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Wyschehrad – wo die Geschichte Prags lebendig bleibt

In Kürze:

  • Wyschehrad ist eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert und ein bedeutendes Symbol Prags.
  • Die Kasematten und die Basilika St. Peter und St. Paul zeugen von seiner Geschichte.
  • Außerdem befinden sich dort der Friedhof Slavín und das Grab des Komponisten Antonín Dvořák.

Nur wenige Kilometer vom Trubel der Prager Altstadt entfernt liegt ein geschichtsträchtiger Ort mit dem Namen Wyscherhrad (Vyšehrad). So nennt man die Prager Hochburg, eine historische Festung aus dem 10. Jahrhundert. Sie liegt idyllisch auf einem felsigen Vorsprung oberhalb der Moldau und bietet einen einzigartigen Blick auf Prag.
Man sagt, dass Prag hier gegründet wurde, und hier lebte Ende des 11. Jahrhunderts auch der erste König von Böhmen, Vratislav II. Der Ort wurde schrittweise zu einer militärischen Festung und gilt heute als spirituelles und nationales Symbol.
Schon aus der Ferne sehen wir die beiden hohen, dunklen Türme der Kirche. Das Gelände ist von einer hohen Mauer umgeben. Hier, an einem großen Tor in der Mauer, beginnt eine Reise in die Vergangenheit der Prager Hochburg. Kühle Luft und der Geruch von Erdkellern strömen uns entgegen, als wir durch die Tür treten, die uns der Stadtführer Mikuláš Zima aufhält.
Wir betreten die Kasematten – ein verborgenes System aus Gängen, das entstand, als Wyschehrad auf Beschluss von König Ferdinand III. im 17. Jahrhundert zu einer modernen Barockfestung umgebaut wurde. Wir bewegen uns auf unebenen Lehmböden und folgen den Gängen innerhalb der Mauern und gelangen bis in die Katakomben unter der Basilika. Groß gewachsene Besucher müssen den Kopf einziehen, denn an manchen Stellen beträgt die Deckenhöhe weniger als zwei Meter. Die Wände werden durch eine elektrische Beleuchtung erhellt.

Licht und Wege aus der Besatzungszeit

„Bis zum Zweiten Weltkrieg waren Lüftungsschächte die einzige Lichtquelle. Dann installierten die Deutschen Elektrizität. Die Kabel über uns sind also ihr Werk“, erzählt unser Stadtführer.
Auch die Treppen in den Kasematten werden dem deutschen Militär zugeschrieben, das sie während der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei errichtete.
Als wir ein Stück in den Gang hineingehen, sehen wir etwas Licht von oben hereinfallen, wenn wir hin und wieder an Lüftungsschächten vorbeikommen, deren Öffnungen 12 Meter weiter oben liegen. Zima warnt uns.
„Einige dieser Lüftungsschächte aus dem 17. Jahrhundert sind noch offen, daher ist es möglich, dass jemand, der auf dem Aussichtspunkt über uns vorbeigeht, das runde Gitter sieht und eine Zigarette auf uns herunterfallen lässt. Ich entschuldige mich dafür. Und manchmal sind es nicht nur Zigaretten, sondern auch Vögel, die sich dort niederlassen …“
Die Teilnehmer lachen, achten aber gleichzeitig darauf, nicht zu lange unter einer Öffnung zu stehen.

Im Dunkeln durch die Kasematten

Hier konnte sich das Militär sicher fortbewegen. „Die Soldaten zogen mit Pulver und Waffen in fast vollkommener Dunkelheit durch die Kasematten.“ Zima legt den Schalter um, damit wir sehen, wie finster es wird. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Kurz darauf macht er wieder Licht. Zima erzählt Historisches im Detail und erklärt, wie die Mauer angelegt wurde, um bei Beschuss mit Kanonenkugeln den Schaden zu begrenzen.
Obwohl man in Prag auf militärische Angriffe gefasst war, wurde die Stadt, so erfahren wir, nur ein einziges Mal bombardiert – aus Versehen. Am 14. Februar 1945 nahmen amerikanische Flugzeuge mehrere Stadtteile unter Beschuss.
„Die amerikanischen Piloten glaubten, sie flögen über Dresden, und begannen, Bomben abzuwerfen. Ich weiß nicht, wie ähnlich sich Dresden und Prag sehen, aber so ist es gewesen“, sagt er.
Wir kommen zu einer der Bastionen, in der Ausrüstung, Waffen, Schießpulver, Lebensmittel und Baumaterial gelagert wurden. Hier kann man leicht unter Klaustrophobie leiden – zwischen uns und der Außenwelt liegen 17 Meter.

Gorlice: Aus Versehen ein Saal

Nachdem wir eine Weile durch die Gänge gegangen sind, stehen wir plötzlich in einem Saal mit hoher Decke. Ein warmes, gelbes Licht erhellt den Saal und die Statuen, die dort stehen. Der Ort heißt Gorlice. Entlang der Karlsbrücke im Zentrum von Prag stehen Statuen, die verschiedene Heilige darstellen, doch die Statuen, an denen man heute auf der Brücke vorbeikommt, sind Nachbildungen. Einige der Originale stehen hier in Wyschehrad. Wir erfahren, dass wir uns nur dank eines Fehlers des italienischen Ingenieurs Giovanni de Capauli in diesem Saal befinden können.
„Vielleicht hatte er zu viel getrunken“, sagt Zima und erklärt, dass hier ursprünglich gar kein Raum geplant war.
Die Deutschen wollten ihn für die Waffenproduktion nutzen, doch dazu kam es nie. Von 1953 bis 1992 nutzte das kommunistische Regime der Tschechoslowakei den Saal als Kartoffellager. Die neue Regierung, die 1992 ihr Amt antrat, räumte die Kartoffeln aus und ließ Gorlice stattdessen zu einem Aufbewahrungsort werden, um die sechs Statuen vor Luftverschmutzung und Verwitterung zu schützen.

Alle Originale aus tschechischem Sandstein

„Alle diese Statuen stammen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und sind aus tschechischem Sandstein gefertigt“, sagt er und zeigt auf die Statuen, darunter die Heiligen Augustinus und Adalbert sowie die Heilige Anna und die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und den knienden Heiligen Bernhard von Clairvaux. Laut Zima gibt es Pläne, sie umzusiedeln.
Weil Wasser von der Decke tropft, überlegt man nun, wie sich eine bessere Umgebung für ihre Aufbewahrung finden lässt.
In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

In Gorlice werden sechs Originalstatuen verschiedener Heiliger aufbewahrt.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir schlendern zwischen den Statuen umher, die in dieser stillen Umgebung einen beeindruckenden Anblick bieten. Hier finden gelegentlich Konzerte und Festivals statt, ebenso wie Hochzeiten.
Die Führung ist zu Ende, und wir gehen eine Treppe hinunter ins Tageslicht.
Ich frage Zima nach seiner Arbeit als Stadtführer. Er möchte, dass die Menschen die tschechische Geschichte kennenlernen und ein Bild vom Leben in Wyschehrad sowie von der Bombardierung Prags erhalten, bei der 700 Menschen starben.
„Ich möchte den Besuchern zeigen, welches Glück sie haben, diese Mauern völlig unversehrt sehen zu können, da weder Kanonenkugeln noch amerikanische Bomben die Mauern getroffen haben. Dies ist einer der großartigsten Abschnitte der tschechischen Geschichte.“

Spaziergang über Wyschehrad

Wir haben uns für eine weitere Führung angemeldet, um Wyschehrad besser kennenzulernen, aber zuerst schlendern wir auf eigene Faust durch die Gegend, um uns umzuschauen. Hier gibt es große Grünflächen, auf denen sich Menschen aufhalten. Es ist später Nachmittag und die Sonne scheint sanft. Wir begegnen Joggern und Familien mit Kinderwagen und hören jemanden, der auf seiner Trompete Jazz spielt. Eine Gruppe sitzt im Gras und spielt Trommel.
Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Die beiden Türme der Basilika St. Peter und Paul sind 63 Meter hoch.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Von oben auf der Mauer haben wir einen schönen Blick über Prag – rote Dächer und alte Bebauung vermischen sich mit modernen Gebäuden. Die Moldau fließt nach Norden. Dort tummeln sich Ausflugsboote und Segelboote zusammen mit dem einen oder anderen Kajakfahrer.
Wir kommen zum Friedhof Slavín, der die Basilika St. Peter und St. Paul umgibt. Der Friedhof ist eine Attraktion für sich. Hier befinden sich die Gräber mehrerer berühmter Persönlichkeiten. Eines der bekanntesten Gräber gehört dem Komponisten Antonín Dvořák (1841–1904). An seiner Grabstätte liegen frische Blumen, sowohl in Töpfen als auch in Sträußen, die Besucher dort niedergelegt haben.
Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Auf dem Friedhof von Slavín sind mehrere berühmte Persönlichkeiten begraben. Zu den bekanntesten zählt der Komponist Antonín Dvořák (1841–1904).

Foto: Eva Sagerfors / EpochTimes

Es ist Zeit, unseren Stadtführer Zima wiederzusehen, um einen weiteren Teil der Kasematten und einige der historischen Gebäude der Prager Hochburg zu besichtigen. Nun erzählt er mehr über den Fehler des Ingenieurs Giovanni de Capauli beim Bau im 17. Jahrhundert.
Er baute die Festung so schlecht, dass die Kasematten im Inneren nirgendwohin führten. Dabei ignorierte er den Plan des Architekten (Carlo Lugaro) und errichtete die Mauer ohne ein funktionsfähiges Tor. Zima zeigt auf das Leopoldstor, das im Barockstil verziert ist. Erst in den 1840er-Jahren konnte das Tor geöffnet werden.
„Es sah genauso aus wie heute, mit dem schönen Habsburger Adler und den tschechischen Löwen, aber ohne Eingang.“

Die „Dunkelheit des 17. Jahrhunderts“

Wir betreten die Kasematten von Sankt Martin. Hier herrscht das ganze Jahr über eine Temperatur von 10 bis 12 Grad. Unser Stadtführer meint, es wäre ein perfekter Weinkeller gewesen.
Man fragt uns, ob wir die Gänge unter denselben Bedingungen durchqueren möchten wie im 17. Jahrhundert. Wir sagen Ja, und Zima löscht das Licht. Zwar erkennen wir die hellen Lichtkreise auf dem Boden entlang des Gangs vor uns, doch wegen der Abstände dazwischen sieht man nicht durchgehend etwas, und das Licht ist ohnehin schwach. Eine aus der Gruppe nimmt das Licht ihres Handys zu Hilfe – sie will nicht stolpern.
„Sich hier nachts fortzubewegen, war unmöglich“, sagt Zima.
Als wir wieder draußen sind, äußert eine der Damen ihre Erleichterung. Doch das Erlebnis war spannend und hat uns bewusster gemacht, wie das Leben hier vor einigen hundert Jahren gewesen sein mag.
Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Der tschechische Löwe und das Jesus-Monogramm IHS – Iesus Hominum Salvator.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Wir stellen fest, wie lebendig Wyschehrad ist. An einigen Stellen gibt es Tennisplätze direkt vor den Mauern, und dort, wo wir die Kasematten verlassen, werden in Pflanzkübeln neben der Mauer Gemüse und Blumen angebaut. Zima erzählt, dass die Menschen, die hier unten wohnen, die Fläche zum Anbau nutzen dürfen.

Die Johannes-der-Täufer-Kirche

Das Letzte, was wir im Rahmen der Führung besichtigen, ist die dem heiligen Johannes dem Täufer geweihte Kirche, die heute nicht mehr genutzt wird. Eine kleine Treppe am Altar führt hinunter zu einer noch laufenden archäologischen Ausgrabung. In der angrenzenden Sakristei zeigt der Stadtführer Holzkopien der Waffen, die von der Infanterie vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurden – Steinschlossgewehre.
Die Originalwaffen waren schwer und schwer zu handhaben. Zima zeigt und erklärt anschaulich, warum es schwierig war, mit der Waffe das Ziel zu treffen.
Ein guter Soldat des 18. Jahrhunderts gab während einer Schlacht ein- oder zweimal einen Schuss ab, und wenn das Ziel mehr als 50 Meter entfernt war, war es fast unmöglich, es zu treffen. Im Nahkampf benutzten sie das Bajonett oder drehten das Gewehr um und setzten den Kolben ein.
Die Führung ist zu Ende und wir bedanken uns für eine interessante Geschichtsstunde und spannende Erlebnisse.

Das Museum im ehemaligen Pulvermagazin

Wir gehen weiter zum ehemaligen Pulvermagazin, das heute ein Museum ist. Eine Ausstellung gibt einen Überblick über die lange Geschichte von Wyschehrad. In der Mitte steht eine Kanone aus dem 18. Jahrhundert, und in Vitrinen sind archäologische Funde ausgestellt. Hier sehen wir alte Pfeilspitzen zusammen mit „nordischen Kochgefäßen“.
Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kanone im alten Pulvermagazin stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Zum Schluss betreten wir die Kirche, die noch immer für Zeremonien wie Messen und Hochzeiten genutzt wird. Die Basilika St. Peter und St. Paul, das geistliche Symbol von Wyschehrad, wurde 1070 von Vratislav II. gegründet. Die Kirche hat zwei hohe Türme und ist im neugotischen Stil erbaut. Nach mehreren Umbauten und Renovierungen erhielt sie 1903 ihr heutiges Aussehen.
Was uns als Erstes auffällt, ist der goldene Altar, der in Gold glänzt. Wir betrachten die Malereien an der Decke. Hier gibt es viele Blumen, aber auch Szenen aus Erzählungen. Als wir weiter durch die Seitenschiffe gehen, werden unsere Blicke auf die Säulenmalereien gelenkt, die katholische Heilige zeigen.
Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Die heilige Elisabeth ist eine der Heiligen, deren Porträts die Säulen der Basilika schmücken.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

Der Stil ist sanft und wirkt etwas vertraut. Die hellen, gedämpften Farben tragen zu diesem sanften Eindruck bei. Die Heiligen befinden sich oft in Umgebungen mit einer beeindruckenden Detailfülle und werden auf menschliche und natürliche Weise dargestellt. Die Heilige Alžbeta, auch bekannt als Elisabeth von Thüringen, wird unter anderem als Schutzpatronin von Krankenhäusern, Bäckern, Bräuten, sterbenden Kindern, Klöpplerinnen und Witwen verehrt. Auf der Darstellung wirkt sie besorgt oder traurig, während sie mit zwei Kindern dasteht, von denen eines sie auf die Wange küsst. Das andere Kind hält Blumen in der Hand. Auf dem Boden wächst ein Fliegenpilz.

Jugendstil in der Peter-und-Paul-Basilika

Als wir später mehr über die Künstler erfahren, wird uns klar, warum uns der Stil so vertraut vorkommt. Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická malte im Jugendstil und schuf zwischen 1900 und 1903 Decken- und Wandmalereien in der Basilika St. Petrus und St. Paulus. Er war bekannt für seine großformatigen architektonischen Gemälde, sie als Blumenmalerin. Seine Werke erinnern an den berühmten tschechischen Jugendstilkünstler Alfons Mucha.
Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Das Ehepaar František Urban und Marie Urbanová-Zahradnická bemalte zwischen 1900 und 1903 die Decken und Wände der Peter-und-Paul-Basilika.

Foto: Eva Sagerfors / Epoch Times

In einer der Seitenkapellen sehen wir ein Gemälde der Jungfrau Maria. Das Bild hat eine besondere Geschichte. Einer Überlieferung aus dem Jahr 1638 zufolge herrschte eine schwere Dürre, doch als das Gemälde ein kurzes Stück zur St.-Pankratius-Kirche in Prag getragen wurde, begann es endlich zu regnen. Daraufhin fanden hier zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert besondere Pilgerwanderungen statt, um Regen zu erbitten.
Zufrieden verlassen wir die Kirche mit einem Gefühl der Ruhe und des Staunens.
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.se unter dem Titel: „Vyšehrad – där Prags historia lever“ (redaktionelle Bearbeitung: vm)