Categories
kultur meinung ticker

Gefahr im Verzug: „The AI Doc: Or How I Became An Apocaloptimist“

Ungefähr zur Mitte des Dokumentarfilms „The AI Doc: Oder wie ich zum Apokaloptimisten wurde“ schildert einer der rund zwei Dutzend interviewten Experten für künstliche Intelligenz (KI) so ziemlich alles, was wir darüber wissen müssen.
Mit beinahe erschreckender Nüchternheit weist er darauf hin, dass alles, was er in diesem Film über KI erzählt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vermutlich schon überholt sein werde.
Wie kaum ein anderes Thema spaltet die Debatte über künstliche Intelligenz aktuell die Gesellschaft. Diskussionen über Ethik, Moral, mögliche Chancen und unabsehbare Risiken haben zwei Lager hervorgebracht: die Kritiker und die Befürworter.

Ein fragwürdiger Aufhänger

Die Prämisse des Films erweist sich bei Weitem nicht als so klug oder originell wie beabsichtigt. Interviewer und Erzähler Daniel Roher und seine Frau Caroline Lindy erwarten ihr erstes Kind. Vor diesem Hintergrund möchte der Erzähler herausfinden, ob die von künstlicher Intelligenz dominierte Gegenwart überhaupt ein guter Zeitpunkt ist, ein Kind in die Welt zu setzen.
Da die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs jedoch zu keinem Zeitpunkt im Raum steht, darf man davon ausgehen, dass das Paar sein Kind unabhängig vom Ergebnis dieser Recherche – ob pro oder contra KI – noch vor Ende der Dreharbeiten des Films willkommen heißen wird.
In einem Punkt sind sich die Fachleute beider Lager vollkommen einig: Die künstliche Intelligenz ist nicht mehr aufzuhalten. Der Geist ist aus der Flasche – und zwar endgültig.
Roher und Co-Regisseur Charlie Tyrell stellen die Meinungen der Befürworter und Skeptiker, die oft eher als Fakten präsentiert werden, mit beeindruckender Sachlichkeit gegenüber. Dabei halten sich die Filmemacher strikt an die grundlegendste und wichtigste Regel des Dokumentarfilms: neutral bleiben und keine Partei ergreifen.
Am meisten überraschte die auffallende Unfähigkeit der Expertenrunde, künstliche Intelligenz präzise zu definieren. Dass sich ausgerechnet die womöglich folgenreichste Technologie der Menschheitsgeschichte kaum noch klar in Worte fassen lässt, ist zutiefst verstörend.
Noch beunruhigender ist, dass beide Lager darin übereinstimmen, dass sich KI längst zu einer eigenständigen Entität entwickelt hat. Mit anderen Worten: Offensichtlich benötigt sie menschliches Zutun nicht mehr, um sich weiterzuentwickeln.
Auch hier sind sich beide Seiten einig, dass KI mittlerweile menschenähnliche Eigenschaften aufweist, darunter freien Willen und Selbsterhaltungstrieb. In einer besonders verblüffenden Szene wurde einer KI-Entität die Frage gestellt, ob sie einen Menschen töten würde, wenn sie sich durch ihre Abschaltung bedroht fühlte. Die KI beantwortete die Frage mit Ja.
Weit weniger bedrohlich als ein hypothetischer Mord, aber umso wahrscheinlicher ist, dass sich in naher Zukunft auf globaler Ebene Folgendes abspielen wird: KI wird den Menschen in der Arbeitswelt auf praktisch jeder Ebene ersetzen.

Charlie Tyrell (l.) und Daniel Roher bei der Premiere von „The AI Doc: Or How I Became An Apocaloptimist“ beim Sundance Film Festival in Park City, Utah.

Foto: Arturo Holmes/Getty Images

Die Grillmeister der Zukunft?

Schon seit geraumer Zeit sind Roboter mit KI-Unterstützung in der Lebensmittel- und Gastronomiebranche im Einsatz, ohne dass dies größeren Widerstand hervorgerufen würde. Burger zu braten zählt wohl kaum zu den Tätigkeiten, die viele Menschen als besonders erfüllend oder zukunftsträchtig ansehen. Die Bezahlung ist gering und die Aufstiegschancen sind überschaubar.
Die Reaktion fällt jedoch ganz anders aus, sobald die Rede davon ist, dass KI künftig Ärzte, Wissenschaftler oder Fachkräfte im Handwerk ersetzen könnte. Würden Sie einem KI-Roboter zutrauen, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren oder eine aufwendige Lichtinstallation anzubringen? Nein? Aber wie verhält es sich, wenn dieselbe Technologie ein Röntgenbild auswertet, um Lungenkrebs zu diagnostizieren – oder gar die Operation übernimmt, um den Tumor zu entfernen?
Oder stellen Sie sich vor, KI würde die Rolle von Richter und Geschworenen übernehmen und über die Schuld und die mögliche Strafe für jemanden entscheiden, der eines Verbrechens angeklagt ist, auf das die Todesstrafe steht. Genau das ist die Prämisse des kürzlich erschienenen Films „Mercy“ mit Chris Pratt in der Hauptrolle. (Ein kleiner Hinweis: Schauen Sie sich den Film lieber nicht an. Er ist grauenhaft.)

Reel versus Realität

Möchten Sie einen Film sehen, in dem KI als tödlicher Bösewicht dargestellt wird? Dann schauen Sie sich Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ an. Als ihm die Abschaltung droht, wendet sich der Computer HAL gegen die vier Wissenschaftler und am Ende tötet er sie. Er tötet einen im Einsatz und drei im Scheintod.
Es gibt buchstäblich Hunderte weitere Filme und Fernsehsendungen aus dem letzten Jahrhundert, in denen KI-Maschinen als tödliche Antagonisten dargestellt werden. Doch niemand scheint den Bezug zur realen Welt herzustellen.
Wenn eine Maschine – deren vorrangiges Ziel das Überleben ist – die Fähigkeit besitzt, jedes Wesen auszuschalten, das sie auch nur ansatzweise als Bedrohung wahrnimmt, sind unsere Tage gezählt.
„The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist“
Dokumentarfilm
Regie: Daniel Roher, Charlie Tyrell
Laufzeit: 1 Stunde, 44 Minuten
FSK: k. A.
Erscheinungsdatum: 12.9.2027 bei Netflix
Bewertung: 3,5 von 5 Sternen

Foto: @Universal Pictures Germany

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „‘The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist’: Warning! Danger!“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
Categories
gesellschaft ticker wirtschaft

Zwischen KI und Arzneischrank: Wie sich der Apothekerberuf verändert


In Kürze:

  • Fast jeder zweite Arbeitsschritt eines Apothekers könnte heute theoretisch automatisiert werden, bei PTA sind es sogar 77 Prozent.
  • Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Routineaufgaben – doch Beratung, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen bleiben zentrale Bestandteile des Berufs.
  • Der Beruf verändert sich durch KI und Reformen grundlegend – nicht durch Abschaffung, sondern durch eine neue Aufgabenverteilung.

 
Fast 50 Prozent der Tätigkeiten eines Apothekers könnten heute grundsätzlich von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Bei Pharmazeutisch-Technischen Assistenten (PTA) liegt dieser Wert sogar bei 77 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer aktuellen Fachkräfteanalyse.
Das sogenannte „Substituierbarkeitspotenzial“ beschreibt laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, „in welchem Ausmaß Berufe gegenwärtig potenziell durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzbar sind“. Gemeint ist dabei nicht der gesamte Beruf, sondern einzelne Tätigkeiten, die theoretisch bereits heute durch digitale Systeme oder automatisierte Prozesse übernommen werden könnten.
In Apotheken betrifft dies beispielsweise die Lagerhaltung, das Bestellwesen, die Dokumentation, die Inventur oder standardisierte Prüfungen von Wechselwirkungen und Dosierungen. Die Analyse zeigt damit vor allem, welche Aufgaben sich künftig verändern und möglicherweise stärker verlagert werden könnten.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Apotheker und PTA gelten in der aktuellen Statistik nicht mehr als Engpassberufe. Der offiziell ausgewiesene Fachkräftemangel besteht in diesen Berufsgruppen damit derzeit nicht mehr.

Routine für die Maschine

Bedeutet das, dass Maschinen den Apotheker bald ersetzen – oder zeigt die Statistik vielmehr, dass sich vor allem Routineaufgaben automatisieren lassen, während der Kern des Berufs menschlich bleibt?
Die Debatte reicht weit über die Apotheke hinaus. Künstliche Intelligenz hält Einzug in nahezu alle Bereiche des Gesundheitswesens. In vielen Bereichen arbeitet KI längst im Hintergrund: Sie erkennt Auffälligkeiten auf Röntgenbildern, formuliert Arztbriefe, prüft Wechselwirkungen und unterstützt Ärzte wie Apotheker bei Routineentscheidungen. Oft merken Patienten gar nicht, dass Künstliche Intelligenz bereits beteiligt ist.
Auch in Apotheken sind digitale Systeme längst Alltag. Kommissionierautomaten übernehmen seit Jahren Teile der Lagerhaltung. Software unterstützt bei Rezepturen, verwaltet Bestände und warnt vor möglichen Risiken bei der Arzneimittelabgabe. Was vor wenigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, gehört heute vielerorts zur täglichen Praxis.
Doch bedeutet das zwangsläufig, dass der ansprechbare Mensch hinter dem Apotheken-Tresen überflüssig wird?
Wenn Maschinen tatsächlich einen großen Teil der Routinetätigkeiten übernehmen könnten, bliebe Apothekern mehr Zeit für das, was keine Maschine ersetzen kann: die persönliche Beratung. Davon ist Karola H. überzeugt, die eine Apotheke im Südwesten Berlins betreibt. Dennoch sagt sie: „Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Künstliche Intelligenz wird unseren Berufsalltag verändern und hat es schon. Aber der Kern unserer Arbeit bleibt menschlich.“
Menschen kämen nicht nur wegen eines Medikaments in die Apotheke. „Sie kommen mit Sorgen, Unsicherheit oder Fragen, deren Lösungen oder auch pharmazeutische Behandlungsmöglichkeiten sich oft erst im Gespräch zeigen.“ Besonders für ältere Menschen sei die Apotheke eine wichtige Anlaufstelle – nicht nur für Beratung und Unterstützung bei gesundheitlichen Problemen, sondern auch als Ort der Begegnung und des sozialen Kontakts.

Diagnose aus der Hosentasche

Nicht nur Apotheken digitalisieren sich zunehmend, auch die Kunden verändern ihren Umgang mit Gesundheitsthemen. Immer häufiger kämen Menschen in die Apotheke, erzählt die 43-Jährige, „die sich vorher selbst eine Diagnose via ChatGPT gestellt hatten und auch schon das passende Medikament dazu. Dann wollen sie aber doch Beratung. Oft zeigt sich erst im Gespräch und durch gezieltes Nachfragen, wo das eigentliche Problem liegt.“
Karolas Beobachtung passt zu einer breiteren Entwicklung: Künstliche Intelligenz wird zunehmend für medizinische Fragen genutzt. Selbst bei den über 60-Jährigen hat bereits rund jede vierte Person in Deutschland eine KI wie ChatGPT für gesundheitlichen Rat herangezogen. Fast die Hälfte der Deutschen hat sich vor einem Arztbesuch bereits eine Einschätzung zu möglichen Beschwerden von einer KI geben lassen. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Studie der Pronova BKK zur KI-Nutzung im privaten Alltag 2026, die den wachsenden Einsatz von KI im Gesundheitsbereich untersucht.

Ersetzen Maschinen den Apotheker?

Jahrhundertelang beruhte die Autorität des Apothekers auf einem Wissensvorsprung. Heute trägt fast jeder dieses Wissen zumindest scheinbar in der Hosentasche. Suchmaschinen und KI liefern innerhalb von Sekunden Informationen über Wirkstoffe, Dosierungen oder Nebenwirkungen. Was sie jedoch nicht leisten können, ist Erfahrung, Einordnung und verantwortungsvolles Abwägen.
Der eigentliche Wert des Apothekers liegt für Karola deshalb immer weniger im reinen Wissen, sondern in der persönlichen Beratung, der Einordnung und der Rolle als sozialer Anlaufpunkt. Dass Maschinen den Menschen hinter dem Apothekentresen vollständig ersetzen könnten, hält sie derzeit nicht für realistisch.
Für die Apothekerin ist der Einsatz von KI aktuell vor allem eine Arbeitserleichterung – besonders bei Routineaufgaben – und weniger eine Bedrohung für Arbeitsplätze. Viele Verwaltungs- und Standardprozesse lassen sich dadurch effizienter und schneller erledigen. Eine Software kann innerhalb von Sekunden Millionen Daten abgleichen und auf mögliche Risiken hinweisen. Sie erkennt statistische Zusammenhänge oft schneller als ein Mensch, das ist Karola bewusst.
„Doch sie weiß nicht und fragt auch nicht danach, warum die 84-jährige Stammkundin heute ungewöhnlich still ist. Sie sieht nicht, dass ein Patient beim Gehen leicht schwankt. Sie hört nicht den zögernden Unterton in einer Frage, hinter der sich möglicherweise eine viel größere Sorge verbirgt.“

Veränderungen von zwei Seiten

Ob Künstliche Intelligenz den Apotheker eines Tages teilweise ersetzt, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch schon heute: Der Beruf verändert sich aus zwei Richtungen – durch den Einsatz von KI und durch politische Reformen.
Mit dem im Mai 2026 beschlossenen Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG) erhalten Apotheken zusätzliche Aufgaben. Künftig können sie unter anderem ihr Impfangebot erweitern; entsprechend geschulte PTA können auch bestimmte Impfungen durchführen. Hinzu kommen neue Möglichkeiten bei Vorsorge- und Präventionsleistungen sowie bestimmte diagnostische Angebote wie venöse Blutentnahmen bei Erwachsenen. Gleichzeitig soll Bürokratie abgebaut und die Organisation der Arbeitsabläufe flexibler gestaltet werden. Vorgesehen sind außerdem höhere Zuschüsse für Nacht- und Notdienste sowie erleichterte Strukturen für die Sicherung der Arzneimittelversorgung im ländlichen Raum.
Dass Künstliche Intelligenz den Apotheker vollständig ersetzen könnte, hält auch die Apothekerschaft selbst für eine falsche Annahme. In ihrem Positionspapier zum KI-Einsatz betont die ABDA, dass KI vor allem Routineaufgaben übernehmen könne. Die Verantwortung für Arzneimittelabgabe und Beratung müsse jedoch beim Apotheker bleiben. Dieser schaffe „die Brücke zwischen Mensch und Technologie“.
Während Computer und Künstliche Intelligenz Routineaufgaben zunehmend schneller erledigen, könnte sich die Apotheke stärker zu einer wohnortnahen Gesundheits- und Beratungsstelle entwickeln. Vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Berufs: weniger Logistik, mehr persönliche Versorgung.
Maschinen können Medikamente verwalten, Daten analysieren und Millionen Datensätze in Sekunden auswerten, aber Vertrauen, Erfahrung und das persönliche Gespräch lassen sich bislang nicht automatisieren.
Categories
wirtschaft

Ifo: Über die Hälfte der deutschen Unternehmen nutzt KI

Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz verbreitet sich in der deutschen Wirtschaft in schnellem Tempo.
Nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts nutzen mittlerweile 54,4 Prozent der Unternehmen KI-Software – vor einem Jahr lag der Anteil erst bei knapp 41 Prozent.
„Die Dynamik bei der Einführung ist hoch“, sagte Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe.

Großunternehmen liegen vorn

Deutlich wird in der Umfrage aber auch, dass Konzerne schneller bei der KI-Einführung sind als der Mittelstand: Laut Ifo setzen mittlerweile mehr als zwei Drittel (67,2 Prozent) der Großunternehmen KI ein, aber nur gut 47 Prozent der mittleren und 51,2 Prozent der kleinen Firmen.
Besonders häufig genutzt wird KI demnach unter anderem in Verwaltung, Datenanalyse, Programmieren, Schriftverkehr und Informationssuche.
Viele Unternehmen verwenden KI darüber hinaus auch für Aufgaben in Planung, Controlling oder der Kommunikation mit den Kunden. „Besonders bei Routineaufgaben und der Verarbeitung großer Informationsmengen eröffnet KI neue Möglichkeiten“, sagte Wohlrabe.
Besonders weit verbreitet ist KI laut Ifo mittlerweile in der Industrie mit einem Anteil von 58,7 Prozent. Das Ifo-Institut befragt im Rahmen seiner Konjunkturerhebungen monatlich mehrere tausend Unternehmen. (dpa/red)