Categories
kultur

Kein Lampenfieber: Zwölfjährige Cellistin auf großen Bühnen zu Hause

Es gibt Menschen, die brauchen lange, bis sie wissen, wer sie hier auf Erden sein möchten. Andere wissen es schon als kleine Kinder. Zu diesen zählt Charlotte Melkonian.
Heute ist sie zwölf Jahre alt und Cellistin. Proficellistin. Bereits mit dreieinhalb Jahren wusste sie, dass sie Solistin am Cello werden will. In der Carnegie-Hall in New York gab sie mit elf Jahren ihr Debüt, in der Hamburger Elbphilharmonie spielte sie bereits zahlreiche Konzerte. So viele, dass schon mal wegen Terminüberschneidungen abgesagt werden muss.
Es ist Sonntagnachmittag, 14 Uhr. Für das verabredete Videointerview erscheint die junge Cellistin mit offenem, fröhlichem Gesicht am Bildschirm, an ihrer Seite ihre Mutter Isabella Melkonian.
Charlottes Gesichtszüge sind noch kindlich. Doch von Scheu oder Verlegenheit keine Spur. Gewandt und in flottem Tempo beginnt sie zu erzählen.

Jede Woche ein Konzert – am liebsten mehr!

Dass sie oft unterwegs seien, richtig. Einmal die Woche gehe es an die Universität der Künste in Berlin (UdK). Seit 2023 besucht sie dort mit anderen Masterschülern die Celloklasse von Professor Jens Peter Maintz. Einziger Unterschied zu den anderen: das Alter. Üblicherweise sind die Studenten hier Anfang 20 oder älter. Dennoch sind es gerade diese Kommilitonen, mit denen Charlotte sich austauschen kann, denn sie teilen das, was auch sie beschäftigt: das vollständige Eintauchen in die Musik durch das Cellospiel.
Dabei komme das Scherzen und Lachen nicht zu kurz, betont sie. Auch mit ihrem Professor. Mit ihm erarbeitete sie im Alter von acht Jahren das 1. Cellokonzert in C-Dur von Haydn. Voller Freude erinnert sie sich daran. Vielleicht blieb es auch deshalb so stark in Erinnerung, da es das erste Stück unter seiner Begleitung war.
An Meisterkursen – mit Vorliebe bei ihrem Professor – nehme sie auch sehr gern teil, erzählt Charlotte lebhaft. Der Weg dorthin sei allerdings aufwendig: Bewerbung und Auswahlverfahren sind Voraussetzung. Zudem entstehe erheblicher finanzieller Aufwand, ergänzt die Mutter.
Doch dafür komme sie in den Genuss von sechs Unterrichtseinheiten pro Woche, oft 4, 5 oder 6 Stunden täglich, anstatt der üblichen wöchentlichen Stunde, fährt die Zwölfjährige fort. „Das ist toll. Und wir können auch bei den anderen zuhören. Da lernt man wirklich viel, wenn Prof. Maintz die anderen unterrichtet. Das ist das Besondere an einem Meisterkurs, dass man alle anderen hören kann“, führt sie aus.
Im Schnitt tritt Charlotte etwa einmal pro Woche bei kleineren Konzerten auf – zu unterschiedlichen Anlässen und bei wechselnden Veranstaltern. Einmal im Monat kommt ein größerer Auftritt hinzu. Am liebsten hätte sie jeden Tag ein Konzert.
Gerade letzte Woche gab es an der UdK das Konzert der Celloklasse ihres Professors. Im Übrigen eine Möglichkeit, mehrmals die Woche Konzerte der unterschiedlichen Musikklassen kostenfrei zu besuchen.

„Ich bin eigentlich ganz normal“

Woher sie ihre große Begabung glaubt zu haben? „Von Mama“, lautet die klare Antwort. Diese ist Sängerin, wie schon die armenischen Großeltern, die Opernsänger waren. Sie fügt hinzu: „Auf jeden Fall aus der Familie.“
Es ist ihre Mutter, die sie beim täglichen Üben begleitet. Am Nachmittag gegen 16 Uhr, wenn Schule und Hausaufgaben absolviert sind, geht es ans Cello. Endlich. Denn das Cellospielen sei für Charlotte das Wichtigste im Leben und mache ihr „generell immer am meisten Spaß“, sagt die junge Cellistin.
Ihre Mutter erzählt: „So ist Charlotte aufgewachsen. So bin auch ich aufgewachsen. [Mit] Musik [zu leben,] ist einfach ganz normal. Sie gehört wie Essen und Trinken oder Atmen zu unserem Leben.“
Schon bevor Charlotte im Alter von vier Jahren mit dem Cellospiel begann, hatte sich herausgestellt, dass sie – genau wie ihre Mutter – über die Gabe des absoluten Gehörs verfügt: die Fähigkeit, Töne ohne Hilfsmittel wie einen anderen Bezugston exakt zu bestimmen.
Charlottes erster Celloprofessor bestärkte Mutter und Tochter, dieses Talent zu pflegen. Sei es doch eine Fähigkeit, die man im Grunde nicht erlernen könne, sehr wohl aber verlernen, erklärt Isabella Melkonian. Und so wurde es einfach immer im Unterricht und auch im täglichen Leben integriert.
„Das ist ganz schrecklich: Mamas Zahnbürste klingt in C und meine in Cis. Wir können nicht gemeinsam die Zähne putzen. Das hält man sonst nicht aus. Ganz schlimm“, veranschaulicht Charlotte lachend.
Aber bei all dem sei sie eigentlich ein ganz normales Kind, betont sie. Sie lese und bastele viel und habe viele Kuscheltiere. Früher habe sie auch Ballett getanzt und im Chor gesungen. Dafür fehle jetzt schlicht die Zeit.

„Ich unterstütze dich so gut ich kann, mit aller Liebe und vollem Einsatz“, versichert Isabella Melkonian ihrer Tochter.

Foto: privat

Nur aus Liebe und Leidenschaft

Ob sie das gar nicht kenne, frage ich Charlotte, dass, obwohl man etwas sehr stark möchte, sich wie magisch immer wieder andere Dinge dazwischen schieben und es einfach nicht dazu kommt, das zu tun, was man doch eigentlich möchte.
Sie verneint. Ihre Mutter ergänzt, diese Entschluss- und Willenskraft sei ein Charakterzug Charlottes. Neben ihrem Hauptziel, dem Cellospiel, sei dies auch in allen anderen Tätigkeiten zu spüren.
Ob es um das Umsetzen eines Plätzchenrezepts gehe oder eine Zusatzaufgabe in der Schule, die nicht einmal Einfluss auf die Note habe: Nie würde etwas „hingeschludert“.
„Es soll ja trotzdem schön werden und wenn wir es schon machen, dann auch richtig“, bekräftigt Charlotte.
Doch dies sei auch die Herausforderung für sie als Mutter, erzählt Isabella Melkonian: den Lernhunger ihrer Tochter zu stillen und dennoch für Ruhemomente zu sorgen, abzuwägen, wann etwas zu viel werden könnte. Schließlich bewältigt die Zwölfjährige nebenbei auch noch das Schulpensum, und das sehr gut.
„Die Abendeinheit [beim Üben zu Hause] ist die schönste. Da legen wir noch mal so richtig los und haben viel Spaß. Dann möchte ich immer weiterspielen und nicht ins Bett gehen“, erzählt Charlotte innig. „Außerdem bin ich eine Nachteule und spiele auch sehr gerne am Abend Konzerte.“
Das Gefühl beim Cellospielen sei sehr wohlig, beschreibt die Jungmusikerin und fährt fort: „Es ist so schön, wenn ich das Cello umarme und die Resonanz spüre. Es macht mich einfach glücklich, die unterschiedlichen Klangfarben zu zaubern und miteinander zu verbinden.“

Freiheit als Grundvoraussetzung für eine gesunde Seele

Im Jahr 2017 begann Charlottes Cellounterricht in der Cello Akademie Hamburg. Parallel dazu wurde sie bei ausgedehnten Aufenthalten in Jerewan, Armenien, im Komitas-Konservatorium ausgebildet. 2022 kam dann die wöchentliche Vorklasse am Institut zur Früh-Förderung musikalisch Hochbegabter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover bei Prof. Martin Brauss mit den Fächern Musiktheorie, Gehörbildung und Rhythmik hinzu.
Für Charlottes Mutter war und ist das Entscheidende dabei, dass ihre Tochter sich wohlfühle und auf ihrem Weg als Profimusikerin glücklich ist. Immer mit der Option, dass Charlotte auch jederzeit einen anderen Weg einschlagen könne. „Denn“, so Isabella Melkonian, „um das durchzuhalten, muss man gesund sein und sich eine wirklich gesunde Seele bewahren.“
Auch das Mozarteum Salzburg zählte zu ihren Ausbildungsorten. Sie ist Stipendiatin bei der Deutschen Stiftung Musikleben, bei der Musikakademie in Liechtenstein und seit Kurzem auch bei der Anne-Sophie Mutter Stiftung, mit der Option, Unterricht bei Anne-Sophie Mutter zu erhalten.
Die Liste ihrer Preise und Auszeichnungen ist lang. So erhielt Charlotte Melkonian den ersten Preis und den Sonderpreis des Europäischen Freundeskreises Berlin bei der „International Young Ludwig Competition“, den ersten Preis mit Auszeichnung beim „Hamburger Instrumental Wettbewerb“ sowie den ersten Preis bei der „International Geringas Cello Competition“ in Klaipėda, Litauen, um nur einige zu nennen.
Die Konzerttätigkeiten Charlottes umfassen – unter vielen anderen – Auftritte als Solistin in der Laeiszhalle Hamburg mit der HansePhilharmonie Hamburg, bei den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker, sowie Auftritte als Solistin im NDR mit der NDR Radiophilharmonie Hannover. Beim renommierten Sion Festival in der französischen Schweiz stand sie als Solistin mit dem Sion-Festival-Orchester auf der Bühne.
2025 spielte Charlotte mit den Göttinger Symphonikern unter der Leitung von Nicholas Milton das Cellokonzert von Camille Saint-Saëns. In diesem Jahr wird sie bei den Audi Sommerkonzerten in Ingolstadt mitwirken sowie auch wieder bei den Kammermusiktagen Mitte Mai in Hohenems.
Auf ihren Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall angesprochen, erzählt sie, dass sie am Schluss des Konzerts am liebsten noch einmal gespielt hätte. So sehr habe sie den Auftritt und die Herzlichkeit des sie begleitenden Orchesters genossen.
„An der Stelle zu stehen, wo viele große andere Künstler schon standen“, sei etwas sehr Besonderes. Dass sie all die Konzerte auswendig spielt, ist dabei für sie eine Selbstverständlichkeit. So könne sie sich besser auf die eigentliche Musik konzentrieren.
Warum es für Sie kein Lampenfieber gibt? Keine Angst vor Fehlern? „Nein, ich weiß, dass nichts passieren kann, wenn ich gut vorbereitet bin.“ Und Fehler an sich seien auch nicht so schlimm.
Was sie sich für die Zukunft wünsche? „Mit vielen tollen Musikern zusammen spielen zu dürfen, mit großen Dirigenten und tollen Künstlern. Natürlich auch in tollen Konzertsälen und noch ganz viel lernen“. Und setzt, an die Mutter gewandt, nach: „Und dass wir immer zusammen musizieren.“

Charlotte Melkonian: „Wir reden immer den ganzen Tag über das Cellospiel und über Musik.“

Foto: Jannes Frubel

Charlottes Mutter, von Beruf Sängerin, lernte vom ersten Tag an das Cellospiel mit ihrer Tochter. Es sei ein gemeinsames Erarbeiten und auch Repetieren, sagt Isabella Melkonian, wobei das Singen ein zentrales Mittel sei, um Stücke zu erarbeiten und eine Vorstellung für die Tonkreation zu haben.

Foto: privat

Charlottes jetziges Cello ist von Stefano Scarampella aus Mantua, Italien, einem der besten Geigen- und Cellobauer des 20. Jahrhunderts. Sie erspielte es sich bei einem Wettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben.

Foto: privat