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Ein Blick in das antike Steinhauer-Handwerk


In Kürze:

  • Die antiken Griechen sind heute für ihre Steinhauer und großen Werke weltberühmt, wobei Marmor zu den beliebtesten Materialien gehörte.
  • Vieles zur Bearbeitung der Steine übernahmen die hellenischen Handwerker von den Alten Ägyptern, entwickelte aber auch ab dem 4. Jh. v. Chr. neue Methoden.
  • Über die gesamte Herstellung betrachtet, war der Transport der Steinblöcke vermutlich der teuerste Aspekt.
  • Allgemein genossen Steinhauer ein hohes Ansehen in der antiken Gesellschaft.

 
Stein ist eines der frühesten Materialien, das der Mensch verarbeitet. Während unsere Vorfahren anfangs kleine messerähnliche Werkzeuge in Form von Faustkeilen und Kratzern herstellten, weitete sich die Bearbeitung von Steinen später auf Kunstgegenstände und Gebäude aus und das Handwerk der Steinhauer entstand.
Am prägendsten für die europäische Kultur waren die Arbeiten griechischer Steinhauer. Vieles von ihrem Wissen hatten sie von älteren Hochkulturen wie den Ägyptern, doch verfeinerten sie das Handwerk und hoben es so auf ein ganz neues Niveau.

Antike Steinhauer ohne Scheu

Obwohl wir heute dank zahlreicher Schriftquellen vieles über die alten Griechen wissen, sind mit großer Sicherheit einige Methoden der antiken Steinbearbeitung im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Eines ist jedoch früher wie heute gleich: Die Wahl des Werkzeuges hängt maßgeblich vom zu bearbeitenden Gestein ab. Besonderer Faktor ist dabei die Härte, die heute mit der Mohs-Skala und ihren zehn Referenzmineralen bestimmt wird.
Diese Härteskala reicht von Talk (Grad 1), dem weichsten Material bis zu Diamant (Grad 10), dem härtesten, natürlich vorkommenden Mineral. Für Gesteine mit dem Härtegrad 1 bis 6 reichen Werkzeuge aus Bronze für die Bearbeitung aus, während Materialien ab Mohshärte 7 nur noch mit Eisen oder Stahl zu bearbeiten sind.
Wie selbstverständlich wagten sich antike Steinhauer ohne Angst auch an härtere Gesteine und fertigten daraus mit großer Handwerkskunst und Geschick äußerst raffinierte Stücke. Dazu gehören nicht nur riesige Tempel, realistische Statuen und millimetergenau gearbeitete Reliefs aus Marmor, sondern auch Schmuck aus teils gravierten Edelsteinen oder dünnwandige Trinkbecher.
Heute kommen dafür nicht selten modernste Techniken wie Hochleistungssägen und Diamantbohrer zum Einsatz. Doch wie haben die Menschen in der Antike das geschafft?

Vom Felsen zum Steinblock

Eines der beliebtesten Materialien der antiken Griechen war Marmor. Dieser lag nicht nur in Hülle und Fülle vor den Toren der antiken Städte, sondern war wegen seiner Eigenschaften auch gut zu bearbeiten.
Bereits ab dem 8. Jh. v. Chr. begannen griechische Steinhauer mit der Fertigung kunstvoller Skulpturen. Das dafür benötigte Material bekamen sie auf Bestellung aus den ihnen nächstgelegenen Steinbrüchen, von denen heute rund 20 bekannt sind. Lediglich für besondere Werke wie Tempel bediente man sich an hochwertigerem und weiter entfernt gelegenen Lagerstätten.
Die ersten griechischen Statuen, die antike Bildhauer schufen, waren stilistisch stark an das ägyptischen Skulpturen angelehnt

Die ersten griechischen Statue, sogenannte Kouroi, stammen aus der archaischen Epoche und waren stilistisch stark an ägyptische Skulpturen angelehnt.

Die Blöcke selbst wurden mittels nassen Keilen aus Holz oder Eisen sowie Bogenbohrern aus dem Felsen gebrochen. Ihre Größe orientierte sich zunächst an den damaligen Ochsenkarren, die für den Transport der tonnenschweren Brocken verwendet wurden. Später, als Holzschlitten und andere Methoden der Bewegung erfunden wurden, konnten auch größere und schwerere Steinblöcke bewegt werden.

Mit Keilen und Hämmern wurden auch in der Antike die Blöcke aus dem Felsen geschlagen.

Dieser Wandel zeigt sich auch an den Kunstwerken selbst. Während beispielsweise Säulen zunächst immer aus einzelnen Trommeln bestanden, die mittels Steckprinzip zusammengesetzt wurden, konnten kleinere Exemplare später am Stück gefertigt werden.
Nach dem Abbau beförderten sogenannte Drehhebel aus Holz die Steinblöcke auf die Transportmittel. Von dort ging es über eigens für den Abbau angelegte Straßen weiter. Dabei versuchte man, so wenig wie möglich über Land zu transportieren und mehr über Schiffe, die bis zu 450 Tonnen laden konnten. Um die Blöcke umzuladen, gab es in den Häfen Holzkräne.
All das machte den Transport vermutlich zum teuersten Punkt der gesamten Produktion. Nur selten fanden Halbfabrikate oder bereits fertige Werke den Weg zu ihrem Bestimmungsort, sodass die eigentlichen Arbeiten erst in lokalen Werkstätten stattfanden.

Aus einem Block wird Kunst

Die ersten griechischen Steinhauer arbeiteten wie ihre Kollegen aus dem Alten Ägypten gleichmäßig an einem Werk. Dies bedeutet, dass bei Statuen etwa nicht zuerst der Kopf, dann der Körper und zum Schluss die Füße gefertigt wurden, sondern alles gleichzeitig.
Zunächst malten die Steinhauer ihre Grundform auf den Block auf oder ritzten sie ein, um sie dann mit gröberen Werkzeugen wie Zweispitz und Spitzhammer schichtweise von allen Seiten „freizulegen“. Weitere Arbeiten wurden dann mit verschiedenen Meißeln vorgenommen und Feinheiten schließlich mit Zahneisen und Zahnflächen.
Ein tieferer Blick auf antike Marmorwerke lässt zudem einen weiteren Unterschied zu neuzeitlichen Stücken erkennen: Sie waren nicht poliert. Statt einer glänzenden Erscheinung hatten frühe antike Steinhauerprodukte leicht raue Oberflächen.
Archäologen vermuten, dass dies mit der Bemalung der marmornen Tempel und Statuen zu tun hat, denn diese waren früher nicht so hell wie wir heute denken. Vielmehr kamen zahlreiche Pigmente zum Einsatz, die den weißlichen Marmor in bunte Farben tauchten.
Erst ab dem 4. Jh. v. Chr. wurde auch bunter Marmor abgebaut. Etwa zeitgleich begannen die Steinhauer auch ihre Werke zu polieren, wie Bearbeitungsspuren an dem berühmten Parthenon in Athen zeigen.
Ein erneuter Wandel setzte ab dem 1. Jh. v. Chr. ein, als die Steinhauer das Prinzip der ganzheitlichen Bearbeitung verwarfen. Dank neuer Messverfahren, Schnüren, Loten und Holzrahmen übertrugen sie nun ein Gipsmodell, das als Vorlage dient, auf den Stein. Damit konnten sie erst die Vorderseite und dann die Rückseite einer Statue anfertigen.

Spuren kleiner und großer Steinhauer

Nach getaner Arbeit erhielten Statuen und Co. häufig Markierungen der Bildhauer. So sind unter anderem die Namen zahlreicher Künstler erhalten geblieben. Und diese Handwerker waren in der Gesellschaft hochgeachtet.
Einer der berühmtesten griechischen Bildhauer war Phidias (um 500–420 v. Chr.). Er war nicht nur der kreative Kopf für den Parthenon, sondern auch der Erbauer der Zeusstatue aus Gold und Elfenbein. Sie gehört zu den sieben antiken Weltwunder und war einst in Olympia zu sehen.
Und genau dort haben Archäologen auch die Werkstatt von Phidias entdeckt. In dem 32×18×15 Meter großen Bau befanden sich sogar noch Werkzeuge, Materialien und ein Becher mit der Beschriftung „ich gehöre Pheidias“.
Eine weitere Bildhauer-Werkstatt entdeckten Forscher kürzlich auf der griechischen Insel Paros, die für ihren weißen parischen Marmor bekannt ist. Hier arbeiteten Steinhauer zwischen 323 und 31 v. Chr. an ihren Stücken wie unter anderem Marmorreste und zahlreiche unvollendete Statuen zeigen.
Werkstatt von Steinhauer Phidias

Blick auf die ausgegrabenen Überreste der Werkstatt des Phidias.

Foto: banvega/iStock

Obwohl das antike Steinhauer-Handwerk nur einen Teil der damaligen künstlerischen Fertigkeiten abbildet und zahlreiche Stücke im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, zählen sie heute zu den Meisterleistungen der Menschheit. Mit Mut setzten die Handwerker neue Maßstäbe und inspirierten Künstler noch tausende Jahre später. Ihr Können ist wahrhaft in Stein gemeißelt.
Quellen:
  • Rolf M. Schneider (2006), doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e724700
  • John B. Ward-Perkins et al., Marble in Antiquity (London 1992).
  • Carl Blümel, Griechische Bildhauer an der Arbeit (Berlin 2016).