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Regierende Parteien von Schottland, Wales, Nordirland wollen Unabhängigkeit

Hintergrund eines Treffens in Wales der führenden Vertreter nationalistischer Parteien und Regierungschefs aus Wales, Schottland und Nordirland sei eine in allen drei Landesteilen empfundene Bevormundung seitens der britischen Regierung sowie wirtschaftliche und soziale Benachteiligung. Dies geht aus einer Erklärung der Beteiligten des Treffens in Cardiff am Montag, 14. September, hervor.
Das Treffen der drei Parteichefs war das erste dieser Art und es ging in erster Linie um die volle staatliche Souveränität, also einen möglichen Austritt aus dem Vereinigten Königreich.
Allerdings vertreten alle drei Landesteile unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der Art und Weise sowie des Zeitpunkts einer Abspaltung.

Parteichefs: „Zeit von Westminster geht zu Ende“

Während sich die drei Regierungschefs nicht gänzlich einig waren, entschlossen sich die in Personalunion auftretenden Vorsitzenden der drei regierenden nationalistischen Parteien der Landesteile, eine Kooperationsvereinbarung zu unterzeichnen.
Die walisische Partei Plaid Cymru, die schottische Partei Scottish National Party (SNP) und die nordirische Partei Sinn Féin drücken darin ihre Überzeugung aus, „dass die Zukunft ihrer Nationen in der Europäischen Union liegt“.
Sie bestehen darauf, dass die britische Regierung nicht die Möglichkeit haben sollte, Abstimmungen über die Zukunft der drei Landesteile zu blockieren. Sie forderten die Regierung in London zudem dazu auf, entsprechende Verfassungsänderungen vorzubereiten, zu planen und zu begleiten. Gemeint ist damit die Möglichkeit, Volksabstimmungen über eine Unabhängigkeit durchführen zu können.
Alle drei Landesteile sind gegenwärtig nicht befugt, ein solches Referendum abzuhalten, und benötigen die Zustimmung aus London.
Die drei Parteichefs halten fest: „Die Zeit von Westminster geht zu Ende.“ Westminster steht sowohl für das Parlament im Londoner Stadtteil Westminster als auch für die britische Regierung selbst.

Wahlen im Mai brachten die Wende

Der Gastgeber und Regierungschef von Wales, Rhun ap Iorwerth, erklärte laut BBC während einer Pressekonferenz, wie es zu dem Treffen gekommen sei. Die Wahlen für die Landesparlamente im Mai seien ein Wendepunkt gewesen.
Die damaligen Wahlen zum walisischen und schottischen Parlament sowie zu den Kommunalräten in Teilen Englands führten letztlich zum Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer.
In Wales verlor die Labour Party unter der Arbeiterschaft nach 100 Jahren ihre historisch starke Stellung. Die nationalistische Plaid Cymru von ap Iorwerth gewann 30 Sitze hinzu und konnte mit 43 Sitzen den Wahlsieg für sich verbuchen und konnte dort das erste Mal die Regierung stellen.
„Wir haben nun eine von Plaid Cymru geführte walisische Regierung mit einem klaren Mandat, die Dinge anders anzugehen“, sagte ap Iorwerth.
Auch in Schottland blieb die SNP mit 58 Sitzen weiterhin die bestimmende politische Kraft im Norden Großbritanniens.
Ap Iorwerth gab sich in Cardiff überzeugt, dass auf den britischen Inseln „eine neue politische Landschaft“ entstehe. Es setze sich „zunehmend die Erkenntnis durch, dass das Westminster-Modell nicht mehr funktioniert“.
Die BBC stellte fest, dass zum ersten Mal seit Beginn der Dezentralisierung im Jahr 1998 – als die britische Regierung Regionalparlamente in Wales, Schottland und Nordirland einrichtete – „nun alle First Minister aus dem Vereinigten Königreich austreten wollten“. Als First Minister werden die Regierungschefs der drei Landesteile bezeichnet.
Der schottische SNP-Parteichef und Regierungschef John Swinney wird von dem Sender mit den Worten zitiert: Der derzeitige britische Premierminister Andy Burnham von der Labour Party sei „der letzte Premierminister des Vereinigten Königreiches“.
Als Begründung führte Swinney an: „Das schottische Volk wird sich, wenn es in einem Referendum die Wahl zwischen Unabhängigkeit und dem Verbleib in Großbritannien hat, für die Unabhängigkeit entscheiden.“
Mary Lou McDonald, Vorsitzende der irisch-republikanischen Sinn-Féin-Partei, bezeichnete laut BBC das Treffen als „historisch“ und erklärte: „Wir haben das Recht, über unsere Zukunft zu entscheiden. Wir werden es nicht akzeptieren oder dulden, dass irgendein Premierminister uns sagt, dieses Recht stehe nicht zur Debatte.“

Kompliziertere Situation in Nordirland

Nordirlands Regierungschefin Michelle O’Neill ist Mitglied einer Koalitionsregierung in Nordirland, wo die stellvertretende Regierungschefin von der Democratic Unionist Party, Emma Little-Pengelly, laut BBC der Sinn-Féin-Politikerin vorwarf, sie versuche, „das Amt des First Minister als Waffe einzusetzen“. In Nordirland verfügen die Regierungschefin und die stellvertretende Regierungschefin über die gleichen Befugnisse.
Von den drei Landesteilen weist Nordirland zwar den höchsten Anteil an Einwohnern auf, die sich ausschließlich als britisch identifizieren. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich dort besonders umstritten; rund ein Drittel der Bevölkerung wünscht sich eine Vereinigung mit der Republik Irland.
O’Neill äußerte sich verhaltener und betonte, alle drei britischen Landesteile seien „deutlich unterschiedlich“ und hätten ihre eigenen Prioritäten. Aber auch sie beklagte, dass die britische Regierung „unserem Volk nicht gut dient und dies auch niemals tun wird“.
Sie konnte sich auch nicht zu einer separaten Erklärung der Regierungen von Schottland und Wales entschließen.

Uneinigkeit über Finanzen

Die Finanzen für die verschiedenen Landesteile Großbritanniens sind nicht einheitlich geregelt. Deshalb gibt es auch Uneinigkeit zwischen Wales, Schottland und Nordirland. Dies wurde deutlich bei einer zweiten Pressekonferenz, bei der es der Schotte Swinney ablehnte, sich für eine Reform der sogenannten „Barnett-Formel“ auszusprechen, einem komplizierten System, das die Finanzierung der drei Landesteile im Verhältnis zu England regelt.
Die walisischen Regierungschefs fordern seit Langem eine Reform der Formel, da sie glauben, diese benachteilige Wales. Schottland hingegen glaubt, die Formel sei fair.

Britischer Premier gegen Referenden

Während der wöchentlichen Fragestunde im Londoner Unterhaus am 9. September hat der britische Premierminister Burnham laut BBC zunächst erkennen lassen, dass zumindest in Schottland ein erneutes Referendum abgehalten werden könnte, „sofern es eine klare öffentliche Unterstützung für eine Abstimmung“ gäbe. Allerdings hat der Premier kurz darauf klargestellt, dass ein zweites Referendum „vom Tisch“ sei.
Bei einem Referendum über die schottische Unabhängigkeit im Jahr 2014 stimmte die Bevölkerung mit einer Mehrheit von 55 Prozent zu 45 Prozent dafür, Teil des Vereinigten Königreiches zu bleiben. Wales und Nordirland haben noch kein Referendum abgehalten. Der Regierungschef von Wales hat eine Abstimmung über die Unabhängigkeit für Wales vor den nächsten Wahlen im Jahr 2030 ausgeschlossen.
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Belfast: Gewaltwelle nach Messerangriff erschüttert Nordirland


In Kürze:

  • In Belfast kam es nach einem Messerangriff zu schweren Ausschreitungen mit Angriffen auf Wohnhäuser, Geschäfte und Fahrzeuge.
  • Politiker verurteilten die Gewalt als rassistisch motiviert; mehrere Migrantenfamilien mussten vor den Randalierern fliehen.
  • Auslöser war eine Messerattacke eines sudanesischen Staatsangehörigen auf einen 40-jährigen Mann, deren Motiv bislang ungeklärt ist.
  • Die Polizei verteidigt die frühe Veröffentlichung von Informationen zum Tatverdächtigen, um Gerüchten und Desinformation entgegenzuwirken.

 
In Belfast ist es in der Nacht zum Mittwoch, 10. Juni, zu schweren Ausschreitungen in mehreren Stadtteilen und Straßenzügen gekommen. Wie die BBC berichtete, haben mehrere hundert maskierte Personen Autos, Wohnhäuser, Geschäfte und einen Bus beschädigt und in mehreren Fällen angezündet. Dabei sollen sie auch rassistische Parolen skandieren und ihre Ziele nach ethnischen Kriterien ausgewählt haben.
Zu den Betroffenen gehörte unter anderem eine seit mehr als 20 Jahren in der nordirischen Hauptstadt ansässige afrikanische Familie, in deren Haus Randalierer die Fensterscheiben einschlugen. Aber auch eine 19-jährige ukrainische Staatsangehörige musste vor der Gewalt fliehen, als der Mob die Eingangstür des Familienwohnhauses in Brand gesetzt hatte. Schwerpunkte der Ausschreitungen waren die lang gezogene Crumlin Road im Nordwesten und die Newtownards Road im Nordosten der Stadt.

Justizministerin macht Ortsfremde für Gewalt in Belfast verantwortlich

Politische Amtsträger verurteilten am Mittwochmorgen die Gewalt. Nordirlands Erste Ministerin Michelle O’Neill erklärte: „Wenn eine Gruppe maskierter Männer Familien aus ihren Häusern brandschatzt, ist das nichts weniger als ekelhafte Feigheit.“
Justizministerin Naomi Long machte rechtsextreme Agitatoren für die Gewalt verantwortlich, die nach dem Messerangriff vom Dienstag in Belfast versucht hätten, rassische Spannungen zu befeuern.
Sie erklärte, es sei „obszön“, dass „Kinder und junge Familien jetzt obdachlos sind und alles verloren haben wegen der Attacke im Norden von Belfast, mit der keiner von ihnen etwas zu tun hatte“.
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer erklärte in einer ersten Äußerung:
„Es ist offensichtlich, dass Menschen letzte Nacht wegen ihres Hintergrundes zu Zielscheiben wurden, und ich werde das nicht tolerieren.“

Täter und Opfer lebten in gleicher Siedlung – Vorgeschichte aber noch unklar

Als Vorwand für die Ausschreitungen gilt eine Messerattacke vom Montagabend in der Kinnaird Avenue im Norden von Belfast. Aufnahmen des brutalen Angriffs hatten sich rasch über die sozialen Medien verbreitet. Bekannt ist bisher, dass es sich beim Tatverdächtigen um den 30-jährigen sudanesischen Staatsangehörigen Hadi Alodid handelt.
Dieser war 2023 über Frankreich in das Vereinigte Königreich eingereist. Sein Asylantrag wurde offenbar angenommen und aktuell besitzt er vorläufig für fünf Jahre eine legale Aufenthaltsgenehmigung. Noch am Tag des Angriffs wurde über den Verdächtigen Untersuchungshaft verhängt. Eine Kaution verwehrte das Gericht. Die Tatvorwürfe lauten auf versuchten Mord, Tragen eines Messers in der Öffentlichkeit und Morddrohung gegen einen Mitarbeiter des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS).
Über die Vorgeschichte und den Anlass für seinen Angriff auf den 40-jährigen Steven Ogilvy gibt es bis heute keine gesicherten Erkenntnisse. Deren Wohnadressen lagen nicht weit voneinander entfernt. Passanten hatten bemerkt, wie Alodid auf dem Opfer saß und auf dieses einstach. Einige hatten Gegenstände wie Äste oder Hurling-Schläger als behelfsmäßige Waffen verwendet, um den Angreifer in Schach zu halten, bis die Polizei eintraf.

Kritik an Polizeichef nach irrtümlicher Nennung falscher Nationalität

Die zuständigen Ermittler schließen bis dato einen terroristischen oder ideologischen Hintergrund aus. Der Tatverdächtige selbst hat gegenüber den Behörden und dem Untersuchungsrichter gegenüber noch keine Angaben gemacht, er lehnte auch einen Rechtsbeistand ab. Wie die BBC am Mittwoch mitteilte, verlor das Opfer bei dem Angriff sein linkes Auge.
Vertreter der somalischen Community in Großbritannien übten unterdessen scharfe Kritik am Chief Constable der nordirischen Polizeikräfte (PSNI), Jon Boutcher. Angesichts der bekannten Gefahr rassistischer Übergriffe sei es unverantwortlich gewesen, zu einem so frühen Ermittlungsstadium die Nationalität des Tatverdächtigen bekannt zugeben – zumal diese auch noch unzutreffend benannt wurde. Boutcher sprach zu Beginn von einem somalischen Staatsangehörigen, korrigierte diese Angaben aber später.
Boutcher verteidigte sein Vorgehen. Nach den Erfahrungen von Southport 2024 halte er es für sinnvoller, zu einem frühen Zeitpunkt „lieber Informationen herauszugeben als auf ihnen zu sitzen“. Damit wolle man auch Gerüchte entgegenwirken:
„Wir haben gelernt, dass, wenn wir Informationen nicht herausgeben, Online-Desinformation und Lügen dazu führen, dass Leute Dinge glauben, die nicht zutreffen, und dann blindwütig Angriffe ausführen.“
Als Polizei habe man dabei teilweise nur die „Wahl zwischen Pest und Cholera“.

Belfast nicht der erste Schauplatz rassistischer Ausschreitungen in den vergangenen Monaten

Gewaltbereite Ultranationalisten hatten bereits in den vergangenen Monaten mehrfach Straftaten instrumentalisiert, um Ausschreitungen gegen Unbeteiligte auf Grundlage ihrer Herkunft oder religiösen Überzeugung anzustacheln – etwa im Sommer 2024 in Southport. Als eine Schlüsselfigur galt dabei der mehrfach vorbestrafte Influencer Stephen Yaxley-Lennon, besser bekannt als „Tommy Robinson“. Er hatte im Vorfeld der Unruhen unzutreffende Darstellungen verbreitet. Im Sommer 2024 nahm die Polizei landesweit mehr als 1.000 Randalierer fest.
Sie hatten die Messerattacke eines 17-jährigen Sohnes ruandischer Einwanderer in Southport zum Vorwand für Angriffe gegen Polizeibeamte, muslimische Gemeinden und Unterkünfte für Asylsuchende genommen. Der Täter, der aus purer Faszination von extremer Gewalt handelte und keine politischen oder ideologischen Ziele verfolgte, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, von der er mindestens 52 Jahre Haft absitzen muss. Im Vollzug ist er mittlerweile wieder durch Gewalt gegen das Personal in Erscheinung getreten.
Der Labour-Abgeordnete für Southport, Patrick Hurley, erklärte damals gegenüber der BBC, dass die meisten Beteiligten nicht einmal aus der Stadt selbst stammten:
„Das waren keine Leute aus Southport, sondern trainierte Schläger.“
Insgesamt wurden 446 Personen im Alter zwischen 12 und 81 Jahren im Kontext der Ausschreitungen gerichtlich verurteilt – hauptsächlich wegen „violent disorder“, einem Delikt ähnlich dem Landfriedensbruch. Dabei verhängten Gerichte in 385 Fällen Haftstrafen.

Erst vor wenigen Tagen Gewalt nach dem Fall Henry Nowak in Southampton

Zuletzt gab es auch Unruhen in Southampton, wo ein 18-Jähriger nach der Messerattacke eines 23-Jährigen aus einer Sikh-Familie starb. Dieser soll ein Wortwechsel auf dem Heimweg von einer Studentenfete vorangegangen sein. Der 23-Jährige wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Haft verurteilt, von der er mindestens 21 Jahre Haft verbüßen muss.
Für Empörung hatte ein Polizeivideo gesorgt, das unter anderem von der BBC dokumentiert wurde. Dieses ließ erkennen, dass am Tatort eintreffende Beamte die Angaben des schwer verletzten 18-Jährigen über Stichwunden und Atemnot über mehr als eineinhalb Minuten ignoriert hatten. Stattdessen hatten sie dem Verwundeten die Festnahme erklärt und Handfesseln angelegt, nachdem der Angreifer behauptet hatte, zuvor aus rassistischen Gründen beleidigt und angegriffen worden zu sein. Staatsanwaltschaft und Geschworene gingen davon aus, dass es sich dabei um eine bloße Schutzbehauptung handelte.
Bis dato ist von zwei Festgenommenen und 11 verletzten Polizeibeamten im Zusammenhang mit der Gewalt in Southampton die Rede. Die Familie des Getöteten hatte im Vorfeld appelliert, das Andenken ihres Sohnes nicht zur Legitimierung von Hass und Gewalt zu missbrauchen.