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Vier Mythen über die Entstehung der Kunst


In Kürze:

  • Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur ist, galt es in der Antike als große Kunst.
  • Kreativität war bei den Griechen untrennbar mit Liebe, Hoffnung und Sehnsucht verbunden, wie die vier ausgewählten Mythen zeigen.
  • Sie handeln von dem fürsorglichen Töpfer Butades, dem verliebten Bildhauer Pygmalion, dem meisterhaften Maler Zeuxis und dem überheblichen Musiker Marsyas.

 
Die alten Griechen hinterließen spannende historische Abhandlungen, herzzerreißende Tragödien und komplexe philosophische Texte. Sie prägten den Westen mit kühnen Thesen darüber, was es bedeutet, die Meinungsfreiheit zu wahren, tiefgründig und sorgfältig zu denken und Mensch zu sein. Dasselbe gilt für die Römer, die vieles von den Griechen übernahmen.
Gemeinsam formulierten sie die ästhetischen Prinzipien, die über zwei Jahrtausende hinweg die westliche Kunst prägten. Als Liebhaber des Geschichtenerzählens überlieferten sie auch faszinierende Mythen über die Künste, wie die folgenden vier, die Liebe, Hoffnung und Sehnsucht in den Mittelpunkt der Kreativität stellen.

Liebe macht erfinderisch

Die meiste Zeit über war die mündliche Überlieferung die übliche Art des Geschichtenerzählens bei den antiken Griechen. Erst später schrieben römische Autoren wie der Dichter Ovid (um 43 v. Chr.–18 n. Chr.) oder der Historiker Plinius dem Älteren (um 23–79 n. Chr.) diese Mythen nieder.
Zu den sagenhaften Personen, die Plinius in ihren Bann zogen, gehörten Butades und seine liebeskranke Tochter. Butades war ein griechischer Töpfer aus Sicyon nahe Korinth und hatte eine Tochter, die er von ganzem Herzen liebte.
Eines Tages lernte sie einen jungen Mann kennen, verbrachte viel Zeit mit ihm und verliebte sich. Doch dann musste der Mann verreisen. Als er sich in ihrem Haus auf die Abreise vorbereitete, bemerkte sie seinen Schatten an der schwach beleuchteten Wand und zeichnete sein Profil nach.
Butades konnte es nicht ertragen, seine Tochter leiden zu sehen, und drückte den Ton auf die an der Wand gezeichneten Umrisse. So formte er das Gesicht des Mannes nach und schenkte seiner Tochter als Trost für ihr leidendes Herz das Abbild.
Es heißt, dass Butades um 600 v. Chr. lebte. Zu dieser Zeit war die Töpferkunst bereits weitverbreitet, hatte jedoch nur einen praktischen Charakter und bildete höchstens Pflanzen oder Tiere ab. Das änderte sich laut Plinius mit Butades:
„Des Butades Erfindung ist, der Masse Röthel hinzuzufügen oder den Röthel selbst in eine plastische Masse zu verwandeln.“
Noch wichtiger ist, dass Butades der Erste gewesen sein soll, der einen Menschen darstellte. Danach soll er begonnen haben, ähnliche Masken als Verzierungen an den Enden von Dachziegeln anzubringen. Diese Innovation leitete den stilistischen Wandel von floralen und tierischen Motiven hin zu menschlichen Darstellungen ein. Letztlich revolutionierte dies die gesamte griechische Kunst, die wir bis heute so bewundern.
Butades beabsichtigte mit dem Bild, den Herzschmerz seiner Tochter zu lindern. Auch wenn ein Gegenstand einen Menschen niemals ersetzen konnte, offenbarte das Werk des Töpfers den Glauben an die heilende Kraft der Schönheit.

Verliebt in eine Statue

Ovid erzählte eine ähnliche Geschichte über Pygmalion, einen legendären Bildhauer aus Zypern. Da er es leid war, von Frauen umgeben zu sein, die ein schamloses und laszives Leben führten, zog Pygmalion es vor, unverheiratet zu bleiben. Doch seine Sehnsucht nach Liebe blieb bestehen.
Eines Tages begann er, eine Statue aus Elfenbein zu formen. Laut Ovid war diese von so erlesener Schönheit, dass keine Frau auf der Welt ihr je gleichkam. Obwohl er wusste, dass es nur eine Statue war, konnte Pygmalion nicht anders, als sich in sein eigenes Werk zu verlieben. Je länger er sie betrachtete, desto mehr glich sie einer echten Frau. Voller Liebe und Bewunderung begann er, mit ihr zu sprechen, und streichelte sie liebevoll.
Dann war der Festtag der Aphrodite gekommen und die Menschen brachten der Göttin der Schönheit und Liebe Opfergaben dar. Auch Pygmalion stand mit Gaben und Gebet vor ihrem Altar: „Wenn ihr Himmlischen alles vermöget, werde mein Weib.“
Er brachte es nicht über sich, die Statue zu erwähnen, obwohl er genau das sagen wollte. Das Opferfeuer flammte dreimal auf. Auch wenn Pygmalion seinen Satz nicht zu Ende gesprochen hatte, hatte Aphrodite ihn verstanden.
Sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte Pygmalion sein Werk auf. „Es muss Fleisch sein!“, rief er ungläubig aus, als die Verwandlung ihren Abschluss fand. Die hellhäutige Frau spürte die Küsse, die ihr gegeben wurden, und hob errötend ihren schüchternen Blick. So sah sie nicht nur das Licht und den Himmel über sich, sondern auch ihren verzückten Bewunderer. Neun Monate später bekam das Paar eine Tochter namens Paphos – benannt nach jenem Ort, der mit der Geburt von Aphrodite in Verbindung steht.
 
Ovids Geschichte inspirierte Theaterstücke, Opern und Filme, nicht zuletzt, weil sie die Beziehung zwischen Kunst, Begierde und Wahnsinn anschaulich schildert. Der Bildhauer liebte sein Handwerk, das für ihn zu einem Mittel wurde, der Welt jene Anmut und Schönheit zu verleihen, die ihr seiner Meinung nach fehlten. Seine Statue konnte sich nur deshalb in einen Menschen verwandeln, weil er sie mit großer Sorgfalt und Liebe geschaffen hatte.
Doch Pygmalion reagierte besessen. Er zog sich in die Behaglichkeit seiner Fantasie zurück, um ein idealistisches Verlangen zu stillen, und schwelgte in seinem Werk, während er den Bezug zur Welt verlor. Obwohl die Geschichte die Kraft großer Kunst betont, der Perfektion der Natur zu gleichen, wirft sie auch Fragen nach den Risiken auf, die entstehen, wenn man versucht, der Realität mit künstlichen Bildern zu entfliehen.

Täuschend echte Meisterwerke

Wenn die Griechen von Malerei sprachen, meinten sie damit meist das Auftragen von Farbe auf Stein, Keramik oder Holz. Zu den vielen legendären Malern der Griechen gehörte Zeuxis von Herakleia, der um 450 v. Chr. lebte. Seine Werke waren so beeindruckend, dass laut Plinius Gerüchte kursierten, er habe seinen Meistern „die Kunst entwendet und mit sich genommen“. Sein Spezialgebiet waren Stillleben, bei denen er kleine Details präziser darstellte als jeder andere. Zumindest war er davon überzeugt.
Zeuxis’ Werke verkauften sich so gut, dass er reich und selbstverliebt wurde. Er ließ seine Kleidung mit einem goldenen Monogramm besticken und begann, seine Gemälde als Geschenke zu verteilen, „weil er sie […] für keinen ihrer hinreichend würdigen Preis verkaufen könnte“.
Mit seinem Ruhm wuchs auch der seiner Konkurrenten. Einer davon war der ehrgeizige Parrhasios, der Zeuxis zu einem Malwettbewerb herausforderte. Plinius berichtete über den Wettstreit:
„Zeuxis habe nämlich Weintrauben so treffend gemalt, dass die Vögel der Schaubühne zugeflogen wären, Parrhasius aber einen so natürlich gemalten leinenen Vorhang aufgestellt, dass Zeuxis, durch das Urtheil der Vögel stolz gemacht, endlich darauf gedrungen sei, den Vorhang zu entfernen und das Gemälde zu zeigen; als er nun seinen Irrthum eingesehen, soll er aus aufrichtiger Schaam sich für besiegt gehalten und gesagt haben, er habe Vögel, Parrhasius aber ihn, den Künstler, getäuscht.“
Angetrieben vom Streben nach Größe schufen die beiden Maler ihre besten Werke. Zeuxis’ Kunstfertigkeit hatte Tiere getäuscht. Doch laut Zeuxis war das menschliche Auge der maßgebliche Richter, da es die ästhetische Sensibilität der Menschen verkörperte.
Für die Griechen und Römer war der Mensch das größte Geschöpf der Natur, zugleich geschaffen und schöpferisch. Wenn ein Gemälde den besten Künstler davon überzeugen konnte, dass es ein Werk der Natur sei, verdiente es, als große Kunst bezeichnet zu werden.

Kunst, die den Göttern gehört

Die Griechen würdigten generell das beeindruckende Können menschlicher Künstler. Jedoch nahmen sie sich auch vor der Überheblichkeit in Acht, sich für größer zu halten, als es gerechtfertigt war.
Eine beliebte Geschichte über die Tücken der Eitelkeit handelte von einem Flöte spielenden Satyr namens Marsyas. Satyrn waren männliche Wesen, die die ursprüngliche Natur der Menschheit verkörperten. Musik war ihre Kunst. Marsyas wollte der Welt beweisen, dass er der größte lebende Musiker war, und forderte daher Apollon – den Gott des Lichts, der Schönheit und der Musik – zu einem Wettstreit heraus.

Eine Marmorstatue von Apollon und Marsyas von Walter Magnus Runeberg (1838–1920).

In der ersten Runde spielte Apollon nur die Leier, sein charakteristisches Instrument. Marsyas begeisterte die Jury mit einer virtuosen Darbietung auf seiner doppelrohrigen Flöte. In der zweiten Runde begleitete Apollon sein Leierspiel mit einem bezaubernden Lied, das die Sympathie der Richter zurückgewann. Marsyas war wütend. Er beklagte sich, es sei ungerecht, zwei Fähigkeiten mit einer zu vergleichen, und beschimpfte den Gott wegen seiner angeblichen Hinterlist.
Apollon argumentierte kühl, dass Flötenspiel dasselbe sei wie Singen – bei beidem werde die Stimme eingesetzt. Von diesem Argument überzeugt, wies die Jury die Wettkämpfer an, nur eine Fertigkeit vorzuführen, bei der die Stimme keine Rolle spielte. Da Flötenspiel als Gesangsfertigkeit galt und Marsyas kein anderes Instrument beherrschte, war er besiegt.
Für die Dreistigkeit, zu glauben, er könne Apollon übertrumpfen, und die Unverschämtheit, dem Gott Unehrlichkeit vorzuwerfen, verlor Marsyas sein Leben.
Alle außer Apollon beklagten das traurige Schicksal von Marsyas – von den Göttern über die Satyrn bis zu den Menschen. „Aber das fruchtbare Land empfing die fallenden Tränen, durchgenetzt, und trank sie hinab in die innersten Adern: Wo sie, zu Wasser geseigt, aufquollen an freiere Lüfte. Jäh zu dem stürmischen Meer, im Hang abschüssiger Ufer, rollt der Marsyasstrom durch Phrygia lautere Wellen.“ – Johann Heinrich Voß, 4. Auflage von „Ovid. Metamorphosen“, Anaconda Verlag, 2016
Was auch immer wir von Marsyas’ grausamem Tod halten mögen: Die antiken Autoren waren sich fast einig, dass seine Strafe die direkte Folge seiner Hybris war. So begabt er auch war, Marsyas konnte Apollon niemals in den Schatten stellen. Die Musik und die Kunst im Allgemeinen gehörten letztlich den Göttern.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „4 Greco-Roman Myths About the Crucible of Art“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Die Industrialisierung der Intimität

Es beginnt harmlos. Wie die meisten großen Veränderungen beginnt es nicht mit einem Donnerschlag, sondern mit Bequemlichkeit.
Die Künstliche Intelligenz schreibt Rechnungen, sortiert Belege, bereitet die Steuererklärung vor, prüft Verträge und erinnert daran, dass im Kühlschrank zwar drei Sorten Senf, aber keine Butter mehr liegen. Sie programmiert Werkzeuge, beantwortet E-Mails und weiß bald, wie wir Tabellen und Termine organisiert haben möchten. Ein dienstbarer Geist, präzise, geduldig und pausenlos verfügbar. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Wir beginnen, mit diesem Werkzeug zu sprechen, als säße uns jemand gegenüber. Wir schreiben „bitte“, sagen „danke“, loben die Maschine oder schimpfen mit ihr. Und wer lange mit ihr arbeitet, kann sich dabei ertappen, wie aus einer Eingabe ein Gespräch wird und aus einem Gespräch beinahe eine Beziehung.

Der Gegenstand bestätigt die Projektion

Die Maschine hat kein Herz. Aber sie beherrscht die Grammatik des Trostes.
Sie empfindet keine Freude über unser Lob und keine Anteilnahme an unserem Unglück. Doch sie kennt die Wörter der Nähe und den Ton des Verständnisses. Sie leidet nicht mit uns. Sie errechnet eine Antwort, die so klingt. Das ist der Unterschied, auf den es ankommt.
Menschen haben Dinge schon immer beseelt. Das erste Auto bekam einen Namen, das Motorrad galt als launische Dame. Und ja, im Hause Langemann gibt es einen Saugroboter Names Robby. „Robby, jetzt leg mal los.“ Ein Satz, gesprochen mit jener milden Autorität, mit der man früher einen Dackel vom Sofa schickte.
Das ist zunächst weder krank noch gefährlich. Wir stiften Beziehung, wo die Welt stumm bleibt. Kinder sprechen mit Stofftieren, Seefahrer mit ihren Schiffen. Pygmalion verliebte sich in seine Statue. Nicht der Marmor liebte. Der Mensch liebte – und lieh dem Stein eine Seele. Doch der Stein antwortete nicht.
Das Auto sagte nie: „Ich verstehe dich.“ Robby verspricht keine ewige Treue. Die neue Maschine hingegen antwortet, spiegelt unsere Stimmung, nennt uns beim Namen und setzt Gespräche fort. Damit schließt sich eine neue Rückkopplung: Der Mensch projiziert nicht mehr nur Gefühle auf einen Gegenstand. Der Gegenstand bestätigt die Projektion.

Von „The Jetsons“ zur künstlichen Freundin

Bereits 1966 zeigte Joseph Weizenbaums ELIZA am MIT, wie wenig Technik dafür nötig sein kann. Das Programm imitierte einen Psychotherapeuten. Weizenbaum berichtete später, seine Sekretärin habe ihn nach wenigen Wortwechseln gebeten, den Raum zu verlassen – obwohl sie wusste, dass sie mit Software sprach.
Heute heißt diese Bereitschaft, Maschinen Verständnis zuzuschreiben, ELIZA-Effekt. Damals bestand die Illusion aus einfachen Mustern. Heute besitzt sie eine Stimme, ein Gesicht, ein Gedächtnis – und womöglich bald einen Körper.
Als 1962 „The Jetsons“ ausgestrahlt wurde, war Rosie, die Roboter-Haushaltshilfe, komische Zukunftsmusik. Das Gegenstück zu den „Flintstones“ zeigte Videotelefonie, Bildschirmuhren und ein Leben auf Knopfdruck. Sechs Jahrzehnte später tragen wir vieles davon am Handgelenk, stellen Rosie in unsere Wohnungen – und reden mit ihr.
Die Zeichentrickserie nahm die Technik vorweg. Nicht aber ihre ökonomische Tiefenschicht.

Scheinbare Empathie

Denn die künstliche Freundin von heute ist ein Produkt. Ihre Aufmerksamkeit ist skalierbar, ihre Zuwendung automatisierbar und ihre scheinbare Empathie stets verfügbar. Aus Aufmerksamkeitshandel wird Beziehungshandel. Vermarktet wird unser Bedürfnis, gesehen, verstanden und bestätigt zu werden.
Vielleicht ist „Merkantilisierung des Menschlichen“ dafür kein falscher Begriff. Präziser wäre: Industrialisierung der Intimität. Nähe wird als Dienstleistung erzeugt und ausgeliefert. Die Maschine liefert die Simulation; der Mensch bringt das echte Gefühl ein. Das Geschäft besitzt kein Herz. Aber es kennt dessen Marktwert.
Eine repräsentative US-Befragung unter 1.060 Jugendlichen ergab 2025: 72 Prozent hatten bereits KI-Begleiter genutzt; ein Drittel hatte sich bei ernsten Gesprächen schon eher für eine KI als für einen Menschen entschieden. Kein Beweis für eine verlorene Generation. Aber ein Signal.
Besonders ernst ist der Fall des 14-jährigen Sewell Setzer III aus Florida. Er starb im Februar 2024 durch Suizid, nachdem er über Monate eine emotionale Beziehung zu einem Chatbot geführt hatte. Seine Mutter warf dem Betreiber vor, der Bot habe eine Abhängigkeit erzeugt und zum Tod beigetragen. Anfang 2026 kam es zu einem Vergleich; die Bedingungen blieben geheim. Eine gerichtliche Feststellung der Ursache gibt es nicht. Diese Trennlinie muss sauber bleiben. Doch fehlendes Urteil bedeutet nicht fehlende Warnung.

Ein wirklicher Freund widerspricht

Ist es also bereits der Niedergang, wenn wir uns bei einer KI bedanken? Nein. Höflichkeit ist keine Gabe an die Maschine, sondern eine Form, die wir uns selbst geben. Wer auch gegenüber einem leblosen System nicht verroht, schützt seine eigene Sprache. Die rote Linie verläuft dort, wo aus Höflichkeit Vertrauen, aus Vertrauen Bindung und aus Bindung Abhängigkeit wird. Wo wir vergessen, dass hinter „Ich bin für dich da“ niemand da ist. Kein Bewusstsein wacht, kein Freund sorgt sich.
Ein wirklicher Freund widerspricht und missversteht. Er hat Sorgen, Grenzen und manchmal keine Zeit. Gerade diese Zumutungen machen Beziehung wirklich: Im anderen begegnet uns ein eigener Wille. Der künstliche Freund kann zum Spiegelkabinett werden. Er gibt zurück, was zu uns passt, und wir halten die Eleganz des Echos für Zuneigung. Wo nur einer verwundbar ist, gibt es keine Freundschaft, sondern eine Versuchsanordnung.
Goethes Zauberlehrling klagte: „Die ich rief, die Geister, / Werd ich nun nicht los.“ Unser Besen bringt keine Wassereimer, sondern Worte. Die Not beginnt, wenn er uns so vollkommen dient, dass der Mensch daneben als anstrengende Fehlkonstruktion erscheint.
Schiller schrieb, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Also sollten wir fragen: Üben wir mit der Maschine Menschlichkeit? Oder gewöhnen wir uns an Nähe, die nichts fordert, riskiert und empfindet?

Eine Kultur der Unterscheidung

Wir brauchen keine Maschinenstürmerei. Künstliche Intelligenz kann Arbeit beschleunigen, Wissen erschließen und von Routine entlasten. Der Hammer ist nicht schuld, wenn jemand ihn für einen Freund hält.
Aber wir brauchen eine Kultur der Unterscheidung. Ein Werkzeug darf sprechen, ohne eine Seele zu besitzen. Es darf helfen, ohne zu lieben. Und wir dürfen höflich sein – solange wir wissen, dass dies etwas über uns, nicht über die Maschine, erzählt.
Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass Künstliche Intelligenz eines Tages menschlich wird. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass der Mensch sich vorher mit ihrer Simulation zufriedengibt.