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Armenien-Wahl: Paschinjan gewinnt klar und setzt Westkurs fort

In der Südkaukasusrepublik Armenien hat der prowestliche Regierungschef Nikol Paschinjan ersten Hochrechnungen zufolge die Parlamentswahl gewonnen. Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission stimmten nach Auszählung von 110 der etwa 2.000 Wahllokale 57 Prozent der Armenier für Paschinjans Partei Zivilvertrag. Stärkste oppositionelle Kraft wurde die prorussische Partei Starkes Armenien von Milliardär Samwel Karapetjan mit 21 Prozent.
Auf Rang drei landete Ex-Präsident Robert Kotscharjan mit seiner Partei Armenien, die etwas mehr als acht Prozent der Stimmen auf sich vereinigte. Kotscharjan werden beste Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Mit der Partei Blühendes Armenien würde derzeit eine dritte prorussische Kraft mit etwa fünf Prozent der Stimmen ebenfalls ins Parlament einziehen. Für eine Mehrheit der moskautreuen Kräfte reicht dies nach erstem Stand aber nicht.
Bei der Parlamentsswahl in Armenien geht es um den außenpolitischen Kurs des Landes, das zwischen Russland und dem Westen laviert.

Bei der Parlamentsswahl in Armenien geht es um den außenpolitischen Kurs des Landes, das zwischen Russland und dem Westen laviert.

Foto: Andre Ballin/dpa

Höhere Wahlbeteiligung als bei der letzten Wahl

Die Wahlbeteiligung lag mit 59 Prozent deutlich höher als bei der vorangegangenen Parlamentswahl 2021. Damals waren es nur 49 Prozent.
Die hohe Aktivität der Wähler ist auch auf die Bedeutung des Urnengangs zurückzuführen, der von Regierung und Opposition als Richtungswahl verstanden wurde. Unter Paschinjan, der seit 2018 regiert, nähert sich Armenien dem Westen an und strebt nach einem EU-Beitritt. Dies geschieht auf Kosten der Beziehungen zum langjährigen Verbündeten Russland.

Verlust von Berg-Karabach als Krise und Wendepunkt

Paschinjan musste dabei in den vergangenen Jahren bereits einige Krisen durchstehen. Besonders der lange Konflikt mit dem Erzfeind Aserbaidschan machte Armenien zu schaffen. In zwei kurzen aber blutigen Auseinandersetzungen eroberte Aserbaidschan zwischen 2020 und 2023 das damals mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohnte Berg-Karabach.
100.000 Armenier mussten aus der Region ins Kernland fliehen. In der armenischen Hauptstadt Eriwan gingen die Menschen auf die Straße – auch gegen Paschinjan, dem sie Unfähigkeit vorwarfen. Bis heute herrscht in Teilen der Bevölkerung große Wut auf den Regierungschef, der nicht in der Lage war, Berg-Karabach gegen den durch Öl reich gewordenen und hochgerüsteten Nachbarn zu verteidigen.
Aber zugleich erschütterte der Verlust des Gebiets auch den Glauben vieler Menschen im Land an die traditionelle Schutzmacht Russland. Die russische Führung, die ihrerseits zu der Zeit in der Ukraine Krieg führte, half den Armeniern nicht und blieb beim Konflikt um Berg-Karabach passiv.

Seit dem Ende des Zweiten Berg-Karabach-Krieges fördern Aserbaidschan und die Türkei das Konzept des „Sangezur-Korridors“, der, wenn er umgesetzt wird, Aserbaidschan mit Nachitschewan und die Türkei mit dem Rest der türkischen Welt über die armenische Provinz Syunik verbinden würde.

Foto: Freeworldmaps.net / Frei verwendbarer Inhalt

Paschinjan: Landesverräter oder Friedensstifter?

Auch deswegen hat Paschinjan seinen Westkurs in den letzten Jahren nur noch verstärkt. Eingeklemmt zwischen Aserbaidschan und dessen großem Verbündeten Türkei ist Armenien auf einen Ausgleich mit den stärkeren Nachbarn angewiesen. Um einen stabilen Frieden mit Aserbaidschan abzusichern, setzte Paschinjan auf Europäer und die USA als Vermittler.
Während die Opposition ihm wegen der Niederlage im Krieg und anschließenden Verhandlungen Landesverrat vorwarf, betonte der Regierungschef die Bedeutung von Frieden in der Region. Tatsächlich sprachen viele Armenier Paschinjan zuletzt Verdienste bei der Schaffung von Frieden und Sicherheit zu. „Es wird nicht mehr dauernd geschossen an der Grenze, das ist gut“, sagte Lilith, eine Reiseführerin aus Eriwan, die sich als Anhängerin Paschinjans zu erkennen gibt. Deswegen und weil sie die korrupte alte Elite, die sich mit Moskau verbündet habe, nicht wiederhaben wolle, habe sie Paschinjan gewählt, erklärte sie.
„Die Stimmung im Land hat sich gedreht“, meint auch Jacob Wöllenstein, der politische Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung im Südkaukasus. „Selbst wenn viele Paschinjan nicht mögen, gibt es keine Alternative.“

Zunehmender Druck aus Moskau und politische Folgen

Russland wird teilweise als ein Faktor in der Entwicklung der politischen Kräfteverhältnisse in der Ex-Sowjetrepublik gesehen. In den vergangenen Monaten hat die russische Regierung unter anderem Einfuhrbeschränkungen für armenische Produkte eingeführt und mögliche Anpassungen beim bestehenden Gasliefervertrag in Aussicht gestellt. Zudem wurde der Ukraine-Krieg im Zusammenhang mit der Annäherung an die EU erwähnt.
Vor dem Hintergrund des seit mehr als vier Jahren andauernden Ukraine-Kriegs wurden diese Entwicklungen in Teilen der armenischen Bevölkerung als politisches Signal wahrgenommen. Dadurch beteiligten sich auch viele Wahlberechtigte an der Abstimmung, die zuvor nicht gewählt hatten.

Am 2. Mai 2026: Das Plakat kündigt den bevorstehenden ersten EU-Armenien-Gipfel an.

Foto: Karen Minasyan/AFP via Getty Images

Scharfer Wahlkampf

Der Wahlkampf war stark polarisiert, von Skandalen und – teilweise auch bewusst falschen – Vorwürfen geprägt. Während Paschinjan der Plan angedichtet wurde, Hunderttausende Aserbaidschaner im Land anzusiedeln, warf die Regierung Russland und der mit ihr verbandelten Opposition Stimmenkauf vor.
In Russland lebende Armenier würden speziell zur Wahl in ihre Heimat geschickt, damit sie dort gegen Entlohnung für prorussische Parteien stimmten, sagte ein Regierungsvertreter. Die Behörden haben mehrere Strafverfahren eröffnet, Festnahmen gab es selbst noch am Wahltag. Handfeste Beweise hat die Regierung für die Anschuldigung aber nicht präsentiert.
Paschinjan hat nun wohl das Mandat für fünf weitere Jahre. Dafür muss er aber die bestehenden Probleme mit Russland lösen. Der Traum von einem EU-Beitritt liegt noch in weiter Ferne, im wirtschaftlichen Alltag wird Armenien vorläufig weiter stark von Russland abhängig sein. (dpa/red)
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Parlamentswahl in Armenien von Festnahmen und Vorwürfen begleitet

Festnahmen, Bombendrohungen und gegenseitige Vorwürfe überschatten die Wahl in der Südkaukasusrepublik. Nach Angaben des Chefs der Oppositionspartei „Starkes Armenien“, Samwel Karapetjan, wurden in den vergangenen zwei Tagen mehr als 100 seiner Anhänger festgenommen.
„In eben diesem Moment laufen weitere Arreste unserer Unterstützer“, sagte Karapetjan bei der Stimmabgabe. Eine weitere Oppositionspartei berichtete ebenfalls von Festnahmen.
Karapetjan selbst steht seit Monaten unter Hausarrest. Die Behörden werfen ihm die Vorbereitung eines Staatsstreichs im Zusammenhang mit Unruhen Anfang des Jahres vor. Er weist die Vorwürfe als politisch motiviert zurück.
Das Innenministerium begründete die Festnahmen mit dem Verdacht auf Stimmenkauf. In Gjumri, der zweitgrößten Stadt des Landes, durchsuchten Beamte demnach das Büro von „Starkes Armenien“. Zudem wurden in der Nacht drei Mitglieder einer lokalen Wahlkommission festgenommen.
Die Polizei rückte zu mehreren Bombenalarmen aus, die sich jedoch als falsch erwiesen. Der Chef der Partei Meritokratie, Gurgen Simonjan, erklärte im Fernsehen, es sei nicht auszuschließen, dass die Wahl wegen der zahlreichen Verstöße wiederholt werden müsse.

Hohe Wahlbeteiligung

Die Wahllokale öffneten um 8:00 Uhr Ortszeit (6:00 Uhr MESZ). Die Beteiligung war nach Beobachtungen der Deutschen Presse-Agentur lebhaft.
Bis 17:00 Uhr Ortszeit (15:00 Uhr MESZ) hatten laut Zentraler Wahlkommission knapp 49 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Damit zeichnet sich eine ähnliche oder leicht höhere Beteiligung als bei der Wahl 2021 ab, als die Endbeteiligung bei etwas mehr als 49 Prozent lag.

Hintergrund und Positionen der Akteure

Die Wahl wird von Regierung und Opposition als richtungsweisend für die künftige Außenpolitik Armeniens betrachtet. Ministerpräsident Nikol Paschinjan strebt eine dritte Amtszeit an und hat eine Annäherung an den Westen sowie eine EU-Integration angekündigt.
Nach der militärischen Niederlage Armeniens 2023 im Konflikt um Berg-Karabach gegen Aserbaidschan und der anschließenden Flucht von rund 100.000 ethnischen Armeniern aus der Region kam es zu einer innenpolitischen Krise. Viele Armenier verloren in diesem Zusammenhang das Vertrauen in Russland als Schutzmacht, da Moskau während des Konflikts passiv blieb.
Paschinjan hat zur Absicherung eines Friedensabkommens mit Aserbaidschan auf Vermittlung durch europäische Staaten und die USA gesetzt. Die Opposition wirft ihm vor, durch die Niederlage und die nachfolgenden Verhandlungen Landesinteressen verraten zu haben. Paschinjan betont hingegen die Notwendigkeit eines stabilen Friedens.

Spannungen mit Russland

Die Beziehungen zu Russland sind ein zentrales Wahlkampfthema. Der Kreml hat in den vergangenen Monaten wirtschaftlichen Druck auf Armenien ausgeübt, unter anderem durch Einfuhrverbote für armenische Produkte und Drohungen bezüglich eines Gasliefervertrags. Wladimir Putin stellte in einer Erklärung Parallelen zur Ukraine her, was von vielen Armeniern als Drohung aufgefasst wurde.
Die armenische Regierung warf Russland vor, in Russland lebende Armenier gezielt zur Wahl in die Heimat zu schicken, um sie gegen Entlohnung für oppositionelle Parteien stimmen zu lassen. Die Behörden leiteten mehrere Strafverfahren ein, legten jedoch keine öffentlichen handfesten Beweise vor. Die Opposition bestreitet diese Vorwürfe.

Wahlbeobachtung

Wahlbeobachter der OSZE sind im Einsatz. Die Leiterin der OSZE-Beobachtermission, Farah Karimi, sprach von einer „beunruhigenden Polarisierung“ des Wahlkampfs, der von gegenseitigen Anschuldigungen und Beschimpfungen geprägt gewesen sei.
Die Auszählung der Stimmen läuft. Vorläufige Ergebnisse werden im Laufe des Abends oder am Folgetag erwartet.(dpa/red)
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Armenien wählt heute zwischen EU und Russland

In Armenien hat eine richtungsweisende Parlamentswahl begonnen. Die Wahllokale des Kaukasuslandes öffneten am Sonntagmorgen, mit ersten Hochrechnungen ist am Abend nach Schließung der Wahllokale um 20:00 Uhr (Ortszeit, 18:00 Uhr MESZ) zu rechnen.
Der seit 2018 amtierende Regierungschef Nikol Paschinjan, der das Land der EU annähern möchte, hofft dabei auf die Wiederwahl seiner Partei Zivilvertrag.
Stärkster Herausforderer ist der pro-russische Milliardär Samwel Karapetjan mit seiner Oppositionspartei Starkes Armenien.

Richtung Ost oder Richtung West?

Die Wahl gilt auch als Abstimmung über Paschinjans prowestlichen Kurs der vergangenen Monate. Der Präsident betont jedoch zugleich, dass er keinen Bruch mit Moskau anstrebe. Karapetjan seinerseits kritisiert Paschinjans Kurs als „rücksichtsloses Vorpreschen“ in Richtung Westen.
Laut einer Umfrage von Ende Mai liegt Paschinjans Zivilvertrags-Partei mit 32 Prozent klar in Führung, während die beiden wichtigsten Oppositionsparteien zusammen auf nur neun Prozent kamen.

Anhänger der Partei Zivilvertrag des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan versammeln sich am 5. Juni 2026, wenige Tage vor den Parlamentswahlen, im Zentrum von Eriwan.

Foto: Karen Minasyan/AFP via Getty Images

Enttäuschung über Russland

Die Wahl findet nach Jahren des Umbruchs statt: 2018 kam Paschinjan im Zuge einer Straßenrevolution ins Amt. Seitdem hat er die Ex-Sowjetrepublik, die lange Jahre als Verbündeter Moskaus galt, zunehmend der EU angenähert.
Grund war auch die Enttäuschung über Russland: Bei einer Militäroffensive des benachbarten Erzfeindes Aserbaidschan im September 2023 gegen die von Armeniern bewohnte Exklave Bergkarabach hatten die dort stationierten sogenannten russischen Friedenstruppen nicht eingriffen.
Bis heute sind die Folgen der Massenflucht von 100.000 ethnischen Armeniern aus Bergkarabach in dem kleinen Kaukasusland mit drei Millionen Einwohnern zu spüren. Armenien liegt zwischen Europa und Asien mit Grenzen zum Iran, Georgien, der Türkei und Aserbaidschan. (afp/red)
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kultur

Kein Lampenfieber: Zwölfjährige Cellistin auf großen Bühnen zu Hause

Es gibt Menschen, die brauchen lange, bis sie wissen, wer sie hier auf Erden sein möchten. Andere wissen es schon als kleine Kinder. Zu diesen zählt Charlotte Melkonian.
Heute ist sie zwölf Jahre alt und Cellistin. Proficellistin. Bereits mit dreieinhalb Jahren wusste sie, dass sie Solistin am Cello werden will. In der Carnegie-Hall in New York gab sie mit elf Jahren ihr Debüt, in der Hamburger Elbphilharmonie spielte sie bereits zahlreiche Konzerte. So viele, dass schon mal wegen Terminüberschneidungen abgesagt werden muss.
Es ist Sonntagnachmittag, 14 Uhr. Für das verabredete Videointerview erscheint die junge Cellistin mit offenem, fröhlichem Gesicht am Bildschirm, an ihrer Seite ihre Mutter Isabella Melkonian.
Charlottes Gesichtszüge sind noch kindlich. Doch von Scheu oder Verlegenheit keine Spur. Gewandt und in flottem Tempo beginnt sie zu erzählen.

Jede Woche ein Konzert – am liebsten mehr!

Dass sie oft unterwegs seien, richtig. Einmal die Woche gehe es an die Universität der Künste in Berlin (UdK). Seit 2023 besucht sie dort mit anderen Masterschülern die Celloklasse von Professor Jens Peter Maintz. Einziger Unterschied zu den anderen: das Alter. Üblicherweise sind die Studenten hier Anfang 20 oder älter. Dennoch sind es gerade diese Kommilitonen, mit denen Charlotte sich austauschen kann, denn sie teilen das, was auch sie beschäftigt: das vollständige Eintauchen in die Musik durch das Cellospiel.
Dabei komme das Scherzen und Lachen nicht zu kurz, betont sie. Auch mit ihrem Professor. Mit ihm erarbeitete sie im Alter von acht Jahren das 1. Cellokonzert in C-Dur von Haydn. Voller Freude erinnert sie sich daran. Vielleicht blieb es auch deshalb so stark in Erinnerung, da es das erste Stück unter seiner Begleitung war.
An Meisterkursen – mit Vorliebe bei ihrem Professor – nehme sie auch sehr gern teil, erzählt Charlotte lebhaft. Der Weg dorthin sei allerdings aufwendig: Bewerbung und Auswahlverfahren sind Voraussetzung. Zudem entstehe erheblicher finanzieller Aufwand, ergänzt die Mutter.
Doch dafür komme sie in den Genuss von sechs Unterrichtseinheiten pro Woche, oft 4, 5 oder 6 Stunden täglich, anstatt der üblichen wöchentlichen Stunde, fährt die Zwölfjährige fort. „Das ist toll. Und wir können auch bei den anderen zuhören. Da lernt man wirklich viel, wenn Prof. Maintz die anderen unterrichtet. Das ist das Besondere an einem Meisterkurs, dass man alle anderen hören kann“, führt sie aus.
Im Schnitt tritt Charlotte etwa einmal pro Woche bei kleineren Konzerten auf – zu unterschiedlichen Anlässen und bei wechselnden Veranstaltern. Einmal im Monat kommt ein größerer Auftritt hinzu. Am liebsten hätte sie jeden Tag ein Konzert.
Gerade letzte Woche gab es an der UdK das Konzert der Celloklasse ihres Professors. Im Übrigen eine Möglichkeit, mehrmals die Woche Konzerte der unterschiedlichen Musikklassen kostenfrei zu besuchen.

„Ich bin eigentlich ganz normal“

Woher sie ihre große Begabung glaubt zu haben? „Von Mama“, lautet die klare Antwort. Diese ist Sängerin, wie schon die armenischen Großeltern, die Opernsänger waren. Sie fügt hinzu: „Auf jeden Fall aus der Familie.“
Es ist ihre Mutter, die sie beim täglichen Üben begleitet. Am Nachmittag gegen 16 Uhr, wenn Schule und Hausaufgaben absolviert sind, geht es ans Cello. Endlich. Denn das Cellospielen sei für Charlotte das Wichtigste im Leben und mache ihr „generell immer am meisten Spaß“, sagt die junge Cellistin.
Ihre Mutter erzählt: „So ist Charlotte aufgewachsen. So bin auch ich aufgewachsen. [Mit] Musik [zu leben,] ist einfach ganz normal. Sie gehört wie Essen und Trinken oder Atmen zu unserem Leben.“
Schon bevor Charlotte im Alter von vier Jahren mit dem Cellospiel begann, hatte sich herausgestellt, dass sie – genau wie ihre Mutter – über die Gabe des absoluten Gehörs verfügt: die Fähigkeit, Töne ohne Hilfsmittel wie einen anderen Bezugston exakt zu bestimmen.
Charlottes erster Celloprofessor bestärkte Mutter und Tochter, dieses Talent zu pflegen. Sei es doch eine Fähigkeit, die man im Grunde nicht erlernen könne, sehr wohl aber verlernen, erklärt Isabella Melkonian. Und so wurde es einfach immer im Unterricht und auch im täglichen Leben integriert.
„Das ist ganz schrecklich: Mamas Zahnbürste klingt in C und meine in Cis. Wir können nicht gemeinsam die Zähne putzen. Das hält man sonst nicht aus. Ganz schlimm“, veranschaulicht Charlotte lachend.
Aber bei all dem sei sie eigentlich ein ganz normales Kind, betont sie. Sie lese und bastele viel und habe viele Kuscheltiere. Früher habe sie auch Ballett getanzt und im Chor gesungen. Dafür fehle jetzt schlicht die Zeit.

„Ich unterstütze dich so gut ich kann, mit aller Liebe und vollem Einsatz“, versichert Isabella Melkonian ihrer Tochter.

Foto: privat

Nur aus Liebe und Leidenschaft

Ob sie das gar nicht kenne, frage ich Charlotte, dass, obwohl man etwas sehr stark möchte, sich wie magisch immer wieder andere Dinge dazwischen schieben und es einfach nicht dazu kommt, das zu tun, was man doch eigentlich möchte.
Sie verneint. Ihre Mutter ergänzt, diese Entschluss- und Willenskraft sei ein Charakterzug Charlottes. Neben ihrem Hauptziel, dem Cellospiel, sei dies auch in allen anderen Tätigkeiten zu spüren.
Ob es um das Umsetzen eines Plätzchenrezepts gehe oder eine Zusatzaufgabe in der Schule, die nicht einmal Einfluss auf die Note habe: Nie würde etwas „hingeschludert“.
„Es soll ja trotzdem schön werden und wenn wir es schon machen, dann auch richtig“, bekräftigt Charlotte.
Doch dies sei auch die Herausforderung für sie als Mutter, erzählt Isabella Melkonian: den Lernhunger ihrer Tochter zu stillen und dennoch für Ruhemomente zu sorgen, abzuwägen, wann etwas zu viel werden könnte. Schließlich bewältigt die Zwölfjährige nebenbei auch noch das Schulpensum, und das sehr gut.
„Die Abendeinheit [beim Üben zu Hause] ist die schönste. Da legen wir noch mal so richtig los und haben viel Spaß. Dann möchte ich immer weiterspielen und nicht ins Bett gehen“, erzählt Charlotte innig. „Außerdem bin ich eine Nachteule und spiele auch sehr gerne am Abend Konzerte.“
Das Gefühl beim Cellospielen sei sehr wohlig, beschreibt die Jungmusikerin und fährt fort: „Es ist so schön, wenn ich das Cello umarme und die Resonanz spüre. Es macht mich einfach glücklich, die unterschiedlichen Klangfarben zu zaubern und miteinander zu verbinden.“

Freiheit als Grundvoraussetzung für eine gesunde Seele

Im Jahr 2017 begann Charlottes Cellounterricht in der Cello Akademie Hamburg. Parallel dazu wurde sie bei ausgedehnten Aufenthalten in Jerewan, Armenien, im Komitas-Konservatorium ausgebildet. 2022 kam dann die wöchentliche Vorklasse am Institut zur Früh-Förderung musikalisch Hochbegabter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover bei Prof. Martin Brauss mit den Fächern Musiktheorie, Gehörbildung und Rhythmik hinzu.
Für Charlottes Mutter war und ist das Entscheidende dabei, dass ihre Tochter sich wohlfühle und auf ihrem Weg als Profimusikerin glücklich ist. Immer mit der Option, dass Charlotte auch jederzeit einen anderen Weg einschlagen könne. „Denn“, so Isabella Melkonian, „um das durchzuhalten, muss man gesund sein und sich eine wirklich gesunde Seele bewahren.“
Auch das Mozarteum Salzburg zählte zu ihren Ausbildungsorten. Sie ist Stipendiatin bei der Deutschen Stiftung Musikleben, bei der Musikakademie in Liechtenstein und seit Kurzem auch bei der Anne-Sophie Mutter Stiftung, mit der Option, Unterricht bei Anne-Sophie Mutter zu erhalten.
Die Liste ihrer Preise und Auszeichnungen ist lang. So erhielt Charlotte Melkonian den ersten Preis und den Sonderpreis des Europäischen Freundeskreises Berlin bei der „International Young Ludwig Competition“, den ersten Preis mit Auszeichnung beim „Hamburger Instrumental Wettbewerb“ sowie den ersten Preis bei der „International Geringas Cello Competition“ in Klaipėda, Litauen, um nur einige zu nennen.
Die Konzerttätigkeiten Charlottes umfassen – unter vielen anderen – Auftritte als Solistin in der Laeiszhalle Hamburg mit der HansePhilharmonie Hamburg, bei den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker, sowie Auftritte als Solistin im NDR mit der NDR Radiophilharmonie Hannover. Beim renommierten Sion Festival in der französischen Schweiz stand sie als Solistin mit dem Sion-Festival-Orchester auf der Bühne.
2025 spielte Charlotte mit den Göttinger Symphonikern unter der Leitung von Nicholas Milton das Cellokonzert von Camille Saint-Saëns. In diesem Jahr wird sie bei den Audi Sommerkonzerten in Ingolstadt mitwirken sowie auch wieder bei den Kammermusiktagen Mitte Mai in Hohenems.
Auf ihren Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall angesprochen, erzählt sie, dass sie am Schluss des Konzerts am liebsten noch einmal gespielt hätte. So sehr habe sie den Auftritt und die Herzlichkeit des sie begleitenden Orchesters genossen.
„An der Stelle zu stehen, wo viele große andere Künstler schon standen“, sei etwas sehr Besonderes. Dass sie all die Konzerte auswendig spielt, ist dabei für sie eine Selbstverständlichkeit. So könne sie sich besser auf die eigentliche Musik konzentrieren.
Warum es für Sie kein Lampenfieber gibt? Keine Angst vor Fehlern? „Nein, ich weiß, dass nichts passieren kann, wenn ich gut vorbereitet bin.“ Und Fehler an sich seien auch nicht so schlimm.
Was sie sich für die Zukunft wünsche? „Mit vielen tollen Musikern zusammen spielen zu dürfen, mit großen Dirigenten und tollen Künstlern. Natürlich auch in tollen Konzertsälen und noch ganz viel lernen“. Und setzt, an die Mutter gewandt, nach: „Und dass wir immer zusammen musizieren.“

Charlotte Melkonian: „Wir reden immer den ganzen Tag über das Cellospiel und über Musik.“

Foto: Jannes Frubel

Charlottes Mutter, von Beruf Sängerin, lernte vom ersten Tag an das Cellospiel mit ihrer Tochter. Es sei ein gemeinsames Erarbeiten und auch Repetieren, sagt Isabella Melkonian, wobei das Singen ein zentrales Mittel sei, um Stücke zu erarbeiten und eine Vorstellung für die Tonkreation zu haben.

Foto: privat

Charlottes jetziges Cello ist von Stefano Scarampella aus Mantua, Italien, einem der besten Geigen- und Cellobauer des 20. Jahrhunderts. Sie erspielte es sich bei einem Wettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben.

Foto: privat

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Putin: Referendum über EU-Beitritt in Armenien wäre „logisch“

Nach einem europäischen Gipfeltreffen in Armenien Anfang der Woche hat Russlands Präsident Wladimir Putin sich zu einem möglichen EU-Beitritt der seit Langem mit Russland verbündeten Ex-Sowjetrepublik geäußert.
„Es wäre völlig logisch, ein Referendum abzuhalten und die armenischen Bürger zu fragen, wie ihre Entscheidung ausfallen würde“, sagte Putin am Samstag bei einer Pressekonferenz. „Auf dieser Grundlage würden wir dann auch unsere eigene Entscheidung treffen“, fügte er hinzu.

Putin zieht Parallelen zur Ukraine

Der Präsident sprach von der Möglichkeit einer „sanften, zivilisierten und für beide Seiten vorteilhaften Trennung“.
Er zog auch Parallelen zur Ukraine: „Wir alle sehen gerade alles, was sich in Richtung Ukraine abspielt. Aber wie hat das alles angefangen? Mit dem Versuch der Ukraine, der EU beizutreten“, betonte Putin.
Eriwan hatte 2024 seine Mitgliedschaft im von Russland geführten Militärbündnis OVKS gekündigt, nachdem Moskau Armenien in seinem Konflikt mit Aserbaidschan nicht verteidigt hatte. Armenien bekundete zudem Interesse an einem EU-Beitritt, was den Kreml verärgerte.

Treffen in Eriwan

Am Montag hatte Armenien dutzende Staats- und Regierungschefs anlässlich des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) empfangen, darunter auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Nach dem EPG-Gipfel fand in Eriwan am Dienstag dann ein Gipfeltreffen zwischen der EU und Armenien statt.
Der Besuch Selenskyjs in Eriwan „empörte“ Moskau. Es sei „kategorisch inakzeptabel“, dass Armenien Selenskyj „bei den jüngsten von der EU geförderten Veranstaltungen eine Plattform geboten hat“, erklärte das russische Außenministerium. (afp/red)
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Aufnahme von Iranern: Deutsche Visa werden vorerst in Armenien ausgestellt

Trotz des Krieges will die Bundesregierung mehr Iraner nach Deutschland aufnehmen.

Bereits gestellte Anträge von Studierenden und Erwerbstätigen würden von der deutschen Botschaft in der armenischen Hauptstadt Eriwan bearbeitet, heißt es laut einem „Spiegel“-Bericht in einer Antwort des Auswärtigen Amts an den Menschenrechtsexperten der Grünenfraktion, Boris Mijatović.

Visa-Anträge aus Iran über Eriwan

Es könne derzeit keine Aussage getroffen werden, wann die Visastelle der deutschen Botschaft in der iranischen Hauptstadt Teheran wieder geöffnet werde.
Die Bundesregierung plane daher, „die Antragsbearbeitung in Eriwan nach Möglichkeit weiter auszubauen und dort auch Neuanträge entgegenzunehmen“, teilte Außenstaatssekretär Bernhard Kotsch laut „Spiegel“ mit.
Mijatović begrüßte die Bemühungen, kritisierte jedoch, dass gerade für Iraner, die vor ihrer Staatsführung  flüchten, der Weg nach Eriwan weit und potenziell gefährlich sei.

Kritik an Eriwan-Lösung

Es sei daher unerlässlich, dass die Bundesregierung mehr tue, „um die Sicherheit der Betroffenen zu gewährleisten und gleichzeitig ein unbürokratisches sowie zügiges Verfahren sicherzustellen“, sagte er dem „Spiegel“.
Bei vielen Menschen bleibe ein „Gefühl von Vernachlässigung und deutscher Unzuverlässigkeit vor Ort und auch bei deutschen Einrichtungen zurück“. Studierende, Wissenschaftler und junge Fachkräfte befänden sich „seit Monaten in einer existenziellen, teils sogar lebensbedrohlichen Lage“.
Auch deutsche Unternehmen und Universitäten würden am fehlenden Tempo dieser Bundesregierung verzweifeln, betonte der Grünen-Politiker. (afp/red)