In Kürze:
- Die Pyramiden der Ägypter und der Maya gehören zu den bekanntesten ihrer Art, sind weltweit aber nicht die einzigen.
- Auch in Europa gibt es Pyramiden, unter anderem in Italien und Frankreich – und womöglich in Bosnien.
- Die sogenannten bosnischen Pyramiden sollen mehrere Zehntausend Jahre älter sein als jene in Gizeh, Chichén Itzá oder Teotihuacán.
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Widersprüchliche Forschungsergebnisse und umstrittene Deutung tun dem Tourismus in Visoko keinen Abbruch.
Die Anfahrt ist genauso unspektakulär wie der erste Eindruck: sanfte Hügel und grüne Hänge, an die über Jahrhunderte die Häuser eines bosnischen Städtchens geklebt wurden. Über der betulichen Szene thront einem grünen Kegel gleich der bewaldete Visočica-Hügel. Für Dr. Sam Osmanagić ist er mehr: konkret die
„Pyramide der Sonne“ und womöglich die älteste Pyramide der Welt. Die These des Entdeckers: Es handle sich nicht um einen natürlichen Hügel, sondern um ein von Menschen geschaffenes Bauwerk, das im Laufe von Jahrtausenden überwuchert wurde.
Ein Hügel wird zur Sensation
Als Semir Osmanagić Mitte der 2000er-Jahre verkündete, die bewaldeten Hügel rund um Visoko seien in Wahrheit gigantische, von Menschen geschaffene Pyramiden, war die Reaktion gespalten. Für die einen war es eine archäologische Sensation, für die anderen ein spektakulärer Irrtum.
Heute ist die kleine Stadt südlich von Sarajevo ein Pilgerort für Neugierige, Skeptiker und Überzeugte gleichermaßen. Reisebusse rollen an, Freiwillige graben, Besucher lauschen Führungen, in denen von uralten Zivilisationen, energetischen Feldern und verborgenen Kräften die Rede ist. Und von den Ergebnissen zahlreicher Studien, die „Dr. Sam“, wie Osmanagić hier genannt wird, immer wieder auf eigene Kosten in Auftrag gegeben hat. Taucht er auf, wird er gefeiert wie ein Star. Mit Hut, sandfarbener Outdoorkleidung und gebräunten Lachfältchen entspricht er einer Balkanversion von
Indiana Jones.
Semir „Dr. Sam“ Osmanagić vor dem Gelände des Archäologischen Parks der bosnischen Pyramiden.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Der Archäologische Park befindet sich in der Nähe der Ravne-Tunnel und …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
… umfasst auch Bühnen, Wiesen und Skulpturen.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
So ist er auch dieses Mal schnell von einer Traube Menschen umringt. Viele bedanken sich bei ihm, stellen ihm Fragen und fast alle wollen ein Foto oder Selfie mit ihm machen. Sein Händedruck ist fest. Er schildert den Moment seiner „Entdeckung“ wie folgt: „Der Kompass zeigte mir, dass diese Seiten
perfekt mit den Himmelsrichtungen Osten, Westen, Norden und Süden übereinstimmten. Für mich war das genug. Ich wusste, dass es sich um ein künstliches Bauwerk handelte.“
Dr. Sam und die Entdeckung von Visoko
Für ihn ist klar: Was hier liegt, sei vergleichbar mit den ebenfalls zugewucherten Pyramiden in Mexiko oder China. Nur größer. Die bosnische „Pyramide der Sonne“ ist laut Osmanagić rund 220 Meter hoch und damit höher als die wohl berühmteste Cheops-Pyramide, die mit ihren ursprünglich 146 Metern – heute knapp 10 Meter weniger – als höchste antike Pyramide gilt.
Die bekanntesten Pyramiden stehen in Gizeh, Ägypten. Im Vordergrund die drei Königinnenpyramiden, im Hintergrund (v. l. n. r.) die Mykerinos-Pyramide, die Chephren-Pyramide und die Cheops-Pyramide.
Foto: Ricardo Liberato/Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0
Die Sonnenpyramiden von Teotihuacan liegen außerhalb von Mexiko-Stadt. Archäologen gehen davon aus, dass die Stätte bis ins Jahr 600 n. Chr. das kulturelle Zentrum Mittelamerikas war.
Die Ruinenstätte Chichén Itzá liegt auf der Halbinsel Yucatán, Mexiko, und beherbergt neben der berühmten Stufenpyramide auch Hinweise auf die Entwicklung des Ballsports.
Die „Pyramide des Gaius Cestius“ wurde 18–12 v. Chr. in der Hauptstadt des Römischen Reiches errichtet. Hinter der Stadtmauer befindet sich mit der Via Ostiensis eine der belebtesten Straßen Roms.
Eine von drei bekannten griechischen Pyramiden ist die sogenannte Pyramide von Hellinikon beziehungsweise von Kephalaria. Sie entstand vermutlich zwischen 490 und 320 v. Chr., diente jedoch nicht als Grab, sondern Militär oder Landwirtschaft.
In China gibt es zahlreiche kaiserliche Mausoleen, die pyramidenähnliche Grabhügel aufweisen. Das Grab des ersten chinesischen Kaisers Qín Shǐhuángdì erscheint oberflächlich unspektakulär, …
… beherbergte jedoch die Terrakotta-Armee. Der Bericht eines US-amerikanischen Piloten aus dem Jahr 1945 über eine „gigantische weiß schimmernde Pyramide“ womöglich mit einer Spitze aus Kristall ist bis heute unbestätigt. Der vermutete Ort ist militärisches Sperrgebiet.
Auch in Cianjur, Indonesien, vermuten Forscher eine verborgene Pyramide. Die megalithische Fundstätte Gunung Padang datiert bis über 28.000 Jahre zurück und ist die größte ihrer Art in Südostasien.
Selbst in der Antarktis gibt es Pyramiden (-artige Strukturen). Mit einer Seitenlänge – an der Schneegrenze – von rund 400 Metern wäre sie rund 1,7-mal größer als die größte Pyramide in Gizeh. Wie viel „Pyramide“ noch unter dem Schnee liegt, ist unbekannt.
Foto: Bildshirmfoto/Google Earth
Zwischen zwei Schichten beziehungsweise Blöcken wurden fossile Rückstände gefunden, die auf ungefähr 34.000 Jahre geschätzt wurden und dem Alter der Pyramiden entsprechen sollen. Damit hätte Osmanagić in Bosnien und Herzegowina die weltweit ältesten Pyramiden gefunden. Und damit wäre auch Osmanagićs These bestätigt, dass es bereits viel früher hoch entwickelte Zivilisationen gab.
Osmanagić, der seit über 40 Jahren zu Pyramidenkulturen, Megalithanlagen und heiliger Geometrie forscht, hat mittlerweile
mehr als zwanzig Bücher sowie über dreißig begutachtete
Forschungsartikel veröffentlicht. Der wissenschaftliche Widerstand bleibt bis heute ungebrochen. Die European Association of Archaeologists erklärte bereits früh, es gebe keinerlei belastbare Beweise für künstlich errichtete Pyramiden. Viele Geologen sehen in den Formationen natürliche
Sedimenthügel, entstanden durch
tektonische Prozesse und
Erosion.
Eine Wanderung auf die Spitze – oder den Gipfel?
Auf die Spitze der Pyramide der Sonne führt ein teils steiler Wanderweg. Er beginnt in der Altstadt und dauert – je nach Puste – bis zu einer Stunde. Unterwegs läuft man durch Waldstücke, vorbei an freigelegten symmetrischen Steinplatten und kleineren Grabungsstellen.
Auf dem Gipfel liegen die Überreste der alten Königsfestung Visoki Fortress. Diese Ruinen aus dem 14. Jahrhundert werden immer wieder als Begründung genannt, warum die Pyramide nicht komplett freigelegt werden darf. Grabungen am Hügel könnten mittelalterliche Schichten oder andere „echte“ archäologische Funde beschädigen, heißt es.
Freigelegte Platten am Weg auf die Spitze der Pyramide.
Auf dem Gipfel befindet sich eine Siedlung aus dem 14. Jahrhundert.
Der eigentliche Kern der bosnischen Pyramiden liegt jedoch nicht auf dem Hügel, sondern darunter.
Der Weg in die Tiefe
Ins „Innere der Pyramide“ führen die Ravne-Tunnel, schmale Gänge aus Erde, Kies und Holzstreben. Obwohl an den Wänden und auf dem Boden Feuchtigkeit zu sehen ist, ist kein muffiger Geruch wahrnehmbar. Stattdessen atmet man in den wohltemperierten Gängen eine klare Luft ein, selbst in den hinteren Tunneln. Die Schritte hallen hier leise wider. Besucher sprechen automatisch leiser, Männer eine halbe Oktave tiefer.
Eingang zu den Ravne-Tunneln und dem Inneren der Pyramide.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
3,6 Kilometer sind bis heute ausgegraben, insgesamt sollen es über 100 Kilometer sein.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
65 Angestellte arbeiten unter anderem als Führer in den Tunneln und berichten …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
… von Räumen und Steinen voller Energie – eine Energie, die mehrere Besucher spüren und die mitunter extra dafür angereist sind.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Das Tunnelsystem erstreckt sich über mehrere Kilometer – ein Labyrinth aus Gängen, Kreuzungen und Kammern. Bislang sind davon rund 3,6 Kilometer freigelegt. Laut Osmanagić sollen es insgesamt über 100 Kilometer auf sieben Ebenen sein. Man geht gebückt, dann wieder aufrecht, vorbei an verschlossenen Seitenwegen, kleinen Kammern, die als Meditationsräume gekennzeichnet sind, und auffallend glatten Wänden.
Nach wenigen Minuten verändert sich die Wahrnehmung. Geräusche verschwinden. Gespräche werden leiser. Manche Besucher setzen sich einfach an die Wand und schließen die Augen. Der Rummel um diesen sagenumwobenen Ort hat auch in den Köpfen seine Spuren hinterlassen.
Heilung unter der Erde?
Für Osmanagić ist das alles kein Zufall. Er beschreibt die Tunnel als Ort besonderer Energie, als Raum der Regeneration. Tatsächlich existieren Messungen bezüglich Luftqualität und negativen Ionen innerhalb der Tunnel. Die Stiftung von Osmanagić verweist auf ihrer Website auf Werte von bis zu 43.000 negativen Ionen pro Kubikzentimeter Luft – deutlich mehr als in gewöhnlichen Waldgebieten.
In den Tunneln wurden zudem mehrere riesige, ovale Steine gefunden. Je weiter man in das Tunnelsystem hineinläuft, desto größer werden diese Megalithen – der bisher größte Stein wiegt um die 25 Tonnen. In jeden der Steine sind verschiedene Symbole oder Runenzeichen eingeritzt. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, erzählen die Guides an diesen Stopps, dass sich im Inneren Quarzkristalle befinden.
Zusammen mit der hohen Anzahl an negativen Ionen werde ein messbares elektromagnetisches Feld erzeugt, das die Luft energetisch reinigt. Wenn alles stimmt, müssen sich die vermessenen Effekte der Cheopspyramide hinten anstellen.
Bis heute lockt die vermeintlich antike Heilmethode Kranke aus dem ganzen Land und aller Welt für Heilsitzungen in die Tunnel. Atmen, hoffen, heilen. Die Tunnel sind gut gefüllt. Niemand drängelt. Die Atmosphäre ist ungewöhnlich friedlich. Die gemeinsame Idee vereint ebenso wie die leisen Zweifel, die bei dem einen oder anderen vielleicht bleiben.
Ein Wirtschaftswunder für Visoko
Besonders stolz ist Osmanagić auf das, was rund um die Ausgrabungen entstanden ist. „Vor zehn Jahren war dies sumpfiges Land voller Müll“, erzählt er und zeigt auf den gepflegten Archäologischen Park rund um die Tunneleingänge. „Wir haben alles selbst aufgebaut. Ohne staatliche Gelder, ohne EU-Unterstützung.“
Kinder spielen auf den grünen Wiesen, kleine Gruppen sitzen unter Bäumen, ein Pärchen lässt die Füße im Bachlauf baumeln, weiter hinten wird die Musikanlage auf einer kleinen Bühne aufgebaut. Hier sieht man keinen einzigen, der in sein Handy starrt. Tatsächlich beschäftigt die Stiftung heute laut eigenen Angaben rund 65 Mitarbeiter: Führer, Archäologen, Arbeiter, Bürokräfte. Es finden Kongresse, Konzerte und Vorträge statt. Für Tennisstar Novak Đoković, der
2022 ein Tenniszentrum auf dem Gelände des Archäologischen Parks eröffnete, ist dieser Platz der
„Himmel auf Erden“.
Finanziert werde alles durch Eintrittsgelder, seine Bücher und den Souvenirverkauf. Auch der Ort Visoko profitiert. Amira, deren alteingesessene Familie Gästezimmer („mit Pyramidenblick“) vermietet, erzählt, dass eine Familie aus Kanada, die im letzten Jahr eine Woche lang täglich die Tunnel mit ihrer kranken Tochter besucht hat, jetzt wieder kommt: diesmal für drei Wochen. „Die werden schon wissen, warum“, lacht sie und ergänzt: „Auch bevor Dr. Sam hierherkam und die Pyramiden und Tunnel freilegte, erzählten schon unsere Ältesten, dass da was los ist mit dem Visoko-Hügel. Wir stehen hier alle hinter ihm. Wer heilt, hat recht, oder?“
Vor dem Eingang zur Pyramide bieten Händler …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
… Souvenirs zum Kauf an. Viele haben einen Bezug zum Archäologischen Park, darunter …
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
… Pyramiden und Edelsteine – oder Edelsteine in Pyramidenform.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Für Kenan, der in einem Restaurant am idyllischen Flussufer mit Blick auf den Hügel von Visoko arbeitet, ist die Sache ebenfalls klar: keine Pyramide. „Dann hätten sie sie doch längst vollständig freigelegt“, erklärt uns der junge Mann achselzuckend. Osmanagić selbst sieht seine Erfolgsgeschichte von Widerständen begleitet. Universitäten und Museen hätten ihn von Anfang an abgelehnt. „Sie sagten: Keine Pharaonen in Bosnien. Deshalb auch keine Pyramiden in Bosnien.“
Keine Pharaonen in Bosnien?
Im Eingangsbereich des Archäologischen Parks weht eine blaue Flagge im Wind. Darauf stehen drei Worte: „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ – das sind Begriffe, die in Visoko noch häufiger fallen als wissenschaftliche oder archäologische Fachbegriffe.
Das erinnert irgendwie an das zentrale Prinzip der ägyptischen Pharaonen, die sich als Hüter der Ma’at sahen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Harmonie und Gleichgewicht. Sie mussten Chaos, Isfet, bekämpfen und kosmische sowie gesellschaftliche Balance wahren. Unter südamerikanischen Pyramidenbauern galten wiederum Ayni und Munay als direktere Analogie zu Liebe und Frieden, was seinerseits Verbindungen nahelegt.
Dr. Sams Motto in Visoko und für die Welt „Ljubav. Mir. Sloboda.“ – „Liebe. Frieden. Freiheit.“ weist gewisse Parallelen zu den ägyptischen Pharaonen auf.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Die „Pyramide der Sonne“ ist allgegenwärtig im bosnischen Visoko.
Foto: Lydia Roeber/Epoch Times
Veranstaltungstipp: Sommersonnenwende bei den bosnischen Pyramiden
Vom 14. bis 24. Juni 2026 findet in Visoko erneut das „Summer Solstice Festival“ rund um die bosnischen Pyramiden statt. Auf dem Programm stehen Vorträge, geführte Touren durch die Ravne-Tunnel, Meditationen, Yoga-Sessions und Konzerte im Park Ravne 2. Als Sprecher angekündigt sind unter anderem Semir Osmanagić sowie internationale Autoren und Grenzwissenschaftler. Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es
hier.