Die Autobahnen A1 und A4 sowie die Abfahrt zum Züricher Stadtteil Affoltern am 13. Mai 2026. - Foto: Michael Derrer Fuchs/iStock
Die Schweiz prüft Maßnahmen, um sich auf eine mögliche Verschärfung der Treibstoffknappheit vorzubereiten.
Im Gespräch ist eine Senkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf den Schweizer Autobahnen von aktuell maximal 120 auf 80 km/h. Bei niedrigerer Geschwindigkeit sinkt der Luftwiderstand und entsprechend der Spritverbrauch. Schweizer Medienberichten zufolge hat das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) entsprechende Vorbereitungen bestätigt.
Ein Tempolimit sei demnach eine Option, falls sich die Mangellage weiter verschärfen sollte. Daneben könne die Schweizer Regierung die Bevölkerung zum bewussten Spritsparen aufrufen. Daneben könne die Schweizer Regierung die Bevölkerung zum bewussten Spritsparen aufrufen. Das könne etwa durch verstärkte Bildung von Fahrgemeinschaften, das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel und eine „Reduktion des Freizeitverkehrs“ geschehen.
Freigabe von Lagerbeständen
„Die Lage bleibt für alle Mineralölprodukte angespannt und fragil“, teilte das BWL am Freitag, 23. Oktober, mit.
Um die Versorgung vorläufig zu stabilisieren, hat der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung, Roland Pfister, Diesel aus den Mineralöl-Pflichtlagern freigegeben. Auslöser waren laut BWL verzögerte Pipelinelieferungen wegen Starkregens in Südfrankreich.
Demnach dürfen aus diesen Beständen vom 23. Oktober bis zum 22. November 2026 bis zu 45.000 Kubikmeter Dieselöl, also 45 Millionen Liter, bezogen werden. Diese Menge entspricht knapp 4 Prozent der aktuell vorhandenen Pflichtlagermenge an Dieselöl.
Da auch im Flugverkehr Engpässe aufgetreten sind, gab der Schweizer Bund für diesen Sektor bereits bis zu 6,5 Prozent bei Flugpetrol aus den Pflichtlagern frei. Die Versorgung mit Benzin und Heizöl sei hingegen sichergestellt.
Die angespannte Versorgungslage hat weitere Ursachen. Im Nahen Osten ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus stark eingeschränkt. Vor Beginn des Irankrieges verließen hier rund 20 Prozent der weltweiten Erdöllieferungen die Region, um andere Länder zu beliefern.
Zudem attackieren die Huthi-Rebellen Schiffe, die die Meerenge Bab al-Mandab passieren, sowie Öl-Einrichtungen in Saudi-Arabien. Das verschärft die Lage zusätzlich.
Hinzu kommen in Mitteleuropa die niedrigen Pegelstände des Rheins, die die Schifffahrt einschränken, sowie Verzögerungen im Bahnverkehr. Auch diese Einschränkungen bremsen geplante Treibstofflieferungen zu den Tankstellen spürbar.
Ein Tempolimit von 80 km/h ist auf Schweizer Autobahnen grundsätzlich keine völlig neue Maßnahme. An vielen Stellen existieren bereits digitale und somit flexible Geschwindigkeitsanzeigen.
Das Bundesamt für Straßen kann dort nach Bedarf, etwa bei hohem Verkehrsaufkommen, die Geschwindigkeitsvorgabe anpassen. Diese kann somit kurzfristig von 120 auf 100 oder 80 km/h sinken und bei einer Verkehrsentspannung wieder steigen.
Ziele dieser flexiblen Geschwindigkeitsvorgabe waren bisher die Gewährleistung eines besseren Verkehrsflusses sowie die Vermeidung von Staus. Durch die Treibstoffknappheit kann künftig das Spritsparen einen weiteren Grund einer Absenkung darstellen – zumindest, solange der Engpass besteht.
Das Kernkraftwerk Paks in Ungarn am 31. Juli 2026 mit seiner Wasserentnahmestelle und dem Kaltwasserkanal an der Donau. Angesichts einer anhaltenden Hitzewelle und Lufttemperaturen von über 35 Grad Celsius ist der Wasserstand der Donau auf einen Rekordtiefstand gesunken. - Foto: Attila Kisbenedek / AFP via Getty Images
In Kürze:
Mehrere Kernkraftwerke in der EU schalten wegen zu hoher Flusstemperaturen ab.
In Ungarn bricht fast die Hälfte der gesicherten Leistung weg.
Wegen befürchteten Strommangels hat Rumänien den Notstand ausgerufen.
In Frankreich sind 18 von 57 Reaktoren nicht in Betrieb.
In mehreren Ländern Europas drosseln aktuell die Betreiber von Kernkraftwerken (KKW) ihre Reaktoren. Grund dafür sind die anhaltenden sommerlichen Temperaturen sowie zu niedrige Flusspegelstände.
Die Leistung aller Atommeiler in der Europäischen Union lag zu Wochenbeginn am 27. Juli noch bei rund 70 Gigawatt (GW, oder 70.000 Megawatt). Am Sonntagmorgen zeigen die Leistungsdaten des Stromportals „Energy Charts“ nur noch knapp 53 GW an. Das ist ein Rückgang um 24,5 Prozent, also um fast ein Viertel.
Öffentliche Stromerzeugungsdaten der Kernkraft und die Verbrauchskurve (Last) in der Europäischen Union vom 27. Juli bis 2. August 2026.
Wärmeres Flusswasser ist rein aus technischer Sicht nicht unbrauchbar für ein KKW. Es kann die Anlage ebenfalls ausreichend abkühlen. Hintergrund ist vielmehr, dass die Meiler die Flüsse nicht zusätzlich aufheizen dürfen.
Die Brennstäbe im Kernreaktor geben Temperaturen von mehreren Hundert Grad Celsius ab. Diese Wärmeenergie können die Anlagen zu rund einem Drittel in Strom umwandeln. Die übrige Abwärme muss abgeführt werden. KKW, die an Flüssen liegen, entnehmen dazu Flusswasser und fügen diesem die Abwärme zu. Anschließend leitet der Kühlkreislauf das erwärmte Wasser in den Fluss zurück.
Im Sommer kann diese zusätzliche Wassererwärmung für manche Lebewesen in den Flüssen problematisch sein. Im schlimmsten Fall kann es zu erhöhtem Fischsterben kommen.
Daher gibt es in den EU-Ländern bestimmte Regelungen. Sie schreiben vor, wie warm das Flusswasser maximal sein darf, um es für die Kühlung der Meiler zu verwenden. Der Energieexperte Leonhard Gandhi erklärte: „Der Grenzwert für die Flusstemperatur liegt an vielen Standorten bei etwa 25 Grad Celsius, wobei je nach Kraftwerk und Genehmigung auch Ausnahmeregelungen möglich sind.“
Im Verhältnis der Stromproduktion eines Landes ist Ungarn am stärksten betroffen. Das osteuropäische Land hat nur ein KKW mit vier Reaktoren am Standort Paks, rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Budapest. Im Normalbetrieb erzeugen diese fast die Hälfte des ungarischen Stroms. Der Anteil der Kernenergie am Strommix lag in diesem Jahr bis dato bei rund 44 Prozent.
Seit Montag, 27. Juli, begann laut den Stromdaten des Portals „Energy Charts“ jedoch die schrittweise Drosselung der Leistung der Anlage. Am Sonntagmorgen speiste sie nur noch rund 173 Megawatt (MW) ins ungarische Netz ein. In der Spitze und vor der Drosselung erbrachte das Kraftwerk noch rund 1.850 MW.
Öffentliche Stromerzeugungsdaten der Kernkraft und die Verbrauchskurve (Last) in Ungarn vom 27. Juli bis 2. August 2026.
In Kürze schaltet das KKW Paks dann wegen zu niedriger Pegelstände der Donau komplett ab. „Nach aktuellen Berechnungen (…) könnte das am Dienstag oder Mittwoch geschehen“, sagte Ministerpräsident Peter Magyar am Freitag, 31. Juli, bei einer Pressekonferenz am Kraftwerk. Der Betreiber der Anlage hatte die Abschaltung „unvermeidlich“ genannt. Es ist die erste Komplettabschaltung dieses KKW seit seiner 44-jährigen Existenz.
Der Fluss hat an seinem Unterlauf stellenweise nur ein Drittel des im Juli durchschnittlich gemessenen Wasserstands. Der Wetterdienst Hungaromet sagt Ungarn in den kommenden sechs Tagen eine Hitzeperiode mit Temperaturen von bis zu 41 Grad Celsius voraus.
Der ungarische Regierungschef Magyar rief die Industrie auf, ihren Stromverbrauch einzuschränken, um eine Energiekrise zu vermeiden. Zudem soll die Beleuchtung öffentlicher Gebäude eingestellt werden, um Strom zu sparen. Spätestens ab Montag, 3. August, könne es zu Engpässen bei der Stromversorgung kommen, hatte Magyar angekündigt. Seiner Einschätzung nach könne die Krisensituation wegen des erwarteten heißen Sommers noch Wochen andauern.
Die Bevölkerung in Ungarn ist weiterhin aufgerufen, während der Spitzenverbrauchszeit zwischen 17 und 22 Uhr keinen zusätzlich Strom zu verbrauchen – etwa durch das Aufladen von Elektroautos und den Betrieb von Klimaanlagen.
An einem durchschnittlichen Sommerabend würden 6.000 Megawatt Strom verbraucht, aufgrund der Hitze steige dieser Wert um 20 Prozent, erläuterte Magyar. Man setze nun die Stromreserven des Landes ein und kümmere sich um Importe.
Rumänien schaltet ab – und ruft Notstand aus
Wegen der hohen Temperaturen und des ausbleibenden Regens sind die Pegelstände der Donau mancherorts auf ein Rekordtief gesunken. Die Donau verläuft auch an der rumänisch-bulgarischen Grenze und versorgt das einzige KKW Rumäniens in der Stadt Cernavoda mit Kühlwasser.
Aufgrund der Bedingungen hat der Betreiber am Dienstag, 28. Juli, bereits den ersten der beiden Reaktoren der Anlage heruntergefahren. Ebenso ist die Abschaltung des zweiten Reaktors angekündigt. Von rund 1.185 MW sank die Leistung des KKW somit auf rund 625 MW.
Öffentliche Stromerzeugungsdaten der Kernkraft und die Verbrauchskurve (Last) in Rumänien vom 27. Juli bis 2. August 2026.
Aufgrund eines drohenden Strommangels hat das Land für den gesamten August den Notstand ausgerufen. Es laufen bereits Verhandlungen mit einigen Nachbarländern wie der Ukraine, Bulgarien, aber auch mit dem etwas weiter entfernten Griechenland, um bei Bedarf zusätzlichen Strom zu importieren.
Eine Komplettabschaltung des rumänischen KKW über rund drei Wochen erlebte die Anlage in Cernavoda in diesem Jahr bereits im Mai. Aufgrund einer technischen Störung wurde der Reaktor 2 am 4. Mai automatisch vom Netz getrennt. Der Reaktor 1 fuhr hingegen für eine planmäßige Wartung am 10. Mai auf null herunter. Die übrigen Stromquellen sowie Kraftwerke aus anderen Ländern hielten das rumänische Stromnetz am Laufen.
Das EU-Land mit den meisten Kernreaktoren, Frankreich, kann die meisten seiner Anlagen weiterhin betreiben. Von den 57 vorhandenen Reaktoren sind aktuell 18 außer Betrieb (Stand: 2. August 2026). Manche wurden aufgrund planmäßiger Wartung heruntergefahren, andere wegen der hohen Temperaturen.
Eine hitzebedingte Abschaltung traf das Kernkraftwerk Golfech. Beide Reaktoren stehen still. Die Temperatur des kühlenden Flusses Garonne ist inzwischen auf 28 Grad angestiegen.
Während die Leistung aller französischen KKW am Wochenbeginn noch bei bis zu 45 GW lag, sank sie bis Sonntag auf nur noch rund 37 GW ab. Das sind 17,8 Prozent weniger.
Um die Stromversorgung weiterhin sicherzustellen, müssen die Netzbetreiber vielerorts flexible Kraftwerke hochfahren. Dazu zählen Gas- und Kohlekraftwerke. Stand Sonntagmittag haben die fossilen Kraftwerke in der EU in dieser Woche (KW 31) bereits mehr Strom produziert als in der Woche zuvor.