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Kinder: Wie analoges Spielzeug digitale Medien spielend schlägt


In Kürze:

  • Analoges Spielzeug beflügelt die Fantasie und lässt Kinder mit der Welt interagieren.
  • Es trainiert nicht nur räumliches Denken, sondern auch erzählerische Fähigkeiten.
  • Traditionelles Spielzeug fördert auch die sogenannte innerlich gelenkte Aufmerksamkeit – ein Hilfsmittel, um Selbstbestimmung zu entwickeln – und die Impulskontrolle.
  • Um diese Vorteile zu nutzen, braucht es nur wenig Spielzeug – Hauptsache, es ist einfach und ermöglicht freies Spielen.

 
Puppen, Bauklötze und Rätsel – dieses Spielzeug gab es immer wieder über Kulturen und Generationen hinweg. Das ist kein Zufall, denn sie vermitteln viele Lektionen für das spätere Leben.
Traditionelles Spielzeug hat heute einen starken Konkurrenten: den Bildschirm. Und damit kommt die Sorge auf, welche Fähigkeiten sich Kinder nicht aneignen können, wenn Bildschirme das praktische Spiel mit Spielzeug verdrängen. 

Jedes Spielzeug fördert etwas anderes

Die besten Spielzeuge erfordern den Einsatz des Kindes: Bauklötze ohne Bauplan oder ein Stofftier ohne Namen oder Hintergrundgeschichte, bis ein Kind ihm einen gibt.
Diese offenen Möglichkeiten seien es, die Spielzeug ihre Kraft verleihen, sagte Roberta Golinkoff gegenüber Epoch Times. Sie ist Professorin für Psychologie an der University of Delaware und Leiterin der Forschungseinrichtung Child’s Play, Learning, and Development Lab.
„Spielzeug beflügelt die Fantasie. Gibt man Kindern konkrete Gegenstände, mit denen sie hantieren und sich Szenarien ausdenken können, werden sie ihre Fantasie einsetzen“, so die Psychologin.
Unterschiedliches Spielzeug regt unterschiedliche Arten von Denken an.

Räumliches Denken lernen

Spielzeug

Foto: galina-kovalenko/iStock

Die ersten Herausforderungen, die Spielzeug mit sich bringt, sind physischer Art. Eine Eisenbahnanlage beispielsweise fordert Kinder dazu auf, räumlich zu denken. Ein Kind muss vorhersagen, wie die Teile zusammenpassen, sich vorstellen, wohin die Schienen führen, und Probleme lösen, wenn der Aufbau nicht funktioniert.
„Wie muss man die Schienen verlegen, damit sie sich nicht um sich selbst drehen?“, fragte Kathy Hirsh-Pasek. „Das ist ziemlich schwierig, aber es ist ein räumliches Problem“, so die Professorin für Psychologie an der Temple University in Philadelphia, USA, zu Epoch Times.
Auch das Bauen mit Bauklötzen und das Zusammensetzen von Puzzles erfordern von Kindern, dass sie Objekte gedanklich drehen, Entfernungen einschätzen und verstehen, wie einzelne Teile mit einem größeren Ganzen zusammenhängen.

Die Welt beschreiben lernen

Foto: FamVeld/iStock

Spielzeug gibt Kindern einen Anlass, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Wenn Kinder mit Bausteinen bauen oder Fantasiewelten erschaffen, beginnen sie ganz natürlich, Sprache zu nutzen. Mit ihr erklären sie, wie Dinge im Raum zueinander stehen.
Diese Wörter beschreiben nicht nur, wo sich Objekte befinden. Sie helfen Kindern, Ideen zu ordnen, Pläne zu kommunizieren und Zusammenhänge zu verstehen.
„Wenn man über ‚neben‘, ‚in‘, ‚um‘, ‚durch‘ spricht“, sagte Hirsh-Pasek, „lernt man einen Wortschatz, der sich für spätere schulische Fähigkeiten als wirklich wichtig erweist.“

Welten erschaffen lernen

Foto: romrodinka/iStock

Eine Puppe, ein Stofftier oder eine Figur kommt ohne Drehbuch daher. Kinder entscheiden selbst, wer die Figuren sind, was sie wollen, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und wie die Geschichte endet.
„Man ist der Drehbuchautor“, sagte Hirsh-Pasek. „Man bestimmt das Tempo und den Handlungsverlauf.“
Diese Freiheit macht die Kraft des Rollenspiels aus. Das Spielzeug liefert den Ausgangspunkt, aber das Kind gibt ihm Bedeutung. Indem sie diese Geschichten erfinden, üben Kinder, wie Geschichten funktionieren – wie sich Ereignisse entwickeln, wie sich Figuren verändern und wie die Handlungen einer Person eine andere beeinflussen.

Die Aufmerksamkeit lenken lernen

Das Spielen mit Spielzeug fordert Kinder dazu auf, eine der wichtigsten Fähigkeiten der Kindheit zu üben: zu entscheiden, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten.
„Es gibt zwei Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit zu steuern“, sagt Angeline Lillard gegenüber Epoch Times. Sie ist Professorin für Psychologie an der University of Virginia.
  1. Man kann sie von innen steuern, zum Beispiel wenn ein Kind selbst entscheidet, was es in die Hand nimmt und erkundet.
  2. Sie kann von außen gesteuert werden – etwas blinkt, piept oder bewegt sich, und die Aufmerksamkeit des Kindes wandert automatisch dorthin.
Diese Unterscheidung sei wichtig, denn Aufmerksamkeit sei nicht einfach nur die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Es sei die Fähigkeit zu entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient, so die Psychologin.
Ihr zufolge sollte bei Kindern die Aufmerksamkeit gefördert werden, die von innen heraus entsteht. „So entwickelt sich Selbstbestimmung“, meinte Lillard.
Freies Spielzeug wie Bauklötze bietet Kindern die Möglichkeit, innerlich gelenkte Aufmerksamkeit zu üben. Ein Kind, das entscheidet, was aus einem Bauklotzturm werden soll, trifft ständig Entscheidungen. Nicht das Spielzeug bestimmt den nächsten Schritt, sondern das Kind.

Impulse kontrollieren lernen

Wenn mehrere Kinder am Spiel beteiligt sind, beginnt eine andere Art des Denkens, bei der es auch zusätzlich um den sozialen Aspekt geht. Kinder verhandeln, wechseln sich ab, lösen Meinungsverschiedenheiten und beginnen, Situationen aus der Perspektive anderer zu betrachten.
Außerdem müssen sie ihre eigenen Impulse und Emotionen im Zaum halten, wenn das Spiel nicht nach ihrem Willen verläuft. Diese kleinen Konflikte üben Kinder darin, mit anderen kontinuierlich zu interagieren, auch wenn es frustrierend ist.
Dies steht in krassem Gegensatz zu Bildschirmen. Wie eine Studie aus dem Jahr 2023 mit mehr als 7.000 Kindern ergab, hatten Kinder, die im Alter von 1 Jahr mehr Zeit vor dem Bildschirm verbrachten, im Alter von 2 und 4 Jahren mit höherer Wahrscheinlichkeit Entwicklungsverzögerungen in den Bereichen Kommunikation, Feinmotorik, Problemlösung und persönlich-soziale Kompetenzen.

Mittels des Körpers denken

Die physische Welt ist nicht nur der Schauplatz des Lernens, sie ist auch ein Lehrmeister. „Die physische Welt gegen ein iPad auszutauschen und anzunehmen, dass dies die Gehirnentwicklung nicht tiefgreifend beeinflusst, ist ein Fehler“, so Lillards Einschätzung.
Der Grund dafür hängt mit dem zusammen, was Forscher als „verkörperte Kognition“ bezeichnen. Das ist die Vorstellung, dass das Denken durch die Wechselbeziehung des Körpers mit der physischen Welt geprägt wird. Das Betrachten von Bildschirmen kann, egal wie interaktiv das Spiel auch gestaltet sein mag, das Spielen mit einem physischen Objekt nicht ersetzen.
Laut Lillard verstehen Kinder die Größe, das Gewicht oder die Form eines Objekts nicht vollständig, indem sie es nur betrachten. Sie lernen, indem sie es in die Hand nehmen, es drehen, es in ein anderes Objekt einpassen und entdecken, was als Nächstes passiert.
Die Hände der Kinder sind nicht von ihrem Denken getrennt. „Indem sie mit Objekten interagieren, lernen Kinder etwas über die Welt“, erklärte die Psychologin.
Ein Bauklotz, der sich unerwartet schwer anfühlt, oder ein Spielzeugauto, das auf der einen Rampe schneller rollt als auf der anderen, vermittelt Lektionen, die niemand erklären muss. Diese kleinen Überraschungen werden zu Informationen, die Kindern helfen, ein intuitives Verständnis aufzubauen.

Weniger ist mehr

Wenn Eltern das Spielen mit analogem Spielzeug fördern möchten, müssen sie nicht unbedingt mehr Spielzeug kaufen. Entwicklungspsychologen zufolge gehört einfaches, offenes Spielzeug zu den wirkungsvollsten.
„Schon mit wenigen Dingen lässt sich die Fantasie von Kindern anregen“, meinte Psychologin Golinkoff dazu. Oft gilt: Je weniger ein Spielzeug vorgibt, desto mehr muss ein Kind entscheiden, gestalten und sich ausdenken.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dies auch für die Anzahl der verfügbaren Spielzeuge gilt. In einer Studie erhielten Kleinkinder in einem Raum entweder 4 oder 16 Spielzeuge zum Spielen. Bekamen sie weniger Spielzeuge, spielten die Kinder mit jedem einzelnen etwa doppelt so lange und auf abwechslungsreichere, fantasievollere Weise. 
„Man braucht nicht viel“, sagte Sandra Whitehouse, stellvertretende Direktorin und leitende Psychologin am Zentrum für Angststörungen des Child Mind Institute in Manhattan. Selbst ältere Jugendliche in Therapie tendieren zu einfachen Spielen.
Die Spiele selbst sind nichts Außergewöhnliches – aber sie sorgen nicht nur für Spaß und Fantasie, sondern auch für Verbundenheit, da sich zwei Menschen auf dasselbe Ziel konzentrieren.
„Egal, wie alt man ist“, so die Psychologin, „es gibt für jeden die Möglichkeit, wieder eine Verbindung herzustellen und zu spielen.“
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Benefits Toys Can Give Children That Screens Never Will“ (redaktionelle Bearbeitung: as)
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Regierende Parteien von Schottland, Wales, Nordirland wollen Unabhängigkeit

Hintergrund eines Treffens in Wales der führenden Vertreter nationalistischer Parteien und Regierungschefs aus Wales, Schottland und Nordirland sei eine in allen drei Landesteilen empfundene Bevormundung seitens der britischen Regierung sowie wirtschaftliche und soziale Benachteiligung. Dies geht aus einer Erklärung der Beteiligten des Treffens in Cardiff am Montag, 14. September, hervor.
Das Treffen der drei Parteichefs war das erste dieser Art und es ging in erster Linie um die volle staatliche Souveränität, also einen möglichen Austritt aus dem Vereinigten Königreich.
Allerdings vertreten alle drei Landesteile unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der Art und Weise sowie des Zeitpunkts einer Abspaltung.

Parteichefs: „Zeit von Westminster geht zu Ende“

Während sich die drei Regierungschefs nicht gänzlich einig waren, entschlossen sich die in Personalunion auftretenden Vorsitzenden der drei regierenden nationalistischen Parteien der Landesteile, eine Kooperationsvereinbarung zu unterzeichnen.
Die walisische Partei Plaid Cymru, die schottische Partei Scottish National Party (SNP) und die nordirische Partei Sinn Féin drücken darin ihre Überzeugung aus, „dass die Zukunft ihrer Nationen in der Europäischen Union liegt“.
Sie bestehen darauf, dass die britische Regierung nicht die Möglichkeit haben sollte, Abstimmungen über die Zukunft der drei Landesteile zu blockieren. Sie forderten die Regierung in London zudem dazu auf, entsprechende Verfassungsänderungen vorzubereiten, zu planen und zu begleiten. Gemeint ist damit die Möglichkeit, Volksabstimmungen über eine Unabhängigkeit durchführen zu können.
Alle drei Landesteile sind gegenwärtig nicht befugt, ein solches Referendum abzuhalten, und benötigen die Zustimmung aus London.
Die drei Parteichefs halten fest: „Die Zeit von Westminster geht zu Ende.“ Westminster steht sowohl für das Parlament im Londoner Stadtteil Westminster als auch für die britische Regierung selbst.

Wahlen im Mai brachten die Wende

Der Gastgeber und Regierungschef von Wales, Rhun ap Iorwerth, erklärte laut BBC während einer Pressekonferenz, wie es zu dem Treffen gekommen sei. Die Wahlen für die Landesparlamente im Mai seien ein Wendepunkt gewesen.
Die damaligen Wahlen zum walisischen und schottischen Parlament sowie zu den Kommunalräten in Teilen Englands führten letztlich zum Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer.
In Wales verlor die Labour Party unter der Arbeiterschaft nach 100 Jahren ihre historisch starke Stellung. Die nationalistische Plaid Cymru von ap Iorwerth gewann 30 Sitze hinzu und konnte mit 43 Sitzen den Wahlsieg für sich verbuchen und konnte dort das erste Mal die Regierung stellen.
„Wir haben nun eine von Plaid Cymru geführte walisische Regierung mit einem klaren Mandat, die Dinge anders anzugehen“, sagte ap Iorwerth.
Auch in Schottland blieb die SNP mit 58 Sitzen weiterhin die bestimmende politische Kraft im Norden Großbritanniens.
Ap Iorwerth gab sich in Cardiff überzeugt, dass auf den britischen Inseln „eine neue politische Landschaft“ entstehe. Es setze sich „zunehmend die Erkenntnis durch, dass das Westminster-Modell nicht mehr funktioniert“.
Die BBC stellte fest, dass zum ersten Mal seit Beginn der Dezentralisierung im Jahr 1998 – als die britische Regierung Regionalparlamente in Wales, Schottland und Nordirland einrichtete – „nun alle First Minister aus dem Vereinigten Königreich austreten wollten“. Als First Minister werden die Regierungschefs der drei Landesteile bezeichnet.
Der schottische SNP-Parteichef und Regierungschef John Swinney wird von dem Sender mit den Worten zitiert: Der derzeitige britische Premierminister Andy Burnham von der Labour Party sei „der letzte Premierminister des Vereinigten Königreiches“.
Als Begründung führte Swinney an: „Das schottische Volk wird sich, wenn es in einem Referendum die Wahl zwischen Unabhängigkeit und dem Verbleib in Großbritannien hat, für die Unabhängigkeit entscheiden.“
Mary Lou McDonald, Vorsitzende der irisch-republikanischen Sinn-Féin-Partei, bezeichnete laut BBC das Treffen als „historisch“ und erklärte: „Wir haben das Recht, über unsere Zukunft zu entscheiden. Wir werden es nicht akzeptieren oder dulden, dass irgendein Premierminister uns sagt, dieses Recht stehe nicht zur Debatte.“

Kompliziertere Situation in Nordirland

Nordirlands Regierungschefin Michelle O’Neill ist Mitglied einer Koalitionsregierung in Nordirland, wo die stellvertretende Regierungschefin von der Democratic Unionist Party, Emma Little-Pengelly, laut BBC der Sinn-Féin-Politikerin vorwarf, sie versuche, „das Amt des First Minister als Waffe einzusetzen“. In Nordirland verfügen die Regierungschefin und die stellvertretende Regierungschefin über die gleichen Befugnisse.
Von den drei Landesteilen weist Nordirland zwar den höchsten Anteil an Einwohnern auf, die sich ausschließlich als britisch identifizieren. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich dort besonders umstritten; rund ein Drittel der Bevölkerung wünscht sich eine Vereinigung mit der Republik Irland.
O’Neill äußerte sich verhaltener und betonte, alle drei britischen Landesteile seien „deutlich unterschiedlich“ und hätten ihre eigenen Prioritäten. Aber auch sie beklagte, dass die britische Regierung „unserem Volk nicht gut dient und dies auch niemals tun wird“.
Sie konnte sich auch nicht zu einer separaten Erklärung der Regierungen von Schottland und Wales entschließen.

Uneinigkeit über Finanzen

Die Finanzen für die verschiedenen Landesteile Großbritanniens sind nicht einheitlich geregelt. Deshalb gibt es auch Uneinigkeit zwischen Wales, Schottland und Nordirland. Dies wurde deutlich bei einer zweiten Pressekonferenz, bei der es der Schotte Swinney ablehnte, sich für eine Reform der sogenannten „Barnett-Formel“ auszusprechen, einem komplizierten System, das die Finanzierung der drei Landesteile im Verhältnis zu England regelt.
Die walisischen Regierungschefs fordern seit Langem eine Reform der Formel, da sie glauben, diese benachteilige Wales. Schottland hingegen glaubt, die Formel sei fair.

Britischer Premier gegen Referenden

Während der wöchentlichen Fragestunde im Londoner Unterhaus am 9. September hat der britische Premierminister Burnham laut BBC zunächst erkennen lassen, dass zumindest in Schottland ein erneutes Referendum abgehalten werden könnte, „sofern es eine klare öffentliche Unterstützung für eine Abstimmung“ gäbe. Allerdings hat der Premier kurz darauf klargestellt, dass ein zweites Referendum „vom Tisch“ sei.
Bei einem Referendum über die schottische Unabhängigkeit im Jahr 2014 stimmte die Bevölkerung mit einer Mehrheit von 55 Prozent zu 45 Prozent dafür, Teil des Vereinigten Königreiches zu bleiben. Wales und Nordirland haben noch kein Referendum abgehalten. Der Regierungschef von Wales hat eine Abstimmung über die Unabhängigkeit für Wales vor den nächsten Wahlen im Jahr 2030 ausgeschlossen.
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Bundestag ringt erneut um Widerspruchslösung bei Organspende


In Kürze:

  • Der Bundestag debattiert erneut über die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende.
  • Befürworter und Gegner der Reform finden sich quer durch nahezu alle Fraktionen.
  • Der Streitpunkt ist in erster Linie das Verhältnis zwischen Lebensrettung und Selbstbestimmungsrecht.
  • Mehrere Redner sehen die eigentlichen Defizite in der Organisation der Transplantationsmedizin.
  • Ein früherer Anlauf zur Einführung der Widerspruchslösung war 2020 gescheitert.

 
Redner unterschiedlicher Fraktionen haben am Donnerstag, 25. Juni, im Bundestag für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende geworben. Andere Abgeordnete widersetzten sich dem Vorstoß und sehen darin einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff.
Das Thema Organspende war zuletzt aufgrund der Lungentransplantation der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. In Deutschland stehen derzeit mehr als 8.000 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan.
Die Debatte verlief sachlich. Es zeichnete sich ab, dass es in fast allen Fraktionen sowohl Befürworter als auch Gegner einer möglichen Einführung der Widerspruchslösung gibt. Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass die Zahl der verfügbaren Spenderorgane deutlich erhöht werden müsse. Die Zahl der Patienten auf den Wartelisten sei zu hoch und ihre Situation unbefriedigend.

Neuregelung zur Organspende 2020 im Bundestag gescheitert

Derzeit gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Eine Organentnahme bei Verstorbenen – wobei der Hirntod den relevanten Anknüpfungspunkt darstellt – ist nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. So muss der Verstorbene einer solchen schon zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben. Oder Angehörige müssen erklären, dass ein mutmaßlicher Wille des Verstorbenen auf eine Organspende gerichtet gewesen wäre.
Im Jahr 2020 war ein fraktionsübergreifender Gesetzesentwurf zur Einführung einer Widerspruchslösung gescheitert. Unterstützt hatten diesen damals sowohl Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als auch dessen späterer Nachfolger Karl Lauterbach (SPD). Der Bundestag beschloss stattdessen die Einführung eines Online-Organspenderegisters sowie Maßnahmen, um die Bevölkerung besser mit Informationen über die Organspende zu erreichen.
Kritiker der Regelung halten diese jedoch nicht für erfolgreich und nicht annähernd für ausreichend, um das Problem fehlender Spenderorgane für Patienten auf Wartelisten zu ändern. Dies wurde auch in der Debatte am Donnerstag wieder deutlich.

Befürworter sehen Widerspruchslösung als notwendigen Schritt

Befürworter der Widerspruchslösung wie Thomas Gebhart (CDU) argumentierten vor allem mit der Verantwortung gegenüber schwer kranken Menschen auf den Wartelisten. Angesichts der anhaltend niedrigen Spenderzahlen müsse Deutschland hier einen „neuen Weg“ einschlagen. Die Organspende bleibe auch bei einer Widerspruchslösung eine freie Entscheidung. Es bleibe jederzeit möglich, ihr zu widersprechen oder eine Zustimmung zurückzuziehen.
Ähnlich argumentierte  Lauterbach. Er verwies auf Menschen, die während der Wartezeit auf ein Spenderorgan gestorben seien. Die Widerspruchslösung könne die Zahl der verfügbaren Organe deutlich erhöhen und Wartezeiten verkürzen. Lauterbach vertrat den Standpunkt, dass es jedermann zumutbar sei, eine aktive Entscheidung über seine Spendenbereitschaft zu treffen.
Die frühere Bundessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Ricarda Lang, warb ebenfalls für das Modell. Freiheit sei, so Lang, sei stets in gesellschaftliche Verantwortung eingebettet. Die Widerspruchslösung nehme niemandem das Recht, eine Organspende abzulehnen, sie beseitige lediglich das „Recht auf Nichtentscheidung“. Dadurch würden auch Angehörige entlastet, die heute häufig in einer emotionalen Ausnahmesituation über den mutmaßlichen Willen eines Verstorbenen entscheiden müssten.

Gegner warnen vor Eingriff in Selbstbestimmung

In einer ähnlichen Richtung argumentierten weitere Befürworter wie Kerstin Griese (SPD) oder Tijen Ataoğlu und Stefan Glaser (beide CDU). Sie hielten es für zumutbar, dass sich jeder Mensch zumindest einmal im Leben mit der Frage der Organspende auseinandersetzt. Zugleich betonten sie, ein Widerspruch müsse jederzeit möglich bleiben.
Demgegenüber stellten die Gegner der Widerspruchslösung die Selbstbestimmung und den Grundrechtsschutz in den Mittelpunkt. Michael Brand (CDU) betonte, dass der Staat nicht ohne ausdrückliche Zustimmung Menschen zu Organspendern erklären dürfe. Im deutschen Rechtsverständnis könne Schweigen grundsätzlich nicht als Zustimmung gewertet werden. Statt das Gesetz zu ändern, müssten bestehende freiwillige Spendenpotenziale besser genutzt und bürokratische Hürden abgebaut werden.
Helge Lindh (SPD) nannte die Widerspruchslösung einen „massiven Grundrechtseingriff“. Das Prinzip „Wer schweigt, stimmt zu“ sei der deutschen Rechtsordnung fremd. Es gelte das Prinzip der „informierten Entscheidung“.
Zudem gebe es auch ein Recht, sich nicht entscheiden zu müssen. Dies müsse beispielsweise für Menschen gelten, denen eine solche Entscheidung schwerfalle. Dies gelte insbesondere für Menschen mit Sprachbarrieren, kognitiven Einschränkungen oder andere vulnerable Gruppen.

Spanien als Vorbild bei der Organspende – aber warum?

Für eine Beibehaltung der Zustimmungslösung sprachen sich auch Susanne Hierl (CSU), Thomas Rachel (CDU) und Klaus-Peter Willsch (CDU) aus. Sie verwiesen darauf, dass die Bereitschaft zur Organspende als solche grundsätzlich hoch sei. Entscheidend sei, dass mehr Menschen ihre Entscheidung auch dokumentierten. Hierzu müsste das Organspenderegister bekannter gemacht und die Aufklärung intensiviert werden.
Mehrere Redner bezweifelten zudem, dass die Widerspruchslösung allein eine deutlich höhere Zahl an Organspenden bewirken würde. Joachim Bloch (AfD), Ates Gürpinar (Linke), Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Stella Merendino (Linke) und Lars Castellucci (SPD) verwiesen auf organisatorische Defizite in den Krankenhäusern. Das eigentliche Problem, so ihre Einschätzung, bestehe in der Erkennung potenzieller Spender, der personellen Ausstattung der Kliniken und der Organisation der Transplantationsmedizin.
Die Befürworter der Widerspruchslösung nannten Spanien als Vorbild. Demgegenüber hieß es vonseiten der Gegner, dass die dortige hohe Spenderzahl vor allem auf eine gut ausgebaute Infrastruktur zurückzuführen sei. Die Widerspruchslösung gebe es schon länger, und sie allein habe wenig bewegt.

Verfassungsrechtliche und ethische Einwände gegenüber Widerspruchslösung in Nachbarländern

Teilweise wurden auch verfassungsrechtliche und ethische Bedenken vorgetragen. Beatrix von Storch, Nicole Höchst und Martina Kempf (alle AfD) lehnten die Widerspruchslösung mit Verweis auf Menschenwürde, Selbstbestimmung und den Hirntodbegriff grundsätzlich ab. Von Storch erklärte, die Widerspruchslösung setze Bürger unter Rechtsfertigungsdruck. In einer freien Demokratie müsse es aber auch ein Recht geben, sich nicht zu entscheiden.
Demgegenüber verwiesen Befürworter wie Hans Theiss (CSU) darauf, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Nachbarstaaten bereits eine Widerspruchslösung eingeführt habe und diese funktioniere. Deutschland hinke im europäischen Vergleich bei der Zahl der Organspender seit Jahren hinterher. Im gemeinsamen Eurotransplant-System sei Deutschland Nettoempfänger – und damit „Trittbrettfahrer“.