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Worauf sich Linke, Grüne und SPD als Grundlage für Koalitionsgespräche geeinigt haben


In Kürze:

  • SPD und Grüne stimmen für Koalitionsverhandlungen.
  • Die Entschädigung bei der Vergesellschaftung soll auf 16 Milliarden Euro gedeckelt werden.
  • Wahlrecht und Kandidatur für politische Ämter sollen auch ohne deutschen Pass möglich sein.

 
SPD und Grüne in Berlin haben sich mit jeweils sehr großen Mehrheiten für Koalitionsverhandlungen mit der Linken ausgesprochen. Trotz anhaltender Kritik, auch aus den eigenen Bundesparteien, stimmten die Gremien der Landesverbände am Montag, 19. Oktober, dafür.
Bei der SPD entschied der Landesvorstand mit 26 Ja-Stimmen bei 3 Nein-Stimmen, bei den Grünen stimmten auf einem Landesausschuss 43 von 45 Delegierten für die Aufnahme von Koalitionsgesprächen.
Damit muss nur noch die Linke der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zustimmen. Sie will allerdings erst am 31. Oktober auf einem Landesparteitag darüber entscheiden. Stimmt die Wahlsiegerin, die mit Elif Eralp die künftige Regierende Bürgermeisterin stellen will, wie erwartet zu, könnten die Koalitionsverhandlungen ab November beginnen.

Kritik an Rot-Grün-Rot hält an

Rot-Grün-Rot gilt in Berlin seit der Abgeordnetenhauswahl am 20. September als wahrscheinlichste Koalition.
Wegen der Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Linken und des Vorwurfs der Nähe einzelner Linken-Politiker zur Clankriminalität hält die Kritik an einem solchen Bündnis jedoch an. Vertreter von CDU und CSU, aber auch Politiker aus den Reihen von SPD und Grünen warnen davor.
Die SPD teilte am Montag nur das Ergebnis der Beratungen im Landesvorstand mit. Bei den Grünen diskutierten die Delegierten des Landesausschusses offen über das Ergebnis der Sondierungen. Dort gab es breite Zustimmung zu einem rot-grün-roten Bündnis und zu den bisher bekannten geplanten Inhalten. Nur vereinzelt wurden Zweifel geäußert, ob die Linke tatsächlich regierungsfähig sei.
Die Grünen bestimmten zudem ihre Hauptverhandlungsgruppe. Ihr sollen neben Werner Graf, dem Spitzenkandidaten der vergangenen Wahl, Bettina Jarasch, Nina Stahr, Philmon Ghirmai, Silke Gebel, Klara Schedlich, Jörn Oltmann und Filiz Keküllüoğlu angehören.

Einigung bei Vergesellschaftung und Neubau

Linke, Grüne und SPD hatten am Samstag, 17. Oktober, einen Durchbruch in ihren Sondierungsgesprächen erzielt. Sie verständigten sich über eine Vielzahl von Themen, auch über die geplante und umstrittene Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen.
Wie die „WELT“ berichtet, soll die Vergesellschaftung nun Immobilienunternehmen mit mindestens 10.000 Wohnungen im Bestand betreffen. Die Linke hatte ursprünglich eine Grenze von 3.000 Wohnungen gefordert. Die Entschädigung soll auf höchstens 16 Milliarden Euro begrenzt werden. Andernfalls soll es keine Vergesellschaftung geben.
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hatte im Wahlkampf die Entschädigungskosten auf 20 bis 30 Milliarden Euro geschätzt. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung verwies auf eine Spanne bisheriger Schätzungen von rund 10 bis 36 Milliarden Euro und kam in einer eigenen Studie auf rund 13,5 Milliarden Euro.
Über die Höhe der Entschädigung dürfte letztlich ein Gericht entscheiden. Auch darf die Vergesellschaftung den ohnehin angespannten Berliner Haushalt nicht zusätzlich belasten.
Ausgenommen sind Wohnungen, die nach dem 1. Januar 2021 gebaut wurden oder künftig noch entstehen sollen. Neubauvorhaben wären somit nicht von einer Vergesellschaftung betroffen. Kritiker hatten wiederholt vor einem investorenfeindlichen Klima gewarnt. Die Einigung sieht zudem bis 2031 Baugenehmigungen für 100.000 neue Wohnungen vor.
Neben der Wohnungspolitik verständigten sich die drei Parteien auf weitere gemeinsame Vorhaben, darunter Förderprogramme für innovative Start-ups. Die Ergebnisse sind in einem 31-seitigen Sondierungspapier mit dem Titel „Mehr gemeinsam, mehr Berlin“ festgehalten. Es soll nun als Grundlage für mögliche Koalitionsverhandlungen dienen.

Wahlrecht, Sicherheit, Nahverkehr

Dem Papier zufolge wollen sich die drei Parteien auch für ein Wahlrecht für Menschen ohne deutschen Pass einsetzen, die seit mindestens fünf Jahren in Deutschland leben. Sie sollen auf Kommunal- und Landesebene wählen dürfen und selbst für politische Ämter kandidieren können.
Dies solle auch für Menschen aus Nicht-EU-Staaten gelten. „Teilhabe darf in Berlin niemals eine Frage des Passes sein“, heißt es dazu. Wie das Vorhaben rechtlich umgesetzt werden soll, ließen die Parteien offen.
Die Sondierer einigten sich auch darauf, Antisemitismus konsequent zu bekämpfen und jüdisches Leben in der Hauptstadt zu schützen. Zudem bekennen sie sich zum Existenzrecht Israels und zu einer Zwei-Staaten-Lösung.
Antisemitische Vorfälle in den eigenen Reihen sollen aufgearbeitet werden. Mögliche Konsequenzen reichen bis zum Ausschluss aus einer Fraktion.
Mit mehr sichtbarem Personal im öffentlichen Raum sowie in Bussen und Bahnen soll die Sicherheit erhöht werden. Die Personalstärke der Polizei soll dabei beibehalten werden.
Linke, Grüne und SPD möchten außerdem den Ausbau der Radwege vorantreiben und den öffentlichen Nahverkehr stärken. Busse und Straßenbahnen sollen mehr eigene Fahrspuren und an Ampeln Vorrang bekommen.
Zudem wollen die drei Parteien die Zuverlässigkeit von Bussen und Bahnen verbessern. Billiger soll das Sozialticket für den öffentlichen Nahverkehr werden. Es kostet derzeit 27,50 Euro pro Monat.

Weniger Müll, mehr „Schwammstadt“

Nach den Vorstellungen der drei Parteien sollen Parks und Spielplätze in Berlin auch sauberer werden. Die Stadtreinigung soll verstärkt dort zum Einsatz kommen, wo viele Menschen auf engem Raum leben und entsprechend viel Abfall anfällt.
Zudem ist eine kostenfreie Sperrmüllabholung für jeden Haushalt einmal im Jahr geplant. Laut Sondierungspapier soll die Umsetzung zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts erprobt werden.
Den klimatischen Veränderungen wollen die Sondierer mit einem verstärkten Schutz von Bäumen begegnen. Außerdem möchten sie Regenwasser stärker in der Stadt halten, Flächen entsiegeln und Berlin zu einer „Schwammstadt“ weiterentwickeln.

Handyverbot an Grundschulen

Die Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Hochschule soll dem Papier zufolge beibehalten werden. Kostenlos bleiben demnach auch Schulmittagessen und Schülerticket. Die Parteien wollen mehr in Schulen investieren, Gemeinschaftsschulen ausbauen und jedes Kind entsprechend seinen Fähigkeiten fördern.
An Grundschulen soll grundsätzlich ein Handyverbot gelten. Die separate Beschulung von Flüchtlingskindern wollen die Parteien „so schnell wie möglich“ beenden. Außerdem ist eine Aufkündigung der Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr vorgesehen.
Schulen sollen weiterhin selbst über plurale Angebote der Demokratiebildung entscheiden können, heißt es weiter.
 
Mit Material von AFP
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Linke, Grüne und SPD machen Weg für Sondierungsgespräche frei – Fischer und Thierse warnen


In Kürze:

  • Nach einer Woche von Vorgesprächen scheint in Berlin der Weg für Sondierungen über ein rot-grün-rotes Bündnis frei.
  • Linke, Grüne und SPD haben sich laut Parteikreisen auf ein Handlungspaket bei antisemitischen Vorfällen geeinigt.
  • Auch ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD hätte rechnerisch eine knappe Mehrheit.
  • Frühere Spitzenpolitiker wie Fischer und Thierse fordern Grüne, SPD und CDU auf, ein gemeinsames Bündnis zu prüfen.

 
Zweieinhalb Wochen nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus dürfte der Weg für rot-grün-rote Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung frei sein. Nach einem Treffen von Linken, Grünen und SPD am Mittwoch verständigten sich die Parteien auf ein Handlungspaket, das im Fall antisemitischer Vorfälle greifen soll, und räumten damit ein zentrales Hindernis für den Beginn von Sondierungen beiseite. Das berichtet die deutsche Presseagentur unter Berufung auf Informationen aus Parteikreisen. Zuerst hatte der „Tagesspiegel“ über die Einigung berichtet.

Linke hatte verbindlicher Verständigung als Voraussetzung zugestimmt

Zuvor hatte der Landesparteitag der Linken grundsätzlich Sondierungen für ein mögliches rot-grün-rotes Bündnis zugestimmt. Die Berliner Grünen und die Landes-SPD trafen ähnliche Beschlüsse.
Die Linke war mit 25,7 Prozent der abgegebenen Stimmen als deutlich stärkste Kraft aus der Abgeordnetenhauswahl am 20. September hervorgegangen.
Neben Rot-Grün-Rot würde jedoch auch ein sogenanntes Kenia-Bündnis von CDU, Grünen und SPD über eine knappe Mehrheit im Abgeordnetenhaus verfügen.
Sowohl SPD als auch Grüne hatten eine verbindliche Verständigung aller drei Parteien über den Kampf gegen den Antisemitismus und den Schutz jüdischen Lebens zur Grundvoraussetzung für den Beginn von Sondierungen gemacht. Die Linke hatte diesem Vorgehen zugestimmt.
Wie der rbb am Sonntag berichtete, haben in der Vorwoche erste Dreierrunden im Rahmen der Vorgespräche stattgefunden. Am Samstag hatten die Parteien mitgeteilt, sich auf einen „gemeinsamen Weg“ verständigt zu haben.

„Berliner Appell“ warnt vor Linken-Regierung

Prominente frühere Politiker von Grünen, SPD und CDU haben sich gegen eine Koalition unter der Führung der Linken ausgesprochen.
In dem als „Berliner Appell für Verantwortung“ betitelten Text warnen unter anderem der erste grüne Bundesaußenminister Joschka Fischer, der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse von der SPD und der frühere CDU-Kanzleramtschef Peter Altmaier vor einer solchen Koalition.
Die Unterzeichner drücken ihre Befürchtung aus, dass eine Regierung unter Führung der Berliner Linken „ein Klima erzeugt, in dem nicht mehr die Sicherheit von Jüdinnen und Juden in Berlin garantiert werden kann“.
Die Linke Berlin sei eine „in Teilen antisemitische Partei“. Weiter heißt es in dem Appell: „CDU, Bündnisgrüne und SPD haben jetzt die Aufgabe, ernsthaft zu prüfen, wie sie vor diesem Hintergrund gemeinsam Verantwortung für Berlin übernehmen können.“

Merz: „Ich kann es mir nicht vorstellen“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) warnt ebenfalls vor einem von der Linken geführten Regierungsbündnis in Berlin.
Diese Warnung meine er „sehr ernst“, sagte der Kanzler am Mittwoch in Berlin bei einer Veranstaltung des „Handelsblatts“ und der „WirtschaftsWoche“. „Ich kann es mir nicht vorstellen.“
Merz ordnete seine Äußerungen auch vor dem Hintergrund des dritten Jahrestags des Hamas-Großangriffs auf Israel ein. „Gerade an diesem Tag sollen diese unverhandelbaren Grundsätze unseres Gemeinwesens allen Ernstes verhandelt werden, sollen in Teilen zur Disposition gestellt werden für ein Regierungsbündnis mitten in unserer Hauptstadt?“, fragte Merz. Da fehlten ihm „die Worte“.

Irritationen nach Wahlparty in Neukölln

In den Reihen von Grünen und SPD hatte es teilweise erhebliche Vorbehalte gegen ein mögliches Bündnis unter Führung der Linken gegeben. Grund waren insbesondere antisemitische Vorfälle und Äußerungen aus den Reihen der Partei während des Wahlkampfs. Vor allem der Bezirksverband Neukölln geriet diesbezüglich mehrfach in die Kritik.
Wenige Tage nach der Wahl hatte die Vorsitzende der Linken in Berlin, Kerstin Wolter, laut der „Jüdischen Allgemeinen“ die Schwerpunkte der Vorgespräche erläutert. So gehe es bei den ersten Terminen um Sicherheit und Schutz jüdischen Lebens und den Kampf gegen Antisemitismus. Zudem seien auch Sicherheit und Schutz muslimischen Lebens, der LGBTQ*-Community und der Kampf gegen Rassismus Kernthemen.
Grünen-Fraktionschefin Bettina Jarasch und SPD-Landesvorsitzende Bettina König erklärten, dass man auch Themen wie Organisierte Kriminalität und gesellschaftlicher Zusammenhalt erörtert habe.
Zuvor hatte eine öffentliche Wahlparty des Linken-Bezirksverbandes Neukölln für Irritationen gesorgt.
Ein führender Aktivist des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees hatte sich dort eingefunden. Dieses bildet nach Einschätzung des Verfassungsschutzes ein gemeinsames Dach für Anhänger von Vereinigungen wie die Volksfront zur Befreiung Palästinas und die Hamas, die beide von der EU als Terrororganisationen geführt werden.
Außerdem warf ein Chatverlauf Fragen über eine mögliche Nähe des Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak zum sogenannten Clanmilieu auf. Der Politiker hat sich mittlerweile aus dem Innenausschuss zurückgezogen.

Grüne und SPD: Linke muss noch weitere Zugeständnisse machen

Die Parteiführung der Linken hatte mehrfach klargestellt, dass sie sich zum Existenzrecht Israels und zum Schutz jüdischen Lebens bekenne. Neben der Antisemitismus-Thematik gibt es jedoch noch weitere Vorbehalte bei den potenziellen Koalitionspartnern.
Grünen-Co-Parteichefin Franziska Brantner verweist unter anderem auf Forderungen, die im Wahlkampf von Teilen der Linken erhoben wurden. Gegenüber dem „SPIEGEL“ erklärte sie Ende September: „Wir werden weder den Verfassungsschutz noch die Polizei abschaffen lassen, das ist für uns nicht akzeptabel.“
Ein weiterer Punkt ist jener der von der Linken geforderten Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen mit einem Bestand von mehr als 3.000 Einheiten. Dagegen sperrt sich vor allem die SPD.

Eralp wäre erste Regierende Bürgermeisterin der Linkspartei in Berlin

Auch der Beginn regulärer Sondierungen stellt keine Garantie dafür dar, dass es auch zu Koalitionsverhandlungen und am Ende tatsächlich zu einer rot-grün-roten Koalition kommen würde.
Die Linke war in Berlin bislang in mehreren Koalitionsregierungen als Juniorpartner beteiligt. In den 2000er-Jahren regierte sie – teilweise noch als PDS – unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit. Von 2016 bis 2023 war die Linke gemeinsam mit den Grünen an SPD-geführten Koalitionsregierungen beteiligt.
Elif Eralp wäre, sollte es zu einem rot-grün-roten Bündnis kommen, die erste Regierende Bürgermeisterin in Berlin, die von der Linken gestellt würde.
Mit Material der Nachrichtenagenturen