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Klassische Weisheit: Wenn Wahrheit zur Geschichte wird

Ein Aphorismus oder Sprichwort kann uns sagen, dass Hochmut ins Verderben führt. Ein Mythos lässt uns dabei zusehen, wie ein hochmütiger Mensch sich selbst zugrunde richtet. Darin liegt der Unterschied zwischen Weisheit als Aussage und Weisheit in Form einer Geschichte.
Beide Formen sind uralt, und beide sind notwendig. Der Aphorismus verdichtet Wahrheit zu einprägsamen Worten. Die Erzählung hingegen leistet etwas anderes. Sie sagt uns nicht einfach, was wir denken sollen; sie lädt uns ein, eine Welt zu betreten. Sie lässt Weisheit durch Figuren, Entscheidungen, Folgen, Ironie, Wendungen, Leid und Erkenntnis lebendig werden. Ein Sprichwort fasst Weisheit in einem Satz. Eine Geschichte haucht der Weisheit Leben ein.
Mit dieser größeren Komplexität geht allerdings auch Mehrdeutigkeit einher: Geschichten lassen sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen und deuten. Das ist bei Sprichwörtern in der Regel nicht möglich. Etwas fachsprachlicher ausgedrückt sind Geschichten polysemisch: Sie enthalten mehrere Bedeutungsebenen, die sich verschiedenen Lesern unterschiedlich erschließen können – oder sogar derselben Person in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder neu.
Deshalb bestehen die großen Weisheitstraditionen der Welt nicht nur aus Aphorismen. Sie schenken uns Erzählungen: Ödipus, Midas, Ikarus, Hiob, Jona, der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, Arjuna auf dem Schlachtfeld. Diese Geschichten dienen nicht bloß der Unterhaltung. Sie sind moralische und spirituelle Werkzeuge. Sie ergreifen unsere Vorstellungskraft, noch bevor unser Verstand damit begonnen hat, sich dem zu widersetzen.

Arjuna und Duryodhana

Der Bhagavad Gita, dem heiligen Text des Hinduismus, geht eine Geschichte aus einem indischen Epos voraus. Sie erzählt von dem bevorstehenden großen Krieg zwischen den Pandavas und den Kauravas. Sowohl Arjuna als auch Duryodhana, die jeweils auf unterschiedlichen Seiten stehen, suchen die Unterstützung des hinduistischen Gottes Krishna. Duryodhana kommt zuerst und wartet neben Krishnas Kopf, während dieser schläft. Arjuna kommt später und nimmt ehrerbietig an Krishnas Füßen Platz. Als Krishna erwacht, sieht er zuerst Arjuna, räumt jedoch ein, dass Duryodhana vor ihm eingetroffen ist.
Krishna stellt ihnen eine Wahl frei. Die eine Seite kann seine gewaltige Armee erhalten. Die andere kann Krishna selbst an ihrer Seite haben – unbewaffnet und ohne in den Kampf einzugreifen, aber als Wagenlenker. Duryodhana entscheidet sich für die Armee. Arjuna wählt Krishna.

Arjuna und sein Wagenlenker Krishna treffen auf Karna (Miniaturmalerei, Nordindien um 1820).

Foto: gemeinfrei

Krishna und Arjuna auf dem Wagen, „Mahabharata“, 18.–19. Jahrhundert, Indien. Smithsonian Freer Sackler Gallery. Gemeinfrei
Das ist eines der großen Bilder der klassischen Weisheit. Duryodhana entscheidet sich für die Macht; Arjuna für die Führung. Duryodhana entscheidet sich für den messbaren Vorteil; Arjuna für die göttliche Gegenwart. Duryodhana will, was Krishna besitzt; Arjuna will Krishna selbst. Größer könnte der Unterschied kaum sein.
Auf den ersten Blick mag Arjunas Entscheidung unpraktisch erscheinen. Welcher Heerführer würde sich statt einer Armee für einen unbewaffneten Wagenlenker entscheiden? Doch genau darin liegt der Punkt: Klassische Weisheit erscheint dem berechnenden Verstand oft als Torheit. Der heilige Paulus bringt denselben paradoxen Gedanken in der christlichen Tradition zum Ausdruck: „ […] was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache“ (1 Korinther 1,27), denn „die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind“ (1 Korinther 1,25). Das Sichtbare ist nicht immer das Entscheidende. Die Zahl der Truppen, Waffen, Ressourcen, Anhänger und strategischen Vorteile mag von Bedeutung sein. Doch sie sind nicht das, worauf es letztendlich ankommt. Die tiefer liegende Frage lautet: Wer lenkt den Wagen?

Weitere weise Geschichten

Diese Frage beschränkt sich nicht auf das alte Indien. Wer lenkt den Wagen eines menschlichen Lebens? Der Appetit? Der Ehrgeiz? Die Angst? Der Groll? Eine Ideologie? Die Masse? Oder Weisheit, Gewissen, Seele oder Gott? Arjunas Entscheidung wird damit zu einer universellen Frage: Wenn Macht und Weisheit getrennt voneinander angeboten werden – wofür entscheiden wir uns? Denken wir an Salomo, der, als Gott ihm gewährte, sich alles zu wünschen, was er begehrte, weder ein langes Leben noch Reichtum oder den Tod seiner Feinde wählte, sondern um „ein gehorsames Herz“ bat (1 Könige 3,9), um „zu verstehen, was gut und böse ist“.
Auch die griechische Mythologie vermittelt diese Art von Weisheit, und zwar durch verschiedene Bilder. Erinnern wir uns an König Midas: Er wünscht sich, dass alles, was er berührt, zu Gold wird. Sein Wunsch geht in Erfüllung. Doch das Geschenk wird zum Fluch: Essen, Getränke und selbst menschliche Zuwendung werden durch die Berührung seiner Gier leblos. Die Geschichte muss nicht direkt ausdrücken: „Gier ist schlecht.“ Sie tut etwas viel Wirkungsvolleres: Sie zeigt uns einen Menschen, der genau das bekommt, was er sich wünscht – und entdecken muss, dass sein Wunsch tödlich ist.
Midas ist ein geradezu ideales Gleichnis für ein kommerziell und technologisch geprägtes Zeitalter. Wir wissen, wie man Dinge monetarisiert, optimiert, misst und anhäuft. Doch der Mythos wirft die Frage auf: Was geschieht, wenn die „goldene Hand“ die lebendige Welt zerstört? Was, wenn unsere Fähigkeit, allem einen Preis zuzuweisen, letztendlich dazu führt, dass wir den Dingen ihren wahren Wert nehmen? Was, wenn sich das, was wir am meisten begehren, als das herausstellt, was uns aushungert? Wie Oscar Wilde in „Lady Windermeres Fächer“ aphoristisch feststellte, ist ein Zyniker „ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt“.
Oder denken wir an den griechischen Mythos von Ikarus. Gemeinsam mit seinem Vater Dädalus entkommt er seiner Gefangenschaft mithilfe von Flügeln aus Federn und Wachs. Dädalus warnt seinen Sohn davor, zu nahe an die Sonne zu kommen. Doch Ikarus – berauscht vom Gefühl des Fliegens – steigt höher und höher. Das Wachs schmilzt, und er stürzt in die Tiefe. Die übliche Moral lautet: „Flieg nicht zu hoch.“ Doch die Geschichte ist subtiler. Sie richtet sich nicht gegen das Fliegen. Das Fliegen ist schließlich das Mittel, das die Befreiung ermöglicht. Die Gefahr liegt vielmehr in Freiheit ohne Selbstdisziplin, Erfindungsgeist ohne Demut, Möglichkeiten ohne jegliches Maß.

„Der Sturz des Ikarus“ von Adriaan Collaert (1560–1618), Druckgrafik, Rijksmuseum Amsterdam.

Foto: gemeinfrei

Auch dies ist heute eine dringende Botschaft: Unsere Zivilisation fliegt der Sonne immer näher entgegen. Wir erweitern unsere Fähigkeiten durch Technologie, Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Finanzen, Medizin und Kommunikation. Vieles davon ist wunderbar. Doch Ikarus fragt, ob wir die Weisheit besitzen, genau jene Kräfte zu beherrschen, die wir selbst erschaffen. Dädalus verfügt über technisches Können; Ikarus mangelt es an moralischem Maß – und genau dieser Unterschied könnte eines der entscheidenden Probleme der Moderne sein.
Dann gibt es noch Ödipus, die wohl furchterregendste aller griechischen Weisheitsgeschichten. Ödipus ist sehr klug, vielleicht sogar der klügste Mensch auf Erden, denn nur er kann das Rätsel der Sphinx lösen. Er löst das Rätsel und rettet Theben. Dennoch kann er das Rätsel seiner selbst nicht lösen. Er sucht nach der Ursache für das Unheil, das die Stadt heimsucht, und entdeckt, dass er selbst dessen Ursprung ist. Er hat genau jene Prophezeiung erfüllt, die er so sehr zu vermeiden versucht hatte.
Ödipus lehrt uns, dass Intelligenz nicht dasselbe ist wie Selbsterkenntnis. Ein Mensch kann brillant und dennoch blind sein. Er mag gesellschaftliche Probleme lösen, während er sich seiner eigenen Lage nicht bewusst ist. Deshalb ist der Spruch des Orakels von Delphi „Erkenne dich selbst“ nicht nur ein dekoratives Motto, sondern eher ein diamantenscharfer Aphorismus, eine wahrhaftige Warnung. Der Mensch ist gefährlich, wenn seine Klugheit seine Selbsterkenntnis übertrifft.
Auch die biblische Tradition schenkt uns Erzählungen von ebenso großer Kraft. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn wird oft als einfache Geschichte von Sünde und Umkehr gelesen. Doch sie geht tiefer als das.
Der jüngere Sohn geht durch Maßlosigkeit, Verschwendung und Auflehnung verloren. Der ältere durch Verbitterung, Selbstgerechtigkeit und seine Unfähigkeit, sich mitzufreuen. Die Barmherzigkeit des Vaters legt beides offen. Die Erzählung lässt nicht zu, dass wir die Welt so sauber in Sünder und anständige Menschen aufteilen. Beide Söhne müssen wieder zu sich selbst und zueinander finden.

„Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“, 1773, von Pompeo Batoni. Öl auf Leinwand, 138 × 100 cm. Kunsthistorisches Museum, Wien.

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Auch der barmherzige Samariter ist von gleicher Brillanz. Jesus wird gefragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Statt eine Definition zu liefern, erzählt er eine Geschichte.
Ein verletzter Mann wird von denjenigen ignoriert, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie ihm helfen, und schließlich von einem Samariter gerettet, einem Angehörigen einer gesellschaftlich verachteten Gruppe. Das Gleichnis kehrt die ursprüngliche Frage um. Es geht nicht darum: „Welche Menschen gehören zu meinen Nächsten?“, sondern: „Bin ich bereit für den Menschen, der meine Hilfe braucht, selbst zum Nächsten zu werden?“ Die Geschichte beantwortet die Frage nicht einfach. Sie verwandelt sie.
Das Buch Hiob ist möglicherweise die größte Weisheitserzählung überhaupt, weil es sich einer Vereinfachung entzieht. Die Sprüche lehren oft, dass Gerechtigkeit zum Segen und Bosheit zum Untergang führt. Hiob fragt, was geschieht, wenn Gerechte leiden und eine Erklärung nicht ausreicht. Die Freunde Hiobs geben konventionelle Antworten. Sie verteidigen ein geordnetes moralisches Universum. Doch Hiobs Leiden erschließt ein tieferes Geheimnis. Weisheit besteht hier nicht in einer einfachen Formel, sondern in der Ehrfurcht vor einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Erklärungen.

„Hiob und seine Freunde“, eine der Illustrationen von Gustave Doré für „La Grande Bible de Tours“ („Die Große Bibel von Tours“).

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Deshalb ist narrative Weisheit mit ziemlicher Sicherheit noch tiefgründiger als aphoristische Weisheit. Das Sprichwort belehrt. Geschichten lassen uns erfahren. Das Sprichwort sagt: „Hochmut zerstört.“ Die Geschichte dahinter schenkt uns jedoch Ödipus. Das Sprichwort sagt: „Gier korrumpiert.“ Die Geschichte dahinter schenkt uns Midas. Das Sprichwort sagt: „Wähle Weisheit statt Macht.“ Die Erzählung dahinter schenkt uns Arjuna, der sich für Krishna und gegen die Armee entscheidet.

Worte, die weiterleben

Geschichten bewahren Weisheit auch vor voreiliger Gewissheit. Eine Maxime oder ein Aphorismus kann zu schnell aufgegriffen, zu einem Ratschlag verflacht oder als Slogan verwendet werden – etwas, das uns heute vielleicht eher in Form des „Memes“ vertraut ist. Eine wahre Geschichte widersetzt sich dem. Wir können Ödipus, Hiob, Arjuna oder den verlorenen Sohn niemals vollständig ausschöpfen. Sie verändern sich, so wie wir uns verändern. Wir kehren in unterschiedlichen Lebensphasen zu ihnen zurück und entdecken neue Bedeutungen, weil wir selbst zu neuen Lesern geworden sind.
Die moderne Welt hat die Geschichten nicht verloren, aber sie hat oft die Gewohnheit verloren, sie mit Bedacht zu lesen. Wir konsumieren Erzählungen als Unterhaltung, als Ideologie, als Flucht aus der Wirklichkeit oder schlicht als „Content“. Die Menschen der Antike taten etwas Anspruchsvolleres. Sie ließen sich anhand von Geschichten beurteilen. Sie fragten sich: Wo bin ich in dieser Geschichte? Bin ich Midas, der inmitten seines Goldes verhungert? Bin ich Ikarus, der Möglichkeiten mit Erlaubnis verwechselt? Bin ich Ödipus, der jedes Problem löst – außer dem Problem seiner selbst? Bin ich der ältere Bruder, nach außen gehorsam, aber innerlich ohne Liebe? Bin ich Duryodhana, der sich für die Armee entscheidet? Oder bin ich Arjuna, der den Wagenlenker wählt?
Die klassische Weisheit hat Bestand, weil sich das menschliche Dasein nicht verändert hat. Unsere Mittel sind neu, unsere Versuchungen sind uralt. Wir tauschen nach wie vor die Seele gegen Erfolg ein, verwechseln Macht mit Wahrheit und Klugheit mit Weisheit; wir versuchen die Welt zu beherrschen, während wir uns selbst fremd bleiben. Die großen Geschichten bleiben bestehen, weil sie uns kennen. Und wenn wir sie richtig lesen, tun sie mehr, als nur den Verstand zu informieren: Sie wecken die Seele. Anders ausgedrückt: Sie bringen uns zurück ins Leben – ins wahre Leben.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Classical Wisdom, Part 2: When Truth Becomes a Story“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Wenn Wahrheit zum Sprichwort wird

Die meisten von uns möchten doch „weise“ sein, oder? Oder zumindest wollen wir anderen als weise angesehen werden.
Weise zu wirken, verschafft einem zweifellos Ansehen. Doch woher kommt Weisheit? Das Alte Testament hat hier eine eindrucksvolle Antwort parat: „Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn.“ Das heißt, Weisheit beginnt nicht mit Intelligenz, Bildung oder Erfahrung, sondern mit Demut: mit der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit größer ist als wir selbst. Mit anderen Worten: Weisheit erwächst aus einer bestimmten Haltung zur Wirklichkeit und nicht aus der bloßen Anhäufung von Wissen.
Einer der vielleicht merkwürdigsten Widersprüche zu dieser Vorstellung zeigte sich in der Reaktion des englischen Philosophen Herbert Spencer (1820–1903) auf eine Anmerkung der Schriftstellerin George Eliot (1819–1880). Spencer, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, galt als eines der größten Genies des 19. Jahrhunderts. In A. N. Wilsons Buch „God’s Funeral“ (1999) erfahren wir: „Als George Eliot Spencer ein Kompliment für seine faltenfreie Stirn machte, antwortete er, dass ihn noch nie wirklich etwas verblüfft habe.“

Gutes kommt in kleinen Paketen

Eine besonders seltsame Eigenschaft der Weisheit ist, dass sie oft in sehr kleinen Portionen zu uns kommt. Ein Satz, ein Sprichwort, ein Fragment, eine Zeile aus der Kindheit, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, eine Maxime aus dem alten Orient: Diese können sich jahrzehntelang im Gedächtnis festsetzen. Tatsächlich können sie ganze Bücher, Vortragsserien und Denksysteme überdauern.
Wir leben im Informationszeitalter. Doch Information ist nicht gleichbedeutend mit Weisheit. Information sammelt sich an; Weisheit verdichtet sich. Information vermittelt uns immer mehr Wissen über die Welt; Weisheit zeigt uns, wie wir in ihr leben sollen. Information gibt es im Überfluss; Weisheit ist rar. Vielleicht hat die Antike deshalb so oft den Aphorismus, die Maxime, das Sprichwort und den einprägsamen Ausspruch bevorzugt. Sie wusste, dass eine Wahrheit, die es wert ist, bewahrt zu werden, leicht zu vermitteln sein muss.
Man denke an die berühmte Zeile aus dem „Tao Te King“: „Wer andre kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.“ Der Spruch ist kurz, hat aber eine überraschend tiefe Bedeutung. Er unterscheidet Klugheit von Selbsterkenntnis. Andere zu kennen, mag uns erfolgreich machen. Uns selbst zu kennen, beginnt uns ganz zu machen. Diese Erkenntnis ist nicht nur chinesisch oder östlich; sie steht in starkem Einklang mit dem griechischen Gebot von Delphi: „Erkenne dich selbst.“ Sie nimmt auch viele Aspekte der modernen Psychologie vorweg, in der Selbsttäuschung oft das erste Hindernis auf dem Weg zur Heilung ist.

Laozi bei der Verkündung des „Tao Te King“, 16. Jahrhundert, von einem Künstler der Ming-Dynastie. Handrolle, Tusche auf Papier. Freer Gallery of Art, Washington.

Das Buch der Sprüche erfüllt in der biblischen Tradition eine ähnliche Funktion. Es greift moralische Erfahrungen auf und fasst sie in einprägsamer Form zusammen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“, heißt es dort. Das ist keine Schwäche, sondern Selbstbeherrschung. Auf Zorn mit Zorn zu reagieren, ist leicht. Zorn mit innerer Ruhe und Disziplin zu begegnen, ist Weisheit. Das Sprichwort setzt etwas sehr Anspruchsvolles voraus: dass unsere unmittelbare emotionale Reaktion nicht immer unsere wahrhaftigste Antwort ist. Wer seinen Zorn besänftigen kann, hat es geschafft, etwas Aufgewühltes in sich selbst zu bezwingen.
Und dann ist da noch die bekannte Warnung: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Auch dieser Satz ist uns beinahe schon allzu vertraut geworden. Und doch bringt er eine der tiefsten Wahrheiten über den Menschen zum Ausdruck. Hochmut macht uns nicht nur unangenehm, er macht uns blind. Wer hochmütig ist, kann keine Kritik annehmen, nichts dazulernen, keine Reue zeigen und sein Gegenüber nicht wirklich sehen. Hochmut ist daher nicht nur ein moralischer, sondern auch ein intellektueller Fehltritt: Er verzerrt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Die vielleicht eindringlichste Darstellung dieser Blindheit, die je außerhalb religiöser Schriften verfasst wurde, findet sich in Dantes „Göttlicher Komödie“. Die Seelen in der Hölle sind genau in diesem Sinne blind. Sie können denken, argumentieren und sich erinnern, aber sie vermögen die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Tatsächlich gehört das Verb „sehen“ – abgesehen von den unverzichtbaren Verben „sein“ und „haben“ – zu den am häufigsten wiederkehrenden Verben des gesamten Gedichts. Dantes ganze Reise ist ein Prozess, in dem er lernt, richtig zu sehen; die Tragik der Hölle hingegen besteht darin, dass ihre Bewohner dazu nicht mehr in der Lage sind.

Dante mit seiner „Göttlichen Komödie“ in der Hand, neben dem Eingang zur Hölle, den sieben Terrassen des Fegefeuers und der Stadt Florenz, darüber die Himmelssphären, 1465, in einem Fresko von Domenico di Michelino. Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz.

Foto: gemeinfrei

Die großen Fragen

Auch Jesus spricht häufig in Wendungen, die längst Teil des moralischen Wortschatzes unserer Zivilisation geworden sind. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das ist ein geradezu entwaffnend einfacher Prüfstein. In einer Welt der äußeren Erscheinungen, Behauptungen, Rhetorik und Selbstdarstellung führt uns dieser Satz zurück zu den Folgen. Was bringt ein Leben hervor? Was entsteht aus dieser Lehre, dieser Führungspersönlichkeit, dieser Bewegung, dieser Handlung? Gute Absichten allein genügen nicht. Eindrucksvolle Worte ebenso wenig. Am Ertrag erkennen wir den Baum.
Oder noch einmal: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es ist einer der berühmtesten Sätze der Welt und zugleich einer der am häufigsten missverstandenen. Er bedeutet nicht, dass Wahrheit immer angenehm ist oder uns sofort Trost spendet. Nicht selten verletzt uns die Wahrheit zunächst. Sie entlarvt Illusionen, Bindungen, falsche Selbstbilder und bequeme Lügen. Doch gerade dadurch befreit sie uns. Unwahrheit mag trösten, aber sie hält gefangen. Die Wahrheit mag uns beunruhigen, aber sie befreit uns.
Am eindringlichsten ist vielleicht die Frage: „Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Hier nimmt Weisheit nicht die Form einer Aussage an, sondern die einer Frage. Einer Frage, die sich niemals abschließend beantworten lässt. Sie zwingt uns zu überlegen, was wir bereit sind, für Erfolg, Anerkennung, Reichtum, Einfluss, Bequemlichkeit oder auch nur das eigene Überleben preiszugeben. Dahinter steht die Annahme, dass es im Menschen etwas gibt, das kostbarer ist als jeder weltliche Gewinn. Man kann dieses Etwas Seele nennen, Gewissen, Integrität, Personsein oder Ebenbild Gottes.
Wie auch immer wir es nennen mögen, die Warnung ist eindeutig: Verkaufe nicht das Tiefste in dir für etwas, das weniger wert ist als du selbst. Der Schriftsteller Patrick Harpur hat es so ausgedrückt: „Auch wenn wir nicht ausdrücklich religiös sind, können wir wohl alle die Vorstellung nachempfinden, dass es einen Teil in uns gibt, der um keinen Preis verkauft, verraten oder verloren werden darf.“

Weisheit in Worten

Diese Aphorismen überdauern, weil sie mehrere Dinge zugleich leisten: Erstens sind sie einprägsam. Ihre sprachliche Form ist entscheidend. Eine unbeholfen formulierte Wahrheit gerät leicht in Vergessenheit; ein gut formulierter Ausspruch bleibt bestehen. Zweitens lassen sie sich weitergeben: von Eltern an Kinder, von Lehrenden an Lernende, von Älteren an die Gemeinschaft. Drittens sind sie auslegbar und entfalten mit der Zeit immer neue Bedeutung. Ein Sprichwort mag kurz sein, aber es ist nicht oberflächlich. Man kann in verschiedenen Lebensphasen zu ihm zurückkehren und darin mehr entdecken, als man zunächst dachte.
Das ist einer der Gründe, warum sich die Weisheit der Antike so deutlich von vielem unterscheidet, was heute als Lebensrat gilt. Moderne Ratschläge sind häufig therapeutisch, strategisch oder technisch ausgerichtet. Sie erklären uns, wie wir uns optimieren, mit Belastungen umgehen, Einfluss gewinnen, Netzwerke knüpfen, Erfolg haben oder uns besser fühlen können. Die klassische Weisheit blendet solche Fragen nicht aus, doch sie richtet den Blick meist auf Grundsätzlicheres: Was ist ein gutes Leben? Was ist die Seele? Was ist Tugend? Was ist Gerechtigkeit? Was schulden wir Gott, unseren Mitmenschen, unserer Familie, der Gemeinschaft und der Wahrheit
Aphoristische Weisheit ist daher weit mehr als eine Sammlung kluger Zitate. In ihrer besten Form ist sie quasi eine Schule der Wahrnehmung. Sie lehrt uns, die moralische Ordnung der Wirklichkeit zu erkennen. Sie mahnt uns: Hüte dich vor Hochmut, übe Sanftmut, strebe nach Selbsterkenntnis, verwechsle Reichtum nicht mit Wert, prüfe die Früchte und vergiss die Seele nicht.
Natürlich haben Aphorismen auch ihre Grenzen. Gerade weil sie so knapp sind, können sie leicht falsch verwendet werden. Ein Sprichwort kann zum Klischee verkommen, ein Ausspruch zitiert werden, ohne wirklich verstanden zu werden. Schlimmer noch: Weisheitssprüche können zu Waffen werden – eingesetzt, um andere zum Schweigen zu bringen, statt etwas zu erhellen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“ darf nicht dazu dienen, Feigheit angesichts des Bösen zu rechtfertigen. „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ sollte nicht zur bloßen Motivationsfloskel verkommen. Und „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ darf nicht als Vorwand für vorschnelle Urteile dienen, noch bevor sich überhaupt irgendwelche Früchte zeigen konnten.
Trotzdem bleibt der Aphorismus eines der großen Medien der Zivilisation. Eine Gesellschaft, die ihre Sprichwörter und Sinnsprüche verliert, verliert auch einen Teil ihres Gedächtnisses. Sie wird wortreicher, aber nicht zwangsläufig weiser. Sie mag unablässig reden und doch nichts sagen, was es wert wäre, wiederholt zu werden. Gerade in unserem zerstreuten Zeitalter brauchen wir solche Sätze vielleicht mehr denn je. Nicht als Parolen und nicht als dekorative Zitate in den sozialen Medien, sondern als Anstöße zum Nachdenken. Im richtigen Augenblick gesprochen, kann der richtige Satz Torheit Einhalt gebieten, Trost in der Trauer spenden, das Gewissen wachrütteln und uns zu uns selbst zurückführen.
Weisheit muss also nicht zwangsläufig in Form eines Systems auftreten. Manchmal kommt sie in Form eines einzigen Satzes. Wenn dieser wahr genug ist, verbringen wir vielleicht den Rest unseres Lebens damit, in ihn hineinzuwachsen.
In unserem nächsten Artikel dieser Reihe werden wir uns mit einer noch kraftvolleren Form verdichteter Weisheit befassen: der Parabel. Wir werden sehen, wie Geschichten noch tiefer in den Kern der Dinge vordringen und eine anregende, tiefgründige und unerschöpfliche Weisheit vermitteln.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Classical Wisdom: When Truth Becomes a Saying“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)
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Selbsterkenntnisse: Von der Krise zum Neuanfang

Per Lundins Weg zur Arbeit mit der Persönlichkeitsentwicklung begann beim Militär. Dort absolvierte er eine einwöchige, obligatorische Ausbildung mit Fokus auf Gruppendynamik, Führung und Selbsterkenntnis. Das Ziel war, sich seiner eigenen Verhaltensweisen bewusster zu werden. Es ging darum, zu erkennen, wie man unter Druck reagiert und wie das eigene Handeln andere beeinflusst.
Die Ausbildung handelte jedoch nicht nur von praktischer Führung. Sie öffnete ihm auch einen Zugang zu einem tieferen Verständnis für die Vielfältigkeit der Menschen. Er verstand besser, wie Menschen die Welt unterschiedlich interpretieren und zu völlig verschiedenen Auffassungen gelangen können – selbst in grundlegenden Fragen.
„Das ist entscheidend dafür, dass wir einander verstehen können. Kriege werden geführt, weil Menschen unterschiedlich denken und nicht die Fähigkeit haben, zu verstehen, warum [das so ist]“, sagt Per Lundin.

Per Lundin verändert sein Leben

Wir treffen uns vor Lundins Zuhause. Es ist ein ausgebautes rotes Ferienhaus auf einem abschüssigen Grundstück mit hohen Eichen. Auf dem angrenzenden Grundstück steht ein neu gebautes grünes Haus, Wand an Wand.

Es ist nicht lange her, da hatten Lundin und seine Frau noch die Wände zwischen dem Ferienhäuschen und dem Neubau herausgerissen. Doch dazu später mehr. In seinem roten Ferienhaus im Bohème-Stil erzählt Per Lundin aus seinem Leben …

Nach seiner Militärzeit arbeitete Per Lundin in Unternehmen, die sich auf Persönlichkeitsentwicklung und Führungskräftetraining spezialisiert hatten. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Firmenkunden, denen er Kurse und Weiterbildungen anbot. Die Kurse waren damals wie heute erlebnisbasiert, und er war ein gefragter Dozent.
Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, wo er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt. Foto: Anton Anderberg

Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, in dem er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt.

Foto: Anton Anderberg

Aber irgendetwas passte nicht. Er hatte nicht das Gefühl, wirklich mit dem verbunden zu sein, worüber er sprach. Nach zwölf Jahren im Beruf schrieb er eine Abschiedsrede und hörte auf. Zusammen mit seiner Frau, die Gartengestalterin ist, begann er, im Landschaftsbau zu arbeiten.

Glück als gesellschaftliche Idee

In seiner Abschiedsrede ging Per Lundin auf einige grundlegende Dinge ein, die für ihn auch heute noch aktuell sind. Er sprach über die Idee, dass wir selbst – wenn auch unbewusst – die Vorlage dafür schaffen, wie wir uns glücklich fühlen sollen.
Die Gesellschaft, die Medien, Freunde und soziale Medien schaffen einen Maßstab dafür, was als ein gutes Leben angesehen wird. Dies sei dann das, was wir erreichen müssten, um uns mit uns selbst im Reinen zu fühlen. Die Liste der Ideale wird ständig erweitert. Den Pool, der sich jetzt unentbehrlich anfühlt, kannten wir vor 15 Jahren nicht einmal, geschweige denn, dass wir ihn gebraucht haben.
Wenn wir unsere Ziele erreichen, stellt sich auch nicht unbedingt ein Gefühl von langanhaltendem Glück ein. Denn der Maßstab ist veränderlich, weil wir ständig nach mehr streben. Diese äußeren Ideale schaffen auch eine Angst, nicht dazuzugehören. Lundin meint:
„Die vielleicht größte Angst, die wir in uns tragen, ist nicht das Scheitern, sondern nicht dazuzugehören. Als falsch, anders oder unzulänglich in den Augen anderer entlarvt zu werden. Diese Angst steuert uns oft mehr, als wir selbst verstehen. Wir passen uns an, spielen bestimmte Seiten herunter, verstärken andere und wählen Wege, die sich eher sicher als wahr anfühlen. Schließlich kann man ein ganzes Leben führen, das nach außen hin funktioniert – aber bei dem im Inneren etwas nicht stimmt.“

Das Schicksal hatte andere Pläne

Es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis Per Lundin Ende 2025 wieder anfing, in der Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Wahrscheinlich war der entscheidende Grund dafür sein grüner Neubau.
Das Haus wurde von seiner Frau Cajsa entworfen und von ihm selbst gebaut. Sie hatten den Plan, von Stockholm wegzuziehen. Sie wollten auf die schwedische Ostseeinsel Öland, dorthin, wo sie ihr Haus gebaut hatten. Doch das Schicksal wollte es anders.
Während der Bauzeit des Hauses stiegen die Zinsen auf das Vierfache an und die Auftragslage im Garten- und Landschaftsbau brach ein. Die Eheleute standen mit einem neugebauten Haus und hohen Zinsen da – und sie hatten nur geringe Einkommensmöglichkeiten. So entschieden sie sich, das neue Haus zu verkaufen und in die ältere Kate daneben einzuziehen. Dort fehlte allerdings der Abwasseranschluss, da dieser auf dem anderen Grundstück war.
„Wir gingen von dem Punkt, an dem wir unser Traumhaus gebaut hatten, dazu über, es zu verkaufen und in eine kleine Kate von 32 Quadratmetern zu ziehen. Wir konnten uns Geld für einen Anbau leihen und haben jetzt eine Toilette im Haus. Diese krisengetriebene Reise hat mich stärker in meinen Idealen verankert. Sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und mit dir sprechen. Das ist auch der Grund, warum ich wieder im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung arbeite“, so Per Lundin.

Am richtigen Platz – und alles fließt

Einen Teil der Veränderung beschreibt Per Lundin als eher existentiell. Nach der Wirtschaftskrise und der Zeit ohne Aufträge erlebte er eine deutliche Verschiebung seines Lebensgefühls: Er müsse nicht auf die gleiche Weise wie früher kämpfen.
Das innere Erleben, am richtigen Platz im Leben zu sein, habe die mentalen und emotionalen Hürden in seiner Arbeit verringert. Dinge hätten begonnen, sich natürlich zu fügen, Kontakte seien geknüpft worden und neue Möglichkeiten seien entstanden. Er sagt:
„Früher war es, als würde man stromaufwärts rudern. Jetzt ist es, als würde ich in einem Boot mit Segeln sitzen und nur steuern. Es fühlt sich an, als würde ich mich mit der Strömung bewegen.“
In seinen neuen Kursen wendet sich Per Lundin in erster Linie an Privatpersonen statt an Unternehmen.

Drei zwischenmenschliche Ängste

Laut Lundin gebe es drei grundlegende Ängste, die unser Verhalten im Umgang mit anderen Menschen beeinflussen. Seine Argumentation basiere auf den Theorien des amerikanischen Psychologen Will Schutz über zwischenmenschliche Bedürfnisse.
Es gehe um die Angst, ignoriert, entlarvt oder abgewiesen zu werden – nicht bedeutungsvoll zu sein, nicht auszureichen oder nicht gemocht zu werden. Diese Antriebe würden oft im Stillen wirken, aber in hohem Maße steuern, wie wir uns anpassen, reagieren und unsere Leben formen.
Per Lundin erzählt davon, wie der Mensch langsam aber sicher Konzepte und Abwehrmechanismen aufbaut; Verhaltensweisen, die sowohl konstruktiv als auch hemmend sein können.
„Unser Verhalten wird von unserer inneren Geschichte gesteuert. Wenn es mir sehr wichtig ist, rücksichtsvoll zu sein, werde ich in die Defensive gehen, sobald jemand das infrage stellt. Denn wenn ich nicht rücksichtsvoll bin, wer bin ich dann?“

Mehr Freiheit durch Bewusstheit

Er nennt sie Anhaftungen: jene Aspekte in uns, die wir für unsere Identität als wichtig erachten. Sie müssen nicht zwangsläufig negativ interpretiert werden, doch wenn wir uns ihrer bewusst sind, widerstehen wir dem Instinkt, in die Defensive zu gehen. Dieses Bewusstsein schenkt uns mehr Freiheit bei der Wahl dessen, wer wir sein wollen.
Hier kommt auch der soziale Aspekt ins Spiel. Die Angst, infrage gestellt zu werden, kann Hindernisse im sozialen Zusammenspiel schaffen. Wenn das Infragestellen zudem mit einem Infragestellen der gesamten eigenen Identität verknüpft ist, kann es schwierig sein, entspannt und offen zu sein. Man tastet ab und folgt, anstatt sich selbst treu zu sein.
Per Lundin spricht darüber, wie er dies durch verschiedene Übungen bewusst machen möchte. Wir alle tragen eine innere Geschichte in uns und suchen oft unbewusst nach Bestätigung dafür, dass diese Geschichte wahr ist. Er sagt:
„Wir suchen Bestätigung für die Konzepte, die wir innerlich von uns erschaffen. Sehe ich mich selbst als unattraktiv, werde ich die Blicke anderer negativ interpretieren. Sehe ich mich stattdessen als attraktiv, werden die Blicke anderer dies bestätigen. Auch wenn die anderen gar nichts mit mir zu tun haben.“
Sich selbst kennenzulernen, hat viel damit zu tun, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten, anstatt instinktiv zu reagieren. Aber man kann sich auch täuschen, wenn man glaubt, dass sich alles nur um innere Konzepte oder äußere Erwartungen dreht.

Introvertiert oder extrovertiert

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sind zu einem großen Teil angeboren. Per Lundin greift insbesondere die Begriffe „Introvertiertheit“ und „Extrovertiertheit“ auf, die ihren Ursprung in den Theorien von Carl Gustav Jung haben.
Demnach neigt das extrovertierte Individuum dazu, Energie in sozialen Kontexten und durch äußere Reize zu gewinnen, während das introvertierte Individuum in höherem Maße durch Stille und Zeit für sich selbst Kraft schöpft. Es geht also auch darum, seine angeborenen Charakterzüge zu verstehen – Dinge, die wir nicht ändern können.
Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung. Foto: Anton Anderberg

Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung.

Foto: Anton Anderberg

Einen Kurs zu belegen, ist jedoch nicht der einzige Weg. Per Lundin erzählt von einem Treffen mit einem Handwerker, der sich nie für Persönlichkeitsentwicklung oder Selbsterkenntnis interessierte. Dennoch ist diese Person einer der genuinsten und echtesten Menschen, die er je getroffen habe.
„Du musst keinen Kurs besuchen, um dich selbst zu verstehen. Du kannst dein ganzes Leben ohne Kurse leben und trotzdem zu denselben Dingen kommen. Es gibt Menschen, die nie ein Buch darüber gelesen und nie eine Ausbildung absolviert haben, und dennoch haben sie eine tiefe Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, was du tust, sondern darum, wie aufmerksam du dir selbst gegenüber bist, in dem, was du tust.“

Ein Zeichen für Veränderung

Wenn im Inneren etwas unstimmig ist, kann es ein Zeichen und an der Zeit sein, sich selbst zu erforschen. Es kann sich bemerkbar machen, indem man spürt, dass man nicht in Übereinstimmung mit seinen Werten lebt, oder indem man das Gefühl hat, am falschen Platz zu sein. Diese Reibung ist nicht immer deutlich. Es kann sich als ein vages Gefühl der Unzufriedenheit zeigen, als Rastlosigkeit oder mit dem wiederkehrenden Gedanken, dass etwas fehlt.

Per Lundin meint dazu:

„Du musst nichts tun. Du musst nicht einmal deinem Herzen folgen. Aber spürst du eine Sehnsucht, eine Neugier, die an dir zieht, dann finde ich, dass du sie ernst nehmen solltest. Ich glaube sogar, dass man krank werden kann, wenn man das ignoriert.“
Der Artikel erschien im Original bei epochtimes.se mit dem Titel „Han vände krisen till en nystart“. (redaktionelle Bearbeitung: sm)
„Das ist entscheidend dafür, dass wir einander verstehen können. Kriege werden geführt, weil Menschen unterschiedlich denken und nicht die Fähigkeit haben zu verstehen, warum [das so ist]“, sagt Per Lundin.

Per Lundin verändert sein Leben

Wir treffen uns vor Lundins Zuhause. Es ist ein ausgebautes rotes Ferienhaus auf einem abschüssigen Grundstück mit hohen Eichen. Auf dem angrenzenden Grundstück steht ein neu gebautes grünes Haus, Wand an Wand.

Es ist nicht lange her, da hatten Lundin und seine Frau noch die Wände zwischen dem Ferienhäuschen und dem Neubau herausgerissen. Doch dazu später mehr. Sobald ich das rote Ferienhaus betrete, beeindruckt mich der Bohème-Stil – und bald schon erzählt Per Lundin aus seinem Leben …

Nach seiner Militärzeit arbeitete Per Lundin in Unternehmen, die sich auf Persönlichkeitsentwicklung und Führungskräftetraining spezialisiert hatten. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Firmenkunden, denen er Kurse und Weiterbildungen anbot. Die Kurse waren damals wie heute erlebnisbasiert, und er war ein gefragter Dozent.
Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, wo er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt. Foto: Anton Anderberg

Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, in dem er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt.

Foto: Anton Anderberg

Aber irgendetwas passte nicht. Er hatte nicht das Gefühl, wirklich mit dem verbunden zu sein, worüber er sprach. Nach zwölf Jahren im Beruf schrieb er eine Abschiedsrede und hörte auf. Zusammen mit seiner Frau, die Gartengestalterin ist, begann er im Landschaftsbau zu arbeiten.

Glück als gesellschaftliche Idee

In seiner Abschiedsrede ging Per Lundin auf einige grundlegende Dinge ein, die für ihn auch heute noch aktuell sind. Er sprach über die Idee, dass wir selbst – wenn auch unbewusst – die Vorlage dafür schaffen, wie wir uns glücklich fühlen sollen.
Die Gesellschaft, die Medien, Freunde und soziale Medien schaffen einen Maßstab dafür, was als ein gutes Leben angesehen wird. Dies sei dann das, was wir erreichen müssten, um uns mit uns selbst im Reinen zu fühlen. Die Liste der Ideale wird ständig erweitert. Den Pool, der sich jetzt unentbehrlich anfühlt, kannten wir vor 15 Jahren nicht einmal, geschweige denn, dass wir ihn gebraucht haben.
Wenn wir unsere Ziele erreichen, stellt sich auch nicht unbedingt ein Gefühl von langanhaltendem Glück ein. Denn der Maßstab ist veränderlich, weil wir ständig nach mehr streben. Diese äußeren Ideale schaffen auch eine Angst, nicht dazuzugehören. Lundin meint:
„Die vielleicht größte Angst, die wir in uns tragen, ist nicht das Scheitern, sondern nicht dazuzugehören. Als falsch, anders oder unzulänglich in den Augen anderer entlarvt zu werden. Diese Angst steuert uns oft mehr, als wir selbst verstehen. Wir passen uns an, spielen bestimmte Seiten herunter, verstärken andere und wählen Wege, die sich eher sicher als wahr anfühlen. Schließlich kann man ein ganzes Leben führen, das nach außen hin funktioniert – aber bei dem im Inneren etwas nicht stimmt.“

Das Schicksal hatte andere Pläne

Es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis Per Lundin Ende 2025 wieder anfing, in der Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Wahrscheinlich war der entscheidende Grund dafür sein grüner Neubau.
Das Haus wurde von seiner Frau Cajsa entworfen und von ihm selbst gebaut. Sie hatten den Plan, von Stockholm wegzuziehen. Sie wollten auf die schwedische Ostseeinsel Öland, dorthin, wo sie ihr Haus gebaut hatten. Doch das Schicksal wollte es anders.
Während der Bauzeit des Hauses stiegen die Zinsen auf das Vierfache an und die Auftragslage im Garten- und Landschaftsbau brach ein. Die Eheleute standen mit einem neugebauten Haus und hohen Zinsen da – und sie hatten nur geringe Einkommensmöglichkeiten. So entschieden sie sich, das neue Haus zu verkaufen und in die ältere Kate daneben einzuziehen. Dort fehlte allerdings der Abwasseranschluss, da dieser auf dem anderen Grundstück war.
„Wir gingen von dem Punkt, an dem wir unser Traumhaus gebaut hatten, dazu über, es zu verkaufen und in eine kleine Kate von 32 Quadratmetern zu ziehen. Wir konnten uns Geld für einen Anbau leihen und haben jetzt eine Toilette im Haus. Diese krisengetriebene Reise hat mich stärker in meinen Idealen verankert. Sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und mit dir sprechen. Das ist auch der Grund, warum ich wieder im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung arbeite“, so Per Lundin.

Am richtigen Platz – und alles fließt

Einen Teil der Veränderung beschreibt Per Lundin als eher existentiell. Nach der Wirtschaftskrise und der Zeit ohne Aufträge erlebte er eine deutliche Verschiebung seines Lebensgefühls: Er müsse nicht auf die gleiche Weise wie früher kämpfen.
Das innere Erleben, am richtigen Platz im Leben zu sein, habe die mentalen und emotionalen Hürden in seiner Arbeit verringert. Dinge hätten begonnen, sich natürlich zu fügen, Kontakte seien geknüpft worden und neue Möglichkeiten seien entstanden. Er sagt:
„Früher war es, als würde man stromaufwärts rudern. Jetzt ist es, als würde ich in einem Boot mit Segeln sitzen und nur steuern. Es fühlt sich an, als würde ich mich mit der Strömung bewegen.“
In seinen neuen Kursen wendet sich Per Lundin in erster Linie an Privatpersonen statt an Unternehmen.

Drei zwischenmenschliche Ängste

Laut Lundin gebe es drei grundlegende Ängste, die unser Verhalten im Umgang mit anderen Menschen beeinflussen. Seine Argumentation basiere auf den Theorien des amerikanischen Psychologen Will Schutz über zwischenmenschliche Bedürfnisse.
Es gehe um die Angst, ignoriert, entlarvt oder abgewiesen zu werden – nicht bedeutungsvoll zu sein, nicht auszureichen oder nicht gemocht zu werden. Diese Antriebe würden oft im Stillen wirken, aber in hohem Maße steuern, wie wir uns anpassen, reagieren und unsere Leben formen.
Per Lundin erzählt davon, wie der Mensch langsam aber sicher Konzepte und Abwehrmechanismen aufbaut; Verhaltensweisen, die sowohl konstruktiv als auch hemmend sein können.
„Unser Verhalten wird von unserer inneren Geschichte gesteuert. Wenn es mir sehr wichtig ist, rücksichtsvoll zu sein, werde ich in die Defensive gehen, sobald jemand das infrage stellt. Denn wenn ich nicht rücksichtsvoll bin, wer bin ich dann?“

Mehr Freiheit durch Bewusstheit

Er nennt sie Anhaftungen; jene Aspekte in uns, die wir für unsere Identität als wichtig erachten. Sie müssen nicht zwangsläufig negativ interpretiert werden, doch wenn wir uns ihrer bewusst sind, widerstehen wir dem Instinkt, in die Defensive zu gehen. Dieses Bewusstsein schenkt uns mehr Freiheit bei der Wahl dessen, wer wir sein wollen.
Hier kommt auch der soziale Aspekt ins Spiel. Die Angst, infrage gestellt zu werden, kann Hindernisse im sozialen Zusammenspiel schaffen. Wenn das Infragestellen zudem mit einem Infragestellen der gesamten eigenen Identität verknüpft ist, kann es schwierig sein, entspannt und offen zu sein. Man tastet ab und folgt, anstatt sich selbst treu zu sein.
Per Lundin spricht darüber, wie er dies durch verschiedene Übungen bewusst machen möchte. Wir alle tragen eine innere Geschichte in uns und suchen oft unbewusst nach Bestätigung dafür, dass diese Geschichte wahr ist. Er sagt:
„Wir suchen Bestätigung für die Konzepte, die wir innerlich von uns erschaffen. Sehe ich mich selbst als unattraktiv, werde ich die Blicke anderer negativ interpretieren. Sehe ich mich stattdessen als attraktiv, werden die Blicke anderer dies bestätigen. Auch wenn die anderen gar nichts mit mir zu tun haben.“
Sich selbst kennenzulernen, hat viel damit zu tun, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten, anstatt instinktiv zu reagieren. Aber man kann sich auch täuschen, wenn man glaubt, dass sich alles nur um innere Konzepte oder äußere Erwartungen dreht.

Introvertiert oder extrovertiert

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sind zu einem großen Teil angeboren. Per Lundin greift insbesondere die Begriffe Introvertiertheit und Extrovertiertheit auf, die ihren Ursprung in den Theorien von Carl Gustav Jung haben.
Demnach neigt das extrovertierte Individuum dazu, Energie in sozialen Kontexten und durch äußere Reize zu gewinnen, während das introvertierte Individuum in höherem Maße durch Stille und Zeit für sich selbst Kraft schöpft. Es geht also auch darum, seine angeborenen Charakterzüge zu verstehen – Dinge, die wir nicht ändern können.
Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung. Foto: Anton Anderberg

Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung.

Foto: Anton Anderberg

Einen Kurs zu belegen, ist jedoch nicht der einzige Weg. Per Lundin erzählt von einem Treffen mit einem Handwerker, der sich nie für Persönlichkeitsentwicklung oder Selbsterkenntnis interessierte. Dennoch ist diese Person einer der genuinsten und echtesten Menschen, die er je getroffen habe.
„Du musst keinen Kurs besuchen, um dich selbst zu verstehen. Du kannst dein ganzes Leben ohne Kurse leben und trotzdem zu denselben Dingen kommen. Es gibt Menschen, die nie ein Buch darüber gelesen und nie eine Ausbildung absolviert haben, und dennoch haben sie eine tiefe Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, was du tust, sondern darum, wie aufmerksam du dir selbst gegenüber bist, in dem, was du tust.“

Ein Zeichen für Veränderung

Wenn im Inneren etwas unstimmig ist, kann es ein Zeichen und an der Zeit sein, sich selbst zu erforschen. Es kann sich bemerkbar machen, indem man spürt, dass man nicht in Übereinstimmung mit seinen Werten lebt oder das Gefühl hat, am falschen Platz zu sein. Diese Reibung ist nicht immer deutlich. Es kann sich als ein vages Gefühl der Unzufriedenheit zeigen, als Rastlosigkeit oder mit dem wiederkehrenden Gedanken, dass etwas fehlt.

Per Lundin meint dazu:

„Du musst nichts tun. Du musst nicht einmal deinem Herzen folgen. Aber spürst du eine Sehnsucht, eine Neugier, die an dir zieht, dann finde ich, dass du sie ernst nehmen solltest. Ich glaube sogar, dass man krank werden kann, wenn man das ignoriert.“
Der Artikel erschien im Original bei epochtimes.se mit dem Titel „Han vände krisen till en nystart“. (redaktionelle Bearbeitung: sm)