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Zwischen KI und Arzneischrank: Wie sich der Apothekerberuf verändert


In Kürze:

  • Fast jeder zweite Arbeitsschritt eines Apothekers könnte heute theoretisch automatisiert werden, bei PTA sind es sogar 77 Prozent.
  • Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Routineaufgaben – doch Beratung, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen bleiben zentrale Bestandteile des Berufs.
  • Der Beruf verändert sich durch KI und Reformen grundlegend – nicht durch Abschaffung, sondern durch eine neue Aufgabenverteilung.

 
Fast 50 Prozent der Tätigkeiten eines Apothekers könnten heute grundsätzlich von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Bei Pharmazeutisch-Technischen Assistenten (PTA) liegt dieser Wert sogar bei 77 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer aktuellen Fachkräfteanalyse.
Das sogenannte „Substituierbarkeitspotenzial“ beschreibt laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, „in welchem Ausmaß Berufe gegenwärtig potenziell durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzbar sind“. Gemeint ist dabei nicht der gesamte Beruf, sondern einzelne Tätigkeiten, die theoretisch bereits heute durch digitale Systeme oder automatisierte Prozesse übernommen werden könnten.
In Apotheken betrifft dies beispielsweise die Lagerhaltung, das Bestellwesen, die Dokumentation, die Inventur oder standardisierte Prüfungen von Wechselwirkungen und Dosierungen. Die Analyse zeigt damit vor allem, welche Aufgaben sich künftig verändern und möglicherweise stärker verlagert werden könnten.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Apotheker und PTA gelten in der aktuellen Statistik nicht mehr als Engpassberufe. Der offiziell ausgewiesene Fachkräftemangel besteht in diesen Berufsgruppen damit derzeit nicht mehr.

Routine für die Maschine

Bedeutet das, dass Maschinen den Apotheker bald ersetzen – oder zeigt die Statistik vielmehr, dass sich vor allem Routineaufgaben automatisieren lassen, während der Kern des Berufs menschlich bleibt?
Die Debatte reicht weit über die Apotheke hinaus. Künstliche Intelligenz hält Einzug in nahezu alle Bereiche des Gesundheitswesens. In vielen Bereichen arbeitet KI längst im Hintergrund: Sie erkennt Auffälligkeiten auf Röntgenbildern, formuliert Arztbriefe, prüft Wechselwirkungen und unterstützt Ärzte wie Apotheker bei Routineentscheidungen. Oft merken Patienten gar nicht, dass Künstliche Intelligenz bereits beteiligt ist.
Auch in Apotheken sind digitale Systeme längst Alltag. Kommissionierautomaten übernehmen seit Jahren Teile der Lagerhaltung. Software unterstützt bei Rezepturen, verwaltet Bestände und warnt vor möglichen Risiken bei der Arzneimittelabgabe. Was vor wenigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, gehört heute vielerorts zur täglichen Praxis.
Doch bedeutet das zwangsläufig, dass der ansprechbare Mensch hinter dem Apotheken-Tresen überflüssig wird?
Wenn Maschinen tatsächlich einen großen Teil der Routinetätigkeiten übernehmen könnten, bliebe Apothekern mehr Zeit für das, was keine Maschine ersetzen kann: die persönliche Beratung. Davon ist Karola H. überzeugt, die eine Apotheke im Südwesten Berlins betreibt. Dennoch sagt sie: „Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Künstliche Intelligenz wird unseren Berufsalltag verändern und hat es schon. Aber der Kern unserer Arbeit bleibt menschlich.“
Menschen kämen nicht nur wegen eines Medikaments in die Apotheke. „Sie kommen mit Sorgen, Unsicherheit oder Fragen, deren Lösungen oder auch pharmazeutische Behandlungsmöglichkeiten sich oft erst im Gespräch zeigen.“ Besonders für ältere Menschen sei die Apotheke eine wichtige Anlaufstelle – nicht nur für Beratung und Unterstützung bei gesundheitlichen Problemen, sondern auch als Ort der Begegnung und des sozialen Kontakts.

Diagnose aus der Hosentasche

Nicht nur Apotheken digitalisieren sich zunehmend, auch die Kunden verändern ihren Umgang mit Gesundheitsthemen. Immer häufiger kämen Menschen in die Apotheke, erzählt die 43-Jährige, „die sich vorher selbst eine Diagnose via ChatGPT gestellt hatten und auch schon das passende Medikament dazu. Dann wollen sie aber doch Beratung. Oft zeigt sich erst im Gespräch und durch gezieltes Nachfragen, wo das eigentliche Problem liegt.“
Karolas Beobachtung passt zu einer breiteren Entwicklung: Künstliche Intelligenz wird zunehmend für medizinische Fragen genutzt. Selbst bei den über 60-Jährigen hat bereits rund jede vierte Person in Deutschland eine KI wie ChatGPT für gesundheitlichen Rat herangezogen. Fast die Hälfte der Deutschen hat sich vor einem Arztbesuch bereits eine Einschätzung zu möglichen Beschwerden von einer KI geben lassen. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Studie der Pronova BKK zur KI-Nutzung im privaten Alltag 2026, die den wachsenden Einsatz von KI im Gesundheitsbereich untersucht.

Ersetzen Maschinen den Apotheker?

Jahrhundertelang beruhte die Autorität des Apothekers auf einem Wissensvorsprung. Heute trägt fast jeder dieses Wissen zumindest scheinbar in der Hosentasche. Suchmaschinen und KI liefern innerhalb von Sekunden Informationen über Wirkstoffe, Dosierungen oder Nebenwirkungen. Was sie jedoch nicht leisten können, ist Erfahrung, Einordnung und verantwortungsvolles Abwägen.
Der eigentliche Wert des Apothekers liegt für Karola deshalb immer weniger im reinen Wissen, sondern in der persönlichen Beratung, der Einordnung und der Rolle als sozialer Anlaufpunkt. Dass Maschinen den Menschen hinter dem Apothekentresen vollständig ersetzen könnten, hält sie derzeit nicht für realistisch.
Für die Apothekerin ist der Einsatz von KI aktuell vor allem eine Arbeitserleichterung – besonders bei Routineaufgaben – und weniger eine Bedrohung für Arbeitsplätze. Viele Verwaltungs- und Standardprozesse lassen sich dadurch effizienter und schneller erledigen. Eine Software kann innerhalb von Sekunden Millionen Daten abgleichen und auf mögliche Risiken hinweisen. Sie erkennt statistische Zusammenhänge oft schneller als ein Mensch, das ist Karola bewusst.
„Doch sie weiß nicht und fragt auch nicht danach, warum die 84-jährige Stammkundin heute ungewöhnlich still ist. Sie sieht nicht, dass ein Patient beim Gehen leicht schwankt. Sie hört nicht den zögernden Unterton in einer Frage, hinter der sich möglicherweise eine viel größere Sorge verbirgt.“

Veränderungen von zwei Seiten

Ob Künstliche Intelligenz den Apotheker eines Tages teilweise ersetzt, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch schon heute: Der Beruf verändert sich aus zwei Richtungen – durch den Einsatz von KI und durch politische Reformen.
Mit dem im Mai 2026 beschlossenen Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG) erhalten Apotheken zusätzliche Aufgaben. Künftig können sie unter anderem ihr Impfangebot erweitern; entsprechend geschulte PTA können auch bestimmte Impfungen durchführen. Hinzu kommen neue Möglichkeiten bei Vorsorge- und Präventionsleistungen sowie bestimmte diagnostische Angebote wie venöse Blutentnahmen bei Erwachsenen. Gleichzeitig soll Bürokratie abgebaut und die Organisation der Arbeitsabläufe flexibler gestaltet werden. Vorgesehen sind außerdem höhere Zuschüsse für Nacht- und Notdienste sowie erleichterte Strukturen für die Sicherung der Arzneimittelversorgung im ländlichen Raum.
Dass Künstliche Intelligenz den Apotheker vollständig ersetzen könnte, hält auch die Apothekerschaft selbst für eine falsche Annahme. In ihrem Positionspapier zum KI-Einsatz betont die ABDA, dass KI vor allem Routineaufgaben übernehmen könne. Die Verantwortung für Arzneimittelabgabe und Beratung müsse jedoch beim Apotheker bleiben. Dieser schaffe „die Brücke zwischen Mensch und Technologie“.
Während Computer und Künstliche Intelligenz Routineaufgaben zunehmend schneller erledigen, könnte sich die Apotheke stärker zu einer wohnortnahen Gesundheits- und Beratungsstelle entwickeln. Vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Berufs: weniger Logistik, mehr persönliche Versorgung.
Maschinen können Medikamente verwalten, Daten analysieren und Millionen Datensätze in Sekunden auswerten, aber Vertrauen, Erfahrung und das persönliche Gespräch lassen sich bislang nicht automatisieren.
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Immun-Cocktail: Neue Superkraft von Ameisengift entdeckt


In Kürze:

  • Alte Annahme: Bislang galt Ameisensäure als alleiniger Bestandteil von Ameisengift.
  • Neue Erkenntnis: Forscher aus Halle/Saale und Berlin haben jüngst herausgefunden, dass das Toxin auch gesundheitswirksame Eiweiße enthält.
  • Künftiger Nutzen: Diese Entdeckung könnte dazu beitragen, wirksame Mittel gegen Krankheitserreger wie Pilze zu entwickeln.

 
Das Gift von Schuppenameisen, zu denen auch die Waldameisen gehören, galt bislang als vergleichsweise einfach zusammengesetzt: Ameisensäure wurde seit ihrer Entdeckung im 17. Jahrhundert als zentraler und nahezu alleiniger Inhaltsstoff dieser Ameisengifte betrachtet.
„Wir sind in unserem Projekt einer jahrzehntealten und weitgehend unbeachteten Publikation nachgegangen, in der erwähnt wurde, dass diese Gifte vielleicht auch eiweißartige Stoffe [Peptide] enthalten“, sagte Timo Niedermeyer, Professor für Pharmazeutische Biologie der Freien Universität Berlin. Er ergänzte:
„Wir haben nun zwei völlig neue Peptid-Familien in den Giften von Schuppenameisen nachgewiesen. Diese sind einzigartig in diesen Ameisen, kommen dort aber weit verbreitet vor. Ihr Gift ist wesentlich komplexer als bisher angenommen.“

Ameisengift schützt Brut vor Pilzerkrankungen

Die im Gift identifizierten Peptide leisten offenbar einen Beitrag zur Nesthygiene. So schmieren die Ameisen ihre Brut mit ihrem Gift ein – die Peptide bleiben nach dem Verdunsten der Ameisensäure auf den Puppen zurück und wirken dort Infektionen entgegen.
„Einige der Peptide zeigen eine ausgeprägte Wirkung gegen Pilze. Das ist interessant vor dem Hintergrund einer Bedrohung sozialer Gemeinschaften durch Umweltmikroben und Krankheitserreger sowie zunehmender Resistenzen dieser Mikroben gegen antimikrobielle Wirkstoffe“, betonte Dr. Simon Tragust, beteiligter Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Mit über 3.700 Arten eröffnet die Unterfamilie Formicinae (Schuppenameisen) ein enormes Potenzial für die Entdeckung weiterer bioaktiver Substanzen.“
Die Forschungsergebnisse untermauern, dass das Gift von Schuppenameisen vielfältige Funktionen erfüllt. Die Ameisen verwenden es nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Desinfektion, zur Steuerung ihrer Darmflora und zur Kommunikation mit Artgenossen.

Internationale Spitzenforschung

Für ihre Arbeit kombinierten die Forscher Methoden aus Biologie, Chemie und Pharmazie. Mithilfe modernster Technik wurden Protein- und RNA-Daten zusammengeführt, um die im Gift enthaltenen Peptide und ihre Gensequenzen zu identifizieren. Ergänzend kamen chemische Analysen, synthetische Verfahren, biophysikalische Experimente und Genomanalysen zum Einsatz.
Durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Untersuchung der Giftsekrete mehrerer Ameisenkolonien verschiedener Ameisenarten zählt die Arbeit zu den bisher umfassendsten vergleichenden Analysen von Ameisengiften.
Die Studie erschien am 13. Mai 2026 im Fachmagazin „Science Advances“.
(Mit Material der Freien Universität Berlin.)