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Studien zeigen: Homeoffice kann die Psyche belasten

In Kürze:

  • Homeoffice bietet Flexibilität und spart Pendelzeit, kann bei dauerhaftem Arbeiten aus der Distanz aber auch psychisch belasten.
  • Weniger soziale Kontakte und verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit können das Wohlbefinden beeinträchtigen – besonders bei Menschen mit wenig sozialer Unterstützung.
  • Klare Arbeitszeiten, Pausen, Bewegung und regelmäßiger Austausch helfen, die Vorteile des Homeoffice zu nutzen und Belastungen zu reduzieren.

 
Millionen Beschäftigte in Deutschland haben ihren Arbeitsweg gegen den Küchentisch eingetauscht. Homeoffice und mobiles Arbeiten gelten für viele als Gewinn an Flexibilität und Vereinbarkeit.
Gleichzeitig mehren sich Hinweise darauf, dass die vollständige Verlagerung der Arbeit ins eigene Zuhause langfristige Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden haben kann.
Aktuelle Studien, darunter eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Science“, zeigen: Wer dauerhaft im Homeoffice arbeitet, verbringt häufiger Zeit allein, pflegt nach Feierabend weniger soziale Kontakte und berichtet öfter von psychischen Belastungen als Beschäftigte, die regelmäßig vor Ort arbeiten.
Besonders ausgeprägt waren diese Effekte bei Personen, die allein leben. Dort nahmen sowohl psychische Belastungssymptome als auch die Nutzung psychologischer und psychiatrischer Unterstützungsangebote stärker zu.
Für die Untersuchung wurden Daten von 588.322 Beschäftigten aus fünf repräsentativen US-amerikanischen Bevölkerungsstudien ausgewertet.
Die Analyse umfasst den Zeitraum von 2011 bis 2024. Die pandemiegeprägten Jahre 2020 und 2021 wurden bewusst ausgeschlossen, um langfristige Entwicklungen unabhängig von den unmittelbaren Auswirkungen der COVID-19-Pandemie betrachten zu können.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Vorteile des Homeoffice – etwa größere zeitliche Flexibilität und der Wegfall von Pendelzeiten – mit potenziellen sozialen und psychischen Kosten verbunden sein können.
Dies ist auch für Deutschland relevant: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) weist darauf hin, dass mobiles Arbeiten gesundheitsförderlich gestaltet werden muss und soziale Einbindung, Austausch im Team sowie eine ausgewogene Arbeitsorganisation wichtige Voraussetzungen für langfristiges Wohlbefinden sind.

Isolation fordert ihren Tribut

Für die Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ erschien, verglichen die Forscher die psychische Gesundheit von Beschäftigten in Berufen, die sich vollständig oder überwiegend aus der Ferne ausüben lassen – etwa in der Softwareentwicklung oder im Marketing –, mit der von Beschäftigten in Berufen, die eine physische Anwesenheit erfordern, beispielsweise in der Pflege oder im Maschinenbau.
Das Ergebnis: Der Anstieg psychischer Belastungen fiel bei Arbeitnehmern in den sogenannten „remotable“ Berufen etwa doppelt so hoch aus wie bei Beschäftigten in „nonremotable“ Berufen.
Seit Beginn der Pandemie verbrachten Arbeitnehmer in den „remotable“ Berufen an jedem Arbeitstag durchschnittlich etwa eine Stunde mehr allein.
Gleichzeitig pflegten sie nach Feierabend weniger soziale Kontakte und berichteten häufiger von Tagen, die sie vollständig isoliert verbrachten.
Die Wahrscheinlichkeit, einen ganzen Tag ohne persönlichen Kontakt zu verbringen, stieg in dieser Gruppe auf 83 Prozent – ein Zuwachs von sieben Prozentpunkten.
„Diese Isolation ist besonders gravierend angesichts der Erkenntnisse, dass selbst die kürzesten sozialen Interaktionen das psychische Wohlbefinden verbessern können – oft stärker, als Menschen erwarten“, schreiben die Autoren der Studie.
„Menschen, die aufgrund von Introvertiertheit, Ängsten oder ihres Persönlichkeitsstils ohnehin dazu neigen, sich zurückzuziehen, empfinden Remote-Arbeit möglicherweise als angenehm oder beruhigend“, sagte Dr. Alex Dimitriu, Facharzt für Psychiatrie und Schlafmedizin sowie Gründer von Menlo Park Psychiatry & Sleep Medicine, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times.
„Aber langfristig ist sie möglicherweise nicht die beste Lösung für sie.“
Die Beschäftigten, die ihre Berufe überwiegend von zu Hause ausüben, berichteten zudem häufiger von Gefühlen der Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Nervosität und Traurigkeit.
Gleichzeitig nahmen sie häufiger psychologische Unterstützung in Anspruch und erhielten öfter verschreibungspflichtige Medikamente gegen Angstzustände oder Depressionen.
Nach Schätzung der Forscher könnte Telearbeit rund ein Drittel des seit Beginn der Pandemie beobachteten Anstiegs psychischer Probleme erklären.

Die Arbeitnehmer, die am stärksten gefährdet sind

Sanam Hafeez, Neuropsychologin und Leiterin von „Comprehend the Mind“ in New York, identifizierte vier Gruppen, die sie als besonders gefährdet ansieht:
  • Menschen, die allein leben oder nur über begrenzte soziale Unterstützung verfügen
  • Jüngere Mitarbeiter und Berufseinsteiger, denen Mentoren und Beziehungen am Arbeitsplatz fehlen
  • Menschen mit Angstzuständen, Depressionen oder einem starken Bedürfnis nach sozialer Interaktion
  • Menschen, denen es schwerfällt, Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen
„Sie pflegen ohnehin schon kaum soziale Kontakte“, so Hafeez, die nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber der englischsprachigen Epoch Times über die vier aufgelisteten Gruppen.
„Daher könnte es hilfreich sein, dass sie physisch zur Arbeit gehen sollten. Auf diese Weise sind sie von anderen umgeben und haben die Chance, Freundschaften zu schließen.“
Neben der zunehmenden sozialen Isolation kann Homeoffice auch die Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben erschweren.
Anders als im Büro fehlen zu Hause häufig die räumlichen und visuellen Grenzen, die den Arbeitstag klar vom Feierabend trennen. Wenn der Küchentisch gleichzeitig Arbeitsplatz ist, verschwimmen die Übergänge zwischen Arbeits- und Freizeit schnell.
Diese Entgrenzung kann dazu führen, dass Beschäftigte gedanklich länger bei der Arbeit bleiben und sich nach Feierabend schwerer erholen. Das Gehirn erhält weniger Signale dafür, dass der Arbeitstag beendet ist und nun eine Phase der Erholung beginnt.
Hinzu kommt, dass die tägliche Pendelzeit als natürlicher Übergang zwischen Berufs- und Privatleben entfällt.
Der Arbeitsweg bietet vielen Menschen die Möglichkeit, gedanklich abzuschalten, Erlebnisse des Arbeitstags zu verarbeiten und sich auf die nächste Rolle im privaten Umfeld einzustellen.
Auch die dauerhafte Präsenz von Arbeitsmitteln im Wohnraum kann die mentale Distanz zur Arbeit erschweren.
Sichtbare Erinnerungen an unerledigte Aufgaben – etwa der Laptop auf dem Esstisch oder Unterlagen im Wohnzimmer – können dazu beitragen, dass Beschäftigte gedanklich im Arbeitsmodus bleiben und sich weniger gut erholen.

Praktische Schritte für Remote-Mitarbeiter

Für Menschen, die überwiegend im Homeoffice arbeiten, gibt es praktische Möglichkeiten, potenzielle Belastungen für die psychische Gesundheit zu reduzieren.
Der Psychiater und Schlafmediziner Dr. Alex Dimitriu empfiehlt, das Haus regelmäßig zu verlassen und soziale Kontakte zu pflegen – idealerweise ein- bis zweimal pro Woche. Ebenso wichtig sei es, klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit zu ziehen.
„Gehen Sie aus dem Haus und schaffen Sie klare Übergänge zwischen Arbeit und Erholung“, sagte Dimitriu.
Während der Pandemie, als vermehrt Menschen ihre Arbeit nach Hause verlegen mussten, habe sich gezeigt, wie leicht die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen können. Viele Menschen telefonierten während der Hausarbeit, beantworteten E-Mails nebenbei oder wechselten ständig zwischen beruflichen und privaten Aufgaben.
Dadurch seien sie oft weder bei der Arbeit noch in ihrer Freizeit vollständig präsent gewesen.
„Sie fühlen sich ständig schuldig, weil sie beides nicht gut hinbekommen haben“, so Dimitriu.
Seiner Ansicht nach liegt die Lösung darin, bewusste Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben zu setzen und Eingriffe der Arbeit in die Freizeit möglichst zu begrenzen.
Dazu gehört, Ablenkungen während der Arbeitszeit zu reduzieren und zwischen Arbeitsende und Freizeit einen klaren Übergang zu schaffen – etwa durch Bewegung oder einen Spaziergang im Freien.
Klare Grenzen und regelmäßige Erholungsphasen können dazu beitragen, Stress zu reduzieren, einem Burnout vorzubeugen und die nötige Energie für soziale Kontakte und andere Aktivitäten bereitzustellen.
„Grenzen und ein gewisses Maß an Disziplin können das Arbeiten von zu Hause aus gut bewältigbar machen“, so Dimitrius’ Einschätzung.

 
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Your Mental Health May Be Paying the Price of Working From Home“. (deutsche Bearbeitung: vm)  
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„Horrorhaus“-Fall: Deutsche Eltern in Spanien verurteilt

Berge von Müll, Exkremente auf dem Boden und drei kleine Kinder, die jahrelang kaum Kontakt zur Außenwelt gehabt haben sollen: Als die Polizei im April 2025 ein Haus am Stadtrand von Oviedo im Norden Spaniens betrat, waren selbst erfahrene Ermittler erschüttert.
Der Einsatzleiter sprach von einem „Horrorhaus“. „Eine solche Situation hatten wir hier in Oviedo noch nie“, erzählte er damals sichtlich mitgenommen vor Journalisten.
Jetzt, ein gutes Jahr später, wurden die deutschen Eltern unter anderem wegen psychischer Gewalt gegen ihre Kinder zu einer Haftstrafe von insgesamt zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt.
Der Mann (54) und die Frau (49) wurden vom Provinzgericht auch wegen Vernachlässigung in der Familie schuldig gesprochen, wie die Justiz in Oviedo in der nordspanischen Region Asturien mitteilte.

Anwälte der Eltern erwägen Einspruch

Vom schwerwiegenderen Vorwurf der Freiheitsberaubung seien beide hingegen freigesprochen worden, hieß es.
Bei der mehrtägigen mündlichen Verhandlung im März hatte die Staatsanwaltschaft für den Deutschen und für die Deutsch-Amerikanerin eine Haftstrafe von jeweils 25 Jahren und vier Monaten gefordert.
Die Verteidigung erwägt, Berufung gegen das Urteil einzulegen.
Javier Muñoz, der Anwalt der Mutter, zeigte sich nach der Verkündung des Urteils zwar „mäßig zufrieden“ – insbesondere, weil das Gericht die drei Vorwürfe der Freiheitsberaubung verworfen habe.
Man sei aber der Auffassung, „dass dieser Fall vor allem sozial und fürsorgerisch hätte behandelt werden müssen – und nicht strafrechtlich“, sagte er der Zeitung „La Nueva España“.

Die Eltern hatten Angst vor Krankheiten

Das Paar hatte seine drei Kinder nach Behördenangaben dreieinhalb Jahre lang in Oviedo in einem verwahrlosten Haus voller Müll eingesperrt.
Die Eltern beteuerten immer wieder und auch beim Prozess ihre Unschuld. Sie behaupteten, sie hätten ihre drei kleinen Kinder vor der Außenwelt isoliert, um sie vor einer Ansteckung mit Krankheiten wie Corona zu schützen.
Die Opfer, damals achtjährige Zwillinge und ein zehnjähriger Junge, wurden Ende April 2025 in Fitoria am Stadtrand Oviedos befreit, nachdem eine misstrauische Nachbarin die Polizei alarmiert hatte.

Inmitten von Exkrementen auch eine schwer kranke Katze

Den Beamten bot sich während des dreieinhalbstündigen Einsatzes ein Bild des Grauens. „Alle waren fassungslos“, sagte damals der Einsatzleiter Javier Lozano vor Journalisten.
Medien veröffentlichten erschütternde Details, die ein Sprecher der Polizei in Oviedo auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. „Die Kinder waren schmutzig, in Schlafanzügen und schwer vernachlässigt“, hieß es. Sie seien auch „deutlich unterernährt“ gewesen.
Das Haus sei „überall mit Müll übersät“ gewesen, „selbst unter den Betten“. Man habe dort inmitten von Exkrementen auch eine schwer kranke Katze gefunden.

Achtjährige konnten weder lesen noch schreiben

Die Kinder hätten in zum Teil zu kleinen Gitterbetten schlafen müssen. Sie seien von ihren Eltern gezwungen worden, Windeln und Mundnasenmasken zu tragen, und völlig von der Außenwelt abgeschottet gewesen. Nicht einmal in den Garten des Hauses hätten sie gedurft.
„Wir haben drei Minderjährigen das Leben zurückgegeben. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in diesem Land passieren könnte“, sagte Einsatzleiter Lozano.
Die Zwillinge konnten nach dem Bericht der Ermittler weder lesen noch schreiben. Alle drei Kinder waren demnach unbeweglich, gingen gebückt und hatten Schwierigkeiten, Treppen zu steigen.
Einen Arzt hatten sie zuletzt 2019 in Deutschland gesehen. Die Eltern sollen die gesundheitlichen Probleme der Familie selbst diagnostiziert und behandelt haben. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei auch große Mengen verschiedener Medikamente ohne ärztliche Verschreibung.
Die Kinder werden seit ihrer Befreiung von den Sozialbehörden Asturiens betreut. Es werde nach der Verurteilung unter anderem erwogen, sie zur Adoption freizugeben, sagte eine Justizsprecherin.
Die Behörden hatten nach eigenen Angaben zeitweilig geprüft, ob die Eltern der Mutter die Vormundschaft für die Kinder übernehmen könnten, nachdem das Gericht den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte.
Diese Option erwies sich jedoch als wenig praktikabel, da die Großeltern in die USA zurückgekehrt seien. Weitere Angehörige konnten bis zuletzt nicht ausfindig gemacht werden. (dpa/red)