Die meisten von uns möchten doch „weise“ sein, oder? Oder zumindest wollen wir anderen als weise angesehen werden.
Weise zu wirken, verschafft einem zweifellos Ansehen. Doch woher kommt Weisheit? Das Alte Testament hat hier eine eindrucksvolle Antwort parat: „Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn.“ Das heißt, Weisheit beginnt nicht mit Intelligenz, Bildung oder Erfahrung, sondern mit Demut: mit der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit größer ist als wir selbst. Mit anderen Worten: Weisheit erwächst aus einer bestimmten Haltung zur Wirklichkeit und nicht aus der bloßen Anhäufung von Wissen.
Einer der vielleicht merkwürdigsten Widersprüche zu dieser Vorstellung zeigte sich in der Reaktion des englischen Philosophen Herbert Spencer (1820–1903) auf eine Anmerkung der Schriftstellerin George Eliot (1819–1880). Spencer, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, galt als eines der größten Genies des 19. Jahrhunderts. In A. N. Wilsons Buch „God’s Funeral“ (1999) erfahren wir: „Als George Eliot Spencer ein Kompliment für seine faltenfreie Stirn machte, antwortete er, dass ihn noch nie wirklich etwas verblüfft habe.“
Gutes kommt in kleinen Paketen
Eine besonders seltsame Eigenschaft der Weisheit ist, dass sie oft in sehr kleinen Portionen zu uns kommt. Ein Satz, ein Sprichwort, ein Fragment, eine Zeile aus der Kindheit, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, eine Maxime aus dem alten Orient: Diese können sich jahrzehntelang im Gedächtnis festsetzen. Tatsächlich können sie ganze Bücher, Vortragsserien und Denksysteme überdauern.
Wir leben im Informationszeitalter. Doch Information ist nicht gleichbedeutend mit Weisheit. Information sammelt sich an; Weisheit verdichtet sich. Information vermittelt uns immer mehr Wissen über die Welt; Weisheit zeigt uns, wie wir in ihr leben sollen. Information gibt es im Überfluss; Weisheit ist rar. Vielleicht hat die Antike deshalb so oft den Aphorismus, die Maxime, das Sprichwort und den einprägsamen Ausspruch bevorzugt. Sie wusste, dass eine Wahrheit, die es wert ist, bewahrt zu werden, leicht zu vermitteln sein muss.
Man denke an die berühmte Zeile aus dem „Tao Te King“: „Wer andre kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.“ Der Spruch ist kurz, hat aber eine überraschend tiefe Bedeutung. Er unterscheidet Klugheit von Selbsterkenntnis. Andere zu kennen, mag uns erfolgreich machen. Uns selbst zu kennen, beginnt uns ganz zu machen. Diese Erkenntnis ist nicht nur chinesisch oder östlich; sie steht in starkem Einklang mit dem griechischen Gebot von Delphi: „Erkenne dich selbst.“ Sie nimmt auch viele Aspekte der modernen Psychologie vorweg, in der Selbsttäuschung oft das erste Hindernis auf dem Weg zur Heilung ist.
Laozi bei der Verkündung des „Tao Te King“, 16. Jahrhundert, von einem Künstler der Ming-Dynastie. Handrolle, Tusche auf Papier. Freer Gallery of Art, Washington.
Das Buch der Sprüche erfüllt in der biblischen Tradition eine ähnliche Funktion. Es greift moralische Erfahrungen auf und fasst sie in einprägsamer Form zusammen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“, heißt es dort. Das ist keine Schwäche, sondern Selbstbeherrschung. Auf Zorn mit Zorn zu reagieren, ist leicht. Zorn mit innerer Ruhe und Disziplin zu begegnen, ist Weisheit. Das Sprichwort setzt etwas sehr Anspruchsvolles voraus: dass unsere unmittelbare emotionale Reaktion nicht immer unsere wahrhaftigste Antwort ist. Wer seinen Zorn besänftigen kann, hat es geschafft, etwas Aufgewühltes in sich selbst zu bezwingen.
Und dann ist da noch die bekannte Warnung: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Auch dieser Satz ist uns beinahe schon allzu vertraut geworden. Und doch bringt er eine der tiefsten Wahrheiten über den Menschen zum Ausdruck. Hochmut macht uns nicht nur unangenehm, er macht uns blind. Wer hochmütig ist, kann keine Kritik annehmen, nichts dazulernen, keine Reue zeigen und sein Gegenüber nicht wirklich sehen. Hochmut ist daher nicht nur ein moralischer, sondern auch ein intellektueller Fehltritt: Er verzerrt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Die vielleicht eindringlichste Darstellung dieser Blindheit, die je außerhalb religiöser Schriften verfasst wurde, findet sich in Dantes „Göttlicher Komödie“. Die Seelen in der Hölle sind genau in diesem Sinne blind. Sie können denken, argumentieren und sich erinnern, aber sie vermögen die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Tatsächlich gehört das Verb „sehen“ – abgesehen von den unverzichtbaren Verben „sein“ und „haben“ – zu den am häufigsten wiederkehrenden Verben des gesamten Gedichts. Dantes ganze Reise ist ein Prozess, in dem er lernt, richtig zu sehen; die Tragik der Hölle hingegen besteht darin, dass ihre Bewohner dazu nicht mehr in der Lage sind.
Dante mit seiner „Göttlichen Komödie“ in der Hand, neben dem Eingang zur Hölle, den sieben Terrassen des Fegefeuers und der Stadt Florenz, darüber die Himmelssphären, 1465, in einem Fresko von Domenico di Michelino. Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz.
Foto: gemeinfrei
Die großen Fragen
Auch Jesus spricht häufig in Wendungen, die längst Teil des moralischen Wortschatzes unserer Zivilisation geworden sind. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das ist ein geradezu entwaffnend einfacher Prüfstein. In einer Welt der äußeren Erscheinungen, Behauptungen, Rhetorik und Selbstdarstellung führt uns dieser Satz zurück zu den Folgen. Was bringt ein Leben hervor? Was entsteht aus dieser Lehre, dieser Führungspersönlichkeit, dieser Bewegung, dieser Handlung? Gute Absichten allein genügen nicht. Eindrucksvolle Worte ebenso wenig. Am Ertrag erkennen wir den Baum.
Oder noch einmal: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es ist einer der berühmtesten Sätze der Welt und zugleich einer der am häufigsten missverstandenen. Er bedeutet nicht, dass Wahrheit immer angenehm ist oder uns sofort Trost spendet. Nicht selten verletzt uns die Wahrheit zunächst. Sie entlarvt Illusionen, Bindungen, falsche Selbstbilder und bequeme Lügen. Doch gerade dadurch befreit sie uns. Unwahrheit mag trösten, aber sie hält gefangen. Die Wahrheit mag uns beunruhigen, aber sie befreit uns.
Am eindringlichsten ist vielleicht die Frage: „Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Hier nimmt Weisheit nicht die Form einer Aussage an, sondern die einer Frage. Einer Frage, die sich niemals abschließend beantworten lässt. Sie zwingt uns zu überlegen, was wir bereit sind, für Erfolg, Anerkennung, Reichtum, Einfluss, Bequemlichkeit oder auch nur das eigene Überleben preiszugeben. Dahinter steht die Annahme, dass es im Menschen etwas gibt, das kostbarer ist als jeder weltliche Gewinn. Man kann dieses Etwas Seele nennen, Gewissen, Integrität, Personsein oder Ebenbild Gottes.
Wie auch immer wir es nennen mögen, die Warnung ist eindeutig: Verkaufe nicht das Tiefste in dir für etwas, das weniger wert ist als du selbst. Der Schriftsteller Patrick Harpur hat es so ausgedrückt: „Auch wenn wir nicht ausdrücklich religiös sind, können wir wohl alle die Vorstellung nachempfinden, dass es einen Teil in uns gibt, der um keinen Preis verkauft, verraten oder verloren werden darf.“
Weisheit in Worten
Diese Aphorismen überdauern, weil sie mehrere Dinge zugleich leisten: Erstens sind sie einprägsam. Ihre sprachliche Form ist entscheidend. Eine unbeholfen formulierte Wahrheit gerät leicht in Vergessenheit; ein gut formulierter Ausspruch bleibt bestehen. Zweitens lassen sie sich weitergeben: von Eltern an Kinder, von Lehrenden an Lernende, von Älteren an die Gemeinschaft. Drittens sind sie auslegbar und entfalten mit der Zeit immer neue Bedeutung. Ein Sprichwort mag kurz sein, aber es ist nicht oberflächlich. Man kann in verschiedenen Lebensphasen zu ihm zurückkehren und darin mehr entdecken, als man zunächst dachte.
Das ist einer der Gründe, warum sich die Weisheit der Antike so deutlich von vielem unterscheidet, was heute als Lebensrat gilt. Moderne Ratschläge sind häufig therapeutisch, strategisch oder technisch ausgerichtet. Sie erklären uns, wie wir uns optimieren, mit Belastungen umgehen, Einfluss gewinnen, Netzwerke knüpfen, Erfolg haben oder uns besser fühlen können. Die klassische Weisheit blendet solche Fragen nicht aus, doch sie richtet den Blick meist auf Grundsätzlicheres: Was ist ein gutes Leben? Was ist die Seele? Was ist Tugend? Was ist Gerechtigkeit? Was schulden wir Gott, unseren Mitmenschen, unserer Familie, der Gemeinschaft und der Wahrheit
Aphoristische Weisheit ist daher weit mehr als eine Sammlung kluger Zitate. In ihrer besten Form ist sie quasi eine Schule der Wahrnehmung. Sie lehrt uns, die moralische Ordnung der Wirklichkeit zu erkennen. Sie mahnt uns: Hüte dich vor Hochmut, übe Sanftmut, strebe nach Selbsterkenntnis, verwechsle Reichtum nicht mit Wert, prüfe die Früchte und vergiss die Seele nicht.
Natürlich haben Aphorismen auch ihre Grenzen. Gerade weil sie so knapp sind, können sie leicht falsch verwendet werden. Ein Sprichwort kann zum Klischee verkommen, ein Ausspruch zitiert werden, ohne wirklich verstanden zu werden. Schlimmer noch: Weisheitssprüche können zu Waffen werden – eingesetzt, um andere zum Schweigen zu bringen, statt etwas zu erhellen. „Eine linde Antwort stillt den Zorn“ darf nicht dazu dienen, Feigheit angesichts des Bösen zu rechtfertigen. „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ sollte nicht zur bloßen Motivationsfloskel verkommen. Und „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ darf nicht als Vorwand für vorschnelle Urteile dienen, noch bevor sich überhaupt irgendwelche Früchte zeigen konnten.
Trotzdem bleibt der Aphorismus eines der großen Medien der Zivilisation. Eine Gesellschaft, die ihre Sprichwörter und Sinnsprüche verliert, verliert auch einen Teil ihres Gedächtnisses. Sie wird wortreicher, aber nicht zwangsläufig weiser. Sie mag unablässig reden und doch nichts sagen, was es wert wäre, wiederholt zu werden. Gerade in unserem zerstreuten Zeitalter brauchen wir solche Sätze vielleicht mehr denn je. Nicht als Parolen und nicht als dekorative Zitate in den sozialen Medien, sondern als Anstöße zum Nachdenken. Im richtigen Augenblick gesprochen, kann der richtige Satz Torheit Einhalt gebieten, Trost in der Trauer spenden, das Gewissen wachrütteln und uns zu uns selbst zurückführen.
Weisheit muss also nicht zwangsläufig in Form eines Systems auftreten. Manchmal kommt sie in Form eines einzigen Satzes. Wenn dieser wahr genug ist, verbringen wir vielleicht den Rest unseres Lebens damit, in ihn hineinzuwachsen.
In unserem nächsten Artikel dieser Reihe werden wir uns mit einer noch kraftvolleren Form verdichteter Weisheit befassen: der Parabel. Wir werden sehen, wie Geschichten noch tiefer in den Kern der Dinge vordringen und eine anregende, tiefgründige und unerschöpfliche Weisheit vermitteln.
Was passiert, wenn einem das Leben dazwischenkommt? Für Per Lundin war es der Beginn einer Reise zurück zu dem, was wirklich zählt. - Foto: Anton Anderberg
Per Lundins Weg zur Arbeit mit der Persönlichkeitsentwicklung begann beim Militär. Dort absolvierte er eine einwöchige, obligatorische Ausbildung mit Fokus auf Gruppendynamik, Führung und Selbsterkenntnis. Das Ziel war, sich seiner eigenen Verhaltensweisen bewusster zu werden. Es ging darum, zu erkennen, wie man unter Druck reagiert und wie das eigene Handeln andere beeinflusst.
Die Ausbildung handelte jedoch nicht nur von praktischer Führung. Sie öffnete ihm auch einen Zugang zu einem tieferen Verständnis für die Vielfältigkeit der Menschen. Er verstand besser, wie Menschen die Welt unterschiedlich interpretieren und zu völlig verschiedenen Auffassungen gelangen können – selbst in grundlegenden Fragen.
„Das ist entscheidend dafür, dass wir einander verstehen können. Kriege werden geführt, weil Menschen unterschiedlich denken und nicht die Fähigkeit haben, zu verstehen, warum [das so ist]“, sagt Per Lundin.
Per Lundin verändert sein Leben
Wir treffen uns vor Lundins Zuhause. Es ist ein ausgebautes rotes Ferienhaus auf einem abschüssigen Grundstück mit hohen Eichen. Auf dem angrenzenden Grundstück steht ein neu gebautes grünes Haus, Wand an Wand.
Es ist nicht lange her, da hatten Lundin und seine Frau noch die Wände zwischen dem Ferienhäuschen und dem Neubau herausgerissen. Doch dazu später mehr. In seinem roten Ferienhaus im Bohème-Stil erzählt Per Lundin aus seinem Leben …
Nach seiner Militärzeit arbeitete Per Lundin in Unternehmen, die sich auf Persönlichkeitsentwicklung und Führungskräftetraining spezialisiert hatten. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Firmenkunden, denen er Kurse und Weiterbildungen anbot. Die Kurse waren damals wie heute erlebnisbasiert, und er war ein gefragter Dozent.
Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, in dem er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt.
Foto: Anton Anderberg
Aber irgendetwas passte nicht. Er hatte nicht das Gefühl, wirklich mit dem verbunden zu sein, worüber er sprach. Nach zwölf Jahren im Beruf schrieb er eine Abschiedsrede und hörte auf. Zusammen mit seiner Frau, die Gartengestalterin ist, begann er, im Landschaftsbau zu arbeiten.
In seiner Abschiedsrede ging Per Lundin auf einige grundlegende Dinge ein, die für ihn auch heute noch aktuell sind. Er sprach über die Idee, dass wir selbst – wenn auch unbewusst – die Vorlage dafür schaffen, wie wir uns glücklich fühlen sollen.
Die Gesellschaft, die Medien, Freunde und soziale Medien schaffen einen Maßstab dafür, was als ein gutes Leben angesehen wird. Dies sei dann das, was wir erreichen müssten, um uns mit uns selbst im Reinen zu fühlen. Die Liste der Ideale wird ständig erweitert. Den Pool, der sich jetzt unentbehrlich anfühlt, kannten wir vor 15 Jahren nicht einmal, geschweige denn, dass wir ihn gebraucht haben.
Wenn wir unsere Ziele erreichen, stellt sich auch nicht unbedingt ein Gefühl von langanhaltendem Glück ein. Denn der Maßstab ist veränderlich, weil wir ständig nach mehr streben. Diese äußeren Ideale schaffen auch eine Angst, nicht dazuzugehören. Lundin meint:
„Die vielleicht größte Angst, die wir in uns tragen, ist nicht das Scheitern, sondern nicht dazuzugehören. Als falsch, anders oder unzulänglich in den Augen anderer entlarvt zu werden. Diese Angst steuert uns oft mehr, als wir selbst verstehen. Wir passen uns an, spielen bestimmte Seiten herunter, verstärken andere und wählen Wege, die sich eher sicher als wahr anfühlen. Schließlich kann man ein ganzes Leben führen, das nach außen hin funktioniert – aber bei dem im Inneren etwas nicht stimmt.“
Das Schicksal hatte andere Pläne
Es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis Per Lundin Ende 2025 wieder anfing, in der Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Wahrscheinlich war der entscheidende Grund dafür sein grüner Neubau.
Das Haus wurde von seiner Frau Cajsa entworfen und von ihm selbst gebaut. Sie hatten den Plan, von Stockholm wegzuziehen. Sie wollten auf die schwedische Ostseeinsel Öland, dorthin, wo sie ihr Haus gebaut hatten. Doch das Schicksal wollte es anders.
Während der Bauzeit des Hauses stiegen die Zinsen auf das Vierfache an und die Auftragslage im Garten- und Landschaftsbau brach ein. Die Eheleute standen mit einem neugebauten Haus und hohen Zinsen da – und sie hatten nur geringe Einkommensmöglichkeiten. So entschieden sie sich, das neue Haus zu verkaufen und in die ältere Kate daneben einzuziehen. Dort fehlte allerdings der Abwasseranschluss, da dieser auf dem anderen Grundstück war.
„Wir gingen von dem Punkt, an dem wir unser Traumhaus gebaut hatten, dazu über, es zu verkaufen und in eine kleine Kate von 32 Quadratmetern zu ziehen. Wir konnten uns Geld für einen Anbau leihen und haben jetzt eine Toilette im Haus. Diese krisengetriebene Reise hat mich stärker in meinen Idealen verankert. Sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und mit dir sprechen. Das ist auch der Grund, warum ich wieder im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung arbeite“, so Per Lundin.
Einen Teil der Veränderung beschreibt Per Lundin als eher existentiell. Nach der Wirtschaftskrise und der Zeit ohne Aufträge erlebte er eine deutliche Verschiebung seines Lebensgefühls: Er müsse nicht auf die gleiche Weise wie früher kämpfen.
Das innere Erleben, am richtigen Platz im Leben zu sein, habe die mentalen und emotionalen Hürden in seiner Arbeit verringert. Dinge hätten begonnen, sich natürlich zu fügen, Kontakte seien geknüpft worden und neue Möglichkeiten seien entstanden. Er sagt:
„Früher war es, als würde man stromaufwärts rudern. Jetzt ist es, als würde ich in einem Boot mit Segeln sitzen und nur steuern. Es fühlt sich an, als würde ich mich mit der Strömung bewegen.“
In seinen neuen Kursen wendet sich Per Lundin in erster Linie an Privatpersonen statt an Unternehmen.
Drei zwischenmenschliche Ängste
Laut Lundin gebe es drei grundlegende Ängste, die unser Verhalten im Umgang mit anderen Menschen beeinflussen. Seine Argumentation basiere auf den Theorien des amerikanischen Psychologen Will Schutz über zwischenmenschliche Bedürfnisse.
Es gehe um die Angst, ignoriert, entlarvt oder abgewiesen zu werden – nicht bedeutungsvoll zu sein, nicht auszureichen oder nicht gemocht zu werden. Diese Antriebe würden oft im Stillen wirken, aber in hohem Maße steuern, wie wir uns anpassen, reagieren und unsere Leben formen.
Per Lundin erzählt davon, wie der Mensch langsam aber sicher Konzepte und Abwehrmechanismen aufbaut; Verhaltensweisen, die sowohl konstruktiv als auch hemmend sein können.
„Unser Verhalten wird von unserer inneren Geschichte gesteuert. Wenn es mir sehr wichtig ist, rücksichtsvoll zu sein, werde ich in die Defensive gehen, sobald jemand das infrage stellt. Denn wenn ich nicht rücksichtsvoll bin, wer bin ich dann?“
Er nennt sie Anhaftungen: jene Aspekte in uns, die wir für unsere Identität als wichtig erachten. Sie müssen nicht zwangsläufig negativ interpretiert werden, doch wenn wir uns ihrer bewusst sind, widerstehen wir dem Instinkt, in die Defensive zu gehen. Dieses Bewusstsein schenkt uns mehr Freiheit bei der Wahl dessen, wer wir sein wollen.
Hier kommt auch der soziale Aspekt ins Spiel. Die Angst, infrage gestellt zu werden, kann Hindernisse im sozialen Zusammenspiel schaffen. Wenn das Infragestellen zudem mit einem Infragestellen der gesamten eigenen Identität verknüpft ist, kann es schwierig sein, entspannt und offen zu sein. Man tastet ab und folgt, anstatt sich selbst treu zu sein.
Per Lundin spricht darüber, wie er dies durch verschiedene Übungen bewusst machen möchte. Wir alle tragen eine innere Geschichte in uns und suchen oft unbewusst nach Bestätigung dafür, dass diese Geschichte wahr ist. Er sagt:
„Wir suchen Bestätigung für die Konzepte, die wir innerlich von uns erschaffen. Sehe ich mich selbst als unattraktiv, werde ich die Blicke anderer negativ interpretieren. Sehe ich mich stattdessen als attraktiv, werden die Blicke anderer dies bestätigen. Auch wenn die anderen gar nichts mit mir zu tun haben.“
Sich selbst kennenzulernen, hat viel damit zu tun, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten, anstatt instinktiv zu reagieren. Aber man kann sich auch täuschen, wenn man glaubt, dass sich alles nur um innere Konzepte oder äußere Erwartungen dreht.
Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sind zu einem großen Teil angeboren. Per Lundin greift insbesondere die Begriffe „Introvertiertheit“ und „Extrovertiertheit“ auf, die ihren Ursprung in den Theorien von Carl Gustav Jung haben.
Demnach neigt das extrovertierte Individuum dazu, Energie in sozialen Kontexten und durch äußere Reize zu gewinnen, während das introvertierte Individuum in höherem Maße durch Stille und Zeit für sich selbst Kraft schöpft. Es geht also auch darum, seine angeborenen Charakterzüge zu verstehen – Dinge, die wir nicht ändern können.
Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung.
Foto: Anton Anderberg
Einen Kurs zu belegen, ist jedoch nicht der einzige Weg. Per Lundin erzählt von einem Treffen mit einem Handwerker, der sich nie für Persönlichkeitsentwicklung oder Selbsterkenntnis interessierte. Dennoch ist diese Person einer der genuinsten und echtesten Menschen, die er je getroffen habe.
„Du musst keinen Kurs besuchen, um dich selbst zu verstehen. Du kannst dein ganzes Leben ohne Kurse leben und trotzdem zu denselben Dingen kommen. Es gibt Menschen, die nie ein Buch darüber gelesen und nie eine Ausbildung absolviert haben, und dennoch haben sie eine tiefe Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, was du tust, sondern darum, wie aufmerksam du dir selbst gegenüber bist, in dem, was du tust.“
Ein Zeichen für Veränderung
Wenn im Inneren etwas unstimmig ist, kann es ein Zeichen und an der Zeit sein, sich selbst zu erforschen. Es kann sich bemerkbar machen, indem man spürt, dass man nicht in Übereinstimmung mit seinen Werten lebt, oder indem man das Gefühl hat, am falschen Platz zu sein. Diese Reibung ist nicht immer deutlich. Es kann sich als ein vages Gefühl der Unzufriedenheit zeigen, als Rastlosigkeit oder mit dem wiederkehrenden Gedanken, dass etwas fehlt.
Per Lundin meint dazu:
„Du musst nichts tun. Du musst nicht einmal deinem Herzen folgen. Aber spürst du eine Sehnsucht, eine Neugier, die an dir zieht, dann finde ich, dass du sie ernst nehmen solltest. Ich glaube sogar, dass man krank werden kann, wenn man das ignoriert.“
„Das ist entscheidend dafür, dass wir einander verstehen können. Kriege werden geführt, weil Menschen unterschiedlich denken und nicht die Fähigkeit haben zu verstehen, warum [das so ist]“, sagt Per Lundin.
Per Lundin verändert sein Leben
Wir treffen uns vor Lundins Zuhause. Es ist ein ausgebautes rotes Ferienhaus auf einem abschüssigen Grundstück mit hohen Eichen. Auf dem angrenzenden Grundstück steht ein neu gebautes grünes Haus, Wand an Wand.
Es ist nicht lange her, da hatten Lundin und seine Frau noch die Wände zwischen dem Ferienhäuschen und dem Neubau herausgerissen. Doch dazu später mehr. Sobald ich das rote Ferienhaus betrete, beeindruckt mich der Bohème-Stil – und bald schon erzählt Per Lundin aus seinem Leben …
Nach seiner Militärzeit arbeitete Per Lundin in Unternehmen, die sich auf Persönlichkeitsentwicklung und Führungskräftetraining spezialisiert hatten. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Firmenkunden, denen er Kurse und Weiterbildungen anbot. Die Kurse waren damals wie heute erlebnisbasiert, und er war ein gefragter Dozent.
Per Lundin leitet das Unternehmen Potential, in dem er Teilnehmer zu mehr Selbstbewusstsein führt.
Foto: Anton Anderberg
Aber irgendetwas passte nicht. Er hatte nicht das Gefühl, wirklich mit dem verbunden zu sein, worüber er sprach. Nach zwölf Jahren im Beruf schrieb er eine Abschiedsrede und hörte auf. Zusammen mit seiner Frau, die Gartengestalterin ist, begann er im Landschaftsbau zu arbeiten.
In seiner Abschiedsrede ging Per Lundin auf einige grundlegende Dinge ein, die für ihn auch heute noch aktuell sind. Er sprach über die Idee, dass wir selbst – wenn auch unbewusst – die Vorlage dafür schaffen, wie wir uns glücklich fühlen sollen.
Die Gesellschaft, die Medien, Freunde und soziale Medien schaffen einen Maßstab dafür, was als ein gutes Leben angesehen wird. Dies sei dann das, was wir erreichen müssten, um uns mit uns selbst im Reinen zu fühlen. Die Liste der Ideale wird ständig erweitert. Den Pool, der sich jetzt unentbehrlich anfühlt, kannten wir vor 15 Jahren nicht einmal, geschweige denn, dass wir ihn gebraucht haben.
Wenn wir unsere Ziele erreichen, stellt sich auch nicht unbedingt ein Gefühl von langanhaltendem Glück ein. Denn der Maßstab ist veränderlich, weil wir ständig nach mehr streben. Diese äußeren Ideale schaffen auch eine Angst, nicht dazuzugehören. Lundin meint:
„Die vielleicht größte Angst, die wir in uns tragen, ist nicht das Scheitern, sondern nicht dazuzugehören. Als falsch, anders oder unzulänglich in den Augen anderer entlarvt zu werden. Diese Angst steuert uns oft mehr, als wir selbst verstehen. Wir passen uns an, spielen bestimmte Seiten herunter, verstärken andere und wählen Wege, die sich eher sicher als wahr anfühlen. Schließlich kann man ein ganzes Leben führen, das nach außen hin funktioniert – aber bei dem im Inneren etwas nicht stimmt.“
Das Schicksal hatte andere Pläne
Es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis Per Lundin Ende 2025 wieder anfing, in der Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Wahrscheinlich war der entscheidende Grund dafür sein grüner Neubau.
Das Haus wurde von seiner Frau Cajsa entworfen und von ihm selbst gebaut. Sie hatten den Plan, von Stockholm wegzuziehen. Sie wollten auf die schwedische Ostseeinsel Öland, dorthin, wo sie ihr Haus gebaut hatten. Doch das Schicksal wollte es anders.
Während der Bauzeit des Hauses stiegen die Zinsen auf das Vierfache an und die Auftragslage im Garten- und Landschaftsbau brach ein. Die Eheleute standen mit einem neugebauten Haus und hohen Zinsen da – und sie hatten nur geringe Einkommensmöglichkeiten. So entschieden sie sich, das neue Haus zu verkaufen und in die ältere Kate daneben einzuziehen. Dort fehlte allerdings der Abwasseranschluss, da dieser auf dem anderen Grundstück war.
„Wir gingen von dem Punkt, an dem wir unser Traumhaus gebaut hatten, dazu über, es zu verkaufen und in eine kleine Kate von 32 Quadratmetern zu ziehen. Wir konnten uns Geld für einen Anbau leihen und haben jetzt eine Toilette im Haus. Diese krisengetriebene Reise hat mich stärker in meinen Idealen verankert. Sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und mit dir sprechen. Das ist auch der Grund, warum ich wieder im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung arbeite“, so Per Lundin.
Einen Teil der Veränderung beschreibt Per Lundin als eher existentiell. Nach der Wirtschaftskrise und der Zeit ohne Aufträge erlebte er eine deutliche Verschiebung seines Lebensgefühls: Er müsse nicht auf die gleiche Weise wie früher kämpfen.
Das innere Erleben, am richtigen Platz im Leben zu sein, habe die mentalen und emotionalen Hürden in seiner Arbeit verringert. Dinge hätten begonnen, sich natürlich zu fügen, Kontakte seien geknüpft worden und neue Möglichkeiten seien entstanden. Er sagt:
„Früher war es, als würde man stromaufwärts rudern. Jetzt ist es, als würde ich in einem Boot mit Segeln sitzen und nur steuern. Es fühlt sich an, als würde ich mich mit der Strömung bewegen.“
In seinen neuen Kursen wendet sich Per Lundin in erster Linie an Privatpersonen statt an Unternehmen.
Drei zwischenmenschliche Ängste
Laut Lundin gebe es drei grundlegende Ängste, die unser Verhalten im Umgang mit anderen Menschen beeinflussen. Seine Argumentation basiere auf den Theorien des amerikanischen Psychologen Will Schutz über zwischenmenschliche Bedürfnisse.
Es gehe um die Angst, ignoriert, entlarvt oder abgewiesen zu werden – nicht bedeutungsvoll zu sein, nicht auszureichen oder nicht gemocht zu werden. Diese Antriebe würden oft im Stillen wirken, aber in hohem Maße steuern, wie wir uns anpassen, reagieren und unsere Leben formen.
Per Lundin erzählt davon, wie der Mensch langsam aber sicher Konzepte und Abwehrmechanismen aufbaut; Verhaltensweisen, die sowohl konstruktiv als auch hemmend sein können.
„Unser Verhalten wird von unserer inneren Geschichte gesteuert. Wenn es mir sehr wichtig ist, rücksichtsvoll zu sein, werde ich in die Defensive gehen, sobald jemand das infrage stellt. Denn wenn ich nicht rücksichtsvoll bin, wer bin ich dann?“
Er nennt sie Anhaftungen; jene Aspekte in uns, die wir für unsere Identität als wichtig erachten. Sie müssen nicht zwangsläufig negativ interpretiert werden, doch wenn wir uns ihrer bewusst sind, widerstehen wir dem Instinkt, in die Defensive zu gehen. Dieses Bewusstsein schenkt uns mehr Freiheit bei der Wahl dessen, wer wir sein wollen.
Hier kommt auch der soziale Aspekt ins Spiel. Die Angst, infrage gestellt zu werden, kann Hindernisse im sozialen Zusammenspiel schaffen. Wenn das Infragestellen zudem mit einem Infragestellen der gesamten eigenen Identität verknüpft ist, kann es schwierig sein, entspannt und offen zu sein. Man tastet ab und folgt, anstatt sich selbst treu zu sein.
Per Lundin spricht darüber, wie er dies durch verschiedene Übungen bewusst machen möchte. Wir alle tragen eine innere Geschichte in uns und suchen oft unbewusst nach Bestätigung dafür, dass diese Geschichte wahr ist. Er sagt:
„Wir suchen Bestätigung für die Konzepte, die wir innerlich von uns erschaffen. Sehe ich mich selbst als unattraktiv, werde ich die Blicke anderer negativ interpretieren. Sehe ich mich stattdessen als attraktiv, werden die Blicke anderer dies bestätigen. Auch wenn die anderen gar nichts mit mir zu tun haben.“
Sich selbst kennenzulernen, hat viel damit zu tun, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten, anstatt instinktiv zu reagieren. Aber man kann sich auch täuschen, wenn man glaubt, dass sich alles nur um innere Konzepte oder äußere Erwartungen dreht.
Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sind zu einem großen Teil angeboren. Per Lundin greift insbesondere die Begriffe Introvertiertheit und Extrovertiertheit auf, die ihren Ursprung in den Theorien von Carl Gustav Jung haben.
Demnach neigt das extrovertierte Individuum dazu, Energie in sozialen Kontexten und durch äußere Reize zu gewinnen, während das introvertierte Individuum in höherem Maße durch Stille und Zeit für sich selbst Kraft schöpft. Es geht also auch darum, seine angeborenen Charakterzüge zu verstehen – Dinge, die wir nicht ändern können.
Nach einer Krise wandte sich Per Lundin wieder seinem Interesse an Selbsterkenntnis zu. Nun mit einer tieferen Verankerung in sich selbst und einer stärkeren Überzeugung von deren Bedeutung.
Foto: Anton Anderberg
Einen Kurs zu belegen, ist jedoch nicht der einzige Weg. Per Lundin erzählt von einem Treffen mit einem Handwerker, der sich nie für Persönlichkeitsentwicklung oder Selbsterkenntnis interessierte. Dennoch ist diese Person einer der genuinsten und echtesten Menschen, die er je getroffen habe.
„Du musst keinen Kurs besuchen, um dich selbst zu verstehen. Du kannst dein ganzes Leben ohne Kurse leben und trotzdem zu denselben Dingen kommen. Es gibt Menschen, die nie ein Buch darüber gelesen und nie eine Ausbildung absolviert haben, und dennoch haben sie eine tiefe Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, was du tust, sondern darum, wie aufmerksam du dir selbst gegenüber bist, in dem, was du tust.“
Ein Zeichen für Veränderung
Wenn im Inneren etwas unstimmig ist, kann es ein Zeichen und an der Zeit sein, sich selbst zu erforschen. Es kann sich bemerkbar machen, indem man spürt, dass man nicht in Übereinstimmung mit seinen Werten lebt oder das Gefühl hat, am falschen Platz zu sein. Diese Reibung ist nicht immer deutlich. Es kann sich als ein vages Gefühl der Unzufriedenheit zeigen, als Rastlosigkeit oder mit dem wiederkehrenden Gedanken, dass etwas fehlt.
Per Lundin meint dazu:
„Du musst nichts tun. Du musst nicht einmal deinem Herzen folgen. Aber spürst du eine Sehnsucht, eine Neugier, die an dir zieht, dann finde ich, dass du sie ernst nehmen solltest. Ich glaube sogar, dass man krank werden kann, wenn man das ignoriert.“