Die Schweizer stimmen am Sonntag, 14. Juni, ab, ob die Bevölkerung bis 2050 die 10-Millionen-Marke nicht überschreiten darf. - Foto: via dts Nachrichtenagentur
In Kürze:
Eine Schweizer Initiative fordert eine maßvolle Zuwanderung.
Ziel ist der Erhalt von Lebensqualität und Wohlstand.
Seit 2002 ist die Bevölkerung um 1,7 Millionen gewachsen.
Die Regierung warnt vor möglichen Folgen.
Die Schweizer stimmen am Sonntag über eine Initiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ab, die die Bevölkerung auf 10 Millionen Einwohner begrenzen will. In Umfragen liegen laut Agenturen die Gegner knapp vorn. Die Befürworter der Initiative behaupten, die Schweiz mit ihren 9,1 Millionen Einwohnern breche unter der Last der angeblichen „Massenimmigration“ zusammen. Die Regierung und die meisten anderen Parteien warnen hingegen vor katastrophalen Folgen einer Bevölkerungsobergrenze.
Fremd im eigenen Land
„Keine 10-Millionen-Schweiz!“ heißt die Volksinitiative der SVP, die sich gegen Migration und gegen eine Annäherung an die EU positioniert. Die Zuwanderung in die Schweiz sei „massiv zu hoch“, argumentieren die Initiatoren auf ihrer Internetseite. „Wohnungsnot, höhere Mieten, Zubetonierung der Landschaft, Stau und überfüllte Züge, steigende Kriminalität, ein Gesundheitswesen am Anschlag und sinkende Bildungsqualität“ seien die Folgen. Viele fühlten sich „fremd im eigenen Land“, daher „muss jetzt gehandelt werden“.
Deshalb wollen die Initiatoren eine „maßvolle, geregelte Zuwanderung, um unsere Lebensqualität und unseren Wohlstand zu wahren“. Die Bevölkerung solle daher bis 2050 nicht über 10 Millionen steigen. Ende 2025 lebten rund 9,1 Millionen Menschen in der Alpenrepublik, heißt es auf der Website der Regierung. Somit sei die Zahl seit der Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 um rund 1,7 Millionen Bewohner gewachsen.
Die amtliche Statistik deutet darauf hin, dass bis 2055 rund 10,5 Millionen Menschen in der Schweiz leben werden. Sollte die Bevölkerung vor 2050 die 9,5-Millionen-Marke überschreiten, soll die Regierung der Initiative zufolge einschreiten und vor allem weniger Flüchtlinge aufnehmen sowie den Familiennachzug begrenzen, heißt es auf Seite 7 eines Flyers. Falls die Bevölkerung vor 2050 dennoch auf über 10 Millionen wächst, soll die Schweiz ihr Abkommen mit der EU zur Personenfreizügigkeit nach zwei Jahren kündigen.
„Ausländerfeindlich“ und „kontraproduktiv“
Das ist für viele eine rote Linie, da es bedeuten würde, dass zwei 1999 und 2004 mit Brüssel unterzeichnete Vereinbarungen hinfällig würden, die der Schweiz einen weitreichenden Zugang zum europäischen Binnenmarkt ermöglichen. „Die Teilnahme der Schweiz an den EU-Abkommen von Schengen und Dublin würde ebenfalls infrage gestellt, wodurch die enge Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit und Asyl gefährdet wäre“, zitieren Agenturen die Regierung in Bern, die die Schweizer auffordert, am kommenden Sonntag mit Nein zu stimmen.
Die Grünen lehnen das Vorhaben als „ausländerfeindlich“ ab, die Sozialdemokraten sprechen von einer „Chaos-Initiative“, die Zentrumsparteien von einer „oberflächlichen Lösung“. „Ich kann nachvollziehen, dass manche das Ende der Personenfreizügigkeit als Wunderlösung betrachten. Aber die Aufkündigung aller Abkommen mit Europa erscheint mir völlig kontraproduktiv“, sagt Cyril Aellen, Vizepräsident der liberalen Freisinnigen Partei.
Zudem unterschätze die SVP „die sehr konkreten negativen Folgen eines Bevölkerungsrückgangs“, da Ausländer in der Schweiz auch das Sozialsystem mitfinanzierten. „Die Lebenshaltungskosten würden deutlich steigen“, behauptet Aellen.
Die deutschsprachigen Kantone der Schweiz befürworten Einwanderungsbeschränkungen im Allgemeinen eher, während der französischsprachige Westen den EU-Abkommen positiver gegenübersteht. Um angenommen zu werden, benötigt die Initiative sowohl mehr als 50 Prozent der Stimmen auf nationaler Ebene als auch die Zustimmung von mehr als der Hälfte der Kantone.
Bundesstellen begleiten Studie
Eine aktuelle Studie der Universität Genf kommt zu dem Ergebnis, dass der mit der Initiative anvisierte Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung negative wirtschaftliche Folgen hätte, da Schweizer Arbeitskräfte fehlen. Mehrere Bundesstellen haben die Studie „eng begleitet und verabschiedet“.
Demnach machten Ende 2024 Ausländer 27,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus. Rund 330.000 Deutsche leben in der Schweiz. Die meisten Ausländer in dem Land stammen aus Italien.
Manche Branchen sind stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. So machen sie im Gastgewerbe etwa 46 Prozent aus, auf dem Bau 34 Prozent, wobei Grenzgänger noch nicht mitgerechnet sind.
Die SVP sorgte bereits 2009 und 2021 mit Initiativen für Schlagzeilen, durch die Minarette und Burkas verboten wurden. 2014 stimmten die Schweizer zudem einer SVP-Initiative zu, die Quoten für Migranten, insbesondere für Europäer, wieder einführte. Bei der späteren Umsetzung verzichtete die Regierung jedoch auf eine vollständige Wiedereinführung solcher Quoten, weshalb die SVP ihr und dem Parlament vorwirft, den Volksentscheid nicht vollständig umgesetzt zu haben.
Jordi Savall am Abend der Preisverleihung mit Tabea Zimmermann, Bratschistin und Vorsitzende des Stiftungsrates der Ernst von Siemens Stiftung (l.) sowie Ilona Schmiel, Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung zur Auswahl der Preisträger. - Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Es ist unter anderem die Zeit, die Jordi Savall sich nimmt – vielmehr seine Lebenszeit, die er gibt, hingibt, um vergessene Musik uns vorangegangener Generationen wieder zum Leben zu erwecken. Er forscht, recherchiert, entziffert – ohne auf sofortige, schnelle Ergebnisgarantie zu setzen.
Nun wurde der Gambist Savall für sein Lebenswerk mit dem Ernst von Siemens Musikpreis geehrt. Im würdigen Rahmen des Prinzregententheaters in München konnte ihm der Preis persönlich überreicht werden. Das voll besetzte Haus mit rund tausend Plätzen zollte dem 85-Jährigen begeisterten Applaus.
Savall: „Wir wissen, dass die Schönheit der Musik immer die Kraft haben wird, uns zu erretten“
Es ist beileibe nicht die erste Auszeichnung, die Savall sein Eigen nennen darf. 17 davon sind dieser vorangegangen, wie Laudator Edouard Mätzener, selbst Violinist und mehrfach ausgezeichnet, in seiner Rede anmerkt. Mätzener lernte den Maestro bei einem Videointerview kennen, das ihn zunächst – sprachlich bedingt – völlig aus dem Konzept brachte.
Doch lassen Sie uns zuerst die Sprache in den Fokus nehmen, in der Savall im Laufe seines Lebens ein Virtuose geworden ist: die Musik. Es ist der Klang der Stimmen und Instrumente, der einen nach dieser Ehrungsfeier begleitet und wie einen Schatz mit sich trägt.
Savall konzipierte hierfür ein Programm unter dem Titel „Pro Pacem“ – ein musikalisches Plädoyer für den Frieden vom Mittelalter bis in unsere Zeit. Dass dies nicht Worte bleiben, sondern sich auf allen Ebenen des Seins transportiert, ist das, wofür Jordi Savall im hohen Alter von allen Seiten geehrt wird.
Sobald die ersten Töne seiner von ihm gegründeten Ensembles La Capella Reila de Catalunya und Hespèrion XXI erklingen – Savall selbst dabei an der Gambe und von dort aus dirigierend –, entsteht eine Atmosphäre, welche die Herzen zur Ruhe kommen lässt. Aus dieser inneren Stille heraus wird der Frieden erfahrbar, für den Menschen über die Jahrhunderte im Gesang und mit Musik gebetet haben.
Gleichsam einem Zelt öffnen die Musiker den geistigen Raum nach oben – wohlwissend, dass die Überwindung menschlicher Differenzen nur in dieser Ausrichtung nach oben, auf diesem „Umweg“ und mit dem Rückhalt an universellen Werten gelingen kann.
Tabea Zimmermann verliest die Würdigung zum Ernst von Siemens Musikpreis an Jordi Savall.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann
Jordi Savall bei der Preisverleihung des Musikpreises der Ernst von Siemens Stiftung an ihn, am 23. Mai 2026 im Prinzregententheater in München.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Frieden im Herzen
„Der Titel Pro Pacem verweist nicht nur auf den Wunsch nach Frieden und Konfliktfreiheit, sondern auch auf das Streben nach innerer Harmonie und einem tiefen Dialog zwischen Völkern und Glaubensrichtungen“, schreibt Jordi Savall dazu im Programmheft. Und weiter: „Da pacem Domine (Herr, gib uns Frieden) ist der zentrale liturgische Text, der das gesamte Konzert durchdringt …“
In sich wandelnden Formationen – als A-cappella-Gesang, rein instrumental oder in Kombination mit menschlicher Stimme – wird diese Hoffnung in die Welt getragen. Faszinierend dabei ist, wie die Stücke – obwohl über acht Jahrhunderte entstanden und aus unterschiedlichen Kulturen – wunderbar miteinander harmonieren.
Allen eigen ist eine demütige Schlichtheit, die sich in der Interpretation durch Savall und seine Ensembles transportiert. Ob es die Vertonung des Psalms 137 von Salomone Rossi (1570–1630) für vier Männerstimmen ist, eine Schütz-Motette oder ein traditionelles südafrikanisches Lied namens Indodana, das Jehovah und seinen Sohn besingt und bei dem sich die Sängerinnen kreisförmig formieren: Alle Stücke strahlen Größe und Erhabenheit aus, denn sie besingen nichts Geringeres als das Herz des Lebens.
Für Jordi Savall ist es eine innere Verpflichtung, Musik lebendig und immer wieder neu erfahrbar werden zu lassen, auch und gerade bei Alter Musik.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/Astrid Ackermann
Höchst interessant ist auch eine anonyme Hymne an die Jungfrau Maria in arabischer Sprache aus der syrisch-maronitischen Tradition, eine katholische Gemeinschaft mit Ursprüngen im Libanon.
Der Reigen schließt sich mit einer von Savall an Arvo Pärt im Jahr 2004 in Auftrag gegebenen Komposition anlässlich der damaligen Anschläge in Madrid. Fast möchte man sich wünschen, auf das Klatschen zu verzichten, um die Musik aller Stücke in der Stille nachhallen lassen zu können.
Ohne Musik könnte man nicht leben
Warum wird Jordi Savall der mit rund einer Viertelmillion dotierte Ernst von Siemens Preis nun genau verliehen? Dies in wenigen Sätzen beschreiben zu wollen, gleicht dem Unterfangen, eine ganze Welt mit ein paar Worten skizzieren zu wollen.
Festzuhalten ist, dass Jordi Savall schon recht früh die Gnade zuteil wurde, zu wissen, zu erfahren und letztlich zu entscheiden, wofür er geboren wurde. Wie so oft ist es ein leidvolles Ereignis, das zur Erkenntnis verhilft. Er erkrankt mit elf Jahren an Typhus und entdeckt, dass es das geistige und seelische Brot ist, das er wirklich zum Überleben braucht: Puschkin, Beethoven, Brahms und viele andere.
Sein nächster entscheidender Wendepunkt im Alter von vierzehn ist die Begegnung mit Mozarts Requiem und die Entscheidung, Cello zu lernen. Dieser Herausforderung nähert er sich zunächst als Autodidakt und vertraut auf seine Ohren. Disziplin und Ausdauer sind dabei die Wegbegleiter seiner Leidenschaft, 8 Stunden Cellospiel sein tägliches Pensum.
Später wird er am Conservatori Superior de Música del Liceu in Barcelona studieren, und es werden immer wieder die Begegnungen mit Menschen sein, anderen Musikern, die ihm Inspiration sind und die Weichen für die Zukunft stellen. So lernt er die Gambe kennen, entdeckt sie für sich auf seine eigene Weise und mit ihr das Interesse an Notenrepertoire, dessen er in geduldiger Suche in Bibliotheken in Paris, Brüssel und London fündig wird. Es sind ganze Musikwelten, die er so wieder lebendig werden lässt.
Eine glückliche Fügung will es, dass der Direktor des Goethe-Instituts in Barcelona die sogenannte Alte Musik sehr schätzt – das Musikrepertoire vor und aus der Zeit des Barock, dem sich Savall so intensiv widmet. Dies hat zur Folge, dass Savall 1968 mithilfe eines Stipendiums an die Schola Cantorum Basiliensis in der Schweiz gehen kann.
Fünf Jahre später, bis 1993, wird er dort Lehrer sein, immer getragen von der Frage, wie Musik unmittelbar erfahrbar wird und lebendig bleibt. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits vielfach konzertiert und gefragt ist, gewährleistet erst diese Stelle den Lebensunterhalt. In dieser Zeit ist es auch, als er die Meditation für sich entdeckt, deren Praxis er bis heute treu ist.
„Vive Jordi, Vive l’Europe“
Mätzeners sprühende Begeisterung in seiner Laudatio ob des Menschen Savall sowie seiner zahlreichen Initiativen springt regelrecht auf das Publikum über. „Offene Ohren, feine Antennen, Großzügigkeit und Vertrauen – das ist es, was Jordi für mich ausmacht“, sagt Mätzener. „Vive Jordi, Vive l’Europe“ ist der krönende Schluss.
Edouard Mätzener, Laudator für Jordi Savall.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann
Aber auch allein die nüchternen Fakten sprechen für sich: Savall gründete sechs Ensembles, darunter große Orchester oder Vokalensembles. Von 1975 bis heute spielte er über 200 Aufnahmen ein, die meisten unter seinem eigenen Label Alia Vox (eine andere Stimme), welches er 1998 mit der Sopranistin Montserrat Figueras gründete, seiner inzwischen verstorbenen ersten Frau.
Er komponierte die Musik zu sechs Filmen, darunter „Tous les matins du monde“ (deutscher Titel: „Die siebente Saite“), der sich 2 Millionen Mal verkaufte. Sein Kammerorchester Le Concert des Nations ist legendär, denn die Verbindung von jungen und erfahrenen Berufsmusikern ist für beide Seiten sehr befruchtend und damit auch für das Publikum.
Diese Melange aus Erfahrungswissen und Aufbruchskraft setzt Savall auch bei seinen zwölftägigen Akademien ein. Hierfür möchte Savall einen Teil des Preisgeldes verwenden. Auch das Projekt „Orpheus 21“ soll von der Auszeichnung profitieren. Savall rief dieses ins Leben, um nach Europa geflüchtete Musikerinnen und Musiker aus orientalischen Ländern, zu unterstützen, indem sie in Ensembles spielen und konzertieren können und damit wieder sichtbar werden.
Musiker, Forscher, Vermittler, Leiter
Und da wäre auch noch Prometheus 21 zu nennen: eine Initiative, die Ensembles vereint, und sich für die Forschung, Weitergabe und institutionelle Unterstützung der europäischen Musik und damit auch der vielen freischaffenden Musiker einsetzt. Denn Savall weiß, wie er in seiner Rede betont, dass nur die Weitergabe des Wissens, welches in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt wurde, es vor dem erneuten Vergessen bewahren wird.
In Bezug auf das Bewahren des Wissen ist es nur folgerichtig, dass Mätzener statt dem erwarteten Ja zum Englischen als Interviewsprache eine Ablehnung von Savall erhält. Es sei an der Zeit, unsere europäischen Sprachen mit Stolz zu vertreten, bemerkte Savall und schlug ihm vor auf Französisch oder Deutsch zu kommunizieren.
Somit setzt die Ernst von Siemens Musikstiftung mit ihrer Wahl für Jordi Savall beim diesjährigen Musikpreis auch ein deutliches Zeichen. Sie unterstützt das gesellschaftliche Engagement eines großen Musikers und seiner vielen Kollegen und Mitarbeiter, die ihn auf diesem Weg begleiten. Sie ehren einen Musiker, der etwas zu sagen hat.
Dass es für Savall immer um das Verbindende in der Musik geht, das sich durch das Wahrnehmen und Respektieren des anderen speist, wird in vielem deutlich. Nicht zuletzt im großen Blumenstrauß, den er entgegennimmt und der zur Freude und Anerkennung aller Musiker auf der Bühne verbleibt.
La Capella Reial de Catalunya und Hespèrion XXI beim Programm „Pro Pacem“. Bei seiner Rede bedankt sich Savall bei allen, auch seinen Ensembles, die ihm mit Unterstützung, Rat und Freundschaft zur Seite standen. Auch ging der Dank an seine Eltern, seine erste Frau und seine beiden Kinder.
Foto: Ernst von Siemens Musikstiftung/AstridAckermann