Ich hatte das Gefühl, dass sie [die Ecuadorianer] es mehr wollten als wir, die waren griffiger. Bei denen ging es noch um alles. Und ja, daraus müssen wir lernen“, wird Undav von der Stuttgarter Zeitung zitiert.
Deniz Undav (#26) traf gegen die Elfenbeinküste doppelt. Nach der Niederlage gegen Ecuador sprach der Stürmer des VfB Stuttgart von einem mentalen Problem in der Mannschaft.
Foto: Cole Burston/AFP via Getty Images
Markus Babbel, ehemaliger deutscher Nationalspieler, geht sogar so weit, der aktuellen DFB-Elf vorzuhalten: „Das ist so ein bisschen Kinder-Fußball.“ Seine Begründung: „Wir können als Mannschaft nicht verteidigen. Das liegt aber nicht an den Abwehrspielern, sondern am Kollektiv. Uns fehlt leider die Spielkontrolle und ein besseres Defensivverhalten. Wenn du jedes Mal ein, zwei Gegentore bekommst, dann hast du keine Chance, weit zu kommen.“
Paraguay für Deutschland schon immer ein starker Gegner
Nur etwa 7 Millionen Menschen wohnen in Paraguay. Kein Wunder, dass der Dschungel- und Steppenstaat eher selten an Fußballweltmeisterschaften teilnimmt. Das letzte Mal war im Jahr 2010, als die damalige Mannschaft in Südafrika den Einzug ins Viertelfinale schaffte. Nun spielt Paraguay wieder auf der großen Fußballweltbühne mit.
Als es noch kein Sechzehntelfinale gab, und das Achtelfinale direkt auf die Gruppenspiele folgte, traten Deutschland und Paraguay schon einmal bei einer WM gegeneinander an: 2002 in Südkorea. Erst zwei Minuten vor Spielende gelang damals Oliver Neuville der Siegtreffer zum 1:0. In einem Freundschaftsspiel im Jahr 2013 in Kaiserslautern lag die deutsche Mannschaft sogar früh mit 0:2 zurück. Mit Müh und Not schaffte sie es am Ende 3:3.
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Die Deutschen Nationalmannschaft spielte im WM-Achtelfinale 2002 gegen Paraguay.
Foto: Sandra Behne/Bongarts/Getty Images
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Roberto Acuna sah nach einer Aktion gegen Ballack die Rote Karte vom guatemalischen Unparteiischen Carlos Batres.
Foto: Gary M. Prior/Getty Images
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Oliver Neuville erzielte 2 Minuten vor Schluss den Siegtreffer in Südkorea.
Foto: Sandra Behne/Bongarts/Getty Images
DFB-Elf „klar favorisiert“
Dennoch gibt sich die ARD-Sportschau überzeugt, dass das deutsche Team dieses Mal „klar favorisiert“ sei, „zumal die Südamerikaner mit personellen Problemen zu kämpfen haben“. Aber haben wir das nicht auch?
Richtig ist, dass sich der als Profi in England unter Vertrag stehende Verteidiger Omar Alderete gegen Australien eine Verletzung zugezogen hat. Ob er am Montag antreten kann, ist noch unklar. Der 1,90 Meter große Alderete ist einer der wenigen seiner Mannschaft, der die Deutschen kennt. Von Oktober 2020 bis August 2022 stand er bei Hertha BSC unter Vertrag und trat für 17 Spiele in der Bundesliga an.
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Omar Alderete (#3, Paraguay), hier im Zweikampf mit Jordan Bos (#5, Australien) verletzte sich im Spiel gegen Australien.
Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images
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Alderete (#14) spielte 2020-2022 bei Hertha BSC in der Bundesliga.
Foto: Boris Streubel/Getty Images
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Auch Mittelfeldspieler Ramon Sosa (#7, Paraguay, dunkles Trikot) verletzte sich im Spiel gegen die USA. Hier zu sehen im Zweikampf mit Giovanni Reyna (#7, USA).
Foto: Frederic J. Brown/AFP via Getty Images
Auch der Einsatz von Ramón Sosa, der in England für Nottingham Forest unter Vertrag steht, ist noch unklar. Er hatte sich bereits in den ersten Minuten beim Auftaktspiel gegen die USA eine Knöchelverletzung zugezogen. Seine aktuelle körperliche Verfassung liege derzeit bei sechzig Prozent, berichtete die größte paraguayische Tageszeitung „ABC Color“.
Paraguay geschwächt aber optimistisch
Und dann noch ein „erzwungener“ Ausfall: Das Glanzlicht der „Albirroja“ ist der Mittelfeldspieler Diego Gómez. Er hat jeweils gegen die USA und gegen Australien eine Gelbe Karte kassiert. Da das Spiel gegen Australien das letzte Gruppenspiel war, bedeutet dies für Gómez laut Regeln der Internationalen Fußballorganisation FIFA, dass er für das nächste Spiel – und das ist gegen Deutschland – gesperrt ist.
Zwei andere paraguayische Spieler mit Gelber Karte wurden für das Spiel gegen Deutschland wieder freigegeben. Grund: Beide erhielten in den ersten beiden Gruppenspielen eine Gelbe Karte und waren deshalb für das letzte Gruppenspiel gegen Australien gesperrt. Nach einem gesperrten Spiel werden die Gelben Karten gelöscht.
Paraguays Spieler posieren für ein Mannschaftsfoto vor dem Gruppenspiel gegen die USA.
Foto: Patrick T. Fallon/AFP via Getty Images
Insgesamt war die Vorrunde für die Mannschaft von der Südhalbkugel nicht sonderlich erfolgreich. Paraguay schaffte es als siebtbester Drittplatzierter nur knapp, sich zu qualifizieren.
In seinen Gruppenspielen patzte es mit 1:4 gegen die mittelmäßige US-Mannschaft. Gegen das stärkere Team aus Australien, das sich Platz zwei der Gruppe D erspielte, gelang ein glanzloses 0:0-Unentschieden. Lediglich gegen die ebenbürtige Türkei setzte sich Paraguay mit einem 1:0-Sieg durch.
Die USA sicherten sich als eine der ersten Nationen den Einzug ins Sechzehntelfinale. Australien belegt dank des besseren Torverhältnisses Rang 2 der Gruppe D. Auch Paraguay ist weiter und trifft im 3. Spiel der K.-o.-Phase auf Deutschland.
Foto: ts/Epoch Times
„ABC Color“ gibt sich dennoch optimistisch vor dem Spiel gegen Deutschland: „Auch wenn der europäische Gigant mit seinen Toren Angst und Schrecken verbreitet, ist er nach der Niederlage gegen Ecuador angeschlagen und hat damit gezeigt, dass er nicht unbesiegbar ist.“
Rudi Völler: „Müssen uns keine Sorgen machen“
Angesprochen auf die körperliche Verfassung der deutschen Nationalelf sagte der ehemalige Nationalspieler und DFB-Sportdirektor Rudi Völler am 27. Juni in den USA vor der Presse: „Ich glaube nicht, dass wir uns darüber Sorgen machen müssen.“
Am Montag werde das Spiel gegen Paraguay „ganz anders sein“ als gegen Ecuador. „Da geht es um alles. Wir wissen auch, dass es gegen eine Mannschaft geht, die tief steht und sehr körperlich agiert. Aber wir haben auch Spieler im Kader, die das absolut gewohnt sind, wie zum Beispiel Flo[rian Wirtz] oder Kai [Havertz], die werden richtig gut dagegenhalten“, ist sich Völler sicher.
Rudi Völler wurde mit der deutschen Nationalelf 1990 Weltmeister bei der WM in Italien. Gehen wir also davon aus, dass sein Optimismus für Montag fundiert ist.
Der irische Abgeordnete Ciaran Mullooly während der Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung im Europäischen Parlament am 30. Juni 2025 in Brüssel. - Foto: Martin Bertrand/Hans Lucas/AFP via Getty Images
In Kürze:
Hohe Preise für Düngemittel bringen Landwirte in der EU in Schwierigkeiten.
Europa ist zu abhängig von Importen geworden.
EU muss die Zukunft von Familienbetrieben sichern.
Es gibt große Unterschiede zwischen den Standards für Landwirte innerhalb und außerhalb der EU.
Europäische Landwirte protestieren regelmäßig gegen steigende Kosten und viele von ihnen haben das Vertrauen in die Entscheidungen aus Brüssel verloren.
Laut dem irischen Europaabgeordneten Ciaran Mullooly von der Fraktion Renew Europe haben die europäischen Institutionen den Druck, der auf den Landwirten lastet, unterschätzt.
In einem Interview mit der slowakischen Ausgabe der Epoch Times erläutert er, warum die Europäische Kommission unverzüglich in die Düngemittelpreise eingreifen sollte, warum er das Abkommen mit Mercosur als problematisch betrachtet und weshalb er der Meinung ist, dass die Europäische Union ihre eigene Ernährungssicherheit gefährdet.
In einer Sitzung des Europäischen Parlaments im Mai argumentierten Sie, dass die größte Herausforderung für Landwirte nicht die langfristige Planung, sondern die kommende Anbausaison sei. Welche konkreten Maßnahmen sollte die Europäische Kommission vor dem Winter 2026/2027 ergreifen, um Landwirten, die mit hohen Düngemittelkosten konfrontiert sind, sofortige Unterstützung zu bieten?
Die größte Herausforderung für viele Landwirte ist heute nicht die Zukunft in zehn Jahren, sondern die kommende Anbausaison. Die Düngemittelpreise sind aufgrund der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten um 30 bis 70 Prozent gestiegen. Die meisten Branchen können die gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben. Landwirte haben diese Möglichkeit nicht – kurzfristig sind sie Preisnehmer, nicht Preisgestalter.
Die Europäische Kommission muss daher unverzüglich handeln. Wir sollten unnötige Zölle und Abgaben auf Düngemittelimporte aussetzen, Landwirte, die mit außerordentlichen Produktionskosten konfrontiert sind, gezielt unterstützen und den Mitgliedstaaten mehr Flexibilität bei der Umsetzung von Soforthilfeprogrammen einräumen. Dies ist nicht nur ein Problem der Landwirtschaft, sondern auch ein Problem der Ernährungssicherheit. Wenn Düngemittel nicht mehr verfügbar sind, wird die Produktion sinken. Europa kann es sich nicht leisten, dieses Risiko einzugehen. Landwirte benötigen jetzt Planungssicherheit, damit sie weiterhin mit Zuversicht Lebensmittel produzieren können.
Sie haben die Senkung oder Aussetzung von Zöllen und anderen Abgaben auf Düngemittelimporte gefordert. Wie sehen Sie das Gleichgewicht zwischen kurzfristiger Unterstützung der Landwirte und der Sicherstellung der langfristigen strategischen Unabhängigkeit der EU in der Düngemittelproduktion?
Ich empfinde es als erstaunlich, dass die EU in Zeiten der Düngemittelkrise die Kosten für Landwirte durch zusätzliche Gebühren und Abgaben erhöht. Die Senkung ihrer Ausgaben muss oberste Priorität haben. Sollte die Kommission Maßnahmen wie den Klimazoll (CBAM) umsetzen, [welcher zu höheren Kosten für Düngemittel führen könnte,] müssen die erzielten Einnahmen direkt an die Landwirte zurückfließen.
Gleichzeitig müssen wir aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre lernen. Europa ist zu abhängig von externen Lieferanten geworden. Langfristig müssen wir die Düngemittelproduktion in Europa ausbauen und die Lieferketten diversifizieren. Das ist kein Widerspruch. Wir benötigen sowohl kurzfristige Entlastung für die Landwirte als auch langfristige strategische Unabhängigkeit. Tatsächlich benötigen wir beides.
Immer mehr Landwirte in der EU argumentieren, dass die Klima- und Umweltpolitik die europäische Landwirtschaft im Vergleich zu Erzeugern außerhalb der Union weniger wettbewerbsfähig macht. Sehen Sie darin ein Ungleichgewicht zwischen den Umwelt- und Klimazielen einerseits und der Lebensmittelproduktion andererseits? Wenn nicht, warum haben dann so viele Landwirte das Gefühl, unverhältnismäßig viel Last tragen zu müssen?
Ja, ich denke, dass die Balance zwischen Umweltzielen und landwirtschaftlicher Produktion in einigen Bereichen nicht mehr stimmt. Landwirten liegt die Umwelt sehr am Herzen. Sie leben und arbeiten jeden Tag in ihr. Doch Umweltziele müssen mit der wirtschaftlichen Realität in Einklang gebracht werden. Allzu oft werden Vorschriften eingeführt, ohne dass deren Auswirkungen auf das Einkommen der Landwirte, die Lebensmittelproduktion und die Wettbewerbsfähigkeit umfassend geprüft werden. Infolgedessen haben viele Landwirte das Gefühl, eine unverhältnismäßig hohe Last zu tragen.
Der jüngste Draghi-Report hat dies deutlich gemacht. Europa hat die höchsten Energiekosten und gleichzeitig die anspruchsvollsten Umweltziele. Es ist kein Zufall, dass dies zu einem Verlust unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt.
Ein Landwirt bewirtschaftet sein Feld. (Symbolbild)
Foto: Jan Woitas/dpa
Meine Ansicht ist einfach: Jeder bedeutende Umweltvorschlag sollte an einer grundlegenden Frage gemessen werden: Können Landwirte weiterhin rentabel Lebensmittel produzieren und gleichzeitig diese Anforderungen erfüllen? Falls die Antwort „Nein“ lautet, muss die Politik überdacht werden.
Der Krieg in der Ukraine hat Schwachstellen in der Ernährungssicherheit offengelegt. Welche Lehren sollte die EU aus den vergangenen Jahren ziehen? Welche Schritte sollten unternommen werden, um die europäische Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen künftige geopolitische Krisen zu machen?
Die wichtigste Lehre aus dem Ukrainekonflikt ist, dass Europa zu abhängig von externen Lieferanten wichtiger landwirtschaftlicher Betriebsmittel geworden ist. Vor dem Krieg stammten über 30 Prozent des europäischen Düngemittelbedarfs aus Russland. Das mag effizient gewesen sein, doch mit den veränderten geopolitischen Gegebenheiten gerieten wir in eine verwundbare Lage.
Europa muss seine Strategie zur Sicherung der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln künftig überdenken. Wir sollten unsere Bezugsquellen diversifizieren und auf politisch stabilere Regionen zurückgreifen. Die Düngemittelproduktion in Europa muss gesteigert und strategische Düngemittelreserven müssen angelegt werden. Länder wie Finnland haben bereits Schritte in diese Richtung unternommen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mitgliedstaat über Notfallreserven verfügen sollte. Die Lebensmittelsicherheit ist zu wichtig, als dass sie geopolitischen Spannungen ausgesetzt sein dürfte.
Mit Blick auf die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2027: Welche Reform wäre Ihrer Meinung nach am wichtigsten, um Familienbetriebe und kleine landwirtschaftliche Erzeuger besser zu unterstützen?
Die wichtigste Reform besteht darin, sicherzustellen, dass Familienbetriebe ein existenzsicherndes Einkommen erzielen können. Sie sind das Rückgrat der europäischen Landwirtschaft. Sie unterstützen ländliche Gemeinschaften, nutzen die Natur, schützen die Umwelt und gewährleisten die Ernährungssicherheit. Verschwinden die Familienbetriebe, verliert Europa weit mehr als nur die Nahrungsmittelproduktion. Die bisherigen Ergebnisse sind ein vernichtendes Urteil über die EU-Politik: Allein zwischen 2010 und 2020 verschwanden über 3 Millionen Familienbetriebe.
Die künftige GAP muss das landwirtschaftliche Einkommen in den Mittelpunkt stellen. Landwirte sollten für Umweltmaßnahmen angemessen belohnt werden. Doch dürfen wir nie aus den Augen verlieren, dass die Nahrungsmittelproduktion ihre Hauptaufgabe bleibt. Eine erfolgreiche GAP sichert den Fortbestand der Familienbetriebe und gibt der nächsten Generation das Vertrauen, die Landwirtschaft in ihren Gemeinden fortzuführen.
Europäische Landwirte müssen einige der weltweit strengsten Umwelt-, Tierschutz- und Produktionsstandards erfüllen, während die EU weiterhin Lebensmittel aus Ländern importiert, die oft unter ganz anderen Regeln operieren. Führt das nicht zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen? Sollte die EU Importe beschränken, die nicht denselben Standards wie europäische Erzeuger entsprechen, auch wenn dies zu Handelsstreitigkeiten oder höheren Verbraucherpreisen führt?
Definitiv. Das Prinzip sollte ganz einfach sein: eine Regel für alle, die gleich angewendet wird. Europäische Landwirte müssen einige der weltweit höchsten Standards erfüllen, um die EU-Bürger mit Lebensmitteln zu versorgen. Wir importieren jedoch weiterhin Lebensmittel aus Ländern, in denen diese Standards nicht gelten. Das schafft einen klaren Wettbewerbsnachteil für die europäischen Landwirte und untergräbt das Vertrauen in die Fairness des Systems.
Meine Position ist klar: Wenn ein Produkt nicht den von europäischen Landwirten geforderten Standards entspricht, sollte es keinen Zugang zum europäischen Markt haben. Wir können von unseren Landwirten nicht verlangen, mit niedrigeren Standards zu konkurrieren, und gleichzeitig von ihnen erwarten, dass sie die höheren EU-Standards einhalten.
In den vergangenen zwei Jahren kam es in mehreren EU-Mitgliedstaaten zu flächendeckenden Protesten von Landwirten. Glauben Sie, dass die europäischen Politiker den wirtschaftlichen Druck, der auf den Landwirten lastet, unterschätzt haben? Welche Fehler hat Brüssel in seiner Agrarpolitik begangen?
Ja, ich denke, Politiker haben den Druck, dem Landwirte ausgesetzt sind, unterschätzt und sind in manchen Fällen realitätsfern, was die Bedürfnisse der Landwirtschaft betrifft. Wenn Landwirte nach Brüssel oder Straßburg fahren, um zu protestieren, tun sie das nicht leichtfertig. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Politik immer weiter von der Realität entfernt. Das Mercosur-Abkommen ist ein Beispiel dafür. Viele Landwirte sind überzeugt, dass Politiker ihre berechtigten Anliegen ignoriert haben.
Die geplanten Kürzungen des EU-Agrarhaushalts sind ein weiteres Beispiel. Lebensmittelsicherheit, ländliche Gemeinschaften und landwirtschaftliche Produktion sind [für die EU] politische Prioritäten. Die Politik [der EU] muss diese Realität widerspiegeln.
Die Lehre aus den Protesten ist eindeutig: Politiker müssen den Landwirten mehr zuhören, bevor sie Entscheidungen treffen, die deren Lebensgrundlagen gefährden. Zuerst zuhören und verstehen, dann Politik mit entsprechenden Konsequenzen gestalten.
Drei Tonnen mit Salmonellen verseuchtes Hühnerfleisch aus Brasilien wurde kurzlich in Griechenland abgefangen. - Foto: JEAN-FRANCOIS MONIER/AFP/Getty Images
In Kürze:
Salmonellenfund in Hühnerfleisch-Lieferung aus Brasilien in Griechenland
Wiederholte Beanstandungen brasilianischer Tierprodukte in der EU
EU verschärft Importvorgaben wegen Antibiotika-Regeln
Die Ankunft einer Lieferung gefrorenen Hühnerfleischs aus Brasilien hat in Griechenland einen Gesundheitsalarm ausgelöst. Kontrolleure wiesen in 80 Prozent der analysierten Proben Salmonellen nach. Der Vorfall, der auf einer Pressekonferenz des Panhellenischen Verbandes der öffentlichen Geotechniker bekannt gegeben wurde, ereignete sich bereits Anfang Mai, kurz nach dem vorläufigen Inkrafttreten des umstrittenen Handelsabkommens Mercosur am 1. Mai.
Aufgrund der Dauer des Seetransports – von Brasilien nach Griechenland dauert er zwischen 20 und 45 Tagen – lässt sich daher nicht exakt sagen, ob die Lieferung bereits unter die Bedingungen des Abkommens fiel. Laut Verband analysierten Veterinärlabore in Agia Paraskevi am Stadtrand von Athen die Proben und stellten fest, dass fast drei Tonnen kontaminiert waren.
Die Lieferung wurde umgehend zurückgesandt, wie die Agrarplattform „tridge“ auf ihrer Internetseite meldete. Der Verband kritisiert zudem, dass die griechischen Veterinärdienste unter massiver Personalnot litten. So seien nur etwa 40 Prozent der vorgesehenen Stellen besetzt.
Die brasilianische Vereinigung für tierische Proteine, die Brazilian Association of Animal Protein, hat zu dem Vorfall bislang keine Stellung genommen.
Wiederholte Beanstandungen und neue EU-Importverbote für Brasilien
In den vergangenen Monaten und Vorjahren wurden wiederholt einzelne Sendungen von Lebensmitteln aus Brasilien, insbesondere Geflügelprodukte, wegen Salmonellenbefall und anderen gesundheitsbedrohenden Problemen beanstandet und an den EU-Grenzen zurückgewiesen. Das zeigt ein Blick auf das „Rapid Alert System for Food and Feed“ (RASFF) – das europäische Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel. Es dient dazu, gesundheitsgefährdende Produkte schnell zwischen allen EU-Staaten zu melden, um sie vom Markt zu nehmen oder an der Grenze zu stoppen.
Weil Brasilien die Anforderungen zum Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung bislang nicht einhält, dürfen ab dem 3. September 2026 bestimmte tierische Produkte aus dem südamerikanischen Land nicht mehr in die EU exportiert werden. Unter anderem gehören neben Geflügel und Eiern auch Rindfleisch dazu. An diesem Tag treten neue EU-Vorschriften in Kraft.
Die EU untersagt den Einsatz von Antibiotika in der Tier- und Geflügelhaltung, wenn diese ausschließlich dem schnelleren Wachstum oder einer höheren Produktion dienen. Zudem dürfen Tiere nicht mit Wirkstoffen behandelt werden, die der Humanmedizin vorbehalten sind. Um gleiche Bedingungen für europäische Landwirte und Importeure zu gewährleisten, verlangt die EU von Handelspartnern detaillierte Angaben zum Einsatz antimikrobieller Mittel in der Tierhaltung.
EU-Agrarkommissar Christophe Hansen betonte: „Unsere Landwirte gehören weltweit zu denen mit den strengsten Gesundheits- und Antimikrobialstandards. Es ist daher nur konsequent, dass importierte Waren denselben Anforderungen entsprechen.“ Nach Angaben der Kommission konnte Brasilien bislang nicht überzeugend nachweisen, dass seine Produktionssysteme die EU-Vorgaben einhalten.
Peru kämpft seit Jahren mit einem starken Anstieg von Gewaltkriminalität und organisierten Banden. (Archivbild) - Foto: Ernesto Benavides/AFP via Getty Images
Auf seinem Weg zur Arbeit ist ein Bürgermeister in Peru von Auftragskillern erschossen worden.
Der 44-jährige Victor Febre wurde am Donnerstag, 21. Mai (Ortszeit), in der nördlichen Region Piura ermordet, wie die Behörden des südamerikanischen Landes mitteilten. Es handelt sich bereits um den dritten Mord an einem peruanischen Lokalpolitiker seit Jahresbeginn.
Angreifer flüchteten auf Motorrad
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft flüchteten die mit Helmen vermummten Angreifer auf einem Motorrad, nachdem sie zahlreiche Schüsse auf den Politiker abgefeuert hatten. Eine Morduntersuchung sei eingeleitet worden.
Peru erlebte zuletzt einen massiven Anstieg von durch kriminelle Banden verübten Gewalttaten. Von 2018 bis 2025 stieg die Zahl der gemeldeten Morde von 1000 auf 2600 pro Jahr. Die Erpressungsfälle verachtfachten sich in diesem Zeitraum auf 26.500.
Kriminalität prägt Wahlkampf
Der Kampf gegen die Gewaltkriminalität ist ein bedeutendes Thema im Wahlkampf um die Präsidentschaft. Am 7. Juni stehen sich bei einer Stichwahl die rechtsgerichtete Kandidatin Keiko Fujimori und der linksgerichtete Roberto Sánchez gegenüber.
Fujimori verspricht, die Kriminalität mit „harter Hand“ zu bekämpfen. Sánchez stellt eine Verfassungsreform in Aussicht, um die Streitkräfte im Kampf gegen die Kriminalität zu unterstützen. (afp/red)
Elektroautos von BYD und anderen chinesischen Automarken für den Export werden am 7. April 2025 im Hafen von Taicang in Suzhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu gestapelt. - Foto: STR/AFP via Getty Images
In Kürze:
Kanada öffnet seinen Markt, kontrolliert für chinesische Elektroautos und senkt Zölle stark
Chinesische E-Autos gewinnen in Europa rasch an Boden
Die EU wechselt von hohen Zöllen zu Mindestverkaufspreisen, um Subventionseffekte auszugleichen und Investitionen zu fördern
In Südamerika dominieren chinesische Importe
Kanada lockert den Zugang für chinesische Elektrofahrzeuge und verschärft damit eine Debatte, die weltweit an Brisanz gewinnt. Ottawa lässt trotz politischer Warnungen neue Importquoten zu, wodurch westliche Hersteller in Europa und Nordamerika zunehmend unter Druck geraten.
Anfang Januar unterzeichnete Premierminister Mark Carney ein Abkommen in Peking, das die Einfuhr von bis zu 49.000 chinesischen Elektrofahrzeugen pro Jahr zu einem Zollsatz von lediglich 6,1 Prozent erlaubt. Der 2024 eingeführte Strafzoll von 100 Prozent, der mit „unfairen Subventionen und Marktverzerrungen“ begründet wurde, entfällt damit faktisch.
Das Abkommen fällt in eine Phase tiefgreifender Veränderungen in der globalen Elektroautoindustrie. Die Verkaufszahlen westlicher Hersteller stagnieren oder gehen zurück, während Unternehmen wie Ford und Volkswagen ihre Elektroprogramme reduzieren. Gleichzeitig wurde Tesla vom chinesischen Marktführer BYD überholt, obwohl der US-Konzern selbst stark in China produziert.
Europas Schutzmaßnahmen gegen chinesische E-Auto-Flut
In Europa nehmen chinesische Elektrofahrzeuge seit einigen Jahren deutlich zu und dürften trotz politischer Gegenmaßnahmen weiter an Bedeutung gewinnen. Bisherige Instrumente wie Zölle und Mindestimportpreise konnten das Wachstum nur bremsen, nicht stoppen.
Ein Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments vom November 2024 warnt vor erheblichen Risiken für die europäische Autoindustrie. „Chinas rapide steigende Exporte billiger Elektrofahrzeuge und die wachsenden Überkapazitäten stellen eine Bedrohung dar“, heißt es darin.
Chinas Wettbewerbsvorteile reichen von staatlichen Subventionen über günstigen Zugang zu Rohstoffen und niedrige Arbeitskosten bis hin zu kosteneffizienten Technologien und einem großen Binnenmarkt. Dadurch liegen die Preise chinesischer Elektroautos im Schnitt rund 20 Prozent unter vergleichbaren europäischen Modellen.
Laut dem Europäischen Automobilherstellerverband (ACEA) und S&P Global Mobility stieg der Anteil chinesischer Elektrofahrzeuge an den EU-Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2025 auf 6 Prozent, nach 5 Prozent im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig entfielen 74 Prozent der Verkäufe weiterhin auf Hersteller mit Sitz in der EU. Deutschland blieb mit rund 20 Prozent der größte Produktionsstandort, gefolgt von Spanien, Tschechien und Frankreich.
Branchenanalysten rechnen mit weiterem Wachstum chinesischer Hersteller. Das Beratungsunternehmen AlixPartners prognostiziert, dass deren Marktanteil in Europa bis 2030 auf etwa 10 Prozent steigen könnte.
Europa: Mindestpreise statt neuer Zölle
Politisch reagiert Europa bislang zurückhaltender als Kanada. Es gibt keine mengenmäßige Obergrenze für chinesische Elektrofahrzeuge. Erst im Jahr 2024 führte die EU Zölle zwischen 7,8 und 35,3 Prozent auf in China produzierte Modelle ein.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte im Mai 2024 zwar: „Fairer Wettbewerb ist gut“, warnte jedoch vor einem „Überschwemmen des Marktes mit massiv subventionierten Elektroautos“ und kündigte Schutzmaßnahmen für die europäische Industrie an.
In diesem Monat nahm die EU-Kommission eine Kurskorrektur vor: Statt weiterer Zölle einigte sie sich auf Mindestverkaufspreise für chinesische Elektrofahrzeuge. Dieser Schritt folgte einer Forderung Pekings, nachdem die laufende Antisubventionsuntersuchung die Handelsbeziehungen belastet hatte.
Die EU legt die Mindestverkaufspreise so fest, dass sie die verzerrenden Effekte staatlicher Subventionen ausgleichen und gleichzeitig die geplanten Investitionen chinesischer Hersteller in der EU berücksichtigen.
Der zunehmende Wettbewerb zeigt bereits Wirkung: In mehreren europäischen Ländern sind die Verkaufszahlen nicht-chinesischer Elektrofahrzeuge rückläufig.
Verschiedene Elektroauto-Modelle des US-Herstellers Tesla.
Foto: Patrick T. Fallon/AFP
Allein in Großbritannien sanken die Neuzulassungen von Tesla im Dezember um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Europaweit sanken die Zulassungszahlen des US-Hersteller im selben Zeitraum um 20 Prozent, während der chinesische Hersteller BYD ein Plus von 229 Prozent verbuchen konnte. Laut ACEA-Daten überholten reine Elektroautos damit im Dezember 2025 erstmals Benzinfahrzeuge (ohne Diesel) bei den EU-Neuzulassungen.
Vor diesem Hintergrund kündigten europäische Autobauer wie Ford und Volkswagen an, ihre Belegschaften in Europa zu verkleinern. Sie verweisen dabei auf den Preisdruck durch die subventionierte chinesische Konkurrenz sowie auf eine insgesamt schwächere Nachfrage nach Elektrofahrzeugen.
Argentinien und Brasilien als neue Zielländer
Auch in Südamerika expandieren chinesische Elektroautohersteller zunehmend. BYD will im Oktober 2025 mit dem Verkauf seiner Fahrzeuge in Argentinien beginnen.
Die Regierung in Buenos Aires genehmigte für das Jahr 2026 die zollfreie Einfuhr von bis zu 50.000 Elektro- und Hybridfahrzeugen anstatt der üblichen Importabgabe von 35 Prozent. Laut Regierungsangaben könnten bereits bis Ende Januar rund 40.000 Fahrzeuge ins Land kommen.
Stephen Deng, Manager von BYD in Argentinien, zufolge darf das Unternehmen im Rahmen einer staatlichen Kontingentregelung derzeit etwa 7.800 Elektrofahrzeuge importieren. Lokale Händler erwarten, dass vor allem preisgünstige chinesische Anbieter wie BYD von dieser Maßnahme profitieren werden.
Der argentinische Hersteller Sero Electric zeigt sich dennoch vorsichtig optimistisch. Firmenchef Pablo Naya sagte, die heimische Industrie könne langfristig bestehen, da höhere Zölle auf chinesische Fahrzeuge nur eine Frage der Zeit seien. China werde nicht dauerhaft in der Lage sein, seine Exporte zu subventionieren, so Naya am 21. Januar gegenüber der Nachrichtenagentur AP.
In Brasilien verfolgt die Regierung einen deutlich offeneren Kurs. So warb Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im August bei der Eröffnung einer Fabrik des chinesischen Herstellers GWM aktiv um ausländische Investoren. Während sich Konzerne wie Ford und Mercedes aus Teilen des brasilianischen Marktes zurückgezogen hätten, begrüße man neue Akteure ausdrücklich, so Lula.
BYD hat ebenfalls eine neue Fabrik in Brasilien eröffnet. Der wachsende Einfluss chinesischer Hersteller stößt dort jedoch auf Widerstand von Industrievertretern und Gewerkschaften. Sie warnen vor Arbeitsplatzverlusten und einer Schwächung der heimischen Autoindustrie.
Aroaldo da Silva, Präsident des Gewerkschaftsbündnisses IndustriALL Brasil, kritisierte, dass viele Länder ihre Märkte inzwischen für chinesische Elektroautos geschlossen hätten, Brasilien jedoch nicht. China habe diese Öffnung gezielt ausgenutzt.
Laut dem brasilianischen Elektroautoverband ABVE stammen mittlerweile mehr als 80 Prozent der in Brasilien verkauften Elektrofahrzeuge aus China. Die Regierung führte zwar 2024 einen Importzoll von 10 Prozent ein, der jedoch erst bis 2026 schrittweise auf 35 Prozent steigen soll. Ob diese Maßnahme den Zustrom verlangsamen kann, bleibt offen.
Globale Trends: Überkapazitäten und Gegenstrategien
Chinas Inlandsmarkt ist stark umkämpft. Um Überkapazitäten abzubauen, erweitern chinesische Hersteller ihre Exporte aggressiv und bieten Elektrofahrzeuge in vielen Ländern deutlich günstiger an als lokale Wettbewerber.
Zudem zeigen offizielle Exportdaten, dass Chinas Exporte von Elektrofahrzeugen im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 100 Prozent gestiegen sind (verdoppelt), mit besonders starkem Wachstum in Asien, Europa und Lateinamerika.
Der chinesische Automobilherstellerverband meldet für 2025 ein Exportwachstum von 21 Prozent, das vor allem von Elektrofahrzeugen getragen wird. Für 2026 erwarten Ökonomen der Deutschen Bank ein weiteres Plus von 13 Prozent. Die wichtigsten Absatzmärkte liegen in Europa, Südamerika, Russland und Südostasien.
Regierungen und Industrieverbände entwickeln unterschiedliche Strategien, um die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Anbieter zu stärken. In Europa setzt man auf tarifliche Schutzmaßnahmen, Mindestpreise und die Förderung lokaler Produktion. Gleichzeitig wird in Forschung und Entwicklung investiert, um in Schlüsseltechnologien wie Festkörperbatterien und Energiemanagement aufzuholen.
In Nordamerika verfolgen die USA weiterhin protektionistische Zölle, während Kanada einen anderen Kurs wählt: Eine begrenzte Marktöffnung soll den Konsumenten zugutekommen und die langfristige Marktpräsenz fördern.
Südamerika und andere Regionen stehen vor der Herausforderung, ihre Infrastruktur und Industrie so aufzubauen, dass sie nicht zu stark von Importen abhängig sind, ohne den Übergang zur Elektromobilität zu bremsen.
Chinesische Elektrofahrzeuge haben in wenigen Jahren einen tiefgreifenden Einfluss auf die globale Automobilwirtschaft ausgeübt. Sie gewinnen nicht nur Marktanteile, sondern prägen auch strategische Debatten über Handelspolitik, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und technologische Führerschaft. Wie die Welt auf diese Dynamik reagiert und welche politischen und wirtschaftlichen Instrumente eingesetzt werden, wird entscheidend für die zukünftige Form der globalen Mobilität sein.