Handgeschriebene Briefe sind heute eher eine Rarität. - Foto: fermate/iStock
Latein mag als tote Sprache gelten, doch gerade sie ermöglichte eine ungewöhnlich lebendige Freundschaft zwischen dem beliebten irischen Schriftsteller C. S. Lewis und dem 1999 heiliggesprochenen italienischen Priester Giovanni Calabria.
Obwohl die beiden Männer sich nie trafen, schrieben sie sich zwischen 1947 und 1961 zahlreiche Briefe – alle durchgehend in Latein verfasst, eine Herausforderung, die gut zu einem Altphilologen und einem römisch-katholischen Priester passt.
„Sie waren klar, fließend und von außerordentlicher Frische“, schrieb Martin Moynihan in seinem kurzen Buch über den Briefwechsel dieser beiden außergewöhnlichen Männer. (Alle folgenden Zitate ebendort entnommen, frei übersetzt aus dem Englischen).
„Sie besaßen zudem den Hauch des Besonderen – nicht zuletzt durch ihren kunstvollen Anfang und Abschluss, also die stets leicht variierten förmlichen Anreden und Abschiedsformeln. Jede Anrede war eine Unziale, jeder Schluss ein Kolophon – jeweils mit ihren ganz eigenen charakteristischen Verzierungen.“
Die Entdeckung der Lewis-Briefe
Moynihan freute sich ungemein, als er in den Archiven des Wheaton College die Briefe von Lewis an „einen Korrespondenten in Italien“ entdeckte. Es gab 25 Briefe von Lewis, geschrieben in makellosem Latein, ein bis zwei pro Jahr zwischen 1947 und 1961.
Es sind jedoch keine Kopien von Calabrias Antworten mehr erhalten. Moynihan erklärte, es sei Lewis’ Gewohnheit gewesen, Briefe, die er erhielt, nicht lange aufzubewahren, und er habe Calabrias Briefe verbrannt, nicht weil er sie nicht geschätzt habe, sondern weil er der Meinung war, sie verdienten den Respekt des Schweigens.
Mit seinen eigenen Worten: „Denn heutzutage graben investigative Forscher all unsere Angelegenheiten aus und besudeln sie mit dem Gift der ‚Öffentlichkeit‘ – um einer barbarischen Sache einen barbarischen Namen zu geben.“ Lewis wollte nicht, dass Calabria diese Schande erleide, und bewahrte daher die Briefe des Priesters an sich selbst nicht auf.
Calabria war ein in Verona lebender italienischer Priester und der Gründer von zwei religiösen Kongregationen, den „Armen Dienern der göttlichen Vorsehung“ und den „Armen Dienerinnen der göttlichen Vorsehung“. Er gründete auch Waisenhäuser und Heime für verlassene Jugendliche.
Calabria wurde 1873 geboren und 1901 zum Priester geweiht. Eine Begebenheit, die sich während seines Studiums im Priesterseminar ereignete, offenbarte Calabrias mitleidiges Herz. In einer eiskalten Novembernacht im Jahr 1897, Calabria kam gerade von einem Besuch bei den Kranken im Hospital zurück, entdeckte er vor seiner Haustür einen Jungen. Er kauerte dort und zitterte.
Wie sich herausstellte, war der Junge auf der Flucht vor jemandem, von dem er befürchtete, dass er ihn verprügeln würde. Calabria nahm den Jungen bei sich auf. Diese Begegnung markierte den Beginn seiner Fürsorge für die Waisen und Verlassenen.
Nach seiner Priesterweihe wirkte Calabria als Beichtvater und Kaplan an der Stephanuskirche zu Verona. Hier stand er den Menschen in der Beichte bei, vollbrachte Werke der Barmherzigkeit und nahm sich der Ausgestoßenen und Vergessenen an.
Calabrias Wege durch die gewundenen und sonnengebleichten Straßen Veronas würden sich wohl kaum mit denen eines Oxford-Gelehrten kreuzen. Doch genau das taten sie. Im Jahr 1947 geriet eine italienische Übersetzung von Lewis’ „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“ (Originaltitel: „The Screwtape Letters“) in die Hände des Priesters. Calabria beschloss umgehend, dem Autor des Buches zu schreiben. Doch es gab ein Problem: Er konnte kein Englisch.
Er vermutete jedoch – und lag damit richtig –, dass Lewis als geschätzter Altphilologe wohl des Latein mächtig sein würde. Und so schrieb er am 1. September 1947 in der antiken Sprache einen Brief an den Professor.
Zu seiner Freude antwortete Lewis und eine langjährige Brieffreundschaft zwischen den beiden Seelenverwandten begann. Ihre Gespräche streiften gar viele Themen, persönliche als auch theologische.
Porträt des Heiligen Giovanni Calabria. Verona, Privatsammlung.
Spirituelle Verwandtschaft in einer Welt im Wandel
Ein wiederkehrendes Thema betraf ihren gemeinsamen Wunsch nach Einheit unter den Christen. Für Calabria war dieses Fundament der Einheit im Papsttum zu finden.
Lewis hatte als Anglikaner wahrscheinlich eine andere Vorstellung vom Wesen der christlichen Einheit, doch auch er betete für die Einheit unter den verschiedenen Konfessionen. Lewis schien in der Freundschaft zwischen sich und dem Priester jenen kleinen Akt der Versöhnung zu sehen, die er sich für alle Christen erhoffte.
Er fand es „eine wunderbare Sache und eine Stärkung des Glaubens, dass zwei Seelen, die sich in Lebensort, Nationalität, Sprache, Ordensgehorsam und Alter voneinander unterscheiden, in herzliche Vertrautheit geführt worden sind: So weit übersteigt die Ordnung der geistigen Wesen die materielle Ordnung“, zitierte Moynihan in seinem Buch.
Er merkte außerdem an, dass die Konfrontation mit gemeinsamen Feinden dazu beitragen könnte, eine gemeinsame Basis unter Christen zu schaffen, und nannte die Verfolgungen durch Hitler als konkretes Beispiel. „Diejenigen, die dasselbe von denselben Leuten für dieselbe Sache erleiden, können kaum umhin, Liebe untereinander zu empfinden.“
Lewis und Calabria blickten düster auf den Zustand Europas, das sich ihrer Ansicht nach immer weiter von seinen christlichen Wurzeln entfernte. In einem Brief vom 17. März 1953 stellte Lewis fest, dass die Abkehr des Westens vom Christentum nicht mit seinem vorchristlichen Zustand verglichen werden könne.
Er schrieb: „Was Sie über den gegenwärtigen Zustand der Menschheit sagen, ist wahr; ja, er ist sogar noch schlimmer, als Sie sagen.
Denn die Menschen vernachlässigen nicht nur das Gesetz Christi, sondern selbst die natürliche Ordnung, wie sie auch die Heiden erkannt haben. Heute erröten sie nicht mehr angesichts von Ehebruch, Verrat, Meineid, Diebstahl und anderen Verbrechen – Verbrechen, von denen ich nicht einmal sagen will, dass nur christliche Lehrer sie verurteilt haben; auch die Heiden und die Barbaren selbst haben sie verurteilt.
Diejenigen irren, die sagen: ‚Die Welt wird wieder heidnisch.‘ Ach, wäre es doch so! In Wahrheit fallen wir in einen weit schlimmeren Zustand zurück.
Der ‚nachchristliche Mensch‘ ist nicht dasselbe wie der ‚vorchristliche Mensch‘. Er ist so weit davon entfernt wie eine Jungfrau von einer Witwe: Es gibt nichts Gemeinsames außer dem Mangel an einem Ehepartner; aber es gibt einen großen Unterschied zwischen einem zukünftigen Ehepartner und einem verlorenen Ehepartner.“
Lewis verstand jedoch, dass die Heilung der Übel dieser Welt damit beginnt, die Probleme vor der eigenen Haustür anzugehen. Die Verbesserung des Loses der Menschheit beginnt mit der Verbesserung des Loses des eigenen Nächsten. „Hüten wir uns davor, dass wir, während wir uns vergeblich wegen des Schicksals Europas quälen, Verona oder Oxford vernachlässigen“, warnte er.
Die beiden Männer tauschten auch persönlichere Gedanken aus, etwa als Calabria so lange über seine eigene Sündhaftigkeit klagte, dass Lewis sich dazu veranlasst sah, ihn davor zu warnen, darüber in Traurigkeit oder ängstliche Sorge zu verfallen.
Lewis seinerseits teilte Calabria den Schmerz mit, den die Krankheit seiner geliebten Frau Joy verursachte (Lewis nannte es auf Latein „letalis morbus“, ihre „tödliche Krankheit“). Doch selbst in diesen schweren Stunden bemerkte Lewis, dass jene dunklen Tage des Leids und des schmerzlichen Abschieds nicht ohne Freude und Trost geblieben waren. „Und wie sollte es auch anders sein?“, schrieb er. „Hat Er doch verheißen, die Trauernden zu trösten?“
Einige Bemerkungen waren jedoch heiterer Natur, etwa als Lewis erklärte, er habe nicht schneller antworten können, weil er unter „dem Fluch unseres Ur-Vaters“ gelitten habe – womit er die Last meinte, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, indem er sich zu Beginn des Semesters mit einer Flut zurückkehrender Studenten beschäftigte.
Moynihan fasste den Briefwechsel zwischen C.S. Lewis und Giovanni Calabria so zusammen: „Wenn man auf das Ganze zurückblickt, sieht man, dass Lewis und Father John sich darin einig sind, einen Dienst der Nächstenliebe zu lehren.“ Diese Tugend scheint in den Worten, die diese Männer schrieben, ebenso aufzuleuchten und Licht zu spenden wie in dem Leben, das sie führten.
Sie setzten ihren Austausch bis zu Calabrias Tod fort. Er starb am 4. Dezember 1954, nachdem er Gott sein Leben für das des kränkelnden Papstes Pius XII. angeboten hatte (der sich erholte und noch weitere vier Jahre lebte).
Nach Calabrias Tod setzte Lewis den Briefwechsel mit anderen Mitgliedern von Calabrias Gemeinschaft bis in die frühen 1960er-Jahre fort. Calabria wurde 1999 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.
Neben dem Zeugnis für die brüderlichen Herzen zweier guter Männer besitzt dieser einzigartige Briefwechsel zwischen Lewis und Calabria auch einen besonderen literarischen Wert: Er erinnert uns an die (weitgehend verloren gegangene) Kunst des Briefeschreibens.
Pater George Rutler schrieb 2018 im „Crisis Magazine“, das edle Latein dieser beiden Freunde sei ein letzter Nachhall einer Denk- und Schreibweise gewesen, die bereits zu ihrer Zeit im Begriff war, aus der Welt zu verschwinden – und die in unserer eigenen Zeit noch viel mehr verloren gegangen ist.
„Der rhythmische Briefwechsel zwischen dem Oxforder Akademiker und dem Priester aus Verona erinnert uns unter anderem an den Zusammenbruch des Briefeschreibens als Prüfstein der Kultur. Für viele ist die einzige Post heute die E-Mail. Textnachrichten verhindern das Nachsinnen und blockieren jeden inneren Cicero.“
Die Beständigkeit und Mühe, die diese beiden in ihre Briefe steckten, helfen, uns an die Würde zu erinnern, die sogar eine „beiläufige“ Kommunikation begleiten kann.
Ganz zu schweigen davon, dass es uns das Studium des Lateinischen empfiehlt – man weiß schließlich nie, wann man es brauchen könnte.
Die Restauratorin Susanne Bretzel hält ein in einer mittelalterlichen Latrine in Paderborn gefundenes Notizbuch in der Hand. - Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/E. Daood
In Kürze:
Bei Stadtgrabungen in Paderborn haben Archäologen ein mittelalterliches Notizbuch in einer Latrine entdeckt.
Das zehnseitige Buch aus Wachstafeln ist inklusive Ledereinband und eingeritzten Notizen in lateinischer Sprache erhalten.
Ähnliche Funde – allerdings ohne persönliche Notizen – sind aus Lübeck oder Lüneburg bekannt.
Derzeit wird der Inhalt des Buches transkribiert. Bis der Text übersetzt ist, werden einige Monate vergehen.
Bei Ausgrabungen in Paderborn haben Archäologen einen besonderen Fund gemacht. Im Zuge von Bauarbeiten zum Neubau der Stadtverwaltung entdeckten sie in einer mittelalterlichen Latrine ein außergewöhnlich gut erhaltenes Notizbuch aus dem 13. bis 14. Jahrhundert. Das beschriebene Fundstück aus Leder, Holz und Wachs wird jetzt restauriert und konserviert. Danach soll der Text entschlüsselt werden.
„Dies ist der einzige derartige Fund in ganz Nordrhein-Westfalen. Klingt komisch, aber für uns ist die Latrine fast immer eine Schatzgrube. Vergleichbare mittelalterliche Stücke kennt man aus Lübeck oder Lüneburg, wo ein ähnlich feuchtes Milieu im Boden die Funde erhalten hat. In keinem Fall ist aber wie bei uns das komplette Buch erhalten“, erklärte Archäologin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Einblick in alte Geschäfte?
Das rund 700 bis 800 Jahre alte Notizbuch ist nicht nur aufgrund seines überraschend guten Erhaltungszustandes von Bedeutung. Die Archäologen versprechen sich vielmehr wertvolle Einblicke in den Alltag und die Lebensverhältnisse im mittelalterlichen Westfalen.
„Nach sorgfältiger Restaurierung wird es möglicherweise gelingen, den Text mit Hightech-Methoden wieder vollständig lesbar zu machen“, so Dr. Rüschoff-Parzinger. Dafür sind die Archäologen bereits mit Schrift- und Materialfachleuten aus ganz Nordrhein-Westfalen im Gespräch.
Die Stadtarchäologin in Paderborn, Dr. Sveva Gai, erhofft sich von dem Text auch ganz konkrete Informationen zum Autor oder zur Autorin. „Wer hat das Buch geschrieben und welchem Zweck diente es? Ersten Vermutungen nach könnte ein Paderborner Kaufmann der Urheber sein, der stichwortartig Geschäfte notierte und Gedanken festhielt.“
In diesem Ledereinband entdeckten Archäologen das Notizbuch.
Foto: LWL/S. Bretzel
Dies wäre laut den Archäologen nicht überraschend. „Kaufleute waren gebildete Leute: Sie konnten im Gegensatz zum Großteil der Menschen sowohl lesen als auch schreiben“, so die Archäologen.
Aber wie sind die für den Besitzer womöglich wichtigen Aufzeichnungen letztlich in der mittelalterlichen Toilette gelandet? Diese Frage wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass es sich bei dem Verlust um ein Missgeschick handelt.
Der Holzrahmen des mittelalterlichen Notizbuchs ist 8,6 × 5,5 Zentimeter groß und umfasst insgesamt zehn Seiten. Von diesen sind acht doppelseitig und zwei – die erste und die letzte – nur einseitig mit Wachs befüllt.
Das mittelalterliche Notizbuch von außen, aus Holz und ohne Ledereinband.
Foto: LWL/S. Brentführer
Versehen ist das Buch mit einem Ledereinband von 10,0 × 7,5 Zentimetern und war zum Schutz zusätzlich in eine kleine Ledertasche gehüllt. Alles in allem eine schlichte Erscheinung. Die LWL-Restauratorin Susanne Bretzel war die Erste, die den Fund nach Jahrhunderten im Boden gesehen hat.
„In einem nassen Erdklumpen verpackt – und zunächst ganz unscheinbar – klärte sich das Objekt erst bei der Reinigung in unserer Restaurierungswerkstatt in Münster. Und tatsächlich haftete dem Latrinenfund auch nach so vielen Jahrhunderten im Boden noch ein recht unangenehmer Geruch an“, erinnerte sich Bretzel.
Die halb ausgegrabene mittelalterliche Latrine, in der das Notizbuch gefunden wurde.
Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund
Dabei war gerade das feuchte und vor allem luftdichte Milieu des Paderborner Bodens für die Konservierung des Fundes ein Glücksfall. Dieser Boden hat die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der mit einem Griffel – einem Schreibwerkzeug aus Metall, Knochen oder Elfenbein – in Wachs geschriebene Text über 700 bis 800 Jahre hinweg unversehrt geblieben ist.
„Ich musste das Buch nur außen reinigen, da die Innenseiten so fest aneinander saßen, dass dort kein Dreck war. Auch das Holz hat sich nicht verzogen, sodass das Wachs noch intakt und die Schrift an sich gut lesbar ist“, erklärte Bretzel.
Der Text ist in zwei Richtungen geschrieben, je nachdem, wie man das Buch gehalten hat. Geschrieben wurden die Worte aber scheinbar nur von einer Hand. Für die Archäologen spricht dies für die spontane Verwendung als Notizbuch.
Auch das dazugehörige Schreibgerät ist in einem guten Zustand. Wie andere Griffel war auch dieser an einem Ende spitz, um die Buchstaben in das Wachs zu ritzen. Das andere Ende des Griffels war flach wie ein Spatel. Damit konnte das Wachs glattgestrichen und das Geschriebene „gelöscht“ werden, womit die Tafel wiederverwendbar war. Auch der Ledereinband ist noch vollständig erhalten, bis auf die gelösten Fäden.
„Die Oberfläche des Ledereinbandes ist mit einem eingeprägten Muster verziert: kleine, regelmäßige Lilienreihen, die die gesamte Fläche bedecken. Vielleicht können wir daraus zukünftig etwas über die Herkunft des Stückes ableiten oder sogar seinen Herstellungsort nennen“, hoffen die Archäologen.
Der Ledereinband mit Lilienprägung, in dem das Notizbuch – sicher vor Schmutz geschützt – steckte.
Foto: LWL/S. Bretzel
Schon jetzt spricht das Lilienmotiv dafür, dass das Buch aus einem gehobenen Umfeld stammt. So war diese Pflanze im Mittelalter ein Symbol für Reinheit, königliche Macht und göttliche Gunst gewesen und zierte häufig Wappen.
Das Wachs belegt noch immer sämtliche Innenseiten der Tafeln und ist zum großen Teil mit kursiver Schrift versehen. Der Inhalt ist in lateinischer Sprache verfasst, was ebenfalls auf einen Besitzer aus der Oberschicht hinweist. Die charakteristische Kursivschrift datiert das Notizbuch zudem in das 13. bis 14. Jahrhundert.
Aufdecken und Erhalten der Geschichte
Doch das Wachs zeigt nicht nur die zuletzt geschriebenen Seiten. Auch das Abreiben einer älteren Schrift ist noch deutlich lesbar. Mit Hightech-Verfahren könnten zukünftig die verschiedenen, zusammengehörigen Schichten der übereinanderliegenden Schriften getrennt und wieder lesbar gemacht werden. Eine Transkription ist derzeit in Arbeit.
„Der Text ist selbst für Fachleute auf dem Gebiet nicht leicht zu entziffern, einzelne Wörter sind zwar zu erkennen, die Transkription aber wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, da einige Wörter durch falsche Schreibweisen auch verfälscht sein können“, erklärte Rüschoff-Parzinger. Erst nach der erfolgreichen Transkription wird der Text vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt.
Deutlich zu sehen ist die in Wachs eingeritzte lateinische Schrift.
Foto: LWL/S. Brentführer
Zunächst wollen die Archäologen das verwendete Material des Buches untersuchen. Aus welcher Wachs- beziehungsweise Harzmischung besteht das Wachs? Wurden Pigmente beigemischt? Wo liegt sein Schmelzpunkt? Um welches Holz handelt es sich? All diese Daten helfen letztlich bei der Konservierung. Denn für die verschiedenen Materialien kommen unterschiedliche Erhaltungsmethoden zum Einsatz.
Die gesamte Konservierung könnte nach derzeitigen Schätzungen bis zu einem Jahr dauern. Im Anschluss ist vorgesehen, das mittelalterliche Notizbuch im LWL-Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn auszustellen.
Weiteres aus der Schatzgrube
Der Neubau der Stadtverwaltung in Paderborn hat seit Dezember 2024 ausgedehnte archäologische Ausgrabungen mit sich gebracht, da sich das Areal in einem historisch sensiblen Stadtbereich befindet.
Archäologen bei der Arbeit: Sie untersuchen die Verfüllung einer mittelalterlichen Latrine in Paderborn.
Foto: Denkmal3d/Heike Tausendfreund
So stießen Bauarbeiter und Archäologen beim weiteren Ausheben der Baugrube auf insgesamt fünf Latrinen. Aus einer dieser Latrinen stammen nicht nur die Wachstafel, sondern auch Gefäße, Fässer, ein Messer, Stoffreste und Reste von Korbgeflecht aus dem Mittelalter.
Im Zentrum der Stadt Paderborn wohnten vor 800 Jahren höhere Gesellschaftsschichten. Dies zeigt sich auch an den anderen Funden: „Die seidenen Stoffreste aus der Latrine waren teilweise in rechteckige Lappen gerissen“, so die Archäologen.
Die Archäologen vermuten, dass diese edlen Stoffreste zuletzt als Klopapier verwendet wurden.
Foto: LWL/S. Bretzel
Es ist daher gut möglich, dass der edel verzierte Stoff, der vielleicht einst ein teures Kleidungsstück war, als Klopapier seine letzte Verwendung fand. Dies spricht zusammen mit dem Notizbuch für ein gehobenes Stadtviertel.
„Sobald diese Latrine einer bestimmten Parzelle zugeordnet werden kann, könnte man mittels Archivrecherche versuchen, die Bewohner der Parzelle auszumachen. Dann wäre es im besten Fall möglich, die Wachstafel mit dem Namen einer bestimmten Person in Zusammenhang zu bringen“, so die Archäologen abschließend.
(Mit Material des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe)