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Nolans Odysseus zweifelt

Christopher Nolans „Die Odyssee“ mit Matt Damon in der Hauptrolle ist zum meistdiskutierten Film des Jahres geworden. Das knapp dreistündige IMAX-Epos dürfte schon bald die Marke von einer Milliarde US-Dollar knacken und damit sogar „The Dark Knight“ (2008) als Nolans erfolgreichsten Film ablösen. Vermutlich ist es die größte Literaturverfilmung seit „Vom Winde verweht“ (1939) – und zugleich so mitreißend, dass selbst diejenigen ihren Spaß daran haben dürften, die mit Literaturunterricht nie sonderlich viel anfangen können.
Doch die Einspielergebnisse erzählen längst nicht die ganze Geschichte. Viel auffälliger ist, wie radikal Nolan den Geist des Gedichts, das er adaptiert hat, auf den Kopf gestellt hat. Wo Homer von einem Helden erzählt, der sich durch Ausdauer, Frömmigkeit, Weisheit und Autorität auszeichnet, kommt Nolans Odysseus eher als Antiheld daher: voller Selbstzweifel, rational und passiv. Obwohl die Verfilmung der Handlung relativ treu bleibt, wurden die Themen komplett umgekehrt.

Christopher Nolans Odysseus (Matt Damon) hat wenig mit dem Odysseus aus dem Originalgedicht gemeinsam.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Standhaftigkeit zur Ernüchterung

Das Originalgedicht, vor rund 2700 Jahren entstanden, spiegelt die Wertvorstellungen seiner Zeit wider. Manche davon unterscheiden sich deutlich von denen unserer heutigen Zeit. Doch Odysseus verkörpert zugleich viele Tugenden, die uns bis heute vertraut sind. Vor allem lässt er sich in seinem Entschluss, nach Hause zurückzukehren, durch nichts beirren.
Als Odysseus und seine Gefährten auf der Insel der Lotophagen (auch Lotosesser) landen, essen einige seiner Männer von einer Pflanze, die sie jede Erinnerung an ihre Heimat verlieren lässt. Odysseus selbst bleibt nüchtern, schleppt sie zurück zu den Schiffen, bindet sie fest und segelt weiter. Später, als er seine gesamte Mannschaft verliert und sieben Jahre lang auf Kalypsos Insel festsitzt, verbringt er seine Tage weinend am Ufer.
Nolans Odysseus hingegen befindet sich von Anfang an in einer völlig anderen Lage. Als wir ihm auf Kalypsos Insel (Ogygia) begegnen, sehnt er sich keineswegs nach seiner Heimat. Im Gegenteil: Er weiß nicht einmal mehr, wo er ist – oder wer er ist. Kalypso hat ihm die Lotusfrucht zu essen gegeben. Desillusioniert von den Schrecken, die er in Troja erlebt hat, und gezeichnet von einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist Odysseus nur allzu froh, sich in der Sucht zu verlieren und sein Trauma zu vergessen.

Von der Gottesfurcht zum Zweifel

Homers Odysseus steht – von Poseidon einmal abgesehen – in der Gunst der Götter, weil er ihnen treu die gebührende Ehre erweist. Gleich zu Beginn des Epos erinnert Athene ihren Vater Zeus empört daran:
„Brachte Odysseus
Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde
Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?“
(Erster Gesang aus „Odyssee“ von Homer)
Zeus würdigt daraufhin die Gottesfurcht des Helden und beschließt, Odysseus nach Hause zu bringen.
In Nolans Verfilmung ist von all dem nichts mehr übrig. Ähnlich wie Wolfgang Petersen in „Troja“ (2004) wählt der Regisseur eine stärker auf den Menschen zentrierte Lesart der Geschichte – Matt Damon verkörpert Odysseus als modernen Rationalisten. Nachdem Troja gefallen ist und Odysseus’ Männer ihre Schiffe besteigen, drängen sie ihn, vor der Abfahrt den Göttern Opfer darzubringen. Doch er winkt ab: Er habe den Göttern bereits genug Ehre erwiesen, weitere Rituale seien nicht nötig.
Die griechischen Götter, die bei Homer eine so zentrale Rolle beim Vorantreiben der Handlung spielen, tauchen im Film nirgends auf. Zwar ist eine Figur zu sehen, die als Athene ausgewiesen ist und von Zendaya gespielt wird, wie sie an Odysseus’ Seite geht und mit ihm spricht; eine entscheidende Rückblende im Film stellt jedoch Athenes Identität in Frage und lässt vermuten, dass sie lediglich eine Halluzination ist, die aus Odysseus’ Schuldgefühlen entsteht.

Odysseus (Matt Damon) mit Athene (Zendaya), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Von Göttinnen zu Opfern

Zu den weniger rühmlichen Zügen von Homers Odysseus gehört seine Untreue. Während die treue Penelope zwei Jahrzehnte lang auf Ithaka auf ihn wartet, lässt Odysseus sich mit Kirke und Kalypso ein. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings sagen: Viel Wahl lassen ihm die betörend schönen Göttinnen nicht. Sie halten ihn in der Pracht ihrer mit Dienern gefüllten Paläste fest.
Nolans Film lässt diese Dimension vollständig verschwinden. Kalypso (Charlize Theron) liebt Odysseus zwar, doch ihre Beziehung bleibt rein emotional. Odysseus ist viel zu sehr mit seiner Drogensucht beschäftigt, als dass Intimität für ihn eine Rolle spielen würde; auch deutet der Film zu keinem Zeitpunkt eine eindeutige Liebesbeziehung an. Das Verhältnis des Protagonisten zu Kirke (Samantha Morton) hingegen ist von offener Feindseligkeit geprägt. Beide Frauen leben in ärmlichen Verhältnissen, in einer einfachen Hütte beziehungsweise in einem Verschlag aus Treibholz, und wirken nicht im Geringsten wie Göttinnen.
Und sie sind nicht die einzigen Frauenfiguren, die Nolan von Verführerinnen zu Opfern umdeutet. Helena von Troja (Lupita Nyong’o) – jene Frau, deren Gesicht sprichwörtlich „tausend Schiffe in See stechen ließ“ – ist entstellt. Ihr Ehemann Menelaos (Jon Bernthal) spottet daraufhin, ihr Gesicht sei inzwischen vielleicht noch „fünfhundert“ wert.
Sinon (Elliot Page), der eigentliche Täuscher hinter dem Trojanischen Pferd – eine Figur, die erst später von Vergil und nicht von Homer eingeführt wurde –, wird bei Nolan selbst zum Getäuschten. Als er die Trojaner dazu bringt, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu ziehen, weiß er nicht, dass sich darin überhaupt Menschen verbergen. Als Sinon Odysseus später in der Unterwelt begegnet, wirft er ihm vor, ein Lügner zu sein. In dieser Version der „Odyssee“ gibt es kaum eine Figur, die sich nicht in irgendeiner Weise als Opfer von Unterdrückung versteht.

Die Geschichte vom Trojanischen Pferd kam in Homers „Odyssee“ zwar nicht vor, aber Christopher Nolan hat sie in seine Neuerzählung aufgenommen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschied von der Führungsrolle

Die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ zu stehen, ist zum Sinnbild für eine ausweglose Entscheidung geworden. Bei Homer zeigt sich Odysseus an dieser Stelle von seiner entschlossensten Seite. Er entscheidet sich dafür, auf Skylla zuzusteuern und einige wenige Männer zu opfern, statt das gesamte Schiff im Strudel der Charybdis aufs Spiel zu setzen.
Nolan kehrt diese Konstellation um. Als das Schiff auf die Meerenge zutreibt, wartet die Mannschaft auf einen Befehl von Odysseus. Doch der bleibt aus. Odysseus verstummt, während das Schiff weiter auf Charybdis zusteuert. Stattdessen übernimmt sein Stellvertreter Eurylochos (Himesh Patel) das Kommando und lenkt die Männer in Richtung Skylla – mit dem Tod von sechs Seeleuten als Folge. Nolans „Held“ trifft die schwere Entscheidung also gar nicht. Ein anderer trifft sie für ihn.
Am deutlichsten treten Nolans Eingriffe im Höhepunkt des Films hervor, beim Massaker an den Freiern. Bei Homer kehrt Odysseus nach Hause zurück, um mit unerbittlicher Härte Recht zu sprechen. Er befiehlt Telemachos, die untreuen Sklavinnen des Palastes hinzurichten. Telemachos geht dabei noch weiter: Statt sie unmittelbar zu töten, lässt er sie langsam erhängen. Es ist eine der verstörendsten Passagen des gesamten Epos.

Telemachus (Tom Holland), in „Die Odyssee“.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

Nolan streicht diese Szene vollständig. Sein Odysseus ist zudem bereit, jene Freier zu verschonen, die sich ihm unterwerfen, statt gegen ihn zu kämpfen. Und am Ende beansprucht er nicht etwa seine Königsherrschaft zurück, sondern verzichtet auf sie. Er überlässt Telemachos den Thron und segelt mit Penelope nach Westen, unbekannten Ländern entgegen – mit der Klage, „die Bronzezeit bricht zusammen“. Diese Formulierung ist ein Anachronismus: Niemand zu Odysseus’ Zeiten hätte von der eigenen Epoche als „Bronzezeit“ gesprochen.
Dieses Ende greift eine spätere Erweiterung des Odysseus-Mythos auf. Der italienische Dichter Dante Alighieri prägte die berühmte Vorstellung von einer letzten Reise des Odysseus, auf der dieser die Säulen des Herakles passierte und über die Grenzen der bekannten Welt hinausfuhr – eine Tradition, an die Alfred Lord Tennyson in seinem berühmten Gedicht „Ulysses“ anknüpfte. Dort beklagt Tennysons Held zunächst, dass „wir auch die Kraft nicht mehr [sind], die Erd’ und Himmel / vordem bewegte“, bevor das Gedicht in einer trotzig-grandiosen Geste endet:
„Was wir sind, das sind wir! Ein einz’ger Wille heldenhafter Herzen, durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!“
Doch auch wenn das äußere Geschehen mehr oder weniger dasselbe bleibt, strebt Nolans Antiheld nie nach einer solchen Größe. Seine Reise endet nicht im Triumph, sondern im Verzicht – verbunden nur mit der leisen Hoffnung, dass „die Zivilisation eines Tages wieder auferstehen wird“.

Eine andere Art von Held

Die meisten Kommentare zu dem Film kreisen bislang darum, wie weit sich dieser filmische Odysseus von seinem homerischen Vorbild entfernt. Doch für genau diese Art von Protagonisten gibt es ein anderes literarisches Vorbild – und das findet sich nicht bei dem blinden Sänger Homer.
In der „Argonautika“, dem Epos des Apollonios von Rhodos über Jason und die Argonauten aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., unterscheidet sich Jason deutlich von den Helden Odysseus und Achill. Er ist unentschlossen, neigt zur Verzweiflung und wirkt alles andere als heldenhaft. Verglichen mit dem unbesiegbaren Herakles, der ebenfalls an Bord der Argo ist, besitzt Jason keinerlei herausragende Eigenschaften. Tatsächlich bestimmt die Mannschaft zunächst Herakles zu ihrem Anführer. Der lehnt jedoch ab und schlägt stattdessen Jason vor. Apollonios geht sogar so weit, seinen Protagonisten als „amēchanos“ zu bezeichnen – ein Wort, das sich ungefähr mit „hilflos“, „ratlos“ oder „ohne Ausweg“ wiedergeben lässt. Das steht in bewusstem Gegensatz zu Homers Bezeichnung des Odysseus als „polytropos“: „vielgewandt“, „listenreich“ oder besonders einfallsreich und findig.
Jason steht dem modernen Antihelden damit deutlich näher als den epischen Helden, die ihm vorausgingen. Bemerkenswert ist dabei, dass die eigentliche treibende Kraft der Handlung in der „Argonautika“ gar nicht Jason ist – und auch keiner der anderen Helden an Bord der Argo –, sondern eine Frau. Medeas Zauberkünste versetzen den niemals schlafenden Drachen in einen tiefen Schlummer, und dank ihrer List gelingt es Jason, das Goldene Vlies zu rauben und auch die übrigen Prüfungen zu bestehen, die ihm auferlegt werden.
Diese Umkehrung war kein Zufall. Apollonios schrieb rund fünf Jahrhunderte nach Homer – in einer grundlegend anderen Gesellschaft. Das von den Ptolemäern beherrschte Alexandria war Teil eines multikulturellen Reiches, das aus den Eroberungen Alexanders des Großen hervorgegangen war. Im politischen System des Hellenismus beruhte Führung stärker auf Zustimmung, Aushandlung und Anerkennung – und Jasons Charakter spiegelt genau diese Welt wider.
Vor diesem Hintergrund steht Nolans „Odyssee“ dem Epos des Apollonios von Rhodos weit näher als Homers „Odyssee“. Die Frauenfiguren des Films erweisen sich durchweg als fähiger und einflussreicher als die meisten Männer in ihrem Umfeld – selbst wenn der Film sie vordergründig als Arme oder Gefangene darstellt.

In Nolans „Die Odyssee“ spielen Frauen eine größere Rolle als in seiner anderen Filmen.

Foto: © Universal Studios. All Rights Reserved.

So wie Apollonios den epischen Helden für die politischen Verhältnisse seiner eigenen Zeit neu schrieb, tut Nolan dasselbe für die unsere Zeit. Doch ist das wirklich der „Held“, den wir heute brauchen? An Geschichten über schwache, von Selbstzweifeln geplagte Männer, die das Opfersein verklären, herrscht jedenfalls kein Mangel. Nolans Version ist nur ein weiteres Spiegelbild dessen, wohin sich unsere Kultur entwickelt hat. Man könnte sogar sagen: Mit Nolans demonstrativem Zaudern sinken wir noch ein wenig schneller.
Wie auch immer man zu diesen Änderungen stehen mag – Nolan ist etwas Ungewöhnliches, wenn nicht gar Beispielloses gelungen: Er hat das Publikum dazu gebracht, sich wieder mit einem Klassiker auseinanderzusetzen, und sei es auch nur für einen Sommer.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Antihero’s Odyssey: How Christopher Nolan Rewrote Homer for a Skeptical Age“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)