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China-Schock 2.0: Warum Deutschland und die EU ihre Wirtschaftspolitik überdenken müssen


In Kürze:

  • Wettbewerbsdruck: Chinesische Hersteller werden zunehmend zu Konkurrenten der deutschen Automobil- und Maschinenbauindustrie.
  • Handelspolitik: Die EU setzt auf Ausgleichszölle und Industriepolitik, riskiert damit aber höhere Kosten für Unternehmen und Verbraucher.
  • Standort Deutschland: Investitionen, Innovationen und bessere Produktionsbedingungen sollen die Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken.

 
Deutschland verkauft immer weniger Waren nach China, während chinesische Produkte zunehmend auf den deutschen Markt gelangen. Im Jahr 2025 exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von 81,3 Milliarden Euro in die Volksrepublik, 9,7 Prozent weniger als im Vorjahr.
Gleichzeitig stiegen die Einfuhren aus China um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hervor.
Über Jahrzehnte war China für die deutsche Industrie vor allem ein wichtiger Absatzmarkt. Deutsche Unternehmen lieferten Maschinen, Autos und Industrieanlagen in die Volksrepublik. Doch die Konkurrenz wächst. Chinesische Hersteller produzieren inzwischen viele dieser Güter selbst und konkurrieren zunehmend auch auf europäischen Märkten mit deutschen Unternehmen.
Wirtschaftsforscher sprechen inzwischen von einem zweiten China-Schock. „Seit Anfang der 2020er-Jahre hat sich der Einfluss Chinas jedoch zu einem regelrechten China-Schock 2.0 entwickelt“, schreiben die ING-Ökonomen Bert Colijn und Carsten Brzeski in einer Analyse vom November 2025.
Der erste China-Schock folgte auf den Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Damals gerieten vor allem Hersteller arbeitsintensiver Produkte unter Druck. Heute konkurrieren chinesische Unternehmen zunehmend auch in Industriezweigen, die für Deutschland besonders wichtig sind: Automobilbau, Maschinenbau und Elektrotechnik.

China wird vom Kunden zum Konkurrenten

Besonders deutlich wird der Wandel in der Automobilindustrie. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wurden 2025 in China rund 13 Millionen Elektroautos verkauft. Rund sechs von zehn weltweit verkauften Elektrofahrzeugen entfielen damit auf den chinesischen Markt.
Die hohen Stückzahlen verschaffen chinesischen Herstellern Kostenvorteile. Sie können ihre Fabriken besser auslasten und Entwicklungskosten auf mehr Fahrzeuge verteilen. Hinzu kommt ihre starke Stellung bei der Batterieproduktion.
Auch für die deutsche Automobilindustrie verändert die Elektromobilität die Anforderungen. Während bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor Motoren und Getriebe eine zentrale Rolle spielen, gewinnen bei Elektroautos Batterien, Software und elektronische Steuerungssysteme an Bedeutung. Das wirkt sich auch auf die Zulieferer aus.
Eine Untersuchung des ifo Instituts zeigt, dass Unternehmen mit Schwerpunkt Elektromobilität andere Fachkräfte benötigen als Hersteller, die vor allem auf Verbrennungstechnologie setzen. „Die Unterschiede in der Arbeitsnachfrage spiegeln den tiefgreifenden Strukturwandel in der Automobilbranche wider“, erklärte ifo-Forscher Oliver Falck.
Der Wettbewerb mit China beschränkt sich allerdings nicht auf die Automobilindustrie. Auch im Maschinenbau geraten europäische Hersteller zunehmend unter Druck. Nach einer Untersuchung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben sich die Warenexportstrukturen Chinas und mehrerer EU-Staaten zwischen 2019 und 2025 zunehmend angeglichen.
Besonders ausgeprägt war diese Entwicklung in Deutschland. Verantwortlich dafür waren nach Angaben der EZB vor allem Maschinen und Fahrzeuge. Damit wächst der Wettbewerb zwischen chinesischen und deutschen Herstellern in wichtigen Industriezweigen.

Welche Rolle spielen staatliche Subventionen?

Ein Grund für den Aufstieg chinesischer Unternehmen ist die staatliche Industriepolitik. China unterstützt ausgewählte Industriezweige mit staatlichen Zuschüssen, Steuervergünstigungen, günstigen Krediten und verbilligten Grundstücken.
Laut Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) erreichte diese Förderung 2023 einen geschätzten Umfang von bis zu 4,4 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Besonders stark profitierten die Halbleiterindustrie, die Hightech-Produktion und der Automobilsektor von direkten Zuschüssen und Steuervergünstigungen.
Die Förderung hat laut IWF allerdings auch wirtschaftliche Nachteile. Subventionierte Unternehmen können ihre Produkte günstiger anbieten und ihre Produktion stärker ausweiten, als es ohne die staatlichen Eingriffe der Fall wäre. Dadurch werden Kapital und Arbeitskräfte teilweise weniger produktiv eingesetzt.
Den daraus entstehenden Verlust an gesamtwirtschaftlicher Produktivität in China beziffern die IWF-Forscher auf rund 1,2 Prozent.

Können Zölle die deutsche Industrie schützen?

Die EU hat bereits reagiert. Seit Oktober 2024 erhebt sie zusätzliche Zölle auf bestimmte Elektroautos aus China. Für BYD beträgt der Aufschlag beispielsweise 17 Prozent, für SAIC 35,3 Prozent. Grundlage ist eine Untersuchung der Europäischen Kommission zu staatlichen Subventionen. Die Sätze sind in einer EU-Verordnung festgelegt.
Die zusätzlichen Zölle verteuern zunächst die Einfuhr chinesischer Elektroautos. Geben Hersteller und Händler die höheren Kosten an ihre Kunden weiter, steigen die Verkaufspreise. Davon könnten europäische Autobauer profitieren, weil chinesische Modelle einen Teil ihres Preisvorteils verlieren.
Allerdings sind auch deutsche Unternehmen betroffen, die Fahrzeuge in China produzieren und nach Europa liefern. So vereinbarte Volkswagen im Februar 2026 mit der EU-Kommission eine Ausnahme für den Cupra Tavascan. Dafür muss der Konzern unter anderem einen Mindestpreis einhalten.
Hinzu kommt das Risiko chinesischer Gegenmaßnahmen. Sollte Peking seinerseits europäische Waren mit zusätzlichen Zöllen belegen, könnte dies deutsche Exporteure treffen.
Zölle können Wettbewerbsnachteile durch staatliche Subventionen ausgleichen. Sie lösen jedoch nicht die Probleme der europäischen Industrie. Hohe Produktionskosten oder technologische Rückstände verschwinden dadurch nicht.

Die EU will mehr selbst produzieren

Deshalb setzt die Europäische Kommission zusätzlich auf Industriepolitik. Im März 2026 stellte sie den Entwurf eines sogenannten Industrial Accelerator Act vor. Damit sollen Investitionen erleichtert, Genehmigungen beschleunigt und europäische Produktionsstandorte gestärkt werden.
Bei bestimmten öffentlichen Aufträgen und Förderprogrammen könnten künftig die Herkunft und die klimafreundliche Herstellung von Industrieprodukten stärker berücksichtigt werden. Beispielsweise könnten bei staatlich geförderten Projekten Anforderungen an den verwendeten Stahl gelten.
Davon könnten deutsche Unternehmen profitieren, weil bei staatlich geförderten Projekten häufiger Produkte aus Europa zum Einsatz kämen. Allerdings könnten dadurch auch die Kosten steigen.
Wenn beispielsweise für ein Bauprojekt nur Stahl verwendet werden darf, der bestimmte Herkunfts- oder Klimaanforderungen erfüllt, obwohl anderer Stahl günstiger wäre, wird das Vorhaben möglicherweise teurer.
Die EU muss deshalb zwei Interessen miteinander vereinbaren: Einerseits will sie die heimische Industrie und ihre Arbeitsplätze stärken. Andererseits sind viele europäische Unternehmen auf günstige Rohstoffe und Bauteile aus dem Ausland angewiesen.
Werden diese durch neue Vorschriften ausgeschlossen, könnten ihre Produkte teurer und auf dem Weltmarkt weniger konkurrenzfähig werden.

Abhängigkeiten verringern, ohne sich abzuschotten

Neben dem Preiswettbewerb beschäftigt die EU ihre Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen und Bauteilen. Mit dem Critical Raw Materials Act will sie die Versorgung mit wichtigen Materialien verbessern.
Bis 2030 sollen innerhalb Europas mindestens 10 Prozent des jährlichen Bedarfs an strategischen Rohstoffen gewonnen, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent durch Recycling gedeckt werden können.
Für deutsche Hersteller von Batterien, Elektromotoren und Industrieanlagen geht es dabei um Versorgungssicherheit. Fehlt ein wichtiger Rohstoff, kann die Produktion eines wesentlich teureren Endprodukts stillstehen. Eine vollständige Rückverlagerung aller Lieferketten nach Europa wäre jedoch teuer.
Der Critical Raw Materials Act setzt deshalb auch auf breiter gestreute Bezugsquellen: Bei keinem strategischen Rohstoff sollen bis 2030 mehr als 65 Prozent des EU-Bedarfs aus einem einzigen Drittland stammen.

Wie sollte Deutschland reagieren?

Trotz des zunehmenden Wettbewerbs bleiben China und Europa wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Nach Angaben von Eurostat importierte die EU 2025 Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. Umgekehrt verkauften europäische Unternehmen Waren im Wert von 199,6 Milliarden Euro in die Volksrepublik.
Würde die EU den Handel mit China stark einschränken, hätte das auch Folgen für die eigene Wirtschaft. Viele deutsche Unternehmen beziehen beispielsweise elektronische Bauteile, Batterien oder Maschinenkomponenten aus China. Müssten sie diese bei anderen Herstellern einkaufen, könnten höhere Kosten entstehen. Das würde ihre Produkte verteuern und den Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten erschweren.
Auch Verbraucher könnten betroffen sein, etwa durch steigende Preise für Elektrogeräte oder Autos. Umgekehrt könnten chinesische Handelsbeschränkungen deutsche Unternehmen treffen, die ihre Fahrzeuge oder Maschinen nach China verkaufen. Sinkende Exporte könnten zu Produktionsrückgängen führen und Arbeitsplätze gefährden.
Die EU setzt deshalb auf verschiedene Maßnahmen. Zusätzliche Zölle sollen Nachteile durch staatliche Subventionen ausgleichen. Neue Handelspartner könnten die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen verringern. Gleichzeitig sollen bessere Investitionsbedingungen, schnellere Genehmigungen und die Entwicklung neuer Technologien die europäische Industrie stärken.
Der zweite China-Schock unterscheidet sich damit deutlich vom ersten: Chinesische Unternehmen konkurrieren heute zunehmend mit deutschen Auto- und Maschinenbauern. Dabei geht es nicht mehr nur um niedrigere Preise.
Auch bei modernen Technologien und hochwertigen Industrieprodukten hat die chinesische Konkurrenz an Bedeutung gewonnen. Für Deutschland stellt sich damit die Frage, wie seine Industrie unter diesen veränderten Bedingungen international wettbewerbsfähig bleiben kann.
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Deutschland zwischen Wirtschaftsinteressen und wachsender Abhängigkeit


In Kürze:

  • Wirtschaftsministerin Katherina Reiche reist mit einer Wirtschaftsdelegation aus rund 40 Unternehmen nach China.
  • Im Fokus stehen faire Wettbewerbsbedingungen, Lieferketten, Seltene Erden und bessere Marktchancen für deutsche Firmen.
  • Mehrere EU-Staaten fordern eine härtere Linie gegenüber China – Deutschland setzt weiter auf wirtschaftliche Zusammenarbeit.
  • Gleichzeitig wächst Deutschlands Abhängigkeit von China bei Akkus, Solarpanels, Antibiotika und wichtigen Rohstoffen.

 
Am Dienstag, 26.5., ist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gemeinsam mit einer Wirtschaftsdelegation von rund 40 Unternehmen zu einem viertägigen Besuch in China eingetroffen. Die Reise führt sie nach Peking und in die südchinesische Metropole Guangzhou. Bereits im Februar hatte Bundeskanzler Friedrich Merz das Land besucht.
Im Mittelpunkt der Gespräche stehen faire Wettbewerbsbedingungen und stabile Lieferketten. Reiche will mit Vertretern der kommunistischen Partei zudem über Marktzugangsbedingungen für deutsche Unternehmen, den Zugang zu Seltenen Erden sowie einen „ausbalancierten Zustand“ im Bereich der Unternehmensförderung sprechen, der insbesondere die Subventionspolitik adressiert.

Gespräche zu Handel und Schlüsselindustrien

Am ersten Tag stand ein Gespräch zwischen Reiche und dem Vizeminister der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform, Zhou Haibing, auf dem Programm. Weitere Gesprächspartner sind Handelsminister Wang Wentao und Vize-Premier He Lifeng. In Guangzhou sind Firmenbesuche sowie Gespräche mit der Lokalregierung geplant.
Unter den Mitgliedern der Wirtschaftsdelegation befinden sich unter anderem BASF-Chef Markus Kamieth, Thyssenkrupp-Vorstandschef Miguel Ángel López Borrego und Thomas Stierle von der E-Mobility-Sparte bei Schaeffler. Dies deutet darauf hin, dass die Ministerin das bilaterale Kooperationspotenzial nutzen will, um Aufträge für deutsche Unternehmen zu sichern.
Reiche will in Guangzhou unter anderem Unternehmen wie Ehang und WeRide besuchen. Ehang produziert autonome Flugtaxis – die zertifiziert und zum Teil sogar schon im Einsatz sind. WeRide gehört zu den Pionieren des autonomen Fahrens und entwickelt die sogenannte Level-4-Technologie. Auch hier gibt es bereits erste Genehmigungen für den regulären Betrieb.

Stetig steigendes deutsches Handelsdefizit mit China

Obwohl Deutschlands Handelsdefizit mit China bereits bei 87 Milliarden Euro liegt – mit weiter steigender Tendenz –, wendet sich die Bundesregierung gegen jüngste Vorstöße mehrerer EU-Partner. Wie „Euronews“ berichtet, formulierten mehrere EU-Staaten am Wochenende ein sogenanntes Non-Paper. Dabei handelt es sich um eine unverbindliche Erklärung, die jedoch auf einen aus Sicht der Unterzeichner dringenden Handlungsbedarf hinweist.
Der Vorstoß kommt von Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden und damit mehreren der größten Volkswirtschaften der EU. Auch Litauen schloss sich der Erklärung an. Die Unterzeichner fordern die EU auf, wirksame Maßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten und unfaire Handelspraktiken zu ergreifen.
Deutschland will sich dem Aufruf jedoch nicht anschließen – obwohl gerade das wachsende deutsche Handelsdefizit in Brüssel zunehmend Besorgnis auslöst. Bereits im März war Bundeskanzler Friedrich Merz mit seinem Vorschlag für ein Handelsabkommen mit China bei der EU-Kommission auf Ablehnung gestoßen.

Merz scheiterte in Brüssel mit Vorstoß zu Handelsabkommen

Der stellvertretende Chefsprecher der EU-Kommission, Olof Gill, sprach damals von einer „Reihe von Bedenken und echten Herausforderungen, die die Europäische Union China konsequent vorgetragen hat“. Diese müsse man „sinnvoll angehen, bevor wir überhaupt über zukünftige Abkommen oder Ähnliches sprechen können“.
China bleibt mit einem Handelsvolumen von rund 250 Milliarden Euro im Jahr 2025 Deutschlands wichtigster Handelspartner. Zudem haben etwa 5.200 deutsche Unternehmen in dem Land investiert. Gleichzeitig wächst Deutschlands Abhängigkeit von China in Bereichen wie Lithium-Ionen-Akkus, Solarpanels, Antibiotika und Seltenen Erden.
Einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zufolge stieg der chinesische Anteil an importierten Solarpanels von rund 89 auf knapp 93 Prozent. Bei Antibiotika erhöhte er sich von gut 65 auf etwa 73 Prozent.

Zunehmendes Eskalationspotenzial im Handelskonflikt zwischen EU und China

Die EU hat zuletzt mehrere Maßnahmen gegen chinesische Handelspraktiken ergriffen. Dazu gehören seit Herbst 2024 Zusatzzölle von 7,8 bis 35,3 Prozent auf Elektroautos aus China. Durch Mindestpreisvereinbarungen können Unternehmen diese jedoch umgehen. Zudem gelten Zölle auf Bariumcarbonat und bestimmte Stahlimporte. Darüber hinaus laufen Untersuchungen gegen chinesische Hersteller von Windturbinen, Solarpanels und Zügen.
Als allgemeinen Schutzmechanismus setzt die EU zudem den sogenannten CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) ein, der einer CO₂-Grenzabgabe auf importierte Produkte entspricht. Außerdem plant die EU, bereits 2026 die Zollfreigrenze für Pakete abzuschaffen – ein Schritt, der vor allem chinesische Billigversender treffen würde.
Peking reagierte bislang mit Sonderzöllen auf Branntwein, Schweinefleisch und Milchprodukte. Seit Mai 2026 gilt zudem ein Kooperationsverbot für chinesische Unternehmen bei EU-Untersuchungen zu ausländischen Subventionen. Darüber hinaus behält sich die chinesische Führung Exportbeschränkungen für Seltene Erden vor.
(Mit Material von Nachrichtenagenturen)