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Hohe Abgaben an den Staat: Deutschlands Luftfahrt verliert den Anschluss


In Kürze:

  • Laut einem Report von DLR und BDL haben sich die staatlichen Standortkosten im deutschen Luftverkehr seit 2019 teils mehr als verdoppelt.
  • Der Branchenverband BDL fordert niedrigere Kosten und gleiche Wettbewerbsbedingungen bei den Klimaschutzregeln.
  • Lufthansa, Condor und TUIfly unterstützen die Forderungen nach Entlastungen.

 
Rückläufige Passagierzahlen, eine schwächere Entwicklung beim Luftfrachtgeschäft im internationalen Vergleich und deutlich gestiegene Standortkosten setzen den deutschen Luftverkehr unter Druck. Das verdeutlicht der erstmals gemeinsam veröffentlichte Wirtschaftsreport des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), der die Entwicklung des Luftverkehrsstandorts Deutschland im internationalen Vergleich untersucht.

Staatliche Standortkosten haben sich von 2019 bis 2025 teils mehr als verdoppelt

„Der Report zeigt eine schleichende Abkopplung Deutschlands vom internationalen Luftverkehr“, sagt Dr. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des BDL. „Verbindungen fallen weg, Passagiere und Fracht weichen auf Drehkreuze außerhalb Europas aus. Für eine Exportnation ist das ein Standortproblem“, führt er aus. Auch sei für das Klima „nichts gewonnen, wenn Emissionen nur verlagert werden“. Lang fordert daher niedrigere Standortkosten und gleiche Wettbewerbsbedingungen bei den Klimaschutzregeln für alle Wettbewerber.
Der Report nennt Zahlen am Beispiel des Flughafens Düsseldorf. Dort haben sich die staatlichen Standortkosten wie Luftverkehrsteuer, Luftsicherheitsabgaben und Flugsicherungsgebühren für einen typischen innereuropäischen Flug mit rund 150 Passagieren von 2019 bis 2025 mehr als verdoppelt. So stiegen sie von 2.227 Euro im Jahr 2019 auf 4.601 Euro im Jahr 2025. Im bundesweiten Durchschnitt summieren sich die staatlichen Kosten laut Report inzwischen auf rund 30 Euro pro Passagier.
Die höchsten Standortkosten für einen solchen Flug hat dem Bericht zufolge Stuttgart mit mehr als 5.000 Euro. Von 2019 bis 2025 entspricht das einem Anstieg von 114 Prozent. An Deutschlands größtem Flughafen und wichtigem internationalem Drehkreuz, Frankfurt am Main, fiel der Anstieg im selben Zeitraum mit 68 Prozent zwar geringer aus, die Kosten liegen aber dennoch über dem Düsseldorfer Niveau.
Seit 2026 erhalten Fluggesellschaften laut Report zudem keine kostenlosen Emissionszertifikate mehr. Auch legt Deutschland die Einnahmeausfälle der Flugsicherung aus den Corona-Jahren von insgesamt 1,2 Milliarden Euro vollständig auf die Nutzer um. In anderen Ländern wie etwa Spanien, Belgien oder Norwegen werden diese zumindest teilweise vom Staat übernommen. Es gibt allerdings Überlegungen, die Flugsicherungsgebühren zu senken oder ihren Anstieg zumindest zu dämpfen.

Airlines ziehen Kapazitäten ab

Angesichts der hohen Standortkosten ziehen internationale Fluggesellschaften Konsequenzen. Sogenannte Punkt-zu-Punkt-Airlines verlagern Kapazitäten aus Deutschland in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen. Anders als Netzwerk-Airlines bündeln sie ihre Verbindungen nicht über große Drehkreuze, sondern bieten vor allem Direktflüge zwischen einzelnen Städten an. Darauf verweist der Bericht zur Lage der Branche des BDL für das Jahr 2025. Deutschland sei demnach besonders betroffen.
Laut Wirtschaftsreport wirkt sich auch die in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Europas „besonders ausgeprägte Konjunkturschwäche“ auf die Luftfahrt aus. Während sich viele Märkte im ersten Halbjahr 2025 wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie befunden oder dieses gar überschritten hätten, liege der hiesige Verkehrsstandort in der Entwicklung weit zurück.
Für ein Ticket müssen Passagiere inzwischen deutlich mehr bezahlen. So haben sich die durchschnittlichen Preise für Flüge ab und in Deutschland von 2010 bis 2024 von knapp unter 150 Euro auf etwa 300 Euro verdoppelt. Gründe sind neben den staatlichen Abgaben auch gestiegene Personal- und Betriebskosten.
Für die Anbindung an Geschäftsreiseziele hat der Report fünf große Flughäfen untersucht: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart. Zwischen 2014 und 2019 stieg die Zahl der Flüge zu Geschäftsreisezielen an den meisten dieser Flughäfen um 4,6 bis 13,1 Prozent. Stuttgart verzeichnete mit 42 Prozent den stärksten Zuwachs, Berlin hingegen einen Rückgang von 5,5 Prozent. Die beiden größten deutschen Flughäfen Frankfurt und München fungieren als wichtige Drehkreuze im Passagierverkehr und sichern die internationale Anbindung.
Die Pandemie beeinträchtigte den Luftverkehr weltweit. Bis 2024 erholten sich die deutschen Flughäfen unterschiedlich stark. So gab es 2024 in Berlin 14,4 Prozent weniger Flüge zu Geschäftsreisezielen als 2019, in Frankfurt 10,8 Prozent und in München 17,9 Prozent weniger. In Düsseldorf lag das Minus bei 39,3 Prozent, in Stuttgart bei 30,3 Prozent.

Luftfracht: Istanbul hat Frankfurt vom Spitzenplatz verdrängt

Bei der Luftfracht hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Laut dem Bericht des BDL stieg das Luftfrachtaufkommen an den deutschen Flughäfen 2025 gegenüber dem Vorjahr um 1,6 Prozent auf rund 4,86 Millionen Tonnen und übertraf damit das Niveau von 2019 um 1,2 Prozent. Weltweit wuchs die Luftfracht 2025 dagegen um 3,4 Prozent. Gemessen am Frachtaufkommen hat Istanbul Frankfurt inzwischen als größten Luftfrachtstandort Europas abgelöst.
Die Lufthansa kritisiert unter anderem die hohen Kosten und einen ungleichen Wettbewerb. Auf Anfrage der Epoch Times sagte eine Unternehmenssprecherin: „Die staatlichen Standortkosten an deutschen Flughäfen haben sich seit 2019 verdoppelt und zählen europaweit zu den höchsten. Auch nach der Senkung der Luftverkehrsteuer zum 1. Juli 2026 sind weitere Entlastungen dringend notwendig, um das rückläufige Flugangebot an vielen deutschen Flughäfen zu stabilisieren. Kurzfristig müssen insbesondere die Flugsicherungs- und Luftsicherheitsgebühren sinken und die Anbindungen an die internationalen Drehkreuze gestärkt werden.“
Die Sprecherin verwies zudem auf den Politikbrief der Lufthansa Group vom September. Darin heißt es, die teilweise Rücknahme der Erhöhung der Luftverkehrsteuer sei noch keine „echte Trendwende“. So koste der Abflug eines Mittelstreckenflugzeugs etwa in Bremen, Hannover, Stuttgart, Düsseldorf oder Dresden weiterhin „ein Vielfaches dessen, was Airlines in Barcelona oder Istanbul zahlen“.

Merz spricht von strategischer Schlüsselbranche

Im Politikbrief heißt es weiter, die hohen staatlich verursachten Kosten machten selbst die innerdeutschen Zubringer zu den Drehkreuzen Frankfurt und München wirtschaftlich fragil. Fielen diese Verbindungen weg, werde aus einer Flugstreichung ein Standortnachteil. Die internationale Erreichbarkeit sinke – und damit ein zentraler Faktor für Investitionen, Wachstum und Wertschöpfung. Dass konkurrierende Fluggesellschaften die entstehenden Angebotslücken nicht schlössen, zeige: Deutschland habe ein strukturelles Kostenproblem.
Anlässlich der Eröffnung der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin am 10. Juni stellte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die neue Luftfahrtstrategie der Bundesregierung vor und nannte die Luft- und Raumfahrt eine „strategische Schlüsselbranche“. Doch, so heißt es in der Publikation der Lufthansa, kontrastiere die „Anerkennung der Bedeutung der Branche“ mit ausbleibenden konkreten Entscheidungen.
Auch verliere der Luftfahrtstandort Deutschland angesichts der hohen staatlichen Kosten täglich an Boden. Von „wettbewerbsverzerrenden Vorgaben“ wie dem Emissionshandel und den Quoten für nachhaltige Kraftstoffe in Europa profitierten staatlich gestützte Wettbewerber vom Golf und vom Bosporus. In diesem „unfairen Wettbewerbsumfeld“ öffne die Bundesregierung einer Staatsairline der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) eine „weitere Tür“ und wolle sie nach Berlin fliegen lassen, schreibt die Lufthansa.
Dies sei ein einseitiger Vorteil, da deutsche Fluggesellschaften „unter gänzlich anderen Bedingungen“ arbeiteten. So gebe es in den Emiraten weder Gewerkschaften noch ein Streikrecht oder eine Tarifbindung. „Auch die Sozial- und Umweltstandards sind mit den hiesigen nicht vergleichbar“, heißt es im Politikbrief. Der Konzern weist zudem darauf hin, dass kein anderes Land in der Europäischen Union so oft von Fluggesellschaften der VAE angeflogen werde wie Deutschland. Daher seien die Landerechte für Berlin „eine Entscheidung gegen die Interessen des deutschen Standorts“.

Condor: Hohe Kosten belasten Standort

„Condor steht für offenen Wettbewerb und internationale Konnektivität. Diese brauchen jedoch faire und vergleichbare Rahmenbedingungen“, sagte eine Sprecherin der Fluggesellschaft auf Anfrage der Epoch Times. Während viele europäische Luftverkehrsmärkte das Niveau vor der Corona-Pandemie bereits wieder erreicht oder überschritten hätten, belasteten „die weiterhin hohen staatlich veranlassten Standortkosten heimische Fluggesellschaften in Deutschland im internationalen Wettbewerb erheblich“.
Condor, selbst Mitglied des BDL und des Bundesverbands der Deutschen Fluggesellschaften (BDF), unterstütze daher deren politische Forderungen nach fairen Wettbewerbsbedingungen und einem wettbewerbsfähigen Luftverkehrsstandort Deutschland. „Dafür sind zeitnahe Entscheidungen erforderlich“, so das Unternehmen.
TUIfly teilte auf Anfrage mit, die Fluggesellschaft habe ihre Flotte bereits während der Pandemie 2020/21 von mehr als 30 auf 23 Flugzeuge verkleinert. Seither habe es keine weiteren Anpassungen gegeben. TUIfly bietet keine Umsteigeverbindungen und keinen Frachttransport an, sondern ausschließlich direkte Urlaubsflüge von ausgewählten deutschen Flughäfen wie Hannover, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München.
TUIfly teile „die politischen Forderungen der Verbände BDL und BDF zur Stärkung des Luftverkehrsstandortes, auch wenn sich unser Geschäftsmodell als Fluggesellschaft eines Reisekonzerns naturgemäß unterscheidet. Unser Interesse liegt in geringeren Standortkosten, die sich dann positiv auf den Preis eines Familienurlaubs auswirken“, so ein Sprecher.

Umweltorganisation sieht nur schwachen Zusammenhang

Die europäische Verkehrs- und Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) widerspricht der Darstellung der Branche. Eine von ihr in Auftrag gegebene Studie aus dem Oktober 2025 kommt zu dem Ergebnis, dass es zwischen der Höhe der Standortkosten und den Passagierzahlen an europäischen Flughäfen nur einen schwachen Zusammenhang gebe. Entscheidend seien vielmehr die Strategien der Airlines, Markttrends und das veränderte Reiseverhalten. In Deutschland hielten vor allem der Rückgang der Geschäftsreisen nach der Pandemie und die starke Marktstellung der Lufthansa im Inlandsverkehr die Passagierzahlen niedrig. T&E spricht sich deshalb gegen eine Senkung von Steuern und Gebühren im Luftverkehr aus.
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Eine faszinierende Baugeschichte: Die Sagrada Família und ihr Architekt Antoni Gaudí

Es ist der Traum des katholischen Verlegers, Buchhändlers und christlichen Autors José María Bocabella, der am Anfang dieses faszinierenden sakralen Bauprojektes steht, dessen geduldige Realisierung sich bis in unsere Gegenwart erstreckt.
1866 gründet der gläubige Barceloner eine Gebetsgemeinschaft, um die Verehrung des Heiligen Josef, des Schutzpatrons der Arbeiter und Familien, zu fördern. Der Asociación Espiritual de Devotos de San José schließen sich bald mehrere Hunderttausend Gläubige an.

Eine Vision und ihre Anfänge

Neben Gebet und Glaubensvermittlung rückt auch Bocabellas Idee, der Heiligen Familie eine Kirche zu erbauen, immer mehr in den Fokus der Vereinigung. 1881 machen schließlich Spenden den Kauf eines etwa 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks möglich, welches im noch kaum besiedelten Neubauviertel „Eixample“, unweit der Altstadt Barcelonas, liegt. 172.000 Pesetas, umgerechnet etwa 1.000 Euro, ebnen den Weg zum Bauprojekt, welches jedoch nur holprig in Gang kommt.
Denn: José María Bocabellas anfänglicher Gedanke, eine Replik der Basilica della Santa Casa zu errichten, die im italienischen Loreto steht und – der Überlieferung nach – das aus Nazareth gerettete Haus der Heiligen Familie beherbergt, scheitert.
Der Architekt der Diözese Barcelona, Francisco de Paula del Villar y Lozano, legt vielmehr Pläne im damals üblichen neugotischen Stil vor, und im Jahr 1882 beginnen die Arbeiten an der Krypta.
Zwischen Architekt und Bauherren werden im Laufe der Zeit immer größere stilistische und inhaltliche Spannungen deutlich.
Es kommt zum Bruch und auch ein renommierter Berufskollege Lozanos, Joan Martorell, will das schwierige Projekt nicht übernehmen. Er winkt ab, empfiehlt aber einen ehemaligen Mitarbeiter seines Architekturbüros, den gerade einmal 31 Jahre alten Antoni Gaudí – nicht ahnend, welch gewaltige Wendung das Projekt mit diesem neuen, jungen Baumeister nehmen wird.

„Verrückter oder Genie“

Nur fünf Jahre zuvor hat Antoni Gaudí sein Architekturdiplom an der Universität Barcelona erhalten. Niemand wisse, so einer seiner Lehrer, ob man das Diplom „einem Verrückten oder einem Genie“ verliehen habe, und ergänzt fast prophetisch: „Nur die Zeit wird es uns sagen.“

Antoni Gaudí im Alter von 25 Jahren.

Foto: Pau Audouard, gemeinfrei

Und tatsächlich zeigt Antoni Gaudí nun, wozu er imstande ist. Nicht nur sein immenses, bautechnisches Wissen und seine lebhafte schöpferische Imagination revolutionieren das Projekt der Basilika grundlegend. Mit Antoni Gaudí wird auch ein glühend frommer Katholik zum maßgeblichen Planer der Sagrada Família.
In ihm finden die Asociación Espiritual de Devotos de San José und ihr Gründer Bocabella ein Gegenüber, das die religiöse Intention des Bauprojektes nicht nur architektonisch aufgreift, sondern auch inhaltlich und spirituell durchdringt.
Ohne zu zaudern, beginnt Gaudí mit einer Neuplanung, die eine faszinierend neuartige, von der Natur inspirierte organische Formensprache mit großem Glaubenswissen und theologischer Tiefe verbindet.
Für Gaudí ist die Natur mehr als eine bloße Vorlage. Sie stellt für ihn den Ausdruck göttlicher Ordnung dar, die er „das große, stets geöffnete Buch“ nennt, aus dem der Mensch lesen und lernen könne. Von der Lektüre in diesem Buch der Schöpfung inspiriert, leitet er Formen, Baukörper, Lichtführung, Proportionen und Strukturen ab, die er in Zeichnungen, Plänen und Gipsmodellen visualisiert.

Extrem komplexe Statik

Die äußerst komplexen Anforderungen an die statische Belastbarkeit der so entwickelten Gebilde überprüft Gaudí wiederum mithilfe innovativer Hängemodelle. Netzwerke aus Schnüren beschwert er hierbei mit präzise abgewogenen Bleisäckchen. Durch das pure Wirken der Schwerkraft entstehen perfekte mathematische Kurven, die auf Fotografien oder im Spiegel unter dem hängenden Modell die statisch optimalen Linienführungen sichtbar machen.
Blick in das Gewölbe der Sagrada Família Von SBA73 from Sabadell, Catalunya - Tot conflueix / All's conected, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17556835

Blick in das Gewölbe der Sagrada Família.

Foto: SBA73 from Sabadell, Catalunya – Tot conflueix/All’s conected, CC BY-SA 2.0

Über vier Jahrzehnte widmet sich Antoni Gaudí dieser Entwurfsarbeit und ist gleichzeitig verantwortlicher Bauleiter vor Ort. Von 1914 an konzentriert er sich ausschließlich auf die Arbeit an der Sagrada Família und lehnt jeden anderen Architekturauftrag kategorisch ab.
Finanziert werden die komplexe Baustelle, alle ihre Gewerke und Materialien von Beginn an ausschließlich durch private Spenden, die der Verein des Heiligen Josef landesweit und unermüdlich sammelt. Staatliche oder kirchliche Gelder werden dagegen weder erbeten noch angenommen, um größtmögliche ideelle Unabhängigkeit zu wahren.
Wirtschaftskrisen und der Erste Weltkrieg lassen die Spendenbereitschaft zwar sinken und der Bau kommt fast völlig zum Erliegen, doch der Glaube an die Zukunft des Projektes bleibt.

Tiefgründige Gelassenheit

Fast schelmisch und doch tiefgründig vieldeutig begegnet Antoni Gaudí der immer wieder aufkeimenden Kritik am oft schneckenhaft langsamen Baufortschritt mit den Worten „Mein Auftraggeber hat keine Eile“.

Baustand der Sagrada Família im Jahr 1905.

Foto: Baldomer Gili i Roig, gemeinfrei

Im Jahr 1925 zieht der inzwischen 73-jährige Gaudí ganz auf die Baustelle, die schon seit Jahrzehnten sein Lebensmittelpunkt ist. Von seiner dortigen Werkstatt wird ein kleiner Raum provisorisch abgetrennt und einfach möbliert.
Erst ein Viertel seiner Pläne ist zu diesem Zeitpunkt zu Stein geronnen und Gaudí weiß, dass er die Vollendung der Kirche mit Sicherheit nicht erleben wird. In großer Seelenruhe sieht er seine Arbeit jedoch ganz in der Tradition gotischer Kathedralen, die von Generationen über Jahrhunderte hinweg Gestalt angenommen haben.

Tragischer Unfall und Bürgerkrieg

Am 7. Juni 1926 bricht Gaudí, wie jeden Abend, von der Sagrada Família auf, um in der Kirche Sant Felip Neri zu beten. Vermutlich ist er so in Gedanken versunken, dass er die herannahende Straßenbahn nicht bemerkt, als er die „Gran Via de les Corts Catalanes“ überquert.
Der Schwerverletzte wird wegen seiner zerschlissenen Kleidung für einen Bettler gehalten und in ein Armenkrankenhaus gebracht. Freunde und Mitarbeiter finden ihn dort kurz bevor er am 10. Juni 1926 seinen Verletzungen erliegt.
Die Nachricht vom Tod des in der Bevölkerung hoch verehrten Baumeisters verbreitet sich nun wie ein Lauffeuer in Barcelona. Tausende geben Antoni Gaudí die letzte Ehre, als er in der Krypta der unvollendeten Basilika beigesetzt wird, für die er so viel Herzblut, Lebenszeit, Wissen, Können und Kreativität gegehen hat.
Nur zehn Jahre später wütet der Spanische Bürgerkrieg – auch in Barcelona. Katalanische Anarchisten und antiklerikale Revolutionäre stürmen die Baustelle der Sagrada Família und dringen in Gaudís ehemalige Werkstatt ein. Dort brandschatzen und zertrümmern sie alles, was ihnen in die Hände kommt.

Rettung, mühevolle Rekonstruktionen und erbitterte Gegner

Dem Mut Domènec Sugrañes, Gaudís engstem Mitarbeiter und Nachfolger als Bauleiter, ist es zu verdanken, dass die Zerstörer von einer geplanten Sprengung ablassen. Das Ende des einzigartigen Bauprojektes scheint nun dennoch gekommen.
Die Asociación Espiritual de Devotos de San José gibt jedoch nicht auf.

Modell der Sagrada Família.

Foto: Balou46, CC BY-SA 3.0

Fragmente von Plänen und zerschlagenen Gipsmodellen werden unter großen Mühen geborgen und jahrelang von engagierten Architekten akribisch zusammengefügt, um die Intentionen des genialen Baumeisters zu rekonstruieren und den Bau fortführen zu können.
Es gibt aber nicht nur Bewunderer, Helfer und Befürworter des Projektes. So organisiert der Barceloner Architekt und spätere einflussreiche Stadtbaurat Oriol Bohigas im Jahr 1964 eine viel beachtete Unterschriftenaktion mit dem Ziel, den Bau endgültig zu stoppen.
Vor allem Vertreter des architektonischen Modernismus wie die Architekten Le Corbusier und Walter Gropius unterstützen den Aufruf. Doch auch bildende Künstler der Moderne wie Joan Miró und Antoni Tàpies schließen sich an.
In einem offenen Brief werfen die Unterzeichner dem Projekt künstlerische Wertlosigkeit und Rückwärtsgewandtheit vor. Im 20. Jahrhundert sei vielmehr moderne Architektur und Stadtplanung nötig und richtig. Pablo Picasso, kein Unterzeichner, aber Sympathisant der Aktion, fasst die ablehnende Haltung der Modernisten mit den derben Worten „Gaudí und die Sagrada Família“ solle man „zur Hölle schicken“, zusammen.
Auch 2008 wiederholt sich der Versuch, das Bauprojekt durch einen Brief, diesmal mit 400 prominenten Unterzeichnern, zu beenden. Wieder erfolglos.

Gaudí, der „Ehrwürdige Diener Gottes“

Heute weisen 12 Türme der Sagrada Família in den Himmel über Barcelona.
Eines Tages werden es 18 sein: die zwölf Aposteltürme, die vier Evangelistentürme, der Turm Mariens und der Jesus-Turm, der jetzt schon alle anderen mit einer Höhe von 172,5 Metern überragt.
Am 10. Juni 2026, dem hundertsten Todestag Antoni Gaudís, wird das große dreidimensionale Kreuz auf seiner Spitze, das von einer bayerischen Spezialfirma gebaut und installiert wurde, feierlich eingeweiht werden.
Wann das Bauprojekt des „Ehrwürdigen Dieners Gottes“ – wie Antoni Gaudí, dessen Seligsprechungsverfahren 2003 begann, nun genannt werden darf – ganz vollendet sein wird, weiß jedoch nur der Himmel.

Baustand im Jahr 2023.

Foto: William John Gauthier from Denmark, CC BY-SA 2.0