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Wyschehrad – wo die Geschichte Prags lebendig bleibt

In Kürze:

  • Wyschehrad ist eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert und ein bedeutendes Symbol Prags.
  • Die Kasematten und die Basilika St. Peter und St. Paul zeugen von seiner Geschichte.
  • Außerdem befinden sich dort der Friedhof Slavín und das Grab des Komponisten Antonín Dvořák.

Nur wenige Kilometer vom Trubel der Prager Altstadt entfernt liegt ein geschichtsträchtiger Ort mit dem Namen Wyscherhrad (Vyšehrad). So nennt man die Prager Hochburg, eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert. Sie liegt idyllisch auf einem felsigen Vorsprung oberhalb der Moldau und bietet einen einzigartigen Blick auf Prag.
Man sagt, dass Prag hier gegründet wurde, und hier lebte Ende des 11. Jahrhunderts auch der erste König von Böhmen, Vratislav II. Der Ort wurde schrittweise zu einer militärischen Festung und gilt heute als spirituelles und nationales Symbol.
Schon aus der Ferne sehen wir die beiden hohen, dunklen Türme der Kirche. Das Gelände ist von einer hohen Mauer umgeben. Hier, an einem großen Tor in der Mauer, beginnt eine Reise in die Vergangenheit der Prager Hochburg. Kühle Luft und der Geruch von Erdkellern strömen uns entgegen, als wir durch die Tür treten, die uns der Stadtführer Mikuláš Zima aufhält.
Wir betreten die Kasematten – ein verborgenes System aus Gängen, das entstand, als Wyschehrad auf Beschluss von König Ferdinand III. im 17. Jahrhundert zu einer modernen Barockfestung umgebaut wurde. Wir bewegen uns auf unebenen Lehmböden und folgen den Gängen innerhalb der Mauern und gelangen bis in die Katakomben unter der Basilika. Groß gewachsene Besucher müssen den Kopf einziehen, denn an manchen Stellen beträgt die Deckenhöhe weniger als zwei Meter. Die Wände werden durch eine elektrische Beleuchtung erhellt.

Licht und Wege aus der Besatzungszeit

„Bis zum Zweiten Weltkrieg waren Lüftungsschächte die einzige Lichtquelle. Dann installierten die Deutschen Elektrizität. Die Kabel über uns sind also ihr Werk“, erzählt unser Stadtführer.
Auch die Treppen in den Kasematten werden dem deutschen Militär zugeschrieben, das sie während der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei errichtete.
Als wir ein Stück in den Gang hineingehen, sehen wir etwas Licht von oben hereinfallen, wenn wir hin und wieder an Lüftungsschächten vorbeikommen, deren Öffnungen 12 Meter weiter oben liegen. Zima warnt uns.
„Einige dieser Lüftungsschächte aus dem 17. Jahrhundert sind noch offen, daher ist es möglich, dass jemand, der auf dem Aussichtspunkt über uns vorbeigeht, das runde Gitter sieht und eine Zigarette auf uns herunterfallen lässt. Ich entschuldige mich dafür. Und manchmal sind es nicht nur Zigaretten, sondern auch Vögel, die sich dort niederlassen …“
Die Teilnehmer lachen, achten aber gleichzeitig darauf, nicht zu lange unter einer Öffnung zu stehen.

Im Dunkeln durch die Kasematten

Hier konnte sich das Militär sicher fortbewegen. „Die Soldaten zogen mit Pulver und Waffen in fast vollkommener Dunkelheit durch die Kasematten.“ Zima legt den Schalter um, damit wir sehen, wie finster es wird. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Kurz darauf macht er wieder Licht. Zima erzählt Historisches im Detail und erklärt, wie die Mauer angelegt wurde, um bei Beschuss mit Kanonenkugeln den Schaden zu begrenzen.
Obwohl man in Prag auf militärische Angriffe gefasst war, wurde die Stadt, so erfahren wir, nur ein einziges Mal bombardiert – aus Versehen. Am 14. Februar 1945 nahmen amerikanische Flugzeuge mehrere Stadtteile unter Beschuss.
„Die amerikanischen Piloten glaubten, sie flögen über Dresden, und begannen, Bomben abzuwerfen. Ich weiß nicht, wie ähnlich sich Dresden und Prag sehen, aber so ist es gewesen“, sagt er.
Wir kommen zu einer der Bastionen, in der Ausrüstung, Waffen, Schießpulver, Lebensmittel und Baumaterial gelagert wurden. Hier kann man leicht unter Klaustrophobie leiden – zwischen uns und der Außenwelt liegen 17 Meter.

Gorlice: Aus Versehen ein Saal

Nachdem wir eine Weile durch die Gänge gegangen sind, stehen wir plötzlich in einem Saal mit hoher Decke. Ein warmes, gelbes Licht erhellt den Saal und die Statuen, die dort stehen. Der Ort heißt Gorlice. Entlang der Karlsbrücke im Zentrum von Prag stehen Statuen, die verschiedene Heilige darstellen, doch die Statuen, an denen man heute auf der Brücke vorbeikommt, sind Nachbildungen. Einige der Originale stehen hier in Wyschehrad. Wir erfahren, dass wir uns nur dank eines Fehlers des italienischen Ingenieurs Giovanni de Capauli in diesem Saal befinden können.
„Vielleicht hatte er zu viel getrunken“, sagt Zima und erklärt, dass hier ursprünglich gar kein Raum geplant war.
Die Deutschen wollten ihn für die Waffenproduktion nutzen, doch dazu kam es nie. Von 1953 bis 1992 nutzte das kommunistische Regime der Tschechoslowakei den Saal als Kartoffellager. Die neue Regierung, die 1992 ihr Amt antrat, räumte die Kartoffeln aus und ließ Gorlice stattdessen zu einem Aufbewahrungsort werden, um die sechs Statuen vor Luftverschmutzung und Verwitterung zu schützen.

Alle Originale aus tschechischem Sandstein

„Alle diese Statuen stammen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und sind aus tschechischem Sandstein gefertigt“, sagt er und zeigt auf die Statuen, darunter die Heiligen Augustinus und Adalbert sowie die Heilige Anna und die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und den knienden Heiligen Bernhard von Clairvaux. Laut Zima gibt es Pläne, sie umzusiedeln.
Weil Wasser von der Decke tropft, überlegt man nun, wie sich eine bessere Umgebung für ihre Aufbewahrung finden lässt.
In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir schlendern zwischen den Statuen umher, die in dieser stillen Umgebung einen beeindruckenden Anblick bieten. Hier finden gelegentlich Konzerte und Festivals statt, ebenso wie Hochzeiten.
Die Führung ist zu Ende, und wir gehen eine Treppe hinunter ins Tageslicht.
Ich frage Zima nach seiner Arbeit als Stadtführer. Er möchte, dass die Menschen die tschechische Geschichte kennenlernen und ein Bild vom Leben in Wyschehrad sowie von der Bombardierung Prags erhalten, bei der 700 Menschen starben.
„Ich möchte den Besuchern zeigen, welches Glück sie haben, diese Mauern völlig unversehrt sehen zu können, da weder Kanonenkugeln noch amerikanische Bomben die Mauern getroffen haben. Dies ist einer der großartigsten Abschnitte der tschechischen Geschichte.“

Spaziergang über Wyschehrad

Wir haben uns für eine weitere Führung angemeldet, um Wyschehrad besser kennenzulernen, aber zuerst schlendern wir auf eigene Faust durch die Gegend, um uns umzuschauen. Hier gibt es große Grünflächen, auf denen sich Menschen aufhalten. Es ist später Nachmittag und die Sonne scheint sanft. Wir begegnen Joggern und Familien mit Kinderwagen und hören jemanden, der auf seiner Trompete Jazz spielt. Eine Gruppe sitzt im Gras und spielt Trommel.
Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Von oben auf der Mauer haben wir einen schönen Blick über Prag – rote Dächer und alte Bebauung vermischen sich mit modernen Gebäuden. Die Moldau fließt nach Norden. Dort tummeln sich Ausflugsboote und Segelboote zusammen mit dem einen oder anderen Kajakfahrer.
Wir kommen zum Friedhof Slavín, der die Basilika St. Peter und St. Paul umgibt. Der Friedhof ist eine Attraktion für sich. Hier befinden sich die Gräber mehrerer berühmter Persönlichkeiten. Eines der bekanntesten Gräber gehört dem Komponisten Antonín Dvořák (1841–1904). An seiner Grabstätte liegen frische Blumen, sowohl in Töpfen als auch in Sträußen, die Besucher dort niedergelegt haben.
Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Foto: Eva Sagerfors / EpochTimes

Es ist Zeit, unseren Stadtführer Zima wiederzusehen, um einen weiteren Teil der Kasematten und einige der historischen Gebäude der Prager Hochburg zu besichtigen. Nun erzählt er mehr über den Fehler des Ingenieurs Giovanni de Capauli beim Bau im 17. Jahrhundert.
Er baute die Festung so schlecht, dass die Kasematten im Inneren nirgendwohin führten. Dabei ignorierte er den Plan des Architekten (Carlo Lugaro) und errichtete die Mauer ohne ein funktionsfähiges Tor. Zima zeigt auf das Leopoldstor, das im Barockstil verziert ist. Erst in den 1840er-Jahren konnte das Tor geöffnet werden.
„Es sah genauso aus wie heute, mit dem schönen Habsburger Adler und den tschechischen Löwen, aber ohne Eingang.“

Die „Dunkelheit des 17. Jahrhunderts“

Wir betreten die Kasematten von Sankt Martin. Hier herrscht das ganze Jahr über eine Temperatur von 10 bis 12 Grad. Unser Stadtführer meint, es wäre ein perfekter Weinkeller gewesen.
Man fragt uns, ob wir die Gänge unter denselben Bedingungen durchqueren möchten wie im 17. Jahrhundert. Wir sagen Ja, und Zima löscht das Licht. Zwar erkennen wir die hellen Lichtkreise auf dem Boden entlang des Gangs vor uns, doch wegen der Abstände dazwischen sieht man nicht durchgehend etwas, und das Licht ist ohnehin schwach. Eine aus der Gruppe nimmt das Licht ihres Handys zu Hilfe – sie will nicht stolpern.
„Sich hier nachts fortzubewegen, war unmöglich“, sagt Zima.
Als wir wieder draußen sind, äußert eine der Damen ihre Erleichterung. Doch das Erlebnis war spannend und hat uns bewusster gemacht, wie das Leben hier vor einigen hundert Jahren gewesen sein mag.
Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir stellen fest, wie lebendig Wyschehrad ist. An einigen Stellen gibt es Tennisplätze direkt vor den Mauern, und dort, wo wir die Kasematten verlassen, werden in Pflanzkübeln neben der Mauer Gemüse und Blumen angebaut. Zima erzählt, dass die Menschen, die hier unten wohnen, die Fläche zum Anbau nutzen dürfen.

Die Johannes-der-Täufer-Kirche

Das Letzte, was wir im Rahmen der Führung besichtigen, ist die dem heiligen Johannes dem Täufer geweihte Kirche, die heute nicht mehr genutzt wird. Eine kleine Treppe am Altar führt hinunter zu einer noch laufenden archäologischen Ausgrabung. In der angrenzenden Sakristei zeigt der Stadtführer Holzkopien der Waffen, die von der Infanterie vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurden – Steinschlossgewehre.
Die Originalwaffen waren schwer und schwer zu handhaben. Zima zeigt und erklärt anschaulich, warum es schwierig war, mit der Waffe das Ziel zu treffen.
Ein guter Soldat des 18. Jahrhunderts gab während einer Schlacht ein- oder zweimal einen Schuss ab, und wenn das Ziel mehr als 50 Meter entfernt war, war es fast unmöglich, es zu treffen. Im Nahkampf benutzten sie das Bajonett oder drehten das Gewehr um und setzten den Kolben ein.
Die Führung ist zu Ende und wir bedanken uns für eine interessante Geschichtsstunde und spannende Erlebnisse.

Das Museum im ehemaligen Pulvermagazin

Wir gehen weiter zum ehemaligen Pulvermagazin, das heute ein Museum ist. Eine Ausstellung gibt einen Überblick über die lange Geschichte von Wyschehrad. In der Mitte steht eine Kanone aus dem 18. Jahrhundert, und in Vitrinen sind archäologische Funde ausgestellt. Hier sehen wir alte Pfeilspitzen zusammen mit „nordischen Kochgefäßen“.
Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Zum Schluss betreten wir die Kirche, die noch immer für Zeremonien wie Messen und Hochzeiten genutzt wird. Die Basilika St. Peter und St. Paul, das geistliche Symbol von Wyschehrad, wurde 1070 von Vratislav II. gegründet. Die Kirche hat zwei hohe Türme und ist im neugotischen Stil erbaut. Nach mehreren Umbauten und Renovierungen erhielt sie 1903 ihr heutiges Aussehen.
Was uns als Erstes auffällt, ist der goldene Altar, der in Gold glänzt. Wir betrachten die Malereien an der Decke. Hier gibt es viele Blumen, aber auch Szenen aus Erzählungen. Als wir weiter durch die Seitenschiffe gehen, werden unsere Blicke auf die Säulenmalereien gelenkt, die katholische Heilige zeigen.
Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Der Stil ist sanft und wirkt etwas vertraut. Die hellen, gedämpften Farben tragen zu diesem sanften Eindruck bei. Die Heiligen befinden sich oft in Umgebungen mit einer beeindruckenden Detailfülle und werden auf menschliche und natürliche Weise dargestellt. Die Heilige Alžbeta, auch bekannt als Elisabeth von Thüringen, wird unter anderem als Schutzpatronin von Krankenhäusern, Bäckern, Bräuten, sterbenden Kindern, Klöpplerinnen und Witwen verehrt. Auf der Darstellung wirkt sie besorgt oder traurig, während sie mit zwei Kindern dasteht, von denen eines sie auf die Wange küsst. Das andere Kind hält Blumen in der Hand. Auf dem Boden wächst ein Fliegenpilz.

Jugendstil in der Peter-und-Paul-Basilika

Als wir später mehr über die Künstler erfahren, wird uns klar, warum uns der Stil so vertraut vorkommt. Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická malte im Jugendstil und schuf zwischen 1900 und 1903 Decken- und Wandmalereien in der Basilika St. Petrus und St. Paulus. Er war bekannt für seine großformatigen architektonischen Gemälde, sie als Blumenmalerin. Seine Werke erinnern an den berühmten tschechischen Jugendstilkünstler Alfons Mucha.
Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

In einer der Seitenkapellen sehen wir ein Gemälde der Jungfrau Maria. Das Bild hat eine besondere Geschichte. Einer Überlieferung aus dem Jahr 1638 zufolge herrschte eine schwere Dürre, doch als das Gemälde ein kurzes Stück zur St.-Pankratius-Kirche in Prag getragen wurde, begann es endlich zu regnen. Daraufhin fanden hier zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert besondere Pilgerwanderungen statt, um Regen zu erbitten.
Zufrieden verlassen wir die Kirche mit einem Gefühl der Ruhe und des Staunens.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.se unter dem Titel: „Vyšehrad – där Prags historia lever“ (redaktionelle Bearbeitung: vm)
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Tibets Exilpräsident warnt vor Chinas Machtanspruch: Will die Welt das?

Penpa Tsering, das demokratisch gewählte Oberhaupt (Sikyong) der tibetischen Exilregierung, beschreibt in einem Interview mit der tschechischen Ausgabe der Epoch Times die aktuelle Lage und die Entwicklungen der letzten Wochen in Tibet.
Penpa Tsering wurde 1967 in einer tibetischen Siedlung in Südindien geboren. Während seines Studiums kam es in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, zu einer Reihe großer Demonstrationen gegen die Politik der Kommunistischen Partei Chinas.
Zu dieser Zeit gründete er das Büro der Tibetischen Freiheitsbewegung, das eine Solidaritätskampagne für das Leid des tibetischen Volkes innerhalb Tibets führte.
Mitte Oktober nahm Penpa Tsering am Forum 2000 in Prag teil. Im Gespräch mit der Epoch Times äußerte er sich zu aktuellen Themen und Entwicklungen rund um Tibet und China.
Herr Präsident, lassen Sie mich bitte mit einer tiefer gehenden Frage beginnen. Inwieweit ist die tibetische Kultur mit dem Glauben verbunden, woran glauben die Tibeter eigentlich, und könnte gerade dieser Aspekt einer der Hauptgründe für die Repressionen des chinesischen Regimes gegen die Tibeter sein?
Ich denke, die grundlegende Frage betrifft den Moment, als China zu einem kommunistischen Staat wurde. Kommunisten glauben nicht an Religion, da kommt es natürlich zu einer Konfrontation. Wenn jemand sagt, er glaube an eine Religion – die Tibeter glauben seit mehr als 1.300 Jahren an den Buddhismus. Das ist tief in unserem Denken verwurzelt.
Im Buddhismus geht es eher um Selbstverwirklichung. Natürlich glauben wir an die Eigenschaften höherer Wesen, an Mitgefühl, Intelligenz und die Symbole dieser Dinge. Aber es geht darum, aus diesen Werten zu lernen und sie in sich selbst zu integrieren.
Das gesamte Konzept des Buddhismus ist eher psychologischer Natur. Der Buddhismus beinhaltet mehr psychologisches Denken. Es ist ein Training des Geistes, um seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen – Emotionen, die den Menschen quälen, negative Emotionen wie Wut, Eifersucht, Hass und Anhaftung.
Das ist auch der Grund, warum wir unsere Emotionen kontrollieren – um keine Wut gegenüber den Führern des chinesischen Regimes zu entwickeln, die uns all diese schlimmen Dinge antun. Auch sie stehen unter dem Einfluss negativer Emotionen.
So betrachten wir das, diese grundlegenden Unterschiede. Sie sehen, mit welcher neuen Politik die chinesischen Kommunisten jetzt daherkommen – deshalb müssen wir uns ihnen entgegenstellen.
Sikyong Penpa Tsering, Oberhaupt der tibetischen Exilregierung, im Gespräch mit Milan Kajínek von der tschechischen Ausgabe der Epoch Times

Sikyong Penpa Tsering, Oberhaupt der tibetischen Exilregierung, im Gespräch mit Milan Kajínek, leitendem Redakteur der tschechischen Ausgabe der Epoch Times.

Foto: Epoch Times

Damit hängt wahrscheinlich die Frage der Nachfolge zusammen, also die [zukünftige] Reinkarnation des derzeitigen 14. Dalai Lama. Wir wissen, dass der Panchen Lama, der [zu gegebener Zeit] herausfinden soll, in welchem Körper sich die Seele des Dalai Lama wiederverkörpert hat, vom chinesischen Regime entführt wurde. Die Kommunistische Partei hat einen eigenen Panchen Lama eingesetzt, damit dieser nach dem Tod des Dalai Lama ihren eigenen Kandidaten auswählt.
Wie werden Sie diese Angelegenheit angehen?
Die kommunistische Regierung glaubt an keine Religion. Wie könnte sie für die Auswahl eines spirituellen Wesens verantwortlich sein? So sieht Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, das. Es ist ganz einfach. Wenn es den kommunistischen Führern mit der Reinkarnation wirklich ernst ist, sollten sie sich zunächst einmal mit dem Buddhismus auseinandersetzen und an das Konzept eines Lebens nach dem Tod glauben.
Und nur wenn sie verstehen, was Reinkarnation bedeutet – der gesamte Prozess der Reinkarnation ist die Suche nach einem weiteren Aufenthaltsort der Seele, nachdem der Dalai Lama gestorben ist.
China hat diese Angelegenheit bereits zu der Zeit politisiert, als der Dalai Lama in den Jahren 1954 bis 1955 China besuchte. Bevor er sich auf die Abreise aus China vorbereitete, sagte Mao Zedong zu ihm, dass Religion Gift sei.
Seitdem gibt es also einen Konflikt zwischen Kommunismus und Buddhismus. Es war jedoch sehr schwierig, alle Buddhisten auszurotten. Ganz Tibet praktizierte den Buddhismus.
Nach dem Tod von Mao Zedong kam es zu einer leichten Lockerung. Als Deng Xiaoping an die Macht kam, folgten Öffnung und Reformen. Einige Führer waren ein wenig liberaler, doch dann gab es unter Jiang Zemin, unter Hu Jintao und insbesondere nach dem Amtsantritt von Xi Jinping wieder mehr Einschränkungen.
Das chinesische Regime hat ein neues „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ erlassen. Viele betrachten dies als Beschleunigung eines kulturellen Völkermords. Was halten Sie davon?
Das in diesem Jahr erlassene Gesetz zur ethnischen Einheit wird endgültig die Totenglocke für die tibetischen Buddhisten läuten. Es greift die Wurzeln unserer Identität an – unsere Sprache, Kultur, unseren Glauben und unsere Lebensweise. Alles wird dezimiert werden.
Wenn Sie wissen, was in China geschah, bevor dieses Gesetz erlassen wurde … das, was dieses Gesetz nun legitimiert, geschieht schon seit sehr langer Zeit. Sie versuchen nun lediglich, dies durch den Erlass eines Gesetzes zu legitimieren. Sie setzen es bereits seit 2016 um. Jetzt trägt es die Maske eines Gesetzes.
Sie richten Schulen im kolonialistischen Stil ein, in die sie tibetische Kinder einweisen. Dort bringt man ihnen Mandarin-Chinesisch und die Propaganda der Kommunistischen Partei bei, einschließlich militärischer Ausbildung in den Schulen.
Sie entfremden die einheimischen Kinder von der tibetischen Sprache, dem Glauben und der Kultur. Sie wollen eine ganze Generation von Tibetern in Chinesen umerziehen.
Und das tun sie nicht nur den Tibetern an, sondern auch den Uiguren und den Mongolen. Es trägt den sehr schön klingenden Namen „ethnische Einheit und Fortschritt“, aber im Kern verbirgt sich ein äußerst unheilvoller Plan, der zu einem kulturellen Völkermord führt.
Wie ist die aktuelle Lage in Tibet nach den jüngsten gewaltigen Überschwemmungen und Erdrutschen, und wie geht Peking mit der Berichterstattung über diese Ereignisse um?
Wir sprechen schon seit Jahren über die Bedeutung der Umwelt in Tibet. Niemand hört uns zu. Erst wenn tatsächlich etwas passiert, wird den Menschen bewusst, wie die Realität aussieht. Das chinesische System ist zudem sehr abgeschottet, sodass es kaum Möglichkeiten gibt, die Ökologie Tibets zu erforschen.
Tibet wird als „Dach der Welt“ bezeichnet, und auf seinem Gebiet entspringen mehrere bedeutende Flüsse, die für die Nachbarstaaten eine zentrale Wasserquelle darstellen. Zwei davon fließen nach China. Die Chinesen sollten sich in ihrem eigenen Interesse um die Ökologie Tibets kümmern, sonst wird ihnen das in Zukunft Leid bringen.
China baut an einem dieser Flüsse einen weiteren riesigen Staudamm, der der größte der Welt werden soll. Das ist sehr gefährlich, wenn man sich die jüngsten Sturzfluten in Tibet und Nepal ansieht. Wir haben gezählt, dass an den tibetischen Flüssen 193 Staudämme errichtet wurden. China will alle Wasserquellen kontrollieren. Wenn man zu viele [Staudämme] baut, beeinträchtigt das das Ökosystem der Umwelt.
Sehen Sie irgendeine Hoffnung für Tibet?
Die ganze Welt lebt von der Hoffnung. Wenn wir keine Hoffnung hätten, würden wir uns keine Mühe geben. Wenn wir uns keine Mühe geben, wird es keine Ergebnisse geben. Seien wir also stark. Die Menschheit lebt von der Hoffnung. Jedes Land, das leidet, lebt in der Hoffnung.
Im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte entstehen und vergehen Reiche. Kein Reich überdauert ewig. Das chinesische System geht unter, es gibt viele schlimme Dinge – es geht nicht nur um die Tibeter, wir haben hier die Uiguren, wir haben hier Falun Gong, chinesische prodemokratische Aktivisten, wir haben die Einwohner Hongkongs, gegen die ein Gesetz zur nationalen Sicherheit erlassen wurde, und die Einwohner Taiwans, gegen die ein Gesetz gegen Separatismus erlassen wurde.
Ohne Hoffnung gibt es keinen Kampf, und wir sagen immer: Gebt niemals auf. Wir werden nicht aufgeben.
Eines Tages werdet ihr vielleicht eure Kultur zurück nach Tibet bringen.
Eines Tages, wenn ich alt bin, werdet ihr mich in Tibet interviewen. (Lachen)
Haben Sie zum Abschluss noch eine Botschaft für diejenigen, die unser Interview lesen werden?
Wir leiden derzeit. Die Uiguren leiden. Die Mongolen leiden. Die Falun-Gong-Praktizierenden leiden. Die prodemokratischen Anführer leiden. China hat globale Ambitionen. Nicht nur Ambitionen in der Region. Sie haben eine Globale Sicherheitsinitiative. Eine Globale Governance-Initiative. Eine Globale Zivilisationsinitiative.
Was meint China mit globaler Governance? Sie wollen ihr System der autokratischen Herrschaft in den Rest der Welt exportieren. Ist das etwas, was der Rest der Welt will? Ein autoritäres, autokratisches System? Wenn der Rest der Welt das nicht will, dann sollte er sich stärker bewusst machen, welche Ambitionen das chinesische Regime hegt.
Wenn man weiß, dass das chinesische Regime schlimme Dinge tut, und trotzdem weiterhin Geschäfte nach China verlagert … Ich habe unseren Freunden in Europa gesagt … Dieser Drache beißt uns jetzt; einst war dieser Drache schwach – wer hat ihn stark gemacht? Die Vereinigten Staaten, Europa, Japan, Taiwan – sie alle haben in China viel investiert. All das hat China stark gemacht, einschließlich des Technologiediebstahls.
Wenn ihr nun wisst, dass der Drache euch beißt, und ihr ihn trotzdem weiter füttert, wessen Schuld ist das dann? Die des Drachen oder die desjenigen, der ihn füttert? Viele Länder haben sich durch ihr eigenes Handeln von China abhängig gemacht.
Die Vereinigten Staaten sprechen jetzt von einem „Made in USA“-Plan, Europa spricht von „Made in Europe“, Indien spricht von „Made in India“ … von der Verlagerung der Produktion in ihr eigenes Land.
Hinzu kommt, dass die Entwicklungsländer China erlaubt haben, ihre Seltenen Erden abzubauen. Heute befinden sich 90 Prozent [der Verarbeitung] der Seltenen Erden in chinesischer Hand, und die Welt ist von der chinesischen Lieferkette abhängig.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Milan Kajínek.
Ein besonderer Dank für die Vermittlung des Gesprächs gilt der Sinologin Kateřina Procházková vom Projekt Sinopsis.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf epochtimes.cz unter dem Titel „Exkluzivně: Rozhovor s exilovým prezidentem Tibetu“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)
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Der Kommunismus hat endlich seinen Platz gefunden – im Museum

Es ist nicht mehr nötig, gegen den dialektischen Materialismus zu kämpfen: Ich musste nur ins Museum des Kommunismus gehen. Was mich dort erwarten würde, wusste ich nicht genau. Die Antwort erhalte ich bereits am Eingang. Eine Darstellung von Karl Marx wird von drei Worten begleitet: Traum. Realität. Albtraum. Der Ton ist gesetzt.
Ein Stück weiter übernimmt der tschechische Humor das Ruder. Eine Postkarte fasst auf ihre ganz eigene Weise die Versorgungsengpässe jener Zeit zusammen: „… Waschmittel ist nirgends zu finden. Was die Gehirnwäsche angeht, gibt es hingegen keinerlei Probleme.“
Während des gesamten Besuchs wird man an die Hand genommen und von Schlagzeilen im Stil der damaligen Zeit geleitet: das Wesentliche in wenigen Zeilen, darunter die Details für diejenigen, die tiefer einsteigen möchten.
Mal ernste, mal skurrile Fotos, Objekte aus der damaligen Zeit und Rückblenden ergänzen die Erzählung. So bewegt man sich durch die Geschichte wie durch die Seiten einer großen Zeitung.

Machtkonzentration und Verstaatlichung

Allmählich zeichnen sich die klassischen und perversen Mechanismen des „1. Klasse“-Systems ab: Macht konzentrieren, verstaatlichen, die private Initiative unterbinden, Grenzen schließen, überwachen, Propaganda betreiben … und unweigerlich, wie immer, zunächst an etwas Mangel leiden, dann gar nichts mehr haben und schließlich die Welt vermissen, die man gerade erst auslöschen wollte.
Der Rundgang wird übrigens von manchmal bissigen, manchmal offen humorvollen Schlagzeilen unterbrochen. An einer Wand steht dieser Satz, fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben: „Überlasst die Sahara den Kommunisten, und nach fünf Jahren wird es einen Sandmangel geben.“ Der weitere Verlauf des Rundgangs verdeutlicht dies recht schnell.
Februar 1948: Die Kommunistische Partei übernimmt die Macht in der Tschechoslowakei. Kaum ist die Revolution etabliert, beginnt das Privateigentum seine Koffer zu packen. Eine Freiheit, die die Genossen – bald Gefangene ihres eigenen Landes – nicht mehr haben werden.
Reisekontrollen. Stacheldraht. Hunde. Überwachung. Verhaftungen. Gefängnis. Die Genossen sind nun in ihren eigenen Grenzen gefangen. Außer, wie immer, einige privilegierte Auserwählte: gute Beziehungen sind mehr wert als ein schlechter Pass.

Im Museum des Kommunismus in Prag.

Foto: Jack Chaumont

Das Museum versetzt einen direkt in die Atmosphäre jener Zeit. In einer dunklen Ecke wird man plötzlich von einem Soundtrack umhüllt: Hundegebell, Befehle der Wachen, Flehen und zitternde Stimmen. Allein durch den Klang spürt man den Schrecken und die Angst derjenigen, die versuchten, die Grenze zu überqueren.
Wie üblich folgt man dann dem klassischen Schema: Banken, Versicherungen, Bergwerke und Großunternehmen werden verstaatlicht. Dann sind die anderen an der Reihe. Über 3.000 Unternehmen gehen in staatliche Hände über.
Und wenn noch ein widerspenstiger Handwerker oder Kleinhändler übrig bleibt, braucht man ihn nicht zu enteignen: Man muss ihm nur die Rohstoffe verweigern, die Strafen vervielfachen und seine Tätigkeit einfach unmöglich machen. Und wenn er wirklich zu widerspenstig ist, können ein paar Elektroschocks oder sogar subtilere Folterungen im Gefängnis ihn überzeugen.

Ein ruiniertes Land

Anfang der 1960er-Jahre ist der tschechoslowakische Privatsektor nahezu am Ende. Und da der Staat die Wirtschaft lenkt, bestimmt er auch die Preise und die Verteilung. Das Ergebnis lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: „Stehen Sie an, wie alle anderen.“
Für alltägliche Produkte gibt es Rationierung. Um ein Auto zu bekommen, muss man sich auf eine Liste setzen lassen. Wer ein Fahrrad haben will, muss dem Cousin des Schwagers des Leutnants einen Schein zustecken. Damenbinden werden gewaschen und wiederverwendet.
Und die offizielle Tageszeitung der Kommunistischen Partei, „Rudé právo“, hat eine unerwartete zweite Karriere: In Stücke geschnitten dient sie buchstäblich als Toilettenpapier. Eine treffendere und endgültigere redaktionelle Kritik ist kaum vorstellbar.
Parallel dazu entwickelt sich eine ganze Schattenwirtschaft. Klempner, Maurer, Tischler und andere Handwerker arbeiten nach ihrem offiziellen Arbeitstag weiter. Tauschhandel und Schmiergelder florieren. Ende der 1980er-Jahre kursiert sogar die Maxime: „Wer nicht stiehlt, bestiehlt seine Familie.“
Und diese wunderbare, ideale, gleichberechtigte Gesellschaft erfindet schließlich ihre eigenen Geschäfte für Privilegierte. Sie heißen Tuzex.
Dort findet man genau das, was das normale System nicht bietet: Jeans, Adidas, Lego, Whisky, Schokolade, westliche Kosmetik, Elektronikgeräte … Aber nicht mit den gewöhnlichen Kronen. Man braucht eine spezielle Währung, die „Bony“, die auf dem Schwarzmarkt bis zum Fünffachen ihres offiziellen Wertes gehandelt wird.
Ende der 1980er-Jahre konnten manche „Bony“-Händler zwischen 100.000 und 250.000 Kronen pro Monat verdienen, während das durchschnittliche Monatsgehalt kaum über 3.000 Kronen lag. Die Gleichheit hatte also schließlich ihre Reichen hervorgebracht – versteckt im Dunkeln des „Grand Soir“, des ersehnten revolutionären Umsturzes.

Zeitleiste Ost und West

Eine der aufschlussreichsten Entdeckungen im Museum ist eine große Zeitleiste, die Ost und West parallel von den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts verdeutlicht.
Einige Bilder genügen. Im Westen: Astronauten mit Sauerstoffmasken bei Apollo 11. Im Osten: Schulkinder mit Gasmasken, dazu Panikmache wegen des amerikanischen Kartoffelkäfers. Im Westen: Bluejeans. Im Osten: Schwarzmarkt. Im Westen: Weihnachtsmann. Im Osten: Vater Lenin.

Im Museum des Kommunismus in Prag.

Foto: Jack Chaumont

Oder fast. In den 1950er-Jahren versuchten die Behörden tatsächlich, den traditionellen Ježíšek – das Christkind, das den tschechischen Kindern Geschenke bringt – durch den sowjetischen Ded Moroz (Väterchen Frost) zu ersetzen.
Weiter hinten wird eine Wohnung auf eigenartige Weise rekonstruiert: Tisch, Stühle und andere Gegenstände sind vertikal an der Wand befestigt, als ob man die Wohnung von oben betrachtete. Big Brother, tschechoslowakische Version.
Hinter einer Vitrine erscheint auch das klassische kommunistische Klassenzimmer mit seiner zeittypischen Dekoration und den roten Halstüchern.

Hinter dem Absurden kommt das Tragische

Repression, politische Polizei, Inhaftierungen, geschlossene Grenzen, dann die sowjetische Besatzung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.
Im Januar 1969 zündet sich Jan Palach, ein 20-jähriger Student, auf dem Wenzelsplatz an. Seine Tat wird eines der mächtigsten Symbole des Widerstands gegen die Resignation. Hier hört der Humor auf. Auf meiner Uhr ist es 17:55 Uhr. Ich schließe für 15 Minuten die Augen und spüre dabei ein seltsames inneres Vibrieren.
Glücklicherweise kehrt der Humor in den Museumsshop zurück: Ich entdecke dort unter anderem Kerzen mit den Konterfeis von Stalin und Lenin. Das Konzept hat durchaus etwas Poetisches. Allein die Vorstellung, sie mit nach Hause zu nehmen und ihnen dabei zuzusehen, wie sie langsam vor sich hin brennen, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
Ein letzter tschechischer Witz, gedruckt auf Plakaten, Taschen und T-Shirts: „Es gab kein Toilettenpapier. Glücklicherweise gab es sowieso nichts zu essen.“
Nach 40 Jahren tschechoslowakischer Geschichte verlasse ich das Museum mit einem letztlich recht optimistischen Gedanken und der Hoffnung, dass es bald überall auf der Welt genauso sein wird: Der Kommunismus hat vielleicht endlich seinen Platz gefunden – in einem Museum, zumindest an einem Ort, wahrscheinlich dem einzigen, wo er funktioniert.
 
Der Artikel erschien im Original auf epochtimes.fr unter dem Titel „Prague, le communisme a enfin trouvé sa place : au musée“. (deutsche Bearbeitung ks)