Chinas Präsident Xi Jinping am 30. September 2025 auf dem Tiananmen-Platz in Peking während einer Kranzniederlegung zu Ehren verstorbener Nationalhelden am Tag der Märtyrer. Vor ihm ein Relief am Denkmal für die Volkshelden. - Foto: Greg Baker/AFP via Getty Images
In Kürze:
Es wird vermutet, dass Xi Jinping mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.
Laut Experten wird Xi wahrscheinlich auch handlungsunfähig an der Macht festhalten – bis zu seinem letzten Atemzug.
Da es keinen legitimen Nachfolger gibt, dürfte sein Ausfall einen heftigen Machtkampf auslösen, der das Regime lähmen oder sogar zu Fall bringen könnte.
Über die Gesundheit von Xi Jinping wird viel spekuliert. Sollte er handlungsunfähig werden oder gar sterben, würde dies die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) wahrscheinlich in einen Machtkampf stürzen. Das Regime wäre gelähmt oder könnte sogar zusammenbrechen, sagen Analysten.
Gerüchte über gesundheitliche Probleme verfolgen Xi bereits seit 2019. Während seiner jüngsten Reisen in die USA und nach Indien rückten sie wieder in den Vordergrund – weil er anscheinend Schwierigkeiten beim Gehen hatte.
Das „Wall Street Journal“ berichtete unter Berufung auf ungenannte Quellen, Xis Mitarbeiter hätten seinen Terminplan danach ausgerichtet, wie weit er gehen und wie lange er stehen könne. Bestätigt sind diese Angaben nicht.
Die Gesundheit eines Menschen ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Doch beim Führer eines äußerst verschlossenen Regimes könnte sie weitreichende geopolitische Folgen haben, sagten mehrere Analysten der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.
„Sollte er sterben oder handlungsunfähig werden, hätte das Regime vermutlich keine klare Führungsinstanz mehr“, sagte Bradley Thayer. Der Forscher bei der American Freedom Alliance ist auch Autor des Buches „America’s 100 Years’ War: How to Win Against Communism“ (auf Deutsch etwa: Amerikas Hundertjähriger Krieg: Wie man den Kommunismus besiegt).
„Das kann in kommunistischen Regimes eine besonders gefährliche Zeit sein, da möglicherweise konkurrierende Fraktionen um die Kontrolle kämpfen.“
Da Xis Gesundheitszustand als Staatsgeheimnis behandelt wird, seien Spekulationen unvermeidlich und bis zu einem gewissen Grad auch gerechtfertigt – zumindest soweit dies notwendig ist, um sich auf die wahrscheinlichsten Szenarien vorzubereiten, so die Experten. Die meisten von ihnen sind sich einig, dass Xis jüngste Auftritte auf gesundheitliche Probleme hindeuten.
„Xi Jinping hat zunehmend Schwierigkeiten, die Kontrolle über sein eigenes Bild oder sogar über sein eigenes Tempo während öffentlicher Auftritte zu behalten. Und das, selbst wenn diese Auftritte kurz sind oder auf der internationalen Bühne stattfinden.“ Das sagte Wang Juntao, ein in den USA ansässiger Politikwissenschaftler und Vorsitzender des National Committee of the Chinese Democracy Party. „Das lässt mich vermuten, dass Xi Jinping mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.“
Chinas Staatschef Xi Jinping am 1. September 2026 in Begleitung seiner Frau Peng Liyuan am internationalen Flughafen von Kairo.
Foto: Mohamed Abd El Ghany/Pool/AFP via Getty Images
Es gab Gerüchte, Xi habe einen Schlaganfall erlitten. Seine Auftritte scheinen jedoch schwere Hirnschäden auszuschließen.
„Er sieht so aus, als könnte er vor ein paar Jahren einen leichten Schlaganfall erlitten haben“, sagte Dong Xiong. Dong ist ein erfahrener China-Kommentator und betreibt den YouTube-Kanal Digging Into China. Er verwies auf Xis steifen Gang und darauf, dass er sich an der Hand seiner Frau Peng Liyuan festhielt.
„In der Vergangenheit begleiteten die Ehepartner chinesischer Führer sie normalerweise nicht auf Reisen in andere Länder. Selbst wenn sie es tun, halten sie normalerweise nicht öffentlich Händchen“, sagte er der Epoch Times. „Natürlich wird die chinesische Staatspropaganda das als Ausdruck von Liebe und Zuneigung darstellen. Aber tatsächlich wissen die Chinesen, dass es nicht so ist.“
„Peng Liyuan fungiert als sein Gehstock.“
Eine mit den internen Angelegenheiten der KPCh vertraute Quelle sagte der Epoch Times, Xi leide an einer neurologischen Erkrankung, die seine Fähigkeit beeinträchtige, sich frei zu bewegen. „Das könnte bedeuten, dass er beispielsweise seinen Hals nicht drehen kann oder nur in einer bestimmten Haltung gehen kann – jede andere Bewegung würde ihm starke Schmerzen bereiten“, so die Quelle. Die Epoch Times konnte diese Angaben nicht unabhängig prüfen.
Laut dem „Wall Street Journal“ war die Berücksichtigung von Xis körperlichen Einschränkungen Teil der Vorbereitungen für seinen USA-Besuch. Das deute darauf hin, dass sein Zustand langfristig sei und nicht leicht geheilt oder auch nur verbessert werden könne, sagten mehrere Experten.
Peng Liyuan, Xi Jinping, Donald Trump und Melania Trump (v. l.) am 25. September 2026 in Washington, D.C.
Foto: Win McNamee/Getty Images
„Wäre sein Zustand nicht ernst, wäre dies wahrscheinlich bekannt geworden, oder er hätte sich einer Behandlung unterzogen und sich erholt“, sagte Shen Ming-shih, Forscher am Institut für Nationale Verteidigungs- und Sicherheitsforschung in Taiwan.
„Ein längerer Genesungsbedarf – oder eine absichtliche, anhaltende Verschleierung – deutet auf eine ernsthaftere Erkrankung hin.“
Zhang Tianliang, Professor am Fei Tian College und Experte für chinesische Geschichte und Politik, wies auf die Absage informeller Treffen zwischen Xi und anderen Staatsführern beim bevorstehenden Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft in Shenzhen, China, hin.
„Die freien Gespräche zwischen diesen Staats- und Regierungschefs sind sehr wichtig, da sie nicht einstudiert sind, alles ist improvisiert, und es können neue Ideen entstehen. Sie können gemeinsam etwas unternehmen, anstatt nur eine Erklärung vorzulesen“, sagte Zhang der Epoch Times.
Es könnte den Anschein haben, dass Xi kontrollieren möchte, welche Themen besprochen werden. Doch Zhang ist der Ansicht, dass Xis Gesundheitszustand durchaus der Grund dafür sein könnte. „Ich denke, dass körperliche Einschränkungen seine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können, also wie viele Stunden er täglich arbeiten kann“, sagte er.
Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass sich Xis Gesundheit verschlechtere, er jedoch seine kognitiven Fähigkeiten behalte, sagten mehrere Fachleute. In diesem Fall werde er wahrscheinlich an der Macht bleiben und sich im kommenden Herbst eine weitere Amtszeit als Führer der KPCh sichern.
Allerdings entstünde eine ganz andere Situation, wenn sich sein Zustand so weit verschlechterte, dass er sich nicht mehr öffentlich zeigen könnte, so die Fachleute.
Wenn Xi handlungsunfähig wird
Wenn Xi ans Bett gefesselt oder zu schwach ist, um seine Räumlichkeiten zu verlassen, wird das Regime wahrscheinlich in einen volatilen Zustand der Unsicherheit geraten. Die Analysten sind sich einig, dass Xi, selbst wenn er handlungsunfähig ist, wahrscheinlich nicht zurücktreten wird.
Shen sagte: „In einem autoritären System ist es äußerst selten, dass ein oberster Führer freiwillig zurücktritt, da dies faktisch bedeuten würde, die politischen Sicherheitsgarantien für sich selbst und seine Familie aufzugeben.“
Es sei wahrscheinlich, dass Xi bis zu seinem letzten Atemzug an der Macht festhalten werde – und es könnte ihm durchaus gelingen.
Chinas Staatschef Xi Jinping (l.) und seine Frau Peng Liyuan am 23. September 2026 bei ihrer Ankunft auf der Joint Base Andrews in Maryland.
Foto: Brendan Smialowski/AFP via Getty Images
„Solange er noch lebt, werden die Leute es nicht wagen, etwas anders zu machen“, sagte Dong. Ebenso wie der KPCh-Führer Mao Zedong in seinem letzten Lebensjahr wäre Xi weiterhin in der Lage, Befehle zu erteilen. Seine Untergebenen würden immer noch Angst vor ihm haben. Sein Hauptproblem wäre, dass er keine genauen Informationen mehr erhalten könnte.
„Wenn man nur ein paar Personen hat, die einem die echten Informationen übermitteln können, ist man tatsächlich sehr eingeschränkt“, sagte Zhang. „Man lebt im Grunde in seiner eigenen Echokammer.“ Genau wie Mao würde Xi wahrscheinlich auf seine Frau und vielleicht einige Assistenten angewiesen sein. Diese Personen würden sofort enormen Einfluss gewinnen.
„Wann immer man auf jemanden angewiesen ist, um Informationen vom Führer weiterzugeben oder Informationen an den Führer zu übermitteln, missbraucht diese Person typischerweise ihre Macht, wie es Maos Frau tat. Daher sollten wir das erwarten“, sagte Thayer.
In diesem Fall könnte Peng eine übergroße Rolle zukommen, was die Spannungen innerhalb der Partei verschärfen könnte – darin waren sich mehrere Experten einig. Peng trägt den Rang eines Generalmajors der Volksbefreiungsarmee. Laut Dong hat sich ihr Englisch deutlich verbessert. Ihr Auftreten während des USA-Besuchs deute darauf hin, dass sie bereits eine zurückhaltende diplomatische Rolle spiele.
Doch obwohl Vetternwirtschaft innerhalb des Regimes weit verbreitet ist, gilt die Regel, dass sie nicht offen praktiziert werden darf. Dong sagte:
„China ist nicht wie Nordkorea. Man kann seine Macht nicht an unmittelbare Familienangehörige weitergeben.“
Dong weiter: „Mao Zedong hat das versucht, und innerhalb eines Monats nach seinem Tod wurde seine Frau verhaftet. Natürlich möchte Xi Jinping Peng Liyuan oder vielleicht seine Tochter fördern. Doch innerhalb der KPCh gibt es enormen Widerstand dagegen.“
Thayer sagte, dass Xi im Gegensatz zu Mao selbst im Bett liegend den Vorteil hätte, Informationen digital zu erhalten. „Ich denke, er könnte in der Lage sein, Informationen, mehr Informationen und zuverlässiger zu erhalten, sogar selbst.“
Allerdings räumte er ein, dass Xi möglicherweise nicht überprüfen könne, ob die Daten, auf die er zugreift, manipuliert wurden.
Wahrscheinlich würde sich Xis Wahrnehmung der Wirklichkeit erheblich verzerren, sagte Zhang. „In diesem Fall trifft man falsche Entscheidungen, und dann hassen einen die Leute noch mehr.“
Das könnte leicht dazu führen, dass Xis Politik noch „drakonischer“ werde, fügte Thayer hinzu. „Er könnte sehr gefährlich und sehr effektiv sein, selbst wenn er handlungsunfähig ist.“
Besonders gefährlich könnte es werden, wenn Xis psychische Gesundheit nachlässt. „Wenn seine körperliche Gesundheit seine geistige Gesundheit beeinträchtigt – was zu neurologischer oder psychologischer Instabilität führen könnte –, könnte dies plötzliche, manische Episoden auslösen“, sagte der Politikwissenschaftler Wang.
„Das würde die geopolitische Umgebung um ihn herum weitaus unberechenbarer machen; er könnte sich auf riskante Wetten einlassen oder solche Handlungen als Ventil für seine aufgestauten Emotionen nutzen.“
Das Szenario nach Xi
Xis Tod würde das Regime sofort ins Wanken bringen. Es gibt niemanden, der problemlos in seine Fußstapfen treten könnte – darin waren sich die meisten Fachleute einig.
„Er hat sehr darauf geachtet, keinen Nachfolger zu benennen, zumindest soweit wir wissen“, sagte Thayer. „Natürlich ist es für ihn sehr wichtig, keinen Nachfolger zu benennen, da dies eine Absicherung gegen eine Koalition ist, die sich um diesen Nachfolger bildet, um ihn zu stürzen.“
Formal obliegt es den verbleibenden Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros, einen neuen Generalsekretär zu wählen. Die Frage ist, ob sich die Mitglieder auf einen Kandidaten einigen können.
„Da niemand ein legitimer Nachfolger ist, wird es einen sehr starken Machtkampf geben. Viele Menschen werden anfangen, um diesen Thron zu kämpfen“, sagte Zhang.
Die Beschäftigung mit internen Machtkämpfen könnte dazu führen, dass der Druck der KPCh auf die Gesellschaft etwas nachlässt. Sollte sich keine Fraktion als eindeutig dominant herauskristallisieren, könnte ein Kompromiss notwendig werden. Auch eine dritte Partei könnte eingreifen, um die Pattsituation aufzubrechen, vermutete er.
„Die dritte Partei könnte ein anderes Land wie die USA sein. Oder auch die allgemeine Öffentlichkeit, wie Arbeiter oder Bauern. In diesem Fall müssen sie die dritte Partei besänftigen“, sagte er.
Hochrangige KPCh-Funktionäre in der Großen Halle des Volkes in Peking. (Archivbild)
Foto: Greg Baker/AFP via Getty Images
Machtvakuum
Xis Talent, seine politischen Gegner zu vernichten, könnte sich als schädlich für das Regime erweisen, meinten mehrere der Analysten.
In der Vergangenheit war es üblich, dass es innerhalb der Partei verschiedene Cliquen und prominente Mitglieder gab, die unter den Kadern ein gewisses Maß an Autorität genossen. Nach mehr als einem Jahrzehnt ununterbrochener Säuberungsaktionen durch Xi ist dies jedoch nicht mehr der Fall.
„Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2012 hat Xi Jinping die Macht in extremem Maße konzentriert“, sagte Shen und wies darauf hin, dass Xi die von Maos Nachfolger Deng Xiaoping etablierten Systeme der „kollektiven Führung“ und der „Nachfolgeplanung“ demontiert habe.
Sowohl die Fraktion der Kommunistischen Jugendliga des früheren KPCh-Führers Hu Jintao als auch die Shanghai-Clique seines Vorgängers Jiang Zemin sind nahezu vollständig ausgeschaltet worden.
„Momentan gibt es in China keine Fraktion, die stark genug ist, um Xi Jinping zu ersetzen und die Macht auf sich zu übertragen“, sagte Dong.
Der letzte hochrangige Funktionär, der über von Xi unabhängige Autorität verfügte, war anscheinend General Zhang Youxia, der ranghöchste Offizier der Volksbefreiungsarmee. Xi hat ihn 2025 entmachtet. Die obersten Ebenen der Partei sind mit Xis Ja-Sagern besetzt, darunter auch der Ständige Ausschuss des Politbüros. „Sie haben sich über Sekretariatsposten hochgearbeitet“, so Dong.
„Sie sind nicht wie Gouverneure. Sie haben keine Erfahrung in der Regierungsführung. Sie sind im Grunde seine persönlichen Assistenten. Sie haben keinen Hintergrund. Sie haben keine Machtbasis. Sie haben keine unabhängigen Gedanken.“
Im Falle von Xis Tod wäre ihre Haltung eher passiv, vermutete er. „Die meisten von ihnen werden sich dafür entscheiden, nichts zu tun. Denn wenn sie nichts tun, behalten sie immer noch ihre bestehenden Privilegien, ihren persönlichen Reichtum und ihre Position in der Partei“, sagte er. „Sie haben bereits viel. Wenn sie mehr bekommen, wird es nur ein wenig mehr sein als das, was sie haben, doch das Risiko ist enorm. Wer scheitert, verliert alles.“
Die stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission, General Zhang Youxia (l.) und General He Weidong (r.), bei einer Plenarsitzung des Nationalen Volkskongresses in Peking am 12. März 2023. (Archivbild)
Foto: Lintao Zhang/Getty Images
Natürlich gibt es neben Xi noch andere Personen mit beträchtlicher Macht – vor allem seine wichtigsten Vollstrecker in der Polizei, den Sicherheitsbehörden und den Disziplinarorganen der Partei. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie erfolgreich den höchsten Posten übernehmen. Im Gegenteil, sie könnten die Ersten sein, die fallen.
„Die Person, die die meisten Geheimnisse hat, wird zum Ziel, und alle anderen werden sich zusammenschließen, um dieses Risiko zu beseitigen“, sagte Dong und verwies auf das schreckliche Ende der Geheimpolizeichefs in der Sowjetunion. Selbst während Xis recht geordneter Machtübernahme gehörte Zhou Yongkang, der damalige Chef des Sicherheitsapparats der KPCh, zu den Ersten, die Xi ins Gefängnis schickte.
Nach Ansicht von Shen könnte die KPCh nach außen hin eine von zwei Positionen einnehmen. „Eine Möglichkeit wäre die Einnahme einer selbstbewussteren oder aggressiveren Haltung nach außen – wie beispielsweise die Eskalation der Spannungen in der Taiwanstraße –, um von internen Konflikten abzulenken“, sagte er.
„Alternativ könnte sich die Führung für einen strategischen Rückzug entscheiden, bei dem diplomatische Reibereien vermieden werden, während man sich auf dringende innenpolitische Krisen konzentriert.“
Bei einem Machtvakuum an der Spitze könnte China in einen politischen Schwebezustand geraten.
„In China ist Geld heute das wichtigste Thema. China geht das Geld aus. Der Zentralregierung geht das Geld aus. Geldquellen sind nur noch einige wenige Provinzen entlang der Küste“, sagte Dong.
Die Zentralregierung spiele weitgehend die Rolle eines Umverteilers: Sie nehme den reichen Provinzen Geld ab und nutze es, um sich die Loyalität der ärmeren Provinzen und vor allem des Militärs zu sichern. Sollte die Zentralregierung durch Passivität oder interne Machtkämpfe gelähmt werden, könnten die reichen Provinzen zu einer Form des passiven Widerstands greifen.
„Sie werden alles tun, was in ihrer Macht steht, um ihre Zahlungen an die Zentralregierung zu verzögern“, sagte Dong. „Sie werden nicht einfach die Fahne hissen und sagen: ‚Okay, ich will unabhängig sein. Ich werde rebellisch sein.‘ Das wird nicht passieren. Aber sie werden dafür sorgen, dass sie jeden möglichen bürokratischen Hebel nutzen, um die Zahlungen an die Zentralregierung zu verzögern.“ Das würde die Macht der Zentralregierung erheblich untergraben.
Karte der chinesischen Provinzen.
Foto: Rainer Lesniewski/iStock
Zudem ist es unwahrscheinlich, dass das Militär tatenlos zusehen und auf seinen Sold warten würde. Die Armee hätte laut Dong zwei mögliche Handlungsoptionen: Sie könnte das Kriegsrecht ausrufen und selbst Steuern erheben. Oder sie könnte sich mit dem Zentralkomitee zusammenschließen, um einen Kandidaten zu unterstützen, der verspricht, die Soldzahlungen sicherzustellen.
Dong erklärte weiter: „Dieser Führer wird nicht der Klügste sein. Er wird nicht der Kompetenteste sein. Er wird nicht der Mächtigste sein. Aber er wird der Gehorsamste sein. Im Grunde wollen sie eine Marionette.“
Thayer gab jedoch zu bedenken: Selbst eine Wahl, die zunächst schwach erscheint, könne sich schnell als das Gegenteil herausstellen. „Sobald diese Leute die Macht erobert haben, können sie ganz andere Führer sein, sie können weitaus rücksichtsloser sein, denn sie sind allesamt Schläger.“
Das Beispiel von Xi selbst ist bezeichnend. Er wurde vor 2012 als nächster Führer der KPCh ausgewählt, weil er inkompetent und leicht zu kontrollieren schien – darin sind sich mehrere Experten einig. Dennoch gelang es ihm, jegliche Opposition gegen seine absolute Herrschaft auszuschalten. Unter ihm wurden Millionen Funktionäre bestraft oder aus ihren Ämtern entfernt – bis hin zu Mitgliedern des Politbüros.
Das Land nach der Kommunistischen Partei Chinas
Chinas Problem ist das politische System der Kommunistischen Partei selbst. Es fehlt nicht nur ein Mechanismus, um den Aufstieg eines unberechenbaren, absoluten Herrschers zu verhindern – das System fördert ihn sogar. „Das politische System selbst ist eher diktatorisch ausgerichtet“, sagte Zhang.
„Im Grunde muss jeder auf das Zentralkomitee hören. Das Zentralkomitee muss auf das Politbüro hören. Das Politbüro muss auf das Ständige Komitee hören, und das Ständige Komitee muss auf Xi Jinping hören.“
Das könnte das Ende des Regimes einleiten. Ein schwacher Führer – vielleicht sogar einer, der noch inkompetenter wäre als Xi – könnte das Regime laut mehreren Experten in den Zusammenbruch treiben.
„Wenn die Herrschaft Xi Jinpings zusammenbräche, gäbe es möglicherweise niemanden mehr, der die Kontrolle behält. Das würde eine echte Chance für einen tiefgreifenden Wandel in China darstellen – einen, bei dem die Kommunistische Partei die Macht verlieren und der Weg zur Demokratisierung frei werden könnte“, sagte Wang.
Dazu wäre allerdings vermutlich eine perfekte Konstellation notwendig: ein Machtvakuum und Machtkämpfe an der Spitze, passiver Widerstand unter lokalen Beamten und der Ausbruch von Unzufriedenheit in der Bevölkerung.
„Wenn gleichzeitig die Wirtschaftskrise ungelöst bleibt, könnte dies lokale soziale Unruhen auslösen. Das könnte möglicherweise zum Zusammenbruch der Kommunistischen Partei Chinas führen“, sagte Shen.
Realistisch betrachtet würden die Chinesen wahrscheinlich Ordnung, selbst eine diktatorische, dem Chaos vorziehen, so Dong. Ein Diktator müsse jedoch nicht unbedingt kommunistisch sein. Im Volk herrsche großer Unmut gegenüber Xi und der Partei insgesamt, sagten mehrere Experten.