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Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten


In Kürze:

  • Früher wie heute gibt es zahlreiche Bibliotheken, in denen kluge Köpfe Texte studieren, Entdeckungen machen und Neuheiten entwickeln.
  • In der Antike gab es neben der Bibliothek von Alexandria vier weitere große Einrichtungen, die zu Geburtsstätten für Neuerungen wurden.
  • Ihre Geschichten blieben erhalten, weil bestimmte Menschen die Vergangenheit vor der Vernichtung bewahren wollten.

 
Wenn wir an Griechenland, Rom oder andere antike Hochkulturen denken, kommen uns meist Tempel, Denkmäler und Marmorstatuen in den Sinn. Aber denken wir dabei jemals an Bibliotheken?
Nach der Erfindung der Schrift wurden Bibliotheken zum pulsierenden Herzstück menschlicher Gesellschaften. Sie bewahrten Rechtsdokumente auf, schützten weltbewegende Literatur und fungierten als Bildungszentren im Dienste des Gemeinwohls.

Das königliche Archiv der Hethiter

Zu den ältesten Historikern der Welt gehören unter anderem die Hethiter, deren Überlieferungen in Keilschrift verfasst sind. Sie lebten um 2000 v. Chr. in Kleinasien und entwickelten sich zu geschickten Schmieden und kriegslustigen Wagenlenkern. Außerdem besaßen sie ein ausgeklügeltes Rechtssystem, das sie in zahlreichen Schriften festhielten.
Das hethitische Königreich erhielt seinen Namen von der Hauptstadt Ḫattuša. Hier begannen Archäologen in den frühen 1900er-Jahren mit Ausgrabungen und fanden Tempel, kolossale Steintore und andere bemerkenswerte Relikte. Dazu gehört eine riesige königliche Schriftensammlung, die heute als „Boğazköy-Archiv“ bekannt ist.
Insgesamt besteht das Archiv aus über 25.000 Tontafeln in acht Sprachen und umfasst Jahrbücher, Gesetze, Kodexe, diplomatische Korrespondenzen und Gebete sowie Aufzeichnungen über Feste und Mythen. Sie alle sind wertvolle Quellen, um die Geschichte einer längst vergangenen Kultur zu verstehen.
So stammt aus Ḫattuša etwa der älteste internationale Friedensvertrag der Geschichte. Dieses Dokument verkündete einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Hethitern und den Ägyptern, die einen zwei Jahrhunderte andauernden Krieg gegeneinander führten. Laut dem Vertrag sollen Pharao Ramses II. und Großkönig Ḫattušili III. letztlich Freunde und durch ein unzerstörbares Band miteinander verbundene „Brüder“ geworden sein.
Einem von Hunderten versöhnlichen Briefen zwischen Ramses II. und der hethitischen Königin Puduhepa zufolge sei der Waffenstillstand aus religiösen Gründen erfolgt. Mit den Worten des Pharaos: „Der Sonnengott und der Sturmgott werden uns Brüderlichkeit und Frieden schenken, auch in dieser guten Beziehung, in der wir uns für immer befinden. Und unsere Boten werden für immer ununterbrochen zwischen uns hin- und herreisen und Brüderlichkeit und Frieden fördern.“
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: das königliche Archiv der Hethiter

Fragmente der Tontafel, auf der der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag geschrieben steht.

Die königliche Sammlung von Assurbanipal

Eine ähnliche Sammlung von Tontafeln wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in der alten assyrischen Hauptstadt Ninive im heutigen Irak gefunden. Im 7. Jahrhundert v. Chr. drangen kriegerische Stämme in die Gebiete des Assyrischen Reiches ein. Die prekäre geopolitische Lage könnte Assurbanipal, den letzten großen assyrischen König (circa 669–631/627 v. Chr.), dazu motiviert haben, zahlreiche Texte zu sammeln.
Ähnlich wie das Archiv der Hethiter umfassen die rund 30.000 Tontafeln Gesetzestexte, Gerichtsverfahren, Korrespondenzen und Finanzberichte. Das Archiv enthält zudem eine ungewöhnlich große Anzahl von Texten über die Weissagung. In turbulenten Zeiten verließen sich Priester und Könige häufig auf die alte Praxis des Zeichendeutens, um Einblicke in die Zukunft zu gewinnen.
Assurbanipal sandte Botschaften quer durch Mesopotamien und forderte die Städte auf, ihm Kopien ihrer lokalen Dokumente zu schicken. Zusätzlich beauftragte der König einige Schreiber damit, Duplikate der Tontafeln aus Ninive anzufertigen. Ähnlich wie sein Interesse an der Wahrsagerei lässt sich das Sammeln und Kopieren von Dokumenten mit dem Erhalt von Wissen für die Nachwelt erklären. Vielleicht war es sein Wunsch, dass künftige Generationen das Alte würdigen.

Assyrisches Relief des Banketts von Assurbanipal aus Ninive.

Der englische Schriftsteller H. G. Wells (1866–1946) bezeichnete Assurbanipals Archiv als „die wertvollste Quelle für historisches Material weltweit“. Zu den darin enthaltenen Werken gehört unter anderem eine Fassung des sogenannten Gilgamesch-Epos. Diese Geschichte handelt von Gilgamesch und Enkidu, zwei Feinden, die zu Freunden wurden. Gemeinsam besiegten sie übernatürliche Wesen, um ihre Tapferkeit und Stärke unter Beweis zu stellen.
Doch wegen ihrer Überheblichkeit bestraften die Götter die beiden Freunde, indem sich Enkidu mit einer tödlichen Krankheit infizierte. Sein bevorstehender Tod spornt Gilgamesch dazu an, sich auf eine beschwerliche Reise zu begeben, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Und wer weiß: Wenn ein assyrischer König seine zerfallende Welt nicht hätte bewahren wollen, wäre diese Geschichte vielleicht auf ewig verloren gegangen.

Tafel mit dem Gilgamesch-Epos.

Die Bibliothek von Alexandria

Auch Homer wäre heute vielleicht ein Niemand, wenn fleißige Gelehrte nicht unzählige Stunden damit verbracht hätten, seine und andere Werke aus der berühmten Bibliothek von Alexandria zu studieren, zu kopieren und in die Welt zu tragen.
Die Bibliothek von Alexandria hatte nichts mit den privaten Archiven der Hethiter und Assyrer gemein. Sie wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. erbaut – wahrscheinlich von Ptolemäus II., König von Ägypten. Nach dem Tod Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. wurden die Ptolemäer zu einer der mächtigsten Königsdynastien im Mittelmeerraum.
Um die Pracht seines Reiches zu demonstrieren, investierte Ptolemäus II. stark in intellektuelle Projekte. Im Zentrum dessen standen die Bibliothek von Alexandria und das benachbarte Mouseion, ein Tempel für die Musen. Hier hielten nicht nur Gläubige ihre Gebete ab, sondern Gelehrte betrieben auch ihre Studien. Einer Legende zufolge soll der antike Ingenieur Archimedes seine revolutionäre Wasserpumpe während einer Forschungsreise in Alexandria erfunden haben.
Die Bibliothek ähnelte damit vermutlich heutigen Universitäten mit einem gemeinsamen Speisesaal sowie Lese- und Besprechungsräumen. Lehrer und Schüler saßen in Gärten und Hörsälen zusammen und diskutierten über Ideen oder studierten die große Sammlung von Papyrusrollen.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Alexandria

Künstlerische Darstellung der großen Bibliothek von Alexandria.

Im Jahr 48 v. Chr. soll laut antiken Schriftquellen dann die Katastrophe eingetreten sein: Ein Brand vernichtete rund 40.000 Papyrusrollen. Wie viele Werke unversehrt blieben, ist nicht bekannt. Zu den wertvollsten Werken der Bibliothek zählten einige der frühesten Fassungen von Homers Epen.
Die Bibliothek selbst bestand mehrere Jahrhunderte lang, bis Krieg und Vernachlässigung gleichermaßen zu ihrem Untergang führten. Das Gebäude stürzte wahrscheinlich um 300 n. Chr. ein. Was blieb, waren die dort zu Gast gewesenen Gelehrten, die den Grundstein für die westliche Literatur legten – ein Einfluss, der weit über die Stadt hinausreichte.

Pergamon und Pergament

Um 300 v. Chr. ließen sich griechische Kolonisten an der türkischen Westküste nieder, wo sie Pergamon gründeten. In weniger als einem Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem kulturellen Zentrum. Ihr Höhepunkt war erreicht, als Pergamons Herrscher Eumenes II. (um 221–158 v. Chr.) beschloss, eine beeindruckende Bibliothek zu errichten. Damit wollte er unter anderem die Überlegenheit seiner Stadt gegenüber Alexandria demonstrieren.
Pergamon erreichte wahrscheinlich nie die Größe der Sammlungen Alexandrias. Doch der Wettbewerbsgeist seiner Bibliothekare könnte zu einem Durchbruch in der Buchtechnologie geführt haben, der schließlich eine Brücke zwischen der antiken und der modernen Welt schlug.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: Pergamon

Blick auf die Überreste der Bibliothek von Pergamon im heutigen Bergama in der Türkei.

Foto: resulmuslu/iStock

Der in Alexandria verwendete Papyrus war billiger und benutzerfreundlicher als die zerbrechlichen Tontafeln. Doch Papyrus hatte einige Nachteile: Bei schlechter Qualität und Lagerung konnten die Schriftrollen binnen weniger hundert Jahre zerfallen.
Um die Mängel zu beheben, sollen die Bibliothekare von Pergamon angefangen haben, mit „Vellum“, den behandelten Häuten von Kalb, Schaf oder Ziege, zu experimentieren. Dieses Material ist heute als „Pergament“ bekannt. Der Begriff leitet sich über das Lateinische („pergamenum“) und das Französische („parchemin“) vom Namen der Stadt ab.
Pergament ermöglichte schließlich den Übergang von zerbrechlichen Schriftrollen zu haltbaren, gebundenen Papierstapeln, den Kodexen. Auch wenn der Begriff „Kodex“ heute vor allem für mittelalterliche Handschriften verwendet wird, folgt doch jedes Buch diesem Format. Hinzu kommt, dass Mönche im Mittelalter zahlreiche antike Schriften kopierten und so das Wissen bewahrten.

Rom und die erste öffentliche Bibliothek

Im Jahr 39 v. Chr. soll der Staatsmann Gaius Asinius Pollio eine heruntergekommene Bibliothek im Herzen Roms renoviert haben – finanziert aus Kriegsbeute. Das renovierte Gebäude nahe dem Marktplatz Forum Romanum trug den Namen „Atrium libertatis“ (zu Deutsch: „Haus der Freiheit“).
Die Bibliothek mit ihren Bürgerlisten und wertvollen Karten war ebenso wie der Garten und eine angrenzende Kunstgalerie uneingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Ort war zweifellos für jene Römer geschaffen, die gebildet waren und lesen konnten – was vom sozialen Status abhing. Aber im Prinzip konnte jeder eintreten.
Fünf antike Bibliotheken die die Welt veränderten: die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio

Die Bibliothek von Gaius Asinius Pollio musste im 2. Jh. n. Chr. dem Trajansforum weichen, dessen bauliche Überreste noch heute in Rom zu sehen sind.

Foto: ABBPhoto

Auf dem Weg zur Bibliothek gingen die Besucher an unter freiem Himmel aufgestellten Statuen vorbei. Wie der römische Historiker Plinius der Ältere (circa 23–79 n. Chr.) schrieb, regten diese Statuen die Besucher dazu an, über das Leben und Wirken von Gelehrten nachzudenken. Plinius lobte Pollio dafür, eine Bibliothek gegründet zu haben, die die Werke großer Männer zum Eigentum der Öffentlichkeit machte.
Des Weiteren soll Pollio die römischen Bürger dazu bewogen haben, an Dichterlesungen und anderen interaktiven Veranstaltungen teilzunehmen. Als Förderer einiger der vielversprechendsten Künstler seiner Zeit soll Pollio sogar eine öffentliche Lesung von Vergil, dem Verfasser der berühmten „Aeneis“, initiiert haben. Das Publikum zeigte sich fasziniert, und Vergils Karriere als einer der größten Dichter der römischen Geschichte soll ins Rollen gekommen sein.

Die Bewahrung der Vergangenheit

Während die hethitischen und assyrischen Archive zusammengestellt wurden, um komplexe Rechtssysteme zu dokumentieren oder das Vermächtnis eines Monarchen in chaotischen Zeiten zu bewahren, wandten sich die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon aktiver dem intellektuellen Nutzen zu. Dies brachte nützliche Erfindungen und zeitlose Ideen hervor.
Mit Pollios öffentlichem Gebäude übernahm die Bibliothek schließlich eine Funktion, die sie bis heute erfüllt: Sie wurde zu einem freien Raum, in dem gewöhnliche Menschen großartige Literatur lesen, Kunst genießen und ihren Geist kultivieren konnten.
Diese fünf Stätten sind heute alle zerstört und von dem, was sie einst beherbergten, ist nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Doch ihre Relikte vermitteln eine wichtige Lektion: Die Vergangenheit kann so zerbrechlich sein wie Ton oder Papier. Sie ist stets den zerstörerischen Kräften ausgesetzt, die schon Bibliothekare auf ihren edlen Missionen zur Bewahrung des Erbes plagten.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „5 Ancient Libraries That Changed the World“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)
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Die Ehre der Ritter im Zeitalter der Algorithmen

Im Jahr 1960 eroberte Alan Jay Lerners und Frederick Loewes „Camelot“ den Broadway im Sturm. In diesem Stück besingt Lancelot auf seinem Weg zum Hofe von König Artus die Eigenschaften und Tugenden eines perfekten Ritters.
Er singt von Stärke, Mut, Kampfgeschick und Reinheit, gepaart „mit einem Willen und einer Selbstbeherrschung, um die ihn jeder Heilige beneiden würde“. Er fragt: „Aber wo auf der Welt gibt es einen Mann, der so außergewöhnlich ist?“, um dann mutig und humorvoll zu antworten: „Das bin ich!“.
Der Lancelot des Broadway verkörpert einen ritterlichen Kodex, der vor Hunderten von Jahren konzipiert wurde. Es war ein Modell für Tugend, Ehre und korrektes Verhalten, das lange Zeit als fester Bestandteil der westlichen Männlichkeit diente.
Ritterliche Ideale beeinflussten das soziale Verhalten der amerikanischen Gründerväter und halfen, den viktorianischen Gentleman zu definieren. Selbst heute noch geistert der Ritter durch unsere postmodernen Empfindungen, ein Geist in unserem algorithmischen Zeitalter, der immer noch die Macht hat, Jungen und Männer unter seinem Banner zu versammeln.
Um den Kodex der Ritterschaft und seine Bedeutung für Männer besser zu verstehen, betrachten wir einen der größten Ritter des Mittelalters, den Engländer William Marshal (ca. 1146–1219) – und die Einflüsse, die ihn geprägt haben.

Mentoren, Gleichaltrige … und ein Beruf

Da er ein jüngerer Sohn war, gab es für William keine Hoffnung, von seinem Vater, einem niederen Adligen, zu erben. Nach rauer Kindheit inmitten der Umbrüche Englands wurde er als junger Teenager in die Normandie geschickt. Dort, im Haushalt eines Verwandten, wurde er zum Ritter ausgebildet. Er zeichnete sich im Reiten und beim Einzelkampf aus. Gleichzeitig schulte man ihn in den Manieren und der Höflichkeit, die seines Standes geziemten.
Mit etwa 20 Jahren wurde er zum Ritter geschlagen. Anschließend verbrachte William Jahre damit, in Schlachten und Scharmützeln sowie bei Turnieren zu kämpfen. Diese Wettkämpfe waren jedoch keine geordneten Spektakel, wie wir sie heute aus Filmen kennen. Es waren nicht einfach zwei Ritter auf Pferden, die mit Lanzen aufeinander losstürmten.
Es waren wilde Schlägereien – brutale Kämpfe gegnerischer Mannschaften. Gebrochene Knochen und ausgeschlagene Zähne waren an der Tagesordnung. Die Sieger töteten ihre Gegner nicht, sondern nahmen sie gefangen und verlangten Lösegeld.
William war in diesen Kämpfen ein Champion der Champions. Mit seinem Pferd und seiner Lanze machte er sein erstes Vermögen und erlangte großen Ruhm.
Solches Kampfgeschick, Stärke und Mut waren das Herzstück des ritterlichen Kodex. Von seinen Lehrmeistern erlernte Wilhelm ein Handwerk; durch die Zusammenarbeit mit seinen Standesgenossen wurde er zum Profi. In beiden Konstellationen vertiefte er sein Verständnis über ritterliches Verhalten und Männlichkeit.
Mit Ausnahme von Rugbyspielern nehmen junge Männer heutzutage nicht mehr an Handgemengen auf einem Spielfeld teil. Sie verbringen auch nicht ihre Teenagerjahre damit, das Kämpfen mit Schild und Lanze zu erlernen. Doch die Grundlagen – eine Fähigkeit zu erlernen, Rückgrat und Entschlossenheit zu entwickeln – bleiben für das Wachstum unerlässlich. Ebenso wichtig ist die Auswahl von Mentoren und Freunden. Sie werden ein Teil von uns, daher müssen wir lernen, sie mit Bedacht zu wählen.
Poupipouw, CC0, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”605″>

Ritterliche Frömmigkeit

Was heute manche als „toxische Männlichkeit“ bezeichnen, wäre für die rauen Männer von damals ein Witz gewesen. Also für jene, die damals das Handwerk des Rittertums ausübten und die Werkzeuge des Ritters handhabten. Doch es gab auch Entwicklungen, ihr raues Wesen zu beruhigen und die Bedeutung von Ritterlichkeit zu erweitern.
Die katholische Kirche sah die Gewalt von Kriegen und Turnieren oft mit Skepsis – außer bei Kreuzzügen. Sie ermutigte Könige, Adelige und Ritter, Gewalt zu vermeiden. Da, wo das nicht möglich war, solle man aber Gnade gegenüber dem Feind zeigen. Sie sollten auch Frauen, Kinder, Witwen und Schwache beschützen.
Zygmunt Ajdukiewicz, gemeinfrei, via Wikimedia Commons” width=”700″ height=”487″>
Letztlich griffen diese Lehren, wie im Fall des französischen Königs Ludwig IX. (1214–1270). Als Zeitgenosse von William erlangte Ludwig einen hervorragenden Ruf als christlicher Monarch. Er wurde nach seinem Tod sogar heiliggesprochen – und ist heute auch als Saint-Louis bekannt.
Er reformierte die Regierung und die Gerichte seines Landes, gründete Krankenhäuser, speiste die Hungernden und besuchte die Kranken. Und er folgte sogar dem Beispiel des heiligen Franziskus, indem er Aussätzige pflegte.

Die übernommene Pilgerreise

Die Lehren der Kirche prägten Wilhelm und zahllose andere Ritter. Im Jahr 1183 beispielsweise erkrankte der junge König Heinrich, dem Wilhelm widerwillig als Berater diente, während er einen Aufstand gegen seinen Vater, Heinrich II., anführte.
Der junge König, der ursprünglich einen Kreuzzug ins Heilige Land geplant hatte und nun tiefe Reue empfand, bat Wilhelm auf dem Sterbebett, an seiner Stelle die Pilgerreise anzutreten. Wenige Monate später machte sich Wilhelm auf diese Reise. In Jerusalem gelobte er den Tempelrittern, dass er auf seinem Sterbebett ihrem Orden beitreten werde – ein Versprechen, das er eingehalten hat.
Der Literaturhistoriker und Kritiker Léon Gautier listete in seinem Werk „La Chevalerie“ von 1883 „zehn Gebote der Ritterschaft“ auf, von denen zwei lauteten, an die Lehren der Kirche zu glauben und sie bei Bedarf zu verteidigen. Frömmigkeit wurde ein Teil des Kodex und schliff die rauen Kanten der Krieger zu Ross ab.
Unabhängig von ihrem religiösen Glauben könnten heutige junge Männer viel von der ritterlichen Frömmigkeit von damals lernen, etwa, die geliebten und heiligen Dinge und Prinzipien in ihrem eigenen Leben zu erkennen und zu ehren.

Die feminine Nuance

Im Jahr 1168 war Eleonore von Aquitanien, die Ehefrau des anglo-normannischen Königs Heinrich II., mit ihrem Onkel und ihren Söhnen zu Pferd unterwegs. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt.
Die Gruppe wurde von einem rebellischen Lehnsmann und seinen Männern angegriffen. Eleonores Onkel wurde getötet, aber die Königin konnte entkommen, was auch dem beherzten Kämpfen des noch jungen William Marshal aus ihrer Eskorte zu verdanken war. Er wurde verwundet und gefangen genommen.
Seine Tapferkeit und Selbstaufopferung hatten die Königin aber derart beeindruckt, dass sie das Lösegeld für ihn bezahlte und ihn zwei Jahre lang durch ihren Haushalt finanzierte. Dort diente er in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Tutor in den ritterlichen Künsten für den bereits erwähnten Heinrich.
Dies waren die Glanzjahre, in denen Eleonore und ihre Tochter Marie die sogenannte „höfische Liebe“ (Minne) förderten, was dem ritterlichen Kodex einen weiteren Feinschliff verlieh. Obwohl der „Hof der Liebe“, der Eleonore zugeschrieben wird, wahrscheinlich fiktiv ist, waren diese beiden Frauen maßgeblich daran beteiligt, die Ritterlichkeit so zu gestalten, wie wir sie heute verstehen.
Als Mäzeninnen von Kunst, Dichtung und Musik hießen sie Troubadoure und Dichter willkommen, die ihre Liebesballaden mit Kriegsliedern verbanden und so der Kriegerethik Romantik hinzufügten. Marie beispielsweise unterstützte Chrétien de Troyes, den Verfasser verschiedener Werke, die die Ideen der höfischen Liebe mit den Artussagen verknüpfte.

Die weibliche Note

Da Wilhelm diese Zeit der Frauenverherrlichung, der höfischen Liebe und der guten Sitten miterlebte, konnte er sich der Dichtung und den Balladen über Ritter und Damen kaum entziehen. Ähnlich wie die Kirche milderte die Philosophie der höfischen Liebe – man könnte sie besser als höfische Sitten bezeichnen – das raue Wesen der Ritter, hob den Status der Frauen und gebar die Idee des ritterlichen beziehungsweise gentlemanhaften Verhaltens.
Diese Troubadoure, Dichter und Geschichtenerzähler verbreiteten die ritterlichen Ideale in ganz Europa – Lieder und Geschichten, in denen ein Ritter den von einer höfischen Dame gesetzten Maßstäben gerecht wurde. Wie der anonyme Autor auf der Website „Chivalry“ (Ritterlichkeit) schreibt: „Im Grunde waren Frauen die intellektuellen Hüterinnen der ritterlichen Tugenden und für die Bewahrung und Förderung des ritterlichen Ehrenkodex verantwortlich.“
Zusammenfassend kann gesagt werden: Es waren die Frauen, die die Messlatte für das Verhalten der Männer höher legten.
Hier wächst bei heutigen jungen Männern – und übrigens auch bei den jungen Frauen – die Verwirrung. In einer Zeit wie der unseren, in der viele Männer und Frauen in der Firma gemeinsam arbeiten, in der Unabhängigkeit von beiden großgeschrieben wird und in der die Traditionen der Höflichkeit und des Werbens fast in Vergessenheit geraten sind, mag ein ritterlicher Ehrenkodex der Romantik so antiquiert wirken wie Hutnadeln und Gamaschen.

Ideale, die es anzustreben gilt

Vielleicht gibt es jedoch einen Ausweg aus diesem Chaos.
In dem Aufsatz „The Mirror of Honour and Love“ (Spiegel der Ehre und der Liebe) weist Sophie Masson darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen davon profitieren könnten, ritterliche Ideale und Manieren zu verinnerlichen.
Bei der Diskussion der Werke von Christine de Pizan, die hundert Jahre nach William lebte und sich für Frauen einsetzte, stellt Masson fest, dass das von Männern und Frauen praktizierte Rittertum „ein Weg war, das eigene volle Potenzial zu erreichen … aber immer verbunden mit der Präsenz, den Bedürfnissen und dem Wert anderer Menschen“.
„Ritterlichkeit, ob männlich oder weiblich, erkannte an, dass jeder von uns tatsächlich des anderen Hüter ist – aber auch mutig Verantwortung tragen muss für das eigene Handeln. Es ist ein Ideal, das in der Welt, in der wir heute leben, von zunehmender und dringender Relevanz ist“, schreibt Masson.
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Williams letzter Moment war sanft

Was William betrifft, so starb er so tapfer, wie er gelebt hatte. Nachdem er erkrankt war und seine Ärzte ihm gesagt hatten, dass er bald sterben würde, stellte er als Regent von England sicher, den heranwachsenden König Heinrich III. in guten Händen zu hinterlassen. Als seine Kräfte schwanden, verabschiedete er sich von Familie und Freunden, die ihn in seinen Gemächern besuchten.
Elizabeth Chadwick, Autorin einer Bestseller-Reihe von Romanen über William, erzählte die bewegende Szene zwischen William und seiner Frau Isabel de Clare, die in vielerlei Hinsicht den Charakter des Mannes zusammenfasst. Die Szene findet sich erstmals in „L’Histoire de Guillaume le Maréchal“, einer Versbiografie mit 19.000 Zeilen, die kurz nach Williams Tod in Auftrag gegeben wurde.
„Er legte pflichtbewusst den Eid der Templer ab, was bedeutete, dass er die Umarmung einer Frau nicht mehr annehmen durfte. Isabel konnte ihn nicht mehr mit ihrer Berührung trösten. In der ‚Histoire‘ gibt es eine ungemein bewegende Abschiedsszene zwischen Isabel und William, in der er ihr sagt, sie solle ihn ein letztes Mal küssen, da sie es nie wieder tun könne. ‚Der Graf, der großzügig, sanft und gütig zu seiner Frau, der Gräfin, war, sagte zu ihr: ‚Schöne Dame, küsst mich jetzt, denn Ihr werdet es nie wieder tun können.‘ Sie trat vor und küsste ihn, und beide weinten.‘“
Hier war Geoffrey Chaucers „wahrhaft perfekter, sanfter Ritter“.
Ein Mann, der es wert war und ist, nachgeahmt zu werden.
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „Chivalry in an Age of Algorithms“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)