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Apps und KI statt Megakirchen: Die neue Welle junger christlicher Influencer


In Kürze:

  • Christliche Influencer wie Gabe Poirot und Johnny Chang erreichen in den USA Millionen Follower mit persönlichen Glaubenszeugnissen.
  • Junge Gläubige zeigen Skepsis gegenüber Megakirchen und deren Finanzen.
  • Studien sehen eine wachsende Bindung an Jesus vor allem bei Generation Z und Millennials.

 
Gabe Poirot war 20 Jahre alt, als er von seinem Elektroskateboard stürzte. Dabei zog er sich einen Schädelbruch zu und lag 18 Tage im künstlichen Koma. Eine Nahtoderfahrung, während er am Rande des Todes schwebte, veränderte ihn für immer.
„Es war eine persönliche Erfahrung mit Christus, die mein Herz wirklich entflammt hat. Und aufgrund dieser außerkörperlichen Erfahrung bin ich ihm für immer ergeben“, sagte Poirot der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.
Obwohl sein Körper „so gut wie tot“ war, wie der gebürtige Texaner betonte, habe er keine Todessituation erlebt, sondern vielmehr eine „außergewöhnliche“ Odyssee, bei der er seinen Körper verließ, als wäre er „aus einem Handschuh geschlüpft“ – und sei letztlich Jesus in einer Stadt aus Licht begegnet.
„Es war so real. Ich hatte das Gefühl, mein Leben auf Erden sei [im Vergleich dazu] nur ein Traum“, sagte er. „Seit meiner Rückkehr ist es mir wichtig, so viele Menschen wie möglich für den Himmel zu gewinnen und so vielen wie möglich das Evangelium nahezubringen. Denn mir ist bewusst, wie kurz meine Zeit ist.“

Der christliche Influencer Gabe Poirot im Arcadia Trail Park in Fort Worth, Texas, am 20. September 2026. Poirot ist der Autor des Buches „18 Tage im Himmel“, in dem er seine Nahtoderfahrung und die Begegnung mit Jesus beschreibt.

Foto: Bobby Sanchez/The Epoch Times

Mittlerweile spricht er regelmäßig mit seinen über 2 Millionen Abonnenten auf YouTube und 1 Million Followern auf TikTok. Nahezu ständig auf Reisen trifft der frischgebackene Vater sie auch an Universitäten überall in den USA, in Jugendgruppen und Kirchen und spricht vor Abtreibungskliniken mit Menschen über seinen Glauben.
Eine neue Form evangelikaler Verkündigung entsteht: weniger Megakirchenbühnen und Fernsehprediger, dafür TikTok, YouTube, Podcasts, Apps, persönliche Zeugnisse und Reisen. Poirot zufolge steht die Generation Z an der Spitze dieser neuen Bewegung.

Die Suche nach dem Glauben

Nathan Apffel, Regisseur der investigativen Dokuserie „The Religion Business“ (auf Deutsch etwa: Das Religionsgeschäft), sieht ebenfalls eine Wiederbelebung des Glaubens. In seiner Doku beschäftigt er sich mit finanziellem Missbrauch und Korruption in Amerikas großen religiösen Institutionen, den sogenannten Megakirchen.
„Es gibt definitiv eine Suche nach Glauben oder nach dem Christentum. Christus ist ein großartiges Vorbild. Daher wird diese jüngere Generation jeden, der sich zu Christus bekennt, aufmerksam beobachten und näher kennenlernen wollen“, sagte der Filmemacher, der selbst Christ ist.
Die Jugend von heute stelle mehr Fragen, so seine Beobachtung. „Sie durchschauen die Heuchelei eines Systems viel schneller.“ Dazu gehöre auch, das „Wohlstandsevangelium“ des Modells der kommerziellen Megakirchen sowie eine offensichtliche Diskrepanz zu den Lehren Christi infrage zu stellen.
Allerdings bilde die gleiche Struktur, die zu weitverbreiteter finanzieller Korruption in religiösen Institutionen geführt habe, die Grundlage für neuere, von den sozialen Medien vorangetriebene Modelle, in denen charismatische Influencer Aufrufe monetarisieren und Produkte verkaufen – von Bibelhandschriften und Augustiner-Schwertern bis zu Energydrinks mit aufgedruckten Glaubensbotschaften und Bekleidung.
Ein einflussreicher Podcaster, so Apffel, habe ihm einmal einen Platz in seiner Sendung angeboten – gegen eine Gebühr von 100.000 US-Dollar (circa 88.800 Euro). Epoch Times konnte dies nicht verifizieren, da die Produzenten der Show nicht auf Anfragen reagierten.
„Die Schlussfolgerung lautet also: Okay, Jesus kommt zurück, wenn alle von Kopf bis Fuß in Jesusgewändern gekleidet sind und Jesus-Energydrinks in der Hand halten? Nein, das ist nicht mein Gott und auch nicht der Gott der Bibel“, sagte Apffel. „Verkaufen wir das Evangelium, oder geben wir es weiter?“

„Ich denke, ich bin jetzt ein Influencer“

Ein anderer, weithin bekannter christlicher Influencer ist Johnny Chang. Er war geprägt von einem Leben voller Kriminalität, Gewalt und Leid, das seine Jugend verschlungen hatte. Sein Pastor schlug ihm vor, neue Wege zu gehen und sich in der Gefängnisarbeit zu engagieren.
„Ich dachte, ‚Oh mein Gott, ich habe all meine Zeit damit verbracht, dem Gefängnis zu entkommen, und du schickst mich zurück‘“, erinnerte sich Chang. Das ehemalige Gangmitglied kam mit zwölf Jahren in Jugendhaft und verbrachte später mehr als acht Jahre in kalifornischen Gefängnissen.
„Er sagte, ‚Du solltest dorthin gehen, weil du sie verstehst. Du sprichst ihre Sprache, du siehst aus wie sie. Du solltest einfach über dein Glaubenszeugnis sprechen. Du musst nicht über Jesus und Gott sprechen. Du gehst da rein und erzählst, was Gott für dich getan hat‘“, sagte Chang der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.
Beim ersten Mal brachte er es nicht über sich, hinzugehen. „Ich hatte eine regelrechte Panikattacke. Es fühlte sich an, als säße ich im Gerichtssaal, als würde ich verurteilt werden und die Wände würden auf mich einstürzen“, sagte er. Schließlich tat er es doch – nervös und zitternd, den Kopf voller aufdringlicher Gedanken, die seinen Selbstwert infrage stellten.
Er erzählte den Häftlingen von seinem von Missbrauch geprägten frühen Familienleben, das ihn mit zwölf Jahren auf die Straße und in die Arme einer örtlichen Bande getrieben hatte, von der ständigen Gewalt im Gefängnis, von seiner zwischenzeitlichen Hinwendung zum Islam und von der Leere und Verzweiflung, die ihn plagten, bevor er schließlich zu Christus fand.
„Und am Ende klatschten sie. Ich dachte mir: ‚Wow, das ist irgendwie seltsam.‘ Dann kamen sie auf mich zu, stellten sich in einer Reihe auf und schüttelten mir die Hand, und jeder einzelne dieser Häftlinge begann, seine Geschichte zu erzählen“, sagte Chang.

Johnny Chang am 30. April 2026 in Los Angeles.

Foto: John Fredricks/The Epoch Times

„Zuerst folgten mir alle meine Gangsterfreunde“

Das war ein Wendepunkt für Chang. „Ich erinnere mich, dass ich danach auf dem Parkplatz saß und einfach zusammenbrach und weinte, weil mein Pastor schon wusste, was ich nicht wusste“, sagte er. „Selbst heute noch werde ich emotional, wenn ich daran denke.“
Sein Pastor schlug ihm außerdem vor, in den sozialen Medien aktiv zu werden. „Ich habe schließlich meine eigene kleine Seite erstellt, und natürlich folgten mir zuerst alle meine Gangsterfreunde“, sagte er. Doch nach und nach fand seine Botschaft Anklang. 
„Die Leute fangen an, mich zu entdecken. Sie kommen zu mir und sagen: ‚Hey Bro, was du sagst, macht Sinn – du drängst uns nicht zum Christentum. Du sprichst einfach darüber, was es für dich bewirkt hat, und das können wir respektieren.‘“
Changs großer Durchbruch kam im Jahr 2023, als er bei Soft White Underbelly auftrat, einem YouTube-Kanal, der oft provokante Interviews mit Gangmitgliedern, Prostituierten, Drogenabhängigen und anderen Vertretern der Unterwelt zeigt. Seine Folge erhielt am ersten Tag mehr als 1 Million Aufrufe.
Mittlerweile hat er rund 4 Millionen Follower auf seinen Social-Media-Kanälen. Er nutzt verschiedene Technologien, darunter eine eigene App mit täglichen Andachten sowie einen Evangeliums-Chatbot, der auf der Grundlage seiner Predigten und Bibelnotizen trainiert wurde, um sein Publikum zu vergrößern. Zudem organisiert er internationale Veranstaltungen, leistet aber nach wie vor jeden Donnerstag Gefängnisseelsorge.
Vor etwa zwei Jahren begann Chang, die Sache ernst zu nehmen, und räumte ein: „Ich denke, ich bin jetzt ein Influencer.“
Sein Publikum reicht von Häftlingen bis zu NFL-Spielern: „Mittlerweile folgen mir auch berühmte Leute, es ist wirklich ein breites Spektrum.“ Chang schätzt, dass seine Hauptzielgruppe die 25- bis 45-Jährigen sind, einschließlich der Teilnehmer seiner wöchentlichen Bibelklasse, die er über Zoom abhält, sowie jüngerer Follower.

Johnny Chang liest am 30. April 2026 in Los Angeles in seiner Bibel.

Foto: John Fredricks/The Epoch Times

Eine Epidemie der Einsamkeit

Sowohl Chang als auch Poirot benennen die weitverbreitete Einsamkeit und Angst unter jungen Menschen als treibende Kraft hinter ihrer Arbeit und hinter der christlichen Bewegung.
„Es gibt heutzutage viel Leere und viel Nichtigkeit. Nicht nur physische Einsamkeit“, sagte Chang. „Es gibt keinen Austausch zwischen Menschen auf einer intimen, tiefgründigen Ebene. Alles bleibt sehr oberflächlich.“
Er fügte hinzu: Junge Menschen, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, stünden ständig unter destabilisierendem Druck. Sie würden von allen Seiten von Werbung und sozialen Vergleichen bombardiert.
Beide geben an, eine Mischung aus sozialen Medien und persönlichen Veranstaltungen zu nutzen, um engere Verbindungen zu den Menschen aufzubauen.

Ein Vorbild ist Charlie Kirk

Für viele konservative Christen bleibt Charlie Kirk, der im September 2025 ermordete Gründer der konservativen Jugendorganisation Turning Point USA, eine inspirierende Figur und ein Vorbild dafür, wie junge Evangelikale Menschen in Not erreichen können.
„Meine Generation sucht wirklich nach Authentizität […] und wir schätzen Pastoren, die bereit sind, Fragen zu beantworten und sich nicht vor Gesprächen scheuen“, sagte Poirot. Er hob Kirks „Mut und Kühnheit“ hervor, zu Hochschulen zu reisen und offene Foren abzuhalten, bei denen jeder das Mikrofon ergreifen konnte.
„Ich liebe die Kirche. Ich glaube an die Ortsgemeinde. Aber ich denke, die örtliche Kirche muss erkennen, dass sich die Lage stark verändert hat. Es ist wichtig, dass wir in den sozialen Medien aktiv sind und alles tun, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind“, sagte Poirot. 
„Ich kenne niemanden aus der Generation Z, der zu mir kommt und sagt: ‚Mann, ich liebe das Megakirchenmodell. Ich finde es toll, dass wir einen Pastor auf dem Bildschirm sehen, mit dem wir niemals sprechen könnten, und dass dort mehr als 10.000 Menschen sind‘“, sagte er.

Skepsis gegenüber den Megakirchen

Vielmehr bestehe, so Poirot, eine Nachfrage nach kleinen Gruppen und Hauskirchen. Megakirchen seien an sich nicht schlecht. Doch es gebe auch eine wachsende Skepsis gegenüber der finanziellen Intransparenz, die mit großen religiösen Institutionen verbunden sei.
Kirchen, die „stundenlange Predigten zum Thema Opfergabe“ halten, aber ihre Finanzen nicht offenlegen, seien sich möglicherweise nicht bewusst, wie manipulativ dies auf junge Menschen wirke, so Poirot.
„Ich habe eine öffentlich zugängliche 990-Erklärung [1]. Die Leute können sich mein Gehalt heute ansehen“, sagte er. Poirot fügte hinzu, dass er sich nicht auf die Arbeit als Influencer verlasse, um seine Familie zu ernähren. Er übernehme deshalb zusätzlich Aufträge im Landschaftsbau und in der Immobilienpflege, um seine Rechnungen zu bezahlen.
„Ich betrachte den pastoralen Dienst als einen Dienst am Nächsten. Ich halte es auch nicht für falsch, dass Pastoren ein Gehalt beziehen und finanziell unterstützt werden. […] Aber wenn wir damit nicht offen umgehen, fragen sich die Menschen: ‚Was macht ihr mit dem Geld, das wir euch geben?‘“

Junge Menschen beten während einer katholischen Messe in Camarillo, Kalifornien, am 27. September 2026. Männer der Generation Z „sehen Religion zunehmend als wichtigen Bestandteil ihres Lebens an“, sagt die Religionswissenschaftlerin Kelsey Hanson Woodruff.

Foto: Monica Seeley/The Epoch Times

66 Prozent der US-Erwachsenen bekunden ein persönliches Engagement für Jesus

Trotz vereinzelter Begeisterung, tiefer stilistischer und technischer Veränderungen sowie des damit einhergehenden Medienrummels – zeichnen die verfügbaren Daten ein komplexeres Bild davon, wie junge Menschen mit Religion umgehen.
Der jahrzehntelange Rückgang des Christentums in den USA hat sich einer Studie des Pew Research Centers zufolge in den vergangenen Jahren zumindest verlangsamt. Die „Religious Landscape Study“ 2023–2024 des Zentrums ergab, dass sich 62 Prozent der Befragten als Christen bezeichneten. 2007 waren es 78 Prozent und 2014 noch 71 Prozent. Unter den Christen ist der Anteil der Protestanten auf rund 40 Prozent gesunken. Unter den Protestanten stieg der Anteil der Evangelikalen auf 58 Prozent.
In einer im Jahr 2025 veröffentlichten Studie berichtete die christliche Forschungsorganisation Barna, dass junge Menschen eine „Welle der Hingabe an Jesus“ vorantreiben. Dabei bekundeten 66 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner ein persönliches Engagement für Jesus – ein Anstieg um zwölf Prozentpunkte im Vergleich zu 2021.
„Dieser Wandel ist nicht nur statistisch signifikant. Er könnte auch der deutlichste Hinweis auf eine bedeutende spirituelle Erweckung in den Vereinigten Staaten sein“, schrieb die Organisation im April 2025. Die Ergebnisse basieren auf Interviews mit über 130.000 Erwachsenen, die zufällig aus der gesamten Bevölkerung ausgewählt wurden.
Barna stellt fest, dass insbesondere die Generation Z und die Millennials diesen Trend vorantreiben. Dies ist eine Kehrtwende gegenüber früheren Erhebungen, die ältere Menschen und die Babyboomer als engagiertere Christen auswiesen.

„Spirituell, aber nicht religiös“

In der Barna-Studie wird zwischen zwei Aspekten unterschieden: der christlichen Selbstidentität und der „Verbundenheit mit Jesus“, die sich nicht immer überschneiden. Fast drei von zehn Menschen, die sich nicht als Christen identifizieren, bekennen sich zu einer persönlichen Verbundenheit mit Jesus. Laut der Organisation ist das ein Allzeithoch.
Dies könnte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass Menschen zu ihrem Glauben zurückkehren. Andererseits könnten es neue Gläubige sein, die sich mit organisierter Religion weniger wohlfühlen, also die „Spirituellen, aber nicht Religiösen“, so Barna.
Während das Christentum langfristig an Bedeutung verloren hat, zeigen nationale Umfragen gleichzeitig einen Anstieg der „Konfessionslosen“. Diese Gruppe hat sich laut Pew und dem Meinungsforschungsinstitut Public Religion Research Institute seit 2007 fast verdoppelt. Auch hier liegt die Generation Z vorn.

Eine kulturelle Welle

Junge christliche Influencer, die sich für Reisen, Glaubenszeugnisse und Technologie begeistern, scheinen derzeit einen kollektiven Wachstumsschub zu erleben. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen wird.
Chang, der 33 Mitarbeiter beschäftigt, sagte, er wolle irgendwann in jedem Bundesstaat Gemeinden gründen. Poirot, der immer noch hauptsächlich als Ein-Mann-Betrieb arbeitet, möchte sein Werk ausbauen und Mitarbeiter einstellen.
Apffel bleibt in Bezug auf die Zukunft der Influencer-Ära vorsichtig. „Wenn ich mir diese Jungs und Mädels in den sozialen Medien anschaue, dann sind sie einfach kleine Unternehmen, deren Fortbestand von ihren Fähigkeiten abhängt“, sagte er. „Sie reiten auf einer kulturellen Welle, die wahrscheinlich in den nächsten 10 oder 15 Jahren wieder abebben wird.“
Doch er finde zum einen Trost in dem seiner Ansicht nach wiedererwachten Interesse an kleinen Gemeindekirchen. Zum anderen erfreue ihn die wachsende Gegenbewegung gegen das problematische Geschäftsmodell der organisierten Religion in den Vereinigten Staaten.
„Wir stehen am Anfang einer religiösen Reform“, sagte er. „Und diese Reform wird, so glaube ich, das Geschäftsmodell demokratisieren.“
[1] Die 990-Erklärung (Formular 990) ist eine jährliche Meldung steuerbefreiter Organisationen in den USA an die Bundessteuerbehörde IRS über Einnahmen und Ausgaben, Vermögen, Verbindlichkeiten und anderes.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The New Wave of Young Christian Influencers“. (deutsche Bearbeitung: ks)
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9/11 – Plädoyer für einen Welttrauertag am 11. September

Es war ein Dienstagmorgen bei strahlend blauem Himmel. Am 11. September 2001 lebte ich mit meiner Familie in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Die Kinder waren schon in der Deutschen Schule in Maryland, meine Frau war zur Arbeit gefahren. Ich hatte einen freien Tag und bügelte nichtsahnend Hemden. Da rief mich meine Mutter aus Deutschland an und atmete heftig ins Telefon: „Mach mal deinen Fernseher an! Bei euch ist was passiert.“
Seit diesem Anruf gibt es neben Geburtstagen und anderen familiären Gedenktagen ein weiteres Datum, auf das ich jedes Jahr achte: der islamistische Terrorangriff auf New York und Washington, D.C. zwischen 08:46 und 09:37 Uhr. Seither habe ich jährlich eine ganz persönliche Zeit der Stille.
Jeder kennt in seinem Leben Daten, die ihn besonders berühren und die mit Trauer, Verzweiflung und auch Wut zu tun haben. Meine Eltern wussten, wo sie zu dem Zeitpunkt waren, als der Zweite Weltkrieg ausbrach oder als der charismatische junge Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. Die meisten Menschen verbinden Trauer eher im unmittelbaren Familienkreis – zum Beispiel mit dem plötzlichen Verlust einer geliebten Person. Für mich ist es der 11. September vor 25 Jahren.

Eine Stadt brennt: Die Fotografie „brennende Stadt“ von Flint Gennaris erscheint in der Kollektion „9/11 … NYC … The Days After.“

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Art for Healing NYC

„Habe das Pentagon brennen sehen“

Ich gehöre nicht zu denen, die sich heute den zahlreichen Verschwörungstheorien anschließen, wonach alles anders gewesen sein soll, als ich es an jenem Tag erlebt habe.
Für mich steht nach wie vor fest: Vier Flugzeuge waren von arabischen Entführern gekapert worden. Zwei Maschinen wurden in die Doppeltürme des damaligen Welthandelszentrums gesteuert. Eines stürzte in das amerikanische Verteidigungsministerium, das ich von meinem Haus im Washingtoner Stadtteil Georgetown aus habe brennen sehen. Die Passagiere eines vierten Flugzeuges überwältigten die Attentäter und brachten die Maschine auf freiem Feld in Pennsylvania zum Absturz. Damit verhinderten sie einen weiteren Angriff auf die amerikanische Hauptstadt.
Die live übertragenen Fernsehbilder gingen damals um die ganze Welt. Der gesamte Globus schien an diesem Tag den Atem anzuhalten. Besonders erschütternd waren die Aufnahmen von jenen Menschen, die aus Verzweiflung aus den Fenstern der Hochhäuser des Welthandelszentrums in die Tiefe sprangen.
Sämtliche zivilen Flüge in den USA und in Richtung USA wurden für mehrere Tage eingestellt. Abfangjäger stiegen an der amerikanischen Ostküste auf und patrouillierten über Wochen Tag und Nacht im Luftraum über der Ostküste. Unter den Piloten waren auch deutsche Soldaten der Luftwaffe, die zu diesem Zeitpunkt in den USA stationiert waren.
Es gab Solidaritätsbekundungen mit den USA aus allen Ländern.

„Freunde waren telefonisch nicht erreichbar“

Soweit zur Erinnerung noch einmal die Fakten, da es inzwischen viele Menschen gibt, die die Dramatik dieses Tages weder miterlebt haben noch sich daran erinnern können, weil sie dafür zu jung sind.
Ich selbst war an dem Tag hin- und hergerissen zwischen der Fernsehberichterstattung und meiner eigenen Beobachtung: Von der kleinen Seitenstraße aus, in der wir wohnten, konnte ich sehen, wie auf der großen Verkehrsader MacArthur-Boulevard alle vier Spuren nur noch in eine Richtung offen waren: outbound – stadtauswärts. Ich stand mit sprachlosen Nachbarn im Vorgarten und wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir erreichten keine Angehörigen mehr; alle Telefonleitungen waren blockiert. Wir waren schockiert, ratlos und voller Sorge, was noch alles auf uns zukommen würde. Vor allem aber waren wir wütend.
Freunde in New York waren telefonisch nicht erreichbar. Auch die Schule nicht und nicht das Büro meiner Frau. Totaler Stillstand. Ohnmacht. Wir waren zum Warten verurteilt, was als Nächstes passieren würde. Dann am späten Nachmittag die Erlösung: meine Frau kam zurück, ihr Gesicht war angespannt. „Wo sind die Kinder?“, rief sie mir zu.
In diesem Moment kamen sie schon zurück. Der gelbe Schulbus fuhr gerade vor, hielt an und unsere beiden Kinder, sichtlich verwirrt, stiegen aus. Wir lagen uns alle erst mal ganz lange in den Armen.

Deutsche Schule blieb auf

Abends folgte dann ein Anruf von General Peter Göbel (1948–2022), damals Militärattaché an der Deutschen Botschaft und Vorsitzender des Schulvereins der Deutschen Schule in Maryland. Er wollte wissen, wie ich dazu stehe, morgen und die kommenden Tage die Schule geschlossen zu halten. Ich war dagegen. Ich sagte:
„Wir sollten ein Zeichen setzen, dass wir vor Terrorismus nicht einknicken.“
Das war auch seine Meinung. Wir beschlossen daraufhin, alle Eltern zu informieren, dass am Folgetag der Schulbetrieb „normal“ weitergeht. Für mich bis heute bemerkenswert: Es gab seitens der Eltern keine Gegenstimmen. Allerdings erfuhren wir tags darauf, dass alle amerikanischen Schulen geschlossen blieben.
Meine Erkenntnis von damals und auch aus anderen Krisensituationen lautet: In der Regel sehnen sich Menschen in einer unklaren Lage danach, dass „jemand“ Führung übernimmt und Verantwortung trägt.
Ich habe den Amerikanern keinen Vorwurf daraus gemacht, dass sie sich anders entschieden haben. Denn sie fühlten sich möglicherweise tiefer und stärker betroffen.

Ein Mann steht in den Trümmern des World Trade Centers.

Foto: Doug Kanter/AFP/GettyImages

Bewusste Schweigezeit

Jahrelang habe ich dann am jeweiligen 11. September eine persönliche Schweigeminute für mich eingelegt, spürte aber, dass mir dies nicht reicht. Seit etwa zehn Jahren bin ich dazu übergegangen, mir an diesem Tag eine bewusste Schweigezeit von etwa einer Stunde zu nehmen und habe außerdem angefangen, Bibelstellen zu suchen, die dazu passen.
Eine dieser Trauerszenen, über die ich „stolperte“ und die ich mit Ihnen teilen möchte, ist der Moment, als einer der besten Freunde Jesu starb und Jesus nicht zur Stelle war. Ich meine Lazarus, den Bruder der beiden Schwestern Martha und Maria. Als Martha hörte, dass „der Meister“ sich vier Tage nach dem Tod von Lazarus in der Gegend ihres Dorfes aufhielt, suchte sie nach ihm und machte ihm folgenden Vorwurf:
„Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“

Was hat Lazarus mit dem 11. September zu tun?

Auch Maria eilte kurz darauf ebenfalls zu Jesus und machte ihm unter Tränen die gleichen Vorhaltungen. Ich stelle mir vor, dass es Maria und Martha ähnlich ging, wie mir am 11. September 2001.
Sie waren traurig und wütend und weinten nicht nur aus Trauer, sondern auch aus Zorn. Wir erfahren durch den Evangelisten Johannes, dass die Reaktion Jesu zunächst verhalten ausfiel. Zu Martha sagte er: „Dein Bruder wird auferstehen.“
Martha versteht die Worte Jesu in dem Sinne, dass Lazarus am „Jüngsten Tag“ wiederkommen werde. Bei Marias Vorwurf aber zeigte sich Jesus „ergrimmt“, schreibt Johannes. Vielleicht könnte man in heutiger Sprache sagen, er war genervt. Die Bibelstelle ist hier nicht eindeutig. Es kann sein, dass ich mich über den Seelenzustand Jesu irre.
Nun, Jesus lässt sich zum Grab führen, obwohl der Verstorbene „schon stinkt“, wie Maria einwendet. Jesus weist sie zurecht: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“
Der Grabstein wird zur Seite gerollt, Jesus ruft: „Lazarus, komm heraus!“ Und tatsächlich steht sein Freund leibhaftig von den Toten auf und kommt lebendig aus der Grabeshöhle heraus.

Welttrauertag am 11. September

Diese Stelle ist mir ein Trost geworden. Nicht, weil ich denke, dass ich tatsächlich wieder lebendig würde, sobald ich sterbe, nur weil ich an die Worte Jesu glaube. So meine ich das nicht. Mein Trost entsteht aus dem Glauben, den Jesus beiden Schwestern ebenfalls mit auf den Weg gab:
„Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.“
Bei dem Anschlag am 11. September 2001 kamen 2.996 Menschen aus über 90 Ländern ums Leben, darunter elf Deutsche. Nicht nur ging damals die Nachricht über den Terroranschlag um die ganze Welt.
In gewisser Weise war auch fast die ganze Welt davon betroffen. Deshalb plädiere ich für einen Welttrauertag am 11. September, auch wenn sich die Vereinten Nationen nicht zu einem solchen Schritt entschlossen haben. Vielleicht möchten Sie sich dieses Jahr daran beteiligen? Für ein paar Minuten. Ganz persönlich.
Ich trauere mit allen, die Leid tragen und um nahestehende Verstorbene. Aber ich trauere auch in der tröstenden Gewissheit als Christ, dass unser Leben und unser Tod durch Christus im Zeichen der Hoffnung stehen. Denn nach seinen Worten werden wir leben, auch wenn wir sterben.